Die ganze folgende Woche hindurch kam Brand regelmäßig, um Georg abzuholen.
Er übernahm ihn am Morgen an der Thür und gab ihn Abends an der Thür wieder
ab. Der Kleine kehrte täglich mit einem größeren Wiesen- und
Waldblumenstrauß heim, und auch täglich munterer, mit frischeren Augen,
rosig angehauchten Wangen.
Das Porträt, das er an jenem Tage, an dem die Anwesenheit Brand's seinen
Unmuth erregt, in die tiefste Tiefe des Malkastens verbannt hatte, kam
wieder zum Vorschein; Georg strichelte so lange daran, bis der Kopf und der
geheimnißvolle Hintergrund, von dem man nicht wußte, ob er einen
Gewitterhimmel mit Geisterschlacht, oder ganz einfach die Zimmerwand
vorstellen sollte, ganz schwarz wurden. Aber Ähnlichkeit mit einem ins
Mohrenhafte übersetzten Dietrich Brand war da, und nach einiger Zeit
befestigte der Knabe das Bild an der Wand neben seinem Bette und schlief
unter den rabendunkeln Augen des neuen Freundes ein. Freilich nur, um bald
wieder zu erwachen. Ruhiger, gesunder Schlaf wollte sich weniger als je
einfinden. In seinen Träumen setzte Georg die Wanderungen mit dem »Herrn
Rittmeister« fort, lachte laut über die tollen Sprünge eines
aufgescheuchten Häsleins, fuhr auf mit einem gellenden Schrei, weil er eine
Schlange heranschleichen und sich ringeln sah auf seiner Bettdecke. Kaum
beschwichtigt und wieder eingeschlummert, übte er im Schlafe seine neueste
Kunst, ahmte den Schlag der Nachtigall nach, den Sang der Drossel, das
zierliche Gezwitscher der Meise. Es klang eigen, lieblich und unheimlich
zugleich, und Sophie fragte sich, ob ihrem armen Kinde auch die Freude,
die es jetzt genoß, zum Unsegen werden sollte.
Die Bedenkzeit war um; am achten Tage kam Sophie selbst, den Touristen die
Thür zu öffnen und Brand fragte:
»Was werden Sie beschließen?«
»Ich habe schon beschlossen, ich habe heute mein Amt angetreten.«
Dietrich fuhr zusammen. Ihm war, als stände er nicht mehr vor ihr an ihrer
Schwelle, als sei sie ihm in weite Ferne gerückt, als hätte eine Kluft sich
plötzlich zwischen ihnen aufgethan. Und in der war versunken, was ihm mehr,
als er selbst es gewußt, die letzte Zeit hindurch das Leben erhellt hatte
-- eine leise und hold schimmernde Hoffnung auf zukünftiges Glück.
»So?« sprach er. »So? ... Ganz recht, Sie sind Ihr eigener Herr.«
Sie war's und wollte es bleiben; hätte sie ihm das deutlicher beweisen
können? Sein Rath, sein Wunsch, seine Bitten galten ihr nichts. Nun ja,
wenn einem ein Mensch gleichgültig ist! Denke den Gedanken nur aus -- eine
erloschene Neigung läßt sich nicht wieder anfachen, nie. Dietrich verbarg
seine schmerzvolle Enttäuschung; er lächelte nur sehr traurig, als Frau von
Müller sagte:
»Sie sind im Begriff, meinem Kind zu Liebe Ihr Behagen aufzugeben, Ihre
Freiheit, und ich sollte dieses große Opfer annehmen und selbst nicht das
kleinste bringen? Es ist unmöglich. O, Herr Rittmeister, Sie an meiner
Stelle würden das auch finden, Sie würden genau so fühlen und handeln wie
ich.«
Brand erwiderte, daß er nicht im Stande sei, sich in die Empfindungsweise
einer Dame hinein zu versetzen. Übrigens verstehe es sich von selbst, daß
Sophie nichts Anderes thun könne und dürfe als das, was sie für das Rechte
halte.
Er nahm Abschied und war ein wenig erbittert und fest entschlossen, mit
sich fertig zu werden. Es mußte ihm gelingen, es gelingt jedem tüchtigen
Menschen, dem eine schöne Aufgabe gestellt ist, an deren Erfüllung er mit
ganzer Liebe geht, die ihn abzieht von der Grübelei über das eigene Wohl
und Weh und dem thörichten Hangen und Bangen nach Unerreichbarem. Diese
Aufgabe war zunächst: Georg an sich zu gewöhnen und die Eiswand ein- für
allemal zum Schmelzen zu bringen, die immer noch von Zeit zu Zeit wie auf
ein Zauberwort aus dem Boden stieg und sich zwischen ihm und dem Kinde
aufstellte.
Dietrich warb um seine Zuneigung mit großer Kunst, mit stets bewährter
Geduld, und mußte lange werben und durfte sich's nie merken lassen, daß er
warb. Er mußte ihn selbst herankommen lassen, den scheuen kleinen Menschen,
der so viel Liebe brauchte und sich immer wieder in plötzlichen
Anwandlungen des Mißtrauens von Dem abwendete, der ihm die reichste
entgegen trug.
Der berühmte Kinderarzt, mit dem sich Brand seit der Geburt seines
Täuflings befreundet hatte und dem er nun auch seinen Pflegesohn vorführte,
empfahl die äußerste Sorgfalt. Gute Nahrung, gute Luft, Bewegung, aber
keine Ermüdung, Beschäftigung, aber keine Anstrengung. So ein geschicktes
Lootsen zwischen allen möglichen Klippen, schwer, schwer! -- »Nun,« setzte
er tröstend hinzu, als er den tieftraurigen Eindruck sah, den seine Worte
auf Brand machten. »Sie bringen ihn vielleicht durch. Ein
Erziehungskünstler sind Sie schon, jetzt müssen Sie noch das Krankenwarten
erlernen. Schwächlich bleibt Ihnen der Bursch übrigens sein Lebtag.«
Schwächlich und einsam, dachte Brand. Georg paßte nicht in die Gesellschaft
anderer Kinder; hülflos und fremd stand er bei den Samstag-Versammlungen,
betheiligte sich nicht an den Spielen der Kinder, sah ihnen nur aufmerksam
zu, und dabei verklärte gar oft ein Aufleuchten der Freude, der Liebe, der
Bewunderung sein stilles Gesichtchen. Die Kinder wußten diese platonische
Theilnahme nicht zu schätzen. Die Mädchen lachten ihn aus, die Buben
neckten ihn, vor denen mußte ihn Brand fortwährend retten.
»Wehr' Dich!« rief er ihm einmal zu, als ein übermüthiger Junge sich vor
ihn hinstellte, ihn zum Kampf herausforderte und ihm statt aller anderen
Präliminarien einen Faustschlag versetzte.
»Wehr' Dich!« wiederholte Brand.
Georg richtete einen seltsam fragenden, überlegenden Blick auf ihn,
schüttelte den Kopf und sprach: »Nein, laß' ihn, den Armen.«
Was ging in ihm vor? Verstand er, was er da sagte? Woher kam ihm die
Offenbarung, daß Unrecht thun mehr Qual in sich birgt als Unrecht erfahren,
und bedauerte er deshalb den Knaben, der ihn schlug?
Ein solcher Mitleidskünstler sollte dieser kleine Georg sein, dem jede
sentimentale Weichlichkeit fern lag, der, wie manches von Geburt an
kränkliche Kind, körperliche Schmerzen mit klaglosem Heldenmuth ertrug? Er
hatte kaum gezuckt, als die Faust des Angreifers auf ihn niederfiel, er
hätte sich als Mann nicht anders benehmen können, wenn die schwere Hand des
Schicksals ihn getroffen hätte.
Die Zeit, zu der Dietrich in den vergangenen Jahren seine Sommerreise
angetreten hatte, war vorbei, und noch immer traf er nicht die geringste
Vorbereitung, die Stadt zu verlassen. Frau Peters und ihr pausbäckiger
Junge residirten schon seit einigen Wochen im Hochparterre der Villa in
Neuwaldegg, die seit dem Tode der Eltern Brands leer gestanden hatte.
Magdalena kam wöchentlich zweimal, um »im Geschäft« nachzusehen, das in
ihrer Abwesenheit von der »Kusin« geführt wurde, und versäumte nie,
Dietrich zu besuchen und zu ermahnen.
»Kommen's doch hinaus, Herr Rittmeister, 's is ja Sünd und Schad, so ein
schönes Haus, und Niemand drin als ich und mein kleiner Bub. So ein schöner
Garten, und wenn ich Abends da sitz allein unter den Buchen, da mein ich
ordentlich, ich hör' sie lamentiren, um ihren Herrn.«
»Glauben Sie das, Frau Peters,« erwiderte Brand. »Sie hören die Buchen um
Jemand ganz Andern lamentiren als um mich.«
Magdalena erröthete und sprach resolut: »Daß ich nix dagegen hätt, wenn
mein Mann da wär, das ist natürlich, aber auch Sie, Herr Rittmeister,
gehören zu uns. Wenn einem der liebe Gott so was Schönes beschert, will er
auch, daß man was davon hat. Auf so einen Besitz, so einen prächtigen,
g'hören mehr Leut hin als wir Zwei, mein Peterl und ich.«
Brand wußte wohl, wer seiner Meinung nach »hingehörte«, wen er am Liebsten
durch die Zimmer schreiten sähe, die ihm so traut belebt wurden durch die
Erinnerung an seine Eltern. Er wußte, wem er am Liebsten gesagt hätte:
Tritt ein, nicht als Gast, nein, als Gebieterin, und verwandle mir mein
verödetes Eigenthum in ein trautes Zuhause. Sophie hielt ihn aber viel zu
kurz, als daß er eine Anspielung auf einen so kühnen Wunsch wagen durfte.
Er getraute sich nicht einmal, von seinen peinigenden Sorgen um sie zu
sprechen und sah doch, daß ihre Kräfte in dem selben Maße sanken, in dem
ihr Eifer, die übernommene Aufgabe gut zu erfüllen, stieg. Daß diese
Aufgabe keine leichte sein werde, darüber hatte sie sich nicht getäuscht,
hatte im Voraus gewußt, daß sie sich die Stellung, die man ihr _gab_, erst
_machen_ müsse. Es war eben ein Kampfplatz in Miniatur, auf dem sie stand.
Sie hatte den passiven Widerstand der älteren Fräulein gegen eine
»plötzlich hereingeschneite« Autorität zu erdulden und die Unbotmäßigkeit
der jungen Fräulein zu besiegen.
»Und -- was mir am Schwersten fällt,« sagte sie, »ich muß mich gewöhnen,
die Arbeit, die ich immer mit Ernst und Sorgfalt gethan habe, von Anderen
mit empörender Nachlässigkeit thun zu sehen, ohne sie ihnen aus der Hand
nehmen und kurz und gut selbst fertig machen zu dürfen. Ich werde für
etwas ganz Anderes bezahlt; ich soll lehren, leiten, heranbilden.«
»Lehren, leiten, heranbilden -- unmöglich, wenn man Ihnen keine Macht
einräumt,« erwiderte Brand nach einigem Nachdenken. »Ich staune nur, daß
ein großes Etablissement wie das von Madame Vernon's überhaupt bestehen
kann ohne militärische Organisation.«
Sie lachte: »Schlecht und recht geht's doch weiter, und was mich betrifft,
ich muß und ich werde mich zurecht finden. Es ist Feigheit von mir, daß ich
klage. Eines, die Hauptsache, hat sich von Anfang an so gut gemacht, wie
ich's besser gar nicht wünschen kann -- der Chef ignorirt mich. Das
verdanke ich Ihnen, auch _das_ ...«
»Wann werden Sie sich eine Erholung gönnen?« fiel Brand rasch und beinahe
aggressiv ein. »Wann gedenken Sie Urlaub zu nehmen?«
»In diesem Jahre doch nicht, im ersten Jahre doch nicht. Am wenigsten doch
jetzt, da in sechs Wochen der Schluß der Ateliers für fast zwei Monate
während der #saison morte# bevorsteht.«
Mit dieser Antwort mußte er sich bescheiden und war in nicht eben rosiger
Laune, als Madame Amélie nach langer Zeit einmal wieder einen Hülferuf
ertönen und Brand zu sich bitten ließ.
Er traf sie in einem bejammernswerten Zustand. Sie lag auf dem Ruhebette,
über dessen Lehne ihre langen dichten Haare, in Strähnen aufgelöst, hingen;
sie stöhnte und hielt dem Eintretenden mit krampfhaft zuckenden Fingern
einige zerknitterte, thränengetränkte Briefe entgegen:
»#Eh bien -- voilà!#«
Sie wußte Alles. Ein Armenadvokat hatte sie in Kenntniß von der neuen
Schlechtigkeit ihres Gatten gesetzt, der die jüngste und hübscheste unter
den jungen Arbeiterinnen verführt, verlassen und, als sie ausblieb aus dem
Atelier, schändlich verleumdet hatte bei seiner Frau. O, ihr graute, ihr
ekelte vor ihm. Er war kein #pauvre chéri# mehr, er war Monsieur Weiß, der
#fripon#, den sie verachtete, und von dem sie sich trennen wollte, auch
wenn ihr Herz darüber in Stücke ginge.
»In Stücke, _darüber_? da müßte es doch ein recht zerbrechliches Ding sein.
Ich aber halte es für ein stolzes und standhaftes Herz, das sich aus
erniedrigenden Banden befreien wird. Gehört Heldenmuth dazu? Sie haben ihn,
Sie sind gewiß nicht umsonst die Tochter des Landes, das so viele Heroïnen
geboren hat.«
Amélie richtete sich auf, der Schmeichelei war sie noch am Rande der
Verzweiflung zugänglich.
Dietrich fuhr eine Weile in gleichem Tone fort, warf sich dann aber auf das
Praktische: »Wenn Sie diesen Menschen noch eine Zeit lang als Chef walten
lassen, führt er eine Paschawirthschaft ein, verwandelt Ihre Ateliers in
Harems. Die Achtung, in der Ihr Haus steht, geht verloren. Ihr sauer
erworbenes Geld, das Sie guldenweise hereingebracht haben, fliegt zu
Tausenden hinaus. Wofür, Allgerechter! Ihre Schande, die Sünden, die man an
Ihnen begeht, werden damit bezahlt.«
Madame Amélie hörte ihm zu, rieb sich die Schläfen mit Migränestift,
erröthete und erbleichte. Niemals hatte die Beredsamkeit Brands eine solche
Wirkung auf sie ausgeübt, wie im Augenblick, in dem er gegen Herrn Eduard
für ihr Geld plaidirte. Sie gab ihm in Allem Recht. Ja, es war aus und
mußte aus sein! Elend hatte der #fripon# sie gemacht, zur Bettlerin sollte
er sie nicht machen. Sie trennte sich von ihm, sie that's, wenn es auch --
von dieser Befürchtung kam sie nicht los -- ihren Tod herbeiführen oder
doch beschleunigen werde.
»Im Gegentheil!« rief Brand. »Die Kraft haben, eine nichtsnutzige Neigung
auszurotten aus unserem Innersten, heißt den besten Beweis liefern, daß wir
recht lebendig sind. Rotten Sie aus, Madame! Es wäre doch des Teufels, wenn
Sie etwas Unwürdiges nicht ausrotten könnten!«
Amélie gerieth in Extase: »Helfen Sie mir, Monsieur Rittmeister Brand,
nobles, großes Herz! Verlangen Sie von mir einen heiligen Eid, daß ich
werde unerbittlich bleiben ...« Sie erhob die Schwurfinger: »#Je jure# ...«
Dietrich ließ sie nicht weiter reden: »Ein fester Vorsatz ist ein Eid und
darum nicht weniger heilig, weil wir ihn nur uns selbst geleistet haben.«
Sie dankte ihm für dieses schöne Wort, sie war es werth, daß man ein so
schönes Wort zu ihr sprach, denn sie hatte volles Verständniß für alles
Schöne und überhaupt ein sehr feines Gefühl. Jetzt war aber nicht #le
moment#, Gefühle zu haben, jetzt regierte kühle #raison# allein das Thun
und Lassen Madame Vernons. In raschen Zügen entwarf sie ihren Zukunftsplan.
Heute noch wollte sie ihren Geschäftsfreund beauftragen, die vorbereitenden
Schritte zur Scheidung einzuleiten, morgen bestellte sie ihr Haus, setzte
eine Regentschaft mit Fräulein Julie an der Spitze ein, übermorgen reiste
sie. O seliger Tag! Tag der Befreiung aus entehrendem Joche! Übermorgen
fuhr sie nach ihrem »#Paris bien-aimé#«, zu ihren Verwandten, von denen sie
bei ihren alljährlichen Künstlerfahrten nach der Metropole der Intelligenz,
der Erfindungsgabe, des Geschmacks immer mit offenen Armen empfangen, von
denen sie verwöhnt, choyirt, adorirt wurde.
»Einen letzten Freundschaftsdienst erweisen Sie mir,« schloß sie. »Gehen
Sie zu Ihm --«
»Zu wem? --«
Sie senkte die Augen: »Zu Monsieur Weiß. Sagen Sie ihm, daß ich ihn
verachte und lieber sterben, als ihn auch nur einmal wiedersehen will. Sie
aber, #mon bon ami#, Sie kommen, übermorgen Lebewohl sagen der armen
Amélie.«
Er versprach, sich gewiß noch vor ihrer Abfahrt einzufinden, und ging
hinüber ins Bureau.
Der Chef stand vor dem Pulte, auf dem das Hauptbuch aufgeschlagen war und
beschäftigte sich damit, seine Ringe von einem Finger auf den andern zu
stecken und gründlich zu erwägen, auf welchem sie den schönsten Effekt
machten.
Brand kam mit sozusagen knirschenden Schritten auf ihn zu, bestellte die
Botschaft Madame Amélies und gab die Erklärung ab: »Auch wenn Ihre Frau
Gemahlin mich nicht dazu aufgefordert hätte, wäre ich gekommen, um Ihnen zu
sagen: Was ich thun konnte, um Sie in das Nichts zurückzustoßen, aus dem
eine Ihnen tausendfach überlegene Frau Sie in unbegreiflicher Verblendung
gerissen hat, das habe ich gethan.«
Weiß war anfangs äußerst betroffen und rathlos gewesen, sammelte sich aber
allmählich und suchte dem unerwarteten Angriff zu begegnen: »Zu gütig, zu
viel Ehre für uns. Inkommodiren sich ... mischen sich in unsere kleinen
ehelichen Zwistigkeiten.«
»Sie haben mich mißverstanden,« versetzte Brand. »Von kleinen Zwistigkeiten
ist nicht die Rede. Ihre Frau trennt sich von Ihnen, sie reist, sie begiebt
sich nach Paris, in den Schutz ihrer Familie.«
»So, sie reist? Allein, die Arme?« Eduard steckte seine Ringe definitiv auf
den kleinen Finger der linken Hand. Er war in den Wiederbesitz seiner
ganzen Dreistigkeit gelangt, hatte die Rolle gefunden, die er heute dem
»alten Hofmeister Brand« gegenüber spielen wollte, die des vielerfahrenen
Weltmanns. »Wird eine traurige Reise sein,« sagte er und stieß einen
leichten Seufzer durch die Nase aus.
»Und ein trauriges Zurückbleiben für Sie.«
»Vielleicht auch nicht. Wenn aber -- kann ich ja nachreisen. Kenne Paris
noch nicht, sehe mir's vielleicht an -- zur Abwechslung. Wir Männer lieben
die Abwechslung, sind einmal auf den Wechsel gestellt ... nicht alle. Es
giebt auch Ausnahmen, zum Beispiel Sie. Sie sind für die Tugend, für das
Väterliche.«
Er bebte zurück vor dem Blick, den Brand auf ihn richtete; er wich aus,
als dieser sich ihm um einen Schritt näherte, aber seine aufgestachelte
Frechheit errang doch den Sieg über seine Feigheit: »Seien Sie, wofür Sie
wollen und thun Sie nach Ihrem Belieben, Herr Rittmeister, ich thu' nach
dem meinen.« Seine Stimme wurde immer sicherer, die Finger der
ausgestreckten Hand spielten nachlässig mit dem Drücker der elektrischen
Glocke, die auf dem Schreibtische stand -- eine Bewegung, und Hülfe war da.
Herr Weiß durfte viel wagen, er war in guter Hut.
So fuhr er denn, seine Worte manchmal gewaltsam hervorstoßend, fort: »Jedes
Thierel hat sein Manierel, heißt's im Sprichwort: Das vergessen Sie immer,
Sie möchten den Katzen Flügel und den Vögeln Pfoten anerziehn. Lassen Sie
das bleiben, Herr Rittmeister, Sie plagen sich und ändern doch nichts,
lassen Sie die Katzen ungeschoren laufen und die Vögel ungeschoren
fliegen.«
»Herr,« erwiderte Brand, »die beklagenswerthe Thatsache, daß es
unverbesserliche Hallunken giebt, erschüttert mir nicht den Glauben an die
Macht der Erziehung.«
Er sprach diese Worte ganz ruhig, er wunderte sich selbst, wie ruhig er
geworden war und jetzt seiner Wege ging.
Da hatte er wieder eine Lektion bekommen: »Laß ihn, den Armen,« sagte sein
kleiner, lieber Junge. »Lassen Sie mich ungeschoren, Sie ändern doch nichts
an mir,« sagte Herr Eduard. Kam das nicht auf Eins heraus? War es nicht
dasselbe?
Dasselbe und nicht dasselbe, es ist ein Unterschied in der Qualität, wie
ein Unterschied ist zwischen dem Nichtwissen des Philosophen und der
Unwissenheit des Laffen, zwischen dem in ringender Qual geborenen Unglauben
des Denkers, und dem frechen Annichtsglauben des Galgenstricks.