III.

Auf dem Ecksitze des Halbcoupés, in das Bertram hereingestürzt war, stand

ein Vogelbauer, und in dem befanden sich zwei prächtige Ringeltauben, die

ganz erschrocken über die plötzliche Verfinsterung ihres Lokals, Töne des

Entsetzens ausstießen und mit den Flügeln schlugen. Ihr Eigenthümer bemühte

sich, die in eine Plattform verwandelte Kuppel ihres Bauers aus Draht

wieder zurecht zu biegen, und Bertram konnte kein Ende finden mit

Entschuldigungen:

»Es ist hoffentlich nichts geschehen?« fragte er besorgt.

»Den Tauben nichts. Aber so lach' doch nicht,« wandte der junge Mann sich

an seine Begleiterin, die in der anderen Ecke saß, und in der Bertram die

anmuthige Frau erkannte, deren wenig schmeichelhafte Aufmerksamkeit er

schon auf dem Bahnhofe erregt hatte. Trotz der redlichsten Mühe vermochte

sie das helle, herzerquickende Lachen, in das sie ausgebrochen war, nicht

zu unterdrücken. Sie entschuldigte sich:

»Verzeihen Sie, es ist aber zu spaßig gewesen, der Schreck meines Mannes

und dann der Ihre.«

»O, gnädige Frau, was mich betrifft, lachen Sie weiter, es klingt so

schön,« erwiderte Bertram.

Da wurde sie sogleich ernst und lud ihn ein, sich zu setzen. Er wollte

seinen Platz durchaus mit dem Vogelbauer theilen, durfte aber nicht, mußte

sich allein in die Ecke placiren. Der Ehemann, der auffallend schöne,

braune Augen hatte und kurzgeschorene, schwarze Haare, stellte die Tauben

auf den Mittelsitz, den auch er einnahm und sagte:

»Sie müssen sich's bequem machen, Sie sind unser Gast. Wir haben das ganze

Coupé genommen wegen der dummen Viecher und weil die Leute so kurios sind.

Wenn einer mit einem Bettsack von hundert Kilo, sechs Kopfpolstern und

drei Decken einrückt, sagt niemand was, bringt man aber einen Kolibri in

den Waggon, schreien sie gleich: In den Ochsenwagen damit!«

Ein erbitterter Ausdruck tiefster Menschenverachtung lagerte wieder auf

Bertrams Zügen: »Dummes, eingebildetes Volk!« brummte er. »Als ob man nicht

hunderttausendmal besser aufgehoben wäre in der Nähe einer Taube als in der

eines Tabakrauchers!«

Bei diesen Worten wechselte das Ehepaar einen Blick, dessen Bedeutung er

sich nicht erklären konnte. Das setzte ihn in Verlegenheit; um sie zu

verbergen und sich möglichst angenehm zu machen, begann er, die Tauben zu

bewundern; ihre Größe, ihre sanfte Cedernholzfarbe, ihre Ringkragen à la

Philippine Welser.

»Ja, ja, sind schön, wenn sie mir nur nicht davonfliegen,« sprach der junge

Mann und betrachtete sie mit halb stolzen, halb bekümmerten

Eigenthümerblicken, »ich habe sie in Wien gekauft für meine Zucht.«

»Sie züchten Tauben?« fragte Bertram voll Begeisterung. »Ich werde auch

Tauben züchten, ja, ja, das ist meine Absicht, ich habe sie eben gefaßt.

Ich werde alles thun, was man auf dem Lande thun kann.« Er war wie

berauscht. Die kräftige Luft, der Sonnenschein, der Anblick der Felder in

ihrer goldigen Pracht, rissen ihn hin. Unbeirrt durch das Erstaunen, das er

mit seiner Beredtsamkeit erregte, fuhr er fort: »Ich werde hinter dem

Pfluge gehen und singen mit Alexei Koltzow: Vorwärts Gäulchen, vorwärts,

zieh die Ackerfurche. O weh!« unterbrach er sich, »ich citire wieder --

Werkstattgewohnheit; ich bin wie der Kammerdiener im Proverbe Leclerqs, ich

kann in der Freiheit die schönen Tage der Sklaverei nicht vergessen.« Er

klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers an seine Stirn: »Nichts als Bücher

da drin, todte Buchstaben. Ich bin nämlich -- Gott sei's geklagt, Litterat.

Aber nicht lange mehr, bald schon -- unnennbare Wonne -- Bauer.«

Der Mann und die Frau wechselten wieder einen Blick, den Bertram dieses Mal

verstand. Sie hatten sich zurückgelehnt, er beugte sich weit vor, um ihnen

in die Augen sehen zu können. Es war ihm so wohlthuend. Diese Menschen

schienen so ganz im reinen mit sich selbst, so friedlich, so ausgeglichen.

»Gnädige Frau,« sagte Bertram, »und Sie, mein edler Retter, Sie halten mich

für geistesgestört, ich bin es nicht, ich bin nur entsetzlich nervös. Das

wird man in meinem sogenannten Berufe, der nicht der meine ist. Ich bin ein

Försterssohn und durch Natur, Geburt, Neigung zum Forstwesen bestimmt.«

Das Ehepaar antwortete mit »So?« -- »Ja?« höflich, aber erschreckend kühl,

er fühlte, daß er sich unangenehm machte, daß man sein Geschwätz

zudringlich fand, und doch war's, als ob ihm ein Teufelchen auf der Zunge

säße, das auf ihr herumhüpfte wie auf einem Trampolin und ihn zwang, all

die Überflüssigkeiten vorzubringen.

Die junge Frau benutzte die erste Pause, die er machte, um ihn zu fragen:

»Ist es Ihnen sehr unangenehm, wenn ich rauche?«

Er verneigte sich: »O gnädige Frau, wenn _Sie_ rauchen, ist es mir eine

Ehre und ein Glück!«

Sie lächelte, jetzt fand sie ihn offenbar wieder komisch, griff in ihren

Reisesack und entnahm ihm eine Cigarrentasche, ein Feuerzeug und die

gestrige »Grenzenlose«, die mit dem Sonntagsfeuilleton.

»Jetzt will ich meinen Vogelweid erst genießen,« sagte sie zu ihrem Mann,

»in der Stadt kommt man zu nichts. Ich hab' gestern in die Zeitung grad nur

hineingeguckt.« Sie brannte einen ziemlich großen Glimmstengel an, drückte

sich behaglich in ihre Ecke und rauchte und las und vergaß in ihrer

genußreichen Versunkenheit alles um sich her -- nur nicht ihren Mann. Der

hatte sich tief hinuntergleiten lassen auf seinem Sitze, einen Fuß an die

Wand des Waggons gestemmt, den anderen überschlagen und sah unverwandt zu

ihr hinauf.

»Er ist heut' besonders gut, nicht wahr?« fragte er, wenn sie sich so recht

zu unterhalten schien. Sie antwortete mit stummem Kopfnicken, und er suchte

ihr Interesse noch zu erhöhen.

»Wart nur, lies nur, es wird immer besser.«

»Excellent!« rief sie plötzlich aus, »nein, der Vogelweid -- wie ich den

liebe!«

Bertram hielt sich nicht länger: »Sie haben Unrecht, gnädige Frau, das

ist, ich bitte um Verzeihung, eine Geschmacksverirrung.«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 34 / 68 题