Sophie kehrte in freudiger Stimmung heim. Sie war nicht erstaunt, Brand da
zu finden. Madame Amélie hatte ihr gesagt, daß er ihr abrathen werde, das
Anerbieten des Herrn Vernon anzunehmen, und:
»Einen einmal gefaßten Entschluß lang hinauszuschieben, liegt nicht in
Ihrer Art ... Aber denken Sie, jährlich zweitausend Gulden!«
Daß ihr Talent, ihre Thätigkeit so hoch angeschlagen wurden, erfüllte sie
mit einem wahren Glücksgefühl. Wenn sie auf den Vorschlag, den Amélie ihr
gemacht hatte, einging, war sie sorgenfrei, hatte die Möglichkeit, ihre
Kinder gut zu nähren und zu kleiden. »Erwägen Sie, was das heißt,« rief sie
aus.
»Es heißt viel,« versetzte Brand. »Sich aber täglich für zwölf Stunden von
ihnen trennen und sie der Obsorge der Dienerin überlassen, heißt mehr.«
»Pauline ist brav, und meine Kinder sind gehorsam. Georg hält sein Wort wie
ein Mann; ich weiß, was ich mir von ihm versprechen lasse, geschieht. Die
Trennung an jedem Morgen wird mir freilich schwer werden, aber was erträgt
man nicht, wenn man weiß, in zwei Jahren wird Alles besser. Und das wird
sein, denn ich darf jetzt hoffen, in zwei Jahren meine verpfändete Pension
eingelöst zu haben.«
»So haben Sie angenommen ...«
»Noch nicht Ich habe mir eine achttägige Bedenkzeit ausgebeten, obwohl
Madame Amélie anfänglich auf sofortiger Entscheidung bestand und den Grund
meines Zögerns durchaus kennen wollte. Ich konnte ihr ihn nicht sagen,
diesen einzigen Grund ... es ist unmöglich -- und auch vielleicht höchst
lächerlich ... In meinen Jahren sollte ich doch die Furcht vor der
Zudringlichkeit eines Frechlings überwinden können, der seine albernen
Späße gewiß einstellen würde, wenn ich den Muth fände, ihn einmal derb
abzuweisen.«
»Fragen Sie Pauline, welchen Spaß der Frechling sich eben erst machen
wollte,« sagte Brand und schilderte ihr kurz und lebhaft, was zwischen ihm
und Eduard vorgefallen war.
Sophie schüttelte den Kopf. Sie war mit seiner Handlungsweise nicht
einverstanden: ihr schien, daß er eine Unvorsichtigkeit begangen hatte,
eine Übereilung! Er und eine Übereilung! Wie kann man seinem Charakter so
untreu werden?
Dietrich suchte sich zu rechtfertigen. Er war mit den Gepflogenheiten des
Hauses schon bekannt genug, um zu wissen, daß um diese Stunde höchstens der
schwarze Kater sich im Hofe aufhielt. Pauline ist die Einzige, meinte er,
der man zu erklären braucht, wie so der Herr Chef zwar durch die Thür
herein, aber nicht mehr durch die Thür hinaus spazierte.
Sophie nahm den Hut ab und die altmodische Mantille, die sie sorgfältig
zusammenfaltete, damit das vielfach geflickte Futter nicht zum Vorschein
komme. Dann setzte sie sich an den Werktisch und fing an, eine Haube zu
montiren.
Sie saß am Fenster im vollen Lichte des sonnigen Tages und Dietrich ihr
gegenüber, den Blick unverwandt auf sie gerichtet. Ihre Wangen waren leicht
eingefallen, ein Zug von Schwermuth spielte um den Mund mit seinen etwas zu
blassen Lippen. Sie sah in diesem Augenblick nicht jünger aus als ihre
Jahre. Nur ihre schönen, kunstfertigen Hände waren ganz unverändert
geblieben und lösten mit bewunderungswürdigem Geschick und erstaunlicher
Leichtigkeit ihre heikle Aufgabe. Der kleine Finger der Rechten, der selbst
am Wenigsten leistete, schien der geistige Urheber all des Geleisteten zu
sein, schien zu prüfen, zu leiten, sanft gerundet Beifall zu spenden, jäh
ausgestreckt Bedenken zu erheben. Brand betrachtete ihn und hätte ihn
küssen mögen, bezwang sich aber und blieb regungslos; ein stiller
Beobachter, aus dem allmählich ein gekränkter wurde. Etwas von dem, was in
ihm vorging, hätte Sophie doch errathen müssen. War's möglich, daß der
Kampf, den er mit seinem übervollen Herzen kämpfte, von ihr unbemerkt
blieb? Nur absolute Gleichgültigkeit kann eine scharfsichtige und gütige
Frau so blind und grausam machen. Sophie war sich seiner Anwesenheit wohl
gar nicht mehr bewußt, sie hatte ihn vergessen über den Spitzen und
Bändern, aus denen sich immer deutlicher ein wunderhübsches,
kopfputzartiges Ding gestaltete, das sie nun in die Höhe hielt und aus
einiger Entfernung prüfend ansah.
»Nein, das könnt' ich nicht,« rief Dietrich plötzlich aus. Sie lachte:
»Das glaub' ich, daß Sie das nicht können.«
Er hatte aber etwas ganz Anderes gemeint. Er hatte gemeint: Ich könnte
einen Menschen, der mich liebt, der blutig bereut, mich nicht schon einst
geliebt zu haben wie jetzt, dem sein ganzes Leben und Alles, was er hat,
erst dann etwas werth würde, wenn er es mir darbringen dürfte, nicht so
neben mir sitzen lassen, ohne ihm ein Zeichen der Theilnahme zu geben.
Die Kinder waren zurückgekehrt. Man hörte sie in der Küche laut und eifrig
sprechen; Annerl lief herein und mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter
zu:
»Wir sind gefahren, so weit, so geschwind, in einem zugemachten Wagen. Und
Fräulein Julie sagt, wenn wir andere Kleider haben werden, werden wir in
einem offenen Wagen fahren. Und jetzt sind wir wieder da.«
Georg folgte der Schwester bald nach. Sein melancholisches Gesichtchen war
freudig belebt, aber der ihm ungewohnte Ausdruck erlosch plötzlich, er
richtete die dunkeln Augen finster auf Brand, zögerte einen Augenblick und
kehrte auf der Schwelle wieder um.
»Sehen Sie nun,« sprach Sophie, »so ist er. Daß er nicht Alles findet, wie
er sich's wahrscheinlich vorher ausgemalt hat; daß Sie da sind, daß Annerl
ihm zuvorgekommen ist mit ihrer Begrüßung, macht ihn unglücklich, verdirbt
ihm die Laune für den Rest des Tages. Ein anderes Kind würde man strafen.
Ich hab' es ja auch bei ihm mit Strenge versucht, aber immer bereut. Er
leidet zu viel darunter, die Strafe steht außer Verhältniß zu dem
Vergehen.«
Sie hatte die Kleine auf ihren Schoß gehoben, und das Kind umschlang den
Hals der Mutter mit beiden Ärmchen und war glückselig.
Brand hatte sich kerzengrade auf seinen Sessel aufgerichtet: »Gnädige
Frau,« sagte er, »ich wiederhole meine schon neulich gestellte Bitte:
Vertrauen Sie Ihren Sohn meiner Leitung an, überlassen Sie mir seine
Erziehung.«
Sophie erhob die Augen zu ihm, sah ihn dankbar an, aber sie schwieg.
»Thun Sie's,« fuhr Dietrich fort, »Georg soll es gut haben bei mir, es soll
ihm an nichts fehlen, auch nicht an weiblicher Pflege. Diese ließe ihm eine
höchst anständige Person zu Theil werden, Frau Magdalena Peters, die Mutter
meines Täuflings, Dietrich Peter Peters.«
»Sie haben Alles erwogen, ich seh's,« versetzte Sophie freundlich, ja
herzlich, und dennoch klang eine leise Ironie aus ihrem Tone. »Aber man
mag sich etwas Unbekanntes noch so deutlich vorstellen, wenn es in
Wirklichkeit an uns herantritt, überrascht es doch immer. Sie wissen nicht,
was Sie sich aufbürden wollen ... Ich habe es schon einmal gesagt -- ein
Kind, in ihrem gewiß schönen, musterhaft geführten Haushalt ...«
»_Ein_ Kind?« fiel er ihr ins Wort. »Zwanzig Kinder tummeln
sich wöchentlich einmal bei mir herum. Ich gebe Soiréen,
Erziehungs-Unterhaltungen ... Ihr Sohn ist feierlich geladen. Gestatten
Sie mir meinen Beruf auch an ihm zu erfüllen; es würde vielleicht nicht
ohne Nutzen für ihn sein. Für mich -- was freilich kaum in die Wagschale
fällt -- wäre es ganz gewiß ein Glück. Lassen wir's auf eine Probe
ankommen, gnädige Frau. Natürlich müßte ich vor Allem trachten, Georg an
mich zu gewöhnen, seine Zuneigung zu erringen. Ich würde am Liebsten
morgen schon den ersten Versuch machen und ihn abholen kommen zu einem
Spaziergang, wenn Sie es erlauben.«
»Gern, wie gern, und ich danke Ihnen.« Sie war verlegen und gerührt und
sprach mühsam: »Ich danke, und in einem Athem bitte ich auch ... Was die
Antwort betrifft, die Madame Vernon in acht Tagen von mir erwartet -- Herr
Rittmeister, da lassen Sie mich allein entscheiden. Rathen Sie nicht ab,
suchen Sie nicht, mich zu beeinflussen. Ich muß in dieser Sache ganz frei,
ganz nach eigener Einsicht handeln.«
»Wenn ich nicht abrathen darf«, erwiderte Brand schmerzlich, »darf ich Sie
während der Bedenkzeit, die Sie sich bedungen haben, nicht sehen, nicht
sprechen, denn sonst ...«
Er wurde durch das Eintreten Paulinens unterbrochen, die den Tisch decken
kam.
»Warten Sie,« rief Sophie ihr hastig entgegen und erröthete über und über;
sie wollte keinen Zeugen haben bei ihrer ärmlichen Mahlzeit.
Brand empfahl sich, und es that ihm bitter weh, daß ihr Abschiedswort
lautete:
»Auf Wiedersehen also, in acht Tagen.«
Unter dem Thore wurde er von der Hausmeisterin erwartet.
Sie schlich auf ihn zu, eine lächelnde Hyäne, warf einen spähenden Blick
in die Runde, konnte nirgends einen Lauscher entdecken, und sprach:
»Hob'n e'n beim Fenster 'nausg'schmiß'n! Recht is ihm g'scheg'n. Nur schod,
daß mer kein' dritt'n Stock hob'n.«
»Ich habe Niemanden zum Fenster hinausgeworfen,« erwiderte Brand.
»No, versteht si!« Sie lächelte verschmitzt, und jetzt erinnerte sie an ein
Krokodil. »Thon hoben's es nit, aber hundertmol verdient hätt's der Schuft,
der miserabliche. Schon von weg'n den jung'n Ding von do drib'n. So an
arm's jung's Ding. Die Eltern sein Schneidersleit', brave Leit', und 's
Mädl war a brav ... Bis der Schuft -- ober dös steht ihm no ins Haus, dös
wird sei Gnädige erfohren, ob s'es g'freit oder nit ... Jetzt'n hot er's
satt, dös arme Ding, und bandlet gern an mit uns'rer Frau von Miller. No
jo, so en einschichtigs Frauenzimmer wäre ihm holt commod, 's is a Glick,
daß der gnä' Herr zum Recht'n seg'n und ihn 'nauspfeffern.«
»Frau Hausbesorgerin, ich habe ihn nicht hinaus »gepfeffert«, ich habe ihn
ersucht, sich selbst an die frische Luft zu setzen,« sprach Brand ernst
und nachdrücklich.
»Wenn er nur g'setzt ist, wenn's 'n nur obg'schofft hob'n. Wie S'n
obg'schofft hob'n« -- sie fuhr mit dem Arme durch die Luft, als ob sie
etwas Schweres bei Seite bringen und für immer begraben wollte, und legte
dann betheuernd ihre Rechte auf die Brust: »Dös bleibt bei mir!«