IV.

Eines Abends in der Offiziersmenage, -- auch der Oberst war da und saß an

einem Tische mit Brand, -- kam das Gespräch auf allgemeine militärische

Verhältnisse. Die Herren geriethen in Eifer, Dietrich behandelte mit

besonderer Wärme sein Lieblingsthema: Keine Institution ist zur Erfüllung

des hohen Zweckes, die Menschen zu erziehen, so berufen und so fähig wie

die Institution des Waffendienstes. Sie stellt die strengsten Anforderungen

an die Pflichttreue, Ehrenhaftigkeit, den Mannesmuth. Sie verlangt blinden

Gehorsam von den Geführten und deshalb von den Führern sehende Augen,

klaren Vorausblick, scharfen Einblick. Sie verlangt von ihnen Gerechtigkeit

und Strenge, denn nicht Freiheit braucht der Mensch, der Mensch braucht

Zucht. Aber weise muß die Strenge sein; unweise Strenge wird immer

Grausamkeit und unter dem grausamen Führer die Mannschaft zur wilden

Rotte. Der Dutzendoffizier verroht, der tüchtige verbittert. Ein Fluch für

die Armee ist Jeder, der Gewalt hat über Andere und nicht über sich selbst,

ein Verräther, der unseren Stand dem Haß und der Verleumdung ausliefert.

Er sah, während er sprach, dem Obersten fest ins Gesicht, und der erwiderte

kein Wort, zog die giftigen Äuglein nur immer mehr zusammen. Plötzlich

stand er auf, nickte den Herren, die alle zugleich seinem Beispiel folgten,

kaum merklich zu und ging nach Hause.

Besonders zeitig fand er sich am nächsten Morgen auf der Reitschule ein, wo

Brand Chargenreiten abhielt.

Schon als er vom Pferde stieg, sich in den breiten Hüften wiegte, die Beine

warf, daß ihm die Kniescheiben knackten, und am staubfarbigen Schnurrbart

ungeduldig zupfte, wußten seine unglücklichen Untergebenen: Der ist

geladen. Gnade Gott Jedem, den er heute aufs Korn nimmt.

Der Oberst untersuchte die Packung, die Zäumung, die Bügelschnallung,

tadelte Alles, fand auch die Wartung der Pferde, die Haltung der Reiter

miserabel, unterzog die Abrichtung selbst einer herben Kritik.

»Herr Rittmeister Brand,« hieß es auf einmal, »Sie scheinen vorzugehen nach

einem ganz neuen, eigens von Ihnen erfundenen Reglement. Ihre

Unteroffiziere haben die schlechtesten Pferde.«

»Entschuldigen Herr Oberst, das ist nicht der Fall,« antwortete Brand.

»Wie, nicht der Fall?« Er bezeichnete ein Pferd in der Abtheilung

Wildensteins, der eben aufgesessen war, und auf den Befehl, in die

Reitschule zu kommen, wartete: »Der Braune dort im zweiten Glied ist mir

lieber als alle Ihre Unteroffiziers-Pferde.«

»Aber auf einem Auge blind,« sprach Dietrich mit größter Ruhe.

Der Oberst schnaubte: »Was? ... Sie ... Den mein' ich nicht. Den andern,

den lichten, der ist das richtige Unteroffiziers-Pferd.«

»Er ist's auch gewesen, aber Herr Oberst haben ihn selbst vor vierzehn

Tagen als untauglich dazu erklärt.«

Das auf offener Reitschule, vor aller Mannschaft. Dem Obersten liefen dicke

Schweißtropfen über die Hängebacken, er biß die Lippen und wendete sich der

Abtheilung des zweiten Rittmeisters zu. Mit dem war der Kampf leichter

aufzunehmen, der sollte jetzt büßen für den Freund und für sich selbst,

hatte ihn der Regiments-Kommandant doch schon lange genug im Magen, den

melancholischen Frechling, der es wagte, die Frau Oberstin anzuschmachten.

Die Nörgeleien begannen. Wildenstein erfuhr Rüge um Rüge, Spott um Spott.

Was einen Menschen, der seine Schuldigkeit thut, und mehr als seine

Schuldigkeit, nur reizen und demüthigen kann, folgte Schlag auf Schlag. Nun

entsetzte sich der Oberst plötzlich über das Aussehen eines der Dragoner.

»Kommandiren Sie den Mann in die Mitte der Reitschule,« befahl er, und

nachdem das geschehen war, betrachtete er den armen Teufel von Rekruten,

einen blutjungen, plumpen, hochschultrigen Burschen, und schrie dann auf,

mit geheucheltem Zorn: »Der ist ja bucklig. Sagen Sie mir einmal, Herr

Rittmeister Wildenstein, wie heißt der Mann? -- Wie er heißt, frag' ich.«

Merkwürdig -- der Rittmeister besinnt sich. Hat ihn das Gedächtniß

verlassen, hat er nicht reden können, weil es schon so gekocht hat in ihm,

er antwortete nicht. Da brach der Oberst in ein abscheuliches Lachen aus:

»Ach ja, freilich, Männernamen merken Sie sich nicht. Freilich, freilich,

wenn eine Amalia Rosenduft oder eine Eulalia Lilienstengel da oben säße, da

hätten Sie nicht nöthig, erst lange nachzudenken. Ich muß Ihnen doch

rathen, befassen Sie sich zeitweise wenigstens mit dem, was Ihre Pflicht

ist.«

»Herr Oberst«, knirschte Wildenstein, und in seine Arme hätte Dietrich ihn

nehmen, wegtragen hätte er ihn mögen. Er sieht es ihm an, es ist aus mit

seiner Selbstbeherrschung, seiner Willenskraft, mit Allem.

»Schweigen Sie,« donnerte der Oberst ihn an. »Riskiren Sie nicht ein

einziges Wort, man soll das Schicksal nicht versuchen, wenn man so wenig

Glück hat wie Sie.«

Das war mit einer so schändlich gemeinen Ironie gesprochen, daß es Jeden

anwiderte, der es mit anhören mußte. Wildenstein war leichenblaß: »Herr

Oberst,« sprach er mit lauttönender Stimme, »ich dulde das nicht, das

gehört nicht hierher.« Seine Hand ballte sich um den Säbelgriff, er trat

auf den Kommandanten zu.

Brand sprang ihm nach, packte ihn und hielt ihn fest.

»Gehen Sie zum Profosen, ich mache Ihnen den Proceß,« sagte der Oberst. Er

triumphirte; endlich war die Gelegenheit da, Herrn Rittmeister Wildenstein

den Hals zu brechen.

Als der sich wendete, um zu gehorchen, stand Dietrich vor ihm und sah ihn

unsagbar besorgt und beschwörend an. Wildenstein antwortete mit einem

ernsten, entschlossenen Blick, einem Blick, der deutlich sprach für den

verstehenden Freund: »Sag' selbst, ist's nicht genug?«

Nach dem Schluß der Reitschule ging Brand gerade aus ins Quartier seines

Freundes. Da fand er ihn, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, auf dem Bette

sitzend, neben ihm lag die abgeschossene Pistole; er hatte sich meisterlich

ins Herz getroffen. Auf dem Tische war sein Geld ausgebreitet,

zweiundvierzig Gulden, und ein Briefbogen, auf dem mit Bleistift

geschrieben stand:

»Lieber Dietrich, zwanzig Gulden meinem Burschen, den Rest den Leuten

meiner Abtheilung. Hab' Dank für Deine Liebe und Treue. Auf Wiedersehen.

Ich glaube dran.«

Dieser Tag und die darauf folgende Nacht waren die schwersten im ganzen

Leben Dietrich Brands. Da muß er fürchterlich mit sich gerungen haben. Am

Morgen war sein Entschluß gefaßt. Beim Begräbniß des Freundes hat er zum

letzten Male den Säbel gezogen.

Nach der Heimkehr von der Beerdigung verfaßte er sein Gesuch um Enthebung

von der Militärcharge.

Im ganzen Regimente rief der Entschluß Brands Bestürzung hervor. Aber das

änderte nichts daran. Er that auch keinen Dienst mehr. Der Regimentsarzt

stellte ihm ein Krankheitszeugniß aus und konnte es mit gutem Gewissen

thun. Er war ehrlich besorgt und sagte: »Ein Nervenfieber oder der Wahnsinn

-- der Herr Rittmeister kann von Glück sagen, wenn er ohne eines von

beiden durchkommt.«

Als das Gesuch des Rittmeisters bewilligt worden und er wieder in den

Civilstand zurückgetreten war, schickte er seine Herausforderung dem

Obersten zu. Der nahm sie an; seine Secundanten und die Brands einigten

sich ohne Schwierigkeiten über die Bedingungen des Duells: Pistolen, zehn

Schritte Barrière. Nie waren zwei Leute entschlossener, einander das

Lebenslicht auszublasen. Der Oberst wußte: treff' ich ihn nicht, bin ich

ein todter Mann, und Brand hatte sich's zugeschworen: dem grausamen Führer

wird das Handwerk gelegt. -- Gute Pistolenschützen waren beide. Und doch --

die Anwesenden trauten ihren Augen nicht, der Oberst drückte los und --

fehlte. Auch sein Gegner fehlte. Nachdem die Secundanten einen

pflichtgemäßen und selbstverständlich nutzlosen Versöhnungsversuch gemacht

hatten, wurden die Pistolen wieder geladen. Der Oberst zielte und traf

Dietrich in die linke Schulter. Dieser zuckte. Die Secundanten wollten

hinzu springen, doch winkte er sie fort, ließ den Obersten bis an die

Barrière heran kommen und schoß ihn durch und durch. Die Kugel prallte an

einem kleinen Baume ab, der Mann stürzte nieder ohne einen Laut. Für todt

-- nicht todt. Im Wagen schon, in dem sie ihn nach Hause brachten, erlangte

er die Besinnung wieder. Es fand sich, daß die Kugel zwischen den Lungen

durchgegangen war. Er genas nach verhältnißmäßig kurzem Siechthum. Aber

Brand hatte ihm doch das Handwerk gelegt; der Oberst mußte den Dienst

aufgeben, denn seine Stimme war zum Kommandiren zu schwach geworden.

Die Verwundung Dietrichs erwies sich als eine schwere; lange Zeit verging,

ehe er die volle Gesundheit wieder erlangte.

Den Titel, dessen er sich entäußert, erhielt ihm die Tradition. Die

Erinnerung an seine ehrenvolle Dienstzeit, an die Beliebtheit, die er

genossen hatte, blieb unvergessen, und er, trotz all' seines Protestirens,

Verbietens und Verbittens, für Jeden, der ihn in früheren Jahren gekannt

und in späteren von ihm gehört hatte: der Rittmeister Brand.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 10 / 68 题