Dietrich Brand entstammte einer uralten angesehenen Kaufmannsfamilie. Seit
fast einem Jahrhundert bestand das Rohseidengeschäft Brand & Co. in Ehren
auf dem Wiener Platze. Es hatte seine Begründer und ihre nächsten
Nachfolger reich gemacht und trotz der Ungunst der Verhältnisse in den
letzten Decennien keinen Rückgang erfahren. Diesen Erfolg verdankte das
Haus der Tüchtigkeit seines Chefs, und Niemand zweifelte, daß sein
willensstarker und energischer Sohn sein Nachfolger werden würde. Durch
lange Zeit blieb das streng, sogar vor einander bewahrte Geheimniß seiner
Eltern: Dietrich zeigt zum Kaufmannsstande wenig Lust und Talent.
Trotzdem war es ein Tag des Entsetzens für sie, als er kam und ihnen seinen
unerschütterlichen Entschluß kund that, nichts anderes zu werden, als wozu
er sich im Innersten berufen fühlte, Soldat.
Warum Soldat, um Gotteswillen? Warum nicht Beamter oder Landwirth, wenn
schon durchaus nicht Kaufmann? -- Ja, weil er dazu beitragen wollte, die
außer Rand und Band gerathenen Menschen wieder an Zucht zu gewöhnen. Weil
er erziehen wollte, wie er von klein auf gethan. Das mußten die Eltern
gelten lassen. An dem Hunde und Papagei seiner Mutter, an den Tauben und
Spatzen, die er mit Weißbrotkrumen auf den Fenstersims lockte, an Allen
hatte er -- und mit Glück -- erzogen. Im Sommer, wenn die Familie in ihrer
Villa in Neuwaldegg Aufenthalt nahm, kamen die Kinder dran. Da war er immer
von einem Trupp umgeben, den er commandirte und der ihm gehorchte, weil es
sich von selbst versteht, daß man dem Dietrich Brand gehorcht.
Dem Vater wollte das Befehlshaberische im Wesen seines Sohnes nicht
gefallen: »Aus Dir wird einmal ein Schulmeister,« sprach er zu ihm.
»Nicht ein Schulmeister, ein General,« antwortete Dietrich.
Ja, sie hätten es voraus sehen können und nicht schweigen sollen. Auch
nicht zu den schweren Kämpfen, die er im Stillen bestand. Den Trübsinn, der
ihn seit längerer Zeit ergriffen hatte, sein übles Aussehen, die rothen,
überwachten Augen, mit denen er jeden Morgen zum Frühstück kam, erklärte
Vater Brand für Symptome der Übergangsjahre, die einem weiter keine Sorgen
zu machen brauchen. Das sagte er freilich nur, um »die Frau« zu beruhigen,
die sich wieder ihm zur Liebe beruhigt stellte; denn die wahre Liebe, die
Alles kann, kann sogar ihre eigenste Natur verleugnen, kann sogar lügen,
wenn's gilt.
Als Dietrich ihnen sein Vorhaben mittheilte, wußten die Beiden gar wohl:
Leicht ist es ihm nicht geworden, unsere Luftschlösser nieder zu reißen und
unsere Altershoffnungen bankerot zu machen.
Was ihnen anfangs ganz unauffindbar schien, war der Zusammenhang zwischen
seiner Lust am Erziehen und seiner Liebe zum Militärstande. Er wies ihnen
aber nach, daß kein anderer so viel Macht verleiht, auf den armen und
ungebildeten Nächsten fördernden Einfluß zu nehmen. Und in diesem edelsten
Stande giebt es wieder keine Waffengattung, die dem Erzieher so viel
Möglichkeit bietet, sein Talent nutzbringend zu entfalten wie die
Kavallerie. Das Wesen, dem ich meine Sorgfalt widme, wird zugleich
angehalten, die seine einem anderen Wesen zu spenden -- seinem Pferde. Da
steht also der Mann gleichsam in der Mitte zwischen einer heilsamen Ursache
und einer heilsamen Wirkung und erfährt zugleich zweifachen Nutzen. Deshalb
wollte Dietrich Brand nicht nur Soldat, er wollte ein Reiter werden, ein
schwer wiegender, ein Dragoner.
»Unser Sohn ist ein Feuergeist,« klagten die tiefbetrübten Eltern ihrem
Vertrauensmanne, dem greisen Buchhalter; und er dachte bei sich: Zur Hälfte
Feuergeist, zur Hälfte Pedant. Die Sorte setzt Alles durch.
Klug wie er war, befolgte er auch dieses Mal die bewährte Praxis, die ihm
das Vertrauen des Herrn und der Frau Principal sicherte. Er rieth ihnen,
das zu thun, was sie ohnehin gethan hätten -- nachzugeben.
Der Vater versöhnte sich nie ganz mit der Berufswahl Dietrichs; aber das
uneingeschränkte und einstimmige Lob, das seinem Sohne gezollt wurde,
freute ihn doch. Was seine Vorgesetzten am meisten an ihm rühmten, um was
seine Kameraden ihn am meisten beneideten, das war die unerschöpfliche
Geduld, die ihn bei all' seiner eisernen Strenge nie verließ.
»Hätten wir viele Offiziere wie Sie, würde unsere Armee zur grandiosesten
Volkserziehungsanstalt der Welt,« hatte ein sehr hoher Herr zu Dietrich
gesagt, und an diesen Ausspruch erinnerte man sich im Regimente noch lang,
nachdem Brand aus ihm geschieden war.
Seine Mutter gerieth nach und nach in eine wahre Begeisterung für den
Militärstand. Vom Tage der Ernennung ihres Sohnes zum Lieutenant begann sie
den Militärschematismus zu studiren und fehlte bei keiner Revue auf der
Schmelz. Remonte, Train, Ménage, Zug, Eskadron, Regiment, Division, in der
Tour, außertourlich u. s. w. wurden für sie gebräuchliche Worte. Von allen
kamen aber keine so oft über ihre Lippen wie die: »Mein Sohn, der
Lieutenant.« Als sie sagen durfte: »Mein Sohn, der Oberlieutenant,« und als
er in dieser Charge die Wiener Garnison bezog, da mußte Vater Brand mit
ihr hinaus fahren auf den Exercirplatz zu jeder Truppenausrückung. Die
Gattin an seiner Seite gerieth beim Defiliren der Regimenter in solche
Extase, daß er sich fragte, ob der Sohn nicht am Ende von ihr die
kriegerischen und heroischen Neigungen geerbt habe. Aber die erbliche
Belastung wäre in dem Falle schwer nachweisbar gewesen, denn Frau Brand
entstammte, wie ihr Gemahl, einer alten, friedfertigen Kaufmannsfamilie.
Im Winter wurde der Zug des Oberlieutenants Brand mit Puls- und
Seelenwärmern, mit Socken und Flanellunterkleidern so reichlich versehen,
daß die Leute sich durch ihr behagliches Aussehen vor allen Anderen
auszeichneten. Frau Brand erlebte auch noch die Glückseligkeit, von ihrem
Sohne, dem Rittmeister, sprechen zu können und ihren guten Alten dazu ein
wenig schmunzeln zu sehen.
Zu der Kaiserrevue in dem Jahre, in dem Dietrich zum ersten Male eine
Eskadron kommandirte, kam seine Mutter allein gefahren im schönen offenen
Landauer. Die Pferde hatten schwarze Geschirre, und die Diener trugen
schwarze Livrée, und im Wagen saß eine gebrochene Frau in Wittwentrauer.
Noch ein Jahr, und der Rittmeister hatte keine Eltern mehr, er hatte auch
sonst Niemanden, er hatte nur seinen Beruf.
Nein, man darf nicht sagen »nur«, wenn von einem Beruf die Rede ist, von
einem vollen, ganzen. Der Beruf ist Alles, ist mehr als Eltern und Kinder,
als die Geliebte, als der Freund. -- So glaubte Dietrich wenigstens damals.