Am selben Nachmittage lief Peter zu seiner Magdalena hinüber. Er hatte es
sehr eilig, blieb aber doch einen Augenblick in Bewunderung vor dem breiten
»hauchrein« geputzten Auslagenfenster des Ladens stehen. Wie köstlich sah
der heute wieder aus, in seinem Reisig- und Blumenschmuck! Ein zierliches
Gärtlein, in dem Schinken, geräucherte Zungen und Fische und allerhand
Pasteten wuchsen. Auf der Marmorplatte im Fenster erhoben sich zwischen
üppigen Hortensienstöckchen die appetitlichsten Wurstpyramiden, schimmerten
rothe und gelbe Aspicrotunden. Hinter der frischlackirten Tafel, neben der
großen Wage, deren Schüsseln wie Gold glänzten, prangte sie, die Herrin, in
ihrem unverwüstlich jugendlichen Flor. Ihr Häubchen schien mit
Schneeflocken garnirt, ihr kurzärmeliges Kleid und ihre Wangen hatten die
selbe Centifolienrosenfarbe. Der Latz der weißen, mit einem Spitzenstreifen
besetzten Schürze bedeckte die mächtige Brust, warf nicht eine Falte, hatte
nicht das kleinste Flecklein. Frau Magdalena zerlegte eben mit spielender
Meisterschaft ein junges, fettes Huhn.
Ein Herr, der vorüberging, warf einen Blick in den Laden, lächelte und
sagte: »Zum Hineinbeißen!«
Peter sah ihn unwirsch an; er wußte nicht, ob das Huhn gemeint sei oder die
Frau, rasch trat er ein und befahl ihr, verdrießlich wie Einer, der gerade
einen kleinen Anfall von Eifersucht gehabt hat, das Huhn auf einem Teller
anzurichten.
»Das thu' ich ohnehin«, sagte sie, »es gehört für den Hofrath im zweiten
Stock.«
Peter schüttelte den Kopf: »Wird nicht gehen: dem Hofrath giebst ein
anderes, das da nehm' ich gleich mit für meinen Herrn Rittmeister, der
heute vergessen hat, ins Gasthaus zu gehen.«
»Was? Vergessen! Der was vergessen, das ist ja wie wenn die Uhr am
Stephansthurm stehen geblieben wär.« Sie hatte das Huhn schon auf ein
Schüsselchen gelegt, umgab es mit Rauten aus Aspic, verzierte es
geschmackvoll mit kleinen Bouquets aus Petersilie, stellte das Ganze auf
eine vor Neuheit schimmernde Serviette und hielt ihrem Manne die
zusammengefalteten Enden hin. Statt diese zu ergreifen, trat Peter hinter
die Pudel, gab der Gemahlin einen nachdrücklichen Kuß auf die Lippen, einen
zweiten mitten in die blonden Löckchen hinein, die sich ihr übermüthig im
Nacken kräuselten, und dachte: Teufel, Teufel, ich hab das Frauenzimmer
alle Tage lieber!
»Wieso hat er denn vergessen ins Gasthaus zu gehen?«
Ja, Peter würde es sagen, wenn er's wüßte. Der Herr kam nach Hause um eine
halbe Stunde früher als sonst und: »Ich seh' ihm's gleich an, daß er noch
nicht gespeist hat.«
»Was Du ihm nicht Alles ansiehst!«
»Natürlich, was ich ihm nicht Alles anseh'. Auch gleich, daß er nicht
zugeben will, daß er vergessen hat, und wie ich sag': »Haben denn
gespeist?« sagt er: »Esse heute nicht; bring Thee und Cigarretten.« Den
Speisezettel kenn' ich von damals, wo er verliebt gewesen ist. Ich hab'
aber immer etwas dazu gegeben, und er hat's hinunter geschlungen in der
Zerstreutheit.«
Peter lief davon, und seine Frau rief ihm nach: »Du, zum Hinunterschlingen
hätt's ein mageres Hendel auch gethan. Verliebt, der alte Brand?« Es kam
ihr unglaublich lächerlich vor. Aber, dachte sie, so übel wär's am End'
nicht, vielleicht thät' er sich dann weniger hineinmischen in der Erziehung
von meinem Peterl.
Und wirklich kümmerte sich Brand in den nächsten Tagen ein bißchen weniger
um Peterls physisches und moralisches Wohlergehen. Seine Gedanken waren
augenscheinlich von etwas Bezwingendem erfüllt, das ihn manchmal
erheiternd, manchmal betrübend, immer aber völlig in Anspruch nahm. Er
machte auch sehr oft Besuche, zu denen er sich aufs Feinste kleidete. Peter
war nicht der Mann, der seinem Herrn nachspürte, zur Spionage erniedrigte
er sich nicht, aber seines Verstandes, seines Scharfsinns konnte er sich
nicht entäußern, die Fähigkeit, richtige Schlüsse zu ziehen, konnte er
nicht plötzlich los werden. An dem Tage, an dem er mit einem prachtvollen
Bouquet zu Madame Amélie geschickt wurde, wußte er Alles.
Daß es eine #marchande de modes# war, kränkte ihn tief, das sagte er nicht
einmal seiner Magdalena.
Der Verdacht Peter Peters' war nicht unbegründet; sein Herr ging wirklich
auf Eroberung aus. Aber nicht Liebe wollte er gewinnen, sondern Vertrauen,
und errang es auch in einem Maße, das seine Erwartungen und sogar seine
Wünsche überstieg. Madame Amélie machte ihn mit ihrem Lebenslauf bekannt
und schüttete ihr ganzes, übervolles Herz vor ihm aus.
Sie stammte aus einer guten Pariser Familie, hatte in früher Jugend ihre
Eltern und später dann durch die Unredlichkeit eines Verwandten ihr
Vermögen verloren. Eine alte, alleinstehende Tante, Madame Justine Vernon,
die in Wien ein einträgliches Modengeschäft führte, erbarmte sich ihrer
Verlassenheit und nahm sie zu sich. Und nun kam das Talent zur Entfaltung,
dem Amélie ihre späteren Erfolge verdanken sollte. Ein Talent, das sie,
genau wie diese liebe Madame Müllér, ahnungslos besessen hatte, bis äußere
Verhältnisse die schlummernde Gottesgabe in ihr weckten. Sehr bald zeigte
sich, daß die Thätigkeit, die ihr aufgezwungen worden, eine ihren Anlagen
und Fähigkeiten völlig zusagende war. Sie ging aber auch in ihr auf. Sie
trat nach dem Tode Madame Vernons an die Spitze des Hauses, erweiterte das
Geschäft zu einer Putzwaaren- und Konfektionshandlung, erwarb einen
Wohlstand, der an Reichthum grenzte, und nahm eine Stellung ein, wie noch
nie eine Modistin vor ihr. An Bewerbern hatte es ihr natürlich nicht
gefehlt: »Die Männer sind so geldgierig und immer bereit, sich zu
verkaufen.«
»Auf den Sklavenmarkt mit dieser Männer-Ausschußwaare!« murmelte Brand.
Aber Amélie Vernon dachte nicht daran, ihre Freiheit aufzugeben; sie war
stolz auf ihre jungfräuliche Unabhängigkeit und bewahrte sie bis zu ihrem
vierzigsten Jahre. Dann war das Verhängniß hereingebrochen mit dem Tode des
alten und mit der Aufnahme des neuen Buchhalters, eines glänzend
empfohlenen, jungen Menschen. Tüchtig in seinem Fache, verläßlich in
Geldsachen, solid und rangirt, hieß es, und das glaubte Madame Amélie; aber
auch hübsch, liebenswürdig, bezaubernd, und das sah Madame Amélie. Ach!
der schöne Buchhalter spielte sich auf den schmachtenden Troubadour, und
sie gab seinen Schwüren, seinem Flehen, seinen Thränen nach und erhob ihn
zum Chef des Hauses und zu ihrem Gatten.
»Vor zwei Jahren, Monsieur. Ja! die Monate, die Wochen und Tage, die
seitdem vergangen sind, kann ich zählen -- die #infidélités#, die Édouard
an mir begangen hat, nicht. Er betrügt mich wie ein Franzose, Ihr biederer
Österreicher!« rief sie und sah Dietrich so feindselig an, als ob er ein
Mitschuldiger ihres Ungetreuen wäre. O der Quäler! Wie sie ihn liebte, ihn
haßte, ihm fluchen und ihn vertheidigen mußte in einem Athem, denn -- war
er schlecht, die Frauen waren schlechter. Sie stellten ihm nach, er konnte
sich nicht retten vor ihnen. _Damen_, »#de vraies dames#« schickten ihm
Bouquets. »#_Pauvre_ chéri!#« aber ein -- »#fier misérable#!« Heuchlerisch,
gewissenlos und von einer Eitelkeit! ... Wenn eine Frau gleichgültig an ihm
vorbeigeht, fühlt er sich von ihr insultirt und nimmt sie #en grippe#. So
z. B. Madame Müllér.«
»Frau Major von Müller?« Brand mußte sich fest anklammern an die Lehnen
seines Fauteuils, um nicht in die Höhe zu fahren: »Dieser ... Herr wird
doch nicht wagen« ... Er hielt inne, vollbrachte ein Meisterstück der
Selbstbeherrschung und fragte gelassen und kühl: »Sie kommt zu Ihnen? Wann?
Wie oft?«
Nun, früher, als sie ihrer Sache noch nicht ganz sicher war, kam sie
allwöchentlich. Sie hatte die Bestellungen selbst abgeliefert und das
Urtheil und die Rathschläge der Meisterin erbeten. Derer bedurfte sie jetzt
nicht mehr und fand sich nur noch an jedem Letzten des Monats zur
Abrechnung bei der Prinzipalin ein; zwischen Elf und Zwölf, die Stunde, in
der der Chef im Bureau festgehalten ist. Höchst seltsam, aber -- sie hat
für ihn etwas Abstoßendes: »Was für eine steifleinene Person hast Du da
aufgegabelt?« fragte er schon mehrmals. Die Majorin scheint bemerkt zu
haben, daß sie ihm mißfällt, sie vermeidet, ihm zu begegnen, betritt die
Ateliers nicht mehr, sondern kommt über die Seitentreppe direkt in den
Privatsalon Amélies.
»So -- weil sie ihm mißfällt? Das ist merkwürdig. Sie muß sich sehr
geändert haben, wenn sie irgend Jemandem mißfallen kann.«
»Mir nicht, o mir nicht,« versicherte Amélie, »für mich hat sie etwas sehr
Anziehendes, einen außerordentlichen #charme#. Und ihre Kinder sind
entzückend, besonders der kleine Junge. Ich lasse ihn immer rufen, wenn er
die Arbeiten seiner Mutter abliefern und Material zu neuen Arbeiten holen
kommt. Er hat so touchante Augen. Um diesen Schatz beneide ich Madame
Müllér. O, wenn der Himmel mir Kinderchen mit so touchanten Augen schenken
wollte!«
Brand wartete ihr mit einer guten Lehre auf: »Den besten Trost für den
Mangel an eigenen Kindern findet man in der Liebe zu denen der Anderen.
Schließen Sie fremde Kinder ans Herz, Madame. Was mich betrifft, ich
beabsichtige mich der Kinder meines verstorbenen Freundes anzunehmen. Zu
dem Ende will ich sie aufsuchen, muß demnach wissen, wo sie wohnen, und
bitte Sie, mir ihre Adresse mitzutheilen.«
Die war: #VII.# Bezirk, Berggasse Nr. 19, Erster Stock, Thür 6½. Aber
hingehen? Amélie widerrieth es ihm. Sie hatte schon mehrmals bemerkt wie
vorsichtig Frau von Müller jedem Zusammentreffen mit Bekannten aus
früheren, besseren Tagen auswich. Sehr begreiflich das, wenn man so viel
Charakter hat, so viel Stolz. Weder die Neugier noch das Mitleid sollen
Einblick nehmen in ihre traurigen Verhältnisse. »Etwas gebessert haben sie
sich übrigens schon. Madame Müller verrichtet nicht mehr alle Hausarbeit
selbst, ihre Zeit ist kostbar geworden, ihre kunstreichen Hände brauchen
Schonung; sie hat eine Magd aufgenommen.«
»_Etwas_ gebessert haben sich die Verhältnisse der Frau Major, sagen Sie,
Madame. Das ist zu wenig,« versetzte Brand, »sie müssen gut werden. Wir
wollen dafür sorgen, wir Zwei. Sie haben mir Ihr Vertrauen geschenkt, Sie
werden das meine nicht täuschen. Ich rechne auf Ihren Takt, Ihre
Feinfühligkeit.«
»Feinfühligkeit? das ist Delicatesse? O, Sie können auf die meine zählen.«
Dietrich nahm ein Couvert aus seiner Tasche und legte es auf das Tischchen,
auf dem heute eine blaue Matteische Elektrizität stand. »Erweisen Sie eine
Wohlthat, Madame, unter dem Scheine eines entrichteten Honorars. Wenn Sie
sagen: 'ich habe alle Hüte, die Sie mir neulich geschickt haben, als
Pariser Modelle verkauft und betheilige Sie mit fünfzig Prozent am
Reingewinne', das müßte doch eine hübsche Summe ausmachen. Nicht?«
Amélie zog die Augenbrauen in die Höhe. »O, Monsieur, so viel wie allgemein
angenommen wird, kommt bei unserem Geschäfte nicht heraus. Doch will ich
Mittel finden, Madame Müllér glauben zu machen, daß wir eben jetzt, die
Saison ist ja sehr günstig, ungewöhnlich hohe Preise für unsere Arbeiten
fordern konnten.«
»Thun Sie das, Madame,« sprach Brand mit großer Wärme. »Geben Sie mir meine
Seelenruhe wieder; der Gedanke an die Kinder meines verstorbenen Kameraden
läßt mich nicht schlafen.«