VI.

Genau am ersten Jahrestage ihrer Vermählung erschien Magdalena Peters bei

Dietrich Brand und brachte ohne viel Umstände die Bitte vor, er möge, im

Fall daß es ein Bub werden sollte, sich gütigst herbeilassen, ihn aus der

Taufe zu heben. Die Erfüllung ihres Wunsches wurde ihr sogleich und mit

großem, feierlichem Ernste zugesagt. Brand holte sofort die genaueren

Erkundigungen über die Pflichten ein, die er mit der Taufpathenschaft auf

sich nahm. Er gedachte sie pünktlich zu erfüllen und erhielt Gelegenheit

dazu, denn es wurde ein Bub, ein niedlicher Peter #junior#.

Sein Vater übergoß ihn mit Thränen der Rührung, das Kindlein nieste, und

Dietrich selbst, sehr bewegt durch den ihm völlig fremdartigen Anblick

eines neugeborenen Menschen, führte Peter von der Wiege fort und sagte:

»Blamire Dich nicht vor Weib und Kind.«

Brands Fürsorge wuchs mit ihrem Gegenstande. Er schrieb sich

Eigentumsrechte über das Knäblein zu und forderte, daß ohne Unterlaß an ihm

erzogen werde.

Frau Magdalene verlor endlich die Geduld. »Dein Rittmeister«, sagte sie zu

ihrem Manne, »wie der's treibt. Bald wird Niemand mehr wissen, bin ich die

Mutter, oder ist er's!«

Peter hatte Mühe, sie mit der Versicherung zu beschwichtigen, darüber könne

kein gescheidter Mensch im Zweifel sein.

Das Interesse, das der Rittmeister für den kleinen Peter gefaßt hatte,

breitete sich allmählich auch auf andere Kinder aus. Man muß doch

vergleichen, den Blick schärfen, Erfahrungen sammeln. Dietrich, der bisher

ziemlich gleichgültig an Allem vorüber gegangen war, was nicht im Alter der

Militärpflicht stand, begann nun, dem Kindervolke seine Aufmerksamkeit zu

schenken. Es traf sich, daß er mit kleinen Schulbesuchern, Knaben und

Mädchen, die mit ihm im selben Hause wohnten und denen er täglich auf der

Treppe begegnete, einen Gruß tauschte. Zu dem Gruße kam bald eine

Ansprache, und aus der entwickelten sich nach und nach förmliche

Konversationen, die man nicht schon unterm Thor abbrechen wollte. Nicht

selten geschah's, daß Brand dem oder jenem jugendlichen Geschöpfe das

Geleite gab bis zur Schule.

Er hatte sich zuerst an die Kinder der Armen gewendet und ihr Vertrauen,

und bis zu einem gewissen Grade, das ihrer Eltern errungen. Dann schritt er

an verfeinerte Gesellschaftskreise heran, machte auch da Glück und war bald

wieder in seinem Elemente, konnte wieder erziehen. Er übte auch

Gastfreundschaft. An jedem Samstag-Nachmittag wimmelte es von Jugend in

seiner Wohnung; die verschiedensten Stände waren da durch auserlesene

Exemplare vertreten. Entsprechende Kost für Kopf und Herz lieferte der

Hausherr, das Ehepaar Peters sorgte für den Magen; Überladung, in irgend

einer Weise, kam nicht vor. Glücklich, gesund, von frischem Eifer zur

Bravheit beseelt, kehrten die Kinder heim.

Im Frühling des zweiten Jahres nach der Geburt Klein-Peters' frühstückte

Brand an jedem schönen Morgen, statt zu Hause, im Stadtpark und ging dann

in den Kinderpark hinüber, wo sein Täufling im Korbwägelchen unweigerlich

bis zehn Uhr zu schlafen hatte.

Dabei schenkte Brand aber auch fremden Kindern seine Aufmerksamkeit, sah

ihren Spielen zu, ermunterte die Schüchternen, ging den Ungeschickten zur

Hand, beschützte die Unterdrückten und hatte eine beneidenswerte Art, die

Übermüthigen und Tyrannischen zurecht zu weisen. Durch eine kurze

Bemerkung, einen Blick verstand er zu bändigen, ohne zu empören und zu

erbittern.

Eines Tages war Dietrich vom Stadtpark auch noch in den Volksgarten

gegangen. Er nahm dort Platz auf einer Bank mit der Aussicht auf das

Grillparzer-Denkmal und freute sich, daß es wieder Frühling war, daß die

Natur in erneuter Jugendherrlichkeit blühte und daß die Menschen ihrer

pflegten, mit so viel Sorgfalt und Geschmack, wie es hier geschah in

diesem kleinen irdischen Paradiese. Er freute sich auch, daß sie in all'

die Schönheit Schönes hingestellt haben, das edle Denkmal, das unsern

Dichter veranschaulicht mit ergreifender Wahrheit, und die Werke seines

Schöpfergeistes im beseelten Steine vor uns aufleben läßt.

Brand lächelte vor sich hin. Er gedachte der Äußerung, die eine seiner

Cousinen jüngst gethan hatte: »Heirathe doch, es ist noch gerade Zeit. Du

hast Kinder so gern, und eigene sind noch etwas ganz Anderes als fremde,

und eine angenehme Häuslichkeit ist auch nicht zu verschmähen.«

Häuslichkeit, eigene Kinder -- als ob ein Mensch ihrer bedürfe, der gewöhnt

ist, sich überall häuslich einzurichten; dem alles Gute und Schöne in der

Welt gehört, weil er es lieben und bewundern kann. Die glauben nur das zu

besitzen, was sie an sich gerissen haben, das sind die ewig Unersättlichen

und ewig Entbehrenden.

In seiner Nachbarschaft hatten sich drei fein aussehende Damen auf eine

Bank niedergelassen; offenbar Gouvernanten in sehr wohlhabenden Häusern. Es

waren zwei ältliche Engländerinnen, die in guter Laune und schlechtem

Französisch ein eifriges Gespräch mit einer jungen -- ihr tadelloser Accent

verrieth's -- Pariserin führten. Ihre drei Zöglinge, nicht Kinder mehr und

noch nicht Backfische, pendelten auf dem Wege zwischen ihren Bändigerinnen

und Brand hin und her.

Er konnte Einiges hören von ihrer laut und ungenirt geführten Konversation:

»Du, Aurora,« sagte das muntere Ding am linken Flügel, das in Blau

gekleidet, blond, frisch und ein wenig untersetzt war, zu der in der Mitte

Schreitenden, »Deine Stiefeletten sind hübscher als die meinen, aber ich

habe einen hübscheren Fuß.«

»Und ich habe eine hübschere Taille,« fiel das Fräulein zur Rechten ein.

»Die Deine ist ja viel zu lang.« Sie prangte havannafarbig, und man konnte

schwerlich eine zierlichere Gestalt sehen.

Allerdings durfte sich die zwischen den Beiden wandelnde, eckige und blasse

Aurora an persönlichen Vorzügen mit ihnen nicht vergleichen. Dafür aber

schlug ihre Toilette die der Freundinnen völlig. Allerersten Ranges waren

der hellgraue Stoff und die Mache des Kleides, und der Hut mit seiner

breiten, genial aufgestülpten Krempe und feinem Federngewoge. Wenn eine

Harpye ihn aufgesetzt hätte, Jedermann würde ausgerufen haben: »O wie

anmuthig sehen Sie heute aus, meine Gnädige!«

Ihre Verhandlung eifrig fortführend, hatten sich die Fräulein mitten auf

dem Wege aufgepflanzt, als von der Ringstraße, in der Richtung gegen den

äußeren Burgplatz, zwei ärmlich gekleidete Kinder einher kamen. Ein Knabe

von etwa sieben Jahren und ein viel jüngeres Mädchen. Der Knabe, hoch

aufgeschossen und schmächtig, trug an einem Riemen am Arme eine der mit

Wachsleinwand überzogenen Schachteln, in denen Modehändler ihre Waare

verschicken. Das kleine Mädchen im ausgewaschenen Percailkleidchen, einen

blauen, gestrickten Capuchon auf dem Kopfe, ein Tüchlein um die mageren

Schultern geschlungen, hüpfte neben ihm her.

Beim Anblick der aufgeputzten Fräulein blieb sie plötzlich stehen und

staunte, wie angenagelt vor Entzücken, zu ihnen hinauf. Besonders

hingerissen schien sie von dem grauen Federhut; zu ihm kehrte ihr

leuchtender Blick immer wieder zurück.

Sie wurde bemerkt, die Modedöckchen nahmen den Zoll naiver Bewunderung, den

das Kind ihnen darbrachte, spöttisch auf, und die Blaue sprach:

»Wie dumm sie ist!«

»Und wie sie nach Armuth riecht,« setzte Aurora mit der langen Taille

hinzu. »Meine Mama sagt, das ist der ärgste Geruch. Böhmische Spitzen

riechen manchmal so.«

Die Kleine verstand sie nicht. Seelenvergnügt blieb sie regungslos wie ein

hypnotisirtes Hühnchen, bewunderte weiter und bemerkte nicht, daß sie

ausgelacht und verachtet wurde.

Der Auftritt hatte außer Brand noch einen Beobachter gehabt, einen sehr

jugendlichen. Ein braunes, ungemein feinknochiges Bübchen verließ eine

Gruppe Spielgenossen und kam auf die Verspottete zu mit einer herzigen und

komischen Gebärde. Er verschränkte die Finger so fest er konnte und

streckte die gerungenen Hände einmal ums andere mit heftigem Rucke von

sich. So trat er, kämpfend mit Empörung und Rührung, vor das arme Kind hin

und sagte im durchdrungensten Tone:

»Wenn sie nur zu mir käm', in mein Haus, ich würd' ihr geben, was ich nur

hab!«

Sie sah ihn eine Weile überrascht und zweifelnd an, steckte zuerst ihr

Zeigefingerchen in den Mund, zog es dann heraus und deutete schüchtern auf

seine hundsledernen Handschuhe: »Die gieb mir.«

Sogleich fing er an, hastig an ihnen zu zerren, brachte sie auch herunter;

als er sie aber der Kleinen reichte und sie danach griff, kam ihr Bruder

ihr zuvor:

»Wir dürfen nichts annehmen. Du weißt, Annerl, die Mutter will's nicht,«

sagte er sehr sanft und sehr entschieden, und es war ein merkwürdig

trauriger Klang in seiner Stimme. »Wir danken Ihnen vielmals, junger Herr;

komm Annerl,« er zog seine Schwester mit sich fort.

Der abgewiesene Wohlthäter sah ihnen verdutzt und bestürzt nach. Dietrich

stand auf und half ihm seine Handschuhe wieder anziehen, allein wäre er

damit kaum fertig geworden.

»Wie alt bist Du?« fragte Brand, als die für sie beide sehr schwierige

Arbeit zu Stande gebracht war.

»Fünf Jahre.«

»Wie heißest Du?«

Der Taufname des Bübleins war Fritz, sein Familienname der eines

österreichischen Grafen- und Fürstengeschlechts.

»Fritz,« sagte der Rittmeister, »Du hast einen schönen Namen, weißt Du, was

das heißt? Weißt Du auch, was es heißt, seinem Namen Ehre machen?«

Der Kleine hob seine prachtvollen, von langen dunklen Wimpern beschatteten

Augen zu Brand empor und erwiderte ohne Zögern: »O ja.«

Dietrich verbiß ein Lächeln: »Nun, wenn Du das jetzt schon weißt, dann

salutire -- das heißt,« verbesserte er sich, »dann grüße ich Dich.«

Er lüftete den Hut, und der Kleine riß den seinen förmlich herunter, holte

weit aus mit der Rechten und machte eine tiefe, respektvolle Verbeugung.

»Der verspricht, der verspricht,« dachte Brand: »so jung er ist, kennt er

schon das Mitleid und die Ehrfurcht. Beim Mitleid und bei der Ehrfurcht

fängt der Mensch an, sehr früh also bei diesem Fritzchen.«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 12 / 68 题