Auf dem Ecksitze des Halbcoupés, in das Bertram hereingestürzt war, stand
ein Vogelbauer, und in dem befanden sich zwei prächtige Ringeltauben, die
ganz erschrocken über die plötzliche Verfinsterung ihres Lokals, Töne des
Entsetzens ausstießen und mit den Flügeln schlugen. Ihr Eigenthümer bemühte
sich, die in eine Plattform verwandelte Kuppel ihres Bauers aus Draht
wieder zurecht zu biegen, und Bertram konnte kein Ende finden mit
Entschuldigungen:
»Es ist hoffentlich nichts geschehen?« fragte er besorgt.
»Den Tauben nichts. Aber so lach' doch nicht,« wandte der junge Mann sich
an seine Begleiterin, die in der anderen Ecke saß, und in der Bertram die
anmuthige Frau erkannte, deren wenig schmeichelhafte Aufmerksamkeit er
schon auf dem Bahnhofe erregt hatte. Trotz der redlichsten Mühe vermochte
sie das helle, herzerquickende Lachen, in das sie ausgebrochen war, nicht
zu unterdrücken. Sie entschuldigte sich:
»Verzeihen Sie, es ist aber zu spaßig gewesen, der Schreck meines Mannes
und dann der Ihre.«
»O, gnädige Frau, was mich betrifft, lachen Sie weiter, es klingt so
schön,« erwiderte Bertram.
Da wurde sie sogleich ernst und lud ihn ein, sich zu setzen. Er wollte
seinen Platz durchaus mit dem Vogelbauer theilen, durfte aber nicht, mußte
sich allein in die Ecke placiren. Der Ehemann, der auffallend schöne,
braune Augen hatte und kurzgeschorene, schwarze Haare, stellte die Tauben
auf den Mittelsitz, den auch er einnahm und sagte:
»Sie müssen sich's bequem machen, Sie sind unser Gast. Wir haben das ganze
Coupé genommen wegen der dummen Viecher und weil die Leute so kurios sind.
Wenn einer mit einem Bettsack von hundert Kilo, sechs Kopfpolstern und
drei Decken einrückt, sagt niemand was, bringt man aber einen Kolibri in
den Waggon, schreien sie gleich: In den Ochsenwagen damit!«
Ein erbitterter Ausdruck tiefster Menschenverachtung lagerte wieder auf
Bertrams Zügen: »Dummes, eingebildetes Volk!« brummte er. »Als ob man nicht
hunderttausendmal besser aufgehoben wäre in der Nähe einer Taube als in der
eines Tabakrauchers!«
Bei diesen Worten wechselte das Ehepaar einen Blick, dessen Bedeutung er
sich nicht erklären konnte. Das setzte ihn in Verlegenheit; um sie zu
verbergen und sich möglichst angenehm zu machen, begann er, die Tauben zu
bewundern; ihre Größe, ihre sanfte Cedernholzfarbe, ihre Ringkragen à la
Philippine Welser.
»Ja, ja, sind schön, wenn sie mir nur nicht davonfliegen,« sprach der junge
Mann und betrachtete sie mit halb stolzen, halb bekümmerten
Eigenthümerblicken, »ich habe sie in Wien gekauft für meine Zucht.«
»Sie züchten Tauben?« fragte Bertram voll Begeisterung. »Ich werde auch
Tauben züchten, ja, ja, das ist meine Absicht, ich habe sie eben gefaßt.
Ich werde alles thun, was man auf dem Lande thun kann.« Er war wie
berauscht. Die kräftige Luft, der Sonnenschein, der Anblick der Felder in
ihrer goldigen Pracht, rissen ihn hin. Unbeirrt durch das Erstaunen, das er
mit seiner Beredtsamkeit erregte, fuhr er fort: »Ich werde hinter dem
Pfluge gehen und singen mit Alexei Koltzow: Vorwärts Gäulchen, vorwärts,
zieh die Ackerfurche. O weh!« unterbrach er sich, »ich citire wieder --
Werkstattgewohnheit; ich bin wie der Kammerdiener im Proverbe Leclerqs, ich
kann in der Freiheit die schönen Tage der Sklaverei nicht vergessen.« Er
klopfte mit dem Knöchel des Zeigefingers an seine Stirn: »Nichts als Bücher
da drin, todte Buchstaben. Ich bin nämlich -- Gott sei's geklagt, Litterat.
Aber nicht lange mehr, bald schon -- unnennbare Wonne -- Bauer.«
Der Mann und die Frau wechselten wieder einen Blick, den Bertram dieses Mal
verstand. Sie hatten sich zurückgelehnt, er beugte sich weit vor, um ihnen
in die Augen sehen zu können. Es war ihm so wohlthuend. Diese Menschen
schienen so ganz im reinen mit sich selbst, so friedlich, so ausgeglichen.
»Gnädige Frau,« sagte Bertram, »und Sie, mein edler Retter, Sie halten mich
für geistesgestört, ich bin es nicht, ich bin nur entsetzlich nervös. Das
wird man in meinem sogenannten Berufe, der nicht der meine ist. Ich bin ein
Försterssohn und durch Natur, Geburt, Neigung zum Forstwesen bestimmt.«
Das Ehepaar antwortete mit »So?« -- »Ja?« höflich, aber erschreckend kühl,
er fühlte, daß er sich unangenehm machte, daß man sein Geschwätz
zudringlich fand, und doch war's, als ob ihm ein Teufelchen auf der Zunge
säße, das auf ihr herumhüpfte wie auf einem Trampolin und ihn zwang, all
die Überflüssigkeiten vorzubringen.
Die junge Frau benutzte die erste Pause, die er machte, um ihn zu fragen:
»Ist es Ihnen sehr unangenehm, wenn ich rauche?«
Er verneigte sich: »O gnädige Frau, wenn _Sie_ rauchen, ist es mir eine
Ehre und ein Glück!«
Sie lächelte, jetzt fand sie ihn offenbar wieder komisch, griff in ihren
Reisesack und entnahm ihm eine Cigarrentasche, ein Feuerzeug und die
gestrige »Grenzenlose«, die mit dem Sonntagsfeuilleton.
»Jetzt will ich meinen Vogelweid erst genießen,« sagte sie zu ihrem Mann,
»in der Stadt kommt man zu nichts. Ich hab' gestern in die Zeitung grad nur
hineingeguckt.« Sie brannte einen ziemlich großen Glimmstengel an, drückte
sich behaglich in ihre Ecke und rauchte und las und vergaß in ihrer
genußreichen Versunkenheit alles um sich her -- nur nicht ihren Mann. Der
hatte sich tief hinuntergleiten lassen auf seinem Sitze, einen Fuß an die
Wand des Waggons gestemmt, den anderen überschlagen und sah unverwandt zu
ihr hinauf.
»Er ist heut' besonders gut, nicht wahr?« fragte er, wenn sie sich so recht
zu unterhalten schien. Sie antwortete mit stummem Kopfnicken, und er suchte
ihr Interesse noch zu erhöhen.
»Wart nur, lies nur, es wird immer besser.«
»Excellent!« rief sie plötzlich aus, »nein, der Vogelweid -- wie ich den
liebe!«
Bertram hielt sich nicht länger: »Sie haben Unrecht, gnädige Frau, das
ist, ich bitte um Verzeihung, eine Geschmacksverirrung.«