Die Stellung Sophiens im Hause Vernon war seit der Abreise ihrer Gönnerin
ungemein schwierig geworden. Die Untergebenen legten offene Feindseligkeit
an den Tag. Fräulein Julie veränderte den Ton. Kein Entgegenkommen mehr,
nicht die geringste Freundlichkeit. Ja, sie trug nun einmal die
Verantwortung für das strengste Aufrechthalten der Disziplin im Geschäfte.
Sie bedauerte sehr, daß Frau von Müller ein krankes Kind zu Hause hatte;
schlug aber ihre Bitte, durch wenige Tage nur etwas später als sonst ins
Atelier kommen zu dürfen, rund ab. Nicht sie hatte Gnaden auszutheilen,
dieses Vorrecht genoß einzig die Prinzipalin. Etwas Anderes ist, wenn Frau
von Müller Urlaub nehmen will; den kann sie jede Stunde haben, selbstredend
mit Verzicht auf ihre hohe, sehr hohe Besoldung.
Dietrich nannte das Vorgehen Fräulein Juliens ganz korrekt, als ihm Sophie
so gelassen, als ihr möglich war, von ihrem Mißerfolg berichtete.
»Aber,« meinte sie, »man kann noch etwas mehr als korrekt, man kann
barmherzig, man kann sein -- wie Sie. Was thun Sie für uns! Nie vermag ich
Ihnen zu danken ...«
Er blickte sie vorwurfsvoll an: »Danken! Sie werden doch _mir_ nicht
danken ... Wenn Sie wüßten, wie mir vor aller Dankbarkeit graut ...«
»Seitdem Sie aus Dankbarkeit den Major von Müller geheirathet haben,« hätte
er hinzufügen müssen, wenn Sophie den Grund seines Abscheus gegen eine so
schöne Tugend hätte erfahren wollen. Aber sie fragte nicht, und er schwieg.
Sehr bald darauf erfüllte sie ihm den sehnlichen Wunsch, den auszusprechen
er nicht gewagt hatte: sie nahm Urlaub.
»Ich bringe Alles wieder ein, was ich jetzt versäume,« sagte sie, »ich
werde doppelt fleißig sein, sobald Georg nur wieder hergestellt ist.«
An der Überzeugung, daß er genesen werde, hielten Brand und sie
unerschütterlich fest, diese Hoffnung ließen sie sich nicht rauben.
Zwei Nächte hatte Sophie aufrecht, auf einem hölzernen Sessel sitzend,
neben dem Bette des Kranken gewacht. Am nächsten Abend stand auf einmal
ein großer, bequemer Fauteuil da. Peter Peters hatte ihn gebracht mit
tausend dringenden Entschuldigungen seines Herrn, und an das Fußende von
Georgs Lager gestellt. Und dann war Brand gekommen mit neuen und noch
dringenderen Entschuldigungen.
»Lassen Sie das Ding nicht hinauswerfen, haben Sie die einzige Gnade; es
ist ein Reconvalescenten-Fauteuil, dulden Sie ihn hier eine Zeitlang
wenigstens, dem Kinde zu Liebe.«
Sie staunte, daß er so flehentlich bat. Er fürchtete, ihren Stolz zu
verletzen, und sie hatte dem Wohlthäter ihres Kindes gegenüber keinen mehr.
»Aber Herr Rittmeister,« sagte sie, »wie können Sie noch daran zweifeln,
daß ich Ihr Geschenk freudig annehme? Ich nehme ja so viel von Ihnen an,
das Opfer Ihrer Zeit, Ihres ...«
Er unterbrach sie: »Opfer? -- Sie betrüben mich. Wissen Sie denn nicht,
daß, was Sie mein Opfer nennen, mein Glück ist? Vor Kurzem noch war ich ein
ganz armer Teufel, ein alter, vergrämter Mann, der nichts mehr vor sich sah
als eine Reihe eintönig, einförmig hinreichender Jahre; jetzt bin ich
reich ...« Er suchte ein allzu warmes Wort zu vermeiden: »Durch meine
Theilnahme für Sie, und meine Liebe zu Ihren Kindern.«
Sophiens Augen hatten sich ein wenig verschleiert, aber sie sprach in
munterem Tone: »Und zu Dietrich Peters.«
»Gott segne den Kleinen, die erste Aufrichtung verdankte ich ihm. Aber er
hat ein robustes Elternpaar ... es ist doch etwas Anderes, etwas ...« Seine
Stimme gerieth in Gefahr, umzukippen, alle moralischen Rippenstöße, die er
sich zur Stärkung versetzte, blieben wirkungslos. Der Grimm, den er darüber
empfand, spiegelte sich in seinem Gesichte wider und gab ihm ein so
bärbeißiges Aussehen, daß Sophie, die schon einen Schritt auf ihn zu
gemacht hatte, sich ganz erschrocken abwendete, und die Hand, die sie ihm
hatte reichen wollen, liebkosend auf das Haupt ihres Kindes legte.
Als es Abend wurde, sprach sie nicht wie sonst: »Herr Rittmeister, Sie
müssen heim.« Sie saß in dem bequemen Lehnstuhl, ihre Füße ruhten auf einem
Schemel, ihr Kopf sank in die Kissen zurück.
»Die Mutter schläft,« flüsterte Georg, »lassen wir sie schlafen, und Du
erzähl' mir eine schöne Geschichte.«
»Eine schöne Geschichte. Ja, mein Junge, was für eine denn?«
»Etwas von Feen, das habe ich am liebsten.« Das Kind richtete seine
fieberglänzenden Augen voll Erwartung auf ihn.
Er besann sich. Der Kopf war ihm so seltsam wüst. »Von Feen, gut, von
alten, uralten -- ein Kind kann sich's nicht vorstellen, wie alt sie sind.«
»Aber Du, Herr Rittmeister, kannst Dir's vorstellen, Du kannst Alles, Herr
Rittmeister,« sprach Georg aus tiefster Überzeugung.
»Glaub' doch das nicht, ich kann nur erzählen von uralten Feen,« versetzte
Brand in einschläferndem Tone. »Sie haben graue Kleider an, mit Schleppen
und schweben hin und her. Denk' Dir wie das Pendel an einer großen Uhr --
ein langes, langweiliges Pendel, so schweben die grauen Feen hin und her.«
»Es kommen aber auch rothe, und die tanzen.«
Richtig! Brand sah richtig rothe Feen tanzen, wie Funken unter Bäumen mit
klingenden Blättern, und im Hintergrunde zogen Landschaften vorbei von
wundersamer Schönheit, und ein Licht lag über ihnen, milder als Sonnen-,
anders als Mondlicht, ein Licht, wie es auf Erden keines giebt und von dem
sich einen Begriff nur machen kann, wer es geschaut hat, denn schauen muß
man's, nicht sehen ... Er unterbrach sich. Was er da Alles zusammen
redete ...
»Sag' nur weiter,« bat Georg, »ich weiß, was das heißt. -- Ich sehe Dich
und schaue die Feen.« --
Dietrich war unglücklich; statt das Kind sanft einzulullen, regte er es zum
Denken an. Voll Zärtlichkeit und Reue strich er ihm über den Scheitel:
»Weißt Du was? Denk' nicht, schlafe. Lieber Junge, wenn Du einschlafen
könntest, das wäre so gescheit und so gut!«
Georg seufzte tief auf, preßte die Wange an das Kissen, schloß die Augen
und regte sich nicht mehr. Sophie schlief sanft und fest. Es war so still,
daß Dietrich das Ticken seiner Taschenuhr hörte, die er auf den Tisch
gelegt hatte neben das Nachtlämpchen und die Arzneiflasche. Merkwürdig
hell drang der leise, gleichmäßige Schall durch ein seltsames Brausen in
seinem Kopfe hindurch.
Seine Adern klopften, eisige Schauer schüttelten ihn, und im Nacken fühlte
er sich gepackt von einer Riesenfaust, die ihm den Kopf zusammenpreßte.
Teufel, Teufel, was soll das heißen? In der vorigen Nacht schon wollten
ähnliche Sinnestäuschungen ihn narren; aber er hatte sich ihrer erwehrt,
war aufgestanden wie gewöhnlich, und wie gewöhnlich in die Berggasse
gegangen.
Allerdings hatte der Doktor, den er dort traf, ihm auf die Schulter getippt
und gesagt:
»Es giebt heute einen glühend heißen Tag, fahren Sie zeitig nach Hause,
Herr Rittmeister, Sie haben Fieber.«
Fieber? In seinem ganzen Leben hatte Dietrich nie Fieber gehabt, außer
damals nach seiner Verwundung. Fieber! Wenn man wissen will, ob Jemand
Fieber hat, greift man ihm an den Puls. Sich aber hinstellen vor ihn, ihm
nur einen Blick zuwerfen und gleich wissen: Der fiebert -- das kann man
auch dann kaum, wenn man Seheraugen hat wie dieser Doktor.
Dietrich stand leise auf -- ihm war, als zöge er an jedem Fuße einen
Centner mit -- und sah nach der Uhr. Bald Zwei; die Stunde, zu der Pauline
kommen sollte, um die Gebieterin am Krankenbette abzulösen. Als Brand zu
seinem Platze zurückkehrte, war Sophie eben erwacht.
»Um Gotteswillen, wie viel Uhr?... Das Medikament ... Ich habe
versäumt ...«
»Nichts, nichts,« beruhigte Brand. »Sehen Sie, da ist Pauline. Verlassen
Sie sich nur auf uns Zwei.«
Die erschöpfte Frau gab seinen und den Bitten ihrer Dienerin nach und ging
in ihr Zimmer, um noch ein paar Stunden zu ruhen vor der Ankunft des
Arztes.
Als dieser Schlag Sechs eintrat, war sie wieder auf ihrem Posten. Sehr
blaß, sehr müde, aber vollkommen angekleidet, anmuthig -- rührend anmuthig!
-- in ihrer Ärmlichkeit, und bereit ihr Tagewerk tapfer anzutreten.
Der Arzt war heute zufrieden mit seinem Patienten, fand ihn frischer als
seit langem. »Aber Ihnen,« sagte er zu Brand, »Ihnen geht's elend. Sie
müssen zu Bette. Nein, nein in vollem Ernst. Kommen Sie mit, ich bringe Sie
in meinem Wagen nach Hause.«