XIII.

Zu Hause fand er ein nach Veilchen duftendes Billet von Madame Amélie. Sie

bat ihn für denselben Abend zum Thee, im »#tête à trois#« mit ihr und ihrem

Gatten. Es handle sich um eine wichtige, Frau von Müller betreffende

Angelegenheit, die sie mit ihm besprechen wollten.

Die Eheleute empfingen Brand in einer traulichen Ecke des Salons, an einem

elegant gedeckten Tischchen. Das beste Einvernehmen herrschte heute

zwischen ihnen; sie waren wie Liebende, die nach kurzem Zerwürfniß ein

großartiges Versöhnungsfest gefeiert haben. Amélie strahlte vor Hingebung,

Wonne, Zärtlichkeit; Eduard neigte sich ihr gütig und milde zu. Er hatte

Unrecht erfahren und verschmerzt, und ließ nun das Licht seiner Huld

leuchten über der reuigen, wieder in Gnaden aufgenommenen Sünderin.

»Meine Frau und ich,« begann er nach dem ersten Austausch von

Höflichkeiten, »kennen das väterliche Interesse, das Sie an Frau von Müller

nehmen, Herr Rittmeister ...«

»Ich bin nicht mehr Rittmeister.«

»Das Sie, Herr von Brand ...«

»Ich bin nicht Herr von und kann Ihnen das Recht nicht zugestehen, mich zu

adeln.«

Ein Ausdruck des Unmuths verzog die schönen Lippen Eduards; er war aber

entschlossen, sich dieses Mal durch den bärbeißigen Pedanten nicht aus dem

Gleichgewicht bringen zu lassen. »Herr Brand also,« fuhr er mit erhöhter

Patzigkeit fort, wir zweifeln auch nicht, daß Sie, als der beste Freund des

verstorbenen Majors, Einfluß auf seine Wittwe haben, und wollen Sie

ersuchen, ihn zu Gunsten der Proportionen anzuwenden, die wir dieser

Dame ...« Er wollte sagen: »machen wollen,« das schien ihm aber zu

gewöhnlich, und so sagte er: »proponiren wollen.«

Er hatte aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß das Haus Bauer, das sich

schon seit längerer Zeit bemühte, Madame Amélie Konkurrenz zu machen,

»Konkurrenz dieser Frau, dieser genialen Frau, lächerlich, nicht wahr?« --

Frau von Müller durch glänzende Anerbietungen für sich zu gewinnen suche:

»Die Dame ist natürlich viel zu fein, um uns gegenüber ein Wort darüber zu

verlieren. Wir aber wollen ihre Noblesse nicht mißbrauchen. Wir gedenken

vielmehr sie so zu stellen, daß sie sich zu ihrem eigenen Vortheil für

immer an uns fesseln lasse.«

»Propositionen proponiren -- sie so zu stellen, daß sie sich fesseln lasse?

Merkwürdig, murmelte Brand und war voll Mißtrauen. Wenn die Unbildung

Phrasen drechselte, war sie ihm vollends ein Greuel.

Amélie nickte ihrem Manne beifällig zu, und er sprach ihr durch einen Blick

seine Anerkennung ihrer Anerkennung aus.

Dann entwickelte das Ehepaar den Plan, den es gemeinsam »verfaßt« hatte,

wie Eduard sich gewählt ausdrückte. Das Geschäft sollte in zwei Ressorts

getheilt werden, Konfektion und Putzwaaren. An der Spitze des ersten blieb

Fräulein Julie, an die Spitze des zweiten sollte Frau von Müller treten.

Von eigentlicher Arbeit wurde sie entlastet, sie hatte die der Anderen zu

überwachen und nur hier und da »#un coup de main#« zu geben. Ihre

Erfindungsgabe, ihr Geschmack können sich in viel höherem Maße bethätigen,

indem sie ihren Glanz über das große Ganze verbreiten, statt zur

Herstellung einzelner »#bijoux#« zu dienen. Als Besoldung wurden

zweitausend Gulden geboten, bei außerordentlichen Gelegenheiten, zu Beginn

der Herbst- und Frühjahrssaison zum Beispiel, wenn die Bestellungen sich

häuften, auch außerordentliche Remunerationen. Die Atelierstunden waren die

zwischen acht Uhr Morgens und acht Uhr Abends mit entsprechenden Ruhepausen

für die Mahlzeiten. Nur wenn es, wie schon gesagt, ungewöhnlich viel zu

thun gab, wurden die Damen bis Mitternacht, wohl auch bis ein Uhr im

Atelier festgehalten.

»Und dann können die Damen nach Hause laufen bei Nacht?« fragte Brand mit

Schärfe.

»Ja, Monsieur,« erwiderte Madame Amélie, die von ihm ein ganz anderes

Entgegenkommen erwartet hatte, »Equipagen kann ich ihnen nicht halten.«

»Nun, gnädige Frau, aufrichtig gestanden, ich werde Frau von Müller

abrathen, auf den von Ihnen gewiß sehr gut gemeinten Antrag einzugehen.«

»Warum?« Amélie wechselte einen verständnißinnigen Blick mit ihrem Manne.

Er hatte die Augen zum Kronleuchter erhoben, als ob er von dort Stärkung

seiner hartgeprüften Langmuth erflehen wollte, und dabei einen leichten

Seufzer ausgestoßen.

»Ah -- ich errathe Alles -- ich weiß?« Sie lachte und zeigte dabei ihre

gesunden und noch ganz kompletten Zähne: »Eduard hat mir erzählt. Sie waren

neulich Zeuge eines Scherzes, den er sich mit Madame Müller erlaubte, um

sie ein wenig zu quälen. O die Männer sind immer grausam, am grausamsten

aber doch, wenn sie lieben,« setzte sie hinzu und sah dabei ihrem Mann

jämmerlich kokett in die Augen.

Der abgefeimte Racker hat das Prävenire gespielt, dachte Brand und benahm

sich so borstig, daß er an diesem Abend das Wohlwollen Madame Vernons

beinahe eingebüßt hätte.

Als er fortgegangen war, brach Eduard in Lachen aus:

»Wir haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.«

»Wieso?«

»Du fragst, kannst fragen? O, was habe ich für eine liebe, geniale, blinde

Frau!... Er will nicht, daß jemand Anderer dieser Müller ein »Sort« mache,

er will selbst ihr »Sort« sein ... O, er hat die gediegensten Absichten, er

will sie heirathen.«

»Was Dir einfällt -- der alte Herr.«

»Ist nicht so alt, kommt nur Dir so vor, bist halt verwöhnt durch den

Anblick Deines Mannes,« schäkerte er. »Aber weißt Du was? wir spielen ihm

einen Streich.«

»Warum denn? er hat uns ja nichts gethan.«

»Ich, ich bin eifersüchtig auf ihn,« rief Eduard in bezauberndem Übermuthe.

Madame Amélie war denn auch bezaubert.

»Wenn wir ihr nicht helfen von ihrer Armuth, entschließt sie sich am Ende

und nimmt ihn und geht an seiner Seite in die ewige Langeweile. Mir könnte

das zwar sehr gleichgültig sein, denn, wie Du weißt, ich mag sie nicht,

aber ein Schaden fürs Geschäft wär's, wenn wir sie verlieren würden.

Deshalb, Schatz, wollen wir die Müller so stellen, daß sie seine Wohlthaten

nicht braucht. Ich bitte Dich, schicke ihr morgen in aller Frühe einen

Boten. Jetzt wär's zu spät, jetzt schläft schon Alles bei ihr im Hause. Sie

gehen ja dort zur Ruhe zugleich mit den Hühnern in ihrem Hofe.«

»Woher weißt Du, daß es Hühner giebt in ihrem Hof?« fragte Amélie rasch in

einer Anwandlung von Mißtrauen. Eduard aber erwiderte ganz unbefangen:

»Ich bin einmal dort vorbeigekommen. Also schreibe heute noch und bescheide

sie für morgen Mittag zu Dir. Sei vielleicht ganz besonders liebenswürdig

und lade sie ein, die Kinder mitzunehmen. Denen machen wir einen guten Tag

und schicken sie mit Fräulein Julie zu Wagen in den Prater. Bist Du dafür,

mein Herz, mein geliebtes?«

Wenn er sagte: »Mein Herz, mein geliebtes,« war sie verloren und hatte

keinen Willen mehr als den seinen. Ja, ja, Alles, was er bestimmte, sollte

geschehen. Ihn ergriff eine tolle Lustigkeit, er nahm seine dicke Frau in

die Arme und tanzte mit ihr im Zimmer herum.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 23 / 68 题