Die Gräfin lachte: »Da sind Sie ja sehr zu bedauern.«

»In einem Jahre werde ich sehr zu beneiden sein, wenn ich mein Glück

erlebe, wenn ich nicht früher überschnappe, es kommen mir manchmal so elend

feige Gedanken.«

»Sie werden noch eine Menge Gutes erleben,« sagte der Graf. »Der kleine

Besitz, den Weißenberg für Sie gekauft hat, ist sehr hübsch. Aber ich darf

nichts verrathen, das sollen ja lauter Überraschungen werden.«

Die Augen Bertrams leuchteten, doch sprach er ängstlich: »Ich will mir

nicht zu große Erwartungen machen. Alles hat zwei Seiten, auch mein Besitz

wird sie haben. Vorläufig rechne ich mit Zuversicht nur auf _ein_

ungetrübtes Glück. Auf das Glück, vier volle, gesegnete Wochen in einer

unlitterarischen Umgebung zu verleben. Sie _können_ nicht ermessen, was das

bedeutet für einen Tintenmenschen wider Willen. Vier Wochen, in denen er

kein Buch in die Hand nehmen braucht, in denen ihm kein Manuskript unter

die Augen kommt, Niemand ein Autograph von ihm verlangt, vier Wochen

himmlischer Seligkeit! Weißenberg war mein Schulkamerad, er ist mir der

treuste Freund, meine Vorsehung ist er. O, wie freudig bin ich ihm zu

ewigem Dank verpflichtet; in keines Menschen Schuld stände ich mit solcher

Wonne, wie ich in der seinen stehe, und ich bin doch lieblos genug, mich

weder auf ihn noch auf die Seinen so zu freuen, wie ich mich auf die

absolut litteraturfreie Atmosphäre seines Hauses freue.«

Der Graf räusperte sich, die Gräfin sah befremdet aus. »Wann waren Sie zum

letztenmal in Obositz?« fragte sie.

»Vor vier Jahren.«

»Stehen Sie nicht in Korrespondenz mit Ihrem Freunde?«

»Alle Jahr zweimal schicke ich ihm Geld, und er schickt mir eine

Empfangsbestätigung. Ein litterarischer Taglöhner wie ich, schreibt nicht

Briefe zu seinem Vergnügen, und Freund Weißenberg schreibt überhaupt nicht.

Bei meinem letzten Besuche wollte er einen Überschlag machen, dazu mußten

wir in die Kanzlei gehen, weil die Tinte im Schreibzeug des famosen,

männlich thätigen Mannes eingetrocknet war. Und seine liebenswürdige

Gattin, die keinen Anspruch auf klassische Bildung macht, und ihre

schöngeistigen Bedürfnisse mit ein paar Familienblättern bestreitet ... Bei

ihrer letzten Anwesenheit in Wien waren wir im Burgtheater und sahen

Egmont. Am Schlusse sagte sie: 'Der Egmont ist doch das schwächste Stück

von Laube.' Eine verehrungswürdige Frau!«

Die Thür des Coupés wurde geöffnet, der Schaffner trat ein und bat um die

Fahrkarten. Bertram zog sein Portemonnaie heraus, suchte, fand nichts,

wurde kreideweiß, griff in die Brusttasche, und fand auch da nichts.

»Wie kommt dieser Herr herein, der Herr Graf haben doch das ganze Coupé

genommen?« sprach der Schaffner.

»Und ich habe eine Karte genommen und bezahlt,« schrie Bertram. Er war

aufgesprungen und griff verzweiflungsvoll in alle seine Taschen. »Und dann

-- was hab' ich dann gethan?« Ihm ward plötzlich alles klar und die

Schamröthe stieg ihm ins Gesicht: »Dann habe ich einem Komfortabler fünf

Gulden gegeben, und der Mensch hatte es nicht verdient, denn er war sehr

grob; und ich habe einem Träger, einem ausgezeichneten Manne, statt des

Trinkgeldes, das ich ihm zudachte, meine Fahrkarte und meinen Gepäckschein

in die Hand gedrückt. Nein,« brach er aus, »daß ich reise ohne ein paar

Kinderfrauen mitzunehmen, eine zur Rechten und eine zur Linken, daß ich

überhaupt reise -- ein Mensch, wie ich!«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 36 / 68 题