XII.

Bei seinem nächsten Besuche fand er sie allein. Sie hatte die Dienerin mit

den Kindern ausgeschickt und gönnte sich nach den Anstrengungen der letzten

Tage einige Stunden Ruhe. Sie lud ihn ein, am offenen Fenster Platz zu

nehmen, und machte ihn aufmerksam auf die Schönheit eines jungen

Kastanienbaumes, der über und über mit Blüthen bedeckt war. An dem Garten

hatte sie ihre Freude, und nur sie und ihre Kinder durften ihn den Sommer

über benützen, mit Erlaubniß des Hausherrn, der sich jetzt auf dem Lande

befand. Der Garten wurde vortrefflich gehalten von guten und höflichen

Leuten, und man konnte sich in ihm so frei bewegen wie im Zimmer, denn er

war nur von Feuermauern umgeben.

Das Alles erzählte sie ihm ein bißchen unsicher und hastig, wie Jemand, der

sich frägt, während er zu einem Andern spricht: Interessirt es Dich auch?

Und er wieder war froh, daß sie es übernommen hatte, die Konversation

einzuleiten; er hätte nicht gewußt, wie das anfangen.

Sophie fuhr fort: »Sehen Sie, daran, daß ich so dasitzen kann mit den

Händen im Schoß und hinaussehen auf dieses kleine Stückchen Natur, und

davon einen Genuß habe, daran erkenne ich das Herannahen des Alters. In

meiner Jugend war ich viel zu fleißig und auch viel zu sehr mit mir selbst

beschäftigt, um mich in müßige Bewunderung der Außenwelt versenken zu

können, und dazu hätte es in unserem schönen, alten Garten doch mehr

Gelegenheit gegeben als hier.«

Brand blickte sie gerührt an, erwiderte einiges herzlich Unbedeutende und

fing jeden Satz mit einem so durchdrungenen: »Verzeihen Sie« an, daß sie

sich eines Lächelns nicht zu erwehren vermochte und endlich mit munterer

Entschlossenheit sprach:

»Lieber Herr Rittmeister, Sie haben ein Schuldgefühl gegen mich, und davon

will ich Sie befreien und zugestehen, daß ich Ihnen gegenüber im gleichen

Falle bin. Ich habe ein Unrecht gegen Sie begangen.«

»Wirklich,« rief er freudig, »wenn ich ... wenn Sie ... Wie sieht das

Unrecht aus?«

»Sie sind gut und theilnehmend gewesen, haben mir Hülfe bringen wollen, und

ich -- nicht daß ich ablehnte, das würde ich wieder thun, aber die Art, in

der ich's that, reut mich, und nicht erst jetzt, sie hat mich sogleich

gereut und ich bitte ...«

»Bitten Sie nicht,« rief er aus, »beschämen Sie mich nicht zu tief.

Erweisen Sie mir lieber eine Gnade, würdigen Sie mich Ihres Vertrauens.

Sagen Sie mir, ob Sie in diesem Augenblick doch so ziemlich, doch halbwegs

sorgenfrei ...«

»Meine drückendste Sorge,« erwiderte sie rasch, »ist jetzt die um Georg.

Was soll aus ihm werden? Er ist zu schwächlich, um die Schule regelmäßig

besuchen zu können; seine wohlwollendsten Lehrer rathen mir, ihn zu Hause

unterrichten zu lassen. Ich habe das bisher selbst besorgt, und er hat es

mir leicht gemacht. Aber wie lange werden meine Kenntnisse ausreichen, um

einen Knaben zu unterrichten? Und den Umgang mit anderen Kindern völlig

entbehren müssen -- wie nachtheilig ist das für ihn, er wird immer mehr in

sich gekehrt und weltfremd.«

»Gnädige Frau,« sprach Brand nach kurzem Besinnen, »Sie werden sich

vielleicht noch erinnern, daß Erziehen von jeher mein Beruf war. Ich habe

ihn nicht aufgegeben, ich übe ihn wieder aus in etwas veränderter Form. Ich

habe mich der Kindererziehung gewidmet und finde darin eine hohe

Befriedigung. Ich erlaubte mir, Sie um Ihr Vertrauen zu bitten ...«

»Lieber Herr Rittmeister, Sie bitten um etwas, das Sie haben.«

»Dann, gnädige Frau, überlassen Sie mir die Erziehung Ihres Sohnes,« sagte

Brand resolut, und dabei war seine Miene so ernst, so inständig bittend,

und aus seiner Stimme klang ein so warmer Herzenston, daß Sophie trotz der

peinlichen Überraschung, in die sein unerwartetes Anerbieten sie versetzte,

nur Dankbarkeit empfand.

»Ich werde Ihr braves Kind zu einem braven Mann heranbilden,« fuhr Brand

fort. Ȇbergeben Sie ihn mir; er ist in dem Alter, in dem ein Junge nicht

mehr ausschließlich unter weiblicher Zucht stehen soll.«

»Unmöglich, unmöglich,« sagte Sophie. »Ein Kind in Ihrem Hause, bei Ihrer

Ordnungsliebe!« Sie hielt inne, der schmerzliche Ausdruck, den seine Züge

angenommen hatten, that ihr weh.

Er glaubte einen Anflug von Ironie in ihren Worten zu entdecken. Seine

Ordnungsliebe war es ja im Grunde gewesen, die den Sieg davon getragen

hatte über seine Liebe zu ihr: wollte sie ihn daran mahnen?

»Ich dränge Sie nicht zur Entscheidung,« begann er von Neuem, »ich bitte

nur, erwägen Sie meinen Vorschlag, erweisen Sie mir diese Gnade.« Wieder

blickte er sie lange und gerührt an, seufzte tief und sagte plötzlich: »Ja,

ja, ich bin einst ganz dicht am Glück vorbeigegangen.«

»An dem, was uns damals als Glück erschien,« berichtigte sie. »Wir wollen

offenherzig mit einander reden -- offenherzig ist mehr als aufrichtig --,

einmal und nicht wieder, da sich's ja um Unwiderrufliches,

Unwiederbringliches handelt. Ich habe in jener fernen Zeit sehr gelitten,

Sie auch bitter angeklagt, später jedoch mich gefreut für Sie, daß Alles

gekommen ist, wie es kam, und daß Sie nicht hereingezogen wurden in unser

Elend. Es handelte sich bald nicht mehr um Armuth und Noth, sondern um

Schande, um öffentliche Schande. Im Geheimen war sie längst da, trotz

Allem, was Müller that, trotz der übergroßen Opfer, die er brachte,

hoffnungsfreudig im Anfang -- in der Folge hoffnungslos. Ich täuschte ihn

nie, aber er ließ sich nicht entmuthigen. Bei ganz edlen Menschen, dachte

er wohl, verwandelt sich die Dankbarkeit endlich in Liebe. Ich war so edel

nicht -- er mußte es zuletzt einsehen, erwartete nichts mehr, und verließ

uns doch nicht, gab Alles für uns hin. Das uns das Ärgste erspart blieb,

daß die Schmach vom Sterbebette meines Vaters ferngehalten wurde, war sein

Werk. Als er sich dann anschickte, Abschied zu nehmen, ohne einen Lohn, ja

ohne Dank zu erwarten, da entschloß ich mich, ihn nicht allein ziehen zu

lassen, für den verarmten, kränklichen Mann zu arbeiten, ihm eine treue

Pflegerin und Frau zu sein.«

»Sie haben Ihren Entschluß redlich ausgeführt,« sprach Brand nach einer

langen Pause, »und nichts, nicht das Geringste zu bereuen. Wohl Ihnen.«

Er empfahl sich und ging heim und hatte ein sehr schweres Herz.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 22 / 68 题