XIX.

So also ist Einem, der ganz unmotivirt, ohne jeden vernünftigen Grund, aufs

Krankenlager geworfen wird. Aufs Krankenlager in der selben Zeit, da er

sich zum ersten Male der Vielgeliebten und Vielverehrten wirklich nützlich

machen könnte!

Peter war zu Tod erschrocken, als er seinen Herrn erblickte, der, vom

Doktor begleitet, die Stiege herauf kam, wankend, erdfahl, mit tief

eingefallenen Augen, sich ins Bett kommandiren und sich sogar helfen ließ

beim Auskleiden, er, der Rittmeister Brand! Kein Wunder, daß Peter den Kopf

verlor, stille Thränen vergoß, an seine Frau telegraphirte und sie in die

Stadt berief zur Pflege des Herrn und zu seinem eigenen Troste.

Frau Peters eilte herbei, wurde aber schlecht empfangen. Dietrich gerieth

in Zorn über das eigenmächtige Vorgehen seines Dieners. Dieser Peter!

Kannte dieser Peter ihn noch nicht, glaubte er wirklich, daß Dietrich Brand

einer Frau erlauben werde, sein Krankenzimmer zu betreten, wenn es denn,

hol's der Teufel, ein Krankenzimmer gab? Magdalena wurde nicht vorgelassen,

sondern beordert, allsogleich nach Neuwaldegg zurückzukehren, wo sie ein

Feld für ihre Thätigkeit hatte und wohin ihre Pflicht sie rief.

Brand aber verlebte einen schlimmen Tag und eine noch schlimmere Nacht.

Nie, niemals hätte er es für möglich gehalten, daß eine Krankheit -- pah!

nicht einmal eine Krankheit, nur ein armseliges Unwohlsein -- einen Mann so

packen und niederwerfen konnte! Machtlos, sich machtlos fühlen dem eigenen

Körper gegenüber, dem Sklaven! Giebt es eine tiefere Beschämung? Er

verfluchte sich selbst. In seinem Kopfe ging es zu wie in einem Hammerwerk,

in seiner Kehle schnitt es wie mit Messern, der ganze Mensch glühte wie

eine Kohle.

Trotz alledem fand ihn der Arzt, der Morgens kam, rasirt, gebadet,

sorgfältig angekleidet in einem Lehnstuhl am Fenster des Schlafzimmers

sitzen.

»Wie geht es bei Frau Major von Müller?« war Dietrichs erste, mit

bedenklich kurzem Athem vorgebrachte Frage.

»Ganz leidlich,« erwiderte der Arzt und vermied dabei, den forschend auf

ihn gerichteten Augen des Kranken zu begegnen. »Frau Sophie ist aber sehr

besorgt um Sie.«

»Sehr besorgt um mich?« wiederholte Brand mit leisem Zweifel, mit

wehmüthiger Wonne.

»Sie läßt Sie dringend bitten, sich zu schonen, einmal auch an sich zu

denken.«

»Was soll ich thun?«

»Zu Bette gehen, gewissenhaft Arznei nehmen. Sie sind dann wahrscheinlich

in einigen Tagen hergestellt, und das wäre gut, denn Frau Sophie wird Ihrer

Stütze recht sehr bedürfen.«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 29 / 68 题