V.

Gescheitert, wie Robinson, richtete er sich auf seiner Insel ein. Er

änderte, als Feind der halben Maßregeln, seine Lebensweise aus dem Grunde,

verschenkte seine Pferde, seine Waffen an arme, einstige Kameraden, zog

nach der Stadt und vegetirte dort wie ein pensionirter Hofrath. Er mied die

Kaffeehäuser, in denen Offiziere verkehrten, machte große Spaziergänge,

besuchte Museen, Kunstausstellungen, Concerte, Theater und populäre

Vorlesungen. Er holte manches nach, was ihm an litterarischer Bildung

fehlte, las die Klassiker, las auch moderne Poeten, konnte sich erfreuen an

einem schönen Buch, einem schönen Bildwerk und an guter Musik. Diese

wohlthuenden Eindrücke gingen aber nicht tief; hinter der flüchtigen Wärme

und dem Interesse, die sie erregten, schauerte es kalt, gähnte die Leere.

Der Zeit wilder Aufregung war eine unausbleibliche Reaktion gefolgt. Brand

hatte einem gebieterischen Müssen gehorcht, als er Alles hingab, was den

besten Inhalt seines Daseins ausmachte, um einen Verbrecher bestrafen zu

können. Er hatte nicht rechts noch links geschaut, nur nach dem einen,

einzigen Ziele hin; nicht gefragt: wenn es erreicht sein wird, was dann?

Und als dieses »dann« zur Gegenwart wurde, erschien sie ihm recht öde,

nutzlos und armselig, und der Blick in die Zukunft wie ein Blick ins Grab.

Die Wohnung, die er für sich und für seinen ehemaligen Privatdiener

gemiethet hatte, lag im zweiten Stock eines schönen Hauses der

Rathhausstraße, war hell und freundlich und zeichnete sich durch die

höchste, eine wahrhaft erfinderische Reinlichkeit aus. Wer die drei Zimmer

durchschritt, aus denen sie bestand, brauchte keinen besondern Scharfsinn,

um zu erkennen: hier haust ein einfacher und solider Mann, der eine

Vorliebe hat für mattgeschliffenes Nußholz und für die grüne Farbe.

Zwischen der Thür, die aus dem conventionell ausgestatteten Salon herein

führte und dem ersten Fenster links, ragte ein hoher Bücherschrank fast bis

zur Decke, und die Bücher darin waren nett gebunden und sorgfältig

eingereiht. Dem Bücherschrank gegenüber, zwischen dem zweiten Fenster und

der Thür des Schlafzimmers, machte sich ein großer Schreibtisch breit; ein

Strohsessel mit runder, niederer Lehne stand vor ihm, und über ihm hingen

zwei schöne Kupferstiche: Erzherzog Carl, nach dem Gemälde von Kellerhoven,

und Laudon, nach L'Allemands prächtigem Reiterbilde.

Die Längswand wurde zur Hälfte von einer großen Ottomane, eine der Ecken

von einem Kachelofen eingenommen, der in sanftem Maigrün schimmerte, die

andere von einer Etagère mit Rauchrequisiten, Alles gediegen, lauter brave

Arbeit von tüchtigen Handwerkern, natürlich auch der Tisch, die Fauteuils

und die Stühle, die mit der Ottomane zusammen eine Familie bildeten. Sie

wieder hatte ein würdiges #vis-à-vis# in der zwischen den Fenstern

angebrachten Konsole, der Trägerin einer vortrefflichen, altdeutschen Uhr.

Neben ihr standen zwei Armleuchter aus Messing. Das mattfarbige und

weichliche Silber wird in Brands Haushaltung nur in Gestalt von Eßbestecken

geduldet. Wohl verpackt steht der Schatz an schönem Silbergeräth, der von

seinen Eltern und Großeltern herstammt, im Schranke und wird auf Dietrichs

nicht gerade lachende, aber auch nicht weinende Erben übergehen, entfernte,

wohlhabende Verwandte. Mit Fug und Recht darf er sich sagen, daß sein Tod

keinem seiner sogenannten Angehörigen eine Stunde trüben oder erheitern

wird. Und dessen freut er sich. Wo er gleichgültig ist, will er auch

gleichgültig lassen. Das Ärgste wäre ihm, in der Schuld eines Anderen zu

stehen, ob sich's nun um Gulden handelt oder um liebevolle Empfindungen.

* * * * *

Es war an einem heißen Mainachmittag des Jahres 1890, und Brand eben aus

dem Restaurant zurückgekommen, in dem er seine einfache Mahlzeit

einzunehmen pflegte. Die Sonne brannte mit sommerlichen Gluthen zur Erde

nieder und machte jedes Fenster, das sie beschien, zu einem Brennspiegel,

und jeden Pflasterstein zu einem kleinen Ofen.

Mit Behagen empfand der Heimgekehrte den Kontrast zwischen der drückenden

Schwüle, dem grellen Lichte auf der Straße und der angenehmen Temperatur

in seinem hohen, luftigen Zimmer. Leicht gedämpft durch die herabgelassenen

Storen fiel das Licht herein, ein mildes, grünliches Licht, bei dem man

ungemein gut lesen konnte. Brand zündete eine Cigarre an, setzte sich auf

seinen Sessel vor den Schreibtisch und nahm ein Buch, das aufgeschlagen

neben der Mappe gelegen hatte, zur Hand: Möllhausens Reisen im

Felsengebirge Nordamerikas.

Von Zeit zu Zeit unterbrach er seine Lektüre, um einen Blick nach der

riesigen Weltkarte zu werfen, die über der Ottomane hing. Einen scharfen,

durchdringenden Blick aus seinen grauen, tiefliegenden Augen, die von ihrer

ungewöhnlichen Sehkraft noch nichts verloren, obwohl achtundvierzig Jahre

verflossen waren, seitdem sie sich zum ersten Male aufgeschlagen hatten.

Dabei zog er seine dichten Brauen zusammen, und auf der viereckigen Stirn

entstanden zwei tiefe Furchen, die ihm einen klugen und strengen Ausdruck

gaben.

Eine halbe Stunde verging. Die Thür des Salons wurde geöffnet, und Jemand

trat ein. Brand wußte, ohne sich umzusehen, wer es war. Er kannte den

festen und zugleich diskreten Schritt, den sein Diener sich hatte

angewöhnen müssen, er kannte auch dessen Art, die Thüre zu öffnen und zu

schließen. Wer hatte sie ihm denn beigebracht?

»Die äußere Klinke gefaßt, Du Waldmensch. Eins! -- niedergedrückt: Zwei! --

Thür auf! -- Vorwärts, und die andere Klinke gefaßt: Eins! --

niedergedrückt: Zwei! -- Thür zu! --«

Diese Übung zehnmal nach einander durch drei Tage wiederholt, und ein

ehemaliger Waldmensch war für den ganzen Rest seines Lebens befähigt, als

ein Gesitteter unter Gesitteten zu erscheinen. Ist solcher Gewinn nicht der

kleinen Mühe werth?

Peter Peters war also eingetreten. Ein weiteres Lebenszeichen gab er nicht.

»Was willst Du?« fragte Brand nach einer Weile, ohne sich umzusehen.

Peter zögerte, seine Stimme war furchtbar gepreßt, als er sie endlich

erhob, um seine »gehorsamste Mittheilung« vorzubringen.

Eigentlich wurde die Mittheilung _hinter_bracht, denn er sagte, was er zu

sagen hatte, in seines Herrn Rücken, der ihm wohl auch imponirte, aber

doch nicht so sehr wie seines Herrn Gesicht.

Wenn er gesehen hätte, was auf dem vorging, während er sprach, würde er

seine Rede schwerlich zu Ende gebracht haben. Bestürzung, Zorn, Wehmuth

spiegelten sich in den Zügen des erregten Mannes, um als sein Diener

schwieg, einer rasch erkämpften, eisernen Ruhe zu weichen. Jetzt wendete er

plötzlich den Kopf. Er, der Sitzende, der Kleine maß den flehenden großen

Peter von oben herunter und sagte, die Ellbogen auf die Sessellehne

gestützt, die Cigarre zwischen den Zähnen: »Heirathen willst Du, wenn ich

nichts dagegen habe? -- Was soll ich dagegen haben? -- Du heirathest und Du

gehst. Einen mit Familie behafteten Diener kann ich nicht brauchen. Und wie

heißt die Gans, die Dich nimmt?«

Nicht _ein_ protestirendes Wort zu Gunsten seiner Erkorenen kam über Peters

Lippen. »Du gehst.« Wie eine Pistolenkugel hatte es ihn getroffen. Er

wunderte sich, daß er noch aufrecht stand. »Du gehst.« Diese --

_Unmöglichkeit_ hatte er nicht erwogen.

»Wie heißt sie?« wiederholte Brand.

Tonlos, mit verglasten Augen vor sich hinstarrend, gab Peter die Antwort:

»Magdalena Sänftenträger. Kinderlose Wittwe. Das Delicatessengeschäft grad

gegenüber gehört ihr. Wo ich zum Souper für den Herrn Rittmeister die kalte

Küche hole.«

»Die kalte Küche, schön. Bei der haben die Herzen Feuer gefangen. Gut.

Abgemacht. Geh'.«

Peter ging, und die grollenden Gedanken Brands folgten ihm nach. Der will

heirathen, der will sich etabliren, einen Haushalt gründen, dieser Peter,

an dem immer noch erzogen werden muß, der nichts kann und nichts ist ohne

seinen Herrn. Wenn man nur denkt! -- Zum zweiten Dragonerregiment war er

gekommen vor zwölf Jahren, halb verhungert, der verwaiste Sohn einer armen

Tagelöhnerin, die mit ihm in der Welt herumgezogen war, da- und dorthin, wo

sie gerade Arbeit fand, der nie eine Schule regelmäßig besucht, nie einen

ganzen Rock am Leib gehabt hatte. Und nun auf einmal gut genährt, gekleidet

und bewohnt, von seinem Rittmeister mit besonderer Aufmerksamkeit

behandelt als der ärmste, im Zustande ärgster Verwahrlosung übernommene

Rekrut. Man konnte Freude an ihm haben, an seinem physischen, geistigen und

moralischen Gedeihen, an dem Glück, das sich auf seinem gutmüthigen,

braunen Gesichte spiegelte -- wenn er nicht gerade weinte -- denn das war

seine Schwäche. Viel zu leicht für einen Mann, einen Soldaten, traten ihm

Thränen in die Augen. Der bärenhafte Bursche konnte nicht leiden sehen, am

wenigsten Thiere. Er war allem Lebendigen ein Freund: er hielt sich für den

Beneidenswerthesten auf Erden, als ihm ein Pferd anvertraut wurde. Keines

im ganzem Regimente war besser gehalten als Peters Sinbad, und in

verhältnißmäßig kurzer Zeit keines besser geritten. Auf dem Rücken des

Thieres, dessen Gedanken er, und das seine Gedanken errieth, verlebte er

seine glücklichsten Stunden.

Neun Jahre hatte er schon gedient und sich mit seinem Stande immer gleich

zufrieden gefühlt, als die große Katastrophe im Leben Brands eintrat, als

das Unerwartetste, Unglaublichste geschah, als er den Dienst aufgab. Da

bewährte sich Peter Peters, da bethätigte er die Liebe und Dankbarkeit,

die sich allmählich in ihm gesammelt, aber nie einen Ausdruck gefunden

hatte. Ohne ein Wort darüber zu verlieren, als ob es nicht anders sein

könnte, brachte er sein Opfer. Er verließ den Dienst, das Regiment, seinen

Sinbad und folgte dem Rittmeister, der ihn vor Jahresfrist zu seiner

Ordonnanz gemacht hatte, »ins Civil«.

Dummer Peter, treuer Peter, dachte Brand, als diese Erinnerungen in ihm

aufstiegen, und mit ihnen zugleich alle die anderen, die er nie

wissentlich, nie mit Willen herauf beschwor, die er am liebsten ruhen ließ.

Er seufzte schwer. Was vorbei ist, ist vorbei; ein Schwächling, der

widerbellt gegen die Notwendigkeit. Wenn er noch so tief überlegte, mußte

er sich sagen: Alles, was geschehen war, war regelrecht geschehen. Brand

hatte gehandelt, wie er seinem Charakter nach handeln mußte, wie er, in

dieselbe Lage versetzt, noch einmal handeln würde. Keine Reue -- _darüber_

nicht. Er ließ den Kopf auf die Brust sinken -- darüber nicht!

Schattengleich zog eine schlanke Mädchengestalt an seinem innern Auge

vorbei, und er streckte mechanisch abwehrend die Hand gegen sie aus, die

in ihrer Lieblichkeit vor ihm aufgetaucht war.

Verdrießlich über die Träumerei, in die Peters scheinbare Treulosigkeit ihn

versetzt hatte, richtete er sich entschlossen auf und schrieb an ein

Dienstvermittlungsbureau, das er täglich in seiner Zeitung angekündigt

fand. Dann erhielt Peter Peters den Befehl, den Brief abzugeben. Das war

für den Mann ein großer Schmerz. Er hätte gern Einwand erhoben, und brachte

es doch nur zu einem: »Aber Herr Rittmeister,« weil seine Stimme in einem

Schluchzen erstickte, das um keinen Preis vor dem strammen Herrn laut

werden durfte.

So trug er das unselige Schreiben ins nächste Postkästchen und ging dann,

sich ausweinen, zu seiner Magdalena.

Am nächsten Vormittage schon stellte sich eine Anzahl Bedienter, vom

Dienstvermittlungs-Bureau entsendet, dem Rittmeister vor. Er wählte den,

dessen Äußeres den schärfsten Kontrast zu dem Äußern Peters bildete: einen

feinen, wunderhübsch frisirten Menschen, der ausgezeichnet gute Manieren

und wohlgepflegte Hände hatte.

Vier Wochen später, am Hochzeitstage seines Vorgängers, trat er den Dienst

an, und zwar, wie er sich ausbedungen hatte, mit dem Range eines

Kammerdieners.

Bevor Peter seine Braut zum Altar führte, mußte sie mit ihm zu Brand, der

die schöne, von Kraft und Gesundheit strotzende Wittwe ernsthaft

betrachtete und sprach:

»Stattlich, stattlich. Du hast Dir eine gewichtige Lebensgefährtin

ausgesucht, Peter.«

Peter strich über seinen dicken, rothen, an den Enden leicht gelockten

Schnurrbart und versetzte: »Ich mag die Mageren nicht.«

»Und ich,« sprach Magdalena und warf dabei einen zärtlichen Blick auf den

Auserwählten, »habe mir vorgesetzt; wenn ich wieder heirathe, nehme ich

einen Großen. Ein Kleiner kann grad so grob sein und macht kein Ansehen.«

Brand meinte, dem Peter seien noch andere gute Eigenschaften nachzurühmen

als seine Größe, und als ganz armer Schlucker käme er ihr auch nicht ins

Haus. Damit legte er ein auf zweitausend Gulden lautendes Sparkassenbuch in

die Rechte des Bräutigams und schloß:

»Ich danke Dir für Deine treuen Dienste. Werde ein so braver Ehemann wie Du

ein braver Diener warst. Leb' wohl.«

Peter schluchzte laut während der ganzen Fahrt zur Kirche, und vor dem

Altare stieß ihn der Bock so heftig, daß er sein »Ja« mehr bellte als

sprach.

Vom Hochzeitsmahle sprang er auf, als eben die Torte mit den verschlungenen

Lettern »#P#« und »#M#« servirt wurde, lief hinüber zum Herrn Rittmeister,

um zu sehen, ob der »Neue« die Lampe angezündet und das Bad ordentlich

hergerichtet habe. Und am nächsten Morgen kam er, sich zu überzeugen, wie

denn der Kaffee gemacht und die türkische Pfeife gestopft worden war.

Einmal da, blieb er auch gleich beim Aufräumen.

Als Brand ihn erblickte, fuhr er ihn an: »Was willst Du hier, närrischer

Kerl? Geh' zu Deiner Frau.«

Aus diesen Worten fühlte Peter die Eifersucht seines Herrn auf seine Herrin

heraus, und Thränen traten ihm in die Augen. Die Eifersucht rührte ihn und

der »närrische Kerl« auch. Wer besser dran war mit seiner Vernunft, wußte

Peter gar gut, respektirte aber die Täuschung, in der der Rittmeister sich

über diesen Punkt befand. Möge er nur in ihr fortleben und wenigstens _die_

Freude haben, er, der sonst keine hat.

Um das grausame Lebewohl, das Brand gesprochen hatte, Lügen zu strafen,

fand er sich alle Finger lang bei ihm ein und wünschte ihm eine gute, je

weilige Tageszeit.

Arbeit gab es »drüben« immer. Der elegante Kammerdiener überließ ihm

neidlos die ganze. Seine eigene Thätigkeit beschränkte sich darauf, das

Haus durch seine Gegenwart zu schmücken. Aber auch das wurde ihm nach und

nach lästig, und eines Abends verschwand er, nachdem er vorher mit seinen

wohlgepflegten Händen den Schreibtisch Brands erbrochen und eine reich

gefüllte Brieftasche daraus entnommen hatte.

Über diese kurze Majordomus-Epoche im rittmeisterlichen Intérieur wurden

nicht viel Worte gemacht. Wie von selbst kam Alles ins alte Geleise.

Höchstens, daß Peter früher als sonst die kalte Küche zum Souper holen ging

und später als sonst zurückkehrte, wozu Brand regelmäßig bemerkte:

»Bist schon wieder da?«

Einmal fragte er: »Was sagt denn Deine Frau dazu, daß sie Dich so wenig

sieht?« Und die Antwort lautete:

»Die sagt niemalen nichts. Die hat eine Kusin, der Ihrer trifft nur alle

vier Wochen einmal nach Haus.«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 11 / 68 题