Eines Abends in der Offiziersmenage, -- auch der Oberst war da und saß an
einem Tische mit Brand, -- kam das Gespräch auf allgemeine militärische
Verhältnisse. Die Herren geriethen in Eifer, Dietrich behandelte mit
besonderer Wärme sein Lieblingsthema: Keine Institution ist zur Erfüllung
des hohen Zweckes, die Menschen zu erziehen, so berufen und so fähig wie
die Institution des Waffendienstes. Sie stellt die strengsten Anforderungen
an die Pflichttreue, Ehrenhaftigkeit, den Mannesmuth. Sie verlangt blinden
Gehorsam von den Geführten und deshalb von den Führern sehende Augen,
klaren Vorausblick, scharfen Einblick. Sie verlangt von ihnen Gerechtigkeit
und Strenge, denn nicht Freiheit braucht der Mensch, der Mensch braucht
Zucht. Aber weise muß die Strenge sein; unweise Strenge wird immer
Grausamkeit und unter dem grausamen Führer die Mannschaft zur wilden
Rotte. Der Dutzendoffizier verroht, der tüchtige verbittert. Ein Fluch für
die Armee ist Jeder, der Gewalt hat über Andere und nicht über sich selbst,
ein Verräther, der unseren Stand dem Haß und der Verleumdung ausliefert.
Er sah, während er sprach, dem Obersten fest ins Gesicht, und der erwiderte
kein Wort, zog die giftigen Äuglein nur immer mehr zusammen. Plötzlich
stand er auf, nickte den Herren, die alle zugleich seinem Beispiel folgten,
kaum merklich zu und ging nach Hause.
Besonders zeitig fand er sich am nächsten Morgen auf der Reitschule ein, wo
Brand Chargenreiten abhielt.
Schon als er vom Pferde stieg, sich in den breiten Hüften wiegte, die Beine
warf, daß ihm die Kniescheiben knackten, und am staubfarbigen Schnurrbart
ungeduldig zupfte, wußten seine unglücklichen Untergebenen: Der ist
geladen. Gnade Gott Jedem, den er heute aufs Korn nimmt.
Der Oberst untersuchte die Packung, die Zäumung, die Bügelschnallung,
tadelte Alles, fand auch die Wartung der Pferde, die Haltung der Reiter
miserabel, unterzog die Abrichtung selbst einer herben Kritik.
»Herr Rittmeister Brand,« hieß es auf einmal, »Sie scheinen vorzugehen nach
einem ganz neuen, eigens von Ihnen erfundenen Reglement. Ihre
Unteroffiziere haben die schlechtesten Pferde.«
»Entschuldigen Herr Oberst, das ist nicht der Fall,« antwortete Brand.
»Wie, nicht der Fall?« Er bezeichnete ein Pferd in der Abtheilung
Wildensteins, der eben aufgesessen war, und auf den Befehl, in die
Reitschule zu kommen, wartete: »Der Braune dort im zweiten Glied ist mir
lieber als alle Ihre Unteroffiziers-Pferde.«
»Aber auf einem Auge blind,« sprach Dietrich mit größter Ruhe.
Der Oberst schnaubte: »Was? ... Sie ... Den mein' ich nicht. Den andern,
den lichten, der ist das richtige Unteroffiziers-Pferd.«
»Er ist's auch gewesen, aber Herr Oberst haben ihn selbst vor vierzehn
Tagen als untauglich dazu erklärt.«
Das auf offener Reitschule, vor aller Mannschaft. Dem Obersten liefen dicke
Schweißtropfen über die Hängebacken, er biß die Lippen und wendete sich der
Abtheilung des zweiten Rittmeisters zu. Mit dem war der Kampf leichter
aufzunehmen, der sollte jetzt büßen für den Freund und für sich selbst,
hatte ihn der Regiments-Kommandant doch schon lange genug im Magen, den
melancholischen Frechling, der es wagte, die Frau Oberstin anzuschmachten.
Die Nörgeleien begannen. Wildenstein erfuhr Rüge um Rüge, Spott um Spott.
Was einen Menschen, der seine Schuldigkeit thut, und mehr als seine
Schuldigkeit, nur reizen und demüthigen kann, folgte Schlag auf Schlag. Nun
entsetzte sich der Oberst plötzlich über das Aussehen eines der Dragoner.
»Kommandiren Sie den Mann in die Mitte der Reitschule,« befahl er, und
nachdem das geschehen war, betrachtete er den armen Teufel von Rekruten,
einen blutjungen, plumpen, hochschultrigen Burschen, und schrie dann auf,
mit geheucheltem Zorn: »Der ist ja bucklig. Sagen Sie mir einmal, Herr
Rittmeister Wildenstein, wie heißt der Mann? -- Wie er heißt, frag' ich.«
Merkwürdig -- der Rittmeister besinnt sich. Hat ihn das Gedächtniß
verlassen, hat er nicht reden können, weil es schon so gekocht hat in ihm,
er antwortete nicht. Da brach der Oberst in ein abscheuliches Lachen aus:
»Ach ja, freilich, Männernamen merken Sie sich nicht. Freilich, freilich,
wenn eine Amalia Rosenduft oder eine Eulalia Lilienstengel da oben säße, da
hätten Sie nicht nöthig, erst lange nachzudenken. Ich muß Ihnen doch
rathen, befassen Sie sich zeitweise wenigstens mit dem, was Ihre Pflicht
ist.«
»Herr Oberst«, knirschte Wildenstein, und in seine Arme hätte Dietrich ihn
nehmen, wegtragen hätte er ihn mögen. Er sieht es ihm an, es ist aus mit
seiner Selbstbeherrschung, seiner Willenskraft, mit Allem.
»Schweigen Sie,« donnerte der Oberst ihn an. »Riskiren Sie nicht ein
einziges Wort, man soll das Schicksal nicht versuchen, wenn man so wenig
Glück hat wie Sie.«
Das war mit einer so schändlich gemeinen Ironie gesprochen, daß es Jeden
anwiderte, der es mit anhören mußte. Wildenstein war leichenblaß: »Herr
Oberst,« sprach er mit lauttönender Stimme, »ich dulde das nicht, das
gehört nicht hierher.« Seine Hand ballte sich um den Säbelgriff, er trat
auf den Kommandanten zu.
Brand sprang ihm nach, packte ihn und hielt ihn fest.
»Gehen Sie zum Profosen, ich mache Ihnen den Proceß,« sagte der Oberst. Er
triumphirte; endlich war die Gelegenheit da, Herrn Rittmeister Wildenstein
den Hals zu brechen.
Als der sich wendete, um zu gehorchen, stand Dietrich vor ihm und sah ihn
unsagbar besorgt und beschwörend an. Wildenstein antwortete mit einem
ernsten, entschlossenen Blick, einem Blick, der deutlich sprach für den
verstehenden Freund: »Sag' selbst, ist's nicht genug?«
Nach dem Schluß der Reitschule ging Brand gerade aus ins Quartier seines
Freundes. Da fand er ihn, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, auf dem Bette
sitzend, neben ihm lag die abgeschossene Pistole; er hatte sich meisterlich
ins Herz getroffen. Auf dem Tische war sein Geld ausgebreitet,
zweiundvierzig Gulden, und ein Briefbogen, auf dem mit Bleistift
geschrieben stand:
»Lieber Dietrich, zwanzig Gulden meinem Burschen, den Rest den Leuten
meiner Abtheilung. Hab' Dank für Deine Liebe und Treue. Auf Wiedersehen.
Ich glaube dran.«
Dieser Tag und die darauf folgende Nacht waren die schwersten im ganzen
Leben Dietrich Brands. Da muß er fürchterlich mit sich gerungen haben. Am
Morgen war sein Entschluß gefaßt. Beim Begräbniß des Freundes hat er zum
letzten Male den Säbel gezogen.
Nach der Heimkehr von der Beerdigung verfaßte er sein Gesuch um Enthebung
von der Militärcharge.
Im ganzen Regimente rief der Entschluß Brands Bestürzung hervor. Aber das
änderte nichts daran. Er that auch keinen Dienst mehr. Der Regimentsarzt
stellte ihm ein Krankheitszeugniß aus und konnte es mit gutem Gewissen
thun. Er war ehrlich besorgt und sagte: »Ein Nervenfieber oder der Wahnsinn
-- der Herr Rittmeister kann von Glück sagen, wenn er ohne eines von
beiden durchkommt.«
Als das Gesuch des Rittmeisters bewilligt worden und er wieder in den
Civilstand zurückgetreten war, schickte er seine Herausforderung dem
Obersten zu. Der nahm sie an; seine Secundanten und die Brands einigten
sich ohne Schwierigkeiten über die Bedingungen des Duells: Pistolen, zehn
Schritte Barrière. Nie waren zwei Leute entschlossener, einander das
Lebenslicht auszublasen. Der Oberst wußte: treff' ich ihn nicht, bin ich
ein todter Mann, und Brand hatte sich's zugeschworen: dem grausamen Führer
wird das Handwerk gelegt. -- Gute Pistolenschützen waren beide. Und doch --
die Anwesenden trauten ihren Augen nicht, der Oberst drückte los und --
fehlte. Auch sein Gegner fehlte. Nachdem die Secundanten einen
pflichtgemäßen und selbstverständlich nutzlosen Versöhnungsversuch gemacht
hatten, wurden die Pistolen wieder geladen. Der Oberst zielte und traf
Dietrich in die linke Schulter. Dieser zuckte. Die Secundanten wollten
hinzu springen, doch winkte er sie fort, ließ den Obersten bis an die
Barrière heran kommen und schoß ihn durch und durch. Die Kugel prallte an
einem kleinen Baume ab, der Mann stürzte nieder ohne einen Laut. Für todt
-- nicht todt. Im Wagen schon, in dem sie ihn nach Hause brachten, erlangte
er die Besinnung wieder. Es fand sich, daß die Kugel zwischen den Lungen
durchgegangen war. Er genas nach verhältnißmäßig kurzem Siechthum. Aber
Brand hatte ihm doch das Handwerk gelegt; der Oberst mußte den Dienst
aufgeben, denn seine Stimme war zum Kommandiren zu schwach geworden.
Die Verwundung Dietrichs erwies sich als eine schwere; lange Zeit verging,
ehe er die volle Gesundheit wieder erlangte.
Den Titel, dessen er sich entäußert, erhielt ihm die Tradition. Die
Erinnerung an seine ehrenvolle Dienstzeit, an die Beliebtheit, die er
genossen hatte, blieb unvergessen, und er, trotz all' seines Protestirens,
Verbietens und Verbittens, für Jeden, der ihn in früheren Jahren gekannt
und in späteren von ihm gehört hatte: der Rittmeister Brand.