Felsblock, von dem aus wir einen Blick in den tobenden Hexenkessel
unter uns werfen konnten, ohne von dem aufwirbelnden Wasserstaub
durchnäßt zu werden. Schräg fielen die ersten Strahlen der Morgensonne
auf die aufsteigenden Gischtschwaden. Über der geheimnisvollen,
grausigen Tiefe wölbte sich ein Regenbogen in leuchtenden Farben.
In den zartesten Tönen vom hellsten Blau bis zum feurigsten Rot
schillernd, formten sich die Wassertropfen zu funkelnden Diamanten,
Saphiren und Rubinen. Das Auge konnte sich nimmer satt sehen an all
der Pracht, die die Natur auf diesem weltentlegenen Fleckchen Erde
inmitten des großen Urwaldes, fernab vom Weltgetriebe, aufgespeichert
hatte. Eine Beschreibung dieses Naturschauspiels, die einigermaßen der
Wirklichkeit gleichkommen könnte, zu geben, liegt völlig außer dem
Bereich meiner Kräfte. Nicht Worte vermögen zu schildern, was ich bei
seinem Anblick fühlte. Stumm stand ich vor dieser Offenbarung einer
höheren Gewalt, deren Macht unsere menschlichen Begriffe übersteigt.
Wohl eine Stunde mochte im Anblick dieses überwältigenden
Naturschauspiels vergangen sein, als der hohe Stand der Sonne zur
Abreise mahnte. Wir schifften uns in unsere beiden Kanus ein und fuhren
diesmal mit der Strömung der Mündung des Lindiflusses zu, durchquerten
den Kongostrom und legten bald bei einem kleinen Fußpfade, der in den
Urwald führte, an. Vier Mann ließ ich zur Bewachung der Boote zurück.
Mit dem übrigen Personal, das mit Waren und meinen Reiserequisiten
beladen war, machte ich mich auf den Weg nach dem Dorfe Kisui, zwei
Marschstunden weit im Innern des Landes gelegen.
Der erste Teil des Fußpfades führte durch hochstämmigen Urwald, in dem
wir bald auf allen Vieren, meistens aber nur in gebückter Stellung
vordringen konnten. Jeden Augenblick lagen Baumstämme quer über dem
Weg, die ein Durchkommen behinderten. Bald kamen wir an einen breiten
Bach, über den ein umgehauener Baum als Brücke diente. Der Stamm ohne
Rinde war vom Morgentau und dem Passieren vieler bloßer Negerfüße glatt
wie mit Seife beschmiert, so daß ich gleich nach den ersten Schritten
ausglitt. Glücklicherweise fiel ich in die Hocke und konnte mich mit
den Händen noch festhalten, andernfalls wäre ich in den reißenden, über
Mannshöhe tiefen Bach gestürzt. Tausend Ängste hatte ich auszustehen,
bis ich mit Hilfe meiner Leute endlich über die gefährliche Stelle
hinwegkam. Der Neger, von Jugend auf gewöhnt, wie ein Eichhörnchen
auf den Bäumen herumzuklettern und derartige Brücken zu passieren,
balanciert auf bloßen Füßen auch mit schweren Lasten mit Leichtigkeit
darüber hin. Wahrlich, man muß Seiltänzer und Akrobat sein, um im
Urwald zu reisen. Über Untiefen, Schluchten und Morast hinweg hatten
die Eingeborenen einfach Bäume gestürzt, deren im Schlamm versenkte
Äste den schwankenden Brücken zur Stütze dienen. Je nach dem Fall der
Bäume führte der auf diese Art improvisierte Steg bald bis zu sechs
Meter ragender Höhe über den übelriechenden Schlamm, dann wieder in die
Tiefe. Manchmal waren zwei Stämme so weit von einander entfernt, daß
man nur im Sprung von einem zum anderen gelangen konnte, was für mich
immer einen großen Zeitverlust und eine wahnsinnige Angst, das Ziel
zu verfehlen und in den Morast zu stürzen, zur Folge hatte. Endlich
hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen. Durch Maniok-, Reis-
und Maispflanzungen führte unser Pfad ins Dorf Kisui, das ganz von
Palisaden zum Schutze gegen räuberische Überfälle umgeben war.
Die Nachricht von unserer Ankunft hatte sich im Dorfe bereits
verbreitet, und der Sultan Kisui mit seinen Unterhäuptlingen und einer
großen Anzahl von Leuten, die auf Blasinstrumenten, Pauken und Gongs
ein ohrenbetäubendes Konzert veranstalteten, kamen uns entgegen, um
mich im Triumphzug durch das ganze Dorf zu geleiten. Wir brauchten wohl
eine halbe Stunde, um zum Hause meines Capitas, das in unmittelbarer
Nähe des »Sultanpalastes« lag, zu gelangen. Auf dem Weg dahin hatten
sich viele Männer, Frauen und Kinder angeschlossen, so daß ich bald den
Mittelpunkt einer ungeheuren Menschenmenge bildete, die alle den neuen
»Nfuma Ntanga« von Angesicht sehen wollten. Während ich den Kautschuk
übernahm, die darauf entfallenden Auszahlungen veranlaßte und neue
Abschlüsse für den nächsten Monat machte, hatte der Koch mein etwas
verspätetes, jedoch um so reichlicheres Frühstück zubereitet, das ich
jetzt in aller Eile verzehrte, da ich noch ein Dorf, zwei Marschstunden
entfernt, zu besuchen hatte. Unter die Zuschauer warf ich, von dem
Quantum des gelieferten Kautschuks befriedigt, eine Menge kleiner
Metallspiegel, Schellen, Arm- und Beinringe, Zündhölzchen, Perlen,
Metallöffel usw., worüber ungeheurer Jubel ausbrach.
Gestärkt durch die Rastpause, brach ich gegen Mittag wieder auf. In
der Nähe des Dorfes hatten die Eingeborenen den Wald gefällt, um für
neue Pflanzungen Raum zu gewinnen. Auf tausend Meter im Umkreis lag im
wilden Chaos alles Strauchwerk auf- und übereinander. Von Weg oder Steg
war keine Spur zu sehen, die umgestürzten Stämme und das niedergelegte
Unterholz hatten alle Anzeichen davon unter sich begraben. Aufs
geratewohl liefen und kletterten wir in der bisherigen Marschrichtung
über Äste und Zweige weiter, über tausendjährige Baumriesen, deren
Stamm oft einen Durchmesser bis zu zwei Meter hatte, dahin. Dabei
brannten die Sonnenstrahlen unbarmherzig auf uns herab, als wollten
sie sich durch den Tropenhelm bis ins Hirn bohren. Ein Marsch unter
diesen Verhältnissen ist wie geschaffen, um den stärksten Mann zu
erschöpfen und ins Grab zu bringen. Immer und immer wieder drohten
die Kräfte, in der ungeheuren Sonnenglut zu versagen. Wenn ich aber
verzagend innehalten wollte, fiel mein Blick auf die Träger, die trotz
ihrer schweren, sie in ihren Bewegungen hindernden Last von Baum zu
Baum mühsam weiterkletterten, und eine innere Stimme spornte mich immer
wieder zu neuen Kraftanstrengungen an. Ich durfte nicht schwach werden,
ich mußte vorwärts eilen -- was würde sonst mein Personal von mir
denken? Also vorwärts zum schützenden Laubdach. Völlig erschöpft von
den Strapazen langten wir endlich im Walde an. Wie wohl tat die kühle
Luft im Schatten der Baumriesen. Mechanisch ging ich weiter. Diese
kurze Kletterei in glühender Sonnenhitze hatte mich derart mitgenommen,
daß ich den ganzen Rest des Weges wie im Schlafe hinter Mustapha
herlief. Von Zeit zu Zeit stolperte ich über etwas und fiel der Länge
nach zu Boden, wodurch ich immer wieder für einige Minuten wach wurde.
Mustapha war auf meinen Zustand aufmerksam geworden und blieb bei jedem
Hindernis stehen, um mich sorgsam hinüberzuleiten.
Dem Zusammenbruch nahe, kam ich gegen 2 Uhr nachmittags in Tombako an.
Mustapha hatte für mich einen kleinen Bach entdeckt, in dem ich den
erschlafften Körper durch ein Bad erfrischen konnte. Was kümmerten mich
die vielen Augenpaare, die hinter jedem Busch neugierig hervorlugten,
um sich an dem ungewohnten Anblick meiner weißen Haut zu ergötzen.
Nachdem meine beiden Boys mich von Kopf bis zu den Füßen in dem
Lebensquell gewaschen, geduscht und wieder angekleidet hatten, war ich
wieder so weit hergestellt, um an die Arbeit gehen zu können.
[Illustration: Dorfbild.]
Wie in Kisui nahm ich auch hier den gesammelten Kautschuk entgegen
und wechselte den Capita aus. Vor dessen Haus hatten die Dorfbewohner
in Ermangelung von Schattenbäumen ein durch vier Pfosten gestütztes
Dach zum Schutz gegen Sonne und Regen hergerichtet. Darunter fand
ich, vom Bade zurückgekehrt, bereits einen gedeckten Tisch und meinen
Streckstuhl vor. Der Raum ringsumher war mit erregt gestikulierenden
und schreienden Bassengis beiderlei Geschlechts angefüllt, deren mit
Palmöl und Rotholzpulver beschmierte Körper eine schweißdurchtränkte,
übelriechende Atmosphäre verbreiteten. Nachdem die Unterhandlungen mit
dem Häuptling zu befriedigendem Abschluß gebracht waren, ließ ich von
meiner Eskorte den Platz von den vielen Menschen säubern, um für kurze
Zeit Ruhe zu haben. Vorher verteilte ich unter mein Personal noch eine
Extrafleischration von zwei Ziegen, Geschenk des Häuptlings, die sofort
geschlachtet worden waren, etwa fünf Liter frischen Palmweines und
reichlich »Bidia-Polenta«, die das Dorf gespendet hatte.
Gegen vier Uhr nachmittags konnte ich mein Mittagmahl, aus gebackenen
kleinen Fischen, einer Dose Hummer und einem gebratenen Huhn bestehend,
einnehmen und mußte jetzt an die Rückkehr denken, um vor Anbruch
der Nacht ans Flußufer zu gelangen. Der Häuptling des Dorfes gab
uns ein Stück Weges das Geleit und führte uns an Stellen vorbei,
wo im vergangenen Kriege zwischen Kisui und Tombako die früheren
Häuptlinge der beiden Dörfer gefallen waren. An diesen Stellen haben
die Eingeborenen eine Lanze in die Erde gesteckt. Jeder Vorbeigehende
nimmt ein Blatt, bläst es an, um den bösen Geist, der darauf sitzt, zu
vertreiben, und steckt es auf die Lanze oder wirft es auf ein Häufchen
daneben. Begräbnisstellen, selbst für die Häuptlinge, existieren in
dieser Gegend nicht, da die Eingeborenen ihre Leichen in den Fluß
werfen.
Zum Rückweg benutzten wir einen Richtweg, der etwas unterhalb des
Morastes an das Flußufer führt. Auf dem ursprünglichen Weg hatte ich
einen Eilboten mit dem Befehl an die beiden zurückgebliebenen Kanus
gesandt, weiter stromabwärts bis zur Einmündung des Fußpfades zu
rudern. Bei Anbruch der Nacht gelangten wir an das Flußufer, und da
weit und breit kein Fischerdorf vorhanden war und der dichte Urwald
nirgends eine Lagerstelle zum Übernachten bot, ließ ich die beiden
Boote auf eine inmitten des Stromes gelegene Sandbank hinüberrudern, um
dort zu übernachten.
Der dichte Sternenhimmel über uns ließ eine schöne, windstille Nacht
erhoffen, zumal Sandbänke bekanntlich von Moskitos, die mit Vorliebe
Grasflächen und das Laubwerk des Flußufers aufsuchen, verschont bleiben
und wir die Gefahr eines Überfalls von Leoparden nicht zu fürchten
hatten. Der untere Teil der Insel war zwar bewaldet, doch meidet der
Leopard, wie alle Katzenarten, das Wasser, und es war nicht anzunehmen,
daß die kleine Insel derartiges Raubzeug ernähren konnte.
Während ein Teil des Personals mit Haumessern in das kleine Wäldchen
eindrang, um trockenes Holz für die Lagerfeuer heranzubringen,
hatten die Boys aus dem Kanu meinen tragbaren Feldtisch, Streck-
und Klappstuhl auf die Sandbank gebracht, so daß ich eine halbe
Stunde später bereits vor meinem gewohnten Aperitif, meist bestehend
entweder aus Portwein, Amer-Pikon, Absinth oder einer halben Flasche
Champagner, saß. Es ist überflüssig zu erwähnen, daß nach derartigen
Gewaltmärschen stets die Unterwäsche und Kleidung, die völlig durchnäßt
ist, gewechselt werden muß. Abends empfiehlt es sich überdies, einen
leichten Überrock umzunehmen, da die Nächte kühl und der Körper infolge
der großen Hitze tagsüber empfindlich geworden ist.
Die Nacht war inzwischen völlig hereingebrochen, eine ideale tropische
Nacht, hell erleuchtet von dem langsam am Horizont aufsteigenden
Vollmond und Tausenden von Sternen, die in der klaren Luft einen
strahlenden Glanz entfalten, wie wir ihn in unserer durch Rauch und
Ruß geschwärzten Großstadtatmosphäre niemals sehen. Infolge der
reinen Luft scheint uns der Himmel viel näher gerückt zu sein, und
unwillkürlich spannen sich die Fäden meiner Gedanken hinauf zu jenen
leuchtenden Gestirnen am Firmament, die in unberechenbaren Abständen
im ungeheuren Weltall gleich unserer Erde ihre eigenen Bahnen ziehen.
Und ich versank in Sinnen über das ungelöste Problem, wie wohl jene
Macht beschaffen sein könnte, die dem Weltall ihre Gesetze diktiert.
In diesen Stunden des In-mich-Gehens lernte ich erkennen, wie
hinfällig alle jene Ansprüche sind, die der Mensch im egoistischen
Selbstherrlichkeitsgefühl für sich aufstellt und die er ohne weiteres
ungezählten Lebewesen abspricht, deren Lebensbedingungen genau dem
gleichen Ursprung entstammen und den gleichen Gesetzen unterworfen sind.
Meine Leute hatten unweit der Landungsstelle große Feuer angezündet, an
denen sie, in Gruppen auf Matten, die ihnen als Schlafstätte dienten,
lagen und die Tagesereignisse diskutierten. In Ermangelung eines Zeltes
zum Schutze gegen den bei Morgengrauen fallenden Tau hatten meine
Diener mein Feldbett im Kanu unter dem Schutzdach aufgeschlagen, und,
ermüdet von den Anstrengungen des Tages, begab ich mich alsbald zur
Ruhe.
Ich mochte ein paar Stunden in tiefem Schlummer gelegen haben, als
ich plötzlich durch einen ungeheuren Schlag, der das Boot fast zum
Umschlagen brachte, aus dem Schlaf geschreckt wurde. Das Nächste,
was mein entsetztes Auge wahrnehmen konnte, waren der Riesenleib und
der ungeschlachte Kopf eines kolossalen Nilpferdes, das am Fußende
meines Bootes, über das Boot gebeugt, stand und neugierig alles
beschnüffelte. Ich war vor Schrecken an allen Gliedern gelähmt -- der
Angstschweiß perlte mir von der Stirn.
Hatte ich beim jähen Erwachen irgendeine brüske Bewegung gemacht,
die das Tier erschreckte, oder hatte es den Menschen -- seinen Feind
-- gewittert, kurzum, es wandte mir den unförmlichen Riesenschädel
zu, blies ärgerlich durch die ungeheuren Nüstern einen gewaltigen
Sprühregen von Schleim, öffnete den riesigen Rachen und stieß ein
tiefdröhnendes Gebrüll aus, so daß mir das Blut in den Adern erstarrte.
In diesem Moment wurde es lebendig auf der Sandbank. Die Wachen, aus
dem Schlaf geschreckt, eilten herbei -- und pang, pang, pang, erfolgte
Schuß auf Schuß, wodurch sich meine Situation nur noch unbehaglicher
gestaltete, da die Leute im ersten Schrecken erfahrungsgemäß nie etwas
zu treffen pflegen und ich Gefahr lief, von der einen oder anderen
Kugel getroffen zu werden.
Das Nilpferd war über diesen unerwarteten Empfang wahrscheinlich
ebensosehr erschrocken wie ich kurz zuvor. Mit einem Satz verschwand
es in das tiefe Wasser, und ich beeilte mich, sobald die Schießerei
aufgehört hatte, mit einem Sprung auf die Sandbank zu gelangen. Konnten
wir wissen, ob das vielleicht verwundete Tier nicht in rasendem Schmerz
sich auf das Boot stürzen und es zermalmen würde? Einige Sekunden
bangen Wartens, während der ich der zunächststehenden Wache das Gewehr
entrissen und mich feuerbereit gemacht hatte, vergingen, dann tauchte
das Tier auf etwa zehn Meter Distanz für einen Augenblick auf. Gleich
krachten unsere Gewehre, und sofort verschwand es wieder. War auch die
Nacht so klar, daß man auf der Sandbank jeden Menschen auf hundert
Meter Entfernung hätte aufs Korn nehmen können, so konnte von einem
regelrechten Ziel auf der dunkeln oder vom Mondschein glitzernden
Wasserfläche keine Rede sein. Wir gaben daher das Schießen bald als
unnütze Munitionsverschwendung auf.
Nach diesem aufregenden Erlebnis hatte ich natürlich keine Lust mehr,
meine unterbrochene Nachtruhe im Boote fortzusetzen, obgleich ich mir
sagen mußte, daß uns nach der vielen Schießerei sicherlich nichts
mehr behelligen würde. Ich ließ daher mein Bett auf die Sandbank
bringen. Dieser nächtliche Besuch war für uns alle eine um so größere
Überraschung, als wir bisher angenommen hatten, daß in diesem Teil
des Flusses überhaupt keine Nilpferde vorkamen. Am folgenden Morgen
bei Tagesanbruch hielten wir scharfe Umschau an allen Plätzen und
Sandbänken, die Nilpferde mit Vorliebe aufzusuchen pflegen, doch das
Tier war und blieb verschwunden. Sicherlich hatten wir es mit einem
alten, erfahrenen Einsiedler zu tun gehabt, der tagsüber das befahrene
Fahrwasser meidet und an einer abseits gelegenen, völlig unzugänglichen
Flußstelle ein beschauliches Dasein führte.
Wieder fuhren wir eine Strecke stromabwärts, bis wir an einen
kleinen Flußpfad kamen, der zu den im Innern des Landes gelegenen
Dörfern führte. Diese Pfade sind derart angelegt, daß sie von den
vorbeifahrenden Dampfern und Booten aus völlig unsichtbar sind und nur
dank der Lokalkenntnis meiner Capitas, die zu wiederholten Malen die
Dörfer besucht haben, entdeckt werden konnten.
[Illustration: Arbeiterfrauen vor einer Hütte.]
Wie schon aus meinen früheren Schilderungen ersichtlich, sind die
scheuen Eingeborenen stets darauf bedacht, ihre Dörfer derart im
Urwald anzulegen, daß sie alle Vorgänge durch Späher aus der Ferne
beobachten, selbst jedoch nicht entdeckt werden können. Hat ein Dorf
sich irgend etwas zuschulden kommen lassen und fürchtet es die Rache
seiner Nachbarn oder der Europäer, dann übersiedelt es einfach mit den
tragbaren Hütten einige Stunden landeinwärts an völlig unzugängliche
Stellen und sucht den Gegner durch Irrwege, die in den Morast führen
oder plötzlich im Urwalde aufhören, irrezuführen.
Wie am vorhergehenden Tag hatten wir auch heute wieder während des
Marsches mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen. Ein tiefer Morast
hemmte bald unseren Vormarsch in den Urwald. Zu seiner Durchquerung
hatten die leichtfüßigen Eingeborenen überall dünne Bäume umgeschlagen,
um einen gangbaren Weg zu schaffen. Die Stämmchen erwiesen sich aber
für das Gewicht einer Last, d. h. einer Kiste, die von zwei Mann an
einer Stange auf den Schultern getragen wird, also etwa für 180 bis
200 Kilogramm, als zu schwach. Die Folge davon war, daß verschiedene
meiner Leute mit der Traglast zusammenbrachen und sich beim Sturze
Verletzungen an den Füßen und bloßen Körperteilen zuzogen, die dann
schwer zuheilten. Überdies verloren wir viel Zeit mit der Anbahnung
einer neuen Marschroute. Was wir an diesem Tage an Strapazen
durchzumachen hatten, läßt sich in Worten nicht wiedergeben. Durch dick
und dünn, bald auf allen vieren, dann wieder gebückt, durch niederes
Gestrüpp von Pandanus (einer Art Stachelpalme, die im Morast oder an
Flußläufen wächst) führte ein kaum erkennbarer Fußpfad zu dem ungefähr
eine Wegstunde vom früheren Standplatz des Dorfes gelegenen neuen Dorfe
Lungulungu. Angeblich mußte der alte Ort wegen zunehmender Verseuchung
im Stich gelassen werden.
Hier, wie in den früheren Dörfern, nahm ich den gesammelten Kautschuk
in Empfang, wechselte den Capita aus und ließ, nachdem ich an den
Häuptling Lungulungu und die im Kreise versammelten Eingeborenen
reichliche Geschenke ausgeteilt hatte, einen neuen Vorrat an Waren
zurück.
Ich hatte soeben mein Mittagsmahl vollendet, als der frühere Capita
zwei Unterhäuptlinge des Dorfes vor mich brachte, die Streit
miteinander führten und sich dem Urteil Lungulungus nicht unterwerfen
wollten. Da dieser Streit zweier ebenbürtiger Gegner, von denen jeder
einen mächtigen Anhang hinter sich hatte, zu einer Spaltung des Dorfes
und zu Blutvergießen führen konnte, nahm ich das verantwortungsvolle
Amt eines Schiedsrichters erst an, nachdem beide vorher feierlich
erklärt hatten, sich meinem Schiedspruch fügen zu wollen. Mabruki
und Alsala entstammten einer weitverzweigten Patrizierfamilie, die
seit Menschengedenken viele tapfere Krieger hervorgebracht und dank
mutiger, räuberischer Überfälle auf schwächere Nachbardörfer ihre Macht
durch erbeutete Sklaven immer mehr vergrößert hatte. Beide verfügten
im Rat des Dorfes, teils durch Überlieferung, teils durch ihren
Anhang, über eine einflußreiche Stimme. Bis vor kurzem waren Mabruki
und Alsala innige Freunde, so daß Alsala bei der Verheiratung seiner
Schwester mit Mabruki ihr zwei Sklavinnen mit in die Ehe gab. Nun war
die Schwester einige Monate nach der Heirat plötzlich aus unbekannten
Gründen verschieden, und Alsala behauptete, Mabruki hätte sie verhext
und wäre an ihrem Tode schuld. Alsala fürchtete auch, daß Mabruki die
beiden Sklavinnen ebenfalls verhexen würde, und forderte diese zurück.
Nun hatten letztere sich vor einiger Zeit beim Holzsuchen im Walde zu
weit entfernt und waren dabei in die Gefangenschaft eines am Flußufer
gelegenen Fischerdorfes geraten. Mabruki mußte für deren Auslieferung
sechzig Shokkas (Eisenstücke, die zu Pfeilspitzen verarbeitet werden)
bezahlen, was ungefähr den Wert von dreißig Frank repräsentiert. Alsala
wollte diesen Preis nicht zahlen, sondern forderte die unverzügliche
Rückgabe der beiden, seiner Schwester freiwillig überlassenen
Sklavinnen, worüber sich heftiger Streit und Feindschaft auf Leben und
Tod zwischen den beiden Parteien entwickelt hatte.
Man würde allgemein annehmen, daß der auf das Recht des Stärkeren
pochende unzivilisierte Wilde nicht imstande sei, einen Prozeß klar
durchzuführen und nachzuweisen, daß das Recht auf seiner Seite ist.
Dem ist nicht so -- gerade das Gegenteil trifft zu. Die meisten Neger
sind hervorragende Redner und sowohl im Angriff als in der Abwehr
äußerst findige Advokaten, die es glänzend verstehen, durch geschickte
Argumente den Schein des Rechtes auf ihre Seite zu bringen.
Gewöhnlich beginnt das Plädoyer damit, daß der Redner die Ruhmestaten
oder die soziale Stellung seiner Vorväter hervorhebt und dann
die Lichtpunkte seiner eigenen Vergangenheit zur Geltung bringt,
gewissermaßen, um den Richter für sich einzunehmen. Einmal im
Redeschwall, gefällt er sich sichtlich darin, das Zentrum gespannter
Aufmerksamkeit zu sein, und seine lebhafte Phantasie führt alles
mögliche aus dem Vorleben des Gegners an, was diesen im öffentlichen
Ansehen schädigen könnte. Sein Hauptbestreben geht dahin, Sensation zu
machen und den Widersacher durch erfundene Geschichten bloßzustellen.
Kommt er endlich nach mancherlei Abschweifungen an die eigentliche
Streitfrage, dann beleuchtet er aufs genaueste alle Einzelheiten, die
für ihn sprechen. Solche Prozesse sind immer langwierig und dauern,
wenn man den Gegenstand nicht gewaltsam abkürzt, oft tagelang. Kaum
hat der eine der beiden Gegner geendet, so beginnt der andere bereits
wieder.
Nach zweistündigem Palaver gelang es mir, die vorliegende Streitfrage
in einem den Sitten und Rechtsanschauungen der Eingeborenen
entsprechenden Sinne zu erledigen. Alsala mußte die sechzig Shokkas
zahlen und erhielt dagegen die zwei Frauen zurück. Auch suchte ich ihm
plausibel zu machen, daß Mabruki die Frau nicht verhext habe, da aus
den Zeugenaussagen der beiden Sklavinnen und der anderen Einwohner
hervorging, daß die Eheleute im besten Einvernehmen miteinander gelebt
hätten. Die Frau war irgendeiner Krankheit zum Opfer gefallen. Es ist
unnötig, zu erwähnen, daß ich mit diesem Argument keinen Erfolg hatte.
Alsala war nach wie vor überzeugt, daß ein »=Nkischi=« seiner
Schwester das Lebenslicht ausgeblasen hatte.
Ein beschwerlicher Marsch brachte uns an das Flußufer zurück, von wo
aus wir uns direkt nach dem Staatsposten »Romée« einschifften. Ich war
glücklich, nach zweimaligem Übernachten im Busch endlich wieder ein
komfortables Zimmer und die Gesellschaft von Europäern vorzufinden.
Seit zwei Tagen hatte ich mich oftmals fragen müssen, ob ich eigentlich
zu den Vierfüßlern oder zu den Menschen gehöre. Romée wird von zwei
Ökonomiebeamten verwaltet und umfaßt ausgedehnte Plantagen von
Kaffee-, Kakao-, Kautschukbäumen und Lianen. Als Arbeiter werden die
Sträflingskolonnen der =Province orientale= herangezogen.
Körperlich und geistig neugestärkt verließ ich am folgenden Morgen die
Station, um meine Werbetätigkeit in den Negerdörfern fortzusetzen. Ich
besuchte die Dörfer Turumbo, Mokotantefu und Lulanga, in welchen ich
wie bisher Waren, Geschenke und Capitas zurückließ, und übernachtete am
folgenden Tage in einem am Flusse gelegenen kleinen Staatsposten, der
von einem schwarzen Korporal kommandiert wurde.