XIV.

Der nächste Vormittag traf Dietrich auf dem Wege zu Frau von Müller. Er

wollte sie in Kenntniß des Anerbietens setzen, das Madame Vernon ihr machen

werde, und sie bitten, es abzuweisen.

Minutenlang ließ man ihn heute vor der Thür warten. Er läutete mehrere Male

diskret und geduldig nach entsprechenden Zwischenpausen. Ihm kam vor, als

ob er in der Küche flüstern, leise Schritte über die Steinplatten gleiten

hörte, als ob eine Thür möglichst geräuschlos geöffnet und wieder

geschlossen würde.

Endlich hob sich der Zipfel des weißen Vorhanges. Die Dienerin erschien am

Fenster und fuhr beim Anblick Brand's erschrocken zurück.

»Was ist? was giebt's? Machen Sie doch auf!« rief er laut und beunruhigt.

Noch eine Weile zögerte sie, öffnete aber endlich doch und stand vor dem

Eintretenden, sie die brave, in Ehren ergraute Magd, verwirrt, mit unstät

flackernden Blicken, mit glühenden Wangen, ein Bild des schlechten

Gewissens. »Niemand zu Hause,« stotterte sie und sah dabei schief und

verstört nach einem Gegenstande hinüber, der auf dem Küchenbrette lag neben

einem kleinen Krater aus Mehl, in den sie ein Eigelb eingebettet hatte.

Dieser Gegenstand war eine Zehnguldennote.

»Sie lügen schlecht,« sprach Brand. »Ja, was Hänschen nicht lernt, meine

liebe ... Darf ich um Ihren werthen Namen bitten?«

»Pauline, zu dienen.«

»Meine liebe Pauline. Die gnädige Frau mag nicht zu Hause sein, aber jemand

Anderer ist da bei Ihnen. O, Pauline, in Ihrem -- ich will sagen in unserem

Alter -- in Abwesenheit der gnädigen Frau, und mitten im Kochen!«

»Herr Rittmeister, Jesus Maria, was glauben Sie von mir? Ich weiß nicht,

was ich thun soll, ich weiß nicht, was ich sagen soll ...«

»Die Wahrheit, Pauline. Wer ist da, wen verstecken Sie?«

»Ich verstecke ihn nicht, er versteckt sich selbst. Ich weiß nicht, warum.

Er hat mir befohlen, zu sagen, daß Niemand zu Hause ist, wenn wer Anderer

kommt, als die gnädige Frau, und er muß auf sie warten und muß mit ihr

sprechen in Geschäften.«

»Er hat befohlen? Wer hat Ihnen etwas zu befehlen?«

»Der Herr Chef, Herr Jesus! Er ist der Chef. Der gnädige Herr Chef wird

doch etwas zu befehlen haben. Er kann uns Alle brotlos machen, sagt er.«

»Brotlos machen, so? Nun, meine Liebe, ich habe Ihnen zwar nichts zu

befehlen, aber _rathen_ möchte ich Ihnen ...«

Herr Jesus! dieser Rath war in einer Manier gegeben, viel fürchterlicher

als die des Chefs, Befehle zu ertheilen. Fast hätte die arme Pauline

aufgeschrieen.

»Seien Sie still und kochen Sie ruhig weiter, das ist mein Rath. Und dieses

Geld« -- Brand wies auf die Banknote -- »dieses Sündengeld ...«

»Sündengeld?« -- Jetzt war ihr Gekreische nicht mehr zu unterdrücken: »Ich

mag's nicht, ich hab's nicht angerührt. Nehmen Sie's, gnädiger Herr, geben

Sie's zurück.«

»Gut, vortrefflich.« Brand steckte das Geld zu sich und trat ins Atelier.

Aber da war Niemand.

Der Elende hatte sich weiter zurückgezogen, ins Zimmer nebenan -- Gnade ihm

Gott! -- ins Schlafzimmer Sophiens. Dietrich ging auf die Thür zu, eine

niedere Thür ohne Schloß, drückte die Klinke, und stand in dem Zimmer, in

dem die Geliebte, ja, ja, die Vielgeliebte! ausruhte von den Mühen des

Tages.

Ein armes, schmales, grau getünchtes Stübchen. An der kurzen Wand, dem

geöffneten Fenster gegenüber, stand ein mit einem rothen Kotzen zugedecktes

eisernes Bett, ziemlich dicht daneben ein alter, kleiner Ofen, und zwischen

diesem und dem Bett war Herr Weiß eingeklemmt und machte verzweifelte

Anstrengungen, sich, immer tiefer niederkauernd, zu verstecken. Ein

lächerliches Unternehmen, von dem nur Einer, der vor Angst den Kopf

verloren hat, glücklichen Erfolg erwarten konnte.

Brand betrachtete ihn mit durchbohrender Verachtung. »Kommen Sie doch

hervor,« sagte er, »Sie demoliren noch den Ofen.«

Der Rittmeister spaßte. Unerwartetes Glück! da konnte ja auch Herr Weiß

spaßen. Er richtete sich auf, glättete seinen Rock, seine Weste, lachte

gequält und stotterte mit unverfälschtem Galgenhumor: »Ha, ha, Überraschung

über Überraschung -- Sie verderben mir eine Überraschung ... Ich wollte --

ja, wollte im Auftrage meiner Frau ...«

Brand hatte den Blick von ihm ab und auf einen eleganten Cylinder gewendet,

der auf dem Bette lag: »Sie haben Ihren Hut in unpassender Art abgelegt,

nehmen Sie ihn wieder auf!« sprach er gebieterisch, und Eduard brachte nur

ein: »O Pardon!« heraus und gehorchte.

Brand stellte einen Sessel, den einzigen, der da war, vor die geschlossene

Thür, setzte sich und kreuzte die Arme.

Weiß sah ihm mit bangen Gefühlen zu. »Was beliebt Ihnen eigentlich?« fragte

er, Schlimmes ahnend, aber bemüht, einen »legeren Ton« anzunehmen. »Sollen

wir Frau von Müller hier erwarten?«

»_Wir_ nicht. Sie gehen gleich, das heißt, Sie springen -- da hinaus.«

Verwirrte die Furcht Eduards Sinne oder streckte der entsetzliche Brand

jetzt wirklich den Arm aus, gegen das Fenster?

Er war ganz Kraft, ganz Wille, dieser ehemalige Rittmeister. Unerbittliche

Entschlossenheit funkelte aus den tiefliegenden Augen, und um den Mund mit

den fest aufeinander gepreßten Lippen hatte ein Zug sich gebildet --

dieselben scharfen Furchen mochten sich, wie mit dem Grabstichel in Erz

gezeichnet, von den Mundwinkeln herab gezogen haben, damals, als er die

Pistole hob, um den Obersten durch und durch zu schießen ... In Eduard

stieg ein einziger, heißer Wunsch auf, der alle anderen Wünsche verschlang,

der Wunsch, aus der Nähe dieses gefährlichen Menschen zu kommen.

»Ich empfehle mich,« sagte er, »bitte nur, mir Platz zu machen.«

»Dort ist Platz genug,« versetzte Brand. Und wieder die entsetzliche

Gebärde. »Frau von Müller kann jeden Augenblick nach Hause kommen, und ich

will ihr das Mißvergnügen, Ihnen zu begegnen, ersparen. Deshalb gehen Sie

nicht über die Stiege, sondern springen aus dem Fenster, wenn Sie es nicht

vorziehen, hinaus geworfen zu werden. Sie nehmen auch Ihr Eintrittsgeld

mit ...« Er hielt ihm die Banknote hin, die Eduard in rathloser Bestürzung

einsteckte. »Wenn ich bedenke, daß Sie sich erfrecht haben, Eintrittsgeld

zu zahlen ...«

»Herr Rittmeister, Sie verkennen meine Absichten, ich versichere Ihnen auf

Ehre ...«

»Reden Sie nicht von Ehre!« rief Brand. »Ich habe auch Nerven, ich kann

manche Worte von manchen Leuten nicht aussprechen hören. -- Springen Sie!«

Wieder streckte er den Arm aus, und Eduard überlief's.

Was thun? Sich mit dem Fürchterlichen in einen Ringkampf einlassen -- der

wahnsinnige Gedanke kam ihm, doch verwarf er ihn sogleich und stotterte:

»Es giebt eine Polizei --«

»Nicht in der Nähe. Wenn Sie rufen, kommt höchstens die Hausmeisterin.«

»Die nicht! die nicht!« Vor der graute ihm offenbar -- was mochte es

gegeben haben zwischen ihr und ihm?

Helle Tropfen perlten auf seiner Stirn. Er näherte sich dem Fenster. Ein

Blick, den er in den Garten hinabwarf, beruhigte ihn einigermaßen; es war

ein geringes Wagniß, das von ihm gefordert wurde. Nur eine abscheuliche

Verletzung der Eitelkeit, niederträchtig beschämend. Aber da kam Hülfe in

der Noth, da hatte er einen rettenden Einfall. Der Spieß ließ sich umdrehen

und dem Beschützer Sophiens ins väterliche Herz stoßen.

»Wenn ich's thu', thu' ich's, weil ich's will, weil's mir einen Jux macht,«

sprach er munter, »weil's flott ist, weil's fesch ist. Mich braucht's nicht

zu tangiren, wenn man mich aus dem Schlafzimmerfenster der Frau von Müller

springen sieht.«

»Keine Gefahr. Die unteren Fenster sind blind, und der zweite Stock ist

unbewohnt. Man läutet. Nun, wird's?«

»Aus Jux thu' ich's -- merken Sie sich das ...« Er hatte sich auf das

Fensterbrett gesetzt und die Füße hinaufgezogen; er sah, daß Brand aufstand

und auf ihn zukam. Nein, nein! das verbat er sich -- Nachhülfe war

überflüssig. Hastig erhob er die Hände zur Abwehr, verlor das

Gleichgewicht, fuchtelte, einen Stützpunkt suchend, in der Luft herum, und

plumpste kopfüber hinaus.

Brand trat ans Fenster und sah ihn auf dem Boden liegen, und gar nicht

»fesch«, gar nicht »flott«, mit blöd aufgerissenen Augen zum blauen Himmel

empor starren. Er war tief eingesunken in ein frisch rigoltes Beet, das zur

Aufnahme schöner Blumen und nicht zu der eines solchen Klotzes bestimmt

war. Dietrich warf ihm seinen Cylinder nach, den er vergessen hatte, und

konnte nicht umhin, einen neuen Mangel in der Erziehung dieses Herrn zu

rügen:

»Wenn er voltigiren gelernt hätte, wie ganz anders wäre er da unten

angekommen.«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 24 / 68 题