Nun erfuhr Brand, was heiße Reue ist. Er sagte sich, daß es doch besser
gewesen wäre, im Kampfe gegen seine Herzensneigung zu unterliegen als zu
siegen. Schade, schade um diese edle Sophie, die ihm herabgewürdigt schien
durch eine nicht aus Liebe geschlossene Verbindung. Die Schuld an dem
schweren Unrecht, das damit an ihr begangen wurde, maß er mit gutem Grunde
sich selbst zu.
Alles, was Brand damals im Stillen litt, trat aber bald in den Hintergrund
vor einem anderen wichtigen Ereigniß, das über seine ganze Zukunft
entscheiden sollte.
Von Kind auf hatte er bedauert, daß er keine Geschwister gehabt, keinen
schwachen, kleinen Bruder, den er hätte beschützen, leiten, erziehen
können. Im Regimente fand er, was die Familie ihm schuldig geblieben war,
den jüngern, etwas unselbständigen Kameraden, auf den er alle Bruderliebe,
die in ihm geschlummert hatte, übertragen konnte, und der ihm dafür durch
unbedingte Ergebenheit dankte.
Es war ein schöner, etwas zur Melancholie geneigter Mensch, dem das
Leben mehr Bitternisse zu kosten gegeben hatte als gut ist für eine feine,
scheue Natur. Früh verwaist, arm, die ganze Kindheit hindurch auf das
Gnadenbrot angewiesen, das wohlhabende Verwandte ihm und seiner Schwester
widerwillig reichten, schlug für ihn die erste glückliche Stunde, als seine
Angehörigen seinem Drängen nachgaben und ihm erlaubten, in eine
Militär-Erziehungsanstalt zu treten. »Er wird die harte Schule bald satt
haben,« meinten sie, »und ungestümer herausstreben, als er hineingestrebt
hat.« Sie irrten. Er bestand die harte Schule zum Verdruß der Onkel und
Tanten, denen seine Ausdauer als eine weitgetriebene und ziemlich
respektlose Rechthaberei erschien. Sobald die lange -- oft endlos
scheinende -- Lehrzeit vorbei und er Offizier geworden war, hatte er seine
Schwester zu sich nehmen wollen. Darüber lachte man nur. Einem
zwanzigjährigen Lieutenant, wenn er auch ein Muster von Solidität ist,
pflegt man nicht ein achtzehnjähriges Mädchen zur Vollendung ihrer
Erziehung zu übergeben. »Ihr müßt warten,« sagten der Onkel-Vormund und
seine Frau, denen es sehr angenehm war, eine unbesoldete Bonne im Hause zu
haben, auf die man sich unbedingt verlassen konnte.
Die Geschwister warteten, bis die Ernennung Wildensteins zum Rittmeister
nahe bevorstand und seine Schwester mündig gesprochen werden sollte. Sie
hatten in dem kleinen, dunkeln Hofzimmer, das sie bewohnte, das letzte,
kurze Wiedersehen vor der letzten Trennung gefeiert. »In drei Wochen also
komme ich und hole Dich« -- hatte er gesagt, und sich erhoben und ihr die
Hand gereicht. Aber sie hatte die Hand nicht erfaßt, sie war in
unaussprechlichen Jubel ausgebrochen. Die Schüchternheit, von der sie sonst
in der Nähe des abgöttisch verehrten Bruders ergriffen wurde, verschwand.
Sie stürzte in seine Arme, und ihre Glückseligkeit verrieth ihm, wie viel
sie bisher gelitten hatte: So nahe der Augenblick, in dem die Sehnsucht
ihres ganzen Lebens sich erfüllen sollte! So nahe die Erlösung! Es war kaum
zu fassen, es berauschte sie, es stand vor ihr wie das plötzlich geöffnete
Himmelsthor: »Ich werde bei Dir sein!« Sie lag an seiner Brust, die kleine,
stille Dulderin, seine echte Schwester, so schweigsam und tapfer in ihrer
Weise, wie er in der seinen -- und weinte.
Da verlor er seine gewohnte Selbstbeherrschung, sein Herz überfloß. Sie
erfuhr, daß er ihrer bedurfte, ihrer tröstenden, heilenden Nähe, der immer
wach erhaltenen Überzeugung: da ist ein Wesen, für das ich leben muß. Wäre
sie nicht, würde er selbst nicht mehr sein; er hätte längst den Qualen
einer thörichten, verdammenswerthen und unüberwindlichen Liebe ein Ende
gemacht. Als er seine Schwester in die Tiefen seiner Seele blicken ließ,
lernte sie mit Entsetzen eine Leidenschaft kennen, von der bis jetzt nicht
die leiseste Ahnung in ihr gedämmert hatte. Ihr Bruder liebte eine
Unerreichbare, liebte wie nur einsame und verschlossene Menschen lieben,
die bezaubernde junge Frau seines Obersten. Gräfin Erny ermuthigte ihn
nicht -- er betheuerte, daß sie es nie gethan habe. An Wahnsinn grenzte,
sich einzubilden, der Wunsch vermöchte die Erfüllung zu erzwingen, es war
Aberwitz, kühne Hoffnungen zu nähren. Er wollte sie austilgen, sich
befreien, dem entnervenden Kampfe ein Ende machen, und zählte dabei auf die
Hülfe seiner Schwester.
Als er sie verließ, blieb sie, im Innersten erschüttert, zurück. Erhört
oder zurückgewiesen werden, fragte sie verwirrt und rathlos: Was ist das
größere Unheil in dieser sündhaften Liebe? Aus ihrem Gleichgewicht
gebracht, in unsäglicher Angst um ihn, hätte sie sich an seine Fersen
heften, nicht mehr von ihm weichen mögen. Sie hatte so lange geduldig
gelitten und gewartet; die zwanzig Tage, die sie noch von dem Zusammenleben
mit ihm trennten, glaubte sie nicht überdauern zu können.
Sie schrieb ihm täglich; er beschäftigte sich mit den Vorbereitungen zu
ihrem Empfang, und Rittmeister Brand, der sonst zu zetern und zu wettern
pflegte, wenn die Ankunft einer Frau in der Station bevorstand, erwartete
die Schwester des Freundes mit fast ebenso großer Ungeduld wie dieser
selbst. Ehe noch ein Auge sie erblickt hatte, that sie Wunder: Brand sehnte
ihr Erscheinen herbei, Wildenstein brachte es in der Selbstbeherrschung so
weit, vierzehn Tage lang den Anblick der geliebten Frau zu meiden. Das war
mehr, als er sich zugetraut hatte, und es gewährte ihm eine stolze
schmerzvolle Freude, der Schwester schreiben zu können: »Wieder ein Tag, an
dem ich sie nicht gesehen habe. Sei _Du_ nur einmal da, und was mir jetzt
als etwas Ungeheueres erscheint, wird mir leicht werden.«
Die Oberstin zeigte sich verstimmt; sie wollte Wildenstein nicht verlieren.
Es verdroß sie nicht nur, es kränkte sie, daß er vermochte, den
Gleichgültigen zu spielen, zu thun, als ob sie ihre Macht über ihn
eingebüßt hätte.
Gräfin Erny war mehr als schön, sie war bildhübsch, lebenslustig,
emotionsbedürftig und hatte Anwandlungen von Sentimentalität. Als fünfte
Tochter eines unbegüterten, ungarischen Edelmannes geboren, bei reichen
Verwandten aufgewachsen, kehrte sie nach deren Tod in das väterliche Haus
zurück. Die kühle Aufnahme, die sie dort fand, that ihr weh, die
kleinlichen Verhältnisse beengten sie. Nur fort, wieder fortkommen,
heirathen, gleichviel wen, wenn er sie nur erlöst aus der Familie, in der
sie das fünfte Rad am Wagen ist, war fortan ihr heißer Wunsch. Als ihr
Vater ihr lachend mittheilte, der alte Oberst Graf Prach habe bei ihm um
sie geworben, dachte sie einen Augenblick nach und rief dann entschlossen:
»Hol's der Kuckuck, ich nehm' ihn!«
Er war freilich nicht verlockend, der unförmig dicke Oberst. Um ein
Vierteljahrhundert älter als sie, so plump, wie sie zierlich, so
langweilig, wie sie sprühend von guten Einfällen war. Allerdings hatte auch
Prach eine kurze Blüthezeit gehabt, als er, ein junger Major, mit seinem
Regimente die Garnison Wien bezog. Da war er in der Gesellschaft bis in
exclusive Kreise vorgedrungen und hatte dort den Spitznamen: »#Le boeuf à
la mode#« erhalten, denn Anlagen zum Dickwerden zeigte er schon damals und
war auch nicht gescheiter als jetzt. Aber er konnte doch vor seiner Braut
mit einst errungenen Erfolgen prahlen, und sie fühlte sich befriedigt in
ihren Ansprüchen auf Glück, wenn sie die Frau eines Mannes wurde, der eine
Stellung in der »großen Welt« hatte und Kommandant eines eleganten
Kavallerieregiments war.
Kurz nach ihrer Verheirathung erlebte sie eine bittere Enttäuschung. Prach,
der bisher immer von väterlicher Freundschaft und von der Unabhängigkeit
gesprochen hatte, die Erny als regierende Frau Oberstin genießen sollte,
wurde ein verliebter, eifersüchtiger Gatte und ein engherziger Haustyrann.
Die schönen, glänzenden Augen der jungen Frau verschleierten sich
allmählich, und die leise Trauer, von der die angeborene Munterkeit und
Frische ihres Wesens nun oft gedämpft wurde, gab ihr einen neuen Reiz. Er
wirkte auf keinen ihrer zahlreichen Verehrer so ergreifend wie auf
Rittmeister Wildenstein.
Erny hatte mit ihm gespielt wie mit Allen, die ihr huldigten. Sie ließ sich
gern den Hof machen in allen Ehren. Weiter als bis zu einem Handkuß
brachten es bei ihr selbst die Unternehmendsten nicht. Seltsam war, daß
fast Jeder, der in ihren Banden gelegen hatte, ihr Feind wurde von der
Stunde an, in der er seine Eroberungspläne aufgab. Sie mußte eine gar
unangenehme Manier haben, die Leute abblitzen zu lassen. Andere wieder, die
ihr Glück bei ihr gar nicht versucht hatten, behandelten sie mehr wie einen
lustigen Kameraden, denn als Respectsperson.
Herr von Wildenstein war ihr, von allem Anfang an, anders als alle Anderen
begegnet. Er verehrte sie wie eine Königin, wie ein höheres Wesen. Ihr
mochte das etwas komisch vorgekommen sein, nach und nach aber begann sie
den Unterschied zwischen den Huldigungen, an die sie gewöhnt war und denen,
die der junge Rittmeister ihr darbrachte, zu fühlen. Der Ton, den sie ihm
gegenüber angeschlagen hatte, ihr gewöhnlicher, spielerischer, den Scherz
herausfordernder Ton stimmte sich allmählich um. Sie mußte einen Blick in
dieses Männerherz gethan haben, der ihr etwas völlig Neues, Schönes
enthüllte: eine tiefe, ernste, an die Wurzeln des Lebens greifende
Empfindung.
Und die wollte Erny nicht einbüßen, sie wußte sehr wohl, daß sie damit
ihren besten Reichthum verlor. Sie beging eine große Unvorsichtigkeit, sie
schrieb, sie beschied Wildenstein zu sich. Er kam nicht; sie erfuhr, daß er
einen kurzen Urlaub nach Wien genommen hatte. Einige Tage hindurch waren
die Briefe von seiner Schwester ausgeblieben, dann gab der Vormund traurige
Nachricht von ihr. Sie hatte ihre Zöglinge in einer ansteckenden Krankheit
gepflegt und lag nun selbst schwer darnieder.
Als Wildenstein zur bestimmten Frist zurückkehrte, kam er vom Begräbnisse
seiner Schwester.
Die Gräfin äußerte ihr Mitgefühl in liebenswürdiger Weise, schonend und
herzlich. Wildenstein und sie hatten die Rollen getauscht; sie zeigte sich
ihm dankbar, wenn er einer Gelegenheit, ein freundlich tröstendes Wort von
ihr zu hören, nicht auswich. Seine Leidenschaft schien erloschen,
untergegangen in seinem tiefen Schmerz.
Und doch war der Oberst nie eifersüchtiger auf ihn gewesen als jetzt. Er
bewachte, er belauschte seine Frau, er verschlang sie mit den Augen, wenn
sie den Namen Wildenstein aussprach, er hätte den zweiten Rittmeister von
der Erde forttilgen mögen -- und den ersten dazu. Die Eifersucht auf den
einen ließ ihn nicht schlafen, der Neid auf das Ansehen, die Beliebtheit,
die der andere im Regimente genoß, raubte ihm den Appetit. Seine Anlage zur
Grausamkeit, das Erbtheil vieler bornirter Menschen, entwickelte sich unter
solchen Umständen zu üppiger Blüthe. Das Offizierscorps und die Mannschaft
hatten schlechte Zeiten und waren überzeugt: es giebt keine Hoffnung auf
bessere, bevor der Oberst die beiden Rittmeister »weggebissen« haben wird.
Mühe genug ließ er sich's kosten.
Die Eskadron Brands lag in der Stabstation, und der Morgenritt des Obersten
führte an der Reitschule vorbei. Alle Augenblicke war er da, spöttelte,
nörgelte -- raste, brachte die Leute zur Verzweiflung und Brand beinahe um
seine Geduld.
Auch seiner Frau machte der Oberst das Leben schwer. Einmal, in einer
Stunde der Empörung über ihn, ließ sie sich hinreißen, Wildenstein ihr Leid
zu klagen. Das wurde für beide verhängnißvoll. Die lange zurückgedämpfte
Empfindung im Herzen Wildensteins brach mit elementarer Macht hervor; er
entrang der Geliebten ein halbes Geständniß ihrer Gegenliebe und drückte in
an Wahnsinn grenzendem Entzücken den ersten Kuß auf nur schwach
widerstrebende Lippen. Sie hatte ihm durch ihre Klage das Recht gegeben,
sie zu beschützen, und dieses Recht war nun sein, und er wollte es wahren,
es vertheidigen, und _sie_ war sein. Um dieses höchste Gut sollte ihn keine
Macht der Erde bringen. Aber nicht unrechtmäßig, nicht in Unehren wollte er
sie besitzen. Er sprach von der Scheidung ihrer Ehe, von dem Eingehen einer
neuen mit ihm. Er entrollte vor ihr ein Zukunftsbild, das ihm die
Seligkeit auf Erden verkörperte, vor dem ihr aber graute. So hatte sie es
nicht gemeint! Empörend und lächerlich erschien der gesellschaftlich hoch
stehenden, an Luxus gewöhnten Frau die Zumuthung Wildensteins und er selbst
als ein rücksichtsloser Egoist.
Am folgenden Tage erhielt er einen langen Brief von der Gräfin. Sie bat
ihn, ihre »gestrige Übereilung« großmüthig zu verzeihen. Sie war seitdem
von Reue gefoltert. Sie hatte schwer gegen ihren Gatten gefehlt, dem sie ja
im Grunde keinen anderen Vorwurf machen durfte als den, daß er sie zu sehr
liebe. Sie hatte sich auch an Wildenstein schwer versündigt, sie hatte ihn
-- freilich eine Selbstgetäuschte -- über die Stärke ihrer Empfindung für
ihn getäuscht. Sie würde sich nie entschließen können, ihren Pflichten
untreu zu werden, ihren Gatten zu verlassen. »Ich bin in Ihrer Hand«, hieß
es am Schlusse. »Sie können mich verderben, Sie sind ein edler Mensch, Sie
werden es nicht thun. Ich hoffe, ich baue auf Sie, Sie werden die arme,
kleine Erny nicht unglücklich machen wollen. Ich wage nicht, Sie um Ihre
Freundschaft zu bitten, ich bitte nur, seien Sie nicht mein Feind.«