Auch der Graf war aufgestanden, er drückte Bertram auf seinen Sitz zurück
und redete ihm zu, sich zu beruhigen. »Sie sind mein Gast im Coupé, Sie
fahren mit der Taubenkarte, und Ihren Koffer müssen wir halt schauen ohne
Gepäckschein herauszukriegen. Nach Hullein ist er aufgegeben, da steigen
wir ohnehin zusammen aus.«
Er besprach sich halblaut mit dem Kondukteur, Bertram verstand nur einzelne
Worte, es sauste ihm so furchtbar in den Ohren. Aber jetzt erhob sich die
Stimme der jungen Frau, die auf eine nur geflüsterte Bemerkung des
Schaffners laut erwiderte:
»Es war der große Michel, und der Koffer war neu und aus gelbem Leder, ich
habe ihn gesehen und erkenne ihn gleich wieder.«
Dann schienen der Graf und der Schaffner einen Händedruck zu tauschen, und
der Schaffner wurde ein Lauzun an Höflichkeit, gab die tröstlichsten
Versicherungen und entfernte sich, alle, auch Bertram grüßend.
Der lebte auf, aber noch recht dürftig, war ganz Weichheit und Wehmuth und
so voll Dankbarkeit gegen seine Wohlthäter wie ein glücklich Operirter
gegen seine Ärzte.
Nach Journalistenbrauch dachte er im allgemeinen ziemlich gering von den
Aristokraten, und staunte, daß gerade zwei Angehörige dieser Menschenklasse
sich frei von der rohen und egoistischen Rücksichtslosigkeit zeigten, die
fast jeden ergreift, sobald er einen Bahnhof betritt: »Ja, ja,« sagte er
plötzlich laut, »willst du deinen Nächsten kennen lernen? Sieh dir ihn an
im Gedränge und im Eisenbahnwaggon!«
Vogel wurde allmählich wieder beredtsam, seine Reisegefährten verstanden
gar diskret und mit achtungsvoller Theilnahme zuzuhören, und so hatte er,
er wußte selbst nicht, wie's geschah, den fremden Leuten, bevor man
Lundenburg noch erreichte, wo die große Kofferagnoscirung ins Werk gesetzt
werden sollte -- seine Lebensgeschichte erzählt.
Er war der Sohn eines seltsamen Ehepaares, nicht seltsam als einzelne für
sich, seltsam als Paar, als glückliches, liebendes Paar. Der Vater, Sohn
und Enkel von Forstleuten, ein Jäger durch und durch -- alle Jäger sind
gute Menschen, sagt Turgeniew -- von klassischer Bildung nicht angeleckt.
Aber auch kein Feind von Büchern, keineswegs; er las sie nur nicht. Wo
hätte er die Zeit hergenommen Allotria zu treiben, er ein Oberförster,
verantwortlich für das Thun und Lassen eines großen Personals und für jedes
Stück Wild und für jeden Baum in einem Komplex von zweitausend Joch Wald!
Er hatte immer zu thun, zu thun, was er gern that, höchste irdische
Seligkeit! So mühe- und oft gefahrvoll sein Tagewerk gewesen sein mochte,
er kam am Abend zufrieden heim, küßte seine Frau und seinen Jungen, hing
sein Jagdzeug an den Rechen, versorgte seine Hunde und setzte sich zu Tisch
mit gehörigem Waidmannshunger und -durst. Wenn die gestillt waren, zündete
er seine Pfeife an, und nun kam das Plauderstündchen. Meistens sprach der
Vater allein, und sein Junge hörte ihm mit begeisterter Aufmerksamkeit zu,
weil sich's um Kulturen handelte, um den Holzschlag, um Hunde, um Wild und
Wilddiebe. Und auch die Frau hörte ihn immer gern erzählen, nicht weil ihr
Interesse an den Dingen, von denen er sprach, groß war, sondern weil sie
ihn liebte, ihren braven alten Mann. Innigst liebte, trotz der großen
Verschiedenheit ihres Alters und ihres geistigen Horizonts. Sie war die
Tochter eines Professors an der Wiener Universität, und die Umstände, unter
denen das hochgebildete schöne Gelehrtenkind den einfachen Jägersmann vom
Lande kennen lernte und sich in ihn verliebte, würden den Stoff zu einem
wunderlieblichen Novellchen bieten. Nur schade, das Publikum, dem dieses
Novellchen gefallen würde, liegt mit unseren Großmüttern begraben.
»Kennen Sie,« fragte Bertram, »das liebenswürdige Buch: Als der Großvater
die Großmutter nahm? Da hinein würde das Novellchen gehören. Immer begiebt
sich dasselbe, das Thun der Menschen bleibt sich beständig gleich, aber was
die anderen von diesem Thun wissen wollen, darüber entscheidet die Mode.
Alle großen Strömungen in der Weltgeschichte, alle Richtungen in der
Wissenschaft, in der Kunst -- Sache der Mode, nichts weiter.«
Das Ehepaar wollte Einspruch gegen diese Behauptung erheben, Bertram
schnitt jede Kontroverse mit dem Ausruf ab:
»Ich habe eine glückliche Kindheit gehabt! Die beste Lehrerin, die ich
hätte finden können, war auch die einzige, von der ich Unterricht erhielt:
meine Mutter. Nun aber das Unglück: ich hatte ein merkwürdig gutes
Gedächtniß; es machte mir das Studiren zu leicht und deshalb bis zu einem
gewissen Grade unfruchtbar. Das Wissen 'flog mir am Kopfe vorbei,' um
einmal wieder zu citiren und zwar Lichtenberg. Nur Freude war für mich, was
man Arbeit nannte, und Hochgenuß die Erholung -- das Wandern durch den Wald
mit meinem Vater. Es hat eine Zeit gegeben, in der ich jeden Baum, jeden
Strauch, jede Blume kannte, 'von Namen und von Angesicht,' und den Gesang
jedes unserer Waldvögel nachmachen konnte, daß man ihn selbst zu hören
glaubte. Ja, die Kindheit war schön. Und das alles auf einmal wie
abgeschnitten. Mein Vater wurde eines Tages nach Hause gebracht -- todt.
Bauern, die an der Waldgrenze jagten, hatten ihn erschossen. Absicht?
Zufall? es ist nie herausgekommen. Von den Geschworenen sind die Thäter
freigesprochen worden. Das begab sich kurz bevor das große, wie man einst
sagte: herrschaftliche Gut, auf dem mein Vater und seine Vorfahren durch
Generationen das Oberförsteramt versahen, unter den Hammer kam. Ein junges,
nichtsnutziges Früchtlein von einem Majoratsherrn hatte das väterliche
Erbe, wenige Jahre, nachdem er es antrat, verspielt, verlumpt.
Meine Mutter wurde abgefertigt mit einer kleinen Summe, die ich aber für
einen unerschöpflichen Reichtum hielt. Wir zogen fort aus dem Haus im
Walde, nach einem Provinzstädtchen, wo ein Bruder meiner Mutter an der
Spitze des Gymnasiums und einer zahlreichen Familie stand. Lauter Buben,
und alle studirten, und nun war's selbstverständlich, daß auch ich
studirte. Ich that's ungern, weiß Gott, aber nicht schlecht, dank meinem
lächerlichen Gedächtniß. Als Vorzugsschüler zog ich durch die Klassen. Von
Zeit zu Zeit bäumte es sich in mir auf: 'Mutter, ich will nicht Philologe
werden und Bibliothekenstaub schlucken. Ich will ein Förster werden und
leben im thauigen Wald, Bäume pflanzen, Wild hegen.' -- 'Alles schön,'
sagte sie, 'aber klassische Bildung ist doch das Höchste. Lerne wenigstens
den Schatz kennen, den die Menschheit an den Klassikern besitzt, lerne ihre
erhebende, veredelnde Macht empfinden.'
Sie selbst war eine tüchtige Lateinerin, und wenn wir an Winterabenden
beisammen saßen, las sie mir vor aus ihren geliebtesten Autoren, und dabei
bebte leises Entzücken in ihrem Tone, und ihr feines weißes Gesicht
verklärte sich. Ich wieder deklamirte deutsche Gedichte, ich war zu
fünfzehn Jahren eine wandelnde Anthologie. Mein kleinwinziges,
musikalisches Talent half das Unheil vollenden. Aus den vielen Versen und
dem bißchen Musik entstand ein Summen, das herauskommen mußte und herauskam
in einer Form, die blinde Mutterliebe und meine unerfahrene Jugend für
Poesie hielten. Es regnete nicht, es schüttete Gedichte. Die Pseudomuse
kargte nicht. Sie spendete ihr Reimgeklingel bei jedem Anlaß, bei
Geburtstagen der Professoren, beim Schluß des Studienjahres, bei
Fahnenweihen &c. Viele dieser Dithyramben erschienen im Wochenblatt, und
wenn meine Mutter mich »gedruckt« sehen konnte, war sie glücklich.
In vorgerückten Jahren begann sie auf einmal gesellig zu werden. Sie ging
regelmäßig bei jedem Wetter und an jedem Wochentage zu Bekannten, wie sie
sagte, und kam manchmal je nach der Jahreszeit, erhitzt, regentriefend oder
durchfroren heim. Und zu meiner Betrübniß zog sie immer dieselben Kleider
an, und die wurden nur noch mit viel Kunst und Mühe in leidlichem Stand
erhalten. Ich sah meine Mutter aber auch elegante Toilettenstücke
anfertigen, die sie niemals trug. Sie liebte es nicht, bei solchen Arbeiten
von mir überrascht zu werden, verbarg sie gleich im Schranke, wenn ich
eintrat. Trotzdem kam es mir einmal vor, als feiere ich ein Wiedersehen
beim Anblick einer Sammetmantille auf dem Rücken der Bürgermeisterin.
'Mutter', sagt' ich, 'die Bürgermeisterin hat deine Sammetmantille.'
'Wieso? ich werde doch keine Sammetmantille haben.' 'Aber gemacht hast du
sie, ja, ja, ganz gewiß, und verschenkt, oder -- Mutter!' Ihre Verlegenheit
erweckte einen beschämenden Verdacht in mir, und er hatte ein Gefolge von
peinlichen Gedanken.
Meine Mutter verheimlichte mir allerlei. Es kamen manchmal Briefe mit
kleinen Geldbeträgen von räthselhafter Provenienz ins Haus. Meine Mutter
arbeitete doch nicht um Geld? Wir waren ja wohlhabend. Und wenn der
Hausherr neulich den überhöflichen Bückling, den meine Mutter ihm machte,
nur mit einem Kopfnicken erwidert hatte, so hieß das eben: Ich bin ein
Flegel, und nicht: Sie sind im Rückstand mit dem Miethzins. Von Geldnoth
konnte bei uns keine Rede sein. In der Schule galt ich für reich. Hatte ich
nicht alles, was ich brauchte, waren meine Kleider nicht immer in bestem
Stand? Fand ich nicht immer beim Heimkehren einen für mich gut besetzten
Tisch? Alle diese Fragen konnte ich bejahen und wurde doch den Zweifel
nicht los, der mich überkommen hatte und sprach: 'Wenn die Renten nicht
ausreichen, um den Miethzins zu bezahlen, so nimm doch einmal vom Kapital.'
Sie erwiderte mühsam und mit leiser Stimme: 'Unser Kapital hat einst aus
dreitausend Gulden bestanden. Die Renten reichten nicht aus, um uns leben
zu machen, ich habe Jahr für Jahr das Kapital angreifen müssen. Da hat es
sich denn sehr verringert, das heißt, nein,' sprach sie und öffnete mir die
Arme und zog meinen Kopf an ihre Brust, 'es hat sich verwandelt, aus sehr
Schätzbarem in Unschätzbares. Unser Kapital, das bist jetzt du, das ist
deine kräftige Gesundheit, deine rothen Wangen sind's, deine guten Augen.'
Ich war sehr enttäuscht und sagte: 'Außerdem haben wir aber doch noch
etwas?' Sie lächelte: 'Etwas weniges -- mich und meine Arbeitskraft.'
Einige Tage danach erkrankte sie schwer und verlor das Bewußtsein. Und
während sie dalag in Fieberträumen mit geschlossenen Augen, gingen mir die
Augen auf. Der Arzt hatte Eisumschläge verordnet, ich mußte die Tücher dazu
aus ihrem Schranke, einem Häng- und Legeschrank, nehmen, den sie -- gar oft
hatte ich sie damit geneckt! -- immer vor mir versperrt hielt. Wie ein Dieb
kam ich mir vor, als ich den Schlüssel aus der Lade ihres Tisches nahm und
den Schrank öffnete.
Auf den ersten Blick errieth ich das Geheimniß, das sie darin vor mir
verbarg, das Geheimniß ihrer tiefen Armuth. Da hingen ein paar Gewänder,
der Rest ihrer einst wohlbestellten Garderobe, und gewannen eine Sprache,
in der sie sagten: Sieh uns an, wir sind in Wirklichkeit anders, als wir
uns ausnehmen, wenn uns die Herrin trägt; ganz ausgedient und lebensmüde,
kein guter Faden ist mehr an uns. Blüthenweiß und fein geplättet war auf
den Legebrettern, um sie nur halbwegs zu bedecken, die Wäsche Stück für
Stück nebeneinander gebreitet. Alles geflickt und wieder geflickt mit
beispielloser Sorgfalt. Ich hatte meiner Mutter oft einen Vorwurf gemacht
aus diesem Sparsamkeitsfleiße. Aber da sagte sie: 'Nähen kann bald eine,
zum Flicken braucht man Bildung,' und citirte das schöne Gedicht von
Annette von Droste: Die junge Mutter. -- 'Ob man den Schleier um die Wiege
hing, den Schleier, der am Erntefest zerrissen? Man sieht es kaum, sie
flickte ihn so nett, daß alle Frauen höchlich es gepriesen.'
Auf einem Taschentuche lag ein Säcklein aus verblichenem Seidenzeug mit
Lavendelblüthen gefüllt, eine Erinnerung an unsern Garten am Försterhaus.
Die Blüthen einzusammeln, war meine Arbeit. Ich that sie gern und trug dann
ihre Spuren als starken, erfrischenden Duft tagelang in meinen Kleidern.
Die Blüthen im Säcklein strömten ihn längst nicht mehr aus; sie waren nur
noch Staub.
Auch Schriften lagen im Schranke. Etwas vom Gericht, die Aufkündigung
unserer Wohnung, Rechnungen für Modeartikel, von der Hand meiner Mutter
geschrieben, und mit dem offenbar zagend hingesetzten Worte: 'Duplikat'
versehen, aber nicht abgeschickt. Ein Brief mit der demüthigen Bitte, das
Honorar für dreißig Unterrichtsstunden gütigst entrichten zu wollen,
gleichfalls nicht abgeschickt. Sie hatte gearbeitet, Unterricht gegeben, um
die ihr gebührende Entlohnung gebettelt. Gott weiß, wie oft umsonst. Sie
hatte gedarbt und gekargt, schweigend und glücklich, daß sie's für mich
thun konnte -- bis sie zusammenbrach.
Das alles erzählte mir der alte Schrank, und ich stand vor ihm ... Der
Frömmste der Frommen hat noch nie andächtiger vor dem allerheiligsten
Tabernakel gestanden.
Mit der Andacht war uns aber nicht geholfen, und helfen galt's, und wenn
ich ein Kapital war, galt's Zinsen tragen.
Vor kurzem, da ich in der Redaktion des Wochenblattes mein Honorar für ein
Gedicht abholte, das der Herausgeber zu einer offiziellen Feier bestellt
hatte, sagte der zu mir: 'Ihre Gedichte sind recht schön, wenn Sie aber die
Leier, von der in jedem die Rede ist, in die Ecke werfen, und mir einige
pudelnärrische Feuilletons leisten wollten, würde dabei für mich und Sie
mehr herausschauen, als bei all dem Schwung. Aber der Humor! woher nehmen
und nicht stehlen? Sie schon gar. Immer umrauscht von Zaubertönen und
verheirathet mit den Kamönen. Von Zeit zu Zeit eine kleine Untreue thät
nicht schaden, die verzeiht man auch dem besten Ehemann, aber freilich das
Zeug dazu müßte man haben.'
Teufelmäßig gelockt hatte es mich, ihm gleich zu zeigen, daß ich »das Zeug«
besaß, und daß die Kamönen, so eng verbunden ich mich auch mit ihnen hielt,
mir doch noch nicht die Schlafhaube über die Ohren gezogen hatten.
Meine Herrschaften, am Bette meiner schwerkranken Mutter habe ich mein
erstes lustiges Feuilleton geschrieben, und bin dabei -- dummer Junge, der
ich war -- selbst lustig geworden. Eine große Zuversicht erfüllte und
beseligte mich durch und durch: Morgen lacht das ganze Städtchen mit mir,
und wir bekommen Geld, und meine Mutter wird gesund, denn ich kaufe ihr die
theuersten Medikamente und die besten Sachen zum essen und alles was sie
freut.
Als ich fertig war mit meiner Arbeit und sie überlas, mußte ich mir den
Mund zuhalten, um nicht laut aufzulachen, um nicht einen Jubelschrei
auszustoßen, der meine Mutter geweckt hätte. Sie schlief sanft, und ich
wagte nicht näher zu treten, schickte ihr nur einen langen, innigen Kuß zu
und dachte: Meine Mutter ist jetzt auch mein Kind.
Meine kühnsten Träume sind in Erfüllung gegangen. Ich habe -- welch ein
Glück für den Geldmacher, welch ein Unglück für den Künstler! nie einen
Mißerfolg gehabt, nur mehr oder weniger Erfolg. Zu zwanzig Jahren war ich
Redakteur des ehemaligen Wochenblattes, das ich in ein Journal verwandelt
hatte, von dem die großen Zeitungen in Wien Notiz nahmen. Dahin erhielt ich
einen ehrenvollen Ruf in die Redaktion der 'Grenzenlosen'. In Wien ist,
jetzt sind es schon zwölf Jahre, meine Mutter, in der Überzeugung, daß sie
der Welt in ihrem Sohne einen großen Schriftsteller hinterließ, bis zum
letzten Augenblick zufrieden und glücklich, gestorben.«
Er hatte immer leiser gesprochen, sich immer mehr vorgebeugt, seine Arme
lagen auf seinen ausgespreizten Knien, er hielt die flachen Hände an sein
Gesicht gepreßt. Plötzlich fiel auf den Teppich des Waggons eine Thräne,
die er rasch mit dem Fuße verwischte. Er wandte den Kopf, sah zum Fenster
hinaus und sprach mit etwas erzwungenem Entzücken: »Sehen Sie doch das
schöne Kartoffelfeld. Ich möchte auch ein Kartoffelfeld haben!«
Der Zug fuhr in eine große Station ein. »Lundenburg,« riefen die
Condukteurs und öffneten die Thüren der Waggons.
»Jetzt wird Ihre Koffergeschichte in Ordnung gebracht,« sagte der Graf,
stieg aus, und Bertram mußte ihn zum Gepäckswagen begleiten, wo er von
»autoritativer Seite« die Versicherung erhielt, daß sein Kollo in Hullein
ausgeladen werden solle.
Ins Coupé zurückgekehrt, brauchte er einige Zeit, um sich von seiner neuen
Gemüthsbewegung zu erholen, und sprach nur noch so viel als nöthig war, um
die teilnehmenden Fragen seiner Reisegefährten zu beantworten.
Er hatte nach dem Tode seiner Mutter einen einstigen Schulkameraden, Hugo
von Weißenberg, auf dem Lande besucht, und damals schon den Entschluß
gefaßt, an Fleiß zu leisten, was ein Mensch nur leisten kann, zu sparen wie
ein Geizhals, und wenn er das nöthige Geld zusammengebracht haben würde,
ein Gütchen zu kaufen, auf dem er leben wollte nach seinem Sinne als Bauer,
als Jäger. Vor mehreren Jahren schon hatte Weißenberg den kleinen Besitz
für ihn erworben, aber damals war noch kein Wohnraum da, kein Stück Vieh,
kein Ackergeräth, nichts.
»Alles Fehlende mußte erschrieben werden. Der beste, fürsorglichste Freund,
der sich mit dem Instruiren meines zukünftigen Tusculum plagt, als gälte es
seinem eignen Sohn eine Heimstätte einzurichten, sagt immer noch: 'Arbeite
weiter, ein kleines Betriebskapital mußt du haben, du verhungerst ohne
Betriebskapital!'
Jetzt will ich mich ihm vorstellen, und zu ihm sprechen: 'Sieh mich an,
dahin hat die Litteratur mich gebracht. Ist's nicht besser im Freien
verhungern, als überschnappen in einer zugigen, lichtlosen Kammer? Ich
brauche Ruhe, Ruhe vor der Litteratur.'«
»Mögen Sie die in Obositz finden,« erwiderte die Gräfin. Sie stand auf und
trat ans Fenster, an dem Bertram saß. »In fünf Minuten sind wir angelangt,
nehmen wir jetzt schon Abschied.« Auch der Graf trat heran: »Auf baldiges
Wiedersehen; sagen Sie Freund Weißenberg, daß wir nächstens kommen, ich
bitte, Herr Doktor.«
»O, Herr Graf, ich bin nicht Doktor.«
»Wie titulirt man Sie also?«
»Vogel, ganz einfach.«
»Was mich betrifft,« sagte die Gräfin liebenswürdig, »ich bleibe bei
Vogelweid. Meine Erklärung habe ich Ihnen schon gemacht und pflege nichts
zurückzunehmen.«
»Gerhart, da sind die Kinder,« wandte sie sich an ihren Mann.
Vor der Bahnhofstation, in Begleitung eines kleinen, alten, unbeschreiblich
munter dreinblickenden Kindermädchens, warteten ein braunes, schlankes,
etwa sechsjähriges Knäblein und seine noch jüngere, vor Lebhaftigkeit
sprühende, blonde Schwester. Sie jubelten: Vater, Mutter, und die Gräfin
antwortete ihnen nicht, winkte ihnen nicht zu, hielt die Arme gekreuzt,
aber ein Ausdruck von tiefinnerlichem Glück breitete sich über ihr Gesicht,
und ihre Augen lachten die Kinder an.
Bertram wollte ihr beim Aussteigen behülflich sein, sie war schon
herabgehüpft und hatte dabei ihre Reisetasche in der Hand behalten, und
nicht einmal ihren Regenschirm fallen lassen. Ihr Mann folgte ihr, er trug
die Reisetasche Bertrams, und der sah nun, in Aufmerksamkeit ganz
versunken, der freudigen Begrüßung zwischen den Eltern und den Kindern zu.
»Ich möchte auch Kinder haben,« sagte er plötzlich.
»Tauben, Erdäpfelfelder und jetzt auch noch Kinder? Ach, lieber Herr
Nachbar, zu denen kommt man, ehe man sich's versieht,« sprach der Graf.
Bertram aber schrie auf: »All ihr Götter, ich vergesse ja ganz, wo ist mein
Koffer?«
»Da steht er, auf der Strecke.«
Wahrhaftig! Da stand er wie von unsichtbaren Händen hingetragen. Er stand,
während der Zug, in dem er sich eben befunden hatte, davonbrauste. Doch
eine großartige Erfindung, die Eisenbahn!