Rumbee war inzwischen von Mustapha von unserer Ankunft benachrichtigt

worden und ließ uns nach Ablauf des ersten Regenschauers zu sich

entbieten. In der großen Empfangshalle seines Palastes waren zwei

mit Leopardenfellen behangene Lehnstühle für uns beide hergerichtet

worden, während Rumbee mit dem Kreis der Seinen auf Matten und kleinen

Bambusschemeln lagerte. Im Hintergrunde spielte eine aus Sansibar

stammende Hauskapelle, bestehend aus drei Mann, die verschiedenartig

gestimmte Tamtams schlugen und wirbelten, und zwei Frauen, die als

Sängerinnen fungierten. Außer diesen trat noch ein Bauchpfeifer als

Sonderkünstler auf, der bald eine Kriegstrompete nachahmte, bald wie

eine wütende Bestie fauchte, zischte und die unglaublichsten Töne

hervorbrachte. Diese kleine Künstlerschar spielte und sang während

einiger Stunden eine ganze Reihe von Kampf- und Schlachtliedern, unter

anderen auch den berühmten »Unsterblichkeitsgesang« der Mohammedaner,

den Rumbee für gewöhnlich den »Ungläubigen« nicht vorzuführen pflegte.

Ich glaube gern, daß die Araber, durch den Sirenengesang schöner

Frauen und die Verheißungen eines paradiesischen Lebens im Jenseits

angefeuert, mit Todesverachtung in den Kampf ziehen.

Dieses nächtliche Konzert inmitten einer fanatischen Bevölkerung auf

der durch Pechfackeln nur spärlich beleuchteten »Barza« (eine Art

Vorhof oder überdeckte Veranda) machte auf uns beide einen sehr starken

Eindruck. Um uns für die liebenswürdige Überraschung erkenntlich zu

zeigen, ließ Janssen aus unseren Vorräten eine Anzahl Perlenschnüre,

Ringe, Armbänder und allerlei Zierat durch Mustapha dem Häuptling

überreichen. Dieser erhob sich nunmehr und, in rhythmischen Bewegungen

der Musik folgend, die von kreischendem »Allah«-Geschrei der ganzen

Menge begleitet wurde, überreichte unsere Geschenke den Spielern.

Das uns zu Ehren gegebene Fest hatte seinen Höhepunkt erreicht;

einige weitere Gongschläger und Sängerinnen hatten sich der Gruppe

angeschlossen und vollführten einen infernalischen Spektakel.

Janssen hatte durch Mustapha verschiedene Male andeuten lassen, daß

wir gerne Haremsfrauen tanzen sehen möchten. Anfänglich weigerte

sich Rumbee sehr entschieden, doch gegen Mitternacht konnte er sich

unseren Bitten nicht länger verschließen und ließ uns durch Mustapha

bedeuten, wir möchten uns verabschieden. Sobald wir uns erhoben hatten,

zerstreute sich die versammelte Menge und begab sich zur Ruhe. Wir aber

wurden nach kurzer Zeit von Mustapha durch eine kleine Seitenpforte in

eine geschlossene Halle geführt, in die man unsere Stühle sowie Matten

und Felle für Rumbee und einige seiner ganz Intimen hinübergebracht

hatte.

War vorher vor dem Gefolge nur Tee und feiner englischer Biskuit

herumgereicht worden, so bedeutete Mustapha uns jetzt, daß wir uns

ohne weiteres Champagner und Liköre servieren lassen könnten. Rumbee

gab einem seiner Diener ein Zeichen, und dieser kehrte kurz darauf mit

einer versiegelten Flasche Ananaslikör zurück.

Die Sansibariten hatten ihre großen Gongs mit Saiteninstrumenten

und einem kleinen Gong vertauscht, und kurz darauf erschienen sechs

blühende junge Haremsfrauen, über und über mit Zierat behangen, der wie

ein Schuppenpanzer vom Hals bis zum Busen reichte und diesen teilweise

bedeckte. Hüfte und Leib waren vollständig entblößt und wiegten und

wanden sich in rhythmischen Bewegungen in vollendeter Grazie nach dem

Takte der Musik, bald in tollem, sinnenberückendem Wirbel, bald in

vornehmer majestätischer Ruhe. Auch hier verabreichten wir Geschenke

in Form von allerlei Zierat und golddurchwirkten »=Pagnes=«

(Schürzen), welche die reizenden Geschöpfe in sichtlich kindlicher

Freude aus den Händen Rumbees entgegennahmen. Meine entzückten Augen

konnten sich nicht sattsehen an dem wundervollen Glanz der lachenden

Kinderaugen, deren Ausdruck durch die langen Wimpern und schwarzen

Brauen nur noch mehr gehoben wurde, an den blendend weißen Zähnen, die

wie Perlenreihen aus den halb geöffneten Lippen hervorlugten, an den

feingeschwungenen Lippen und Gesichtszügen, an den zarten, schmalen,

rassigen Händen und Füßen und endlich an dem jungfräulichen und doch

wieder kräftigen Körper, der berückend schön in jeder Bewegung uns

seine Reize offenbarte. Nachdem wir zum Schlusse noch den üblichen

Bauchtänzen beigewohnt hatten, schieden wir von Rumbee und begaben uns

in unsere primitive Behausung, wo ich mich auf das harte Bambuslager

legte und von dem Harem träumte, während Janssen noch lange vor der

Tür lauerte, da er behauptete, eines der jungen Mädchen habe ihn

bedeutungsvoll angeblinzelt und mit der Hand zugewinkt.

Ich mochte kaum eine Stunde geschlafen haben, als mir plötzlich etwas

über den bloßen Arm und das Gesicht hinweglief. Mit einem Satz war

ich aufgesprungen und lauschte ins Dunkel hinein. In der Hütte um

mich herum ertönten unheimliche Laute wie das Gepiepse von Ratten und

Mäusen, die erschreckt die Flucht ergriffen. Ein fernes Brausen drang

vom Fluß herauf, in wilder Jagd sausten unbekannte Geschöpfe über

Geräte hinweg, die Wand der Hütte hinauf und wieder hinab. Über mir

mußte irgendeine große Fledermaus umherfliegen, denn ganz deutlich

konnte ich das Klappen der Flügel hören und den leichten Luftzug, den

das Tier hervorbrachte, wenn es sich mir näherte, fühlen. Ich wollte

Licht machen, doch versagten die Zündhölzer, die durch den Regen naß

geworden waren. Nun suchte ich, mit der Hand vorsichtig tastend, in der

Dunkelheit nach einem Prügel und erwischte schließlich einen Knochen,

der meinen Zwecken dienlich schien. Nicht ahnend, welche Art Knochen

ich da erfaßt hatte, schlug ich damit an die Bettkante und verschaffte

mir so wenigstens für einige Minuten Ruhe. Ich ergriff mit der anderen

Hand das Oberende, und ein Grauen überfiel mich. Der Knochen, den

ich in der Hand hielt, stammte vom Oberschenkel eines Menschen. Eine

Täuschung war unmöglich, kein Tier hat derartig geformte Knochen. Ein

eiskalter Schauer fuhr mir den Rücken hinab, der Angstschweiß stand mir

auf der Stirn. Bei diesem Zeugnis von Kannibalenmahlzeiten wurde mir

klar, warum die beiden Bassengi vorhin wie aufgescheuchte Bestien aus

der Hütte geflüchtet waren und sich nicht mehr blicken ließen.

Raschelnd kam über die trockenen Blätterwände der Hütte wieder allerlei

Getier angelaufen. Ratten und Mäuse stöberten unter altem Hausgerät

nach Speiseresten. Aus unmittelbarer Nähe ertönten schaurige Rufe und

Schreie in die stockfinstere Nacht, wie von einem Kind herrührend,

das man langsam hinmordet und an dessen Qualen sich jemand weidet.

Dazwischen vermeinte ich wieder flüsternde Stimmen zu vernehmen. Die

Nacht war lebendig um mich, ich war von einer Schar unsichtbarer Feinde

umgeben. Ganz deutlich fühlte ich etwas an dem Bambus unter meinem Kopf

heraufkriechen. Sollte es eine jener gehörnten Vipern sein, die nachts

in die Hütten der Eingeborenen kommen und Jagd auf Ratten und Mäuse

machen? Man hatte mich vor dieser furchtbarsten aller Schlangen, deren

Biß qualvolle Schmerzen verursacht und unbedingt tödlich ist, gewarnt.

Die Beine hochgezogen, die schützende Decke gleichsam als Schild vor

dem vor Grauen in Schweiß gebadeten Körper haltend, kauerte ich auf

meiner Pritsche und starrte in das unheimliche Dunkel, in der Rechten

den Menschenknochen haltend und bereit, mit ihm alles zu erschlagen,

was in meine Nähe kam.

[Illustration: Baluba-Frau.]

Mein erstes am folgenden Morgen war, nach den beiden Bassengi zu

forschen. Diese hatten Reißaus genommen und blieben unauffindbar.

Mustapha bestätigte mir, daß der gefundene Knochen ein Menschenknochen

sei. Beim Durchstöbern der Hütte fand sich noch eine ganze Anzahl

vor, eine Tatsache, die ihn nicht im geringsten wunderte, da die

Eingeborenen im Innern, am Fluß Lindi entlang, bekanntlich Kannibalen

sind.

[Illustration: Upoto-Mann.]

Bei Tagesanbruch setzten wir unsere Reise stromaufwärts fort, um

eine möglichst lange Strecke vor Beginn der großen Sonnenhitze

zurückzulegen. Wir mochten ungefähr drei Stunden unterwegs sein, ohne

daß sich irgend etwas Nennenswertes ereignet hatte, als plötzlich in

unmittelbarer Nähe eine Leiche vorbeitrieb. Beine und Hüften ragten

aus dem Wasser, waren vollständig weiß und zeigten bläuliche Tupfen.

Mustapha erklärte, daß dies die Leiche eines Negers sei, die nach

längerem Liegen im Wasser die Hautfarbe verändert. Ungläubig und

mißtrauisch diskutierte ich mit Janssen die Frage, als plötzlich

in kurzer Reihenfolge hintereinander fünf bis sechs Leichen gerade

in unserer Fahrtrichtung angeschwommen kamen. Nunmehr ernstlich

beunruhigt, was dies zu bedeuten habe, ließen wir einen dieser

Leichname mit dem Bootshaken drehen und überzeugten uns nun an den

wulstigen Lippen und überhaupt an dem Gesichtsausdruck, daß der Tote

tatsächlich ein Neger war. Wir hatten bereits gefürchtet, daß während

unserer Abwesenheit in Stanleyville die Soldaten oder Araber gemeutert

und sämtliche Europäer ins Wasser geworfen hätten. Mustapha erklärte

das Vorkommen der vielen Leichen damit, daß die Eingeborenen der

Fischerdörfer stromaufwärts ihre Toten nicht begraben, sondern sie

einfach dem Flusse anvertrauen. Gegen drei Uhr nachmittags kamen wir,

immer stromaufwärts fahrend, an die Mündung des Lindiflusses, welches

Gebiet uns kurz vorher vom Distriktskommissar als Arbeitsfeld für die

Gewinnung von Kautschuk freigegeben war.

Laut Bericht von Mustapha hatten weder die »S. A. B.« (=Société

Anonyme Belge=, kurz S. A. B. genannt), noch die »Belgika«, unsere

beiden Konkurrenten, es bisher gewagt, dieses Gebiet zu betreten, da

erst kürzlich zwei staatliche Offiziere, die die Eingeborenen zwingen

wollten, Elfenbein vom Innern an das Flußufer zu bringen, von ihnen

erschlagen und die im Schlafe überfallenen Begleitsoldaten aufgefressen

worden waren. Eine sofort entsandte Expedition hatte zwar ein

furchtbares Blutbad unter den Kannibalen angerichtet und die Stämme,

die nunmehr versprachen, Kautschuk zu liefern, völlig unterworfen, doch

traute keiner einstweilen den friedlichen Gesinnungen der Bevölkerung.

Wir rekognoszierten nun ein wenig das Terrain an der Mündung des

Flusses und liefen eine Landungsstelle, an der wir einige verlassene

Boote sahen, an. Einige im Gebüsch verborgene Eingeborene kamen auf

wiederholtes Anrufen herbei und erboten sich, uns nach dem einige

Stunden im Innern entfernt gelegenen Dorfe zu führen. Da aus ihren

Gesprächen hervorging, daß die Eingeborenen friedlich waren und bisher

Kautschuk als Steuer an den Staat geliefert hatten, beschloß Janssen

sofort, womöglich schon im Laufe der Woche eine Erkundigungsreise von

diesem Dorfe aus nach dem oberen Laufe des Lindis zu unternehmen.

Gegen sechs Uhr abends, bei einbrechender Dunkelheit, kamen wir bei

der katholischen Mission St. Gabriel an, und ich schlug Janssen vor,

hier zu übernachten, da der Himmel im Verlaufe des Nachmittags sich

immer mehr umwölkt hatte und jetzt ein drohendes Aussehen erhielt.

Janssen wollte jedoch um jeden Preis nach Stanleyville zurückkehren,

und wir fuhren weiter. Stunde um Stunde verging, leichte Windstöße

kamen von allen Seiten und kündeten das Nahen des Tornados an. Die

Dunkelheit war inzwischen völlig hereingebrochen. Alle Augenblicke

fuhr unser Kanu auf unter dem Wasserspiegel treibende Baumstämme auf

und konnte nur mit Mühe losgemacht werden. Als das Sausen und Krachen

kolossaler Bäume über uns immer heftiger wurde, ersuchte ich Janssen

bei der nächsten Strombiegung, ungefähr eine Stunde unterhalb unserer

Faktorei, den Strom zu überqueren, da dies vielleicht später nicht

mehr möglich sei. Wir hatten noch kaum die Mitte des hier ungefähr

800 Meter breiten Stromes erreicht, als plötzlich der Tornado mit

voller Wucht über uns hereinbrach. Ein Regenschauer, von Windstößen

zu ungeheurer Wucht angefacht, zerschmetterte das Schutzdach über

unseren Köpfen und begrub uns unter den Trümmern. Mustapha und der Boy

hieben mit ihren langen Haumessern über unseren Köpfen die Stützen

nieder, und unseren vereinten Bemühungen gelang es, das Dach, das dem

Orkan eine Angriffsfläche bot und unser Verderben hätte werden können,

über Bord zu werfen. Da stürzte einer der Ruderer über den Rand des

schwankenden Bootes. Gellend hallten die Hilferufe in die schaurige,

von grellen Blitzen durchzuckte Nacht hinein, übertönt vom Höllenlärm,

in dem sich der Schlag auf Schlag herniederdröhnende Donner mit dem

Tosen des Sturmes und dem Prasseln der herabfallenden Wassermassen

mischten. An Rettung war nicht zu denken. Ein Drehen des Bootes wäre

gleichbedeutend mit unser aller Untergang gewesen. Also vorwärts, mit

allen Kräften vorwärts, dem schützenden Ufer zu. Die Ruderer, die im

ersten Augenblick der Überraschung völlig den Kopf verloren zu haben

schienen und die Befehle Mustaphas nicht beachteten, erkannten jetzt

die ungeheure Gefahr, in der wir uns alle befanden, und ruderten für

ihr Leben.

Indessen führten die losgelassenen Elemente einen wahren Hexentanz

um uns auf, alle Dämonen der Hölle schienen entfesselt und sich

mit den wilden Göttern »Kilimas«, des Urwaldes, zu schlagen. Das

Ächzen und Stöhnen der vom Wirbelwind erfaßten tausendjährigen

Baumriesen, das Krachen und Splittern der zu Tode getroffenen und

übereinanderstürzenden Laub- und Holzmassen fand in unserem Gemüt

hundertfachen Widerhall und brachte uns zum Bewußtsein, wie unendlich

wenig unser jämmerliches Leben zu bedeuten hat.

Janssen stöhnte, jammerte und schrie erbärmlich. Die Hände vor das

Gesicht geschlagen, heulend, Gott und alle Heiligen zum Schutze

anrufend, kniete er vor mir, ein Bild des Elends, eine Jammergestalt.

Den Tod beständig vor Augen, die Beine bis zu den Knien im Wasser,

saß ich neben ihm, meine innere Erregung gewaltsam beherrschend und

kein Wort der Klage über die Lippen bringend. Dem Beispiel Mustaphas

folgend, ergriff ich meinen Tropenhelm und schöpfte mit ihm das Wasser

mechanisch aus dem Boote. Ein kräftiger Stoß vorn am Bug, durch den

zwei Ruderer, die das Gleichgewicht verloren hatten, ins Wasser

geschleudert wurden, zeigte uns an, daß wir endlich das andere Ufer

erreicht hatten, und alle Mann klammerten sich mit Leibeskräften

an Äste, Zweige und Büsche. Erschlug uns jetzt nicht einer der

niederstürzenden Baumriesen, dann waren wir gerettet, da die Wucht des

Orkans uns unter dem schützenden Laubdache nicht mehr viel anhaben

konnte. Hier lagen wir wohl eine Stunde, die für uns alle, die wir

vom Kopf bis zu den Füßen durchnäßt waren, zu einer Ewigkeit wurde.

Gegen Mitternacht langten wir in unserer Faktorei, von den durchlebten

Strapazen völlig erschöpft, an und ließen uns sofort heißen Tee und

Chinin geben, um schweren Krankheiten vorzubeugen.

Das Leben auf der Faktorei. Zwei Leopardenbesuche.

Die Bevölkerung des Distrikts, mit dem wir in Handelsverbindung

standen, bildet drei ganz verschiedene Gruppen: die Araber und

deren Abkömmlinge, die Suaheli, aus Kreuzungen der ersteren mit den

Eingeborenen hervorgegangen, die Bakeniens, ein Fischervolk, das

seine Dörfer unmittelbar am Kongofluß hat und sich ausschließlich dem

Fischfang widmet und uns zeitweise Ruderer zur Verfügung stellte, und

die Bakumu, von unseren Leuten Bassengi genannt, deren Dörfer im

Innern des Landes liegen und die Hauptproduzenten von Kautschuk sind.

Die meisten hier ansässigen Araber stammen aus Sansibar. Sie sind

Kaufleute großen Stils und haben den Elfenbeinhandel geradezu

monopolisiert. Die Bemittelten unter ihnen, die über eine größere

Anzahl Sklaven verfügen, sind vornehmlich Pflanzer von Reis, Tabak,

Maniok, Zwiebeln, Kaffee sowie allen anbaufähigen Nahrungsmitteln.

Diese Pflanzungen repräsentieren bereits nach verhältnismäßig kurzer

Zeit einen großen Wert.

Die zwangsweise angesiedelten Araber sind zumeist Kriegsgefangene oder

Leute, die dem Staate bei der Okkupation am oberen Nilflusse mit der

Zeit lästig und infolgedessen einfach nach hier deportiert wurden. Die

Terrains für Ansiedlungen und Plantagen wurden ihnen frei zur Verfügung

gestellt. Dafür haben sie monatlich gewisse Abgaben an die Station in

Form von Naturalprodukten oder Baumaterialien zu entrichten. Die Leute

handeln mit allem -- vom Ei angefangen bis zu den Sklaven.

Die Araber stehen als Kulturvolk inmitten der wilden Völkerschaften

Zentralafrikas unstreitig auf der höchsten Stufe, und ihr moralischer

sowohl als ihr physischer Einfluß auf die umgebenden Völkerschaften

reicht unendlich viel weiter als der des europäischen Eroberers.

Während der Europäer bisher in egoistischer Selbstherrlichkeit in

erster Linie nur den eigenen Komfort und die rücksichtslose Ausbeutung

der eingeborenen Bevölkerung im Auge hat, wirkt der Araber als wahrer

Kulturfaktor unter ihnen. Um eine Stufe tiefer stehend als der

Europäer, siedelt er sich mitten unter der Bevölkerung an. Die sauberen

kleinen Gebäude aus Lehm sind leichter von den Eingeborenen nachzuahmen

als die solideren Wohnhäuser der Europäer. Das blendend weiße Hemd,

das fast bis auf den Boden reicht, und der weiße Turban auf dem Kopf,

die Bekleidung der Araber und Suaheli ist weniger kompliziert als die

Tracht der Europäer und überdies viel praktischer für diese heißen

Gebiete. Die Anschaffung beider Kleidungsstücke ist zudem bedeutend

billiger als die von uns eingeführten gelb und dunkel karierten Hosen.

Es nimmt mich daher nicht wunder, daß selbst die Boys der Europäer, die

überall sonst im Kongo den Europäer in der Kleidung nachahmen, hier in

Stanleyville mit Vorliebe die Suaheli-Tracht annehmen.

Ein Umstand, der mir nach Berührung mit all den vielen heidnischen

Negervölkern beim Verkehr mit den Suaheli ganz besonders ins Auge

fiel, war ihre Frömmigkeit: sie sind Mohammedaner. Bei Sonnenuntergang

verlassen die Gläubigen ihre Arbeit, waschen Hände und Füße und knien

dann vor ihren Häusern auf Matten und Teppichen, das Angesicht gen

Osten gewendet, um ihr Gebet zu verrichten, wobei sie sich soundso

oftmals bis auf den Boden verneigen.

Die Bakeniens sind ein robustes Fischervolk, das unsere Tafel

regelmäßig mit Fischen aller Art sowie kleinen Krabben, nach unseren

europäischen Begriffen zu spottbilligen Preisen, versorgte. Als ganz

besondere Delikatesse bleibt mir die Fisch-Moambe, eine Art Fischpökel,

aus Kongosalm und Palmenkernen hergestellt, in Erinnerung, ein Gericht,

an das unser feinstes Fischpökel bei weitem nicht heranreicht.

Die Bakumu oder Bassengi gehören zu den primitivsten Stämmen

Zentralafrikas. Ihre Dörfer liegen tief versteckt inmitten des großen

Urwaldes und sind von hohen Palisaden umgeben, an deren Spitzen die

Schädel der von ihnen getöteten und aufgefressenen Feinde stecken. Von

Kind auf an den beständigen Kampf mit dem Nächsten und den Raubtieren

des Waldes gewöhnt, ist der Bakumu ein moralisch unentwickeltes

Geschöpf, das einzig und allein das Recht und die Macht des Stärkeren

anerkennt. Ganz unverständlich sind ihm Gesetze, die ihm verbieten, das

ungetreue Weib mit eigener Hand zu töten oder den niedergeschlagenen

Feind zu verzehren. Wie ein Kind schmückt er sich mit Perlen und

Zierat oder ergibt sich dem Tanze, um im nächsten Augenblick den

vermeintlichen Nebenbuhler hinterrücks zu erschlagen. Er kennt keinen

Unterschied zwischen Leben und Tod, zwischen Gutem und Bösem, und seine

Blutgier ist unersättlich.

Langer Jahre Arbeit und verschiedener blutiger Kämpfe bedurfte es, um

diese Völker zur Einsicht zu bringen, daß der Europäer ihr Gebieter

ist. Zur Zeit meines Aufenthalts war die Region so weit befriedet, daß

wir bis zu fünfzig Kilometer zu beiden Seiten des Flusses ins Innere

unseren Geschäften nachgehen konnten. --

Während der nächsten Zeit wurden wir vom Bau unserer Faktorei und dem

Handel mit den aus dem Innern herbeieilenden Karawanen vollständig in

Anspruch genommen. Unsere schwarzen Schreiber sandten wir mit einem

kleinen Kanu stromabwärts, um die in den Dörfern stationierten Capitas

einzuberufen.

Aus Brazzaville hatten wir keinerlei Instruktionen mitbekommen.

Entweder glaubte man, daß unser Vorgänger alle Arbeit ordnungsgemäß

erledigt hatte, oder man vertraute unserer Findigkeit, selbst das

Richtige zu treffen. Hacken, Haumesser, Nägel und eine große Säge waren

vorhanden, und mit diesen primitiven Behelfen machten wir uns sofort an

die Arbeit, um uns die mangelnde Wohnung und Einrichtung zu schaffen,

wenn es mir auch vorderhand noch ein Rätsel blieb, wie wir uns die

fehlenden Türangeln und Fensterscharniere herstellen sollten.

All das Neue um uns her, die Sprache, Sitten und Gebräuche der fremden

Völkerstämme, die hunderterlei Probleme, die der Bau einer Faktorei uns

zu lösen gab, nahmen all unser Sinnen und Denken derart in Anspruch,

daß wir keine Zeit hatten, an unser früheres Leben, das hinter einem

dichten Schleier in unerreichbarer Ferne lag, zu denken. Frühmorgens

1/2-6 Uhr mit der »Reveille«, die am gegenüberliegenden Ufer geblasen

wurde und durch die stille Nacht über das Wasser so klar zu uns

herübertönte, als stamme sie von unserer eigenen Schildwache innerhalb

der Faktorei, erschien mein verschlafener Boy Mossamba, um Tür und

Läden zu öffnen und mir das Waschwasser in einem Emailgeschirr auf

eine umgestülpte Kiste zu stellen. Während ich mich wusch und anzog,

verschwand er, um seinerseits unten am Flußufer Toilette zu machen.

Punkt 6 Uhr wurde durch dreimaliges Trompetensignal »Appell« geblasen,

worauf auf unserer Seite das Dröhnen und Wirbeln des Gongs antwortete

und bekanntgab, daß auch wir mit der Arbeit begannen. Anfangs kamen

unsere Arbeiter träge und mißmutig, in ihrem Schlafe gestört zu sein,

in langen Abständen daher. Der Schreiber hatte offenbar in Abwesenheit

unseres Vorgängers die Disziplin nicht strenge gehandhabt und die Zeit

nicht genau eingehalten. Dies mußte sofort anders werden. Janssen nahm

die Zügel kräftig in die Hand und hielt an die Leute eine Ansprache,

deren Sinn Mustapha in Form kurzer Befehle den Suaheli mitteilte.

[Illustration: Arbeitsappell.]

Als vornehmste Verhaltungsmaßregel des Europäers dem Personal und

überhaupt dem Neger gegenüber gilt, daß er vom ersten Augenblick an

den Leuten mit aller Energie und Entschiedenheit entgegenzutreten hat.

Der Neger beugt seinen Nacken und erkennt nur denjenigen als seinen

Herrn an, den er fürchtet und der imstande ist, jede aufkommende

Neigung zur Auflehnung, angeborene Trägheit und Neigung zum Widerspruch

sofort im Keime zu ersticken und mit unerbittlicher Strenge zu ahnden.

Sogenannte »gute Menschen«, die Fehler verzeihen und zur Nachgiebigkeit

neigen, werden nie die Achtung des Negers und nennenswerte Resultate

erzielen. Sie werden stets den Spott und den Hohn des Personals und

der Eingeborenen ernten und von diesen von vorne und hinten belogen

werden. Energisches, zielbewußtes Auftreten bei jeder Art Auflehnung

gegen die Disziplin, unerbittliche Strenge und sofortige Ahndung aller

Vorkommnisse, die gegen Gesetz und Ordnung verstoßen, sowie gerechte

Bestrafung solcher Vorfälle sind die Waffen, die dem Europäer dem

einzelnen sowohl wie der Masse gegenüber unbedingt Achtung verschaffen.

Von Natur aus träge und faul veranlagt, versucht der Neger auf jede

Weise sich einer ihm unbequemen Arbeit zu entziehen. »=Mimi kosaba

vae=« (»das kann ich nicht«) ist seine beliebte Ausrede, wenn ihm

eine Arbeit nicht paßt. Oftmals kommt es auch vor, daß er irgendeine

Krankheit beim Appell vorspiegelt, um sein bequemes Lager am Feuer

wieder aufsuchen zu können.

Kongoerinnerungen · 第 8 / 16 段