IX.

Am selben Nachmittage lief Peter zu seiner Magdalena hinüber. Er hatte es

sehr eilig, blieb aber doch einen Augenblick in Bewunderung vor dem breiten

»hauchrein« geputzten Auslagenfenster des Ladens stehen. Wie köstlich sah

der heute wieder aus, in seinem Reisig- und Blumenschmuck! Ein zierliches

Gärtlein, in dem Schinken, geräucherte Zungen und Fische und allerhand

Pasteten wuchsen. Auf der Marmorplatte im Fenster erhoben sich zwischen

üppigen Hortensienstöckchen die appetitlichsten Wurstpyramiden, schimmerten

rothe und gelbe Aspicrotunden. Hinter der frischlackirten Tafel, neben der

großen Wage, deren Schüsseln wie Gold glänzten, prangte sie, die Herrin, in

ihrem unverwüstlich jugendlichen Flor. Ihr Häubchen schien mit

Schneeflocken garnirt, ihr kurzärmeliges Kleid und ihre Wangen hatten die

selbe Centifolienrosenfarbe. Der Latz der weißen, mit einem Spitzenstreifen

besetzten Schürze bedeckte die mächtige Brust, warf nicht eine Falte, hatte

nicht das kleinste Flecklein. Frau Magdalena zerlegte eben mit spielender

Meisterschaft ein junges, fettes Huhn.

Ein Herr, der vorüberging, warf einen Blick in den Laden, lächelte und

sagte: »Zum Hineinbeißen!«

Peter sah ihn unwirsch an; er wußte nicht, ob das Huhn gemeint sei oder die

Frau, rasch trat er ein und befahl ihr, verdrießlich wie Einer, der gerade

einen kleinen Anfall von Eifersucht gehabt hat, das Huhn auf einem Teller

anzurichten.

»Das thu' ich ohnehin«, sagte sie, »es gehört für den Hofrath im zweiten

Stock.«

Peter schüttelte den Kopf: »Wird nicht gehen: dem Hofrath giebst ein

anderes, das da nehm' ich gleich mit für meinen Herrn Rittmeister, der

heute vergessen hat, ins Gasthaus zu gehen.«

»Was? Vergessen! Der was vergessen, das ist ja wie wenn die Uhr am

Stephansthurm stehen geblieben wär.« Sie hatte das Huhn schon auf ein

Schüsselchen gelegt, umgab es mit Rauten aus Aspic, verzierte es

geschmackvoll mit kleinen Bouquets aus Petersilie, stellte das Ganze auf

eine vor Neuheit schimmernde Serviette und hielt ihrem Manne die

zusammengefalteten Enden hin. Statt diese zu ergreifen, trat Peter hinter

die Pudel, gab der Gemahlin einen nachdrücklichen Kuß auf die Lippen, einen

zweiten mitten in die blonden Löckchen hinein, die sich ihr übermüthig im

Nacken kräuselten, und dachte: Teufel, Teufel, ich hab das Frauenzimmer

alle Tage lieber!

»Wieso hat er denn vergessen ins Gasthaus zu gehen?«

Ja, Peter würde es sagen, wenn er's wüßte. Der Herr kam nach Hause um eine

halbe Stunde früher als sonst und: »Ich seh' ihm's gleich an, daß er noch

nicht gespeist hat.«

»Was Du ihm nicht Alles ansiehst!«

»Natürlich, was ich ihm nicht Alles anseh'. Auch gleich, daß er nicht

zugeben will, daß er vergessen hat, und wie ich sag': »Haben denn

gespeist?« sagt er: »Esse heute nicht; bring Thee und Cigarretten.« Den

Speisezettel kenn' ich von damals, wo er verliebt gewesen ist. Ich hab'

aber immer etwas dazu gegeben, und er hat's hinunter geschlungen in der

Zerstreutheit.«

Peter lief davon, und seine Frau rief ihm nach: »Du, zum Hinunterschlingen

hätt's ein mageres Hendel auch gethan. Verliebt, der alte Brand?« Es kam

ihr unglaublich lächerlich vor. Aber, dachte sie, so übel wär's am End'

nicht, vielleicht thät' er sich dann weniger hineinmischen in der Erziehung

von meinem Peterl.

Und wirklich kümmerte sich Brand in den nächsten Tagen ein bißchen weniger

um Peterls physisches und moralisches Wohlergehen. Seine Gedanken waren

augenscheinlich von etwas Bezwingendem erfüllt, das ihn manchmal

erheiternd, manchmal betrübend, immer aber völlig in Anspruch nahm. Er

machte auch sehr oft Besuche, zu denen er sich aufs Feinste kleidete. Peter

war nicht der Mann, der seinem Herrn nachspürte, zur Spionage erniedrigte

er sich nicht, aber seines Verstandes, seines Scharfsinns konnte er sich

nicht entäußern, die Fähigkeit, richtige Schlüsse zu ziehen, konnte er

nicht plötzlich los werden. An dem Tage, an dem er mit einem prachtvollen

Bouquet zu Madame Amélie geschickt wurde, wußte er Alles.

Daß es eine #marchande de modes# war, kränkte ihn tief, das sagte er nicht

einmal seiner Magdalena.

Der Verdacht Peter Peters' war nicht unbegründet; sein Herr ging wirklich

auf Eroberung aus. Aber nicht Liebe wollte er gewinnen, sondern Vertrauen,

und errang es auch in einem Maße, das seine Erwartungen und sogar seine

Wünsche überstieg. Madame Amélie machte ihn mit ihrem Lebenslauf bekannt

und schüttete ihr ganzes, übervolles Herz vor ihm aus.

Sie stammte aus einer guten Pariser Familie, hatte in früher Jugend ihre

Eltern und später dann durch die Unredlichkeit eines Verwandten ihr

Vermögen verloren. Eine alte, alleinstehende Tante, Madame Justine Vernon,

die in Wien ein einträgliches Modengeschäft führte, erbarmte sich ihrer

Verlassenheit und nahm sie zu sich. Und nun kam das Talent zur Entfaltung,

dem Amélie ihre späteren Erfolge verdanken sollte. Ein Talent, das sie,

genau wie diese liebe Madame Müllér, ahnungslos besessen hatte, bis äußere

Verhältnisse die schlummernde Gottesgabe in ihr weckten. Sehr bald zeigte

sich, daß die Thätigkeit, die ihr aufgezwungen worden, eine ihren Anlagen

und Fähigkeiten völlig zusagende war. Sie ging aber auch in ihr auf. Sie

trat nach dem Tode Madame Vernons an die Spitze des Hauses, erweiterte das

Geschäft zu einer Putzwaaren- und Konfektionshandlung, erwarb einen

Wohlstand, der an Reichthum grenzte, und nahm eine Stellung ein, wie noch

nie eine Modistin vor ihr. An Bewerbern hatte es ihr natürlich nicht

gefehlt: »Die Männer sind so geldgierig und immer bereit, sich zu

verkaufen.«

»Auf den Sklavenmarkt mit dieser Männer-Ausschußwaare!« murmelte Brand.

Aber Amélie Vernon dachte nicht daran, ihre Freiheit aufzugeben; sie war

stolz auf ihre jungfräuliche Unabhängigkeit und bewahrte sie bis zu ihrem

vierzigsten Jahre. Dann war das Verhängniß hereingebrochen mit dem Tode des

alten und mit der Aufnahme des neuen Buchhalters, eines glänzend

empfohlenen, jungen Menschen. Tüchtig in seinem Fache, verläßlich in

Geldsachen, solid und rangirt, hieß es, und das glaubte Madame Amélie; aber

auch hübsch, liebenswürdig, bezaubernd, und das sah Madame Amélie. Ach!

der schöne Buchhalter spielte sich auf den schmachtenden Troubadour, und

sie gab seinen Schwüren, seinem Flehen, seinen Thränen nach und erhob ihn

zum Chef des Hauses und zu ihrem Gatten.

»Vor zwei Jahren, Monsieur. Ja! die Monate, die Wochen und Tage, die

seitdem vergangen sind, kann ich zählen -- die #infidélités#, die Édouard

an mir begangen hat, nicht. Er betrügt mich wie ein Franzose, Ihr biederer

Österreicher!« rief sie und sah Dietrich so feindselig an, als ob er ein

Mitschuldiger ihres Ungetreuen wäre. O der Quäler! Wie sie ihn liebte, ihn

haßte, ihm fluchen und ihn vertheidigen mußte in einem Athem, denn -- war

er schlecht, die Frauen waren schlechter. Sie stellten ihm nach, er konnte

sich nicht retten vor ihnen. _Damen_, »#de vraies dames#« schickten ihm

Bouquets. »#_Pauvre_ chéri!#« aber ein -- »#fier misérable#!« Heuchlerisch,

gewissenlos und von einer Eitelkeit! ... Wenn eine Frau gleichgültig an ihm

vorbeigeht, fühlt er sich von ihr insultirt und nimmt sie #en grippe#. So

z. B. Madame Müllér.«

»Frau Major von Müller?« Brand mußte sich fest anklammern an die Lehnen

seines Fauteuils, um nicht in die Höhe zu fahren: »Dieser ... Herr wird

doch nicht wagen« ... Er hielt inne, vollbrachte ein Meisterstück der

Selbstbeherrschung und fragte gelassen und kühl: »Sie kommt zu Ihnen? Wann?

Wie oft?«

Nun, früher, als sie ihrer Sache noch nicht ganz sicher war, kam sie

allwöchentlich. Sie hatte die Bestellungen selbst abgeliefert und das

Urtheil und die Rathschläge der Meisterin erbeten. Derer bedurfte sie jetzt

nicht mehr und fand sich nur noch an jedem Letzten des Monats zur

Abrechnung bei der Prinzipalin ein; zwischen Elf und Zwölf, die Stunde, in

der der Chef im Bureau festgehalten ist. Höchst seltsam, aber -- sie hat

für ihn etwas Abstoßendes: »Was für eine steifleinene Person hast Du da

aufgegabelt?« fragte er schon mehrmals. Die Majorin scheint bemerkt zu

haben, daß sie ihm mißfällt, sie vermeidet, ihm zu begegnen, betritt die

Ateliers nicht mehr, sondern kommt über die Seitentreppe direkt in den

Privatsalon Amélies.

»So -- weil sie ihm mißfällt? Das ist merkwürdig. Sie muß sich sehr

geändert haben, wenn sie irgend Jemandem mißfallen kann.«

»Mir nicht, o mir nicht,« versicherte Amélie, »für mich hat sie etwas sehr

Anziehendes, einen außerordentlichen #charme#. Und ihre Kinder sind

entzückend, besonders der kleine Junge. Ich lasse ihn immer rufen, wenn er

die Arbeiten seiner Mutter abliefern und Material zu neuen Arbeiten holen

kommt. Er hat so touchante Augen. Um diesen Schatz beneide ich Madame

Müllér. O, wenn der Himmel mir Kinderchen mit so touchanten Augen schenken

wollte!«

Brand wartete ihr mit einer guten Lehre auf: »Den besten Trost für den

Mangel an eigenen Kindern findet man in der Liebe zu denen der Anderen.

Schließen Sie fremde Kinder ans Herz, Madame. Was mich betrifft, ich

beabsichtige mich der Kinder meines verstorbenen Freundes anzunehmen. Zu

dem Ende will ich sie aufsuchen, muß demnach wissen, wo sie wohnen, und

bitte Sie, mir ihre Adresse mitzutheilen.«

Die war: #VII.# Bezirk, Berggasse Nr. 19, Erster Stock, Thür 6½. Aber

hingehen? Amélie widerrieth es ihm. Sie hatte schon mehrmals bemerkt wie

vorsichtig Frau von Müller jedem Zusammentreffen mit Bekannten aus

früheren, besseren Tagen auswich. Sehr begreiflich das, wenn man so viel

Charakter hat, so viel Stolz. Weder die Neugier noch das Mitleid sollen

Einblick nehmen in ihre traurigen Verhältnisse. »Etwas gebessert haben sie

sich übrigens schon. Madame Müller verrichtet nicht mehr alle Hausarbeit

selbst, ihre Zeit ist kostbar geworden, ihre kunstreichen Hände brauchen

Schonung; sie hat eine Magd aufgenommen.«

»_Etwas_ gebessert haben sich die Verhältnisse der Frau Major, sagen Sie,

Madame. Das ist zu wenig,« versetzte Brand, »sie müssen gut werden. Wir

wollen dafür sorgen, wir Zwei. Sie haben mir Ihr Vertrauen geschenkt, Sie

werden das meine nicht täuschen. Ich rechne auf Ihren Takt, Ihre

Feinfühligkeit.«

»Feinfühligkeit? das ist Delicatesse? O, Sie können auf die meine zählen.«

Dietrich nahm ein Couvert aus seiner Tasche und legte es auf das Tischchen,

auf dem heute eine blaue Matteische Elektrizität stand. »Erweisen Sie eine

Wohlthat, Madame, unter dem Scheine eines entrichteten Honorars. Wenn Sie

sagen: 'ich habe alle Hüte, die Sie mir neulich geschickt haben, als

Pariser Modelle verkauft und betheilige Sie mit fünfzig Prozent am

Reingewinne', das müßte doch eine hübsche Summe ausmachen. Nicht?«

Amélie zog die Augenbrauen in die Höhe. »O, Monsieur, so viel wie allgemein

angenommen wird, kommt bei unserem Geschäfte nicht heraus. Doch will ich

Mittel finden, Madame Müllér glauben zu machen, daß wir eben jetzt, die

Saison ist ja sehr günstig, ungewöhnlich hohe Preise für unsere Arbeiten

fordern konnten.«

»Thun Sie das, Madame,« sprach Brand mit großer Wärme. »Geben Sie mir meine

Seelenruhe wieder; der Gedanke an die Kinder meines verstorbenen Kameraden

läßt mich nicht schlafen.«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 18 / 68 题