So also ist Einem, der ganz unmotivirt, ohne jeden vernünftigen Grund, aufs
Krankenlager geworfen wird. Aufs Krankenlager in der selben Zeit, da er
sich zum ersten Male der Vielgeliebten und Vielverehrten wirklich nützlich
machen könnte!
Peter war zu Tod erschrocken, als er seinen Herrn erblickte, der, vom
Doktor begleitet, die Stiege herauf kam, wankend, erdfahl, mit tief
eingefallenen Augen, sich ins Bett kommandiren und sich sogar helfen ließ
beim Auskleiden, er, der Rittmeister Brand! Kein Wunder, daß Peter den Kopf
verlor, stille Thränen vergoß, an seine Frau telegraphirte und sie in die
Stadt berief zur Pflege des Herrn und zu seinem eigenen Troste.
Frau Peters eilte herbei, wurde aber schlecht empfangen. Dietrich gerieth
in Zorn über das eigenmächtige Vorgehen seines Dieners. Dieser Peter!
Kannte dieser Peter ihn noch nicht, glaubte er wirklich, daß Dietrich Brand
einer Frau erlauben werde, sein Krankenzimmer zu betreten, wenn es denn,
hol's der Teufel, ein Krankenzimmer gab? Magdalena wurde nicht vorgelassen,
sondern beordert, allsogleich nach Neuwaldegg zurückzukehren, wo sie ein
Feld für ihre Thätigkeit hatte und wohin ihre Pflicht sie rief.
Brand aber verlebte einen schlimmen Tag und eine noch schlimmere Nacht.
Nie, niemals hätte er es für möglich gehalten, daß eine Krankheit -- pah!
nicht einmal eine Krankheit, nur ein armseliges Unwohlsein -- einen Mann so
packen und niederwerfen konnte! Machtlos, sich machtlos fühlen dem eigenen
Körper gegenüber, dem Sklaven! Giebt es eine tiefere Beschämung? Er
verfluchte sich selbst. In seinem Kopfe ging es zu wie in einem Hammerwerk,
in seiner Kehle schnitt es wie mit Messern, der ganze Mensch glühte wie
eine Kohle.
Trotz alledem fand ihn der Arzt, der Morgens kam, rasirt, gebadet,
sorgfältig angekleidet in einem Lehnstuhl am Fenster des Schlafzimmers
sitzen.
»Wie geht es bei Frau Major von Müller?« war Dietrichs erste, mit
bedenklich kurzem Athem vorgebrachte Frage.
»Ganz leidlich,« erwiderte der Arzt und vermied dabei, den forschend auf
ihn gerichteten Augen des Kranken zu begegnen. »Frau Sophie ist aber sehr
besorgt um Sie.«
»Sehr besorgt um mich?« wiederholte Brand mit leisem Zweifel, mit
wehmüthiger Wonne.
»Sie läßt Sie dringend bitten, sich zu schonen, einmal auch an sich zu
denken.«
»Was soll ich thun?«
»Zu Bette gehen, gewissenhaft Arznei nehmen. Sie sind dann wahrscheinlich
in einigen Tagen hergestellt, und das wäre gut, denn Frau Sophie wird Ihrer
Stütze recht sehr bedürfen.«