»Nicht im Geringsten. Aber ich habe Cousinen und sogar Nichten« ...
»Die Brand heißen?« Beinahe wäre der Zusatz: »Brand #tout court#« ihr
entwischt, doch verschluckte sie ihn noch rechtzeitig.
»Brand und anders,« erwiderte Dietrich.
»Anders?« Sie war auf einmal merkwürdig kühl geworden, sie bedauerte, auch
nicht über _ein_ Stück im Magazin verfügen zu können, der Bedarf war so
groß, der Vorrath so klein, man mußte doch einige Auswahl haben für die
älteren, werthen Kunden.
»Ich würde höhere Preise bezahlen als Ihre ältesten, werthesten Kunden,«
sagte Dietrich langsam, nachdrücklich, aber auffallend sanft und fast
liebreich.
»Bedaure. Ich habe eine große Verehrung für Herrn Rittmeister Brand, aber
seine Nichten müssen warten.«
Da ergriff er ihre kleine, harte, bräunliche Hand und führte sie rasch an
seine Lippen: »Respekt vor Ihnen Madame! Ihr Verdacht ist ganz unbegründet
-- Ihre brave Gesinnung steht wie ein Fels. Ich sehe voraus, daß sich eine
gute Freundschaft zwischen uns bilden wird.«
Entzückt über seinen Handkuß, aber doch noch etwas unsicher, bat Amélie,
ihr zu verzeihen, wenn sie ihm Unrecht gethan habe.
»Ich verzeihe jeder Frau jeden, auch den schnödesten Verdacht gegen jeden
Mann in dem einen Punkte,« entgegnete er. »Wir verdienen es nicht besser --
im Allgemeinen.«
Seine Worte wirkten wie ein Petroleumguß in glimmendes Feuer. Sie richtete
sich auf, sie rückte näher zu ihm und brach flammend und hochathmend in
einen Hymnus des Lobes aus. Rittmeister Brand war mehr als liebenswürdig
und berühmt, er war einzig. Er kannte sein Geschlecht. O, und sie
ebenfalls, wenn auch nur in einem Exemplar, in dem freilich die
Fehlerhaftigkeit #de tout le genre masculin# vertreten war. O, wenn er
ahnen könnte! wenn er wüßte ...
Ein diskretes Klopfen an der Thür unterbrach sie.
Fräulein Julie zeigte sich, sie trug ein Karton unter dem Arme und meldete,
die Fürstin A. habe sich für den Nachmittag ansagen lassen und da mußte
Madame doch bestimmen, ob die heutige Sendung Sophie Müllers sogleich oder
erst zuletzt vorgezeigt werden solle. Mit zierlichst gerundeten
Handbewegungen entnahm sie dem eleganten Behältnisse nach einander vier
Hüte und stellte sie auf Haubenstöckchen vor die Gebieterin hin:
Nein, das waren wieder Sachen! Sachen! Nicht eines dieser »Huterln« würde
auch nur einen Tag alt werden im Salon. Die Fürstin A. würde gewiß zwei
Stück nehmen und Prinzessin B. die andern zwei; sie waren wie geboren für
die beiden Damen, und nur auf ihren Häuptern wollte Fräulein Julie sie
sehen. Der Baronin C. dürften sie gar nicht vor Augen kommen, die kauft
sonst den wirklichen Damen alle vier auf einmal weg.
Amélie prüfte jeden einzelnen Hut genau: »Ja, Madame Müller ist
erstaunlich, sie übertrifft sich bei jeder neuen Leistung. Was für Ideen
sie hat! Sehen Sie nur, Mr. Brand, wie die Aigrette auf diesem Spitzenhut
placirt ist. Welche Grazie und welcher Geschmack in der Wahl der Farben,
eine hebt die andere, und keine schlägt die andere. Den Hut verkaufen wir
als Modell.«
»_So_ schön! _so_ schön!« fiel Julie ein, »und diese Nettigkeit! Alles wie
aus dem Ei geschält.«
Brand blieb stumm und betrachtete die Hüte mit tief innerlichster Rührung.
Dieses schimmernde, phantastische, kostbare Zeug hat der Mangel geschaffen,
die Armuth hat es gemacht für den übermüthigsten Luxus. Die Schönheit
dieses Zeuges ist wie Hauch, einige Regentropfen vernichten sie. Und dafür
den Schlaf der Nächte, das Licht der Augen ... Dafür!
Wieder wurde geklopft und angezeigt, daß der Wagen der Fürstin vorgefahren
sei. Fräulein Julie raffte hastig ihre Waaren zusammen und eilte in den
Salon.
Madame Amélie und Brand waren zugleich aufgestanden. Er verabschiedete sich
sehr bewegt und sagte: »Der Wittwe meines Freundes muß geholfen werden.
Helfen Sie mir helfen. Über das wie müssen wir uns berathen. Wann darf ich
wiederkommen?«
»Kommen Sie morgen,« sprach sie huldvoll.