Nirgends in der Welt werden an die Schaffenskraft und Intelligenz

des einzelnen solche Anforderungen gestellt wie zwischen völlig

unzivilisierten Negerstämmen Innerafrikas. Alles, vom einfachsten

Haushaltungsgerät bis zum vollständigen Wohnhause -- Dinge, die in

Europa einen Stab verschiedener Arbeiter voraussetzen -- muß hier vom

einzelnen durchdacht und vollbracht werden. Bald Baumeister, bald

Maurer, bald Tischler, bald Schmied, bald Arzt, bald Schiedsrichter,

muß er die nötige Initiative und den Mut besitzen, an jede Aufgabe

ohne Zaudern heranzugehen. Ich bin einer der Glücklichen dieser

Erde, die sich mit jeder Situation abzufinden wissen. Ich hatte

einen Chef, mit dem ich mich ausgezeichnet vertrug, der mir über

die Anfangsschwierigkeiten hinweghalf -- und den ich gewissermaßen

ergänzte. Janssen hatte eine Vorliebe für Reisen und das Leben im

Busch. Er war meistens unterwegs und ließ mich den Bau der Faktorei

und die schriftlichen Arbeiten besorgen. Wenig der französischen und

englischen Sprache mächtig, legte er die Vertretung nach außen und

den Verkehr mit dem Staat fast ausschließlich in meine Hände. So kam

es, daß ich besonders in der ersten Zeit, bis ich die Suaheli-Sprache

erlernt hatte, mit Mustapha viel auf der Faktorei verblieb. Später

unternahm ich dann auch selbständige Reisen ins Innere und fand an der

damit verbundenen Abwechslung großen Gefallen. Erst viele Jahre später

lernte ich erkennen, wie gut es mir in Stanleyville ergangen war, denn

nur wenigen Auserwählten ist das Glück beschieden, Verhältnisse wie die

geschilderten zu Beginn ihrer kolonialen Laufbahn anzutreffen.

Man machte damals mit jungen Leuten nicht viel Umstände. Nach kurzer,

vierwöchiger Vorbereitung in der Faktorei, der er zugeteilt war,

sandte man den Neuling nach irgendeinem verlorenen, oft vier bis

fünf Tagereisen vom Hauptposten entfernten Negerdorfe inmitten der

ungeheuren Wildnis und überließ es einfach seiner Initiative, sich dort

eine menschenwürdige Behausung zu schaffen oder aber in irgendeiner

Negerhütte zu wohnen. War der Hauptposten mit Geräten aller Art gut

versehen -- ein Fall, der höchst selten zutraf -- und hatte der Neuling

es verstanden, sich das Wohlwollen seines Chefs zu erwerben, so bekam

er wohl außer einem Feldbett auch Säge, Hammer, Zange, Hacke und ein

paar Nägel mit auf den Weg, womit er wenigstens seine Kisten und Ballen

selbst öffnen konnte. Traf dieser äußerst seltene Fall nicht zu, dann

mußte er sich eben ohne diese Geräte behelfen. War er so vorsichtig,

vor seiner Abreise von Europa sich bei der Generaldirektion nach einem

Zelt, tragbarem Feldbett, Klapptisch und -stuhl -- alles Dinge, die auf

beständigen Reisen wenn nicht unentbehrlich, so doch von großem Nutzen

sind -- zu erkundigen, so gab man ihm mit schmunzelndem Lächeln zur

Antwort, daß alle diese Dinge drüben auf den Faktoreien in genügender

Menge vorhanden seien. Dafür händigte man ihm als persönliches Eigentum

eine Kantine (tragbare Feldküche), enthaltend Kochtopf, Bratpfanne,

Teller, Besteck, kurzum, das Allernotwendigste zur Herstellung einer

Speise -- sowie einen kleinen tragbaren Arzneikasten ein, der mit

seinem reichlichen Inhalt an Flaschen, allen möglichen Mixturen und

Pillen, die er nie vorher im Leben gesehen, das Entzücken jedes

Neulings bildet. Kaum kann er den Moment erwarten, um den Inhalt an

sich selbst zu erproben. An die fürchterlichen Krankheiten in den

Tropen denkt dabei meist keiner. Ich habe öfters Neulinge gesehen, die

nach der ersten Seekrankheit die Hälfte ihres Arzneikastens zu sich

genommen hatten, merkwürdigerweise übrigens ohne beträchtlichen Schaden

zu nehmen.

Während der ersten Nacht, die er auf einer von Rauch und den

Negerleibern infolge des langen Gebrauches schwarz gewordenen

Pritsche inmitten einer von Ratten und Mäusen und anderem Ungeziefer

heimgesuchten Negerhütte zubringen muß, hat der unerfahrene Angestellte

dann reichlich Zeit, über das Lächeln des Direktors, dessen

Verschlagenheit er erst jetzt ganz versteht, nachzudenken. Hat er dann,

von der Sonnenglut und den Strapazen der Reise völlig erschöpft, das

Ziel seiner Reise erreicht und seine Wut über die leere Kiste, die den

Stuhl ersetzen muß, und das harte Nachtlager ausgetobt, dann steigt

er wohl von seiner Höhe herunter und arbeitet, um das Fehlende zu

ersetzen. Nach kurzer Zeit macht er eine ganz sonderbare Wahrnehmung.

Etwas ihm bisher völlig Fremdes, ein anderes kraftvolles und mächtiges

Wesen, der Wille den Kampf mit dem Dasein aufzunehmen, quillt aus

seinem Innersten hervor und durchbricht kraftvoll alle Schranken, die

Trägheit und Gewohnheit ihr in den Weg legen. Von diesem Augenblick

an tritt er in die Reihe jener Pioniere, die im Laufe der Jahre im

Schweiße ihres Angesichts aus den kahlen Grassteppen und den Urwäldern

Afrikas blühende Posten -- Stätten der Zivilisation -- und herrliche

Plantagen hervorgezaubert haben, während jene, die in dieser schweren

Schicksalsstunde verzagend den Kopf hängen lassen, körperlich und

geistig zugrunde gehen. Das Kräftige und Starke im Menschen behält auch

hier die Oberhand, das Schwache geht unter.

Seit einiger Zeit machte sich ein regelmäßiger Abgang von Hühnern

fühlbar, dessen Ursache wir uns lange nicht zu erklären vermochten.

Eines Morgens bemerkte ich endlich den vermeintlichen Hühnerdieb in

der Gestalt eines Leguans von der Größe eines kleinen Krokodils, der

auf einem Baumriesen von etwa 40 Meter Höhe neben dem Hühnerhof,

unmittelbar unter einem Loch saß. Da Janssen sich mein Schrotgewehr

für die Reise ausgeliehen hatte, holte ich meinen Kugelstutzen und

verwundete das Tier durch einen wohlgezielten Schuß derart, daß es nur

mit Mühe zu seinem Unterschlupfloch gelangen konnte. Hier verschwand

es, und da ich befürchtete, daß das Tier dort verenden könnte, ließ ich

in einer kleinen tiefer liegenden Öffnung einige Späne anzünden, um

es durch die Rauchentwicklung herauszutreiben. Keiner von uns ahnte,

daß das Innere des Stammes wie ein Kamin vollständig hohl war und die

Krone sich einzig und allein durch eine starke Liane, die sich um den

Baum in die Höhe schlängelte, erhielt. Ein Knistern und Knattern, wie

das Abbrennen eines Feuerwerks, eine kräftige Flamme schlug durch

das Innere des trockenen Stammes empor, und noch ehe wir uns von dem

ersten Schrecken erholt hatten, brannte der ganze Baum lichterloh.

Gleichzeitig schossen zwei Tiere in der Größe von Affen wie der Blitz

aus einem der vielen Löcher heraus, erkletterten das schützende

Laubdach und flogen von dort zu unserem Erstaunen von Baum zu Baum. Es

gelang, eines der Tiere zu erlegen, und es stellte sich später heraus,

daß ich damit einen äußerst seltenen Fang getan hatte. Es war ein

fliegender Hund, ein Mittelding zwischen einem Affen, einem Nagetier

und einer großen Fledermaus.

Ein Blick auf den brennenden Baumriesen ließ mich erkennen, daß

Löscharbeit vollständig nutzlos war, und man mußte damit rechnen,

daß er in kurzer Zeit zusammenbrechen würde. Auf der einen Seite in

unmittelbarer Nähe lag das vor kurzem vollendete Warenmagazin, auf

der anderen die Wohnungen der Arbeiter. Ein unglücklicher Zufall, und

das Magazin mit dem Werte von vielen Tausenden, die Frucht mühseliger

Arbeit, drohte vernichtet zu werden. Damit -- dies fühlte ich ganz

genau -- war auch meine afrikanische Laufbahn besiegelt, da ich nicht

die Mittel besaß, den Schaden wieder gutzumachen. Bitter mußte ich

meine jugendliche Unvorsichtigkeit [Illustration: Wohnhaus im Urwalde.]

büßen. Wie ein Wahnsinniger lief ich völlig ratlos umher, um an dem

Überneigen der Baumkrone nach der einen oder der anderen Seite hin die

vermutliche Fallrichtung festzustellen. Doch das Geäst war ziemlich

gleichmäßig verteilt, und der Sturz hing daher völlig von irgendeinem

Zufall ab. Ein Fällen des Baumes von irgendeiner Seite war wegen der

Glutwelle, die von ihm ausging, ganz ausgeschlossen. Zudem hätte es

wochenlanger Arbeit bedurft, um das eisenharte Holz an der Basis zu

durchschlagen. Stunde auf Stunde verging unter Hangen und Bangen; das

Magazin und die Arbeiterhütten waren vollständig ausgeräumt worden.

Brennende Äste waren zu wiederholten Malen gestürzt; da plötzlich,

gegen Sonnenuntergang, drang aus dem Baume ein Ächzen und Stöhnen,

der Riese bäumte sich in einer letzten Anstrengung gegen die alles

verheerende Macht des Feuers auf -- dann schwebte die ausgebreitete

Krone in der Luft und fiel in gerader Richtung auf das Magazin zu.

Schon glaubte ich alles verloren, als die starke Liane, die anscheinend

nicht durchgebrannt war, die fallende Krone im letzten Augenblick

etwas zur Seite lenkte, so daß der Koloß hart neben der Faktorei mit

explosionsartigem, dumpfem Knall, der den Erdboden erschütterte,

gerade mitten zwischen den Hütten und dem Magazin niederstürzte. Hier

lag nun der mächtige Stamm in der Kaffeeplantage -- eine Zentnerlast

war mir vom Herzen gefallen.

Mit Ausnahme einer leichten Beschädigung einer Negerhütte, die

innerhalb einer Woche wiederhergestellt werden konnte, und der

Zerstörung einiger Kaffeebäume war nichts geschehen. Wie durch ein

Wunder war ich einer großen Gefahr entgangen, und die Leute meinten,

daß ein mächtiger »Fetisch« Magazin und ihre Hütten vor sicherer

Zerstörung bewahrt hätte.

Der Knall und der aufsteigende Rauch beim Fall des Riesen war derartig

stark, daß Stanleyville -- eine Pulverexplosion vermutend -- uns

sofort ein Boot mit =Dr.= Bellis zur Hilfeleistung über den Strom

sandte. Von dem Leguan war keine Spur mehr aufzufinden, er war offenbar

vollständig zu Asche verbrannt worden.

Eine Fahrt zum ersten Stanleyfall. Fieberkrank.

Der Bau der Faktorei hatte bereits große Fortschritte gemacht, die

Gerüste zweier weiterer Magazine, eins zum Trocknen für Kautschuk und

eins für Elfenbein und Kautschuk, waren fertiggestellt und harrten

nur noch der Vollendung des Dachstuhles, damit die Mauern, vor Regen

geschützt, aufgeführt werden konnten.

Da die Suaheli aus den Dörfern oberhalb der Stanleyfälle, die das

Bedeckungsmaterial aus Palmblättern anfertigen, in den letzten Wochen

ausgeblieben waren, beschloß ich, ein großes Boot über den Fall

hinaufzubringen und von meinen eigenen Arbeitern das Material schneiden

zu lassen. Dadurch ersparte ich die hohen Anschaffungskosten und wurde

auch von der Trägheit der Suaheli unabhängig.

Unser letzter Dampfer »Henriette« hatte gegen zwanzig Yambinga-Arbeiter

aus Upoto-Irengi heraufgebracht, und mit diesen machte ich mich eines

Nachmittags auf den Weg. An Stromschnellen und Wirbeln vorbei, über

Hindernisse aller Art ging die an Aufregungen reiche Fahrt. Mit Hilfe

langer Stangen und Bootshaken halfen wir an besonders reißenden und

gefährlichen Stellen nach, wo die Ruderer versagten, bis wir nach

einstündiger, harter Arbeit in die unmittelbare Nähe des Falles, dessen

Lärm und Getöse bei einbrechender Nacht in Stanleyville jedes andere

Geräusch übertönt, gelangten.

[Illustration: Fischereianlagen im Kongo.]

Hatte unser Boot bis dahin brav standgehalten, obwohl es mehrmals von

der Wucht der Strömung gegen die Felsmassen geschleudert worden war

und dabei viel Wasser bekommen hatte, so entschloß ich mich jetzt,

das Vergebliche und Gefahrvolle weiterer Versuche einsehend, hier am

Fall mit der Mehrzahl meiner Leute zu Lande weiter vorzudringen. Nur

zwei Mann, einer vorne am Bug und ein zweiter am Hinterteil, beide

vollständig nackt, verblieben, um das Boot mit Stangen und Bootshaken

durch die unzähligen Felsblöcke hindurchzusteuern, während der Rest der

Leute unter meiner Führung, von Fels zu Fels springend, das Kanu an

einem langen Tau stromaufwärts zogen.

Dicht vor dem Fall, auf der linken Seite des Flusses, liegt eine

kleine Insel, die die Aussicht versperrt. Hier begann, am Flußufer

entlang, eine äußerst gefährliche Kletterei, eine halsbrecherische

Tour über aufeinander getürmte Granitblöcke, die der Strom hier im

Laufe von Jahrtausenden gleich einer Lawine angeschwemmt hat. Diese

Granitblöcke haben oftmals einen Durchmesser von fünf bis sechs Meter.

Sie sind glatt und durch das Wasser abgerundet und bilden große Lücken

und Spalten, zwischen denen ein kleiner Seitenarm des Stromes in der

Tiefe durchschießt. Wehe demjenigen, der von der Höhe eines solchen

Granitblocks beim Klettern abstürzt und in die Lücke gleitet. Von

den tosenden Wassermassen würde er sofort in die Tiefe gezogen und

vernichtet werden. Bei Hochwasser ist diese ganze Region in wilder

Bewegung und bildet ein Chaos von Gischt, Schaum und Wirbeln.

Auf einer Anhöhe liegt das Hauptdorf der Bakenien, Peneka Tango,

dessen Einwohner fast ausschließlich vom Fischfang leben. Das äußerst

zahlreiche junge Volk spielte am Wasser und eilte, sowie es unser

ansichtig wurde, ganz ohne Scheu herbei, ein Zeichen, daß Europäer

hier beständig durchkommen und die Eingeborenen die ihnen sonst

eigentümliche Angst vollständig überwunden hatten.

Wir passierten die Stellen, an denen bei Hochwasser gefischt wird,

und die nun verlassen waren. Zwischen einem Gewirr von kolossalen

Baumstämmen, die in Löchern zwischen den Granitblöcken geschickt

versenkt und an der Spitze mit Querbalken versehen sind, auf denen die

Fischer zu ihren Reusen gelangen, bahnte ich mir einen Weg, wobei zwei

meiner Leute mir beim Sprung über Wassergerinnsel als Stütze dienten.

Auf den Felsen im Umkreis lagen Fischkörbe und Reusen in den

verschiedensten Ausmaßen. Die größten hatten an der Mündung zwei bis

drei Meter im Durchmesser und eine Länge bis zu fünf Meter. Diese

Reusen sind aus starken Lianen wie Korbwerk geflochten und werden

von den Balken aus, an denen sie mittels Lianen befestigt sind, in

den Strudel versenkt. Sind diese Körbe auch nicht so solide wie die

eisernen Reusen, die bei der Flußfischerei in Europa, z. B. bei

Lauffenberg am Rhein beim Lachsfang, zur Verwendung gelangen, so

übertreffen sie diese an Umfang und leisten sicherlich die gleichen

Dienste, da in ihnen Fische bis zu sechzig Kilogramm Gewicht gefangen

werden.

Über die ganze Breite des Stromes, die hier gegen 1300 Meter

betragen dürfte, haben die Bakeniens unmittelbar vor dem Absturz der

Wassermassen große Balken und Bäume auf fast unerklärliche Weise in

den Strom versenkt und untereinander durch ein Gerüst von Querbalken

verbunden. Von weitem gleicht die Anlage einer Palisadenwand. Nun wurde

mir auch klar, warum in letzter Zeit verschiedene umgeschlagene Kanus

mit Frauen und Männern an unserer Faktorei vorbeistrichen. Alle paar

Tage mußte ich durch meine Arbeiter solche Leute auffischen lassen.

Der Strom stürzt hier in seiner ganzen Breite über Felsen hinweg auf

etwa drei Meter in die Tiefe. Über einzelne tiefere Stellen, an denen

das Wasser das Bett etwas mehr ausgehöhlt hat, gehen die verwegenen

Kerle mit ihren Kanus durch den Katarakt: ein unglücklicher Zufall,

eine ungeschickte Bewegung, und das Kanu zerschellt an den Felsen. Die

Insassen, zumeist gute Schwimmer, werden von der Strömung fortgerissen;

keiner ihrer Konkurrenten denkt daran, ihnen nachzueilen.

Bei unserer Ankunft war gerade eine Anzahl Eingeborener damit

beschäftigt, die Reusen und Körbe im Strudel zu heben. Der Mut und

die Gewandtheit dieser Leute sind geradezu verblüffend. Wie Affen

springen und klettern sie an dem infolge des Anpralls der Strömung

stets schwankenden Gerüst ganz weit in den Strom hinaus, um unmittelbar

oberhalb der sich überströmenden Wassermassen ihre halsbrecherische

Arbeit zu versehen. Nach dem, was ich hier gesehen, würde es mich nicht

wundern, Neger zu sehen, die imstande wären, Affen auf den Bäumen

nachzueilen und sie zu fangen.

Während ich nun so in Betrachtungen der kochenden, stürzenden

Wassermassen dasaß, kamen von oberhalb des Falles zwei gut bemannte

Kanus direkt auf den Fall zugerudert. Ich traute kaum meinen Augen, als

etwa fünf bis zehn Meter oberhalb des Falles die Hälfte der Mannschaft

in den Strom sprang und mit Leibeskräften auf die Balken im Falle

selbst zuschwamm. Die übrige Besatzung hatte mit ein paar Ruderschlägen

das Boot nun derart gedreht, daß es mit der Breitseite gegen die Balken

antrieb, wo es, von der inzwischen dort postierten Gruppe, unterstützt

von den Leuten im Kanu, die sich mit aller Gewalt mit langen Stöcken

gegen die Felsen anstemmten, in Empfang genommen wurde. Die Wucht des

Anpralls wurde durch die vereinten Kräfte vollständig gebrochen. Hier

lag nun das Boot infolge der starken Strömung wie festgenagelt an den

Balken, während die Insassen an den Bäumen emporkletterten und auf

diesem halsbrecherischen Gerüst herumsprangen und -kletterten, als ob

sie auf allen Vieren geboren wären. Um die in die Tiefe stürzenden

Wassermassen, die jeden Herabfallenden zermalmen und zerschmettern

würden, kümmerten sie sich nur soweit, als es ihre Fischapparate

anging. Ebenso wie sie gekommen, gelang es beiden Kanus auch wieder,

mit Hilfe der langen Stangen aus dem Bereich des Falles stromaufwärts

zu entkommen.

Nach den Quantitäten an Fischen zu urteilen, die das Dorf

allwöchentlich an die Station Stanleyville für die Tafel der

Staatsangestellten und zur Ernährung der schwarzen Arbeiter abzuliefern

hatte, mußte die Ausbeute eine ganz gewaltige sein. Es kommen

verschiedene große Arten von Wels vor, die oft ein Gewicht von 60 und

80 Kilogramm erreichen und auch Leichen anfressen sollen. Außer diesen

finden sich unzählige Arten, vom Catfisch angefangen, bis zum Kongosalm

-- Rüsselfische, Hundefische (nach ihrem scharfen Gebiß so benannt),

Fische in der Art unserer Barben, Karpfen, Schleie, Barsche usw.

Unser eigenes Kanu hatten wir inzwischen, es immer dicht am Ufer

entlang ziehend, mit Hilfe von ein paar Bakeniens, die für Geld

und gute Worte herbeigeeilt waren, über die Felsen emporgezogen

und oberhalb des Falls verankert. Nachdem ich mich bis gegen

Sonnenuntergang an dem gewaltigen Naturschauspiel, das der Fall uns

bot, geweidet hatte, sandte ich das schwarze Personal zu Fuß nach der

Faktorei zurück, während ich mich mit Mustapha oberhalb des Falles auf

das rechte Ufer übersetzen ließ, von wo aus ein bequemer Promenadenweg

durch die Araberniederlassungen nach Stanleyville führt. Auf unserem

Weg wurden wir wiederholt von Händlern angehalten, die uns Sklaven und

Sklavinnen zum Kaufe oder besser gesagt zum Freikaufe -- wie der Staat

dies diplomatisch ausdrückt -- anboten.

Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch machte ich mich, von zwölf

Arbeitern begleitet, auf den Weg nach Peneka Tango und schiffte mich

auf unserem Kanu ein. Wir fuhren eine kleine Strecke stromaufwärts,

um bei Überquerung des Flusses nicht in die Fälle hineingetrieben zu

werden und gingen dann auf die andere Seite über, wo wir in einen

Seitenarm des Kongos einbogen. Zur Rechten dichtbelaubte Inseln,

zur Linken das nach der Tiefe zu sich abstufende Laub des Urwaldes,

über uns die Sonne eines herrlichen Frühlingsmorgens, auf Blättern

und Blüten gleich Myriaden Diamanten große, in den Sonnenstrahlen

funkelnde Tautropfen: wie in einem Märchenlande glitt unser Boot über

die spiegelglatte Wasserfläche dahin. Tiefer, weihevoller Frieden lag

auf der Wasserfläche. Das Leben und Treiben von Stanleyville drang

nicht bis hierher, selbst das dumpfe Brausen des unweit hinter Inseln

und Bäumen befindlichen Falles ertönte wie aus weiter Ferne. Nur das

Trillern, Gezwitscher und Lockrufen der Vögel, die den herrlichen

Morgen mit ihrem Jubellied feierten, war hörbar und stimmte das Herz

unsagbar glücklich.

[Illustration: Häuptling mit Gefolge.]

Nach dreistündiger, genußreicher Wasserfahrt gelangten wir an

unser Reiseziel. Ich ging mit den Leuten durch den Urwald bis an

Sumpfniederungen, wo Riesenpalmblätter und Bambus in Unmengen

wucherten. Das Terrain war zum Teil stark versumpft, und meine Leute

arbeiteten bis zu den Knien im Morast, um das zum Dachdecken nötige

Material zu gewinnen. Während dieser Zeit machte ich einen kleinen

Streifzug in die nächste Umgebung und hatte Gelegenheit, einen

»=Bulikoko=« (blauer Fasan) und zwei Affen zur Strecke zu bringen.

Dieser Ausflug in das Morastgebiet sollte mir teuer zu stehen kommen

und hatte für mich böse Folgen. Als ich am folgenden Morgen erwachte,

fühlte ich eine unbegreifliche Schwäche in mir. Abgespannt und müde

erhob ich mich vom Lager, entschlossen, dem unsichtbaren Feind,

dem Fieber, welches mich unvermutet in der Nacht überfallen hatte,

zu trotzen und es durch Arbeit niederzukämpfen. Da Janssen verreist

war, hatte ich alle Hände voll zu tun und ging wie gewöhnlich meiner

Beschäftigung nach. Gegen 9 Uhr wurde ich plötzlich von heftigem

Schüttelfrost befallen. Ich ließ mir eine Tasse heißen Tee machen und

nahm gleichzeitig ein halbes Gramm Antipyrin. Auch jetzt noch war ich

fest entschlossen, der wachsenden Schwäche und inneren Erregung zu

widerstehen. Ich hatte jedoch kaum die ersten paar Schlucke heißen Tees

im Magen, als sich die Reaktion mit elementarer Gewalt einstellte.

Unter Erbrechen von großen Brocken Galle brach ich zusammen. Ein

Schüttelfrost überfiel mich mit solcher Heftigkeit, daß ich vor dem

Klappern der Zähne kaum imstande war, mich mit meinem Boy und dem

schnell herbeigeeilten Mustapha verständlich zu machen. Sie brachten

mich zu Bett, und als alle im Hause verfügbaren Decken nicht genügten,

bei mir ein Wärmegefühl aufkommen zu lassen, eilte Mustapha ins Magazin

und ließ auch von unserem dortigen Vorrat noch weitere dazu holen.

Immer und immer wieder versuchte ich, heißen Tee, als einziges und

bestes Mittel, den kalten Todesschauer loszuwerden, zu mir zu nehmen,

doch jeder Versuch verursachte erneutes Erbrechen von Galle. Es ist

geradezu ungeheuerlich, welche Quantitäten davon der menschliche Körper

bei Gallfieber von sich gibt.

Hatte ich bisher tapfer standgehalten, so brach ich nun völlig nieder,

jede Energie und Widerstandskraft war dahin. Eine dumpfe Resignation

bemächtigte sich meiner. Nach dem Schüttelfrost kam plötzlich ein

heißer Schauer über mich. Ich hatte das Gefühl, als ob eine Blutwelle

durch den ganzen Körper dem Kopfe zujagte und auf ihrem Weg dahin

alle Adern zum Bersten bringen müßte. Kopf und Stirne waren glühend

heiß; das Thermometer stieg von 38,7 auf 39,5, 40,2, um schließlich

bei 41 Grad haltzumachen. Das Hirn arbeitete ruhelos, die Pulse flogen

und trommelten im Schnelltempo. Ich fühlte, wie mir das Bewußtsein

entschwand, und hatte das Empfinden, als ob ich durch das Bett immer

tiefer und tiefer in die Erde, in mein Grab sänke. Das Bett und meine

Umgebung wankte und schaukelte wie auf hoher See. Gleichzeitig fühlte

ich im Kopfe ein Sausen und Brausen wie die Brandung des Meeres. Das

Chinin tat offenbar bereits seine Wirkung.

Das Nächste, woran ich mich zurückerinnern kann, war, daß mich

plötzlich ein wohliges, warmes Gefühl überkam. Irgend etwas in meinem

Hirn schien gerissen zu sein. Ich hatte keinen eigenen Willen mehr,

sondern befand mich in einer Art hochgradigen Fiebertraumes, der

fremdartige Phantasiegebilde, in denen ich den Mittelpunkt bildete,

gleich den Bildern eines Kaleidoskops in wilder Jagd an meinem

geistigen Auge vorüberziehen ließ. Von unsichtbarer Gewalt getrieben,

eilte ich in wilder Hast über seltsame Landschaften mit Palmenhainen

und mit Blumen übersäten Wiesen, die von der aufgehenden Sonne

hell beleuchtet waren, meiner entflohenen Seele nach, die wie ein

Schatten vor mir herschwebte und die ich unter Aufbietung aller Kräfte

wiederzuerlangen suchte.

Kongoerinnerungen · 第 10 / 16 段