Genau am ersten Jahrestage ihrer Vermählung erschien Magdalena Peters bei
Dietrich Brand und brachte ohne viel Umstände die Bitte vor, er möge, im
Fall daß es ein Bub werden sollte, sich gütigst herbeilassen, ihn aus der
Taufe zu heben. Die Erfüllung ihres Wunsches wurde ihr sogleich und mit
großem, feierlichem Ernste zugesagt. Brand holte sofort die genaueren
Erkundigungen über die Pflichten ein, die er mit der Taufpathenschaft auf
sich nahm. Er gedachte sie pünktlich zu erfüllen und erhielt Gelegenheit
dazu, denn es wurde ein Bub, ein niedlicher Peter #junior#.
Sein Vater übergoß ihn mit Thränen der Rührung, das Kindlein nieste, und
Dietrich selbst, sehr bewegt durch den ihm völlig fremdartigen Anblick
eines neugeborenen Menschen, führte Peter von der Wiege fort und sagte:
»Blamire Dich nicht vor Weib und Kind.«
Brands Fürsorge wuchs mit ihrem Gegenstande. Er schrieb sich
Eigentumsrechte über das Knäblein zu und forderte, daß ohne Unterlaß an ihm
erzogen werde.
Frau Magdalene verlor endlich die Geduld. »Dein Rittmeister«, sagte sie zu
ihrem Manne, »wie der's treibt. Bald wird Niemand mehr wissen, bin ich die
Mutter, oder ist er's!«
Peter hatte Mühe, sie mit der Versicherung zu beschwichtigen, darüber könne
kein gescheidter Mensch im Zweifel sein.
Das Interesse, das der Rittmeister für den kleinen Peter gefaßt hatte,
breitete sich allmählich auch auf andere Kinder aus. Man muß doch
vergleichen, den Blick schärfen, Erfahrungen sammeln. Dietrich, der bisher
ziemlich gleichgültig an Allem vorüber gegangen war, was nicht im Alter der
Militärpflicht stand, begann nun, dem Kindervolke seine Aufmerksamkeit zu
schenken. Es traf sich, daß er mit kleinen Schulbesuchern, Knaben und
Mädchen, die mit ihm im selben Hause wohnten und denen er täglich auf der
Treppe begegnete, einen Gruß tauschte. Zu dem Gruße kam bald eine
Ansprache, und aus der entwickelten sich nach und nach förmliche
Konversationen, die man nicht schon unterm Thor abbrechen wollte. Nicht
selten geschah's, daß Brand dem oder jenem jugendlichen Geschöpfe das
Geleite gab bis zur Schule.
Er hatte sich zuerst an die Kinder der Armen gewendet und ihr Vertrauen,
und bis zu einem gewissen Grade, das ihrer Eltern errungen. Dann schritt er
an verfeinerte Gesellschaftskreise heran, machte auch da Glück und war bald
wieder in seinem Elemente, konnte wieder erziehen. Er übte auch
Gastfreundschaft. An jedem Samstag-Nachmittag wimmelte es von Jugend in
seiner Wohnung; die verschiedensten Stände waren da durch auserlesene
Exemplare vertreten. Entsprechende Kost für Kopf und Herz lieferte der
Hausherr, das Ehepaar Peters sorgte für den Magen; Überladung, in irgend
einer Weise, kam nicht vor. Glücklich, gesund, von frischem Eifer zur
Bravheit beseelt, kehrten die Kinder heim.
Im Frühling des zweiten Jahres nach der Geburt Klein-Peters' frühstückte
Brand an jedem schönen Morgen, statt zu Hause, im Stadtpark und ging dann
in den Kinderpark hinüber, wo sein Täufling im Korbwägelchen unweigerlich
bis zehn Uhr zu schlafen hatte.
Dabei schenkte Brand aber auch fremden Kindern seine Aufmerksamkeit, sah
ihren Spielen zu, ermunterte die Schüchternen, ging den Ungeschickten zur
Hand, beschützte die Unterdrückten und hatte eine beneidenswerte Art, die
Übermüthigen und Tyrannischen zurecht zu weisen. Durch eine kurze
Bemerkung, einen Blick verstand er zu bändigen, ohne zu empören und zu
erbittern.
Eines Tages war Dietrich vom Stadtpark auch noch in den Volksgarten
gegangen. Er nahm dort Platz auf einer Bank mit der Aussicht auf das
Grillparzer-Denkmal und freute sich, daß es wieder Frühling war, daß die
Natur in erneuter Jugendherrlichkeit blühte und daß die Menschen ihrer
pflegten, mit so viel Sorgfalt und Geschmack, wie es hier geschah in
diesem kleinen irdischen Paradiese. Er freute sich auch, daß sie in all'
die Schönheit Schönes hingestellt haben, das edle Denkmal, das unsern
Dichter veranschaulicht mit ergreifender Wahrheit, und die Werke seines
Schöpfergeistes im beseelten Steine vor uns aufleben läßt.
Brand lächelte vor sich hin. Er gedachte der Äußerung, die eine seiner
Cousinen jüngst gethan hatte: »Heirathe doch, es ist noch gerade Zeit. Du
hast Kinder so gern, und eigene sind noch etwas ganz Anderes als fremde,
und eine angenehme Häuslichkeit ist auch nicht zu verschmähen.«
Häuslichkeit, eigene Kinder -- als ob ein Mensch ihrer bedürfe, der gewöhnt
ist, sich überall häuslich einzurichten; dem alles Gute und Schöne in der
Welt gehört, weil er es lieben und bewundern kann. Die glauben nur das zu
besitzen, was sie an sich gerissen haben, das sind die ewig Unersättlichen
und ewig Entbehrenden.
In seiner Nachbarschaft hatten sich drei fein aussehende Damen auf eine
Bank niedergelassen; offenbar Gouvernanten in sehr wohlhabenden Häusern. Es
waren zwei ältliche Engländerinnen, die in guter Laune und schlechtem
Französisch ein eifriges Gespräch mit einer jungen -- ihr tadelloser Accent
verrieth's -- Pariserin führten. Ihre drei Zöglinge, nicht Kinder mehr und
noch nicht Backfische, pendelten auf dem Wege zwischen ihren Bändigerinnen
und Brand hin und her.
Er konnte Einiges hören von ihrer laut und ungenirt geführten Konversation:
»Du, Aurora,« sagte das muntere Ding am linken Flügel, das in Blau
gekleidet, blond, frisch und ein wenig untersetzt war, zu der in der Mitte
Schreitenden, »Deine Stiefeletten sind hübscher als die meinen, aber ich
habe einen hübscheren Fuß.«
»Und ich habe eine hübschere Taille,« fiel das Fräulein zur Rechten ein.
»Die Deine ist ja viel zu lang.« Sie prangte havannafarbig, und man konnte
schwerlich eine zierlichere Gestalt sehen.
Allerdings durfte sich die zwischen den Beiden wandelnde, eckige und blasse
Aurora an persönlichen Vorzügen mit ihnen nicht vergleichen. Dafür aber
schlug ihre Toilette die der Freundinnen völlig. Allerersten Ranges waren
der hellgraue Stoff und die Mache des Kleides, und der Hut mit seiner
breiten, genial aufgestülpten Krempe und feinem Federngewoge. Wenn eine
Harpye ihn aufgesetzt hätte, Jedermann würde ausgerufen haben: »O wie
anmuthig sehen Sie heute aus, meine Gnädige!«
Ihre Verhandlung eifrig fortführend, hatten sich die Fräulein mitten auf
dem Wege aufgepflanzt, als von der Ringstraße, in der Richtung gegen den
äußeren Burgplatz, zwei ärmlich gekleidete Kinder einher kamen. Ein Knabe
von etwa sieben Jahren und ein viel jüngeres Mädchen. Der Knabe, hoch
aufgeschossen und schmächtig, trug an einem Riemen am Arme eine der mit
Wachsleinwand überzogenen Schachteln, in denen Modehändler ihre Waare
verschicken. Das kleine Mädchen im ausgewaschenen Percailkleidchen, einen
blauen, gestrickten Capuchon auf dem Kopfe, ein Tüchlein um die mageren
Schultern geschlungen, hüpfte neben ihm her.
Beim Anblick der aufgeputzten Fräulein blieb sie plötzlich stehen und
staunte, wie angenagelt vor Entzücken, zu ihnen hinauf. Besonders
hingerissen schien sie von dem grauen Federhut; zu ihm kehrte ihr
leuchtender Blick immer wieder zurück.
Sie wurde bemerkt, die Modedöckchen nahmen den Zoll naiver Bewunderung, den
das Kind ihnen darbrachte, spöttisch auf, und die Blaue sprach:
»Wie dumm sie ist!«
»Und wie sie nach Armuth riecht,« setzte Aurora mit der langen Taille
hinzu. »Meine Mama sagt, das ist der ärgste Geruch. Böhmische Spitzen
riechen manchmal so.«
Die Kleine verstand sie nicht. Seelenvergnügt blieb sie regungslos wie ein
hypnotisirtes Hühnchen, bewunderte weiter und bemerkte nicht, daß sie
ausgelacht und verachtet wurde.
Der Auftritt hatte außer Brand noch einen Beobachter gehabt, einen sehr
jugendlichen. Ein braunes, ungemein feinknochiges Bübchen verließ eine
Gruppe Spielgenossen und kam auf die Verspottete zu mit einer herzigen und
komischen Gebärde. Er verschränkte die Finger so fest er konnte und
streckte die gerungenen Hände einmal ums andere mit heftigem Rucke von
sich. So trat er, kämpfend mit Empörung und Rührung, vor das arme Kind hin
und sagte im durchdrungensten Tone:
»Wenn sie nur zu mir käm', in mein Haus, ich würd' ihr geben, was ich nur
hab!«
Sie sah ihn eine Weile überrascht und zweifelnd an, steckte zuerst ihr
Zeigefingerchen in den Mund, zog es dann heraus und deutete schüchtern auf
seine hundsledernen Handschuhe: »Die gieb mir.«
Sogleich fing er an, hastig an ihnen zu zerren, brachte sie auch herunter;
als er sie aber der Kleinen reichte und sie danach griff, kam ihr Bruder
ihr zuvor:
»Wir dürfen nichts annehmen. Du weißt, Annerl, die Mutter will's nicht,«
sagte er sehr sanft und sehr entschieden, und es war ein merkwürdig
trauriger Klang in seiner Stimme. »Wir danken Ihnen vielmals, junger Herr;
komm Annerl,« er zog seine Schwester mit sich fort.
Der abgewiesene Wohlthäter sah ihnen verdutzt und bestürzt nach. Dietrich
stand auf und half ihm seine Handschuhe wieder anziehen, allein wäre er
damit kaum fertig geworden.
»Wie alt bist Du?« fragte Brand, als die für sie beide sehr schwierige
Arbeit zu Stande gebracht war.
»Fünf Jahre.«
»Wie heißest Du?«
Der Taufname des Bübleins war Fritz, sein Familienname der eines
österreichischen Grafen- und Fürstengeschlechts.
»Fritz,« sagte der Rittmeister, »Du hast einen schönen Namen, weißt Du, was
das heißt? Weißt Du auch, was es heißt, seinem Namen Ehre machen?«
Der Kleine hob seine prachtvollen, von langen dunklen Wimpern beschatteten
Augen zu Brand empor und erwiderte ohne Zögern: »O ja.«
Dietrich verbiß ein Lächeln: »Nun, wenn Du das jetzt schon weißt, dann
salutire -- das heißt,« verbesserte er sich, »dann grüße ich Dich.«
Er lüftete den Hut, und der Kleine riß den seinen förmlich herunter, holte
weit aus mit der Rechten und machte eine tiefe, respektvolle Verbeugung.
»Der verspricht, der verspricht,« dachte Brand: »so jung er ist, kennt er
schon das Mitleid und die Ehrfurcht. Beim Mitleid und bei der Ehrfurcht
fängt der Mensch an, sehr früh also bei diesem Fritzchen.«