XV.

Sophie kehrte in freudiger Stimmung heim. Sie war nicht erstaunt, Brand da

zu finden. Madame Amélie hatte ihr gesagt, daß er ihr abrathen werde, das

Anerbieten des Herrn Vernon anzunehmen, und:

»Einen einmal gefaßten Entschluß lang hinauszuschieben, liegt nicht in

Ihrer Art ... Aber denken Sie, jährlich zweitausend Gulden!«

Daß ihr Talent, ihre Thätigkeit so hoch angeschlagen wurden, erfüllte sie

mit einem wahren Glücksgefühl. Wenn sie auf den Vorschlag, den Amélie ihr

gemacht hatte, einging, war sie sorgenfrei, hatte die Möglichkeit, ihre

Kinder gut zu nähren und zu kleiden. »Erwägen Sie, was das heißt,« rief sie

aus.

»Es heißt viel,« versetzte Brand. »Sich aber täglich für zwölf Stunden von

ihnen trennen und sie der Obsorge der Dienerin überlassen, heißt mehr.«

»Pauline ist brav, und meine Kinder sind gehorsam. Georg hält sein Wort wie

ein Mann; ich weiß, was ich mir von ihm versprechen lasse, geschieht. Die

Trennung an jedem Morgen wird mir freilich schwer werden, aber was erträgt

man nicht, wenn man weiß, in zwei Jahren wird Alles besser. Und das wird

sein, denn ich darf jetzt hoffen, in zwei Jahren meine verpfändete Pension

eingelöst zu haben.«

»So haben Sie angenommen ...«

»Noch nicht Ich habe mir eine achttägige Bedenkzeit ausgebeten, obwohl

Madame Amélie anfänglich auf sofortiger Entscheidung bestand und den Grund

meines Zögerns durchaus kennen wollte. Ich konnte ihr ihn nicht sagen,

diesen einzigen Grund ... es ist unmöglich -- und auch vielleicht höchst

lächerlich ... In meinen Jahren sollte ich doch die Furcht vor der

Zudringlichkeit eines Frechlings überwinden können, der seine albernen

Späße gewiß einstellen würde, wenn ich den Muth fände, ihn einmal derb

abzuweisen.«

»Fragen Sie Pauline, welchen Spaß der Frechling sich eben erst machen

wollte,« sagte Brand und schilderte ihr kurz und lebhaft, was zwischen ihm

und Eduard vorgefallen war.

Sophie schüttelte den Kopf. Sie war mit seiner Handlungsweise nicht

einverstanden: ihr schien, daß er eine Unvorsichtigkeit begangen hatte,

eine Übereilung! Er und eine Übereilung! Wie kann man seinem Charakter so

untreu werden?

Dietrich suchte sich zu rechtfertigen. Er war mit den Gepflogenheiten des

Hauses schon bekannt genug, um zu wissen, daß um diese Stunde höchstens der

schwarze Kater sich im Hofe aufhielt. Pauline ist die Einzige, meinte er,

der man zu erklären braucht, wie so der Herr Chef zwar durch die Thür

herein, aber nicht mehr durch die Thür hinaus spazierte.

Sophie nahm den Hut ab und die altmodische Mantille, die sie sorgfältig

zusammenfaltete, damit das vielfach geflickte Futter nicht zum Vorschein

komme. Dann setzte sie sich an den Werktisch und fing an, eine Haube zu

montiren.

Sie saß am Fenster im vollen Lichte des sonnigen Tages und Dietrich ihr

gegenüber, den Blick unverwandt auf sie gerichtet. Ihre Wangen waren leicht

eingefallen, ein Zug von Schwermuth spielte um den Mund mit seinen etwas zu

blassen Lippen. Sie sah in diesem Augenblick nicht jünger aus als ihre

Jahre. Nur ihre schönen, kunstfertigen Hände waren ganz unverändert

geblieben und lösten mit bewunderungswürdigem Geschick und erstaunlicher

Leichtigkeit ihre heikle Aufgabe. Der kleine Finger der Rechten, der selbst

am Wenigsten leistete, schien der geistige Urheber all des Geleisteten zu

sein, schien zu prüfen, zu leiten, sanft gerundet Beifall zu spenden, jäh

ausgestreckt Bedenken zu erheben. Brand betrachtete ihn und hätte ihn

küssen mögen, bezwang sich aber und blieb regungslos; ein stiller

Beobachter, aus dem allmählich ein gekränkter wurde. Etwas von dem, was in

ihm vorging, hätte Sophie doch errathen müssen. War's möglich, daß der

Kampf, den er mit seinem übervollen Herzen kämpfte, von ihr unbemerkt

blieb? Nur absolute Gleichgültigkeit kann eine scharfsichtige und gütige

Frau so blind und grausam machen. Sophie war sich seiner Anwesenheit wohl

gar nicht mehr bewußt, sie hatte ihn vergessen über den Spitzen und

Bändern, aus denen sich immer deutlicher ein wunderhübsches,

kopfputzartiges Ding gestaltete, das sie nun in die Höhe hielt und aus

einiger Entfernung prüfend ansah.

»Nein, das könnt' ich nicht,« rief Dietrich plötzlich aus. Sie lachte:

»Das glaub' ich, daß Sie das nicht können.«

Er hatte aber etwas ganz Anderes gemeint. Er hatte gemeint: Ich könnte

einen Menschen, der mich liebt, der blutig bereut, mich nicht schon einst

geliebt zu haben wie jetzt, dem sein ganzes Leben und Alles, was er hat,

erst dann etwas werth würde, wenn er es mir darbringen dürfte, nicht so

neben mir sitzen lassen, ohne ihm ein Zeichen der Theilnahme zu geben.

Die Kinder waren zurückgekehrt. Man hörte sie in der Küche laut und eifrig

sprechen; Annerl lief herein und mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter

zu:

»Wir sind gefahren, so weit, so geschwind, in einem zugemachten Wagen. Und

Fräulein Julie sagt, wenn wir andere Kleider haben werden, werden wir in

einem offenen Wagen fahren. Und jetzt sind wir wieder da.«

Georg folgte der Schwester bald nach. Sein melancholisches Gesichtchen war

freudig belebt, aber der ihm ungewohnte Ausdruck erlosch plötzlich, er

richtete die dunkeln Augen finster auf Brand, zögerte einen Augenblick und

kehrte auf der Schwelle wieder um.

»Sehen Sie nun,« sprach Sophie, »so ist er. Daß er nicht Alles findet, wie

er sich's wahrscheinlich vorher ausgemalt hat; daß Sie da sind, daß Annerl

ihm zuvorgekommen ist mit ihrer Begrüßung, macht ihn unglücklich, verdirbt

ihm die Laune für den Rest des Tages. Ein anderes Kind würde man strafen.

Ich hab' es ja auch bei ihm mit Strenge versucht, aber immer bereut. Er

leidet zu viel darunter, die Strafe steht außer Verhältniß zu dem

Vergehen.«

Sie hatte die Kleine auf ihren Schoß gehoben, und das Kind umschlang den

Hals der Mutter mit beiden Ärmchen und war glückselig.

Brand hatte sich kerzengrade auf seinen Sessel aufgerichtet: »Gnädige

Frau,« sagte er, »ich wiederhole meine schon neulich gestellte Bitte:

Vertrauen Sie Ihren Sohn meiner Leitung an, überlassen Sie mir seine

Erziehung.«

Sophie erhob die Augen zu ihm, sah ihn dankbar an, aber sie schwieg.

»Thun Sie's,« fuhr Dietrich fort, »Georg soll es gut haben bei mir, es soll

ihm an nichts fehlen, auch nicht an weiblicher Pflege. Diese ließe ihm eine

höchst anständige Person zu Theil werden, Frau Magdalena Peters, die Mutter

meines Täuflings, Dietrich Peter Peters.«

»Sie haben Alles erwogen, ich seh's,« versetzte Sophie freundlich, ja

herzlich, und dennoch klang eine leise Ironie aus ihrem Tone. »Aber man

mag sich etwas Unbekanntes noch so deutlich vorstellen, wenn es in

Wirklichkeit an uns herantritt, überrascht es doch immer. Sie wissen nicht,

was Sie sich aufbürden wollen ... Ich habe es schon einmal gesagt -- ein

Kind, in ihrem gewiß schönen, musterhaft geführten Haushalt ...«

»_Ein_ Kind?« fiel er ihr ins Wort. »Zwanzig Kinder tummeln

sich wöchentlich einmal bei mir herum. Ich gebe Soiréen,

Erziehungs-Unterhaltungen ... Ihr Sohn ist feierlich geladen. Gestatten

Sie mir meinen Beruf auch an ihm zu erfüllen; es würde vielleicht nicht

ohne Nutzen für ihn sein. Für mich -- was freilich kaum in die Wagschale

fällt -- wäre es ganz gewiß ein Glück. Lassen wir's auf eine Probe

ankommen, gnädige Frau. Natürlich müßte ich vor Allem trachten, Georg an

mich zu gewöhnen, seine Zuneigung zu erringen. Ich würde am Liebsten

morgen schon den ersten Versuch machen und ihn abholen kommen zu einem

Spaziergang, wenn Sie es erlauben.«

»Gern, wie gern, und ich danke Ihnen.« Sie war verlegen und gerührt und

sprach mühsam: »Ich danke, und in einem Athem bitte ich auch ... Was die

Antwort betrifft, die Madame Vernon in acht Tagen von mir erwartet -- Herr

Rittmeister, da lassen Sie mich allein entscheiden. Rathen Sie nicht ab,

suchen Sie nicht, mich zu beeinflussen. Ich muß in dieser Sache ganz frei,

ganz nach eigener Einsicht handeln.«

»Wenn ich nicht abrathen darf«, erwiderte Brand schmerzlich, »darf ich Sie

während der Bedenkzeit, die Sie sich bedungen haben, nicht sehen, nicht

sprechen, denn sonst ...«

Er wurde durch das Eintreten Paulinens unterbrochen, die den Tisch decken

kam.

»Warten Sie,« rief Sophie ihr hastig entgegen und erröthete über und über;

sie wollte keinen Zeugen haben bei ihrer ärmlichen Mahlzeit.

Brand empfahl sich, und es that ihm bitter weh, daß ihr Abschiedswort

lautete:

»Auf Wiedersehen also, in acht Tagen.«

Unter dem Thore wurde er von der Hausmeisterin erwartet.

Sie schlich auf ihn zu, eine lächelnde Hyäne, warf einen spähenden Blick

in die Runde, konnte nirgends einen Lauscher entdecken, und sprach:

»Hob'n e'n beim Fenster 'nausg'schmiß'n! Recht is ihm g'scheg'n. Nur schod,

daß mer kein' dritt'n Stock hob'n.«

»Ich habe Niemanden zum Fenster hinausgeworfen,« erwiderte Brand.

»No, versteht si!« Sie lächelte verschmitzt, und jetzt erinnerte sie an ein

Krokodil. »Thon hoben's es nit, aber hundertmol verdient hätt's der Schuft,

der miserabliche. Schon von weg'n den jung'n Ding von do drib'n. So an

arm's jung's Ding. Die Eltern sein Schneidersleit', brave Leit', und 's

Mädl war a brav ... Bis der Schuft -- ober dös steht ihm no ins Haus, dös

wird sei Gnädige erfohren, ob s'es g'freit oder nit ... Jetzt'n hot er's

satt, dös arme Ding, und bandlet gern an mit uns'rer Frau von Miller. No

jo, so en einschichtigs Frauenzimmer wäre ihm holt commod, 's is a Glick,

daß der gnä' Herr zum Recht'n seg'n und ihn 'nauspfeffern.«

»Frau Hausbesorgerin, ich habe ihn nicht hinaus »gepfeffert«, ich habe ihn

ersucht, sich selbst an die frische Luft zu setzen,« sprach Brand ernst

und nachdrücklich.

»Wenn er nur g'setzt ist, wenn's 'n nur obg'schofft hob'n. Wie S'n

obg'schofft hob'n« -- sie fuhr mit dem Arme durch die Luft, als ob sie

etwas Schweres bei Seite bringen und für immer begraben wollte, und legte

dann betheuernd ihre Rechte auf die Brust: »Dös bleibt bei mir!«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 25 / 68 题