IV.

Auch der Graf war aufgestanden, er drückte Bertram auf seinen Sitz zurück

und redete ihm zu, sich zu beruhigen. »Sie sind mein Gast im Coupé, Sie

fahren mit der Taubenkarte, und Ihren Koffer müssen wir halt schauen ohne

Gepäckschein herauszukriegen. Nach Hullein ist er aufgegeben, da steigen

wir ohnehin zusammen aus.«

Er besprach sich halblaut mit dem Kondukteur, Bertram verstand nur einzelne

Worte, es sauste ihm so furchtbar in den Ohren. Aber jetzt erhob sich die

Stimme der jungen Frau, die auf eine nur geflüsterte Bemerkung des

Schaffners laut erwiderte:

»Es war der große Michel, und der Koffer war neu und aus gelbem Leder, ich

habe ihn gesehen und erkenne ihn gleich wieder.«

Dann schienen der Graf und der Schaffner einen Händedruck zu tauschen, und

der Schaffner wurde ein Lauzun an Höflichkeit, gab die tröstlichsten

Versicherungen und entfernte sich, alle, auch Bertram grüßend.

Der lebte auf, aber noch recht dürftig, war ganz Weichheit und Wehmuth und

so voll Dankbarkeit gegen seine Wohlthäter wie ein glücklich Operirter

gegen seine Ärzte.

Nach Journalistenbrauch dachte er im allgemeinen ziemlich gering von den

Aristokraten, und staunte, daß gerade zwei Angehörige dieser Menschenklasse

sich frei von der rohen und egoistischen Rücksichtslosigkeit zeigten, die

fast jeden ergreift, sobald er einen Bahnhof betritt: »Ja, ja,« sagte er

plötzlich laut, »willst du deinen Nächsten kennen lernen? Sieh dir ihn an

im Gedränge und im Eisenbahnwaggon!«

Vogel wurde allmählich wieder beredtsam, seine Reisegefährten verstanden

gar diskret und mit achtungsvoller Theilnahme zuzuhören, und so hatte er,

er wußte selbst nicht, wie's geschah, den fremden Leuten, bevor man

Lundenburg noch erreichte, wo die große Kofferagnoscirung ins Werk gesetzt

werden sollte -- seine Lebensgeschichte erzählt.

Er war der Sohn eines seltsamen Ehepaares, nicht seltsam als einzelne für

sich, seltsam als Paar, als glückliches, liebendes Paar. Der Vater, Sohn

und Enkel von Forstleuten, ein Jäger durch und durch -- alle Jäger sind

gute Menschen, sagt Turgeniew -- von klassischer Bildung nicht angeleckt.

Aber auch kein Feind von Büchern, keineswegs; er las sie nur nicht. Wo

hätte er die Zeit hergenommen Allotria zu treiben, er ein Oberförster,

verantwortlich für das Thun und Lassen eines großen Personals und für jedes

Stück Wild und für jeden Baum in einem Komplex von zweitausend Joch Wald!

Er hatte immer zu thun, zu thun, was er gern that, höchste irdische

Seligkeit! So mühe- und oft gefahrvoll sein Tagewerk gewesen sein mochte,

er kam am Abend zufrieden heim, küßte seine Frau und seinen Jungen, hing

sein Jagdzeug an den Rechen, versorgte seine Hunde und setzte sich zu Tisch

mit gehörigem Waidmannshunger und -durst. Wenn die gestillt waren, zündete

er seine Pfeife an, und nun kam das Plauderstündchen. Meistens sprach der

Vater allein, und sein Junge hörte ihm mit begeisterter Aufmerksamkeit zu,

weil sich's um Kulturen handelte, um den Holzschlag, um Hunde, um Wild und

Wilddiebe. Und auch die Frau hörte ihn immer gern erzählen, nicht weil ihr

Interesse an den Dingen, von denen er sprach, groß war, sondern weil sie

ihn liebte, ihren braven alten Mann. Innigst liebte, trotz der großen

Verschiedenheit ihres Alters und ihres geistigen Horizonts. Sie war die

Tochter eines Professors an der Wiener Universität, und die Umstände, unter

denen das hochgebildete schöne Gelehrtenkind den einfachen Jägersmann vom

Lande kennen lernte und sich in ihn verliebte, würden den Stoff zu einem

wunderlieblichen Novellchen bieten. Nur schade, das Publikum, dem dieses

Novellchen gefallen würde, liegt mit unseren Großmüttern begraben.

»Kennen Sie,« fragte Bertram, »das liebenswürdige Buch: Als der Großvater

die Großmutter nahm? Da hinein würde das Novellchen gehören. Immer begiebt

sich dasselbe, das Thun der Menschen bleibt sich beständig gleich, aber was

die anderen von diesem Thun wissen wollen, darüber entscheidet die Mode.

Alle großen Strömungen in der Weltgeschichte, alle Richtungen in der

Wissenschaft, in der Kunst -- Sache der Mode, nichts weiter.«

Das Ehepaar wollte Einspruch gegen diese Behauptung erheben, Bertram

schnitt jede Kontroverse mit dem Ausruf ab:

»Ich habe eine glückliche Kindheit gehabt! Die beste Lehrerin, die ich

hätte finden können, war auch die einzige, von der ich Unterricht erhielt:

meine Mutter. Nun aber das Unglück: ich hatte ein merkwürdig gutes

Gedächtniß; es machte mir das Studiren zu leicht und deshalb bis zu einem

gewissen Grade unfruchtbar. Das Wissen 'flog mir am Kopfe vorbei,' um

einmal wieder zu citiren und zwar Lichtenberg. Nur Freude war für mich, was

man Arbeit nannte, und Hochgenuß die Erholung -- das Wandern durch den Wald

mit meinem Vater. Es hat eine Zeit gegeben, in der ich jeden Baum, jeden

Strauch, jede Blume kannte, 'von Namen und von Angesicht,' und den Gesang

jedes unserer Waldvögel nachmachen konnte, daß man ihn selbst zu hören

glaubte. Ja, die Kindheit war schön. Und das alles auf einmal wie

abgeschnitten. Mein Vater wurde eines Tages nach Hause gebracht -- todt.

Bauern, die an der Waldgrenze jagten, hatten ihn erschossen. Absicht?

Zufall? es ist nie herausgekommen. Von den Geschworenen sind die Thäter

freigesprochen worden. Das begab sich kurz bevor das große, wie man einst

sagte: herrschaftliche Gut, auf dem mein Vater und seine Vorfahren durch

Generationen das Oberförsteramt versahen, unter den Hammer kam. Ein junges,

nichtsnutziges Früchtlein von einem Majoratsherrn hatte das väterliche

Erbe, wenige Jahre, nachdem er es antrat, verspielt, verlumpt.

Meine Mutter wurde abgefertigt mit einer kleinen Summe, die ich aber für

einen unerschöpflichen Reichtum hielt. Wir zogen fort aus dem Haus im

Walde, nach einem Provinzstädtchen, wo ein Bruder meiner Mutter an der

Spitze des Gymnasiums und einer zahlreichen Familie stand. Lauter Buben,

und alle studirten, und nun war's selbstverständlich, daß auch ich

studirte. Ich that's ungern, weiß Gott, aber nicht schlecht, dank meinem

lächerlichen Gedächtniß. Als Vorzugsschüler zog ich durch die Klassen. Von

Zeit zu Zeit bäumte es sich in mir auf: 'Mutter, ich will nicht Philologe

werden und Bibliothekenstaub schlucken. Ich will ein Förster werden und

leben im thauigen Wald, Bäume pflanzen, Wild hegen.' -- 'Alles schön,'

sagte sie, 'aber klassische Bildung ist doch das Höchste. Lerne wenigstens

den Schatz kennen, den die Menschheit an den Klassikern besitzt, lerne ihre

erhebende, veredelnde Macht empfinden.'

Sie selbst war eine tüchtige Lateinerin, und wenn wir an Winterabenden

beisammen saßen, las sie mir vor aus ihren geliebtesten Autoren, und dabei

bebte leises Entzücken in ihrem Tone, und ihr feines weißes Gesicht

verklärte sich. Ich wieder deklamirte deutsche Gedichte, ich war zu

fünfzehn Jahren eine wandelnde Anthologie. Mein kleinwinziges,

musikalisches Talent half das Unheil vollenden. Aus den vielen Versen und

dem bißchen Musik entstand ein Summen, das herauskommen mußte und herauskam

in einer Form, die blinde Mutterliebe und meine unerfahrene Jugend für

Poesie hielten. Es regnete nicht, es schüttete Gedichte. Die Pseudomuse

kargte nicht. Sie spendete ihr Reimgeklingel bei jedem Anlaß, bei

Geburtstagen der Professoren, beim Schluß des Studienjahres, bei

Fahnenweihen &c. Viele dieser Dithyramben erschienen im Wochenblatt, und

wenn meine Mutter mich »gedruckt« sehen konnte, war sie glücklich.

In vorgerückten Jahren begann sie auf einmal gesellig zu werden. Sie ging

regelmäßig bei jedem Wetter und an jedem Wochentage zu Bekannten, wie sie

sagte, und kam manchmal je nach der Jahreszeit, erhitzt, regentriefend oder

durchfroren heim. Und zu meiner Betrübniß zog sie immer dieselben Kleider

an, und die wurden nur noch mit viel Kunst und Mühe in leidlichem Stand

erhalten. Ich sah meine Mutter aber auch elegante Toilettenstücke

anfertigen, die sie niemals trug. Sie liebte es nicht, bei solchen Arbeiten

von mir überrascht zu werden, verbarg sie gleich im Schranke, wenn ich

eintrat. Trotzdem kam es mir einmal vor, als feiere ich ein Wiedersehen

beim Anblick einer Sammetmantille auf dem Rücken der Bürgermeisterin.

'Mutter', sagt' ich, 'die Bürgermeisterin hat deine Sammetmantille.'

'Wieso? ich werde doch keine Sammetmantille haben.' 'Aber gemacht hast du

sie, ja, ja, ganz gewiß, und verschenkt, oder -- Mutter!' Ihre Verlegenheit

erweckte einen beschämenden Verdacht in mir, und er hatte ein Gefolge von

peinlichen Gedanken.

Meine Mutter verheimlichte mir allerlei. Es kamen manchmal Briefe mit

kleinen Geldbeträgen von räthselhafter Provenienz ins Haus. Meine Mutter

arbeitete doch nicht um Geld? Wir waren ja wohlhabend. Und wenn der

Hausherr neulich den überhöflichen Bückling, den meine Mutter ihm machte,

nur mit einem Kopfnicken erwidert hatte, so hieß das eben: Ich bin ein

Flegel, und nicht: Sie sind im Rückstand mit dem Miethzins. Von Geldnoth

konnte bei uns keine Rede sein. In der Schule galt ich für reich. Hatte ich

nicht alles, was ich brauchte, waren meine Kleider nicht immer in bestem

Stand? Fand ich nicht immer beim Heimkehren einen für mich gut besetzten

Tisch? Alle diese Fragen konnte ich bejahen und wurde doch den Zweifel

nicht los, der mich überkommen hatte und sprach: 'Wenn die Renten nicht

ausreichen, um den Miethzins zu bezahlen, so nimm doch einmal vom Kapital.'

Sie erwiderte mühsam und mit leiser Stimme: 'Unser Kapital hat einst aus

dreitausend Gulden bestanden. Die Renten reichten nicht aus, um uns leben

zu machen, ich habe Jahr für Jahr das Kapital angreifen müssen. Da hat es

sich denn sehr verringert, das heißt, nein,' sprach sie und öffnete mir die

Arme und zog meinen Kopf an ihre Brust, 'es hat sich verwandelt, aus sehr

Schätzbarem in Unschätzbares. Unser Kapital, das bist jetzt du, das ist

deine kräftige Gesundheit, deine rothen Wangen sind's, deine guten Augen.'

Ich war sehr enttäuscht und sagte: 'Außerdem haben wir aber doch noch

etwas?' Sie lächelte: 'Etwas weniges -- mich und meine Arbeitskraft.'

Einige Tage danach erkrankte sie schwer und verlor das Bewußtsein. Und

während sie dalag in Fieberträumen mit geschlossenen Augen, gingen mir die

Augen auf. Der Arzt hatte Eisumschläge verordnet, ich mußte die Tücher dazu

aus ihrem Schranke, einem Häng- und Legeschrank, nehmen, den sie -- gar oft

hatte ich sie damit geneckt! -- immer vor mir versperrt hielt. Wie ein Dieb

kam ich mir vor, als ich den Schlüssel aus der Lade ihres Tisches nahm und

den Schrank öffnete.

Auf den ersten Blick errieth ich das Geheimniß, das sie darin vor mir

verbarg, das Geheimniß ihrer tiefen Armuth. Da hingen ein paar Gewänder,

der Rest ihrer einst wohlbestellten Garderobe, und gewannen eine Sprache,

in der sie sagten: Sieh uns an, wir sind in Wirklichkeit anders, als wir

uns ausnehmen, wenn uns die Herrin trägt; ganz ausgedient und lebensmüde,

kein guter Faden ist mehr an uns. Blüthenweiß und fein geplättet war auf

den Legebrettern, um sie nur halbwegs zu bedecken, die Wäsche Stück für

Stück nebeneinander gebreitet. Alles geflickt und wieder geflickt mit

beispielloser Sorgfalt. Ich hatte meiner Mutter oft einen Vorwurf gemacht

aus diesem Sparsamkeitsfleiße. Aber da sagte sie: 'Nähen kann bald eine,

zum Flicken braucht man Bildung,' und citirte das schöne Gedicht von

Annette von Droste: Die junge Mutter. -- 'Ob man den Schleier um die Wiege

hing, den Schleier, der am Erntefest zerrissen? Man sieht es kaum, sie

flickte ihn so nett, daß alle Frauen höchlich es gepriesen.'

Auf einem Taschentuche lag ein Säcklein aus verblichenem Seidenzeug mit

Lavendelblüthen gefüllt, eine Erinnerung an unsern Garten am Försterhaus.

Die Blüthen einzusammeln, war meine Arbeit. Ich that sie gern und trug dann

ihre Spuren als starken, erfrischenden Duft tagelang in meinen Kleidern.

Die Blüthen im Säcklein strömten ihn längst nicht mehr aus; sie waren nur

noch Staub.

Auch Schriften lagen im Schranke. Etwas vom Gericht, die Aufkündigung

unserer Wohnung, Rechnungen für Modeartikel, von der Hand meiner Mutter

geschrieben, und mit dem offenbar zagend hingesetzten Worte: 'Duplikat'

versehen, aber nicht abgeschickt. Ein Brief mit der demüthigen Bitte, das

Honorar für dreißig Unterrichtsstunden gütigst entrichten zu wollen,

gleichfalls nicht abgeschickt. Sie hatte gearbeitet, Unterricht gegeben, um

die ihr gebührende Entlohnung gebettelt. Gott weiß, wie oft umsonst. Sie

hatte gedarbt und gekargt, schweigend und glücklich, daß sie's für mich

thun konnte -- bis sie zusammenbrach.

Das alles erzählte mir der alte Schrank, und ich stand vor ihm ... Der

Frömmste der Frommen hat noch nie andächtiger vor dem allerheiligsten

Tabernakel gestanden.

Mit der Andacht war uns aber nicht geholfen, und helfen galt's, und wenn

ich ein Kapital war, galt's Zinsen tragen.

Vor kurzem, da ich in der Redaktion des Wochenblattes mein Honorar für ein

Gedicht abholte, das der Herausgeber zu einer offiziellen Feier bestellt

hatte, sagte der zu mir: 'Ihre Gedichte sind recht schön, wenn Sie aber die

Leier, von der in jedem die Rede ist, in die Ecke werfen, und mir einige

pudelnärrische Feuilletons leisten wollten, würde dabei für mich und Sie

mehr herausschauen, als bei all dem Schwung. Aber der Humor! woher nehmen

und nicht stehlen? Sie schon gar. Immer umrauscht von Zaubertönen und

verheirathet mit den Kamönen. Von Zeit zu Zeit eine kleine Untreue thät

nicht schaden, die verzeiht man auch dem besten Ehemann, aber freilich das

Zeug dazu müßte man haben.'

Teufelmäßig gelockt hatte es mich, ihm gleich zu zeigen, daß ich »das Zeug«

besaß, und daß die Kamönen, so eng verbunden ich mich auch mit ihnen hielt,

mir doch noch nicht die Schlafhaube über die Ohren gezogen hatten.

Meine Herrschaften, am Bette meiner schwerkranken Mutter habe ich mein

erstes lustiges Feuilleton geschrieben, und bin dabei -- dummer Junge, der

ich war -- selbst lustig geworden. Eine große Zuversicht erfüllte und

beseligte mich durch und durch: Morgen lacht das ganze Städtchen mit mir,

und wir bekommen Geld, und meine Mutter wird gesund, denn ich kaufe ihr die

theuersten Medikamente und die besten Sachen zum essen und alles was sie

freut.

Als ich fertig war mit meiner Arbeit und sie überlas, mußte ich mir den

Mund zuhalten, um nicht laut aufzulachen, um nicht einen Jubelschrei

auszustoßen, der meine Mutter geweckt hätte. Sie schlief sanft, und ich

wagte nicht näher zu treten, schickte ihr nur einen langen, innigen Kuß zu

und dachte: Meine Mutter ist jetzt auch mein Kind.

Meine kühnsten Träume sind in Erfüllung gegangen. Ich habe -- welch ein

Glück für den Geldmacher, welch ein Unglück für den Künstler! nie einen

Mißerfolg gehabt, nur mehr oder weniger Erfolg. Zu zwanzig Jahren war ich

Redakteur des ehemaligen Wochenblattes, das ich in ein Journal verwandelt

hatte, von dem die großen Zeitungen in Wien Notiz nahmen. Dahin erhielt ich

einen ehrenvollen Ruf in die Redaktion der 'Grenzenlosen'. In Wien ist,

jetzt sind es schon zwölf Jahre, meine Mutter, in der Überzeugung, daß sie

der Welt in ihrem Sohne einen großen Schriftsteller hinterließ, bis zum

letzten Augenblick zufrieden und glücklich, gestorben.«

Er hatte immer leiser gesprochen, sich immer mehr vorgebeugt, seine Arme

lagen auf seinen ausgespreizten Knien, er hielt die flachen Hände an sein

Gesicht gepreßt. Plötzlich fiel auf den Teppich des Waggons eine Thräne,

die er rasch mit dem Fuße verwischte. Er wandte den Kopf, sah zum Fenster

hinaus und sprach mit etwas erzwungenem Entzücken: »Sehen Sie doch das

schöne Kartoffelfeld. Ich möchte auch ein Kartoffelfeld haben!«

Der Zug fuhr in eine große Station ein. »Lundenburg,« riefen die

Condukteurs und öffneten die Thüren der Waggons.

»Jetzt wird Ihre Koffergeschichte in Ordnung gebracht,« sagte der Graf,

stieg aus, und Bertram mußte ihn zum Gepäckswagen begleiten, wo er von

»autoritativer Seite« die Versicherung erhielt, daß sein Kollo in Hullein

ausgeladen werden solle.

Ins Coupé zurückgekehrt, brauchte er einige Zeit, um sich von seiner neuen

Gemüthsbewegung zu erholen, und sprach nur noch so viel als nöthig war, um

die teilnehmenden Fragen seiner Reisegefährten zu beantworten.

Er hatte nach dem Tode seiner Mutter einen einstigen Schulkameraden, Hugo

von Weißenberg, auf dem Lande besucht, und damals schon den Entschluß

gefaßt, an Fleiß zu leisten, was ein Mensch nur leisten kann, zu sparen wie

ein Geizhals, und wenn er das nöthige Geld zusammengebracht haben würde,

ein Gütchen zu kaufen, auf dem er leben wollte nach seinem Sinne als Bauer,

als Jäger. Vor mehreren Jahren schon hatte Weißenberg den kleinen Besitz

für ihn erworben, aber damals war noch kein Wohnraum da, kein Stück Vieh,

kein Ackergeräth, nichts.

»Alles Fehlende mußte erschrieben werden. Der beste, fürsorglichste Freund,

der sich mit dem Instruiren meines zukünftigen Tusculum plagt, als gälte es

seinem eignen Sohn eine Heimstätte einzurichten, sagt immer noch: 'Arbeite

weiter, ein kleines Betriebskapital mußt du haben, du verhungerst ohne

Betriebskapital!'

Jetzt will ich mich ihm vorstellen, und zu ihm sprechen: 'Sieh mich an,

dahin hat die Litteratur mich gebracht. Ist's nicht besser im Freien

verhungern, als überschnappen in einer zugigen, lichtlosen Kammer? Ich

brauche Ruhe, Ruhe vor der Litteratur.'«

»Mögen Sie die in Obositz finden,« erwiderte die Gräfin. Sie stand auf und

trat ans Fenster, an dem Bertram saß. »In fünf Minuten sind wir angelangt,

nehmen wir jetzt schon Abschied.« Auch der Graf trat heran: »Auf baldiges

Wiedersehen; sagen Sie Freund Weißenberg, daß wir nächstens kommen, ich

bitte, Herr Doktor.«

»O, Herr Graf, ich bin nicht Doktor.«

»Wie titulirt man Sie also?«

»Vogel, ganz einfach.«

»Was mich betrifft,« sagte die Gräfin liebenswürdig, »ich bleibe bei

Vogelweid. Meine Erklärung habe ich Ihnen schon gemacht und pflege nichts

zurückzunehmen.«

»Gerhart, da sind die Kinder,« wandte sie sich an ihren Mann.

Vor der Bahnhofstation, in Begleitung eines kleinen, alten, unbeschreiblich

munter dreinblickenden Kindermädchens, warteten ein braunes, schlankes,

etwa sechsjähriges Knäblein und seine noch jüngere, vor Lebhaftigkeit

sprühende, blonde Schwester. Sie jubelten: Vater, Mutter, und die Gräfin

antwortete ihnen nicht, winkte ihnen nicht zu, hielt die Arme gekreuzt,

aber ein Ausdruck von tiefinnerlichem Glück breitete sich über ihr Gesicht,

und ihre Augen lachten die Kinder an.

Bertram wollte ihr beim Aussteigen behülflich sein, sie war schon

herabgehüpft und hatte dabei ihre Reisetasche in der Hand behalten, und

nicht einmal ihren Regenschirm fallen lassen. Ihr Mann folgte ihr, er trug

die Reisetasche Bertrams, und der sah nun, in Aufmerksamkeit ganz

versunken, der freudigen Begrüßung zwischen den Eltern und den Kindern zu.

»Ich möchte auch Kinder haben,« sagte er plötzlich.

»Tauben, Erdäpfelfelder und jetzt auch noch Kinder? Ach, lieber Herr

Nachbar, zu denen kommt man, ehe man sich's versieht,« sprach der Graf.

Bertram aber schrie auf: »All ihr Götter, ich vergesse ja ganz, wo ist mein

Koffer?«

»Da steht er, auf der Strecke.«

Wahrhaftig! Da stand er wie von unsichtbaren Händen hingetragen. Er stand,

während der Zug, in dem er sich eben befunden hatte, davonbrauste. Doch

eine großartige Erfindung, die Eisenbahn!

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 37 / 68 题