dreißig Mann gebracht worden, die in Reih und Glied Aufstellung
genommen hatten. Die Arbeiter wurden nunmehr in verschiedene Gruppen
eingeteilt, deren jede eine andere Arbeit zu leisten hatte. Während z.
B. eine Gruppe mit Haumessern in den nahen Urwald ging, um Träger für
ein neues Gebäude zu holen, machte sich eine andere auf, um Bambus für
den Dachstuhl zu schneiden. Eine dritte Abteilung mußte in dem bereits
fertiggestellten Magazin Tag und Nacht große Feuer zum Austrocknen der
Mauern unterhalten. Wieder ein anderer Trupp ging auf die Suche nach
»=koddi=« (Lianen) zum Anfertigen von Kautschukkörben.
Einzelne Arbeiter, die sich krank gemeldet hatten, wurden nun der Reihe
nach vorgenommen. Zumeist handelte es sich um Risse und Geschwüre, die
sie sich im Walde zugezogen hatten, und die nun mit Salben, Höllenstein
und Sublimat antiseptisch behandelt wurden, oder auch um vorübergehende
Magen- und Darmverstimmungen, die mit Hilfe eines Purgativs leicht
behoben werden konnten.
Auf der freien, inmitten des provisorischen Wohngebäudes gelegenen
Barza hatten inzwischen die Boys unsern Frühstückstisch gedeckt.
Bestand das Gedeck auch nicht aus reinstem Porzellan und das Tischtuch
statt aus feinem Leinen nur aus »=white domestic=«, so mundete
das Frühstück auch aus Emailgeschirr nach vollbrachter Arbeit ganz
ausgezeichnet.
Zuweilen, an besonders herrlichen Morgen, ließen wir die
Frühstückstafel auch vor das Haus stellen. Wenn wir dann so inmitten
der Morgenpracht bei dem Gezwitscher der Vögel und den ersten Strahlen
der Sonne, die die Tautropfen auf Blättern und Blüten gleich Myriaden
Diamanten erglänzen ließen, unser Frühstück einnahmen und dabei an
die finstern kalten Morgennebel, die in dieser Zeit in der Heimat
vorzukommen pflegen, dachten, fühlten wir uns doppelt glücklich in dem
Bewußtsein, das weitaus schönere Teil erwählt zu haben.
[Illustration: Trägerkolonne.]
Nach dem Frühstück nahmen wir beide die Arbeit wieder auf. Dann kam
etwa ein Capita mit einer Karawane von Kautschukträgern herein. Die
Ware mußte ausgewogen und übernommen werden, dagegen im Austausch eine
Menge neuer Stoffe, Salz, Haumesser, Mitakos, Perlen und dergleichen
mehr gegeben und die Träger für ihre Mühe entlohnt werden. Eingeborene
kamen mit Hühnern, Enten, Eiern, Palmöl, kurz allen möglichen
Nahrungsmitteln, um sie gegen europäische Waren einzutauschen.
Dazwischen erschien meistens der Koch, dem man besonders gut auf
die Finger sehen mußte, und holte sich seine Instruktionen für den
Mittagstisch. Eines Tages hatte Janssen mich ersucht, den Speisezettel
für den Mittagstisch zusammenzustellen. Der Koch schlug vor: =Suppo
na lozo=, Reissuppe -- gut -- =maki na sosse= =mutake=, harte
Eier in Mayonnaise als Zwischenspeise -- auch gut. -- Jetzt das
schwerste, die Fleischspeise: »=Nsussu=«, Huhn, meinte endlich
der Koch. Ich überlegte, daß wir gerade zwölf Hühner gekauft hatten,
und daß es infolgedessen das einfachste sein würde, ein bis zwei
Hühner zum Mittagsmahl zubereiten zu lassen. In Gedanken schwebte
mir eine fette, zarte Poularde vor, deren Fleisch wie Butter auf
der Zunge zerfließt. Ich nickte daher, der Sprache nicht mächtig,
zustimmend mit dem Kopfe. Der Koch schlug weiter vor: »=Bifiteki
na sussu=.« »Hei! Was? Hühner-Beefsteak?« Niemals in meinem Leben
hatte ich derartiges gegessen. Was mochte das wohl sein? -- Der Koch
fuhr fort: »=Nsussu na sosse mufike=«, Hühner in schwarzer Sauce.
Ganz erstaunt, was das wieder zu bedeuten hatte, und ungläubig sah
ich den Koch an. Wollte dieser sich am Ende gar einen Scherz mit mir
erlauben? Meine Stirn verfinsterte sich. Der Koch begriff, daß ich
ihn nicht verstanden hatte, ging in mein Zimmer, wisperte mit meinem
Boy und kehrte triumphierend mit einer Nähnadel und schwarzem Zwirn
zurück. Mit Gebärden deutete er mir an, daß er das Huhn nähen wolle.
Immer mehr überrascht, bekam ich nun doch einen großen Respekt vor
meinem Koch. Zu meiner Beschämung muß ich nämlich gestehen, daß ich
mit Ausnahme dessen, was ich zu Hause hie und da von der Zubereitung
meiner Leibspeisen in der Küche erfahren hatte, von der höheren
Kochkunst keine Ahnung habe. Hühner-Beefsteak und Hühner in schwarzer
Madeira-Sauce gab es bei uns zu Hause nicht. Zustimmend nickte ich
daher mit dem Kopfe. Solch eine Gelegenheit, meine Kenntnisse zu
bereichern, durfte ich nicht vorübergehen lassen. Der Koch fuhr fort
»Panekiki«. Erfreut horchte ich auf. Das Wort schlug mir bekannt und
sympathisch ans Ohr. Das mußten unbedingt unsere Pfannkuchen sein. Ich
nickte wieder zustimmend und kehrte nun, hoch erfreut, zum erstenmal
die schwierige Aufgabe der Aufstellung des »Speisezettels« so glänzend
gelöst zu haben, an meine Arbeit zurück.
Ein Gegacker und Gekreisch im Hühnerhof zeigte bald darauf an, daß
Kalamba seine Auswahl traf. Einige Minuten später erschien er, in der
Linken sechs geschlachtete Hühner haltend, und ersuchte um die Hergabe
von Salz. Ja, um des Himmels willen! Wozu denn die vielen Hühner? Damit
konnten wir ja drei Tage ausreichen!
Entsetzt über eine derartige Verschwendung rief ich Mustapha herbei und
ließ mir von dem unverfrorenen Koch erklären: zwei Hühner als Zugabe
zur Suppe, zwei Hühner für Bifiteki, zwei weitere Hühner zur =Nsussu
na sosse mufiki=. Doch damit nicht genug, brauche er noch 24 Eier,
zehn zum Hartsieden, vier zur Mayonnaise, zwei für die Bifiteki, vier
für =Nsussu mufike= und weitere vier für Panekiki.
[Illustration: Faktoreigebäude Stanleyville.]
Waren auch die Anschaffungskosten für Hühner und Eier nach europäischen
Begriffen nicht hoch, so fragte ich mich doch entsetzt, was mein
Chef Janssen zu dieser Verschwendung sagen würde. Nach langem Hin-
und Herparlamentieren, und nachdem ich vergeblich versucht hatte,
wenigstens vier Eier aus dem Programm zu streichen, händigte ich ihm
nunmehr auch die 24 Eier aus. Kaum hatte ich meine Arbeit wieder
aufgenommen, da erschien Kalamba neuerdings auf der Bildfläche. Diesmal
brauchte er Butter. Ich wurde ernstlich böse, fortwährend bei der
Arbeit gestört zu werden, und fing an, zu begreifen, warum Janssen mich
mit der schwierigen Aufgabe des Speisezettels betraut hatte.
Wieder mußte ich ins Magazin. In gereizter Stimmung konstatierte ich,
daß von den drei Dosen Butter, die für uns jeden monatlich bestimmt
waren, nach einer Woche bereits mehr als die Hälfte fehlte. Ich
beschloß, sparsam zu sein, und gab dem Koch daher den Inhalt eines
vollen Suppenlöffels. Als er mich daraufhin starr vor Erstaunen ansah,
schob ich ihn einfach zur Tür hinaus. Später sagte ich mir allerdings,
daß ein Löffel Butter zur Zubereitung von sechs Hühnern etwas wenig
war. Doch was kann ein geschickter Koch unter Zufügung von etwas Wasser
nicht alles daraus machen. Mit diesem Gedanken tröstete ich mich und
ging wieder an die Arbeit. Man kann in Afrika schließlich nicht wie bei
»Lukullus« kochen. --
Das von Kiel begonnene Magazin war inzwischen vollständig
fertiggestellt worden. Der eine Raum diente als Verkaufsladen, der
zweite als Warenmagazin. Längs den Innenwänden waren aus Bambus hohe,
mit rotem Tuch bekleidete Stellagen errichtet worden, und auf ihnen
prangten -- ähnlich wie bei den Kaufleuten in kleineren Orten --
aufgestapelt all die hunderterlei Gegenstände, die als Austauschobjekte
in unserer Gegend gehandelt wurden! Reihen von farbigen und bedruckten
Baumwollgeweben, zu Stücken =à= acht Yard aufgemacht, Schals,
Tücher, einfarbige und gestreifte Decken, weiße, graue und blaue
Drills, Khaki, fertige Anzüge, leinene und baumwollene Araberhemden
usw.; ferner Emailgeschirr, Hauen, Spaten, Dolch- und Haumesser,
Messingringe, Kurzwaren, Perlen und Gablonzer Galanteriewaren aller Art
lockten den Beschauer zum Kaufen an.
Die Stützen der Stellagen waren an ihrer Basis sorgfältig verkohlt und
der Lehmboden an ihrer Basis mit Asche bestreut worden, um die weißen
Termiten, diese gefährlichsten Feinde eines Warenlagers, fernzuhalten.
Dieses Insekt, von der Größe einer Waldameise, vernichtet alles,
was ihm in den Weg kommt. Es sucht mit Vorliebe die Wohnstätten von
Menschen auf, in denen es allerlei Leckerbissen vermutet. Kaum ist ein
Gebäude unter Dach, da tauchen die kleinen Zerstörer bereits aus dem
Schoße der Erde auf, um Träger, Balken und Gerüste mit unglaublicher
Freßgier anzufallen. Winzige, kleine Erdhäufchen zeigen zuerst
ihre Anwesenheit an. In unglaublich kurzer Zeit schlängeln sich an
der Außenseite der Balken und Wände Tausende röhrenartige Tunnels
aufwärts, die sich wie das Gerinsel von Quellen nach allen Richtungen
hin verzweigen und binnen wenigen Tagen das ganze Gebäude überziehen.
Woher kommen und wohin ziehen diese Myriaden Zerstörer? Sie kommen aus
dem ungeheuren Urwald, der in seinem rätselhaften Schoße unzählige
tierische Wesen entstehen läßt und zur Vermehrung treibt, um zu
vernichten, was Menschenhand geschaffen. Nichts verschonen sie, durch
Ballen und Kisten, über Stahl und Eisen bauen sie ihre Röhrengewinde.
Wehe dem Lager, in das sie unbemerkt gelangen. In wenigen Tagen, ja
wenigen Stunden sind sämtliche Vorräte zerstört. Die Beobachtung, daß
Termiten einzig und allein das Feuer fürchten und verkohlte Bäume mit
ihren Angriffen verschonen, hat sich der Mensch zunutze gemacht und
Stützen und Träger, soweit sie im Boden versenkt sind, angeglüht.
Unser Wohnhaus hatte dank der aufgewendeten Verbesserungen ein
anderes Aussehen erhalten. Die Veranden waren ringsherum auf drei
Meter verbreitert, die Räume innen und außen mit »Pembe« (Kreide)
weiß getüncht und mit einer blauen Bordüre eingefaßt worden. Zwischen
den Pfosten war ein Geländer aus Bambus hergestellt worden, und
darüber prangten in schwarzen Tontöpfen allerhand Schlingpflanzen und
Orchideen. Die Veranda war gegen die Front zu mittels Jalousien aus
feinen, gesplißten Bambusstäbchen zu schließen, die Lehmböden waren mit
feinen Palmmatten bedeckt.
Das Innere der Barza sowie unsere beiden Schlafräume hatten wir
so komfortabel eingerichtet, wie die Verhältnisse es erlaubten.
Reproduktionen von Gemälden und Porträte schöner Frauen, die ich aus
Europa mitgebracht hatte, zierten in polierten, schweren Bambusrahmen
die Wände. Mitten in der Barza stand ein großer Tisch mit einer
mattroten, gefransten Decke. Diese sowohl wie vier Lehnstühle und die
Kredenz waren aus rotem Akajouholz angefertigt worden.
Mit Hilfe der Mission in Jakussi, von der uns ein vorzüglicher Tischler
für einige Zeit zur Verfügung gestellt worden war, hatten wir eine
Werkstatt eingerichtet, in der alle zu unserem Behagen noch fehlenden
Möbelstücke angefertigt wurden. Fensterscharniere und Türangeln ließen
wir in einer arabischen Schmiede aus Bandeisen, das zum Verschnüren von
Ballen dient, anfertigen. Türschlösser besaßen wir zunächst noch nicht.
An ihre Stelle traten schwere Hängeschlösser und Holzriegel, die den
gleichen Zweck erfüllten.
Eines Nachts, es mochte gegen zwei Uhr früh sein, wurde ich plötzlich
durch Schläge mit dem Gewehrkolben der Schildwache gegen meine Tür aus
dem Schlafe geschreckt. Gleichzeitig vernahm ich aus dem Arbeiterdorf
lautes Gemurmel, dazwischen gellende Schreie, Rufe und das Herbeieilen
vieler Menschen. Etwas Ungewöhnliches hatte sich zugetragen, und in
aller Eile schlüpfte ich in meine Kleider und begab mich in das
Arbeiterdorf, wo ich Janssen bereits antraf. Hier erfuhr ich mit
Bestürzung, daß ein Leopard soeben unseren Boy »Moko«, einen Jungen
von acht bis zehn Jahren, der beim Essen servierte, davongetragen
hatte. Aus den Erzählungen des Schreibers ging folgendes hervor:
Das Haus unseres schwarzen Schreibers enthielt zwei durch Verschluß
abgeteilte Räume und eine Art Vorraum, der in einen durch eine Hecke
aus Palmenblättern nach allen Seiten hin abgeschlossenen Hof ausging.
In diesem Vorraum nun schliefen ein kleines Mädchen, das Dienste als
Mädchen für alles verrichtete, und der geraubte Boy »Moko«. Beide
hatten ihr Lager inmitten des Raumes und lagen dicht beieinander auf
einer Matte. Mitten in der Nacht erwachte das Mädchen plötzlich, durch
eine leichte Bewegung ihres Freundes aufgeschreckt. Sie hörte ganz
deutlich, wie jemand sich entfernte, und in der Vermutung, daß ihr
Kamerad eine Notdurft zu verrichten beabsichtigte, rief sie ihn an.
Die Nacht war stockfinster und ... die Antwort blieb aus. Sie tastete
mit der Hand um sich, der Platz neben ihr war leer, und sie hörte
ganz deutlich, wie jemand sich durch die Hofhecke zwängte. Sie rief
nochmals ihren Freund bei seinem Namen und beschwor ihn, zu antworten,
da sie sich fürchtete. Einige bange Minuten vergingen, und wieder
erhielt sie keine Antwort. Dadurch ernstlich beunruhigt und vielleicht
auch mit angeborenem Instinkt die Gefahr witternd, rief sie nunmehr
den Schreiber und bat um Licht. Dieser, nicht sehr erfreut, wegen
einer bloßen Einbildung der Dienerin das warme Lager verlassen zu
müssen, suchte sie zu beruhigen ... Der Boy müsse sofort zurückkehren
und habe sich nur einen Scherz erlaubt, um sie zu erschrecken. Kurze
Zeit herrschte Ruhe. Plötzlich hörte das wachliegende Mädchen wieder
das Knistern der trockenen Palmblätter an der Hecke, als ob jemand
durchschlüpfte, und rief. »Boy Moko!« ... Wieder keine Antwort ... Sie
begann zu weinen und zu flehen. Diesmal war der Schreiber wachgeblieben
und forderte nun Moko auf, solche Scherze zu unterlassen ... wieder
keine Antwort ... jedes Geräusch war verstummt. Jetzt erst machte
der Schreiber Licht, öffnete den Türverschluß, um die vermeintlichen
Störenfriede zu züchtigen, und -- hielt nach den ersten Schritten
bestürzt inne.
Dicht vor ihm, neben der Matte, auf der die beiden geschlafen hatten,
zeichneten sich auf dem festgestampften Lehmboden deutlich die Krallen
eines großen Raubtieres ab. Den Spuren nach zu urteilen, konnte es nur
ein Leopard sein, da Löwen in der Gegend nicht vorkommen. An dem festen
Einsetzen der Krallen des Tieres in den Boden war deutlich zu erkennen,
daß es schwer belastet wegging. Das eine Bein seines Opfers mußte am
Boden geschleift haben, da es eine leicht erkenntliche Spur zurückließ.
Dagegen war nirgends ein Tropfen Blut zu sehen, und es blieb ein
Rätsel, auf welche Weise das Tier den kräftigen Jungen getötet haben
konnte, ohne daß dieser einen Laut von sich gab oder mit den Armen um
sich schlug oder daß endlich eine Blutspur zu finden war. Die Matte,
auf der die beiden lagen, war höchstens 125 Zentimeter breit, so daß
die Schlafenden sich berührt haben mußten. Die geringste Bewegung, das
kleinste Geräusch hätte das Mädchen und endlich auch den Schreiber und
dessen Frau, deren Zimmer nur durch eine dünne Blätterwand von ungefähr
zwei Meter Höhe vom Vorraum getrennt waren, aufwecken müssen.
[Illustration: Errichtung eines Dachfirstes.]
Man kann sich unser Entsetzen vorstellen. Mit der Fackel in der Hand
verfolgten wir die nur allzu deutliche Spur des Raubtieres bis zur
Hecke, wo es eine kleine Öffnung, die ursprünglich zum Einlaß für die
Hühner in den Hof bestimmt war, derart erweitert hatte, daß sie ihm mit
seiner Last Durchlaß gewährte. Tief erschüttert von dem schrecklichen
Vorfall suchten wir unser Lager auf, nicht ohne Fensterladen und Tür
tüchtig gerüttelt und auf den Verschluß untersucht zu haben. Kurz
darauf -- ich war gerade im Begriff, wieder einzuschlafen -- wurde ich
durch ein Gekreisch und Geheul und durch zwei Schüsse im Arbeiterdorf
nochmals geweckt. Der Leopard war über eine Hecke hinweg direkt in
einen Negerchimbeque hineingesprungen, in der einige Arbeiter um ein
verglimmendes Feuer auf Matten lagen. Vor Furcht und Aufregung waren
zwei der Leute wachgeblieben und machten nun mit den anderen einen
derartigen Lärm, daß das Tier schleunigst wieder verschwand.
Diesmal ließ Janssen fünf Mann mit aufgepflanztem Bajonett und
geladenem Gewehr Wache stehen. Einer der Leute mußte jede Minute,
zum Zeichen, daß die Posten wach waren, auf einen Gong schlagen.
Dies verjagte das beutegierige Tier von unserem Terrain. Am Morgen
erfuhr ich, daß der gleiche Leopard beim Morgengrauen im benachbarten
Gebiet der »S. A. B.« eingefallen und einen großen, europäischen Hund
weggeschleppt hatte.
All unser Sinnen und Trachten ging nun dahin, den Tod unseres braven
Jungen zu rächen und des verwegenen Raubtieres habhaft zu werden.
Die Spur führte geradeswegs in das dichte Gestrüpp und Unterholz des
Urwaldes, so daß es ohne Hund ausgeschlossen war, ihr zu folgen.
Da Mustapha versicherte, daß kein eingeborener Hund die Spur des
Raubtieres aufnehmen würde, sandten wir unser Kanu nach Stanleyville
zu dem Büchsenmacher Vandyk, um dessen großen europäischen Jagdhund zu
holen. Der Besitzer erschien persönlich nach kurzer Zeit mit dem Hund
und bat, an der Jagd teilnehmen zu dürfen. Da Janssen kein Jäger war,
machte ich mich mit Vandyk, Mustapha und zwei Eingeborenen, die uns mit
Haumessern einen Weg durch das Dickicht bahnen sollten, auf den Weg.
Der Hund nahm anfangs die Spur ohne Zögern auf und zog uns durch
Dickicht und Gestrüpp etwa 800 Schritt tief in den Urwald hinein.
Hier hatte das Tier mit dem Jungen gerastet. Der Boden war im weiten
Umkreis voll von Spuren, und hier fand sich auch der Pagne vor, ein
Lendentuch von vier Yards Länge und 120 Zentimeter Breite, in dem Boy
Moko eingerollt geschlafen hatte. War bis hierher die Verfolgung trotz
dichten Dornengestrüpps und des Unterholzes verhältnismäßig leicht
gegangen, so stellten sich jetzt einer weiteren Verfolgung plötzlich
unüberwindliche Hindernisse entgegen. Das Terrain ging hier in ein
Sumpfgelände über. Der Hund war nicht mehr von der Stelle zu bekommen.
Aufgeregt lief er im Kreise umher, an allen vieren zitternd. Alle
Bemühungen, ihn vom Fleck wegzubringen, waren vergeblich, weder Locken
noch Ziehen an der Schnur half. Wir suchten vorsichtig die ganze
Gegend im Umkreis ab und hielten gleichfalls Ausschau nach den Bäumen.
Unmöglich konnte das Tier mit dem schweren Körper auf einen Baum
geklettert sein. Nach stundenlangem Absuchen, und nachdem die beiden
Eingeborenen sich darüber einig geworden waren, daß nicht ein Leopard,
sondern ein Dämon in Gestalt eines Leoparden mit seinem Opfer hier
spurlos verschwunden war, kehrten wir unverrichteter Dinge zur Faktorei
zurück.
Ich beschloß, noch am gleichen Tage mit dem Bau einer Falle zu beginnen
und ihm bei Mondnächten mit lebendem Köder aufzulauern. Doch erschien
der Räuber nicht wieder. Überhaupt hatten wir seit diesem grausigen
Ereignis lange Zeit Ruhe vor den Leoparden. Einige Monate später hatte
ich jedoch Gelegenheit, eines dieser gefährlichen Tiere innerhalb der
Faktorei zur Strecke zu bringen. Eines Nachts wurde ich plötzlich
durch Gewehrkolbenschläge an meine Zimmertür unsanft aus dem Schlafe
aufgeweckt. Aus den hastig hervorgestoßenen Reden der Wache entnahm
ich, daß irgendein reißendes Tier in den Ziegenstall eingebrochen
sein mußte. In einigen Sekunden war ich in Rock und Hose geschlüpft,
hatte meine Sturmlaterne angezündet, meinen Mauser, der stets geladen
in einer Zimmerecke stand, ergriffen und eilte nun, gefolgt von der
Wache, nach dem Ziegenstall, aus dem ein wildes Durcheinanderstampfen
und Meckern der verängstigten Ziegen ertönte. Einige Ziegen waren
durch eine Türspalte, die zweifellos durch den eindringenden Räuber
erweitert worden war, entwichen und irrten nun verzweifelt meckernd in
der Dunkelheit umher, um unter den Veranden der Magazine und Wohnhäuser
Schutz zu suchen.
Ein Blick auf die Zugangstür zum Ziegenstall klärte mich über das,
was vermutlich vorgefallen war, auf. Die primitive Schiebetür war
nachlässig geschlossen worden, so daß ein Spalt offen geblieben war.
Irgendein reißendes Tier, wahrscheinlich ein Leopard, hatte mit
der Tatze den Spalt erweitert und schließlich den schlanken Körper
durchgezwängt. Die herausstürzenden Ziegen hatten die Tür noch weiter
zur Seite geschoben, so daß ich annehmen mußte, daß der Räuber mit
seiner Beute bereits das Weite gesucht hatte. Dem war glücklicherweise
nicht so, denn bei dem ersten Lichtstrahl, der in den Raum fiel,
sprang tatsächlich ein Leopard, der über dem Meckern der Ziegen
und dem Zerfleischen seiner Opfer offenbar unser Herannahen nicht
bemerkt hatte, auf und suchte sich im dunkelsten Winkel des Raumes
zu verbergen, während die übrigen noch lebenden Tiere in sinnloser
Angst auf den Ausgang und uns zustürzten. Da ein Schießen unter diesen
Umständen ausgeschlossen war, ließen wir die fliehenden Tiere, in der
Voraussetzung, daß der Leopard das Licht meiden würde, zuerst sämtlich
herauslaufen. Nun ließ ich durch die Wache die Sturmlaterne an das
Bajonett hängen und mit einem Ruck mitten in den Raum stellen. Dadurch
war der langgestreckte Raum, wenn auch spärlich, so doch genügend
erleuchtet.
Ich selbst trat nun mit dem schußbereiten Gewehr so weit in den Stall,
als nötig war, um unbehindert schießen zu können. Im entlegensten
Winkel erkannte ich sofort das offenbar auf äußerste erschrockene Tier,
das am Boden kauerte und mir den Kopf mit den phosphoreszierenden
Lichtern voll zuwandte. Regungslos, wie zum Sprunge geduckt, lag die
gelbe Katze pfauchend und zähnefletschend auf kaum zwanzig Schritt
Entfernung vor mir. Langsam, um sie nicht durch eine allzu rasche
Bewegung zum Sprung zu reizen, hob ich das Gewehr an die Backe, zielte
zwischen die zwei Lichter und drückte los. Ein scharfer Knall, und das
geduckte Haupt fiel leicht zur Seite, während die Hintertatzen kratzend
den Boden aufwühlten. Der Leopard war, mitten durch den Schädel
geschossen, wie vom Blitz erschlagen, in der gleichen Stellung tot
liegengeblieben.
Einige bange Minuten vergingen, während welcher wir unverwandt das Tier
beobachteten, ob es noch ein Lebenszeichen von sich gäbe. Ich erinnerte
mich sehr wohl warnender Beispiele, wonach mancher erfahrene Jäger
durch allzu schnelle Annäherung an die totgeglaubte Beute sein eigenes
Leben einbüßte. Als auch das Scharren der Hintertatzen aufgehört hatte,
traten wir an das tote Tier heran, und die Wache zog es in die Mitte
des Raumes, damit wir es besser betrachten konnten. Welche Genugtuung
wäre es für mich gewesen, wenn ich in diesem Leoparden den Mörder
unseres getöteten Boys gefällt hätte, doch war es offenbar nicht der
gefährliche Räuber, der seit langer Zeit die Gegend unsicher gemacht
und auch in den Dörfern der Umgebung bereits so viele Menschenopfer
gefordert hatte. An der ganzen Art und Weise, wie der Leopard den
Überfall bewerkstelligt hatte, konnte man erkennen, daß er sicherlich
noch ein Neuling in dieser Art Sport war. Durch den Schuß und wohl auch
durch das Blöken der Ziegen war das Arbeiterdorf alarmiert worden,
und eine Menge Leute eilte herbei, um ihren gefürchteten Todfeind in
Augenschein zu nehmen.
Woche auf Woche, Monat auf Monat vergingen in rühriger Tätigkeit, die
in ihren vielen Einzelheiten und in der Fülle der neuen Probleme,
die sie jeden Tag zu lösen gab, so viel der Abwechslung und des
Interessanten für mich hatte, daß ich sie eigentlich gar nicht als
Arbeit empfand. Hatte die bisherige regelmäßige Beschäftigung im
Bureau vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf meine nach freier
Tätigkeit lechzende Natur wie Frondienst gelastet, so hatte ich jetzt
die Freude, die in mir schlummernden Talente sich bis an die Grenzen
meiner Fähigkeiten entfalten zu sehen. Die Umwelt erhielt ein neues
Aussehen für mich, seit ich gezwungen war, mich allein mit allen
Schwierigkeiten der Existenz in primitiven Verhältnissen abzufinden.
Als ich erst mit der fremden Sprache und der Nutzbarmachung der reichen
Produkte des Urwaldes, die der Erschließung harren, vertraut geworden
war, gewährte es mir die größte Befriedigung, Häuser zu bauen, einen
Gemüsegarten anzulegen, aus welchem wir bereits nach kurzer Zeit dank
dem fruchtbaren Urwaldboden reiche Früchte ernteten, sowie den Verkehr
mit dem Inlande und den täglichen Dienst der Faktorei zu organisieren.
[Illustration: Beim Hausbau.]