Leben niemals gesehen, die mir jedoch im Verlaufe der Jahre wiederholt
im Traum erschienen waren und die mich jetzt verwundert und entsetzt
betrachteten, um gleich darauf wieder wesenlos zu verschwinden.
Plötzlich kam ich an ein hohes Felsengebirge, das ich im rasenden
Laufe erkletterte. Ein dunkler Abgrund -- unermeßlich tief --, aus
welchem gleich Nebelschwaden Rauch aufstieg, lag zu meinen Füßen. Vor
mir tat sich die Hölle auf, und in sie hinein entschwand meine Seele.
Von Grauen gepackt, wollte ich einhalten im rasenden Lauf. Unmöglich
-- ein unsichtbares Etwas trieb mich unaufhaltsam dem Abgrunde zu. Ich
fühlte, wie ich durch die Luft schwebte und in die Tiefe sauste. Immer
tiefer durch Feuerwolken und giftige Gase, in ein Flammenmeer, das mir
den Atem raubte und mir die Sinne nahm. Dann wieder stand ich inmitten
hellen Sonnenscheins, von allen Seiten eingeschlossen, in einer
Bodensenkung. Oben auf einer Anhöhe standen meine Eltern und winkten
mir, heraufzukommen. Ich hatte sie viele Jahre nicht gesehen und als
tot beweint, und mein Herz sehnte sich danach, sie in die Arme zu
schließen. Im Begriffe, zu ihnen zu eilen, bemerkte ich mit Entsetzen,
daß ich inmitten tausender Schlangen stand, die von allen Seiten aus
Erdlöchern herausschlüpften, um sich zu sonnen. Zu Ringen und Klumpen
geballt, lag das giftige Gewürm über- und aufeinander. Die einen fraßen
die anderen auf. Ich hatte ein Schwert in der Hand und versuchte, von
Grauen gepackt, mich der Schlangen zu erwehren. Ich zerspaltete und
durchschnitt die ekelhafte Brut. Doch es wuchsen den einzelnen Teilen
neue Köpfe, die sich nun mit ihren giftigen Fängen an meinem ganzen
Körper festbissen. Ganz genau empfand ich, wie die Nattern sich trotz
meiner verzweifelten Gegenwehr um Füße, Arme und Beine hinaufringelten
und mir schließlich die Kehle durchbissen. In wahnsinniger Angst eilte
ich mit geflügelten Schritten weiter -- meine Eltern waren meinen
Blicken entschwunden.
Dann wieder sah ich mich inmitten von Totenschädeln als Leiche
aufgebahrt. Ein Kreis der nächsten Verwandten saß fröhlich plaudernd
neben dem Totenlager, während sich meine Mutter, ihr Herz vom wilden
Schmerze zerrissen, über den Toten warf. Ich aber stand daneben, und
das Weinen und Wehklagen der Mutter, die mich, ihren totgeglaubten
Sohn, betrauerte, schnitt mir tief ins Herz hinein. Ich wollte mich
ihr zu Füßen stürzen, ihr zurufen, doch die Glieder und die Stimme
versagten ihren Dienst, und jetzt wurde ich plötzlich mit Erstaunen
gewahr, daß kein Ton, kein Laut eines lebenden Wesens meinem Ohr
vernehmbar war. Grabesstille herrschte in diesem Weltall der Toten, das
doch wieder voll Leben war. Ganz deutlich sah ich mit den Augen die
geschilderten Vorgänge -- das Ohr jedoch vernahm nichts davon.
Dann wieder eilte ich an der Spitze einer Karawane durch dichten Urwald
und weite Grassteppen mit Palmenhainen, aus deren Wedeln große Affen
mit Menschenfratzen höhnisch auf uns herabblickten. Meine Karawane war
kunterbunt aus Negern von der Küste und Traumgestalten von Leuten,
denen ich im Leben einmal begegnet sein mochte, zusammengestellt.
Stunden über Stunden waren wir unter sengender Sonnenhitze über
Steppen und Wiesen dahingeeilt, ohne einen Tropfen Wasser oder etwas
Nahrung zu uns genommen zu haben. Die Zunge klebte am Gaumen, die Füße
versagten ihren Dienst. Da sahen wir plötzlich aus einem Bananenwald
liebliche Hütten auftauchen und einladend winken. Und von allen Hütten
näherten sich uns Negerfrauen und -mädchen, die uns in scheuer Furcht
betrachteten und wieder verschwanden. Wohl fiel mir auf, daß wir nur
weibliche Personen zu Gesicht bekamen, doch der Gedanke, ins Reich der
Amazonen zu kommen, hatte nichts Schreckliches an sich.
Im Dorfe um uns schien sich etwas Geheimnisvolles vorzubereiten. Seit
Menschengedenken war in diese Gegend kein männliches Wesen gekommen,
und uns drohte ein fürchterliches Unheil. Mein Blick, der durch
die Wände der Hütte ins Innere hineinzudringen vermochte, sah alte
Weiber mit zornverzerrten Mienen um die Feuer hocken. Ich sah, wie
sie untereinander tuschelten, die Köpfe zusammensteckten und in den
Mondschein hinausstarrten, als erwarteten sie etwas Furchtbares zu
hören. Ein Orakel hatte den Weibern den Untergang des Dorfes verkündet,
sobald der Fuß eines Mannes das Gebiet betreten würde.
Die Sitte wollte es, daß, sobald eines der jungen Mädchen das
heiratsfähige Alter erreicht hatte, es mit großem Pomp dem Bräutigam,
der Sonne, zugeführt wurde. Die Glut der heißen Strahlen mit der ihnen
innewohnenden Kraft, die stets neues Leben erweckt, befruchtete den
jugendlichen, jungfräulichen Körper, der bis zur Geburt des Kindes
alltäglich ein Gegenstand sorgfältigen Sonnenkultus bildete. Gebar
die junge Frau ein Mädchen, dann wurde dieses Mädchen mit Prunk und
Festlichkeit in die Gemeinde aufgenommen -- kam ein Junge zur Welt, so
wurde er der Sonne geopfert.
Die finstere Nacht nahte heran. In schlauer Zärtlichkeit führten die
schönen, bronzenen jungen Mädchen des Dorfes Freudentänze vor unseren
Augen auf. Sie schmiegten sich völlig unbekleidet an uns und umfingen
uns mit den Armen. In höchstem Wonnegefühl ließ ein dunkles Ahnen mein
Blut in den Adern erstarren, ganz deutlich erkannte ich plötzlich
in den liebevollen Augen meiner Gefährtinnen den giftigen Blick der
Schlangen, die ihr Opfer suchten.
Ich wollte meine Leute warnen, wollte rufen, vermochte aber keinen
Laut hervorzubringen. Ich wollte mich der fürchterlichen Umarmung
erwehren, doch wie eiserne Ketten umschlossen die bloßen Arme und Füße
meinen Körper. Mit Grauen bemerkte ich, wie die Frauen mit wollüstiger
Grausamkeit einem Gefährten nach dem anderen die Kehle durchschnitten
-- das entströmende Blut versetzte sie in einen Freudentaumel. Um mich
her, toll vom Blutrausch, in den Händen die blutigen Messer und Fackeln
schwingend, tanzte im Reigen eine Legion der wilden Amazonen.
Vergeblich versuchte ich, mich der von allen Seiten auf mich
einstürmenden Frauenkörper, ihrem sinnlichen Begehren und der
Glutwelle, die von ihren Leibern ausging, zu erwehren. Von ihnen in die
Mitte des Dorfes vor ihren Götzen geschleppt, wurde ich an Händen und
Füßen gefesselt. Ich hatte das Vorgefühl eines schauerlichen Todes, dem
qualvolle Martern vorhergehen sollten. Eine Horde besessener Teufel mit
herrlichen Frauenleibern umtanzte mich im tollen Bacchanal und weidete
sich an dem Grauen, das sie mir mit ihrer Wollust einflößten. Mit
scharfen Messern bezeichnete eine nach der anderen in blutigen Ringen
auf meiner weißen Haut das Stück, das ihr nach meinem Tode angehören
sollte. Die Vorkehrungen zum Opfer waren beendet. Ich sollte am Spieße
gebraten werden. Ganz deutlich fühlte ich das kalte Eisen, das mich von
unten nach oben durchbohrte, und die ungeheure Hitze der Flammen.
Ein Schmerz durchzuckte meinen Körper. Ich öffnete die Augen und
erkannte in tiefer Erregung den über mich gebeugten Dr. Bellis, mit
der Pravazschen Spritze in der Hand, mittels der er gerade noch
rechtzeitig durch Chinin und Koffein-Einspritzungen unter die Haut die
entfliehenden Lebensgeister gebannt hatte. Dank seiner Hilfe war ich
für diesmal gerettet.
Janssen, durch Eilboten vom Arzt aus Romée zurückberufen, kehrte nach
vier Tagen heim. Acht qualvolle Tage und Nächte fesselte mich der
beständige Kampf mit dem Fieber und der sich immer wieder von neuem
ansammelnden Galle ans Krankenbett. Als einzige Nahrung während der
ganzen Zeit erhielt ich etwas mit Wasser zu gleichen Teilen flüssig
gemachte kondensierte Milch. Kein Wunder, daß ich mich nach neun Tagen
völlig entkräftet, ein schwankendes Rohr, von meinem Lager erhob. Von
Mustapha und meinem Boy unterstützt, ließ ich mich für einige Stunden
im Lehnstuhl hinaus ins Freie tragen, von wo auch ich einen freien
Überblick über den Strom und das Leben um mich genießen konnte. Die
muntere Arbeit und das frohe Leben und Treiben um mich her erweckten
in mir bald die schlummernden Lebenskräfte, und in zwei weiteren Tagen
war ich bereits so weit hergestellt, um die Arbeit wieder aufnehmen zu
können.
Faktoreichef. Reisen ins Innere des Landes.
Eines Tages kam Janongo, der Häuptling eines Dorfes, das bisher die
Hälfte unserer monatlichen Kautschukproduktion lieferte, mit unserem
im Dorfe installierten Capita zurück. Gewöhnlich nehmen Dörfer
die Namen von Häuptlingen an, die sich durch persönlichen Mut und
Unerschrockenheit besonders hervorgetan haben. Der Häuptling war übel
zugerichtet. Das rechte Auge und die Nase waren unförmig angeschwollen
und der übrige Teil des Gesichtes und die Brust mit gestocktem
Blute bis zur Unkenntlichkeit besudelt. Vom Rücken und den Lenden
abwärts zeigte die Haut blutige Striemen und entsetzliche Wunden und
Geschwüre. Der Mann war offenbar mißhandelt worden und hatte dabei
reichlich Blut verloren. Was hatte sich zugetragen?
[Illustration: Ankauf von Kautschuk.]
Die Dörfer Janongos, zum Rayon der Stanleyfälle gehörend, liegen
in unmittelbarer Nähe der Grenze, welche den anschließenden
Aruwimi-Distrikt von der »=Province Orientale=« scheidet.
Zwischen dem ehemaligen Staatsangestellten, der den einige Stunden
stromabwärts gelegenen Staatsposten kommandierte, und unserer Faktorei
bestanden bisher freundschaftlich nachbarliche Beziehungen. Seit
kurzem war der Beamte auf Urlaub nach Europa zurückgekehrt, und sein
Nachfolger P..... hatte Janssen bei seiner letzten Reise ziemlich kühl
aufgenommen, so daß dieser, ganz gegen seine bisherige Gewohnheit,
gar nicht dort übernachtet hatte, sondern nach kurzem Aufenthalt
weitergereist war. P....., von den Eingeborenen »=Malu Malu=«
(»Schnell schnell«) genannt, war nun vor einigen Tagen mit fünfzig
Soldaten im Dorfe erschienen und hatte von Janongo eine monatliche
Steuer von hundert Säcken Kautschuk verlangt. Aus die Erklärung
Janongos, daß sein Dorf seit Jahren Kautschuk an die Stanleyfälle
liefere, und seine Weigerung, dem Befehl nachzukommen, ließ P.....
ihn in Ketten legen und befahl seinen Soldaten, in den Hütten der
Eingeborenen nach Kautschuk zu suchen. Einer der Soldaten schnüffelte
im Hause unseres Capitas den bereits fertiggestellten Kautschuk auf.
Unser Capita, nichts Gutes ahnend, hatte wahrscheinlich Reißaus
genommen, obgleich er natürlich steif und fest behauptete, zur
Zeit nicht im Dorfe gewesen zu sein. P..... ließ nun den gesamten
Kautschukvorrat mit Beschlag belegen und dem Häuptling Janongo, weil
dieser ihn belogen hatte, fünfzig Hiebe mit der Nilpferdpeitsche
geben. Überdies traktierte er den am Boden Liegenden in schamlosester
Weise mit seinen Stiefelabsätzen. Noch in der gleichen Nacht hatten
Janongo und der inzwischen zurückgekehrte Capita das Dorf verlassen, um
Klage bei uns zu führen. Janssen war durch die geschilderten Vorgänge
in eine nicht wiederzugebende Aufregung und Wut versetzt worden.
Abgesehen davon, daß Janongo stets einer der verläßlichsten Häuptlinge
gewesen war und wir durch die Beschlagnahme des bereits bezahlten
Kautschuks einen enormen finanziellen Schaden erlitten hatten,
erregte es ihn besonders, daß unser Prestige bei den Eingeborenen
infolge der Mißhandlungen des Häuptlings durch einen Staatsbeamten
stark erschüttert worden war. Er betraute mich mit der Klage beim
Distrikts-Kommissar, da er fürchtete, nicht Herr seiner Erregung
bleiben zu können. Ich begab mich sofort mit den beiden Zeugen auf
das Kommissariat und ließ den ganzen Sachverhalt zu Protokoll nehmen,
worauf der Distrikts-Kommissar uns volle Entschädigung und Bestrafung
des Schuldigen in Aussicht stellte und sofort einen der hiesigen
Offiziere mit der Untersuchung an Ort und Stelle betraute.
Bei meiner Rückkehr fand ich Janssen mit hochgradigem Fieber infolge
der Aufregung im Bette vor. Gegen Mitternacht ließ er mich zu sich
rufen. Sein Zustand hatte sich bedeutend verschlimmert, es erwies
sich, daß er an Schwarzwasserfieber erkrankt war. Ich gab ihm sofort
heißen Tee und eine reichliche Dosis Antipyrin. Der Harn, welcher
vorher schwarzrot war, bekam daraufhin wieder seine natürliche Farbe.
Da das Fieber während der Nacht absolut nicht weichen wollte, ließ
ich am folgenden Morgen =Dr.= Bellis von der Station kommen.
Merkwürdigerweise ließ das Fieber plötzlich ganz nach, so daß der Arzt
nun nicht recht wußte, was er von der Veränderung halten sollte.
Vorsichtigerweise verordnete er Janssen ein Purgativ, völlige Ruhe und
Diät. Gegen 11 Uhr früh fühlte Janssen sich wieder vollständig wohl und
erhob sich trotz aller Abmahnungen. Die Geschichte mit Janongo wollte
ihm nicht aus dem Kopf.
Meine Abreise in Begleitung des befreundeten Offiziers mit einer
Eskorte von zehn Soldaten war für den nächsten Morgen in Aussicht
genommen, und Janssen gab mir eine Menge Ratschläge, wie ich mich bei
der Sache zu verhalten habe.
Gegen Abend begann das Fieber von neuem, um Mitternacht traten wieder
die einwandfreien Zeichen von Schwarzwasserfieber auf. Ernstlich
beunruhigt, ließ ich diesmal trotz der späten Stunde =Dr.= Bellis
rufen. Dieser kam gegen 1 Uhr und bestätigte unsere Vermutung. Er
ließ sofort einen Einlauf von zwei Liter Seifenwasser machen, gab dem
Patienten ein Gramm Chinin und viel heißen Tee und meinte, daß die
Krankheit bis spätestens am nächsten Tage behoben wäre. Unter diesen
Umständen wollte ich meine Reise nach Janongo unbedingt um einige Tage
verschieben, um Janssen zu pflegen. Doch diesem ging die Angelegenheit
fortwährend derart im Kopfe herum, daß =Dr.= Bellis, um ihn
nicht unnötig noch mehr aufzuregen, mich bat, wegzufahren. Janssens
Abschiedsworte waren: »Tu dein möglichstes, um die Sache glücklich zu
Ende zu führen, dann werde ich sicherlich vor Freude genesen.« Dies
waren die letzten Worte, die er an mich richtete. Das Schicksal hatte
gewollt, daß wir uns nie wiedersähen. Der Tod hatte während meiner
kurzen Abwesenheit Einkehr in unserer kleinen Faktorei gehalten und ein
junges Menschenopfer gefordert.
Auf meiner Reise nach Janongo ließ ich unser Kanu vorsichtshalber noch
in der Mission St. Gabriel anlaufen und Pater Willibrord, der Janssen
persönlich sehr zugetan war, bitten, ihn während meiner Abwesenheit zu
pflegen.
Während der nächsten Tage besuchte ich mit meinem Begleiter die
Dörfer von Janongo und stellte an Ort und Stelle an der Hand von
Zeugenaussagen der Eingeborenen den Tatbestand fest. Meine Capitas
waren auf die Nachricht unserer Ankunft hin wieder zur Stelle. Der
schuldtragende Beamte wurde einige Zeit danach vom Distrikts-Kommissar
abberufen und anderswohin versetzt -- der leidtragende Häuptling
Janongo hingegen für die erlittene Unbill von mir reichlich mit
Geschenken bedacht.
Vier Tage später kehrte ich gegen 10 Uhr nachts ahnungslos von meiner
Reise zurück. Wir waren im Begriffe, die Mission St. Gabriel zu
passieren, als unser Boot von dorther angerufen wurde. Durch den Gesang
der Ruderer war die Annäherung unseres Bootes schon bemerkt worden.
Beim Überqueren des Flußufers erkannte ich mehrere vom Fackelschein
beleuchtete Männer, darunter den Leiter der Mission Pater Vitus und
=Dr.= Bellis, die am Anlegeplatz standen.
»=Vous avez reçu la nouvelle?=« war die erste Frage. Ich ganz
erstaunt: »=Mais quelle nouvelle, mon reverend Père?=«
Ich ließ anhalten und erfuhr nun vom Pater Gabriel, daß mein Chef
Janssen am Morgen gestorben und nachmittags in der Mission begraben
worden war.
Der Schlag traf mich gänzlich unerwartet. Nach den letzten Äußerungen
von =Dr.= Bellis hatte ich an die Krankheit gar nicht mehr
gedacht, sondern geglaubt, daß Janssens gesunde, kräftige Konstitution
diese zweite Attacke ebenso leicht überwinden würde wie die erste.
Den ganzen Nachmittag hatte ich im Hochgefühl einer für uns äußerst
günstigen Abwicklung geschwelgt und mich auf den Moment gefreut, wo
ich Janssen die erfreuliche Nachricht überbringen würde und nun ...
Ein Bote war mir am frühen Morgen nachgesandt worden, der mich aber
verfehlt haben mußte. Infolge meiner Abwesenheit waren an sämtliche
Magazine und Gebäude vom Gerichtsschreiber Siegel angelegt worden. Ein
Justizoffizier und Pater Willibrord waren auf der Faktorei verblieben.
Tief niedergeschlagen traf ich gegen Mitternacht in Stanleyville an,
wo mich de Koning, der vom Distrikts-Kommissar mit der Überwachung der
Faktorei beauftragt war, empfing.
Am folgenden Morgen wurden die Siegel gelöst, und ich machte mich an
die äußerst langwierige Arbeit, ein vollständiges Inventar von dem
gegenwärtigen Stand der Faktorei und allen Janssen gehörenden Effekten
aufzustellen. Mein langersehnter Wunsch, Faktoreichef zu werden, war
erfüllt, allerdings auf eine Art, die mir jede Freude daran benahm. Ich
hatte Janssen eigentlich nie als meinen Chef, sondern vielmehr stets
als guten Kameraden betrachtet, und seine Stütze ging mir in der ersten
Zeit sehr ab.
Die unmittelbare Folge dieses Todesfalles war, daß die Konkurrenz, die
mit wachsendem Mißmut das Anschwellen unserer Kautschukproduktion in
den letzten Monaten -- eine Folge der fortwährenden Bemühungen und
Reisen von Janssen ins Innere des Landes -- beobachtet hatte, sich
sofort ans Werk machte, um die Dörfer, die bisher Kautschuk für uns
anfertigten, uns abspenstig zu machen und zu sich hinüberzuholen.
Laut übereinstimmenden Berichten glaubwürdiger Vertrauensmänner
ergab sich, daß die Chefs der »SAB« und der »Belgika« überall in den
Dörfern die Todesnachricht verbreiteten und unsere Capitas auffordern
ließen, in ihre Dienste überzutreten. Hier galt es rasch handeln,
wollte ich diese Absicht vereiteln und nicht die Früchte monatelanger
Organisationsarbeit verlieren.
Zwei Tage und Nächte arbeitete ich am Inventar und den schriftlichen
Berichten an die Direktion in Brazzaville, die ich gleichzeitig auch um
einen neuen Beamten ersuchte. Am dritten Tag übergab ich die Station
meinem schwarzen Schreiber und brach mit 40 Mann, 20 Gewehren und
einer reichlichen Auswahl an Waren und Geschenken aller Art, die für
die Häuptlinge bestimmt waren, in zwei Kanus auf, um sämtliche Dörfer,
die bisher Kautschuk für uns geliefert hatten, zu besuchen und zur
Weiterarbeit anzufeuern. Gleichzeitig wollte ich noch versuchen, einige
weitere Dörfer zur Kautschukproduktion heranzuziehen.
Trotz wenig günstiger Witterung fuhren wir gegen 9 Uhr früh ab. Meine
Leute, froh, die eintönige Faktoreiarbeit für wenigstens eine Woche
zu verlassen, stimmten jubelnd ein melodisches Ruderlied in ihrer
Yambingasprache an, und von kräftigen Ruderschlägen getrieben, schoß
das Boot wie ein Pfeil mit der Strömung dahin. Gegen Mittag begann es
zu regnen. Mein Kanu besaß ein kleines Dach, gerade groß genug, um mich
und meine Effekten zu decken, während die Waren in dem zweiten Kanu
dem Regen preisgegeben waren. Einer meiner Leute entdeckte auf der
Fahrt ein Fischerkanu, das mit Schilfdächern beladen war. Ich forderte
die Fischer auf, mir zwei davon zu verkaufen. In unbegreiflicher
Verstocktheit wollten die Leute von ihrem Vorrat nichts abgeben, so
daß ich gezwungen war, das Gewünschte einfach »requirieren« zu lassen,
worauf die Leute dann gerne die Bezahlung annahmen. Da der Regen an
Heftigkeit zunahm, beschloß ich, über Mittag in der Mission St. Gabriel
zu bleiben.
Nirgends in der Welt herrscht größere Gastfreundschaft als in den
spärlich besiedelten Teilen Zentralafrikas, wo der Gast zu jeder
Tageszeit willkommen ist. Ist er doch gewöhnlich Träger interessanter
Neuigkeiten aus der Außenwelt, von der man vollständig abgeschlossen
ist, und bringt ein neues Element der Fröhlichkeit und des belebenden
Gedankenaustausches mit sich. In vielen Stationen würde es dem Europäer
geradezu verübelt werden, wollte er auf der Durchreise sich nicht
aufhalten.
Gegen Nachmittag ließ der Regen nach, und ich fuhr weiter stromabwärts
nach dem Dorfe Kilomani. Hier war Janssen eine Woche vor seinem Ableben
von den Eingeborenen mit Speeren und Pfeilen empfangen worden. Ein
Korporal mit zehn Soldaten hatte nachts Streit mit den Eingeborenen
angefangen, und im Verlaufe desselben waren mehrere Leute verwundet
worden. Seither fürchteten sie eine Strafexpedition und flohen, sobald
sie eines Europäers ansichtig wurden. Auch mir erging es nicht besser.
Das ganze Dorf war bei Ankunft meiner bewaffneten Macht auf einen
hochtönenden, trillernden Schrei hin verschwunden. Ringsum war keine
Menschenseele zu erblicken. Vor den Hütten brodelten in Töpfen über dem
Feuer alle möglichen Nahrungsmittel, und ich hatte Mühe, meine Leute
vom Plündern abzuhalten. Zwischen den Hütten krähte ein naseweiser
Hahn, eine Henne lief gackernd mit den Jungen davon, um sich vor der
Gefahr in Sicherheit zu bringen.
Eine unheimliche Stille lastete bei unserer Ankunft über dem
verlassenen Dorf, in den niedrigen Plantagen und dem undurchdringlichen
Blätterdach des Urwaldes. Wir hatten das Gefühl, daß jeder Baum und
jeder Strauch einen unsichtbaren Feind verbarg und daß hunderte
Augenpaare jede unserer Bewegungen scharf beobachtete, um im geeigneten
Moment auf ein gegebenes Zeichen uns mit einem Hagel von Pfeilen und
Speeren zu überschütten. Es ist für den Neuling ein ganz eigenartiges
Gefühl, so inmitten eines verlassenen afrikanischen Dorfes, das
allenthalben deutliche Spuren der anwesenden Einwohnerschaft zeigt, zu
stehen und dabei im unklaren zu sein, ob nicht in der nächsten Minute
ein gefiederter Schaft mit fünf Zentimeter langer Eisenspitze einem
durch die Rippen fährt.
Am Hauptplatz, vor der Hütte des Häuptlings machten wir halt.
Gewöhnlich unterscheidet sich diese von den niedrigen aus
Palmenblättern bestehenden Hütten der übrigen Eingeborenen durch ihre
massive, geräumige Struktur. Sie ist meistens doppelt so groß wie die
anderen und manchmal von einer Palisadenwand umgeben. Vor der Hütte
befindet sich stets ein großer freier Platz, der Versammlungsplatz des
Dorfes, und rings herum im Kreise, je nach dessen Größe, ein zwei- bis
dreifacher Kranz von Hütten. Unmittelbar vor der Hütte des Häuptlings
steht der »Medizinbaum«, ein kahler Strauch, auf dessen Zweige kleine
Götzen und Fetische, kleine Beutel aus Antilopenfell, worin sich eine
Medizin befindet, die Schädel von Affen und allen möglichen kleinen
Tieren, aber auch von Leoparden, Büffeln usw. befestigt sind. Daneben
steht, gegen Regen durch ein Dach geschützt, der große Gong des Dorfes,
welcher gleich unseren Telegraphen den benachbarten Dörfern Kunde von
allen Vorfällen und Beschlüssen des Häuptlings geben soll. Mittels
desselben ließ ich durch einen meiner der »Gong-Sprache« kundigen Leute
den Eingeborenen mitteilen, daß ich in friedlicher Absicht zu ihnen
käme, um Tauschhandel mit ihnen zu treiben und daß ich mit dem Streit,
den sie mit den Soldaten hatten, nichts zu tun hätte.
Einige Minuten herrschte tiefes Stillschweigen, dann erscholl aus der
Tiefe des Waldes eine Stimme, die den Eingeborenen befahl, auf den
weißen Mann nicht zu schießen. Hierauf kamen zögernd hinter Büschen
und Sträuchern einige unbewaffnete Männer hervor. Die Kameraden, noch
immer mißtrauisch, beobachteten von ihren Verstecken aus, was weiter
geschah. Um die Leute zu beruhigen, hatte ich meinerseits Anweisung
gegeben, die Gewehre zu Pyramiden zusammenzustellen. Endlich, nach
wiederholter Aufforderung kam auch der Häuptling Monkwojama und mit ihm
ein Teil der Dorfjugend hervor, und nunmehr konnten wir mit den äußerst
mißtrauischen Eingeborenen in Verhandlung treten.
Gegen 20 »=dottis=« (etwa 70 Meter verschieden gefärbter
Baumwollstoffe), einen langen Gehrock samt grauem, breitrandigem
Touristenhut für den Häuptling sowie einem entsprechenden Geschenk an
Spiegeln, Perlen, Zündhölzern, hohlen Arm- und Beinringen aus Messing,
kleinen Schellen und Glöckchen, Löffeln und Messern, alles blinkende
Herrlichkeiten für die entzückten Dorfschönen, wurden wir schließlich
handelseinig, und das Dorf versprach, das von mir angesetzte Quantum
Kautschuk anzufertigen.