Auch eine Folge seiner entsetzlichen Nervosität, daß alles Leblose, das ihn
umgab, sobald er in die geringste Aufregung gerieth, ein höhnisch
grinsendes Gesicht annahm, -- das Gesicht eines seiner Feinde und Neider.
Er hat ihrer zahllose, er, von Natur der friedfertigste und wohlwollendste
Mensch, ist mit Feinden und Neidern bespickt, wie der Schild des Achilles
mit Speeren. Und daran, und überhaupt an allem Übel, das ihn trifft, ist
der Beruf schuld, den er ausübt und haßt, der Beruf, in den die
Verhältnisse ihn hineingeschoben haben und für den die zärtlichste,
geliebteste, thörichtste Mutter ihn auserwählt glaubte.
»Wart', du Verfluchter, wie ich dich sitzen lasse,« murmelte er und ballte
die Fäuste gegen etwas Unsichtbares in der Luft. »Wart' nur noch ein Jahr!
Wartet auch ihr, wie ich euch verlassen werde«, rief er den verrauchten
Wänden zu.
Nur weil die Wohnstube wohlfeil war, hatte er so lange in ihr ausgehalten.
Sie lag im vierten Stock eines alten Zinshauses der inneren Stadt, hatte
die Form einer Bratröhre und nur ein einziges Fenster, das nie und niemals
von der Glorie eines Sonnenstrahls umspielt wurde. Und das Gäßchen, in dem
das alte Haus stand, war so schmal, und die bösartig duftenden Rauchfänge
seines Gegenübers waren so nahe! Mit einem langen Pfeifenrohr hätte man die
Katzen, die Nachts auf dem Dache herumspazierten und ein
verachtungswürdiges Konzert aufführten, herunterfegen können. In diese
Versuchung gerieth Bertram nicht, er besaß keine lange Pfeife, er war
(ebenfalls aus Sparsamkeit) kein Raucher. Er hielt das Fenster überhaupt
geschlossen, denn es kam nichts Gutes herein, und für Ventilation war durch
die beiden Öffnungen der Bratröhre hinlänglich gesorgt. Die verruchten zwei
standen in beständiger, heimtückischer Wechselwirkung und verbanden sich
alle Augenblicke zu einem grausamen Attentat gegen den am Schreibtisch
sitzenden Mann. Plötzlich legte sich's ihm wie ein eisernes Band um den
Hals, oder es bohrte sich ihm ins Ohr wie ein Dolch, und nun begann das
Tosen und Brausen im Kopf und machte ihm die Anstrengung des Denkens zur
Höllenqual.
Gedacht aber mußte, es mußte sogar erfunden werden, spannend und originell
um jeden Preis, ohne weiteres auch -- um den des gesunden
Menschenverstandes. O greulich!
In der Fenstervertiefung, über dem Abreißkalender, der das Datum 25. Juli
zeigte, hing der Rasierspiegel. Bertram trat vor ihn hin, betrachtete nach
langer Zeit einmal wieder das Bild, das ihm daraus entgegensah, mit
Aufmerksamkeit. Sie ging allmählich in zornige Entrüstung über.
Achtunddreißig Jahre alt sein und schon so tiefe Falten auf der Stirn haben
und so eingefallene Wangen, so rothumränderte, trübe Augen, das ist doch
des Teufels! Den verbissenen Zug um den Mund verdeckt glücklicherweise zum
Theil der blonde Schnurrbart, dessen Enden sich breit ausgebürstet mit dem
kurz gehaltenen Backenbart vereinigen; es sieht fein aus, und der ganze
Mensch sieht fein aus, aber schrecklich unruhig und nervös. -- Fortwährend
muß er blinzeln und von Zeit zu Zeit verzieht ein blitzartiges Zucken ihm
das Gesicht. Wie er das häßlich fand, wie er sich darüber kränkte und wie
er nun einen neuen Grund zur Kränkung erfuhr! Eine Überraschung -- aber was
für eine! Mitten im üppigen Wald seiner Haare, gerade auf dem Scheitel,
hatte er eine kleine Lichtung entdeckt.
»Das hast _du_ mir angethan,« rief er und ballte wieder die Faust,
diesesmal gegen den Arm des Gasrohrs an der Wand über dem Schreibtisch.
Die Flamme war längst ausgelöscht worden, aber bis zum Morgen hatte sie dem
unermüdlichen Arbeiter geleuchtet. Achtstundentag -- lächerliches Wort! Sei
du ein fleißiger Schriftsteller und Redakteur an der großen Zeitung: »Die
junge Grenzenlose« und sprich vom Achtstundentag. Habe allmorgendlich ein
halbes Hundert Briefe zu verschlingen, ein paar Dutzend Manuskripte,
Brochuren, Bücher durchzublättern, habe gewohnheitsmäßig zwei Romane unter
der Feder und sprich vom Achtstundentag. Ein Roman »läuft« in einem
Volksblatt, der andere in einem Salonblatt, und: Fortsetzung folgt, heißt's
unerbittlich. Eher dürfte die Zeit in ihrem Laufe innehalten, als so ein
Roman in dem seinen.
Trotzdem ist die tägliche Arbeit nicht die arge, weil man an sie nur
denken braucht, so lange man dabei ist. Die argen, die nervenzerrüttenden
Arbeiten sind die, die nur wöchentlich einmal erscheinen, an die man aber
beständig denken muß. Da ist der gewisse »Überblick über die neueste
Litteratur.« Heißes Pech und brennenden Schwefel über den Erfinder dieses
an »über« überreichen Titels.
»Ändern wir ihn, er ist zu lügenhaft,« hatte Bertram Vogel dem Chef und den
Kollegen vorgeschlagen. »Wenn wir von einem Einblick in den Wust sprächen,
wär's protzig genug von uns. Ordinäre Ehrlichkeit spräche von einem Streif-
oder Seitenblick.«
Man lachte ihn aus. Der Überblick gehörte zum eisernen Bestand der
»Grenzenlosen,« die Abonnenten waren an ihren Überblick gewöhnt, hatten ihn
bezahlt und geschluckt und glaubten ihn zu haben.
Einer noch größern Beliebtheit als der Überblick erfreute sich das
Sonntagsfeuilleton. Es hatte Bertrams Schriftstellerruf begründet, ihn
populär gemacht, ihm seinen begeisterten Anhang erweckt und seine
ehrenvollen Feindschaften.
Niemand sagte mehr: »Das Feuilleton von Vogelweid,« wie niemand sagt: »Der
Wein Burgunder.« Es hieß nur noch: »Haben Sie den heutigen Vogelweid
gelesen?« Und: »Der ist wieder unerreichbar, macht einen witzig für die
ganze Woche. Und das alles nur so hingeworfen, man spürt ordentlich, wie er
sich selbst dabei unterhalten hat.«
Über die Leichtigkeit, mit der Vogel produzirte, hatten sich Legenden
gebildet, die man ihm erzählte, ihm ins bärbeißige Gesicht. Er konnte
wüthend werden und widersprechen, so viel er wollte; es half nichts, die
Leute schworen auf ihren Unsinn. Auf den zum Beispiel, daß er seine
Feuilletons am Setzkasten diktire, oder daß er ihrer zwölf an jedem
Samstage hinkritzle, eines davon ziehen lasse von der Hausmeisterin, die
übrigen ins Feuer werfe.
In Wirklichkeit waren die lustigen Feuilletons, die ins Leben
hineingeflattert schienen, lauter Zangengeburten, und Bertram fühlte die
Qualen, unter denen sie entstanden, in demselben Verhältniß wachsen, in dem
seine Jugend abnahm. Sie war's, ihr Frohsinn, ihre Lebenslust, was einst in
seinen Arbeiten gesprudelt hatte, er besaß kein eigentliches wahres, nur
ein Formtalent. Die Form war auch noch immer anmuthig, geschmeidig,
tadellos rein, aber der Inhalt bot nichts Neues mehr. Die Feinde und Neider
haben es längst gemerkt, die Leser noch nicht. Werden sie sich noch
fünfundzwanzig Mal, werden sie sich noch ein Jahr lang darüber täuschen
lassen, daß es dieselbe Voltige ist, die ihnen bei veränderter Dekoration
in einem fort vorgemacht wird?
Noch ein Jahr, nur noch ein Jahr, und mit der widerlichen Tintenkleckserei
ist's vorüber. Bertram Vogelweid ist todt, Bertram Vogel auferstanden. Er
lebt in tiefster Zurückgezogenheit auf seinem eigenen Grund und Boden, auf
dem Bauerngütchen, das er erworben und allmählich schuldenfrei gemacht hat.
Er wird sein Feld bebauen, sein Gärtlein pflegen, Bäume pflanzen, ...
Bäume! Was giebt es Schöneres in der Welt? Was hat er je geliebt wie Bäume,
der im Wald geborene Försterssohn?
Bäume! Bäume! Heute noch wird er Bäume sehen und freies Feld. Es wirbelt
ihm im Kopf bei dem Gedanken, es schwindelt ihm, er muß sich setzen. Er
sieht wieder überall Gesichter, verträgt nicht einmal die Freude mehr; sein
Arzt und Freund hat ihm mit gutem Grunde vor kurzem erst gesagt: »Jetzt
wird mir der Mensch in seinen alten Tagen noch hysterisch.«
Auf dem Schreibtische liegen die Früchte seines wahnsinnigen Fleißes. Vier
Überblicke, vier Feuilletons, die letzten Fortsetzungen seiner, ja, das hat
er sich zugeschworen, letzten Romane. Des Volksromans mit seinen idealen
Anarchisten, ausbeuterischen Kapitalisten, vom Blut und Schweiß des Volkes
lebenden Baronen, Grafen und Fürsten, des Salonromans mit seinen
Zweideutigkeiten, seinen Schlüpfrigkeiten. Nur allzu treu nach
französischen Mustern, und doch überall Champagner in Bier verwandelt.
Ekel und Greuel! Eine plötzliche Wuth erfaßte ihn über sich selbst, über
die Wege, die er ging, und über alle die Hunderte von Narren, die sich an
ihn herandrängten und seinen Spuren folgen wollten, und denen er davon
abgerathen hatte, im Anfang seiner Karriere recht höflich, in der Folge
derb und derber.
Er besann sich auch der Singvögel männlichen und weiblichen Geschlechts,
die ihm scharenweise zugeflogen waren. Erbarmungslos hatte er sie
verscheucht, und wer weiß, ob sich unter ihnen nicht vielleicht doch eine
Nachtigall befand.
Da war eine Anna Mimona, deren er nicht ohne eine Art Reue gedenken
konnte. Sie hatte ihm ein Heft Gedichte -- ein kalligraphisches Meisterwerk
-- geschickt, und um sein Urtheil gebeten. Ein empfehlendes Wort von ihm,
schrieb sie, würde diesen poetischen Versuchen einen Verleger verschaffen
und dadurch einer verarmten Familie die Existenz erleichtern.
Bertram hatte das Buch nicht aufgeschlagen. Was kann man einer Person
zutrauen, die albern genug ist, die Lyrik als Einnahmequelle anzusehen! Als
die Poetin nach langer Zeit wieder schrieb und auf das höflichste um
Bescheid ersuchte, erhielt sie ihn. Er lautete: »Kaufen Sie sich eine
Nähmaschine.«
Seitdem hatte sie ihn nicht mehr behelligt, und das gefiel ihm; Anna Mimona
war also eine feinfühlige Person und bildete einen gewaltigen Gegensatz zu
den vielen, die sich ihm nahten, girrend wie die Tauben, sobald aber der
Beifall, den sie verlangten, ausblieb, zu bösartigen Krähen wurden und die
Augen des unerbittlichen Kritikers bedrohten.
Das alles aber wäre zu verschmerzen, es giebt viel Schlimmeres: die
Anhänger und Freunde, die gelobt werden müssen, weil sie loben, die Gegner,
die getadelt werden müssen, wenn auch der eignen Überzeugung zum Trotze. So
lange gelobt und getadelt, bis aus all dem Müssen eine Art Wollen sich
entwickelt und die aufgedrungene Meinung zur eignen wird, weil man um sie
gelitten und Anfeindung erduldet hat. Aus dem fortwährenden Bekennen
entsteht ein Glauben. Das Vorurtheil ist zur Religion geworden, das Amt hat
den Menschen gefressen.
Bertram stieß ein höhnisches Gelächter aus und preßte beide Hände
konvulsivisch an den Kopf.
Eine alte Kuckucksuhr, die in der Nähe der Thür ihr langes Pendel schwang,
erhob jetzt ein lautes Geschnarre. Sie hatte die Absicht, elf zu schlagen,
konnte sie aber nicht ausführen.
In einer Viertelstunde wird der Wagen da sein, der den Reisenden nach dem
Bahnhof bringen soll. Bertram hat gestern einem Komfortablekutscher auf dem
Stephansplatz das Versprechen abgenommen, sich Punkt ein Viertel auf Zwölf
vor dem Hausthor einzufinden. Wenn er nur kommt, der Mensch. Im Moment, in
dem Vogel ihm das Angeld gegeben und er's eingesteckt hat, sind dem
Besteller die unverläßlichen Augen des Menschen aufgefallen. Wenn er nur
Wort hält. Wort halten ist eine große Tugend, und von einem
Komfortablekutscher eine große Tugend verlangen die pure Romantik, die
reine Thorheit. Aber man begeht sie, man ist so dumm, man ist ein so
vertrauensseliger Esel!
Bertram spürte einen gallbittern Geschmack im Munde und betrachtete mit
Wehmuth das hübsche Kofferchen, das er sich gestern angeschafft hatte. Es
stand in der Ecke auf zwei Sesseln sauber zusammengeschnallt. Die Schlösser
glänzten wie zwei Augen und schienen zu fragen: Nun -- wird's? Wandern wir?
Die Handtasche (auch neu und fertig gepackt) war auf dessen Rücken etablirt
und noch offen. Sie wartete auf den Schreibtischschlüssel, den sie
aufnehmen sollte. Aber der steckte, und die Lade gähnte wie ein Haifisch.
Bertram sprang auf und wollte sie mit einem gewaltigen Ruck zuschieben. Da
entfaltete sie eine teuflische Bosheit und spie ihm, soviel sie von ihrem
Inhalt nur herausbringen konnte, vor die Füße.
Sinnlose Wuth übermannte ihn, er fiel über die Tückische her und rüttelte
an ihr, daß sie stöhnte und in allen Fugen bebte.
Jetzt wurde an der Thür geklopft und ohne weitere Umstände eingetreten.
Frau Hundlgruber, die Hausmeisterin, ein Bild grandioser Gelassenheit,
zwang sich zu einem kleinen Schrei beim Anblick des Zimmerherrn, der seinen
Schreibtisch prügelte:
»Jessas und Joseph, Herr von Vogel, was sein's denn schon wieder nervios,
was regen's Ihnen denn auf? Kommen's, gehn's weg, lassen's mich her.«
Sie schob ihn fort mit einer sanften Macht und Leichtigkeit, wie sie ein
Feldsesselchen fortgeschoben hätte, sammelte die auf dem Boden liegenden
Schriften und legte sie mit glättenden Händen in die Lade, die, empfänglich
für anständige Behandlung, den ganzen Reichthum nun gutwillig aufnahm und
sich auch ohne Widerstand absperren ließ.
Frau Hundlgruber warf den Schlüssel in die Reisetasche und meldete auch,
daß es Zeit, und daß der Einspänner vorgefahren sei.
Wieder gerieth Bertram außer sich: »Zeit ist's; ich versäum' den Zug! ich
versäum' den Zug!« stieß er hervor, riß seinen Hut und Überzieher vom
Kleiderstock und wollte mit Hinterlassung aller seiner Reiseeffekten
davonlaufen.
Frau Hundlgruber ertheilte ihm eine neue Ermahnung, gab ihm seine Tasche
und seinen Regenschirm in die Hand, nahm selbst das Kofferchen unter den
kräftigen Arm und fragte, was mit den Sachen auf dem Schreibtisch zu
geschehen habe.
Bertram rief voll Hast: »Alles Rekommandirte auf die Post ... Die Rezepisse
verwahren Sie, die bind' ich Ihnen auf die Seele, mit Spagat, Frau
Hundlgruber. Das große Paket tragen Sie, bitte, auf die Redaktion.«
»Jessas und Joseph, das is g'wiß das End' von Ihrer schönen G'schicht,«
sprach Frau Hundlgruber und lächelte seelenvergnügt: »Sagen Sie mir nur
noch g'schwind, ich könnt' ja heut' nit schlafen vor Neugier: Wird der
Baron wirklich lebendig begraben? Verdienen thät er's, der Schuft der
miserable. Is der Pülcher wirklich der Stiftsdam' ihr Sohn, und wird der
brave Anarchist richtig noch Minister bei der Polizei?«
»Das alles soll die Zukunft Ihnen enthüllen, jetzt lassen Sie uns scheiden.
Leben Sie wohl, Meisterin dieses Hauses,« sprach Bertram pathetisch, »und
wenn hier Feuer ausbrechen sollte, dann retten Sie alles, nur _den_,« er
wies mit ausgestrecktem Finger nach dem Schreibtische, »den lassen Sie
verbrennen, der ist assekurirt.«
Damit rannte er die Treppe hinab, stieg in den, vor dem Hause wartenden
offenen Wagen, das Gepäck wurde untergebracht und fort ging's im Gezottel
eines steifen Fliegenschimmels, dem Nordbahnhofe zu.