nach Janongo, welches Dorf die unschuldige Veranlassung zu Janssens
Tod gewesen ist. Der Häuptling Janongo war von seinen Wunden völlig
wiederhergestellt, und die Kunde von der gerichtlichen Untersuchung
war bis zu dem unweit gelegenen Staatsposten durchgedrungen, so daß
das Dorf von weiteren Besuchen verschont blieb. Von Janongo geleitet,
besuchte ich fünf Dörfer, die unter seiner Herrschaft standen, und
nahm einen der Unterhäuptlinge, dessen Dorf sich gegen Janongo
aufgelehnt und das versprochene Quantum Kautschuk nicht angefertigt
hatte, gefangen mit mir. Ich ließ ihn in Ketten legen und den daraufhin
geflüchteten Einwohnern mitteilen, daß ihr Häuptling so lange in
Stanleyville in der Gefangenschaft bliebe, bis sie sich Janongo
unterworfen und den Kautschuk abgeliefert hätten. Beim Besuch der
Dörfer hatte ich Gelegenheit, zu konstatieren, daß dank unserem raschen
Vorgehen und dem sofortigen Eingreifen des Distriktskommissars unser
Ansehen in Janongo nicht nur nicht gelitten, sondern sogar bedeutend
gestärkt worden war. Überdies benutzte ich die Gelegenheit, um
Janongo ein Geschenk zu überreichen, welches ihn für alle erlittenen
Demütigungen aufs reichlichste entschädigte.
Bei einbrechender Nacht an das Flußufer zurückgekehrt, ließ ich meine
Leute bis zum nächstgelegenen Fischerdorf rudern, um daselbst zu
übernachten. Eine größere Hütte, groß genug, um mein Feldbett darin
unterzubringen, war bald gefunden. Beim Ausräumen derselben stürzten
plötzlich meine Leute mit dem Schrei »=Nioka=« heraus, und
Mustapha erklärte mir, daß man auf eine armdicke gehörnte Viper, eine
der schönsten und giftigsten Schlangen Zentralafrikas, gestoßen sei.
Da es schon lange mein Wunsch war, ein tadelloses Exemplar dieser
Schlangenart zu konservieren, verbot ich meinen Leuten, sie zu töten
und begab mich selbst mit einem in aller Eile herbeigeschafften
Bambusstock, an dessen oberem Ende mittels »=Koddi=« (Liane)
eine Schlinge befestigt war, die sich zuziehen ließ, in die Hütte.
Meine Befürchtung, daß das Tier inzwischen entwichen oder in eines
der Rattenlöcher verschwunden war, erwies sich glücklicherweise als
grundlos, die Schlange lag zusammengerollt in einem Winkel der Hütte.
Mein Bambusstock war lang genug, um mich selbst im ungünstigsten Falle
vor einem direkten Angriff des Tieres zu schützen. Mit pochendem Herzen
näherte ich jetzt die Stockspitze dem Kopfe der Schlange, als diese
sich plötzlich unter Pfauchen wie eine Katze blitzschnell erhob und
ihre giftigen Fänge mehrmals schnell hintereinander mit hörbarem Ticken
in das Holz einschlug. Als sie sich schließlich, die Nutzlosigkeit
weiterer Bisse einsehend, einen Augenblick ruhig verhielt, gelang es
mir, ihr die Schlinge um den Hals zu werfen und diese mit kräftigem
Ruck zuzuziehen. Mit großer Gewalt ringelte das gefangene Tier sich nun
um den weit vorgehaltenen Stock und versuchte sich loszureißen, so daß
die kurze Schwanzspitze bis nahe zu den Händen herunterreichte. Doch
die Liane war kräftig, und die Schlinge zog sich immer enger um den
zusammengeschnürten Hals. Ich war mit der gefährlichen, kostbaren Last
schleunigst aus der Hütte geeilt, um im Falle eines Loskommens oder
Durchbeißens der Liane meine volle Bewegungsfreiheit zu haben.
Meine Boys hatten einstweilen eine entleerte Mehlbüchse aus Blech
zur Hälfte mit Alkohol, Formalin und etwas Wasser gefüllt. In diese
konservierende Flüssigkeit warfen wir nun die halberwürgte Schlange und
schlossen den Deckel, nachdem wir noch eben vorher die um den Hals des
Tieres liegende Schlinge durchschnitten hatten.
Durch dieses Ereignis wurde mein Nachtmahl verzögert, so daß ich
ziemlich spät mein Lager aufsuchte. Ich mochte bereits einige Stunden
geschlafen haben, als ich plötzlich gegen Mitternacht durch das Dröhnen
eines Gongs und ein markerschütterndes Geschrei geweckt wurde. Im
ersten Moment glaubte ich an den Überfall eines benachbarten Dorfes.
Schon wollte ich mich erheben, als eine der Wachen mir den Vorfall
erzählte. Ein Eilbote von »Mbula Matadi«, der Soldat Fundi, war in
einem Kanu angekommen und wollte neue Ruderer haben. Natürlich wollte
keiner der Eingeborenen sein warmes Lager verlassen und für einen
Schwarzen bei stockfinsterer Nacht weiß Gott wohin rudern. Doch der
Kerl hatte den Häuptling gepackt, aus der Hütte gezerrt und brüllte wie
ein Besessener, daß er das ganze Dorf in Brand stecken würde. Der Lärm
hielt eine halbe Stunde an, bis der Soldat die nötige Anzahl Ruderer
beisammen hatte. Verschiedentlich kam die Versuchung über mich, dem
Spektakel ein Ende zu machen, indem ich den schwarzen Soldaten wegen
nächtlicher Ruhestörung einfach in Ketten legen ließ. Doch der Gedanke,
daß der Mann vielleicht Träger wichtiger Briefe war, hielt mich
glücklicherweise davon zurück. Wer weiß, was für Unannehmlichkeiten für
mich daraus hätten erwachsen können.
Einmal durch den Lärm geweckt, konnte ich sobald nicht wieder
einschlafen. Ratten und Mäuse hetzten in wilder Hast am Boden der Hütte
umher und nagten und spielten mit meinen Schuhen. Dann wieder erklang
das langgezogene Geheul einer Hyäne durch die tiefe Stille der Nacht.
Meine Gedanken schweiften unwillkürlich nach Stanleyville zurück. In
welchem Zustande würde ich die Faktorei bei meiner Rückkehr vorfinden?
Bei Tagesanbruch, noch vor dem ersten Hahnenschrei, ließ ich das Dorf
und meine Arbeiter durch den Gong alarmieren. Eine nervöse Unruhe war
über mich gekommen. Ich wollte die restlichen Dörfer Jasuko, Komango
und Yombo in aller Eile noch besuchen und dann sofort die Heimkehr
antreten. Unter dem gleichmäßigen Schlag der Ruderer ging unsere Fahrt
weiter stromabwärts dem Endziel unserer Reise zu. Als nach einer
Stunde die Sonne ihre ersten Strahlen schräg über die Baumwipfel auf
die Wasserfläche sandte und ich in kurzer Reihenfolge einen großen
grauen Reiher und zwei Wildgänse erlegt hatte, da legte sich die innere
Unruhe. Schließlich bog unser Kanu in eine kleine Ausbuchtung des
Flusses ein und war kurz darauf unter dem Schatten des überhängenden
Laubdaches, vom Strom aus völlig unsichtbar, an der Mündung eines
kleinen Baches gelandet.
Nichts deutete darauf hin, daß irgendein Fußpfad hier ins Innere des
Landes führte. Von einem meiner kräftigsten Männer auf den Rücken
genommen, wurde ich im Bach wohl eine Viertelstunde lang getragen, bis
endlich ein kleiner Pfad zum Vorschein kam und ich auf trockenen Boden
gesetzt wurde. Eine Stunde später waren wir im Dorfe Jasuko angelangt,
und ich hielt hier kurze Rast, um zu frühstücken und meinen Leuten
Gelegenheit zu geben, das gleiche zu tun. Der Häuptling war soeben für
einige Minuten verschwunden, als plötzlich im Dorfe ein ungeheurer
Tumult entstand. Die Eingeborenen in der Nähe stürzten in ihre Hütten
und kamen, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, wieder heraus. Das Schreien
und Rufen, das Durcheinanderlaufen von bewaffneten Männern, die alle in
der gleichen Richtung verschwanden, verbreitete sofort eine wilde Panik
um mich her.
Ein Teil meiner Träger ergriff die Flucht, die Traglasten mitten im
Wege liegen lassend. Ich aber stürzte zu meinem Gewehr, meine Boys
und die Eskorte taten dasselbe. Wir waren entschlossen, unser Leben
so teuer wie möglich zu verkaufen. Was war geschehen? Hatte ein Teil
meiner Arbeiter mit den Eingeborenen Streit angefangen, und war es
zum Schlagen gekommen? So schnell uns unsere Füße tragen konnten,
eilten wir den davonstürzenden Eingeborenen nach, um womöglich noch
rechtzeitig einzuschreiten und unnützes Blutvergießen zu vermeiden.
Am Ende des Dorfes angelangt, erblickten wir eine erregte Volksmenge,
darunter einige meiner Arbeiter, unschlüssig um den Häuptling gruppiert.
Was war der Grund der allgemeinen Aufregung? Ein Leopard hatte
wenige Minuten vorher einen erwachsenen Mann des Dorfes in dessen
unmittelbarer Nähe und vor den Augen seiner Begleiter weggezerrt
und war mit ihm im Walde verschwunden. Das Rufen und Klagegeheul des
Überfallenen war noch eine Zeitlang hörbar gewesen -- dann war alles
verstummt. Unschlüssig berieten nun die feigen Kerle, wer von ihnen der
Erste sein sollte, dem Tier zu folgen und ihm womöglich die Beute zu
entreißen.
Hier war für mich eine glänzende Gelegenheit zu einer Leopardenjagd
gegeben. Mein dunkler Khakianzug war wie geschaffen dafür. Von den
Leuten erfuhr ich, daß ein Prachtexemplar eines Leoparden seit
etwa einem Monat ihr Dorf heimsuchte und regelmäßig jeden Tag ein
Menschenopfer, bald eine Frau, bald einen Mann oder ein Kind, manchmal
mitten im Dorfe, anfalle und wegschleppe. Die verfolgenden Leute sei er
einmal aus dem Dickicht heraus angesprungen, habe einem Manne mit den
Pranken den Bauch aufgerissen und sei darauf verschwunden, noch ehe die
bestürzten Begleiter Zeit gehabt hätten, auf ihn zu schießen. Daher ihr
Zaudern.
Ich versprach dem Häuptling zu bleiben und den Leoparden zu töten.
Dagegen mußte mir das Dorf geloben, den ganzen Tag über ruhig zu
bleiben und den Teil des Waldes nicht zu betreten, in welchen der
Leopard sein Opfer geschleppt hatte. Von einem verläßlichen Mann
meiner Eskorte begleitet, machte ich mich sogleich an die Verfolgung
des Raubtieres. Die Spur, die der Leopard hinterließ, war deutlich
an geknickten Zweigen und der Blutspur seines Opfers auf dem Boden
und den Blättern der Sträucher erkennbar. Wir eilten, so schnell
wir den Umständen nach laufen konnten, in der Hoffnung, vielleicht
den Mann noch retten zu können, dem frechen Räuber nach. Doch
alle Mühe war vergeblich. Wir fanden nur mehr eine Leiche vor.
Die linke Halsschlagader, ein Teil des Halses und die linke Brust
waren vom Leoparden herausgerissen und gefressen worden. Das Zucken
der Eingeweide und der noch warme Körper deuteten auf den kaum
eingetretenen gewaltsamen Tod hin.
Wir ließen den Toten in der gleichen Lage liegen, wie wir ihn
vorgefunden hatten und erkletterten in der Annahme, daß das furchtlose
Tier unbedingt zu seinem Opfer zurückkehren würde, einen in nächster
Nähe befindlichen Baum. Dies geschah hauptsächlich, um dem Tier die
Witterung zu benehmen. Aus demselben Grunde vermieden wir auch, den
unteren Stamm des Baumes, auf dem wir uns befanden, zu berühren. Von
der Schulter meines Begleiters aus konnte ich mich auf einen dicken Ast
emporschwingen und den Mann nachziehen. Wir befanden uns etwa fünf
Meter über dem Erdboden und waren durch das Laubdach des Unterholzes
derart gedeckt, daß das anschleichende Tier uns unbedingt nicht sehen
konnte. Mit der Flinte im Anschlag verhielten wir uns mäuschenstill und
starrten bald auf den Leichnam unter uns, bald auf das undurchsichtige
Unterholz, das uns mit seinem grünen Schutzwall umgab. Die ersten
zwei Stunden verliefen verhältnismäßig erträglich. Ich war durch die
Vorgänge furchtbar aufgebracht und mußte immer an meinen kleinen Boy
denken, den ein gleiches Schicksal erreicht hatte, und dessen Rächer
ich voraussichtlich werden würde. Denn das stand fest für mich, ich
würde meinen Posten vor einbrechender Nacht, das heißt, solange
genügend Licht zum Schießen vorhanden war, nicht verlassen, mochte
kommen, was da wollte. Außer meinem fünfschüssigen Mauser, der mit
Dum-Dum-Kugeln geladen war, trug ich meinen sechsschüssigen, schweren
Armeerevolver im Gürtel. Damit war ich jedem Feind gewachsen, und meine
Eskorte Mukenge verließ mich nicht, dessen war ich ganz sicher.
Es wurde 1 Uhr mittag, es wurde 2 Uhr, und immer rührte sich noch
nichts. Die Glieder fingen an, vom Sitzen auf demselben Fleck zu
schmerzen. Der Magen forderte sein Recht. Der Leichnam unter uns, auf
den die Sonnenstrahlen herabbrannten, begann in Verwesung überzugehen
und die ganze Umgebung zu verpesten. Tausende von Schmeißfliegen saßen
in der geöffneten Brusthöhle und an den heraushängenden Därmen, sogen
und fraßen sich voll und setzten sich dann auf uns, um den Schweiß
von Stirne, Nacken und Armen gierig aufzusaugen. Unter möglichster
Vermeidung jeglichen Geräusches veränderten wir unsere sitzende
Position derart, daß wir es wieder einige Zeit aushalten konnten. Die
Zeit der schwersten Prüfung, die Mittagshitze, wo Minuten wie nie
endenwollende Stunden erscheinen, war herangekommen. Welcher Aufwand
an Kraft und Energie, welche Willensstärke nötig sind, um in einer
solchen Lage auszuhalten, davon kann nur der sich einen Begriff machen,
der selbst ähnliches durchgemacht hat. Um meinen Geist gewaltsam
mit irgend etwas zu beschäftigen, damit er nicht fortwährend an den
knurrenden Magen und die schmerzenden Glieder dachte, zwang ich mich,
alle heranfliegenden großen und kleinen Mistkäfer zu zählen, die sich
auf den Leichnam setzten und nach einigem Herumwühlen im Innern der
Bauchhöhle verschwanden. Ich glaube, es waren im ganzen elf große
schwarze und siebzehn kleine farbige und schwarze Skarabäen, die sich
bekanntlich als Totengräber an Leichen heranmachen und sie verzehren.
Sooft ein Vogel im nahen Gebüsch sich regte, beim leisesten Windhauch,
der durch die Blätter fuhr, vermeinten wir stets, des elenden Räubers
ansichtig zu werden. Minute auf Minute bei drückender Schwüle
vergingen. Es wurde 3 Uhr, es wurde 4 Uhr. Die Sonnenstrahlen fielen
nunmehr schräg auf den in Fäulnis übergehenden Leichnam, dessen
Verwesungsgeruch meine Geruchs- und Geschmacksnerven bis zur Übelkeit
erregten. Bald würde der langersehnte Moment, die Dämmerung, eintreten,
die das gefräßige Tier unbedingt zu seinem Opfer zurückbringen würde.
Die Fliegenplage ließ merklich nach. Faul und dickgefressen, zu schwer,
um bis zu uns emporzufliegen, blieben sie am Kadaver sitzen und
stimmten ihr Summ- und Brummlied an.
Langsam erwachte der Wald um uns aus seinem lethargischen
Mittagsschlaf. Vögel hüpften von Ast zu Ast und betrachteten ganz
zutraulich uns fremdartige Gäste. Eine Schar grauer Papageien hatte
sich ganz in der Nähe auf einem Baum niedergelassen und pfiff und
krächzte fröhlich mit den anderen Vögeln um die Wette. Mit Ausnahme
des Leichnams unter uns deutete nichts auf die entsetzliche Tragödie
hin, die sich hier am frühen Morgen abgespielt hatte. Von dem
fürchterlichen Räuber war nichts vernehmbar; der Wald hatte sein
friedliches, alltägliches Aussehen. Von der Seite her passierte eine
Karawane zierlicher Äffchen in den Wipfeln der Bäume über uns. Mein
Auge ergötzte sich an den possierlichen Tierchen, die gleich unseren
europäischen Eichkätzchen gewandt von Ast zu Ast springen.
Meine Glieder waren vom gebeugten Sitzen bereits derart erlahmt, daß
sie mich kaum noch schmerzten. Mit der untergehenden Sonne und dem
näherrückenden Zeitpunkt, an dem ich endlich den verhaßten Leopard vor
dem Laufe meiner Flinte sehen würde, begann auch wieder eine gewisse
Jagdleidenschaft in mir rege zu werden. Das bange und gleichzeitig
freudige Gefühl der herannahenden Entscheidung ließ mich alle anderen
Schmerzen, meinen hungernden Magen miteinbegriffen, vergessen.
Langsam verschwand die Sonne als rotleuchtender Feuerball zwischen den
Wipfeln der Bäume, die Dämmerung rückte heran. Angestrengt lauschten
wir auf jedes verdächtige Geräusch. Da, unvermittelt das leichte
Zurückschnellen eines Astes in einiger Entfernung -- darauf lange
Minuten lautloser Stille. Dann wieder das Knistern eines kleinen
Ästchens aus derselben Richtung -- wieder vergingen einige Minuten.
Die Sonne war bereits ganz am Firmament verschwunden. Dann wieder das
Zurückschnellen eines Zweiges. Jetzt konnten wir genau die Richtung
bestimmen, aus der der Räuber auftauchen würde. Gewisse Anzeichen,
wie das Innehalten der Lockrufe der Vögel aus der gleichen Richtung
deuteten darauf hin, daß die große Katze im Anzug war. Mein Herz
klopfte zum Zerspringen -- -- jetzt war der Moment gekommen, auf den
wir den ganzen Tag geharrt hatten. Unwillkürlich reichte ich Mukenge
bedeutungsvoll die Hand.
Doch was war das? -- Plötzlich hörten wir von der entgegengesetzten
Richtung gleichfalls ein Geräusch wie von einem anschleichenden
Wesen. Sollten etwa zwei Räuber von entgegengesetzter Seite auf uns
zukommen? Aus unserer ersten Schallrichtung vernahmen wir nichts mehr.
Offenbar traute das Tier dem Frieden nicht recht, oder es hatte etwas
gehört und wartete vorsichtig ab. Das Geräusch von der anderen, dem
Dorfe zugekehrten Seite, wurde immer vernehmlicher. Zweige schnellten
zurück, unaufhaltsam drang ein unbestimmtes Etwas in unserer Richtung
vor. Immer näher kam das Verhängnis. Den Finger am Drücker, beide die
Gewehre an der Backe, lauerten wir auf den Moment, wo der Kopf des
Leoparden ansichtig wurde, um sofort Feuer zu geben. Zweige schlugen
unter uns auseinander, ein Gemurmel wurde hörbar, und -- -- -- im
Gänsemarsch, einer hinter dem anderen, tauchten fünf Eingeborene unter
der Führung ihres Häuptlings auf, um -- den Toten wegzuholen.
Meine Bestürzung und Enttäuschung wiederzugeben, ist unmöglich. Also
deshalb hatte ich den ganzen Tag gehungert, die unglaublichsten
Schmerzen ausgehalten und den Verwesungsgeruch eingeatmet, damit
im entscheidenden Moment mir der Preis verlorengehen sollte. Eine
furchtbare Wut überfiel mich, und ich machte mir Luft, indem ich den
verdutzten Negern von meinem Baum herunter eine Flut von Schimpfwörtern
zudonnerte. Abgesehen davon, daß die Leute darauf bestanden, den
Leichnam mitzunehmen, mußte ich wohl oder übel einsehen, daß nach den
so unerwartet eingetretenen Ereignissen absolut keine Aussicht auf die
Wiederkehr des Leoparden bestand. Der Abend und die Nacht, die ich im
Dorfe zubrachte, waren mir gründlich verleidet.
Am folgenden Morgen besuchte ich die letzten beiden Dörfer Yobi und
Komango, teilte Stoffe und Geschenke wie in allen übrigen Dörfern
aus und ließ auch hier einen Capita zurück. Dann trat ich endlich
die Rückreise an, die ohne nennenswerte Begebenheit verlief und mich
nach vierzehntägiger Abwesenheit gesund und trotz der überstandenen
Strapazen gekräftigt nach Stanleyville in meine Faktorei zurückbrachte.
Einiges über die Gewinnung des Kautschuks.
Es wird den Leser, der dem Verfasser bis hierher auf seinen
abenteuerlichen Wegen durch den Urwald und bis in die entferntesten
Negerdörfer gefolgt ist und das im Kongo übliche »System« des
Kautschuksammelns kennengelernt hat, gewiß interessieren, etwas Näheres
über die Gewinnung dieses wertvollen Naturproduktes zu erfahren.
Bis vor wenigen Jahren galt als Hauptreichtum des Kongostaates die
Ergiebigkeit seiner ungeheuren Wälder und Prärien an Kautschuk, jenem
kostbaren Material, das bisher chemisch nicht zu ersetzen und für
das mit der zunehmenden Verwendung zu technischen Zwecken ein kaum
zu befriedigender Markt entstanden war. Mit dem Bau der Eisenbahn
Matadi-Stanley-Pool, mit der fortschreitenden Erschließung des Landes,
der Unterwerfung der blutdürstigen, wilden Negerstämme, die bisher
ausschließlich vom Morden und Plündern der schwächeren Nachbarn gelebt
hatten, mit ihrer Heranziehung zu friedlicher Feldarbeit und Ausbeutung
der reichen Lianenbestände der Urwälder, die von der Kongomündung
quer durch ganz Zentralafrika bis zum Indischen Ozean reichen, wurde
von Belgiens größtem Herrscher, dem König Leopold, mit sicherem,
zielbewußtem Blick ein Kulturwerk geschaffen, so groß und mächtig,
wie er selbst es ursprünglich kaum geahnt hatte. Schwere finanzielle
Opfer hat es erfordert, viel Blut ist auf beiden Seiten geflossen,
bis der neugeschaffene Staat die sengend und plündernd herumziehenden
unbotmäßigen Horden bezwingen und seine Grenzen gegen räuberische
Einfälle mächtiger Sklavenjäger zu schützen vermochte.
Der Lohn hierfür blieb nicht aus. Bald war bis in die entferntesten
Dörfer des Urwaldes die Kunde gedrungen, daß der weiße Gott, der
auf einem Feuerroß aus dem Meere aufgetaucht war und den Strom
heraufgefahren kam, gegen den bisher nur zu »Gongschlägern«
verfertigten Kautschuk prachtvolle Gewebe, glänzende Arm- und
Beinspangen aus Messing, kurzum eine Menge nie gesehener Herrlichkeiten
eintauschte, als sich alsobald hunderttausende fleißiger Hände an die
Arbeit machten, den milchigen Saft der Lianen zu sammeln, zu Kugeln
oder Platten zu formen und in die Stationen am großen Fluß zu bringen.
Aus allen Teilen des Landes kam das kostbare, aber für die Eingeborenen
fast wertlose Material. Immer mehr häuften sich die Vorräte, gleich
dem Anschwellen einer Lawine. Die reiche Fracht füllte die Dampfer bis
an Deck, wurde nach Antwerpen dirigiert und machte diesen Hafen bald
zum zweitgrößten Kautschukmarkt der Welt. Dank der weisen Politik des
klugen Königs, der durch Gewährung von Konzessionen Kapital ins Land
zu bringen wußte, um all die ungeheuren Produktionsquellen voll zur
Entfaltung bringen zu können, gediehen die unter Aufwand von vielen
Millionen gegründeten Unternehmungen prächtig und entwickelten sich mit
der Zeit zu großen Aktiengesellschaften, die ihren Gründern und ihrem
Schöpfer alljährlich goldenen Gewinn eintrugen.
[Illustration: Eingeborene bringen Kautschuk.]
Kehren wir zurück zum Ursprung des Kautschuks und zu dessen Gewinnung.
Im Gegensatz zum Plantagenkautschuk, der auf großen Anpflanzungen, z.
B. in Brasilien, durch rationelle Ausbeutung gewonnen wird, stammte
noch während meines Aufenthaltes am Kongo neun Zehntel der dortigen
Gesamtproduktion aus sogenanntem »Raubbau«. Die Eingeborenen, die den
Wert der Lianen nicht erkennen, haben, sobald sie eine solche finden,
das natürliche Bestreben, möglichst viel Kautschuk aus ihr zu gewinnen,
ohne Rücksicht darauf, daß die Pflanze bei einem solchen Verfahren
eingeht. Der Rest verdankte seinen Ursprung gleichfalls rationeller
Plantagenausbeutung.
Um dem Raubbau zu steuern und zu verhüten, daß die kostbaren
Kautschukbestände eine Verminderung erfahren, werden sämtliche
Gesellschaften seit dem Jahre 1900 durch königliche Verordnung dazu
angehalten, alljährlich für je 1000 Kilogramm angekauften Kautschuk
500 neue Kautschuklianen anzupflanzen. Jede Gesellschaft besitzt daher
heute geeignete ausgedehnte Terrains, die vom Staat unter gewissen
Modalitäten kostenlos zur Verfügung gestellt wurden, auf welchen die
Kautschukkulturen rationell betrieben werden. Diese Pflanzungen werden
alljährlich von eigens dazu bestellten Inspektoren kontrolliert.
Der Kautschukbaum kommt in den Urwäldern Afrikas nicht vor. Aller
geerntete Kautschuk rührt von wild wachsenden Lianen her. Man
unterscheidet unter ihnen folgende Arten, die hauptsächlich für die
Kautschukgewinnung in Betracht kommen: =Landolphia Ovariensis=,
=Landolphia Droogmansia=, =Landolphia Klainei=, =Clitandra
Arnoldiana=, =Clitandra Nzunde=. Die ersten drei Arten ergeben
einen rötlichen, durchsichtigen Kautschuk, während die zuletzt
genannten den schwarzen Kautschuk liefern. Alle diese Lianen erreichen
einen Durchmesser bis zu Armstärke, ranken an hohen Bäumen als Parasit
empor und erreichen eine Länge bis zu 25 bis 30 Metern.
Hat der kautschuksammelnde Eingeborene eine derartige Liane entdeckt,
dann klettert er am Baum so hoch wie möglich empor und durchschneidet
sie. Die nunmehr zu Boden stürzende Liane wird durch Holzgabeln
gestützt und mit ringartigen Quereinschnitten in ihrer Rinde versehen.
Der an der Schnittfläche herausträufelnde milchige Saft trocknet
entweder sofort am Baum ein oder wird in aus Blättern angefertigten
primitiven Behältern aufgefangen. Im ersten Fall kehrt der Eingeborene
am nächsten Tag zurück, um den trockenen Kautschuk mit einem stumpfen
Messer loszulösen und zu einer Kugel zu formen, deren Größe je nach dem
Distrikt von einer Pflaume bis zu einer Orange wechselt. Im letzten
Fall entleert er die milchige Flüssigkeit in ein zu diesem Zwecke
mitgebrachtes Gefäß und gießt sie zu Hause in kochendes Wasser, worauf
sie sofort hart wird und wie ein flacher Kuchen auf der Oberfläche des
Wassers schwimmt. Der frisch gewonnene Kautschuk ist schneeweiß und
enthält viel Wasser, das ihn, falls man ihn nicht gehörig zerteilt und
im Schatten trocknet, zersetzt und in eine klebrige, unansehnliche
Masse verwandelt.
[Illustration: Verarbeitung von Kautschuk.]
Die gleiche Operation wiederholt der betreffende Eingeborene so oft,
bis die Liane erschöpft ist. In besonders reichen Waldrevieren läßt er
die Liane, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hat, liegen und verkommen.
Im Kasai-Gebiet schneidet der Eingeborene sie in Stücke und schleppt
sie in seine Hütte, um mittels Wassers durch Stampfen oder Klopfen der
Rinde den unter derselben fest gewordenen Kautschuk zu extrahieren,
eine Arbeit, die viele Stunden in Anspruch nimmt.