Zu Hause fand er ein nach Veilchen duftendes Billet von Madame Amélie. Sie
bat ihn für denselben Abend zum Thee, im »#tête à trois#« mit ihr und ihrem
Gatten. Es handle sich um eine wichtige, Frau von Müller betreffende
Angelegenheit, die sie mit ihm besprechen wollten.
Die Eheleute empfingen Brand in einer traulichen Ecke des Salons, an einem
elegant gedeckten Tischchen. Das beste Einvernehmen herrschte heute
zwischen ihnen; sie waren wie Liebende, die nach kurzem Zerwürfniß ein
großartiges Versöhnungsfest gefeiert haben. Amélie strahlte vor Hingebung,
Wonne, Zärtlichkeit; Eduard neigte sich ihr gütig und milde zu. Er hatte
Unrecht erfahren und verschmerzt, und ließ nun das Licht seiner Huld
leuchten über der reuigen, wieder in Gnaden aufgenommenen Sünderin.
»Meine Frau und ich,« begann er nach dem ersten Austausch von
Höflichkeiten, »kennen das väterliche Interesse, das Sie an Frau von Müller
nehmen, Herr Rittmeister ...«
»Ich bin nicht mehr Rittmeister.«
»Das Sie, Herr von Brand ...«
»Ich bin nicht Herr von und kann Ihnen das Recht nicht zugestehen, mich zu
adeln.«
Ein Ausdruck des Unmuths verzog die schönen Lippen Eduards; er war aber
entschlossen, sich dieses Mal durch den bärbeißigen Pedanten nicht aus dem
Gleichgewicht bringen zu lassen. »Herr Brand also,« fuhr er mit erhöhter
Patzigkeit fort, wir zweifeln auch nicht, daß Sie, als der beste Freund des
verstorbenen Majors, Einfluß auf seine Wittwe haben, und wollen Sie
ersuchen, ihn zu Gunsten der Proportionen anzuwenden, die wir dieser
Dame ...« Er wollte sagen: »machen wollen,« das schien ihm aber zu
gewöhnlich, und so sagte er: »proponiren wollen.«
Er hatte aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß das Haus Bauer, das sich
schon seit längerer Zeit bemühte, Madame Amélie Konkurrenz zu machen,
»Konkurrenz dieser Frau, dieser genialen Frau, lächerlich, nicht wahr?« --
Frau von Müller durch glänzende Anerbietungen für sich zu gewinnen suche:
»Die Dame ist natürlich viel zu fein, um uns gegenüber ein Wort darüber zu
verlieren. Wir aber wollen ihre Noblesse nicht mißbrauchen. Wir gedenken
vielmehr sie so zu stellen, daß sie sich zu ihrem eigenen Vortheil für
immer an uns fesseln lasse.«
»Propositionen proponiren -- sie so zu stellen, daß sie sich fesseln lasse?
Merkwürdig, murmelte Brand und war voll Mißtrauen. Wenn die Unbildung
Phrasen drechselte, war sie ihm vollends ein Greuel.
Amélie nickte ihrem Manne beifällig zu, und er sprach ihr durch einen Blick
seine Anerkennung ihrer Anerkennung aus.
Dann entwickelte das Ehepaar den Plan, den es gemeinsam »verfaßt« hatte,
wie Eduard sich gewählt ausdrückte. Das Geschäft sollte in zwei Ressorts
getheilt werden, Konfektion und Putzwaaren. An der Spitze des ersten blieb
Fräulein Julie, an die Spitze des zweiten sollte Frau von Müller treten.
Von eigentlicher Arbeit wurde sie entlastet, sie hatte die der Anderen zu
überwachen und nur hier und da »#un coup de main#« zu geben. Ihre
Erfindungsgabe, ihr Geschmack können sich in viel höherem Maße bethätigen,
indem sie ihren Glanz über das große Ganze verbreiten, statt zur
Herstellung einzelner »#bijoux#« zu dienen. Als Besoldung wurden
zweitausend Gulden geboten, bei außerordentlichen Gelegenheiten, zu Beginn
der Herbst- und Frühjahrssaison zum Beispiel, wenn die Bestellungen sich
häuften, auch außerordentliche Remunerationen. Die Atelierstunden waren die
zwischen acht Uhr Morgens und acht Uhr Abends mit entsprechenden Ruhepausen
für die Mahlzeiten. Nur wenn es, wie schon gesagt, ungewöhnlich viel zu
thun gab, wurden die Damen bis Mitternacht, wohl auch bis ein Uhr im
Atelier festgehalten.
»Und dann können die Damen nach Hause laufen bei Nacht?« fragte Brand mit
Schärfe.
»Ja, Monsieur,« erwiderte Madame Amélie, die von ihm ein ganz anderes
Entgegenkommen erwartet hatte, »Equipagen kann ich ihnen nicht halten.«
»Nun, gnädige Frau, aufrichtig gestanden, ich werde Frau von Müller
abrathen, auf den von Ihnen gewiß sehr gut gemeinten Antrag einzugehen.«
»Warum?« Amélie wechselte einen verständnißinnigen Blick mit ihrem Manne.
Er hatte die Augen zum Kronleuchter erhoben, als ob er von dort Stärkung
seiner hartgeprüften Langmuth erflehen wollte, und dabei einen leichten
Seufzer ausgestoßen.
»Ah -- ich errathe Alles -- ich weiß?« Sie lachte und zeigte dabei ihre
gesunden und noch ganz kompletten Zähne: »Eduard hat mir erzählt. Sie waren
neulich Zeuge eines Scherzes, den er sich mit Madame Müller erlaubte, um
sie ein wenig zu quälen. O die Männer sind immer grausam, am grausamsten
aber doch, wenn sie lieben,« setzte sie hinzu und sah dabei ihrem Mann
jämmerlich kokett in die Augen.
Der abgefeimte Racker hat das Prävenire gespielt, dachte Brand und benahm
sich so borstig, daß er an diesem Abend das Wohlwollen Madame Vernons
beinahe eingebüßt hätte.
Als er fortgegangen war, brach Eduard in Lachen aus:
»Wir haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.«
»Wieso?«
»Du fragst, kannst fragen? O, was habe ich für eine liebe, geniale, blinde
Frau!... Er will nicht, daß jemand Anderer dieser Müller ein »Sort« mache,
er will selbst ihr »Sort« sein ... O, er hat die gediegensten Absichten, er
will sie heirathen.«
»Was Dir einfällt -- der alte Herr.«
»Ist nicht so alt, kommt nur Dir so vor, bist halt verwöhnt durch den
Anblick Deines Mannes,« schäkerte er. »Aber weißt Du was? wir spielen ihm
einen Streich.«
»Warum denn? er hat uns ja nichts gethan.«
»Ich, ich bin eifersüchtig auf ihn,« rief Eduard in bezauberndem Übermuthe.
Madame Amélie war denn auch bezaubert.
»Wenn wir ihr nicht helfen von ihrer Armuth, entschließt sie sich am Ende
und nimmt ihn und geht an seiner Seite in die ewige Langeweile. Mir könnte
das zwar sehr gleichgültig sein, denn, wie Du weißt, ich mag sie nicht,
aber ein Schaden fürs Geschäft wär's, wenn wir sie verlieren würden.
Deshalb, Schatz, wollen wir die Müller so stellen, daß sie seine Wohlthaten
nicht braucht. Ich bitte Dich, schicke ihr morgen in aller Frühe einen
Boten. Jetzt wär's zu spät, jetzt schläft schon Alles bei ihr im Hause. Sie
gehen ja dort zur Ruhe zugleich mit den Hühnern in ihrem Hofe.«
»Woher weißt Du, daß es Hühner giebt in ihrem Hof?« fragte Amélie rasch in
einer Anwandlung von Mißtrauen. Eduard aber erwiderte ganz unbefangen:
»Ich bin einmal dort vorbeigekommen. Also schreibe heute noch und bescheide
sie für morgen Mittag zu Dir. Sei vielleicht ganz besonders liebenswürdig
und lade sie ein, die Kinder mitzunehmen. Denen machen wir einen guten Tag
und schicken sie mit Fräulein Julie zu Wagen in den Prater. Bist Du dafür,
mein Herz, mein geliebtes?«
Wenn er sagte: »Mein Herz, mein geliebtes,« war sie verloren und hatte
keinen Willen mehr als den seinen. Ja, ja, Alles, was er bestimmte, sollte
geschehen. Ihn ergriff eine tolle Lustigkeit, er nahm seine dicke Frau in
die Arme und tanzte mit ihr im Zimmer herum.