Bei seinem nächsten Besuche fand er sie allein. Sie hatte die Dienerin mit
den Kindern ausgeschickt und gönnte sich nach den Anstrengungen der letzten
Tage einige Stunden Ruhe. Sie lud ihn ein, am offenen Fenster Platz zu
nehmen, und machte ihn aufmerksam auf die Schönheit eines jungen
Kastanienbaumes, der über und über mit Blüthen bedeckt war. An dem Garten
hatte sie ihre Freude, und nur sie und ihre Kinder durften ihn den Sommer
über benützen, mit Erlaubniß des Hausherrn, der sich jetzt auf dem Lande
befand. Der Garten wurde vortrefflich gehalten von guten und höflichen
Leuten, und man konnte sich in ihm so frei bewegen wie im Zimmer, denn er
war nur von Feuermauern umgeben.
Das Alles erzählte sie ihm ein bißchen unsicher und hastig, wie Jemand, der
sich frägt, während er zu einem Andern spricht: Interessirt es Dich auch?
Und er wieder war froh, daß sie es übernommen hatte, die Konversation
einzuleiten; er hätte nicht gewußt, wie das anfangen.
Sophie fuhr fort: »Sehen Sie, daran, daß ich so dasitzen kann mit den
Händen im Schoß und hinaussehen auf dieses kleine Stückchen Natur, und
davon einen Genuß habe, daran erkenne ich das Herannahen des Alters. In
meiner Jugend war ich viel zu fleißig und auch viel zu sehr mit mir selbst
beschäftigt, um mich in müßige Bewunderung der Außenwelt versenken zu
können, und dazu hätte es in unserem schönen, alten Garten doch mehr
Gelegenheit gegeben als hier.«
Brand blickte sie gerührt an, erwiderte einiges herzlich Unbedeutende und
fing jeden Satz mit einem so durchdrungenen: »Verzeihen Sie« an, daß sie
sich eines Lächelns nicht zu erwehren vermochte und endlich mit munterer
Entschlossenheit sprach:
»Lieber Herr Rittmeister, Sie haben ein Schuldgefühl gegen mich, und davon
will ich Sie befreien und zugestehen, daß ich Ihnen gegenüber im gleichen
Falle bin. Ich habe ein Unrecht gegen Sie begangen.«
»Wirklich,« rief er freudig, »wenn ich ... wenn Sie ... Wie sieht das
Unrecht aus?«
»Sie sind gut und theilnehmend gewesen, haben mir Hülfe bringen wollen, und
ich -- nicht daß ich ablehnte, das würde ich wieder thun, aber die Art, in
der ich's that, reut mich, und nicht erst jetzt, sie hat mich sogleich
gereut und ich bitte ...«
»Bitten Sie nicht,« rief er aus, »beschämen Sie mich nicht zu tief.
Erweisen Sie mir lieber eine Gnade, würdigen Sie mich Ihres Vertrauens.
Sagen Sie mir, ob Sie in diesem Augenblick doch so ziemlich, doch halbwegs
sorgenfrei ...«
»Meine drückendste Sorge,« erwiderte sie rasch, »ist jetzt die um Georg.
Was soll aus ihm werden? Er ist zu schwächlich, um die Schule regelmäßig
besuchen zu können; seine wohlwollendsten Lehrer rathen mir, ihn zu Hause
unterrichten zu lassen. Ich habe das bisher selbst besorgt, und er hat es
mir leicht gemacht. Aber wie lange werden meine Kenntnisse ausreichen, um
einen Knaben zu unterrichten? Und den Umgang mit anderen Kindern völlig
entbehren müssen -- wie nachtheilig ist das für ihn, er wird immer mehr in
sich gekehrt und weltfremd.«
»Gnädige Frau,« sprach Brand nach kurzem Besinnen, »Sie werden sich
vielleicht noch erinnern, daß Erziehen von jeher mein Beruf war. Ich habe
ihn nicht aufgegeben, ich übe ihn wieder aus in etwas veränderter Form. Ich
habe mich der Kindererziehung gewidmet und finde darin eine hohe
Befriedigung. Ich erlaubte mir, Sie um Ihr Vertrauen zu bitten ...«
»Lieber Herr Rittmeister, Sie bitten um etwas, das Sie haben.«
»Dann, gnädige Frau, überlassen Sie mir die Erziehung Ihres Sohnes,« sagte
Brand resolut, und dabei war seine Miene so ernst, so inständig bittend,
und aus seiner Stimme klang ein so warmer Herzenston, daß Sophie trotz der
peinlichen Überraschung, in die sein unerwartetes Anerbieten sie versetzte,
nur Dankbarkeit empfand.
»Ich werde Ihr braves Kind zu einem braven Mann heranbilden,« fuhr Brand
fort. Ȇbergeben Sie ihn mir; er ist in dem Alter, in dem ein Junge nicht
mehr ausschließlich unter weiblicher Zucht stehen soll.«
»Unmöglich, unmöglich,« sagte Sophie. »Ein Kind in Ihrem Hause, bei Ihrer
Ordnungsliebe!« Sie hielt inne, der schmerzliche Ausdruck, den seine Züge
angenommen hatten, that ihr weh.
Er glaubte einen Anflug von Ironie in ihren Worten zu entdecken. Seine
Ordnungsliebe war es ja im Grunde gewesen, die den Sieg davon getragen
hatte über seine Liebe zu ihr: wollte sie ihn daran mahnen?
»Ich dränge Sie nicht zur Entscheidung,« begann er von Neuem, »ich bitte
nur, erwägen Sie meinen Vorschlag, erweisen Sie mir diese Gnade.« Wieder
blickte er sie lange und gerührt an, seufzte tief und sagte plötzlich: »Ja,
ja, ich bin einst ganz dicht am Glück vorbeigegangen.«
»An dem, was uns damals als Glück erschien,« berichtigte sie. »Wir wollen
offenherzig mit einander reden -- offenherzig ist mehr als aufrichtig --,
einmal und nicht wieder, da sich's ja um Unwiderrufliches,
Unwiederbringliches handelt. Ich habe in jener fernen Zeit sehr gelitten,
Sie auch bitter angeklagt, später jedoch mich gefreut für Sie, daß Alles
gekommen ist, wie es kam, und daß Sie nicht hereingezogen wurden in unser
Elend. Es handelte sich bald nicht mehr um Armuth und Noth, sondern um
Schande, um öffentliche Schande. Im Geheimen war sie längst da, trotz
Allem, was Müller that, trotz der übergroßen Opfer, die er brachte,
hoffnungsfreudig im Anfang -- in der Folge hoffnungslos. Ich täuschte ihn
nie, aber er ließ sich nicht entmuthigen. Bei ganz edlen Menschen, dachte
er wohl, verwandelt sich die Dankbarkeit endlich in Liebe. Ich war so edel
nicht -- er mußte es zuletzt einsehen, erwartete nichts mehr, und verließ
uns doch nicht, gab Alles für uns hin. Das uns das Ärgste erspart blieb,
daß die Schmach vom Sterbebette meines Vaters ferngehalten wurde, war sein
Werk. Als er sich dann anschickte, Abschied zu nehmen, ohne einen Lohn, ja
ohne Dank zu erwarten, da entschloß ich mich, ihn nicht allein ziehen zu
lassen, für den verarmten, kränklichen Mann zu arbeiten, ihm eine treue
Pflegerin und Frau zu sein.«
»Sie haben Ihren Entschluß redlich ausgeführt,« sprach Brand nach einer
langen Pause, »und nichts, nicht das Geringste zu bereuen. Wohl Ihnen.«
Er empfahl sich und ging heim und hatte ein sehr schweres Herz.