Außer den oben angeführten Lianen, die nur im Urwald gedeihen, wurde

im Jahre 1885 in den ausgedehnten Prärien Afrikas eine neue Art von

Liane entdeckt, die =Landolphia Thollonii Dewevre=, die ungefähr

10 bis 15 Zentimeter unter der Erdoberfläche wächst und ihre Triebe

nach allen Richtungen hin erstreckt. Ihre Wurzeln, die eine Länge bis

zu drei Metern und Fingerdicke erreichen, werden von den Eingeborenen

ausgegraben und, zu Bündeln verschnürt, ins Dorf getragen. Hierauf

weicht man sie die Nacht über ein, damit die Rinde sich leicht vom

Stamm löst, dann trocknet man diese in der Sonne und klopft und stampft

sie mittels Holzknüppel so lange, bis alle Rindenteilchen aus der

Kautschukmasse entfernt sind. Der auf diese Weise gewonnene Kautschuk

ist in Qualität dem durch Rindeneinschnitte erzielten gleichwertig und

auch in seinem Aussehen von diesem nicht zu unterscheiden.

Der Einkaufspreis von einer Tonne -- 1000 Kilogramm -- Kautschuk stellt

sich je nach Qualität im Ursprungslande auf 1500 bis 2000 Frank. Der

erzielte Nettoerlös in Antwerpen schwankt, je nach der Konjunktur,

zwischen 7000 bis 12000 Frank per Tonne. Diese Preise wurden bis kurz

vor Ausbruch des Weltkrieges gezahlt.

Eine Faktorei produzierte damals durchschnittlich monatlich 2000 bis

3000 Kilogramm Kautschuk, so daß sie alljährlich einen Bruttogewinn von

150 bis 200 Mille Frank erzielte.

Faktoreichef. Tausend gefährliche Seuchen. Heimreise.

Den Gefahren und Anstrengungen der Reise im Urwald folgte eine

mehrwöchige Periode der Ruhe auf der Faktorei. Auch hier harrte

meiner eine Unmenge Arbeit, die sofortiges Zugreifen erheischte.

Die Aufzeichnungen des Schreibers während meiner Abwesenheit, die

Auslieferungen der Warenvorräte und die Eingänge an Kautschuk und

Elfenbein mußten genau kontrolliert und gebucht, der mitgebrachte

Kautschuk von den Arbeitern in kleine Stückchen geschnitten und in das

Trockenmagazin gebracht werden, um ein Zersetzen und Klebrigwerden zu

verhindern.

Mitten in der Arbeit überraschte uns eines schönen Tages unser

Dampfer »Henriette« mit Kapitän Jarigsma, der mir meine Ernennung

zum Faktoreichef und die Mitteilung von einer namhaften Erhöhung

meiner bisherigen Bezüge mit Beteiligung am Reinertrag der Faktorei

überbrachte. Gleichzeitig wurde mir ein Unterbeamter avisiert, der

mit dem nächsten Dampfer heraufkommen sollte. Da das Schiff für

Stanleyville zwanzig Tonnen Laderaum verfügbar hatte und unser Vorrat

an Kautschuk, Elfenbein und Reis nur zirka achtzehn Tonnen ausmachte,

beschloß ich, mit nach Romée hinunterzureisen und dort noch Reis

einnehmen zu lassen.

Die Fahrt nach Romée auf dem prachtvollen Dampfer und der Aufenthalt

bei dem liebenswürdigen Kapitän am Deck boten mir eine willkommene

Zerstreuung. Das Geschäft mit den Arabern in Romée und das Heranbringen

des erforderlichen Quantums Reis an Bord war in einer Stunde erledigt.

Den Rest des Tages verbrachten wir beim stellvertretenden Kommandanten

des Postens in vergnügter Gesellschaft. Die zweitägige Flußreise

stromaufwärts beruhigte meine von den schnell aufeinanderfolgenden

freudigen Ereignissen erregten Nerven wieder. Die ungeheuren Urwälder,

die den Fluß zu beiden Seiten einfassen, die ewig wechselnden

Szenerien, die weite Wasserfläche, die bald gleich einem Binnensee

kaum merklich dahinfließt, dann wieder, eng in das Flußbett gezwängt,

wie eine Lawine sich vorwärts wälzt, bieten dem Naturbeobachter

unvergleichliche Augenweide. Wie oft hatte ich diese Strecke nun

bereits befahren, und doch, wenn ich sie in ihren großen Zügen auch

kannte, jede weitere Reise erschloß mir neue Naturschönheiten und

Reize, an denen ich früher achtlos vorübergefahren war. Es ist, als

ob man in einem großen Weltbuche, dem Buche der Natur, blättert und

jedesmal neue Schätze entdeckt, die in ihm beschrieben sind. Ganz in

Betrachtung versunken, saß ich in meinem Lehnstuhl und sah doch wieder

nichts -- das gleichmäßige Schaukeln des Bootes versetzte mich in

andere Regionen. Ich träumte vor mich hin, bis irgendeine Begebenheit,

wie etwa das plötzliche Ins-Wasser-gleiten eines Krokodils, das ich für

einen Baumstamm gehalten, mich aus meinen Träumen aufschreckte.

Die gewaltigen Natureindrücke dieser tropischen Welt bleiben nicht ohne

starke und dauernde Wirkung auf die Seele. Aus mir, der ich von meiner

Kindheit an äußerst lebhaft und unruhig veranlagt war, hatte Afrika

im Lauf der Zeit einen schwermütigen, ernsten Träumer gemacht. Die

Einwirkungen des Klimas auf den Körper sollten bald für meine Laufbahn

entscheidend werden.

Zwei Tage nach meiner Rückkehr nach Stanleyville fühlte ich

beiderseits der Leistengegend ein starkes Stechen, dem eine von

heftigem Fieber begleitete Drüsenanschwellung folgte. Äußerst bestürzt

begab ich mich sofort zu =Dr.= Bellis, den ich mit denselben

Krankheitserscheinungen, nur in verstärktem Maße, behaftet vorfand.

Wir beide und mit uns ein großer Teil der Europäer und der Schwarzen

der Umgebung waren von einer Art Bubonenpest befallen. Die Krankheit

war wie hergeflogen ganz plötzlich über den Distrikt hereingebrochen,

und niemand wußte ihre Ursache oder ihr Entstehen zu erklären.

=Dr.= Bellis und der Kommandant fuhren mit dem nächsten Dampfer

nach Leopoldville, um sich daselbst einer Operation zu unterziehen. Mir

hatte er zuvor eine Salbe verschrieben, die sich in der Folge nicht nur

als völlig wirkungslos erwies, sondern im Gegenteil die Anschwellungen

und Schmerzen noch vermehrte.

Einige meiner Leute, die unter derselben Krankheit zu leiden hatten

und dank dem Heilmittel einer arabischen Giftmischerin der Genesung

entgegensahen, brachten mich auf den Gedanken, diesmal die Heilkräfte

der Eingeborenen gleichfalls für mich in Anspruch zu nehmen. Ich sandte

daher meinen Capita Mustapha mit entsprechenden Geschenken auf den Weg

zu der Alten. Doch ich hatte mich gründlich getäuscht. Für mich gab es

keine Medizin. Das schlaue, erfahrene Weib wollte ihre Quacksalberei

an mir nicht ausprobieren, da sie offenbar fürchtete, im Falle eines

Mißlingens mit dem Gefängnis von Stanleyville Bekanntschaft machen zu

müssen.

Mein Leiden war inzwischen zur unerträglichen Qual geworden, die mir

weder Schlaf noch Ruhe gönnte. Da griff ich zur List, ließ den ärmsten

meiner Arbeiter, der ein Leidensgefährte war, kommen und versprach

ihm, seine Behandlung zu bezahlen, wenn er die Hälfte der Salbe, die

die Alte ihm gab, mir anvertraute. Den Hokuspokus überließ ich ihm

ganz. Die Wirkung der in Bananenblätter gewickelten, scharf riechenden,

schwarzen Salbe erwies sich als vorzüglich. Die Schmerzen ließen

nach, die Leistenanschwellungen, die ohne sie zum Durchbruch und zu

langwierigen Leiden geführt hätten, waren bald vollständig behoben, so

daß ich in einiger Zeit mein Schmerzenslager verlassen konnte.

Da Unglück selten allein zu kommen pflegt, und Stanleyville, das bisher

im Rufe stand, das gesündeste Klima im ganzen Stromgebiet zu besitzen,

dazu ausersehen schien, in diesem Jahre alle Seuchen Zentralafrikas

mitmachen zu müssen, tauchten nunmehr plötzlich die Blattern in nie

dagewesener Heftigkeit auf. Gerüchte über die am jenseitigen Ufer unter

den Soldaten und Eingeborenen aufgetauchte Seuche, die sofort viele

Menschenleben dahinraffte, veranlaßten uns, jeden Verkehr mit drüben

abzubrechen. Diese Vorsichtsmaßregel blieb leider wirkungslos, da die

gefährliche Seuche einige Tage später auch bei uns ausbrach. Eine

Feldarbeiterin (Sklavin) machte den Anfang, der Boy meines ehemaligen

Chefs folgte. Jeder weitere Tag brachte eine vermehrte Anzahl von

Kranken, so daß bald drei Viertel des ganzen Personals von der

schrecklichen Seuche erfaßt waren.

[Illustration: Anfertigung von Kautschukkörben.]

Zur Isolierung der Kranken ließ ich sofort auf einige hundert Meter

Abstand von der Faktorei Baracken, in denen sie so gut wie möglich

untergebracht wurden, errichten. Impfstoff, das einzige wirksame Mittel

zur Bekämpfung der Seuche, war vorläufig nicht vorhanden, so daß wir

uns auf den Rat der katholischen Mission mit Reiswasser als Nahrung und

zur Regelung der Verdauung begnügen mußten.

Die Sklavin war sofort nach ihrer Erkrankung zu ihrem arabischen

Häuptling gelaufen, der sie vom Kopf bis zu den Füßen mit Kalk

bestreichen ließ. Doch scheint auch diese Behandlungsmethode in den

meisten Fällen versagt zu haben, da die Kranke ebenso wie viele andere

zugrunde ging. Auch bei mir starben trotz sorgfältiger Überwachung

und Pflege verschiedene Leute. Einer der Arbeiter wurde verrückt und

lief den ganzen Tag mit einem dicken Prügel herum, um vermeintliche

Feinde zu töten. Dem Mann war die Krankheit aufs Gehirn geschlagen; er

litt an Verfolgungswahnsinn und schlief nachts auf einem Baum. Einige

Tage später starb er. Ich ging selbst zu den Isolierbaracken, um dem

Begräbnis beizuwohnen und mich vom Schicksal der übrigen Kranken zu

überzeugen. Der Anblick des bis aufs Skelett abgemagerten, am ganzen

Körper mit blutenden Geschwüren bedeckten Toten mit den glasigen Augen

und aus dem Munde heraushängenden Schleimfäden und die von goldigen

Sonnenstrahlen, vom fröhlichen Zwitschern der Vögel erfüllte Welt

bildete einen grausigen Kontrast. Der übelriechende Kadaver war über

und über mit Fliegen bedeckt, die auf den gräßlichen Geschwüren ihr

Mahl hielten. Obwohl ich kaum meines physischen Unbehagens Herr werden

konnte, hielt ich tapfer bis zur Einbettung des in Decken und Matten

gehüllten Toten in die Erde stand, um dem Pflegepersonal damit ein

Beispiel von Unerschrockenheit zu geben.

Unter den übrigen Kranken, die teilweise der Genesung entgegensahen,

befand sich noch ein besonders schwerer Fall, der Boy meines ehemaligen

Chefs, ein braver, treuer Bursche, der seinen Herrn stets aufopfernd

gepflegt hatte und nun, durch die Krankheit bis zur Unkenntlichkeit

entstellt, selbst im Begriffe war, ins Jenseits einzugehen. Schon seit

acht Tagen hatte ich erkannt, daß eine Rettung aussichtslos war. Mit

wimmernder, gebrochener Stimme rief er mich mit Namen, und mit flehend

zu mir erhobenen Augen bat er mich, ihm doch zu helfen und ihm eine

andere Hütte zu geben. Nie in meinem Leben habe ich meine Ohnmacht

mehr empfunden als in diesem Augenblick. Tief zu Herzen ist mir sein

rührendes Flehen gegangen, und gern hätte ich zehn Jahre meines Lebens

hingegeben, um dasjenige des armen Jungen verlängern zu können. Den

letzten Wunsch des Sterbenden wenigstens konnte ich erfüllen. Ich ließ

eine der anderen Hütten sorgfältig reinigen, dem Schwerkranken von

neuen Decken ein weiches Lager darin herrichten und ihn dahin bringen.

Ganz plötzlich, wie der würgende Todesengel erschienen war, verschwand

er auch wieder, in vielen Hütten ein Tag und Nacht andauerndes lautes

Wehklagen zurücklassend. Gar zu viele Menschenleben waren dahingerafft

worden.

[Illustration: Ablieferung von Kautschukkörben.]

Die Totentrauer ist hier eine ganz eigenartige Sitte. Irgendeine nähere

alte Verwandte, manchmal auch die Mutter des Verstorbenen, setzt sich

vor dessen Hütte und stimmt ein tieftrauriges Klagelied an. Bald

schließt sich ihr die nähere Nachbarschaft, junge und alte Weiber,

an, die alle in die gleiche, schaurig tönende Melodie einfallen.

Ich habe oftmals ganz junge Dinger lachend vom anderen Ende des

Dorfes herbeieilen sehen, die, wie von magischen Kräften durch das

Wehklagegeheul angezogen, sich in den Kreis der anderen setzten und

ihrem Beispiel folgten. Je mehr Männer und Weiber dazukommen, um so

schauriger ertönt der Chor. Die ganz alten Weiber singen sich meist in

eine förmliche Ekstase hinein. Die Tränen rinnen ihnen über die Wangen,

mit den knochigen Armen schlagen sie in ihrem Schmerz an ihre dünnen

Gebeine. So ansteckend wirkt diese unmelodiöse, traurige Weise, daß

mich beim Zuhören plötzlich die Lust überkam, mich auch hinzusetzen

und mitzuheulen. Zeitweise steht eine der Frauen auf, holt ihr Kind

oder verrichtet eine ihr nötig erscheinende Arbeit und kehrt ruhig

wieder an ihren Platz zurück, um im Chor weiterzuheulen, gerade so,

als ob sie damit eine gemeinsame Arbeit mit den anderen zu erledigen

habe. Das Klagegeheul für einen Toten dauert manchmal einen ganzen

Tag und wird wahrscheinlich nach einem gewissen Zeremoniell geregelt.

Zu den Mahlzeiten flaut es merklich ab, da die meisten Teilnehmer für

einige Zeit verschwinden, um sofort danach wieder zu der Totentrauer

zurückzukehren. --

Am 15. Mai 1900 kündigte ich meinen auf drei Jahre lautenden Vertrag,

der einen Monat später abgelaufen war. Lange Zeit hatte ich im unklaren

geschwebt, ob ich nicht ein Jahr zugeben sollte. Doch der rasche Tod

Janssens, die fortwährenden Seuchen, die seither über die Region

hereingebrochen waren, und schließlich mein eigener Gesundheitszustand,

der manches zu wünschen übrigließ, veranlaßten mich, darauf zu

verzichten. Gelegentlich der letzten Untersuchung hatte =Dr.=

Bellis starke Milz- und Leberanschwellung bei mir konstatiert, die zu

einem Abszeß führen konnte. Wiederholt hatte ich heftiges Stechen in

der Seite gefühlt, was mich lebhaft beunruhigte. Dazu kam, daß ich das

mir gesteckte Ziel, Faktoreichef zu werden, erreicht und durch eine

Verlängerung des Kontraktes keine besonderen Vorteile zu erwarten hatte.

Eines stand fest bei mir: Ich würde meine Eltern in der Heimat

besuchen und nach kurzer Erholung in Europa unbedingt wieder nach

Afrika zurückkehren. Das abenteuerliche Leben im Innern Afrikas sagte

meiner nach freier Betätigung verlangenden Natur viel mehr zu als das

gesicherte Dahinvegetieren im europäischen Berufsleben. Die große

Abrechnung mit dem Leben mußte einmal erfolgen -- hier oder dort. Wann,

ob früher oder später, das war reine Glückssache. Lieber wollte ich dem

tückischen Klima Afrikas oder dem Pfeil eines Eingeborenen zum Opfer

fallen als mein Leben lang hinter staubigen Büchern in irgendeinem

Kontor sitzen.

Doch sollte es noch mehr als zwei Monate dauern, bis der von mir

erbetene Ersatzmann eintraf. Eine nervöse Unruhe war mit der Kündigung

über mich gekommen. War bisher mein ganzes Denken und Trachten meinem

afrikanischen Lebenswerke gewidmet, so tauchte jetzt wie hinter fernen

Wolkenschleiern eine Welt von Erinnerungen vor meinem geistigen Auge

auf. Der Gedanke, meine Eltern und Lieben in der Heimat wiederzusehen,

ward von Stunde zu Stunde mächtiger, bis er schließlich alle anderen

Rücksichten in den Hintergrund treten ließ.

Endlich erschien mein Stellvertreter mit dem Dampfer »Henriette«,

und nachdem ich ihm die Faktorei in voller Ordnung übergeben hatte,

schiffte ich mich zur Heimreise ein. Jetzt war ich ein freier Mann,

konnte sorgenlos den wohlverdienten Urlaub antreten.

War ich wirklich frei? Oder war es wieder eine Täuschung? Diese Frage

mußte ich mir schon eine Stunde nach meiner Abfahrt stellen, als mir

unwillkürlich beim Andenken an alles, was ich zurücklassen mußte, die

Tränen über die Wangen liefen. Jeder einzelne meines Hausgesindes,

jeder Arbeiter, der Freud und Leid, Gefahren und Sorgen mit mir

geteilt, hing mir am Herzen. Der Gedanke an meine Faktorei, die ich

aus kleinen Anfängen heraus zur großen Station -- meinem zweiten Heim

-- nach eigenem Geschmack ausgebaut hatte und die ich vielleicht

nie wiedersehen sollte, schnürte mir das Herz zusammen. Still und

niedergedrückt eilte ich in meine geräumige Deck-Kabine, damit Kapitän

Jarigsma nicht Zeuge meines Trennungsschmerzes wurde. Jetzt, wo meine

Abreise Tatsache geworden war, trat der umgekehrte Fall ein, und je

weiter ich mich von der Station entfernte, desto mehr bereute ich,

fortgegangen zu sein. Alle Gedanken an Europa waren mit einem Male

erloschen.

Meine Leser werden fragen, ob ich während der langen Zeit niemals

das Bedürfnis nach Gesellschaft und Zerstreuung empfunden habe.

Ich kann hierauf nur mit einem entschiedenen Nein antworten. Die

vielfachen Anforderungen, die das tägliche Leben in den Tropen an jeden

Europäer stellt, die hunderterlei Probleme, die an ihn herantreten

und der Lösung harren, nehmen sein ganzes Denken und Sinnen vollauf

in Anspruch. Wenn er dazu ein verständnisvolles Auge für die Natur

und alles, was um ihn vorgeht, hat, wenn er Sammler von Käfern und

Schmetterlingen, Ethnologe oder Ethnograph ist, dann findet er in

diesen Liebhabereien ein reichliches Feld für seine Mußestunden. Mit

der zunehmenden Kenntnis der Eingeborenensprache lernt er deren Sitten

und Gebräuche und viel Interessantes über sie kennen. Im folgenden

Kapitel will ich einiges über den Aberglauben, der im Leben der Neger

eine so hervorragende Rolle spielt, berichten, und zum Schluß gebe ich

einige Märchen wieder, die ich mir an einsamen Abenden von Eingeborenen

erzählen ließ.

Abergläubische Vorstellungen der Neger.

Im beständigen Kampf mit Haß, Eifersucht, Blutdurst und tierischer

Brunst der eigenen Rasse, gewohnt, in den Raubtieren und dem giftigen

Gezücht des Urwaldes und auch in dem Nächsten den unerbittlichen

Todfeind zu sehen, kennt der Neger tief drinnen im Urwald keinen

barmherzigen Gott. Er kennt nur unheimliche, tückische Gewalten,

die gleich den Fieberdünsten des Waldes in der Nacht sein Lager

umschleichen und sein Leben, sein Hab und Gut und seine Gesundheit

bedrohen. Diese Götter zu versöhnen, ihren Zorn und Rache von sich

abzuleiten, das ist sein einziges Bestreben.

Wenn Unheil und Krankheit über ihn hereinbrechen, wenn im Getöse des

Tornados, in Blitz und Donner die Hölle ihre Orgien feiert, wenn er,

von Fiebern geschüttelt, in grauenvoller Nacht dem Tode ins Auge

schaut, dann wirft er sich in den Staub vor seinem Götzenbild -- denn

seine Furcht vor »Ilimma«, dem Fabelungeheuer mit dem glühenden Auge

und dem giftigen Odem, ist groß.

Der Einfluß der Fetisch- oder Medizinmänner, welche den Verkehr mit

den Göttern vermitteln, ist im Innern des Landes, bis wohin die

Macht des Europäers nicht reicht, ungeheuer. Sie gebieten über Leben

und Tod ihrer Mitmenschen. Jede Region hat ihre Gottheit in Form

eines hölzernen Götzen irgendwo im düstern Dunkel des Waldes, von

Fetischmännern eifersüchtig bewacht, versteckt. Er ist dem profanen

Auge des Uneingeweihten nicht sichtbar, und jeder Versuch eines

Fremden, in das Geheimnis einzudringen, wird mit dem sofortigen Tode

bestraft.

»Djakombo« und »Zambi« am Unterkongo -- »Ilimma« am Oberkongo genannt,

sind die Herrscher über alles Lebende. Sie suchen die Menschheit mit

Seuchen heim, um sie zu vernichten, sie senden ihnen Hungersnot,

Heuschrecken- und Ameisenplage. Neben ihnen hausen eine Menge anderer

böser Geister, die »Likundu«, die alle möglichen Missetaten verüben.

Bald vernichten sie die Ernte, bald tauchen sie in der Gestalt

irgendeines reißenden Tieres, wie Krokodil und Leopard, auf, um

Menschenleben zu vernichten. Im allgemeinen glauben die verschiedenen

Stämme an ein zukünftiges Leben in irgendeiner Form. Daher rührt

auch ihr Totenkultus. Den Verstorbenen werden bei einzelnen Stämmen

Nahrungsmittel, Haushaltungsgerät, Waffen, sogar Diener mit ins Grab

gegeben.

Von der Geburt des Kindes an bis an sein Ende ist der Fetischmann

eigentlich derjenige, der den Lebenslauf jedes einzelnen regelt. Er

fabriziert die Medizin, um das Kind im Mutterleibe vor den Anschlägen

feindlicher Mächte zu bewahren, er beschwört den bösen Geist, der

bei der Geburt in das neuentstandene Wesen hineinfahren möchte, er

verkauft der Mutter all die Amulette und »Mobangas«[5], um Seuchen und

Krankheiten vom Kinde fernzuhalten. Stirbt ein Kind trotzdem vorzeitig,

dann hat irgendein feindliches Wesen es mit giftigem Atem angehaucht.

Die Familie schwört Rache und verspricht dem Fetischmann reichliche

Geschenke, wenn er ihr den Urheber ausliefert. Dieser beruft das ganze

Dorf und sämtliche Anverwandten für den Abend zur »Moganga« oder zum

Gottesgericht.

Am großen Sammelplatze des Dorfes haben sich im Mondschein sämtliche

Einwohner zusammengefunden. Am großen Feuer sind die Männer versammelt

und harren der Dinge, die da kommen sollen, während ihre Frauen mit den

Kindern in Gruppen zusammenstehen und das kommende Ereignis besprechen.

»Mongoleina«, der mächtige Häuptling der Region, in vollem Ornat, hat

seinen mit Leopardenfellen ausgelegten Sitz eingenommen. Wie er so

majestätisch über den freien Platz dahinschreitet, ist er das Symbol

eines starken, unabhängigen Volkes. Er ist in der Tracht seiner

Vorväter gekleidet, die er nur bei ganz besonderen Anlässen zu tragen

pflegt und die harmonisch wirkt, wenn man nur den rechten Körper dazu

hat und sie mit Verstand anzulegen weiß. Um die Lenden in weiten Falten

ein Schurzfell, aus bunten Bambusfibern hergestellt, um den Hals eine

Schnur mit Leopardenzähnen, zum Zeichen seiner Würde, an den Hand-

und Fußgelenken schwere Messingringe, auf dem Kopfe ein dichter Kranz

von Adlerfedern, kunstvoll mit einem Leopardenfell zu einem Kopfputz

vernäht, in der Hand eine lange schwarze Lanze: so schreitet er

siegesbewußt auf den Ehrenplatz unter den Mondenbäumen zu.

Von ferne her ertönt ein Gemisch von dumpfen und hellen Lauten

von Gongs, Hörnern und Holztrommeln. Der Fetischmann mit seinem

eingeweihten Stab, das große Verhängnis, naht. Gespannt blicken alle

Augen in die Richtung, aus der er kommen muß.

Und schon naht er mit seiner Truppe, die mit ihrem wiegenden

Tanzschritt und ihrer phantastischen Bemalung einen unheimlichen

Eindruck auf die versammelte Menge macht. Ihre Mitglieder sind vom Kopf

bis zu den Füßen mit rotem Tukulapulver beschmiert, so daß sie wie in

Blut getaucht erscheinen. Um die Hüften tragen sie einen kurzen Rock

aus Binsen, der bis zu den Kniegelenken reicht, um die Augen, deren

Lider und Brauen mit Ruß pechschwarz gefärbt sind, um den unheimlichen

Ausdruck zu erhöhen, laufen mit weißer Kreide gemalte Ringe; Wangen,

Brust und Arme sind mit Hieroglyphen bedeckt.

Aus ihrer Mitte löst sich jetzt der Medizinmann, der durch die reiche

Ausstattung, die Schellen und schweren Eisenringe an Armen und Füßen,

die gräßliche Maske auf dem Kopf sowie eine Schnur von Leopardenzähnen

um den Hals als Zeichen seines hohen Ranges, sofort die ganze

Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Kreise herumtanzend, vergewissert er

sich zuerst, ob alle Einwohner des Dorfes anwesend sind. Vielleicht

sucht er sich auch jetzt schon sein Opfer aus.

Dann beginnt der eigentliche Tanz, der sich nur schwer beschreiben

läßt. Unter dem dumpfen Klang des Gongs und den hellen Wirbeln der

Trommeln redet der Medizinmann zur Menge, dabei die Missetaten und

Menschenopfer aufzählend, die der »Likundu« bereits gefordert hat. Ein

vollendeter Bauchredner und Sänger, stößt er unartikulierte Schreie

aus, hält Reden, gibt sich selbst Antwort und führt dabei allerhand

geheimnisvolle Bewegungen aus. Bald tanzt er mit Händen und Füßen,

bald wirbelt er in rasender Ekstase um sich selbst, bald verfällt er

in eine Art zuckender Krämpfe, wobei er mit Armen und Füßen um sich

schlägt wie im Kampf mit Dämonen, die in seinem Innersten wüten. Dann

wieder verschwindet er wie ein Pfeil im Dunkel der Nacht, und gellende,

markerschütternde Schreie widerhallen im schaurigen Echo des Waldes.

Offenbar ruft er ein unsichtbares Wesen, das ihm antwortet, worauf

er plötzlich wieder in der Mitte seiner Leute, die inzwischen Gongs,

große Elfenbeinhörner und Trommeln in rasendem Tempo bearbeitet haben,

auftaucht und die erschreckte Herde Menschen in seinen Bann zieht.

Immer wilder werden Ausdruck und Gebärden des Tanzes, die Augen üben

durch die Maske einen schauerlichen, faszinierenden Eindruck auf die

Umgebung aus. Der Tänzer selbst und seine Begleiter geraten in eine

Art wilder Ekstase, ihre Augen nehmen ein eigenartiges Feuer, einen

starren Blick ins Leere an. Es ist der Blick einer Schlange, der das

Opfer vor Schrecken lähmt. Mit heiseren, unartikulierten Lauten, mit

seinen schlangenartigen Bewegungen, mit der hypnotischen Wirkung seiner

starren Augen zwingt er die unwissende Menge unter seinen Willen.

Kongoerinnerungen · 第 15 / 16 段