Wenn seine Mutter ihm gesagt hatte: »Du solltest doch endlich ans Heirathen
denken,« war seine Antwort gewesen: »In Gottesnamen; nur nicht zu viel, nur
nicht zu oft; mein Beruf läßt mir keine Zeit zu Nebenbeschäftigungen.«
Und gerade im ersten Sommer nach dem Tode der guten alten Frau verliebte er
sich. Es geschah so sachte, so allmählich, daß er's anfangs gar nicht
merkte. Die Ehe seiner Eltern hatte ihn gelehrt, von der Liebe den höchsten
Begriff zu haben. Sie kommt nicht, oder im Triumphe, die unwiderstehliche,
allmächtige Siegerin. Und nun war sie erschienen ohne Sang und Klang,
hatte sich ihm ins Herz geschlichen unter fremdem Namen in der bescheidenen
Gestalt von Sympathie, Werthschätzung und tiefem Mitleid.
Die es ihm angethan hatte, hieß Sophie von Henning, und war die Tochter
eines mährischen Landedelmannes, der sich, als Brands Eskadron in der Nähe
seines Gutes einquartiert wurde, eben damit beschäftigte, die Reste seines
einst ansehnlichen Vermögens in alle Winde zu streuen.
So lange seine, ihm weit überlegene Frau am Leben gewesen war, hatte sie
verstanden, seiner Verschwendungssucht bis zu einem gewissen Grade Einhalt
zu thun. Nach ihrem Tode, den er sechs Wochen lang leidenschaftlich
betrauerte, erwachte er aus seinem Grame als ein verjüngter,
lebensfreudiger Mensch. Er färbte seine Haare, unterzog sich einer
Entfettungskur, machte jungen Damen den Hof, stellte kostbare Pferde in den
baufälligen Marstall ein, steckte seine dörfliche Dienerschaft in Livréen
von falscher Eleganz, und hielt offenes Haus.
Seine Tochter sah den Augenblick des unabwendbaren Zusammenbruches immer
näher heran kommen, war aber dem leichtsinnigen Vater gegenüber
ohnmächtig. Sie konnte nichts thun, als mühsam und unter Entbehrungen aller
Art die Lücken und Risse verkleistern, die hinter der kläglichen
Herrlichkeit des zu Grunde gehenden Haushaltes klafften.
Herr von Henning nahm die Hülfe Brands, der ihn schon mehrmals aus
momentaner Verlegenheit gerettet hatte, mit der größten Unbefangenheit in
Anspruch. Sobald der hart gesottene Optimist die Spur einer Neigung des
Rittmeisters für Sophie wahrgenommen hatte, stand es ihm auch fest: Brand
wird sein Schwiegersohn und rangirt ihn. In fröhlicher Weinlaune vergaß er
sich einmal so weit, daß er in Gegenwart der Beiden Anspielungen auf diesen
Zukunftsplan machte.
Von Stunde an veränderte Sophiens Benehmen gegen Brand sich völlig; keine
Spur mehr des unbefangenen Vertrauens, mit dem sie ihm bisher begegnet war,
auch keine auffallende Zurückhaltung, die wieder auszeichnend gewesen wäre.
Gleichgültigkeit schien an die Stelle der stillen, tiefen Neigung getreten
zu sein, die in ihr erwacht war, ihren Ernst hold durchsonnte, ihr stilles
Wesen lieblich verklärte.
Aber Dietrich ließ sich nicht täuschen: er bewunderte die Seelenstärke, mit
der sie ihre Neigung verleugnete, den Stolz, aus dem diese
Selbstverleugnung entsprang. Zum ersten Male erwog er die Möglichkeit,
seine goldene Freiheit aufzugeben und sich fürs Leben an ein anderes Wesen
zu ketten. Dann hatte er die Wahl: austreten -- den Gedanken schleuderte er
nur so hinweg; oder: allen seinen Überzeugungen und Grundsätzen untreu
werden und als verheiratheter Mann weiter dienen. Also -- thun, was er von
jeher verschworen hatte: eine Frau, und weiß Gott wie bald, auch Kinder
nachschleppen in kleine Kavallerie-Garnisonen, immer bereit, das eben erst
errichtete Zelt wieder abzubrechen.
Militärwirthschaften -- er hatte ihrer genug vor Augen -- waren ihm ein
Greuel. Kaum hat die Familie sich seßhaft gemacht, wohnt leidlich, schickt
die Kinder in die Dorfschule oder den Dorfschullehrer zu den Kindern, und
schon wieder heißt es wandern. Die richtige »ärarische Frau« sagt dann zu
ihrem Manne: »Du brauchst Dich um nichts kümmern, die Übersiedlung ist
meine Sache.« Der Bagagewagen steht vor der Thür und daneben sie und
überwacht das Aufladen der Einrichtungsstücke, der Betten, der Kisten. Ein
Kind hängt sich an ihr Kleid, ein anderes ist in Gefahr, unter die Räder zu
kommen, wie der Wagen sich in Bewegung setzt, ein drittes heult um sein
Schaukelpferd, das ihm davon geführt wird. Der »ahnungsvolle Engel« sieht
es im Geiste schon nach dem Überladen auf den Lastzug und von da wieder auf
den Fuhrmannswagen mit drei Beinen ankommen, wenn's gut geht. Die Tische
und Stühle theilen sein Schicksal. Im unbekannten Lande, im neuen Haus, das
meistens eine Hütte ist, wird dann geleimt, geflickt, die Bude wieder
hergerichtet -- fürs Auge.
So manche unternehmende Lieutenantsgattin lädt schon am Tage des Einrückens
in die Station einige Offiziere zum Thee. Auf einer umgestürzten Kiste wird
er servirt, aus schartigen Tassen getrunken. Wie der Hausrath aussieht, wie
die Kinder untergebracht sind, darüber geht man hinweg mit Leichtsinn und
Humor. -- Aber _haben_ muß man die, ein Pedant darf man nicht sein, für
den die schönste Frau allen Reiz verliert, wenn er dahinter kommt, daß sie
nicht Ordnung hält in ihrem Wäscheschrank. Ein solcher Mann darf seine Frau
nicht in Lagen bringen, in denen die Schönheit der äußeren Lebensform gar
zu oft verletzt werden _muß_.
Nein denn, und dreimal nein.
Und nun kam er auf den Gedanken, den er schon als völlig unausführbar
verworfen hatte, zurück -- den Dienst aufgeben.
Ja, er überlegte, erwog die große Frage aufs Neue. Konnte es einen besseren
Beweis geben, daß er liebte, innig und tief? Aber das Resultat seines
peinigenden Nachgrübelns war doch wieder »nein« gewesen. Und nun stand es
fest, und kein Gott hätte daran rütteln können. Dem Rittmeister blutete das
Herz. Man sagt das oft so leicht hin: Mir blutet das Herz. Erfahre es nur
an dir selbst, wie das ist, wenn sich's zusammenschnürt, immer fester,
immer erstickender, bis man meint, die schweren, schmerzenden Tropfen
hervorquellen zu fühlen, mit denen Frohsinn und Lebensfreude dahin fließen.
Er wußte auch: Sie leidet und vielleicht mehr als er selbst; sie hat ja
nicht einen Beruf, der für Alles Trost bietet, sie hat nur elende Sorgen.
Seitdem Brand das Haus Henning mied, war dort ein Freier aufgetreten, der
sich bisher vor dem brillanten Rittmeister bescheiden im Hintergrunde
gehalten hatte, ein Herr von Müller, Major in Pension, von dem es hieß, daß
er ein wohlhabender Mann sei und den traurigen Muth haben wolle, das
verschuldete Gut Hennings zu übernehmen. Er knüpfte an dieses
problematische Erlösungswerk die Hoffnung, Sophie werde sich entschließen,
ihm ihre Hand zu reichen. Sie that es nicht, sie widerstand seinem treuen
Werben, dem flehenden Beschwören ihres Vaters.
Brand hörte durch gemeinsame Bekannte ab und zu von ihr in der fernen
Garnison, in die sein Regiment versetzt worden war.
Zwei Jahre gingen vorüber, da traf eine überraschende Kunde ein. Müllers
Großmuth und Güte mußten Sophie endlich gerührt haben, sie war seine Frau
geworden.