Dietrich erschrak: »Was ist mit ihr? Ist sie krank?«

»Nein, nein,« darüber beruhigte ihn der Doktor, aber mit sehr wenig Worten;

er hatte Brand nur einen Augenblick sehen wollen, setzte sich nicht

einmal, griff wieder nicht nach dem Pulse des Patienten, legte bloß die

schmale, blasse Hand auf dessen Schulter und sprach mit sanfter Bitte:

»Bleiben Sie wenigstens zu Hause.«

»Zu Befehl,« erwiderte Brand, worauf ihn der Arzt ein wenig spöttisch und

unbeschreiblich gütig ansah und sich mit einem kurzen: »Adieu!« empfahl.

Warum in aller Welt hatte er spöttisch dreingesehen? Aus niederträchtiger,

ärztlicher Schadenfreude? Oder machte es ihm Spaß, daß ein alter Soldat

sich seinen Anordnungen so ängstlich unterwarf wie ein maroder Pfründner?

Ja, das war's, und darüber gedachte ihn Brand eines Besseren zu belehren.

Plötzlich entschlossen, streckte er die Rechte aus und drückte den

Tasterknopf der elektrischen Glocke an der Wand anhaltend und energisch

nieder.

Peter eilte herbei.

»Meinen Paletot, meinen Hut,« befahl Dietrich, »ich gehe -- oder vielleicht

ich fahre -- zu Frau Major von Müller.«

Nicht ein Wort des Widerspruchs kam über Peters Lippen, doch betrachtete er

den Gebieter mit der hoffnungslosen und liebevollen Traurigkeit, mit der

eine Mutter ihr starrsinniges Kind betrachtet. Brand fühlte die Empfindung

seines Dieners nach, und auch er blieb stumm. Man sagt nicht, man beweist,

was man kann.

Peter sah ihn eine so gewaltige Anstrengung machen, als ob er sich aus

einem Sumpfe, in dem er halb versunken war, emporarbeiten wollte, sah ihn

aufschnellen -- und fast zugleich besinnungslos zu Boden sinken.

Es war so schnell geschehen, daß Peter den Sturz nicht verhindern konnte.

Jetzt kniete er bei seinem Herrn, hob ihn auf, trug ihn in seinen Armen

(welches Glück, daß Brand davon nichts wußte!) auf das Bett, labte ihn und

brachte ihn bald wieder zu sich. Als der Rittmeister die Augen aufschlug,

stand Peter aber schon abgewendet und ordnete die Kleider im Schranke.

»Ich will heute doch lieber zu Hause bleiben,« sagte Dietrich nach einer

Weile, »ich hab' etwas Schwindel, das kommt von den verfluchten

Medikamenten.«

»Von nichts Anderem, Herr Rittmeister,« versetzte Peter.

»Du brauchst dem Doktor nichts davon zu sagen,« nahm Brand nach einer

abermaligen Pause wieder das Wort, »es würde ihn kränken, und am Ende

bildet er sich noch ein, daß ich ohnmächtig geworden bin wie ein

bleichsüchtiger Backfisch.«

»Natürlich, Herr Rittmeister, denn wer kann wissen, was ein Zivilist sich

einbildet.«

Zweimal im Laufe des Vormittags mußte Peter einen Kommissionär in die

Berggasse schicken, um Nachrichten zu holen. Nur bei Pauline; die gnädige

Frau durfte nicht belästigt werden mit den vielen Anfragen. Pauline ließ

den Rittmeister beschwören, sich keine Sorgen zu machen. Er fand die

Antwort ungenügend und sendete Peter in Person nach einer Botschaft aus,

und der kehrte mit der Meldung zurück:

»Die gnädige Frau läßt sich empfehlen, dem kleinen Georg geht's gut.«

»Wirklich, wirklich? Hast Du ihn gesehen?«

»Ihn nicht, aber die Frau Majorin ist selbst herausgekommen, sie

selbst ...« Eine unbesiegbare Rührung packte und würgte ihn.

»Jetzt weint er wieder, der Waschlappen,« murmelte Brand und dankte Gott

im Stillen, daß er der armen Mutter ihr Kind wieder geschenkt und auch ihm,

der es freilich nicht anders erwartet hatte, seinen lieben Jungen.

Es duldete ihn nicht länger im Bette; er ließ sich ankleiden, konnte aber

nur auf den Arm seines Dieners gestützt bis zum Lehnsessel gelangen.

Gegen die siebente Abendstunde wurde geläutet, und unmittelbar darauf

läutete auch Dietrich und befahl Peter, der hereinstürzte, hochroth im

Gesicht und mit verklärter Miene:

»Niemanden vorlassen, keinen Menschen!«

»Herr Rittmeister, es ist die Frau Majorin von Müller.«

Brand erhob sich. Mit ihm zugleich erhob sich aber auch der Fußboden und

rollte Wellen, die Decke flatterte wie ein Segel. Dietrich war froh, bei

dem allgemeinen Aufruhr wieder in die Arme seines Fauteuils zurückkehren zu

können:

»_Wer_ kommt? Wer?...«

Da stand sie schon auf der Schwelle.

»Gnädige Frau ... Mein höchster Wunsch -- Sie bei mir!«

Sie konnte nicht gleich sprechen, sie ging langsam auf ihn zu und reichte

ihm beide Hände.

»Verzeihen Sie,« sagte er. »Nein, daß ich Sie so empfangen muß. Invalid,

nicht einmal entgegen gehen, nicht einmal aufstehen ... Nein, daß Sie zu

mir kommen ... Es geht also besser. Mein lieber, kleiner Freund -- wie hab'

ich mich nach ihm gesehnt!«

»Er sich auch nach Ihnen.« Sanft entzog sie ihm ihre Hände, setzte sich ihm

gegenüber und schlug den Schleier zurück: »Auch Sie sind sehr leidend.«

»Gewesen!« rief er aus.

Nie, niemals hatte ihr Anblick ihn so bewegt in allen Herzenstiefen. Nie

war sie ihm so erhaben hold erschienen, Majestät und Lieblichkeit in einer

Gestalt.

Brand ließ sie nicht aus den Augen: »Aufrichtig, gnädige Frau,« sprach er,

und seine Stimme zitterte, »wie steht's mit ihm?«

»Gut,« anwortete sie, »ganz gut.«

Er athmete auf, er wurde heiter und gesprächig. Er hatte viel nachgedacht

in diesen Tagen der Einsamkeit. Was denkt man nicht Alles zusammen in

zweimal vierundzwanzig Stunden! Seine ganze Vergangenheit war vor ihm

lebendig geworden, und die leuchtende Überzeugung hatte ihn durchdrungen,

daß er nur zu danken habe.

»Gnädig hat mein Herr und Gott sich mir immer erwiesen, zweimal in meinem

Dasein aber allgütig. An dem Tage,« Brand senkte nachdenklich den Kopf, »an

dem ich im Begriff war, ein Licht auszulöschen, das er angefacht hatte, und

er mich in seiner Huld davor beschützte, den Frevel zu begehen. Ein zweites

Mal -- da er mich Sie, verehrte Frau, wiederfinden ließ, die ich durch

eigene Thorheit verloren hatte und jetzt lieben darf -- in Ihren Kindern.«

Sie hatte ihm still und teilnehmend zugehört, nun stand sie rasch auf,

sagte ihm Lebewohl und wünschte ihm eine recht gute Nacht.

Peter erhielt den Auftrag, einen Wagen zu nehmen und die gnädige Frau nach

Hause zu bringen. So geschah's, und er kam zurück mit einem Gruß von ihr,

und Dietrich ging zur Ruhe und schlief wie ein Gesunder. Er erwachte

gestärkt, glücklich, und obwohl es regnete, war für ihn die Welt voll

Sonnenschein.

Im Laufe des Vormittags brachte ein Dienstmann einen Brief.

»Von der Frau Majorin,« sagte Peter und überreichte ihn ängstlich und

zögernd.

Der Inhalt des Schreibens lautete:

»Lieber gütiger Herr Rittmeister!

Seien Sie stark, machen Sie sich auf das

Traurigste gefaßt. Ihr kleiner Freund ist todt,

gestern gestorben, als die Kirchenglocken zum Ave

läuteten. Selig entschlafen -- ich weiß jetzt,

was das heißt. Ich bin zu Ihnen gekommen,

um es Ihnen zu sagen, und konnte nicht, Sie

haben mir zu leid gethan ...«

Brand las nicht weiter. Das Blatt entsank seiner Hand. Sie war gekommen, um

ihm zu sagen: Das Kind ist todt, und hatte es nicht vermocht; sie wußte,

wie weh es ihm thun würde, und hatte es ihm nicht sagen können. Aus

Mitleid, aus himmlischem Erbarmen -- -- -- Nein, das war mehr als Mitleid

und Erbarmen -- unendlich mehr.

Bertram Vogelweid.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 30 / 68 题