Sie wurde roth, ihr Mann fuhr auf: »Erlauben Sie mir« --

»In keinem anderen Punkte hätte ich Ihnen etwas zu erlauben oder zu

verbieten, Ihnen, meine gnädige Frau, oder Ihnen, mein edler Retter,«

versetzte Vogel. »Aber in dem einen Punkte habe ich das Recht einer Meinung

und die Pflicht sie auszusprechen. Sie dürfen mir glauben, daß dieses

Feuilleton, das Ihnen besonders gut vorkommt, besonders schlecht ist, und

daß Sie über etwas mühsam Zusammengequältes lachen. Lauter alte Witze und

Späße, denen man aber ihr Alter nicht anmerken soll, immer das alte Ragout,

nur mit neuem Überguß.«

»Erstens,« erwiderte die junge Dame, »haben Ragouts keine Übergüsse,

sondern Saucen, und wenn mir die Sauce schmeckt. --«

»Unglücklicherweise. Sie _sollten_ sich das Gebräu nicht schmecken lassen

und würden auch nicht, wenn Sie wüßten, aus welchen Ingredienzen es besteht

und mit wie niederträchtiger Künstlichkeit es eingerührt ist.

Künstlichkeit -- Karrikatur der Kunst! und natürlich auch Routine. Die Zwei

bringen das Tränklein fertig, das dann den Leuten so leicht eingeht,

wirklich wie nichts. Sie brauchen nur den Mund aufthun, es läuft von selbst

hinein, das charakterlose, für jeden Gaumen berechnete Zeug!«

Das Ehepaar hatte dem aufgeregten Reisegefährten schweigend zugehört: »Sie

sind vom Fach, man sieht's,« sprach der Mann, und die Frau erklärte:

»Nein, nein! ich lasse mir die Freud' an meinem Vogelweid nicht verderben.

Sie sagen immer wegwerfend: das Zeug. Wie viele würden ihrem Gott danken,

wenn sie solches 'Zeug' schreiben könnten.«

»Das gewiß. Es trägt ja viel mehr Geld ein, als das Herstellen guter,

gediegener Kost. Und -- Geld! 'Am Gelde hängt, nach Gelde drängt' &c. ist

heute noch wahr, und bleibt es vielleicht noch ein Weilchen, bis uns die

Sozialisten von dem elenden Tauschmittel befreien. Seien Sie ganz

aufrichtig mit mir, gnädige Frau,« begann er nach einer kleinen Weile von

Neuem. »Oder seien Sie es auch nicht -- mit Worten, ich weiß doch was Sie

denken, ich _sehe_ Sie denken. Der Neid spricht aus dir, denken Sie, Sie

irren. Der litterarische Bajazzo, den Sie in Schutz nehmen, und den ich

angreife, der alte, verbitterte, müde Vogelweid flößt mir nicht den

geringsten Neid ein, dazu kenne ich ihn zu gut, bin zu genau eingeweiht in

die Geheimnisse seiner armseligen Journalistenexistenz. Ich bin ja selbst

dieser Vogelweid. Habe die Ehre, mich noch einmal vorzustellen: Bertram

Vogel, genannt Vogelweid.«

Es entstand eine kleine Verlegenheitspause.

»Sie glauben mir nicht?« fragte Bertram.

Doch! ja, sie glaubten ihm. Sie besannen sich jetzt, Porträts von ihm in

illustrirten Blättern gesehen zu haben. Nicht sehr ähnlich, allerdings. Das

entschuldigte, so hofften sie wenigstens. Der Retter nannte sich:

»Gerhart Neuhaus.«

»Graf Neuhaus,« rief Bertram und lüftete freudig den Hut, »ein Nachbar

meines Gönners und Jugendfreundes, Hugo von Weißenberg? Es ist mir eine

ganz besondere Ehre.«

»Uns auch,« sagten der Graf und die Gräfin, und man schüttelte einander die

Hände. »Wir haben nicht nur viel von Ihnen gelesen, wir haben auch viel von

Ihnen gehört,« setzte die junge Frau hinzu. »Sie sind doch auf dem Wege

nach Obositz, bringen Ihre Ferien bei Weißenbergs zu, nicht wahr? Man kann

Ihre Ankunft kaum mehr erwarten, wird Sie ganz anschließend in Beschlag

nehmen. 'Vogelweid will Niemanden sehen, er ist ein bißchen menschenscheu,'

reden Sie uns immer zu Gehör. Nun, daß Sie nervös sind, gebe ich zu, aber

menschenscheu? davon haben wir nichts bemerkt.«

»Sie freilich nicht, meine Herrschaften, ich habe mich Ihnen an den Kopf

geworfen und krame mein Innerstes vor Ihnen aus mit barbarenmäßiger

Aufdringlichkeit. Stimmung! alles Stimmung! Ich bin ein Sklave meiner

Stimmung! Das ist die Folge des unglückseligen Sichüberarbeitens. Arbeit

ist der beste Inhalt unseres Lebens, Weisheit, Tugend, Gesundheit, Glück!

Sich _über_arbeiten ist Fluch, ist der Tod aller unserer Fähigkeiten, nicht

der geistigen allein, auch der moralischen. Man taugt nichts mehr, man

verliert allen Halt ... Sehen Sie mich; ich perorire da unaufhaltsam und

weiß, in einer halben Stunde, in fünf Minuten vielleicht, werde ich stumm

sein wie ein Stock, nicht eine Silbe herausbringen und nicht mehr wissen,

ob man sagt: Schöne Frau, ich habe die Ehre oder: Schöne Ehre, -- ich hab'

eine Frau.«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 35 / 68 题