Vor meiner Abreise mußte ich Monkwojama noch versprechen, seine Sache

beim Kommandanten von Stanleyville zu vertreten. Dies konnte ich um so

eher zusagen, als sich herausstellte, daß keiner der Soldaten verwundet

oder getötet worden war und, wie ich aus Erfahrung wußte, diese sich

hüten würden, von ihrem nächtlichen Raubzug etwas verlauten zu lassen.

Zum Schutze des Dorfes vor ähnlichen Vorkommnissen, und um auch dafür

zu sorgen, daß der Kautschuk zustande kam, ließ ich hier einen meiner

Leute mit einem Perkussionsgewehr zurück. Als vermeintlicher Feind war

ich ins Dorf gekommen, als Freund verließ ich dasselbe eine Stunde

später, von der freudig erregten Menge begleitet, die im Tanzschritt

unter dem ohrenbetäubenden »Yolah«-Geschrei und Tuten von Hörnern

ihrer kindlichen Freude Ausdruck verlieh, ein Zeichen, wie schnell

Volksstimmungen umschlagen.

Weiter stromabwärts eilten meine beiden Kanus in wilder Wettfahrt, um

noch vor Einbruch der Nacht die »Baptist-Mission Yakussi« zu erreichen,

wo wir freundliche Aufnahme vorfanden und übernachteten.

Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch machten wir uns auf den Weg

nach dem unweit der Mission im Urwald gelegenen Dorfe Yakussi. Die

ganze Nacht durch hatte es geregnet, und die schmalen, lehmigen

Fußpfade standen unter Wasser. Auf Schritt und Tritt streifte ich von

dem dichten Unterholz große Regentropfen ab, so daß meine Kleidung

binnen wenigen Minuten vom Kopf bis zu den Füßen völlig durchnäßt,

und ich wohl oder übel gezwungen war, ein unfreiwilliges Kneippbad zu

nehmen. Denkt sich der Leser hierzu noch rote, braune und schmutzige

Flecken infolge Abstreifens des roten Tukula-Pulvers, womit Männer

und Frauen sich den Körper beschmieren, dann kann er sich ungefähr

eine Vorstellung davon machen, in welchem Aufzug ich eine halbe

Stunde später nach forciertem Marsche im Dorfe ankam. Ich benützte

die erste freie Hütte, um mich vollständig umzukleiden und hatte eben

meine rasche Toilette beendigt, als der »Tambu Tambu« -- Neger-Sultan

Yakussi -- mit großem Gefolge und tanzenden Frauen, die mich mit lautem

Händeklatschen begrüßten, eintraf, um mich zum Hauptdorfe zu geleiten.

Das Dorf Yakussi, ursprünglich aus einem paar halbverfallener, im

Urwald versteckter Negerhütten bestehend, hatte sich im Laufe der Jahre

unter dem Schutze der Mission zu einer langgestreckten Ansammlung

von Negerhütten und zu einem bedeutenden Markte entwickelt. Der alte

Häuptling hatte wahrscheinlich mit schwerem Herzen von der Sitte seiner

Vorväter und dem Genuß delikater Menschenkotelettchen Abstand genommen,

seinen Lendenschurz mit dem Prunkgewand eines Negersultans vertauscht

und dazu im Laufe der Zeit den Titel angenommen.

[Illustration: Marktbild.]

Dank dem unermüdlichen Eifer der Missionare, dem unzivilisierten

Negervolke ein menschenwürdiges Dasein aufzudrängen, dank ihrer nah

und fern gerührten Werbetrommel, um alle mit ihrem Lose Unzufriedenen

um sich zu versammeln und zum Heil »Zambis«, des einzigen, wahrhaften

Gottes zu bekehren, hat Yakussi sein Dorf Monat für Monat sich

vergrößern und die Anzahl der Einwohner vermehren sehen. War seine

eigentliche Macht über Leben und Eigentum seiner Untergebenen auch

nur mehr ein Schein, so tröstete er sich offenbar damit, daß es den

Häuptlingen in den von »Felsenbrecher«, wie die Eingeborenen den

Kongostaat nennen, okkupierten Gebieten auch nicht besser ging und

die Häuptlinge der umliegenden Dörfer ihm gewissermaßen unterstanden.

Denn Yakussi war ein mächtiger Sultan geworden, der hoch in der Gunst

des weißen Eroberers stand und dessen Ohr stets auf seiner Seite

hatte. Alle Häuptlinge der umliegenden Dörfer erkannten dies willig

an und bedienten sich unter Zuhilfenahme reicher Geschenke stets

seiner Vermittlung, wenn es galt, ihr Dorf vor drückenden Steuern zu

bewahren, oder aber Streitigkeiten unter einander auszutragen. Auf

diese Weise war Yakussi im Laufe der Zeit reich geworden.

Auch die Einwohner des Dorfes erfreuten sich einer gewissen

Wohlhabenheit und hatten ihre ursprüngliche Scheu im Verkehr mit den

Europäern vollständig abgestreift. Die Frauen saßen größtenteils

in Kleidern um die Feuer und nickten uns einen freundlichen Gruß

zu, während die Kleinen und Allerkleinsten, die wir in anderen

Dörfern überhaupt nicht zu Gesicht bekamen, sich mir ganz zutraulich

näherten, ihre Pfötchen gaben und sich mit Perlen, Spiegeln und

Löffeln beschenken ließen. Auf dem Weg durch das langgestreckte

Dorf schlossen sich uns immer mehr Eingeborene an, so daß uns,

als wir am Versammlungsort angelangt waren, ein großer Wall von

Eingeborenen umgab. Nachdem ich nun den Leuten den Zweck meines Kommens

auseinandergesetzt hatte, teilte mir Yakussi mit, daß das Dorf zwar

bereits für »=Talla Talla=«, d. h. Augengläser (womit der Chef der

SAB, der Augengläser trug, bezeichnet wurde), Kautschuk anfertige, daß

er jedoch gerne bereit sei, das gleiche auch für mich zu tun.

Nicht sonderlich erbaut über den gemachten Vorschlag, willigte ich

schließlich ein und ließ die von Yakussi selbst ausgewählten Waren,

wofür er ein gewisses Quantum Kautschuk innerhalb eines Monats zu

liefern versprach, zurück. Meine Boys hatten inzwischen meinen

transportablen Tisch aufgestellt, ein nagelneues Tischtuch darüber

ausgebreitet und erschienen nunmehr mit dem Frühstück, bestehend aus

Omelett, geräuchertem Schinken, Sardinen und Kaffee. Während ich

inmitten der neugierigen Menge frühstückte, die jede Handbewegung,

das Öffnen der Sardinenbüchse usw. mit großem Interesse beobachtete,

brachten gegen dreißig Frauen aus Kürbis hergestellte Gefäße mit

»=Bidia=«, einer aus Mais und Maniokmehl hergestellten Polenta,

sowie allerlei Gemüse, geräucherte kleine Fische, Heuschrecken und

ähnliche Delikatessen zum Kaufe für mein Personal. Ich bezahlte das

gerne und ließ die Herrlichkeiten unter meine Träger verteilen, die mit

Heißhunger darüber herfielen.

Nachdem Sultan Yakussi mir im Laufe des Gespräches noch angeboten

hatte, durch einen seiner Leute mir den Weg zu drei Dörfern in der Nähe

des Lindiflusses zeigen zu lassen, die möglicherweise auch Kautschuk

für mich sammeln würden, brach ich nach einstündigem Aufenthalt auf.

Wer da glaubt, Yakussi hätte mich in selbstloser Weise zu drei Dörfern

gewiesen, um meine Zwecke zu unterstützen, täuscht sich gewaltig. Von

dem Sultan und einer Menge Eingeborener, die auf Pfeifen und kleinen

Holzgongs, hölzernen und elfenbeinernen Hörnern einen ohrenbetäubenden

Spektakel aufführten, begleitet, erfuhr ich kurz vor dem Abschied am

Flußufer, daß ein am Unterlauf des Lindis gelegenes Fischerdorf drei

Frauen des Dorfes geraubt hätte. Yakussi bat mich, ihm die drei Frauen

gelegentlich meines Besuches der Dörfer wiederzubringen.

Wir verließen Yakussi und schifften uns auf unseren Kanus wieder ein.

Der Weg von Yakussi bis zur Mündung des Lindiflusses in den Kongo

war, da es mit der Strömung ging, unter begeistertem Jubelgesang der

Ruderer bald erreicht. Hier stellten sich mir Schwierigkeiten in

den Weg, meine abergläubischen Leute dahinzubringen, in das bisher

völlig unbekannte Lindistromgebiet einzufahren. Geschichten, die

in Stanleyville unter den Eingeborenen umgehen, und die von einem

Fabeltier erzählen, das bald in Gestalt eines ungeheuren Krokodils,

bald als Riesen-Wasserschlange aus den Tiefen des Lindiflusses

auftaucht und jedes Boot vernichtet, hatten die Leute verängstigt.

Wir waren etwa eine Stunde weit den Fluß hinaufgefahren, ohne auf

menschliche Spuren gestoßen zu sein, als wir mit einem Male bei einer

Biegung des Flusses zu einem großen Fischerdorf kamen. Schätzungsweise

mochte dasselbe gegen 2000 Einwohner zählen. Die Leute waren gerade

im Begriffe, einen riesigen Gong, der auf vier Holzfüßen inmitten des

geräumigen Versammlungsplatzes stand, einzuweihen. Von oben bis unten

mit rotem Sandelholzpulver zur Feier des Tages beschmiert, tanzten

Männer und Frauen unter wilden Kontorsionen der Bauchmuskeln und unter

lautem Freudengeheul wie Besessene um den Gong, den zwei Mann mit

Kautschuk-Keulen mit aller Gewalt bearbeiteten.

In dem allgemeinen Taumel war unsere Ankunft kaum bemerkt worden.

Sowie der Häuptling uns bemerkte, gab er ein Zeichen, das Fest zu

unterbrechen, und kam, umringt von den Seinen, auf uns zu. In wenigen

Sekunden war unser kleines Häufchen von einer tobenden Menschenmenge

umringt. Die tiefliegenden, verschleierten Augen und die starke

Erregung, die sich auf allen Mienen kundgab, verriet mir auf den ersten

Blick, daß die Leute viel Hanf geraucht hatten, und daß äußerste

Vorsicht am Platze war, wollten wir nicht den zündenden Funken in

das Pulverfaß werfen. Die getrockneten Blätter der Hanfstaude, dem

Tabak beigemengt, haben berauschende Wirkung und versetzen den Neger

bei reichlichem Genuß in eine tobsuchtsartige, blutdürstige Stimmung,

in welcher er weder Feind noch Freund kennt, beim geringsten Anlaß

blindlings darauflosschlägt und alles niedermacht, was sich ihm in

den Weg stellt. Diese Unsitte fordert alljährlich unzählige Opfer und

nötigt die Regierung, die Hanfstauden in den Dörfern vernichten zu

lassen.

Mit einer mir später selbst fast unerklärlichen Ruhe ließ ich mir

von meinen Boys inmitten des Kreises, der sich in immer weiterem

Umfange um uns schloß, meinen Streckstuhl bringen und setzte mich

nieder. Dem Häuptling bedeutete ich, dasselbe zu tun. Tausende

Augenpaare beobachteten jede meiner Bewegungen. Hier galt es mit voller

Unerschrockenheit auftreten, sonst waren wir in die Hände der Leute

gegeben, die nach Belieben mit uns verfahren konnten.

Ich ließ den Mann aus Yakussi vortreten und forderte den Häuptling auf,

die widerrechtlich weggeschleppten drei Frauen, die sich in seinem

Dorfe aufhielten, sofort herauszugeben. Ohne ein Wort der Widerrede gab

der Häuptling einem Manne ein Zeichen, die Frauen zu holen. Hierauf

verständigte ich ihn vom Zwecke meines Kommens, daß ich Tauschhandel

mit den Leuten seines Dorfes pflegen wolle, daß ich Geschenke für

Kautschuk mitgebracht habe usw.

Hatte der Häuptling meinem ersten Verlangen ohne weiteres Folge

geleistet, so erklärte er jetzt, dabei die Volksmenge mit jedem Satz

apostrophierend, ungefähr folgendes: »Der weiße Häuptling =Nfuma

Ntanga= ist in unser Dorf gekommen -- =ayoki= (hört), um

drei Frauen aus Yakussi zurückzufordern -- =ayoki=. Wir wollen

keinen Krieg mit dem weißen Häuptling -- =ayoki=. Darum geben

wir die Frauen zurück -- =ayoki=. =Nfuma Ntanga= bringt Stoffe

und »=Shokkas=« (große Stücke Eisen, welche an Geldes Statt

zirkulieren) und will, daß wir Kautschuk sammeln gehen -- =ayoki=.

Kautschuk sammeln ist Sklavenarbeit -- =ayoki=. Wir aber sind

freie Männer und wollen keinen Kautschuk machen.«

Nach jedem Satze wiederholte die Menge wie aus einem Munde

»=ayoki=«, was ungefähr »wir hören« heißt. Nach den letzten

Worten des Häuptlings brach ein tausendstimmiges Jubelgeheul aus,

das von der grünen Mauer des Urwaldes jenseits des Wasserspiegels

widerhallte. Darin kennzeichnete sich das stolze Bewußtsein und

der unerschütterliche Wille eines freien Volkes, das Sklavenarbeit

verachtete und bereit war, für seine Gesinnung sein Leben einzusetzen.

Diese einzigartige Kundgabe des Volkswillens machte auf mich einen

großen Eindruck. Zum erstenmal stand hier in Gestalt des Wilden ein

Mann vor mir, dem die Natur den Stempel des Herrschers aufgedrückt

hatte. Von Wuchs ein über das Mittelmaß reichender, herkulisch gebauter

Mann, in Miene und Gebärden jeder Zoll ein König, die Gesichtszüge von

tiefem, feierlichem Ernst durchdrungen, das stolz erhobene Haupt mit

Adlerfedern geschmückt, um die gewölbte, sehnige Brust ein Diadem von

Leopardenzähnen, um die Hüften ein kunstvolles faltenreiches Gewebe

aus Raphiafasern: so stand der Mann vor mir, mit tieftönender, voller

Stimme zu seinem Volke redend. Diese Szene hat sich unauslöschlich

meinem Gedächtnis eingeprägt. Der Wille und die Kraft, die von dieser

Herrschernatur ausgingen, waren derart, daß sie geradezu hypnotische

Wirkung auf das Volk ausüben mußten. Ohne ein Wort weiter zu verlieren,

erhoben sich alle, die mit dem Häuptling gekommen waren, und verließen

den Versammlungsplatz, mich in ziemlicher Bestürzung zurücklassend.

Was hatte dies alles zu bedeuten? Warum war der Häuptling mit seinen

Leuten so unvermittelt verschwunden? Hatten sie etwa die Absicht, über

uns herzufallen? Diese Fragen und viele ähnliche bestürmten mich im

nächsten Augenblick. Mechanisch griff ich nach einer illustrierten

Zeitschrift, die ich immer bei mir zu tragen pflegte, da ich aus

Erfahrung wußte, daß die Illustrationen und das gedruckte Papier für

die Eingeborenen als »schwarzer Zauber« gelten und sie davor einen

großen Respekt haben. Während ich mechanisch in der Zeitschrift

blätterte, arbeitete mein Gehirn fieberhaft. Ich beobachtete genau,

was um mich vorging und ob nicht irgend etwas in dem Gebaren der

Eingeborenen auf feindliche Absicht schließen ließ. Doch nichts

dergleichen geschah -- langsam fand ich das seelische Gleichgewicht

wieder.

Eine Viertelstunde mochte etwa vergangen sein, da tauchte plötzlich der

Häuptling wieder mit seinem Gefolge auf, das zwei große Ziegen hinter

sich herzog und sie mir als Geschenk übergab. Ein Stein fiel mir vom

Herzen. Nach dieser Gabe konnten wir über die friedlichen Absichten der

Leute nicht länger im Zweifel sein, und ich ließ nun meinerseits durch

Mustapha dem Häuptling ein den Wert der beiden Ziegen übertreffendes

Geschenk überreichen. Im Verlaufe des sich daran anknüpfenden

Gespräches stellte es sich heraus, daß die drei von Yakussi

bezeichneten Dörfer in unmittelbarer Nähe lagen. Ich beschloß daher,

mich sofort auf den Weg zu machen und brachte gleichzeitig meinen Koch

in einer der mir freiwillig geräumten Hütten unter, um einstweilen eine

Mahlzeit für mich vorbereiten zu lassen.

Von unserem Führer aus Yakussi geleitet, folgten wir einem der vielen

sich kreuzenden Fußpfade, die von dem Dorfe aus durch Maniok- und

Maisanpflanzungen in den Schatten des Urwaldes führten. In brennender

Sonnenhitze durchquerten wir einen frischen Ausschlag aus dem

Walde. Quer über dem Wege lagen die tausendjährigen, umgestürzten

Urwaldriesen, über die wir bald hinwegkletterten, dann wieder unter

ihnen durchschlüpfen mußten. Allenthalben waren die ungeheuren Stämme

angekohlt, und große Feuer brannten, um die von der Sonne verdorrten

Äste und Zweige aus dem Wege zu räumen und in befruchtende Asche

umzuwandeln. In sengender Gluthitze bahnten wir uns mühsam über

all diese Hindernisse hinweg einen Weg zu dem kühlen Schatten des

Waldes. Unterwegs kamen wir am Grabe eines Häuptlings vorbei. Eine

Binsenmatte, von vier Stöcken unterstützt, bildete das Dach dieses

innerafrikanischen Mausoleums, unter dem auf einem Bäumchen ein dicker,

weiß und schwarz gefleckter Baumbast zusammengerollt lag. Dieser war

so täuschend einer riesigen Schlange nachgebildet, daß ich beim ersten

Anblick unwillkürlich einen Schritt nach rückwärts machte. Einige

Tongefäße und kleine Götzen vervollständigten diese äußerst sonderbare

Begräbnisstätte.

Nach längerem Marsch deutete endlich entferntes Stampfen eines

Maniokmehl-Mörsers sowie eine allmähliche Verbreiterung des Fußpfades

an, daß wir uns in der Nähe eines Dorfes befanden. Einige hundert Meter

vor dem Dorfe bildete der Fußpfad eine Biegung und bot einen Ausblick,

durch welche die Einwohner, die in steter Furcht vor feindlichen

Überfällen leben, unsere Karawane herannahen sahen. Ich hörte einen

schrillen, trillernden Schrei, dann Rufen und Trappeln vieler nackter

Füße. Als ich endlich im Dorfe anlangte, war die gesamte Bevölkerung

geflohen. Das Dorf machte einen äußerst reinlichen und respektablen

Eindruck. Zwei Reihen spitzzulaufender, kegelförmiger Hütten standen

inmitten von Bananenhainen, Tabak- und Hanfanpflanzungen. Es war bisher

das einzige Dorf mit Hütten dieser Konstruktion hier in der Umgebung,

wo alle Eingeborenen mehr oder minder runde Hütten bauen oder sich

die arabischen Häuser als Modell nehmen. Ich verharrte nahezu eine

halbe Stunde im Dorfe und machte vermittels der Gongsprache alle

möglichen Anstrengungen, um die Leute zurückzurufen. Es war leider

vergebliche Mühe, nichts rührte sich in dem umliegenden Urwalde. Es

war eine starke Enttäuschung für mich, nach langem, mühseligem Marsch

unverrichteterdinge weiterziehen zu müssen.

Beim zweiten Dorfe Alelo hatten wir nicht mehr Glück. Ich hatte dieses

Mal meinen Führer aus Yakussi vorausgesandt, um die Leute auf die

Ankunft meiner Karawane vorzubereiten. Hatte dieser nun die übertragene

Mission nicht richtig erfüllt oder hatten die Leute ein Verbrechen auf

dem Gewissen, kurzum, als sie vom Herannahen eines Europäers hörten,

waren sie, so schnell ihre Füße sie zu tragen vermochten, im Urwalde

verschwunden. Trotz aller Versprechungen waren die Leute auch dann

nicht zu bewegen, zurückzukehren.

[Illustration: Stampfen von Maniokmehl.]

Mißmutig zogen wir durch den Urwald weiter. Einmal passierten wir eine

Ameisenkarawane, die auf einige hundert Schritt den schmalen Fußpfad

und die Büsche zu beiden Seiten desselben vollständig mit Beschlag

belegte. Ein seltsames Knistern und Zirpen hätte uns aufmerksam machen

sollen, doch achtlos liefen wir weiter, bis ein kräftiges Zwicken im

Gesicht, am Hals und an den Händen mich veranlaßte, gleich meinen

Trägern aus Leibeskräften zu laufen, um den Bissen dieser kleinen

Insekten, die alles Strauchwerk um uns belebten, zu entrinnen. Die

Zangen zum Angriff weit geöffnet, den Schlachtruf in Form eines

eigenartigen Knisterns und Zirpens ausstoßend, waren Legionen dieser

kleinen Soldaten bereit, alles, was in den Bereich ihrer Zangen

geriet, sofort wütend anzufallen. Ihr Biß ist derart kräftig, daß

die Scheren aus der Wunde meist nicht wieder herauszubekommen sind,

sondern auseitern müssen. Eine kurze Rast mitten im Urwalde gab uns

Gelegenheit, uns unserer Kleidung zu entledigen und uns von den kleinen

Peinigern zu befreien. Hierauf setzten wir unseren Marsch durch das

Dickicht, über Morast und kleine Flüsse hinweg, fort.

In die Nähe des dritten Dorfes gelangt, ließ ich haltmachen und sandte

jetzt Mustapha mit dem Führer aus Yakussi voraus. Diesmal verschwanden

nur die Frauen und Kinder und zogen sich nach den entlegeneren Hütten

des Dorfes zurück. Der Häuptling Monganga und die Männer erwarteten

uns. Ein Blick auf sie belehrte mich übrigens sofort, daß ich es hier

mit reinen Urwaldbewohnern zu tun hatte, mit Leuten, die ihren Fuß

sicherlich noch nicht außerhalb der unmittelbaren Nähe des Dorfes

gesetzt und niemals zuvor einen Europäer von Angesicht zu Angesicht

gesehen hatten. Durch die bisherigen Erfahrungen gewitzigt, hatte ich

angeordnet, daß die begleitende Eskorte sowie der größte Teil des

Personals zurückbleiben und erst allmählich Mann für Mann nachkommen

sollte. Ich selbst folgte Mustapha in einiger Entfernung, nur von

einem Gewehrträger begleitet. Bloß diesen Vorsichtsmaßregeln hatte

ich es zu verdanken, daß die Leute nicht auch hier das Weite suchten.

Der Häuptling schlotterte an allen Gliedern, als ich mich ihm näherte

und ihn ansprach. Um ihn nicht unnötig zu erregen, setzte ich mich

sofort in meinen inzwischen angekommenen Streckstuhl und befahl den

herbeikommenden Trägern, sich gleichfalls zu setzen.

Je mehr von meinen Leuten herankamen, um so ängstlicher wurden

die Mienen der Eingeborenen. Ich hatte das Gefühl, daß nur die

Furcht, niedergeschossen zu werden, sie auf dem Platze festhielt.

Meine friedliche Absicht, Tauschhandel zu treiben, durch unseren

Yakussi-Führer in die Sprache der Eingeborenen übersetzt, wurde

beifällig aufgenommen. Die Leute erklärten sich gern bereit, für uns

Kautschuk im Walde zu sammeln.

Bei Abschluß der Verhandlung ergab sich aber eine Schwierigkeit. Keiner

meiner Leute wollte als Capita im Dorfe zurückbleiben. Andererseits

getraute sich auch niemand, vom Dorfe den fertigen Kautschuk per Boot

nach Stanleyville zu bringen. Die Leute trugen so sehr den Stempel

tiefster Verrohung an sich, daß mein mutigster Capita sich weigerte im

Dorf zu bleiben und offen erklärte, er sei überzeugt, daß die Leute ihn

abschlachten würden, noch ehe ich außer Rufweite des Dorfes gelangt

sein würde. Unter diesen Umständen blieb mir nichts übrig, als vorerst

abzuwarten, bis durch wiederholten Besuch des Dorfes meine Capitas

mehr Vertrauen zu den Eingeborenen gefaßt haben würden und diesen

einstweilen ein kleines Quantum Waren anzuvertrauen. Erwiesen die Leute

sich innerhalb eines Monats des Vertrauens würdig, dann konnte ein

Versuch im größeren Stil unternommen werden. Im anderen Falle war damit

nicht viel verloren.

Ich ließ den Häuptling unter den mitgebrachten Waren seine

Auswahl treffen. Dann gab ich ihm als Geschenk eine weiß und rot

gestreifte Decke, ein großes Dolchmesser mit einer Scheide und einen

breitkantigen, schwarzen Hut, der ihm ein behagliches Grinsen abnötigte

und ihn geradezu grotesk kleidete. Dagegen gelobte Monganga, Ende des

nächsten Monats acht Körbe Kautschuk bereitzuhalten, die entweder ich

oder meine Leute vom Dorfe abzuholen hätten.

Nicht besonders erbaut über das Resultat des Tages, kehrte ich bei

einbrechender Nacht nach dem Fischerdorfe zurück und verzehrte in

aller Eile das von meinem Koch inzwischen zubereitete Essen, wobei ein

andächtiger Kreis von Kindern, Frauen und Männern mir zusah. Bildete

doch von der Petroleumlampe angefangen bis zum Salzstreuer jeder

Gegenstand ein bisher nie gesehenes Wunder, von welchem man Wochen lang

noch sprechen würde. Zum Schluß servierte mein Koch eine »=Omelette

soufflée=«, die ich reichlich überzuckerte. Als ich nun noch den

darübergegossenen Rum angezündet hatte, war mein Ruf als Feuerfresser

und großer Medizinmann für alle Zeit gesichert. Die Nacht verbrachte

ich in einer der größeren Negerhütten, nachdem ich sie vorher,

eingedenk früherer Erlebnisse, von meinen Leuten völlig hatte ausräumen

lassen.

Meinem Personal waren vom Häuptling fünf weitere Hütten zur Verfügung

gestellt worden, und ich hatte den Wachen strikten Befehl erteilt,

darauf zu achten, daß keiner der Leute nachts auf Abenteuer ausging.

Die Nacht verlief ruhig. Ich war dank den anstrengenden Märschen des

Tages in tiefen Schlummer gefallen, aus dem weder Ratten, Mäuse noch

sonstiges Ungeziefer mich wecken konnten.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit beiden Kanus ein gutes Stück

stromaufwärts, um die berühmten »Tschoppa-Fälle« auf dem Lindifluß

zu besuchen. Diese gelten weit und breit als die herrlichsten Fälle

der Region und werden mit Vorliebe von Stanleyville aus besucht. Kurz

vor dem eigentlichen Fall verließen wir die Kanus, da die Strömung

zu heftig wurde. Dem Flusse entlang bahnten mir ein paar Arbeiter

mit Haumessern einen Weg durch den Urwald, um zum eigentlichen Fall

zu gelangen. Der Fluß stürzt hier in seiner ganzen Breite aus etwa

20 Meter Höhe in die Tiefe. Die Gewalt der fallenden Wassermassen

übertrifft alles, was ich bisher in dieser Art gesehen habe. Mit

Recht wird der Fall als herrlichstes Naturschauspiel Zentralafrikas

bezeichnet.

Kongoerinnerungen · 第 12 / 16 段