Eine peinliche Fahrt. Wohl zehnmal tippte Bertram mit der Spitze seines
Regenschirms dem Kutscher auf die Schulter und flehte: »Fahren Sie zu,
vorwärts!« Er suchte zu imponiren und befahl: »Vorwärts. Fahren Sie zu!« Es
machte keinen Eindruck. Er knirschte in Verzweiflung: »Wir kommen zu spät!
Kutscher! Mensch! Zu spät!« Half alles nichts. Der Kutscher, breit wie
sein Bock, antwortete nur mit undefinirbaren Lauten, einer Art Gegrunze,
und sein Fahrgast schalt ihn im Stillen eine Pappendeckelseele, ein
stumpfsinniges Halbthier.
Wagen um Wagen, alle mit Koffern beladen, fuhren ihnen vor, der
Fliegenschimmel schüttelte dazu nicht einmal den Kopf. Sein Lenker war
unzugänglich, und er war ohne Ehrgeiz. Bertram rutschte immer weiter vor
auf seinem Sitze und saß zuletzt nur noch auf der Polstereinfassung. Er
meinte sich dadurch leichter zu machen; er hätte ums Leben gern mitgezogen
und erreichte nichts anderes, als daß ihm zuletzt in seiner Aufregung alles
vor den Augen tanzte, und daß er statt des breiten Kutscherrückens ein
abscheuliches braunes Gesicht mit Hängebacken vor sich sah. Voll Entsetzen
wandte er den Blick ab, lehnte sich zurück im Wagen und gab alle Hoffnung
auf, noch zurecht zu kommen. Das begab sich ganz in der Nähe seines Zieles,
und ein paar Minuten später hatte er den Bahnhof erreicht.
Aber welch ein Gewirr und Getreibe herrschte da!
»Der Schnellzug is heut' ungeheuer besetzt,« sagte ein riesenhafter
Träger, der an den Wagen Bertrams herantrat und sich des Gepäcks
bemächtigte.
Ungeheuer besetzt. O du liebes Schicksal! Just heute, an dem ersten Tag
nach vier Jahren, an dem Bertram reisen kann, müssen Hunderte von Leuten
reisen, die's wahrscheinlich ebenso gut früher hätten thun können. Er
springt aus dem Wagen und will dem Träger folgen, der die Stufen zur Halle
hinaufsteigt. Da wird der schläfrige Kutscher plötzlich lebendig und
schreit:
»Erscht hetzen! und durchgeh'n a no? Halt's 'n auf!«
Bertram erschauderte bei dem Gebrüll. Der Vorwurf, den ihm der Grobian vom
Bocke zuschleuderte, traf ihn wie der Blitz vom Himmel. Er hatte vergessen,
seine Fahrt, wie es sich gehört, im Voraus zu bezahlen, stand als Betrüger
da, die Blicke der Menschen, die sich nach ihm umsahen, sprachen es aus. Er
bemerkte auch, daß ein Wachmann ihn fixirte. In zitternder Eile, mit vor
Kälte steifen Fingern (am 25. Juli um die Mittagsstunde, bei 28 Graden über
Null) entnahm er seinem Portemonnaie eine Banknote und reichte sie dem
Grobian, der augenblicklich den Hut zog und kriechend und demüthig bat:
»Schaffen Euer Gnaden ein andres Mal wieder.«
Bertram eilte dem Träger nach, der schon auf ihn wartete, kurzweg fragte:
»Wohin?« und ebenso kurzweg hinzufügte, nachdem er die Antwort: »Hullein«
erhalten hatte: »Nehmen's Ihr Billet.«
Ja, nehmen! Das ist leicht gesagt. Bei dem Fenster, durch das die Banknoten
hinein- und die Fahrbillete herausgeschoben werden, gab es ein Gedränge,
als ob dort Brot vertheilt würde unter Hungernde. Bertram stand als der
letzte zwischen den eisernen Schlangen, die zum Schalter führen, und
zappelte vor Ungeduld und quälte sich mit gräßlichen Zweifeln: »Wohin ist
der Kyklope gerannt, was hat er mit meiner Bagage angefangen? Was hat sein
mysteriöses Verschwinden zu bedeuten? Der Kyklope ist am Ende gar kein
Träger, sondern ein als Träger verkleideter Strolch, der jetzt das Weite
sucht mit meinem Hab und Gut.«
Bertram späht ihm vergeblich mit verstörten Blicken nach, möchte nach Hülfe
schreien und wagt es doch nicht recht, trotz der Überzeugung, daß er
bestohlen ist, beraubt! O die Menschen! die Menschen! Was für ein
ausbündiges Gesindel! Fluch über sie und ihre höllische Erfindung, die
Eisenbahn, die allen Lastern eine nie dagewesene Fülle von Gelegenheiten
bietet, sich auszubreiten, zu wuchern, hereinzustieben, triumphirend mit
Dampf in die früher -- verhältnißmäßig wenigstens -- unschuldige Welt.
Bertram seufzte, schnaubte, stampfte und hatte zur Verstärkung seiner Pein
ein dumpfes Gefühl, daß er lächerlich sei und sich so ausnehme.
Unweit von ihm, neben einer Säule in der Halle, stand eine junge, große,
schlanke Frau in hellgrauem Reiseanzug, mit einem allerliebsten Mützchen
ohne Schirm auf dem Kopfe. Sie blieb ganz gelassen mitten in dem
fürchterlichen Trubel, der sie umgab, hatte ihre Reisetasche (wo ist die
meine, dachte Bertram schmerzlich) auf den Boden gestellt und schien in
vollkommener Gemüthsruhe auf jemanden zu warten. Dabei beobachtete sie den
armen, zwischen den Eisenbarrièren zuckenden Vogel, diskret, mit höchster
Wohlerzogenheit, aber offenbar belustigt. Ihre blauen, ehrlichen und
unbeschreiblich sympathischen Augen sprachen: Du machst mir Spaß.
Der vorletzte Passagier war abgefertigt, Bertram trat an seine Stelle und
quetschte mühsam das Wort »Hullein« hervor, während draußen -- es fuhr ihm
in die Kniee, daß sie zusammenknickten -- das erste Läuten erscholl. Der
Beamte hinter dem Schalter streifte ihn mit einem flüchtigen Blicke, hielt
ihn für einen anderen, schob ihm ein Billet erster Klasse hin und sagte
während des Herausgebens auf zwei Zehnernoten:
»Eile, Herr Baron, höchste Zeit.«
»Träger! Wo ist der Träger?« rief Bertram und vergaß völlig, daß der ein
Schuft, ein Strolch war und die Bagage entwendet hatte.
»Was für a Nummer?« fragten ein paar Blousenmänner.
»Weiß ich's?« Und noch einmal rief er, aber schon völlig hoffnungslos:
»Träger!«
Siehe, da kam der Strolch aus dem Magazin herausgelaufen und hatte ein
vertraueneinflößendes Gesicht und sprach: »Da drin hat einer an Koffer
falsch aufgegeben.«
»Den meinen,« stöhnte Bertram.
»Na, na, den Ihren nit. Jetzt aber machen's g'schwind. Wo is Ihr Billet?«
Er bemerkte die Aufregung des Reisenden und lächelte -- die Nervösen sind
die einträglichsten -- nahm ihn unter seinen väterlichen Schutz, führte ihn
zur Wage und wieder an einen Schalter -- was das für unnöthige
Förmlichkeiten sind! und wieder hieß es bezahlen, und Bertram glaubte zu
bemerken, daß ihm ein Fünfer fehle. Jetzt aber war nicht Zeit, nachzusehen,
das zweite Läuten ertönte, und Bertram verlor völlig den Kopf. Er riß
seinen Regenschirm dem Träger aus der Hand, rannte durch die Halle über die
Treppe, durch den Wartesaal an dem verblüfften Portier vorbei auf den
Perron.
Dort wieder ein schreckliches Gedränge und grausame Rücksichtslosigkeit
gegen den Nächsten. Mit den Ellbogen, den Knieen, den Füßen wird gerungen,
gestoßen, gepufft. Die Männer denken nur an sich, die Frauen nur an ihre
Brut, nie wird Bertram einen Platz erobern; auf den Faustkampf ist er nicht
eingerichtet. Er bleibt stehen, sieht den Anderen nach und hat einen neuen
verzweifelten Anfall von Menschenverachtung.
»Sie! Herr!« schreit ihm plötzlich jemand in die Ohren. Er wendet sich um,
und vor ihm steht sein Träger, der gute Kyklop. Er hat sich Bahn gebrochen
bis zu ihm und bringt ihm den Gepäckschein, die Handtasche und das
Portemonnaie:
»Das alles haben's bei der Wag liegen lassen,« spricht er, grüßt
militärisch und will enteilen. Aber Bertram ruft ihn zurück, sein Herz
quillt über vor Beschämung und Rührung. Wie unrecht hat er einem Ehrenmann
gethan! Er sucht nach in seiner Geldtasche, ein Fünfer ist noch drin, muß
noch drin sein, den Fünfer hat er nicht ausgegeben, aber er findet oder
sieht ihn jetzt nicht, knüllt krampfhaft alles Papierene, das ihm zwischen
die Finger kommt, zusammen und schenkt es dem Ehrenmann. Dann rennt er
weiter, die Ufer der tobenden Menschenfluth entlang. Hinein wirft er sich
nicht, das nicht, o pfui! ihm graut.
Mit Verzweiflung fand er sich plötzlich fast allein auf dem Perron. Der
ungeheure Zug hatte alles geschluckt. Aus den Fenstern, unter denen Bertram
herumirrte, zu denen er hülfeflehend emporsah, blickten böse Gesichter,
drohende Augen auf ihn nieder. »Alles besetzt!« riefen grausame Stimmen.
Einzelne, noch offen stehende Thüren wurden von innen heftig zugeschlagen.
»Einsteigen!« donnerte ein Schaffner dem armen Ausgeschlossenen zu, und der
stöhnte:
»Wo?«
»Welche Klasse?«
»Erste.«
»Was kriechen's also da herum? Also zurück, ganz hinten!« braust der
Schaffner auf, selbst schon im Begriff, seinen luftigen Sitz zu erklettern,
und der schreckliche Mensch an der Glocke hebt den Schwengel zum dritten
Läuten.
Da öffnet sich der Schlag des letzten Waggons, ein junger Mann steckt den
Kopf heraus und winkt dem athemlos heranstürmenden Bertram: »Da her, da ist
noch Platz!«
Wenige Sekunden später setzte Bertram den Fuß auf das erste Trittbrett,
sein Retter streckte ihm die Hand entgegen, er ergriff sie und ließ seinen
Regenschirm fallen und sah sich nicht einmal nach ihm um, erklomm das
zweite Trittbrett und stand im Wagen keuchend, verstört. Im selben
Augenblick wurde die Glocke geläutet -- ein durchdringender Pfiff -- ein
Ruck, Bertram taumelte und saß, aber so schlecht, daß er gleich wieder
aufsprang.
Der junge Mann hatte einen Schrei ausgestoßen: »Donnerwetter, was thun Sie
denn? Aber um Gotteswillen, Sie setzen sich ja auf meine Tauben!«