Die Zeit, in der geschienen hatte, daß die Gesundheit Georgs sich stärke,
kindliche Lebenslust in ihm erwache, war vorbei. Er sank wieder zurück in
die frühere, stille, wehmüthige Niedergeschlagenheit. Schlaf- und ruhelos
bei Nacht, stand er nach kurzem Morgenschlummer auf, um bald in ein
traumseliges Hindämmern zu gerathen, das ihm wohl that, aus dem er sich
aber oft gewaltsam aufraffte oder aufzuraffen suchte. Er litt nicht, er
sprach nie einen Wunsch aus, er lächelte, wenn Jemand sagte, er sei krank.
Ach nein, er war nicht krank, ihm fehlte nichts, er war auch ganz
glücklich, er war nur müd', sehr müd'.
Einige Male hatte Brand den Nachmittag mit ihm in Neuwaldegg zugebracht,
zum Entzücken des kleinen Dietrich Peters. Wenn der hörte: Der Herr
Rittmeister kommt, war er vom Gartenthor nicht fortzubringen, preßte sein
Gesichtchen an die Eisenstäbe und schien durch die Kraft, mit der er's
that, die Kraft seiner Sehnsucht ausdrücken zu wollen. Sobald er Brand von
Weitem erblickte, schrie er auf und rief in allen Tönen der Zärtlichkeit --
jauchzend, jubelnd, in Rührung hinschmelzend: »_Mein_ _Jitt_meiste! _Mein_
He Jittmeiste!«
Und dem einsamen Manne, der eine unerwiderte Liebe im Herzen trug, that die
anbetende und äußerungsbedürftige Liebe dieses Kindes wohl.
Auch der immer freundliche, immer nachgiebige Georg wurde von Peter Peters'
warmfühlendem Sprößling angebetet. Der große Georg war so gut mit ihm,
that Alles, was er wollte, verwies ihm kaum je einen Ungehorsam, eine
Unart, räumte ihm aber die Gelegenheit und die Versuchung zu Ungehorsam und
Unart sorglich und unauffällig aus dem Wege.
»Hören Sie, Frau Peters,« sagte Brand zu Magdalena, »der Umgang mit meinem
Pflegesohn dürfte für meinen Täufling sehr ersprießlich werden. Mein Georg,
der ist ein Erzieher!«
Magdalena empfand dies Lob als Tadel ihrer Erziehungskunst, was ihr nicht
angenehm war und ihr den Gepriesenen nicht angenehm machte. Sie hatte für
ihn viel Mitleid und wenig Zuneigung. Daß er Stunden lang zeichnend, malend
auf einem Flecke sitzen konnte, oder auch Stunden lang nichts Anderes thun,
als Ameisen oder Vögel oder die Wolken am Himmel beobachten, das ging ihr
wider den Strich, war der rührigen Frau unbegreiflich und deshalb
unsympathisch.
»Und die Sanftmuth von dem Buben, Herr Rittmeister! Diese ewigen
Rücksichten auf andere Leut', und wie er so g'scheit spricht ... 's is
unnatürlich, Herr Rittmeister. Eine solche Bravheit, eine solche
G'scheitheit kann gar nicht g'sund sein für einen Buben.«
»Für einen Buben, so? Ein Mädchen dürfte natürlich, ohne Gefahr, daß ihr
Wohlbefinden darunter leidet, nach Belieben brav und gescheit sein,«
erwiderte Dietrich. »Beim Manne, der sich ja doch nur zum zukünftigen
Höllenbraten auswächst, kann es nicht zeitlich genug 'brandeln', meinen
Sie. Das sind Irrthümer, meine liebe Frau Peters, sehr gefährliche
Irrthümer, die ihr Scherflein beitragen können zu dem schändlichen Kampfe
der Geschlechter, den die Weibmänner und die Mannweiber der 'Moderne' in
die Welt gesetzt haben.«
Frau Peters war verdutzt: »Kampf der Geschlechter?« »Die Moderne?« Sie
ahnte nicht, was das zu bedeuten hatte, und wollte doch den Herrn
Rittmeister nicht fragen, aus Furcht, ungebildet zu erscheinen. So beschloß
sie, zu warten und von ihrem Manne Aufklärung über die Sache zu verlangen.
* * * * *
Brand hatte seinen Besuch bei Madame Amélie bis zur letzten Stunde vor
ihrer Abreise verschoben. Da bedurfte die Scheidende am nothwendigsten
seines stärkenden Zuspruches. Er wollte noch einmal an ihren Stolz
appelliren und die Hoffnung aussprechen, daß sie im Bewußtsein ihrer
geretteten Würde Ersatz finden werde für ihr zweifelhaftes und immer
bedrohtes Glück.
Als er sich um halb acht Uhr Morgens dem Hause näherte, sah er einen mit
Koffern beladenen Landauer davor stehen. Sollte das der für Madame Vernon
bestellte Wagen sein? Nicht zu denken! Der Pariser Zug geht erst wenige
Minuten vor Neun ab, sie wird doch nicht eine geschlagene Stunde im
Wartezimmer sitzen wollen. Indessen erschien aber ihr Stubenmädchen und
reichte dem Kutscher eine umfängliche Hutschachtel auf den Bock hinauf.
Kein Zweifel mehr -- die seelenstarke Frau hatte Eile, ihren heroischen
Entschluß auszuführen und ihr häusliches Domicil, diese Brutstätte des
Unheils für Andere, des moralischen Unterganges für sie selbst, zu
verlassen.
Brand trat unter das Hausthor, und im selben Augenblick kam die große
Modistin ihm aus dem Treppenhause entgegen. Sechs ihrer Damen geleiteten
sie, einige vergossen Thränen, andere schienen mühsam, aber heldenmüthig
einen großen Schmerz niederzukämpfen. Amélie blieb stehen, ihr Gefolge
umdrängte sie, ihre Hände wurden ehrfurchtsvoll gepreßt, stürmisch geküßt.
Sie dankte mit Rührung und Grandezza für jedes Liebeszeichen.
Ein Gymnasiast, der eben vorüberging, weidete sich ein Weilchen an dem
Anblick und rief: »Die reine Maria Stuart vom Burgtheater.«
Brand schob den kecken Jüngling zur Seite, näherte sich Madame Amélie mit
erhobenem Hute und beglückwünschte sie: »Sie sind Ihrem Entschlusse treu
geblieben, Madame, sehen Sie, es geht auch ohne Eid. Meine Hochachtung,
Madame.«
Sie war merkwürdig verlegen, ja bestürzt: »Ach, oh -- diese
Liebenswürdigkeit! diese Güte!... Ich hätte wirklich nicht erwartet ... daß
Sie so früh ...«
»Nicht erwartet? -- Da ich Ihnen doch versprochen hatte ... Ich glaube
fast, ich komme Ihnen ungelegen,« scherzte er.
Sie protestirte, und er ergriff ihren Arm und half ihr in den Wagen
steigen. Dabei that er einen Blick in das Innere des Gefährts ... Alle
Teufel! eine Ecke war schon besetzt, sehr dick und breit durch einen
schönen Mann mit weiß und rothem Gesicht, mit schwellenden Lippen. Brand
kannte das Lächeln, das höhnische und ängstliche Lächeln, zu dem sie sich
in diesem Augenblicke verzogen. Entrüstet warf er den Wagenschlag zu.
Amélie, schamroth und verwirrt, beugte den Kopf und machte eine um
Verzeihung flehende Gebärde. Der Kutscher trieb die Pferde an.
Glückliche Reise, Unglückliche! Sie nimmt den Elenden mit -- auf die Flucht
vor ihm. O die Weiber, die Weiber!
Fast hätte Dietrich es laut ausgerufen. Die Damen unter dem Thor waren
indessen von toller Lustigkeit ergriffen worden, schnatterten und lachten,
daß es ein Vergnügen gewesen wäre, ihnen zuzuhören, wenn die Immoralität
dieses Gelächters ein Vergnügen hätte aufkommen lassen. Unter der Anführung
Fräulein Juliens, die im Bewußtsein ihrer Regentschaftswürde um zwei Zoll
gewachsen schien, hüpften und tanzten die Frauenzimmer die Stiege wieder
hinauf. Mißbilligend sah Brand ihnen nach.
Beim Abschied und nach dem Abschied muß man euch sehen, ihr falschen
Kröten! dachte er. Alsbald aber regte sich sein Gerechtigkeitsbedürfniß und
veranlaßte ihn zu allerlei Erwägungen und zu der Frage: »Machen wir
Soldaten es nicht im Grunde ebenso? Mit Trauerklängen begleiten wir den
entschlafenen Kameraden zur letzten Ruhestätte -- mit klingendem Spiele
marschiren wir hinweg von seinem Grabe.«
Der Vergleich hinkt freilich wie jeder Vergleich. Übrigens sei es wie es
wolle -- mit Weibererziehung gedachte Brand sich vorläufig wenigstens nicht
mehr zu befassen.
Sophie war bei dem theatralischen Abschied der Principalin nicht
erschienen: Dietrich traf sie unterwegs, und sogleich fiel ihre Blässe und
ihre sorgenvolle Miene ihm auf. »Was ist Ihnen,« sprach er sie an. »Sie
sehen bekümmert aus.«
»Das bin ich auch. Georg ist in der Nacht von heftigem Fieber ergriffen
worden, und ich habe den Arzt rufen lassen, ihn aber nicht erwarten
können.«
»_Ich_ will ihn erwarten und Ihnen Botschaft ins Atelier bringen,« sagte
Dietrich.
»Nicht selbst,« erwiderte sie rasch, »schicken Sie mir Nachricht. Ich
bitte.« Sie machte eine flehende Gebärde, nickte ihm zu und eilte davon.
In der Wohnung angelangt, wurde Dietrich von Klein-Annerl begrüßt.
»Weißt Du was?«« rief sie, »nimm heute mich mit auf die Reise. Georg bleibt
da, er ist eingeschlafen.«
Und so war's. Auf einem Sessel in der Fensterecke, mit seinem Hütchen auf
dem Schoße, zum Ausgehen bereit, war er in Schlaf gesunken. Sein Kopf hing
tief herab auf die Brust, sein Athem ging unhörbar leise. Er war sehr
gewachsen in der letzten Zeit, die Ärmel seiner Jacke reichten kaum noch
bis zu den schmalen Handgelenken. Wie glichen seine Hände denen seiner
Mutter, wie farblos aber und wie abgezehrt waren sie!
Dietrich stand lange vor ihm, ehe er erwachte, plötzlich auffuhr und in das
Gesicht des Freundes blickte.
»Lieber Herr Rittmeister, guter Herr Rittmeister,« sagte er freudig, und
seine Augen leuchteten.
Das war die erste Liebeserklärung, die Brand von dem Kinde zu hören bekam.
Sie erhellte ihm die Seele bis auf den tiefsten Grund, doch that er, als ob
er nichts Neues und Merkwürdiges an ihr fände, und fragte: »Wie geht's? Wie
fühlst Du Dich? Wollen wir heute in die Berge?«
»In die Berge, ja, ja, in die Berge,« wiederholte das Kind, erhob sich,
wankte und fiel besinnungslos in Dietrichs Arme.
Er und Pauline brachten ihn zu Bette und labten ihn. Der Arzt, der bald
darauf erschien, fand ihn noch in halber Betäubung, sprach sich nicht aus,
wollte am Abend wiederkommen. Da war Sophie schon zu Hause, und für sie
hatte er nur Worte des Trostes und der Beruhigung. Zu Brand sagte er aber
schon am nächsten Tage im Vertrauen:
»Wir schwanken auf einem schmalen Brette über dem Abgrund.«
Und es wurde ein langes, langes Schwanken, eine schwere, schleichende
Krankheit. Sie fraß allmählich die physischen Kräfte des Kindes auf,
konnte aber seiner Intelligenz, seiner Phantasie, seiner Güte, allen
liebenswürdigen Eigenschaften, die ihn beseelten, nichts anhaben. Sie kamen
vielmehr erst recht zu Tage, jetzt, da seine Scheu, zu äußern, was er
fühlte, gewichen war.
»Nur nicht aufregen,« warnte der Arzt, »dämpfen! Zerstreuung braucht er
jetzt nicht, langweilen soll er sich.«
Aber leider langweilte Georg sich nie; Alles interessirte ihn, ein
Schatten, der an der Mauer hinglitt, ein Baumblatt, das durchs offene
Fenster hereinflog, gab seinem Geiste überreichen Stoff zu rastlosem Denken
und Sinnen.
Einmal erfuhr er einen großen Schmerz. Der Arzt hatte den Rath gegeben,
Annerl fortzubringen aus der Nähe des Kranken, und es wurde beschlossen,
sie der treuen Obhut der Frau Peters anzuvertrauen. Als diese kam, um ihre
Schutzbefohlene in Empfang zu nehmen, brach Annerl beim Abschiede von ihrem
Bruder in heiße Thränen aus. Sie war aber kaum in die Küche getreten, wo
Dietrich Peters von seiner Mutter deponirt worden war, als man sie auch
schon fröhlich lachen und ihn begrüßen hörte.
Georg richtete sich im Bette auf bei diesem Freudenausrufe. »Jetzt ist sie
glücklich, wenn sie nur glücklich ist, die Kleine,« sagte er, kehrte sich
mit dem Gesichte gegen die Wand -- und weinte ganz leise.
Bei einem Haar hätte Brand mitgeweint, so nahe ging ihm das Leid, das
seinem lieben Jungen widerfuhr. Aber zwischen dem, was sich an weichen
Empfindungen in einem Manne regt und dem, was von ihnen zu Tage kommt,
liegt eine Welt des Unausgesprochenen. Brand hielt sich immer im Zaume,
verrieth nie eine Schwäche und pflegte eifrigst das Talent zur erziehlichen
Krankenwartung, das er in sich entdeckte. Dazu gehörte unter Anderem auch
eine ganz vortreffliche, originelle Erzählungsgabe, von der Dietrich bisher
nichts geahnt hatte. Kein brutales Vorbringen all' dessen, was Einem
eingefallen ist, nein, ein Erfinden während des Erzählens, und dabei ein
fortwährendes Beobachten des Eindrucks, den dieses hygienische Fabuliren
hervorbringt. Der Eindruck, den es macht, ist seine Muse, sein Stachel und
Zügel: er lehrt: jetzt darfst du steigern, spannen, und jetzt mußt du
nachlassen, wohlthuend und sanft, und jeden Mißton auflösen und verklingen
lassen in Frieden und Harmonie.
Das konnte Brand, das hatte er gelernt, das hatte die Liebe zu seinem
lieben Jungen ihn gelehrt. Und was nicht Alles noch! Die Anordnungen des
Doktors befolgte er gewissenhaft, aber gegen seine Diagnose erhob er
Einwendungen:
»Es ist eine Entwicklungskrankheit, glauben Sie mir, aus der Georg sich neu
gestärkt erheben, und dann erst recht kräftig an Leib und Seele gedeihen
wird. Er wird seine kleinen Absonderlichkeiten und Empfindlichkeiten
abstreifen, und Einer wie Tausende werden in allem Geringfügigen und
Nebensächlichen; Einer wie Wenige aber in allem Großen, Ernsten, Wichtigen.
Machen Sie ihn nur zu einem gesunden Menschen, Herr Doktor, zu einem
tüchtigen, einem ausgezeichneten Menschen, wird er sich machen ohne Sie und
ohne mich, denn -- ich sehe das schon -- er gehört zu Denen, die sich
selbst und gelegentlich ganz unbewußt den Erzieher erziehen.«