II.

Wenn seine Mutter ihm gesagt hatte: »Du solltest doch endlich ans Heirathen

denken,« war seine Antwort gewesen: »In Gottesnamen; nur nicht zu viel, nur

nicht zu oft; mein Beruf läßt mir keine Zeit zu Nebenbeschäftigungen.«

Und gerade im ersten Sommer nach dem Tode der guten alten Frau verliebte er

sich. Es geschah so sachte, so allmählich, daß er's anfangs gar nicht

merkte. Die Ehe seiner Eltern hatte ihn gelehrt, von der Liebe den höchsten

Begriff zu haben. Sie kommt nicht, oder im Triumphe, die unwiderstehliche,

allmächtige Siegerin. Und nun war sie erschienen ohne Sang und Klang,

hatte sich ihm ins Herz geschlichen unter fremdem Namen in der bescheidenen

Gestalt von Sympathie, Werthschätzung und tiefem Mitleid.

Die es ihm angethan hatte, hieß Sophie von Henning, und war die Tochter

eines mährischen Landedelmannes, der sich, als Brands Eskadron in der Nähe

seines Gutes einquartiert wurde, eben damit beschäftigte, die Reste seines

einst ansehnlichen Vermögens in alle Winde zu streuen.

So lange seine, ihm weit überlegene Frau am Leben gewesen war, hatte sie

verstanden, seiner Verschwendungssucht bis zu einem gewissen Grade Einhalt

zu thun. Nach ihrem Tode, den er sechs Wochen lang leidenschaftlich

betrauerte, erwachte er aus seinem Grame als ein verjüngter,

lebensfreudiger Mensch. Er färbte seine Haare, unterzog sich einer

Entfettungskur, machte jungen Damen den Hof, stellte kostbare Pferde in den

baufälligen Marstall ein, steckte seine dörfliche Dienerschaft in Livréen

von falscher Eleganz, und hielt offenes Haus.

Seine Tochter sah den Augenblick des unabwendbaren Zusammenbruches immer

näher heran kommen, war aber dem leichtsinnigen Vater gegenüber

ohnmächtig. Sie konnte nichts thun, als mühsam und unter Entbehrungen aller

Art die Lücken und Risse verkleistern, die hinter der kläglichen

Herrlichkeit des zu Grunde gehenden Haushaltes klafften.

Herr von Henning nahm die Hülfe Brands, der ihn schon mehrmals aus

momentaner Verlegenheit gerettet hatte, mit der größten Unbefangenheit in

Anspruch. Sobald der hart gesottene Optimist die Spur einer Neigung des

Rittmeisters für Sophie wahrgenommen hatte, stand es ihm auch fest: Brand

wird sein Schwiegersohn und rangirt ihn. In fröhlicher Weinlaune vergaß er

sich einmal so weit, daß er in Gegenwart der Beiden Anspielungen auf diesen

Zukunftsplan machte.

Von Stunde an veränderte Sophiens Benehmen gegen Brand sich völlig; keine

Spur mehr des unbefangenen Vertrauens, mit dem sie ihm bisher begegnet war,

auch keine auffallende Zurückhaltung, die wieder auszeichnend gewesen wäre.

Gleichgültigkeit schien an die Stelle der stillen, tiefen Neigung getreten

zu sein, die in ihr erwacht war, ihren Ernst hold durchsonnte, ihr stilles

Wesen lieblich verklärte.

Aber Dietrich ließ sich nicht täuschen: er bewunderte die Seelenstärke, mit

der sie ihre Neigung verleugnete, den Stolz, aus dem diese

Selbstverleugnung entsprang. Zum ersten Male erwog er die Möglichkeit,

seine goldene Freiheit aufzugeben und sich fürs Leben an ein anderes Wesen

zu ketten. Dann hatte er die Wahl: austreten -- den Gedanken schleuderte er

nur so hinweg; oder: allen seinen Überzeugungen und Grundsätzen untreu

werden und als verheiratheter Mann weiter dienen. Also -- thun, was er von

jeher verschworen hatte: eine Frau, und weiß Gott wie bald, auch Kinder

nachschleppen in kleine Kavallerie-Garnisonen, immer bereit, das eben erst

errichtete Zelt wieder abzubrechen.

Militärwirthschaften -- er hatte ihrer genug vor Augen -- waren ihm ein

Greuel. Kaum hat die Familie sich seßhaft gemacht, wohnt leidlich, schickt

die Kinder in die Dorfschule oder den Dorfschullehrer zu den Kindern, und

schon wieder heißt es wandern. Die richtige »ärarische Frau« sagt dann zu

ihrem Manne: »Du brauchst Dich um nichts kümmern, die Übersiedlung ist

meine Sache.« Der Bagagewagen steht vor der Thür und daneben sie und

überwacht das Aufladen der Einrichtungsstücke, der Betten, der Kisten. Ein

Kind hängt sich an ihr Kleid, ein anderes ist in Gefahr, unter die Räder zu

kommen, wie der Wagen sich in Bewegung setzt, ein drittes heult um sein

Schaukelpferd, das ihm davon geführt wird. Der »ahnungsvolle Engel« sieht

es im Geiste schon nach dem Überladen auf den Lastzug und von da wieder auf

den Fuhrmannswagen mit drei Beinen ankommen, wenn's gut geht. Die Tische

und Stühle theilen sein Schicksal. Im unbekannten Lande, im neuen Haus, das

meistens eine Hütte ist, wird dann geleimt, geflickt, die Bude wieder

hergerichtet -- fürs Auge.

So manche unternehmende Lieutenantsgattin lädt schon am Tage des Einrückens

in die Station einige Offiziere zum Thee. Auf einer umgestürzten Kiste wird

er servirt, aus schartigen Tassen getrunken. Wie der Hausrath aussieht, wie

die Kinder untergebracht sind, darüber geht man hinweg mit Leichtsinn und

Humor. -- Aber _haben_ muß man die, ein Pedant darf man nicht sein, für

den die schönste Frau allen Reiz verliert, wenn er dahinter kommt, daß sie

nicht Ordnung hält in ihrem Wäscheschrank. Ein solcher Mann darf seine Frau

nicht in Lagen bringen, in denen die Schönheit der äußeren Lebensform gar

zu oft verletzt werden _muß_.

Nein denn, und dreimal nein.

Und nun kam er auf den Gedanken, den er schon als völlig unausführbar

verworfen hatte, zurück -- den Dienst aufgeben.

Ja, er überlegte, erwog die große Frage aufs Neue. Konnte es einen besseren

Beweis geben, daß er liebte, innig und tief? Aber das Resultat seines

peinigenden Nachgrübelns war doch wieder »nein« gewesen. Und nun stand es

fest, und kein Gott hätte daran rütteln können. Dem Rittmeister blutete das

Herz. Man sagt das oft so leicht hin: Mir blutet das Herz. Erfahre es nur

an dir selbst, wie das ist, wenn sich's zusammenschnürt, immer fester,

immer erstickender, bis man meint, die schweren, schmerzenden Tropfen

hervorquellen zu fühlen, mit denen Frohsinn und Lebensfreude dahin fließen.

Er wußte auch: Sie leidet und vielleicht mehr als er selbst; sie hat ja

nicht einen Beruf, der für Alles Trost bietet, sie hat nur elende Sorgen.

Seitdem Brand das Haus Henning mied, war dort ein Freier aufgetreten, der

sich bisher vor dem brillanten Rittmeister bescheiden im Hintergrunde

gehalten hatte, ein Herr von Müller, Major in Pension, von dem es hieß, daß

er ein wohlhabender Mann sei und den traurigen Muth haben wolle, das

verschuldete Gut Hennings zu übernehmen. Er knüpfte an dieses

problematische Erlösungswerk die Hoffnung, Sophie werde sich entschließen,

ihm ihre Hand zu reichen. Sie that es nicht, sie widerstand seinem treuen

Werben, dem flehenden Beschwören ihres Vaters.

Brand hörte durch gemeinsame Bekannte ab und zu von ihr in der fernen

Garnison, in die sein Regiment versetzt worden war.

Zwei Jahre gingen vorüber, da traf eine überraschende Kunde ein. Müllers

Großmuth und Güte mußten Sophie endlich gerührt haben, sie war seine Frau

geworden.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 8 / 68 题