V.

Eine Viertelstunde später fuhr Bertram auf breitem Wege zwischen

Baumgruppen, Wiesen und Gebüschen dem Schlosse Obositz zu. Unter den

grünumrankten Säulen des Altans erwartete Weißenberg, umringt von seiner

ganzen Familie, den werthen Gast. Der Hintergrund wurde von der

Dienerschaft ausgefüllt. Sonntäglich angethan, in schneeiger Weste

schwenkte der Freund das Taschentuch und schrie aus Leibeskräften:

»Willkommen!« In der ganzen Gruppe entstand eine freudige Bewegung, und in

den Zuruf des Hausherrn mischten sich einzelne Vivats.

Es schien Bertram unmöglich, daß dieser feierliche Empfang ihm gelte; er

wendete sich, um zu sehen, ob nicht hinter ihm der Statthalter einherfahre,

oder der Bischof. Aber er erblickte nur ein Staubwölkchen, das die Räder

des Wagens aufgewirbelt hatten. Ach, und rings dufteten die Wiesen, und im

Zweige eines breitblätterigen Lindenbaumes wurde eine Vogelsoirée mit

Gesang und Wettflügen abgehalten.

Die Pferde waren in vollem Lauf, und ihr Lenker trieb sie noch an. Vom

Wunsche beseelt, sich auszuzeichnen, wollte er vor dem Altan plötzlich

pariren. Das Kunststück mißlang, die Equipage schoß wie der Blitz an den

Herrschaften vorbei und dem Stalle zu.

»Holla, halt!« rief der Baron, riefen die männlichen Diener und rannten

nach, und sämmtliche Schloßhunde setzten sich mit wüthendem Gebell an die

Spitze des Zuges. Nach wenigen Augenblicken riß der Kutscher sein Gespann

zusammen, aber Bertram hatte Zeit genug gehabt, um voll Erbitterung vor

sich hin zu knirschen: »Bravo! wir liegen schon. Wenn das nicht scheitern

heißt im Hafen!«

Der Wagen hielt, und in der nächsten Minute reichte Weißenberg dem Freunde

die Hand. Sie hatte Schwielen. »Bist einmal da, endlich!«

»Endlich!« wiederholte Bertram, stieg aus und trat dem Schoßhündchen der

Frau Baronin, das ihn umwedelte, auf die Pfote. Es entfloh heulend und er

rief: »Himmel, wieviel Unglück habe ich heute mit Hausthieren!«

Die stattliche und gütige Wirthin war herbeigeeilt: »Es thut nichts, gar

nichts, trösten Sie sich,« sprach sie huldvoll, »Paffi ist selbst schuld,

warum drängt sie sich so heran? Freilich hat sie eine Entschuldigung; die

Getreue machte sich zum Dolmetsch unserer Gefühle.«

Das Gesicht Weißenbergs leuchtete vor freudigem Stolze, während seine

Gemahlin diese vortreffliche Ansprache hielt, und er massirte -- bei ihm

ein Zeichen hoher Erregung -- sein rundes, ausrasirtes Kinn kräftig mit dem

ringförmig zusammengebogenen Daumen und Zeigefinger seiner Rechten.

Bertram verbeugte sich, küßte der Baronin die Hand und erhaschte einen

Blick aus ihren noch immer schönen Augen -- er traute den eignen nicht --

wahrlich einen zärtlichen Blick. Man trat unter das Portal; alte

Bekanntschaften wurden aufgefrischt, neue gemacht.

Sieglinde, die Tochter des Hauses, vor vier Jahren ein schmales

Backfischchen, prangte jetzt in vorzeitig strotzender Fülle. Sie litt zum

Erbarmen unter den Ausbrüchen der Verwunderung, die sie durch ihre

bavarienhafte Erscheinung bei aller Welt hervorrief, und kämpfte bis zum

Weinen mit beständigem, unmotivirbarem Erröthen.

Den Gegensatz zur Schwester bildete Hagen. Das »Jungelchen,« wie seine

Mutter ihn nannte, war zwar hoch aufgeschossen, aber mager und fahl; es

hatte ziemlich dünne, blonde Haare und blasse Augen von unbestimmter Farbe,

ein aufgestülptes Näschen und einen großen Mund mit dünnen Lippen. Er wurde

vorgestellt als Lateiner und Grieche:

»Ja, ja, bereits Schüler, beinahe Vorzugsschüler der sechsten Klasse. Und

hier,« die Baronin machte eine so zierliche Handbewegung wie eine

Ballettänzerin, die ein Bouquet überreicht, und deutete auf einen jungen

Mann von breiter Statur, mit röthlichen Haaren und röthlichem Schnurr- und

Backenbarte: »Herr Doktor Meisenmann, der freundliche Gesellschafter und

Professor unseres Sohnes.«

Man begrüßte einander, und Bertram hütete sich wohl zu fragen, wozu der

Gymnasiast, der beinahe Vorzugsschüler war, einen eignen freundlichen

Professor brauche.

Der Zimmerwärter kam herbei: »Bitte um den Kofferschlüssel, daß ich

auspacken kann,« sprach er mit der Ungenirtheit und Wichtigthuerei

verwöhnter alter Diener und nahm das Verlangte in Empfang, indem er dem

Gaste vertraulich zunickte.

Weißenberg belohnte ihn mit einem: »Sehr gut, Vater Simon,« hieß ihn

vorausgehen und nahm den Arm Bertrams. »Wir folgen, komm, ich führe dich.

Nicht depreciren! Nein, sag' ich dir, du findest den Weg nicht, wohnst

nicht in deinem alten Quartier, wohnst im ersten Stock, wir wissen, was wir

dir schuldig sind, Mann des Tages. Appartement mit Badezimmer und

Badewannen, _nen_!« wiederholte er, die letzte Silbe nachdrücklich

betonend.

Die Baronin ließ ein bedeutsames Räuspern vernehmen, und Sieglinde

erröthete.

Der Hausherr fuhr unentwegt fort: »Vorwärts also! Und ihr,« wandte er sich

an die Dienerschaft, »habt ihn gesehen, gebt euch zufrieden und tretet

ab ... Das gilt nicht dir,« rief er einem jungen Mädchen zu, das hinter der

Baronin und ihrer Tochter gestanden hatte wie hinter zwei Ofenschirmen und

sich jetzt den abgehenden Leuten anschließen wollte. Sie blieb stehen, sehr

verwirrt, mit gesenkten Augen, die sie auch nicht erhob, als Weißenberg

sprach: »Gertrud, Herr Vogel, genannt -- na, du weißt schon. Bertram, das

ist Fräulein von Weißenberg, das heißt unsere Nichte Gertrud.«

Er zog den Freund mit fort, sie schritten durch die Halle, über die Treppe.

»Beeile dich mit der Wascherei,« empfahl der Baron. »Wir essen gewöhnlich

um zwei Uhr, haben aber heute dir zu Ehren die Speisestunde verschoben. In

zwanzig Minuten wird die Tischglocke dich rufen, die Köchin ist schon

fertig.«

»Was sie für Wimpern hat!« sagte Bertram plötzlich, wie aus Träumen

erwachend.

»Wer?«

»Deine Nichte. Und warum ist sie in Trauer?«

»Weil ihre Mutter vor einem halben Jahre gestorben ist.«

»Eine liebliche Erscheinung, so fein und zart.«

»Zart? Ist dir nur so vorgekommen neben unserem Sieglinderl.«

»Und warum so verlegen, ja sogar bestürzt?«

»Unser Sieglinderl ist immer bestürzt.«

»Nein, die andere mein' ich.«

»So, war die auch bestürzt? Ist sonst nicht ihre Sache. Aber du wirst ihr

imponirt haben. Kein Wunder, die erste lebendige Berühmtheit, die ihr vor

Augen kommt.«

»Eine Berühmtheit wie ich! Da müßte sie bis heute in der Wildniß gelebt

haben.«

»In Wien hat sie gelebt. Freilich seit Jahren wie angeschnallt ans Bett der

kranken Mutter.«

Sie waren sehr langsam, denn Bertram blieb alle Augenblicke stehen, die

sehr hübsche, freitragende Treppe hinaufgegangen. Weißenberg machte seinen

Gast auf die Wände und die hochgewölbte Decke des Treppenhauses aufmerksam:

»Sauber, nicht wahr? Ich habe einen Italiener da gehabt, der die

Stuckaturen aus dem Mörtel herausgearbeitet hat, unter dem sie durch

oftmaliges Übertünchen schon halb verschwunden waren.«

Bertram bewunderte. »Reizend,« rief er begeistert, »das ist Reichthum ohne

Üppigkeit, edle Keuschheit, anmuthige Fülle, Sehnsucht und Fähigkeit sich

aus steifen, veralteten Formen zu befreien, ohne Ausartung ins Maßlose. Ich

sage dir,« brach er plötzlich aus, »deine Nichte ist eine Dame im

österreichischen Barockstil!«

Der Baron legte die Hand auf Bertrams Schulter und sprach warnend: »Du, daß

du dich nicht verliebst! Es wäre die größte Dummheit, du brauchst Geld, der

Ökonom braucht immer Geld, und unsere Nichte -- die reine Kirchenmaus. Da

sind wir,« unterbrach er sich, und sie blieben abermals stehen vor einer

Flügelthür am Ende des bildergeschmückten, teppichbelegten Ganges, den sie

durchschritten hatten. »Ich geh', sonst verplaudern wir uns, und wie

gesagt, die Köchin wartet, um anzurichten, nur aufs Glockenzeichen.

Nochmals willkommen, und laß dir's bei uns wohl sein!«

Er enteilte geschäftig, und Bertram sah ihm nach. War auch nicht mehr der

selbe, der liebe, alte Mensch! Er schien kleiner, sein Hals kürzer

geworden, seine Haltung hatte etwas von der früheren Strammheit verloren.

So kann man denn auch vorzeitig altern auf dem Lande, in dieser

ozonreichen Luft, in herrlichem Frieden, in nervenstärkender Thätigkeit?

Simon hatte die Thür geöffnet, ermahnte den Gast einzutreten und weidete

sich still und stolz an seinem Staunen über die schönen Räume, die ihn

umfingen. Ein Salon in dunkelgrünem Sammet, ein luftiges, behaglich

eingerichtetes Schlafzimmer mit Himmelbett und nebenan eine köstliche

Badestube.

»Bitte, jetzt kommt das Scheenste,« sagte Simon und schwebte auf den Zehen

über die ganze Breite des Schlafzimmers. Dem Himmelbett gegenüber befand

sich der Eingang zu einem vierten von einer schweren Portière verhüllten

Gelaß. Der Diener zog sie zurück, und Bertram blickte in ein großes

Arbeitszimmer, in dem ein kolossaler Schreibtisch stand, und das voll war

von Bücherschränken, und jeder hatte ein anderes böses Gesicht, das ihn

angrinste und triumphirend höhnte: Guck du, wir sind wieder da!

Er prallte zurück: »Vorhang zu! Ich bitte Sie um Gotteswillen, Simon,

befreien Sie mich von diesem Anblick.«

Simon rührte sich nicht. »Der Herr Doktor werden's da so scheen ruhig haben

zur Arbeit, sagt die Frau Baronin. Wir haben die Bicher vom Boden

heruntergeschleppt. Der Schreibtisch, der is aus der Kanzlei.«

Bertram wußte wohl, daß man den Alten nicht beleidigen durfte, weil er

sonst in akute Stummheit verfiel und sich aufs Schmollen verstand, trotz

einer Dame des vorigen und einer Kammerjungfer dieses Jahrhunderts.

»Lassen Sie mit sich reden, Simon,« sprach er, seine Ungeduld mühsam

bemeisternd. »Ich bitte Sie, nennen Sie mich nicht Herr Doktor, ich bin

kein Doktor, ich bin Herr Vogel, ein armer 'Herr', der von früh bis Abends

und manchmal von Abends bis früh dasitzen und reines, weißes Papier in

schwarz beschmiertes verwandeln muß.«

»Muß?« fragte Simon ungläubig.

»Jawohl, um Geld zu verdienen mit meiner Arbeit. Hier aber will ich nicht

arbeiten; ich bin gekommen, mich ausruhen vom Lesen und Schreiben und will,

solang ich hier bin, kein Buch aufschlagen und keine Feder berühren.«

Damit begab er sich in das Waschzimmer, und Simon folgte ihm, um als Lein-

und Handtuchständer zu fungiren. »O Jekerle,« seufzte er betrübt auf, »und

wir haben sich schon alle so gefreit.«

»Worauf?« fragte Bertram ahnungsvoll und tauchte aus dem Riesenlavoir

empor, in dem er seinen Kopf gebadet hatte.

Aber Simon war ganz Sphinx. »Werden schon hören, bitte,« erwiderte er.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 38 / 68 题