der Stätte der Sehnsucht so mancher Europäer, da hier die Mädchen
und Frauen, gleich Eva vor dem Sündenfall, in anmutiger Unschuld
ihren Körper vollständig nackt dem Auge darbieten. Je weiter man sich
vom Stanley-Pool entfernt, desto mehr verkürzt sich der kunstvolle
Faltenüberwurf der Negerinnen von oben als auch von unten, bis hier
in Upoto auch die letzte Hülle fällt und dem anfänglich erstaunten
Auge gleich einer antiken Statue den ebenmäßig schöngeformten Körper
enthüllt. Weder Mieder noch Schuh entstellt die schlanke Gestalt,
keinerlei Modekünste verunstalten den zierlichen Fuß. In harmonischer
Linie, ein einheitliches Ganzes bildend, erweckt das entblößte Weib
dem Beschauer nur Bewunderung für das Herrliche, was die Natur im
Frauenkörper geschaffen hat. Unbefangen gehen Frauen und Mädchen im
Evakostüm ihrer Arbeit nach, unbefangen sind ihre Bewegungen und Mienen.
So eigenartig es uns auch im ersten Augenblick anmutet, alle unsere
europäischen Anschauungen und Begriffe von Schamgefühl hier umgeworfen
zu finden, merken wir nach kurzer Zeit mit Erstaunen, daß der
unbekleidete, lebenskräftige Körper uns gar nicht erotisch berührt.
Ist es in Europa der ungewohnte Anblick eines Körpers, der gewöhnlich
sorgsam vor unserem Auge gehütet wurde? Liegt es in unserer Erziehung
oder anderer Lebensauffassung, oder nimmt der zufällig bloße Körper
einer Frau infolge des verletzten Schamgefühls Stellungen ein, die
unwillkürlich beim Betrachten erotische Gefühle hervorrufen? Kurzum
-- ich habe nichts dergleichen beim Anblick dieser Frauen gefühlt,
und nicht etwa aus dem Grunde, daß sie nach europäischen Begriffen
unschön wären. Der Europäer ist im allgemeinen geneigt, alle Neger und
Negerinnen häßlich zu finden. Auch hierin begeht er einen Irrtum. Wenn
man viele Jahre zwischen ihnen gelebt hat, bemerkt man, daß es zwischen
ihnen ebensowohl schöne als häßliche Menschen gibt, geradeso wie bei
uns Europäern. Ich habe im Laufe meiner vielen Reisen Negerinnen
gesehen, die es an Grazie, Wuchs und Gestalt mit jeder Europäerin
aufnehmen konnten.
Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß alte sowie schwangere Frauen die
Blößen ihres Körpers verdecken, nur Kinder, junge, gesunde Mädchen und
Frauen sind unbekleidet. Der Mangel einer Kleidung soll nicht bedeuten,
daß die Mädchen und Frauen Upotos verhältnismäßig nicht ebenso eitel
wie ihre Schwestern in Europa wären. Ihre Eitelkeit ist nur anderer
Art und besteht darin, unförmige Bündel von Perlen sich um den Hals zu
hängen oder schwere Messingringe (oft zwei bis drei Kilogramm schwer)
um Füße, Hals oder Hände schmieden zu lassen. Doch damit noch nicht
genug verunstaltet, werden Arme und Gesicht zu einer greulichen Maske
tätowiert.
In Upoto kam Janssen, mein zukünftiger Chef, an Bord und schlug mir
gegenüber gleich einen so kameradschaftlichen Ton an, daß wir sofort
gute Freunde wurden. Er hatte keinerlei Geheimnisse vor mir, zeigte mir
sämtliche Briefe und Instruktionen aus Brazzaville, und die nächsten
Tage vergingen wie im Fluge mit Plänen und Besprechungen.
[Illustration: Der Kongo bei Upoto.]
Wir passierten auf unserer weiteren Reise Basoko, an der Mündung
des Aruwimi, und Isangi, an der Mündung des Lomamiflusses gelegen,
und trafen nach 24tägiger Flußfahrt in Stanleyville, dem Endziele
unserer Reise, ein. Ich betrachtete Stanleyville eigentlich erst als
Ausgangspunkt meiner afrikanischen Laufbahn und das vorher Erlebte
gewissermaßen als eine Art Übergangsstadium.
Stanleyville liegt am rechten Ufer des Flusses unmittelbar unterhalb
des ersten der sieben verschiedenen Fälle und Katarakte, die
insgesamt unter dem Namen »Stanleyfalls« bekannt sind und der
Schiffahrt am Oberkongo vorläufig ein Ende setzen. Als Endstation
der Dampferlinien und Ausgangspunkt der Truppen, die nach dem Osten
gegen die revoltierenden Soldaten der Expedition Baron Dhanis und zur
Unterdrückung der Araberaufstände entsandt wurden, war Stanleyville
bereits Beginn 1899 eine ansehnliche Station und zählte gegen 42
europäische Beamte und Offiziere unter der Leitung eines =Commissaire
général=.
Unsere Ankunft fiel in eine kritische Periode. Stanleyville war vor
kurzem anläßlich der Kämpfe mit den Arabern und Suaheli der Schauplatz
blutiger Ereignisse gewesen. Gegen 35000 Suaheli (berüchtigte
Sklavenjäger und Mischvolk aus Arabern und den verschiedenen
Negerstämmen), die das Nutzlose weiterer Kämpfe eingesehen und sich
ergeben hatten, waren zwangsweise in der Umgebung von Stanleyville und
den Strom entlang, bis La Romée, angesiedelt worden. Diese unbotmäßigen
Horden zu regieren und ihrem Morden und Plündern Einhalt zu gebieten,
war keineswegs eine leichte Sache. Reibungen entstanden oftmals aus
geringfügigen Anlässen, und das Bewußtsein von der Übermacht dieser
Fanatiker gegenüber dem Häuflein von Europäern erweckte in uns das
Gefühl, auf einem Pulverfaß zu sitzen.
Kommandant Verdonk, der damalige Distrikts-, später Generalkommissar,
empfing uns auf das liebenswürdigste und händigte uns die Schlüssel der
Faktorei, die Herr Kiel ihm vor seiner Abreise übergeben hatte, aus.
Nach all den herrlichen Staatsposten, die wir im Laufe unserer Reise
besuchten, hatte ich mich natürlich in Gedanken oftmals gefragt, wie
wohl meine zukünftige Faktorei aussehen möge, und da der Kapitän
keine befriedigende Auskunft zu geben vermochte, mir in meiner regen
Phantasie ein kleines Schmuckkästchen, unter lauschigen Palmen oder
Mangobäumen hervorlugend, vorgestellt. Unsere aufs höchste gespannten
Erwartungen machten daher einer tiefen Niedergeschlagenheit Platz beim
Anblick der inmitten eines vollständig kahlen, zum Fluß abfallenden
Geländes gelegenen armseligen paar Gebäude, die unsere Faktorei
vorstellen sollten. Die ehemals diesseits des Flusses am Ufer entlang
liegende Kaffeeplantage war von unserem Vorgänger mit Stumpf und
Stiel ausgerottet und an deren Stelle auch nicht der leiseste Versuch
unternommen worden, das nunmehr vollständig kahle Terrain mit Nutz- und
Zierbäumen zu bepflanzen. An Baulichkeiten bestand vorläufig nichts als
ein kleines unansehnliches, provisorisches Haus mit zwei Räumen, dessen
einer als Schlafzimmer, der zweite als Waren- und Produktenmagazin
diente. Außer diesem provisorischen Gebäude hatte Kiel mit dem Bau
eines Magazins begonnen, von dessen einen Hälfte man hoffen konnte, daß
sie in den nächsten Tagen vollendet sein würde. Die ganze Einrichtung
war den Verhältnissen entsprechend höchst primitiv und nur für eine
Person berechnet, so daß es, vom Bett angefangen, am Nötigsten für mich
mangelte. Offenbar hatte unser Vorgänger seine ganze Aufmerksamkeit und
Energie einzig und allein dem Handel mit den Arabern und Eingeborenen
zugewendet und darüber seine eigene Bequemlichkeit vollständig außer
acht gelassen.
[Illustration: Mustapha mit Familie.]
Hier gab es Arbeit für uns beide in Hülle und Fülle. Ein komfortables
Wohnhaus, Bett, Tisch, Stühle, Schränke, kurzum, alles fehlte und mußte
geschaffen werden. Wir richteten uns also vorläufig so gut wie möglich
in den beiden Räumen ein und brachten die aus dem Dampfer entladenen
Waren und Lebensmittel mangels eines Magazins auf den Veranden und
in dem unvollendeten Bau unter. Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch
verließ uns der »Nfuma ntanga«, und wir hatten nunmehr Gelegenheit,
unser Personal etwas näher zu inspizieren.
Laut Angabe der Direktion sollte dasselbe aus dem schwarzen Schreiber,
der die Arbeiten eines europäischen Beamten verrichtete, und zwanzig
ausgewählten Männern von der Küste, darunter Schreiner und Schlosser,
bestehen. Die meisten dieser Leute, vor allem die Handwerker, hatten
jedoch die Faktorei gleichzeitig mit Kiel verlassen und waren an die
Küste zurückgekehrt. Zurückgeblieben waren nur fünf Mann, und diese
gehörten zu jener Kategorie von Leuten, die sich schnell irgendwo
eingewöhnen und dann auch dableiben. Sie hatten sich, wie wir bald
bemerkten, einen vollständigen Harem von Boys und Frauen zugelegt,
steckten mit den Arabern unter einer Decke und waren mit der Zeit träge
und faul geworden. Außer diesen sechs Mann von der Küste waren je nach
Bedarf zwanzig bis dreißig Suaheli unter der Leitung eines Chef-Capitas
mit Namen Mustapha auf der Faktorei, Sklaven des arabischen Oberhauptes
Shibu, die monatlich ausbezahlt wurden. In Mustapha hatte unser
Vorgänger entschieden eine glückliche Wahl getroffen. Er war von
zierlicher Gestalt, hellbrauner Farbe und gewinnendem Wesen. Seine
Gesichtszüge trugen arabischen Charakter und waren unstreitig
intelligent. Lippen und Nase waren im Gegensatz zu den Eingeborenen
schmal und edel geformt, Hände und Füße zart und sorgfältig gepflegt.
Die etwas hervortretenden Backenknochen und flammenden Augen gaben dem
Gesicht ein energisches Gepräge. Den europäischen Beamten und höheren
Sultans und Scheikhs gegenüber stets bescheiden und zuvorkommend, war
er gegenüber den Arbeitern und Negern stets der befehlende Gebieter,
dem sie unbedingt gehorchten. Dies ist in kurzen Umrissen das
Charakterbild des Mannes, der als Dolmetscher und im Umgang mit den
Arabern unser hauptsächlichster Führer und Berater wurde. In allem war
er versiert, in allem wußte er Bescheid.
Am Tage nach unserer Ankunft, und noch ehe wir Gelegenheit gehabt
hatten, uns völlig einzurichten, war Mustapha mit den arabischen
Häuptlingen der Umgebung, wie Habibu Ben Salim (der später vom König
Leopold in Brüssel in Audienz empfangen wurde), und Shibu, erschienen,
um uns zu begrüßen. Beide, imposante Greise mit herrlichen schneeweißen
Bärten, in golddurchwirkte, mit kostbaren Handarbeiten besetzte
Gewänder gehüllt, gefolgt von zahlreichem, vom Kopf bis zu den Füßen in
blendend weiße Hemden gekleidetem Volk, machten auf uns, die wir bisher
nur mit halb oder ganz nackten Wilden Handel getrieben hatten, einen
imposanten Eindruck. Da die gläubigen Araber, wenigstens öffentlich,
keinen Alkohol, auch keinen Champagner trinken, ließen wir ihnen
schwarzen Kaffee mit englischen Cakes vorsetzen. Mustapha vermittelte
das Gespräch als Dolmetscher, und wir erfuhren bei dieser Gelegenheit,
daß unser Vorgänger es verstanden hatte, sich ihre Freundschaft zu
erwerben. Mit der beiderseitigen Zusicherung, es auch fernerhin so
zu halten, versprachen sie, uns ausgiebig mit Elfenbein und Reis zu
versorgen.
Fußnote:
[4] =Katuka= -- schau, daß du fortkommst, =nyama= -- gleichbedeutend
mit »Vieh«.
Erste Besuche bei den Araberhäuptlingen.
Kiel hatte auf seiner Rückkehr nach dem »Pool« zirka 4000 Kilogramm
Reis von den Arabern mitgenommen, die er mangels genügender
Warenvorräte nicht hatte bezahlen können und schuldig geblieben war.
Diese Schulden zu begleichen, erachteten wir als unsere erste Pflicht.
Unser Hauptgläubiger residierte in Romée, und da unser Dampfer uns
bereits verlassen hatte, beschlossen wir kurz, sofort mit unserm
großen Kanu, das etwa 2000 Kilogramm an Waren sowie zwanzig Ruderer
bequem fassen konnte, dort hinzufahren. Das Boot hatte eine Länge von
etwa acht Meter und eine durchschnittliche Breite und Tiefe von 120
respektive 75 Zentimeter. In der Mitte befand sich ein Aufbau, eine
Art Blätterdach zum Schutz gegen Sonne und Regen, groß genug, um uns
beide in unseren Stühlen und sämtliche Waren unterzubringen. Dahinter
war aus Lehm eine Art Feuerstelle hergerichtet, worauf unser Koch
auch während der Fahrt unser Essen zubereitete. Ganz vorn und hinten
standen, gleichmäßig verteilt, zwanzig bis dreißig Ruderer, die, im
Takte singend, mit ihren lanzenförmigen Rudern das Boot vorwärtstrieben.
Wer die primitiven Werkzeuge der Neger aus Museen kennt, wird es
für ganz und gar ausgeschlossen halten, daß Negerhände damit den
langwierigen, viel Geschicklichkeit erfordernden Bau eines derartigen
Kanus ausführen konnten. Wenn man bedenkt, welche ungeheure Mühe es
erfordert, solch einen Urwaldriesen zu fällen, zu entrinden und mittels
Feuer und Hacken Splitter für Splitter auszuhöhlen, dann wird man einen
hohen Respekt vor der Arbeitskraft dieser Eingeborenen bekommen. Zu
berücksichtigen dabei ist noch, daß sich nur das härteste Holz und nur
Stämme dazu eignen, die ohne Äste und Fehler sind.
Als wir endlich alle im Boote untergebracht waren und unter dem
gleichmäßigen Takt eines Gongs und dem Jubelgesang der Ruderer, die
stromabwärts leichte Arbeit hatten, wie ein Pfeil über die Wasserfläche
dahinflogen, da pochte mein Herz laut im stolzen Hochgefühl und
der Gewißheit, endlich meine Träume erfüllt zu sehen. An einer
Anzahl Dörfer vorüber, deren Einwohner beim Passieren unseres Kanus
neugierig ans Ufer eilten, gelangten wir nach etwa zweistündiger
Fahrt zur Mission St. Gabriel de Sacré Coeur, deren Patres uns aufs
liebenswürdigste bewillkommneten und über Mittag zu Gast baten.
Der Pater Gabriel war ein äußerst jovialer Franzose, der uns über
die Anfänge seiner Mission und die tausenderlei Gefahren und
Schwierigkeiten, unter denen er zu leiden hatte, berichtete. Sein
Gefährte Pater van Dussen hatte uns an der Landungsstelle empfangen
und durch sein gespenstisches Aussehen einen für immer unvergeßlichen
Eindruck auf mich gemacht. Man stelle sich ein weit über das normale
Maß hinausreichendes Skelett in einer ebenso langen weißen Soutane
vor, darüber einen Bart, der nach allen Seiten in noch nie gesehener
Üppigkeit wucherte, und zwei kolossale, schwarze Augengläser, die den
Rest des gerunzelten, bis zu den Knochen abgemagerten, fahlen Gesichtes
völlig dem Beschauer entzog, da der übrige Teil desselben durch den
großen, breitrandigen Tropenhut vollkommen verdeckt wurde. Er war schon
sehr alt, der ehrwürdige Pater, und wußte viel Interessantes über
seine Erlebnisse in Südamerika, wo er viele Jahre bis zur Verstoßung
der katholischen Mission geweilt hatte, zu berichten. Still ergeben
in sein Schicksal, hatte er hier kurz vor seinem Lebensabend einen
neuen Wirkungskreis gefunden. Im übrigen waren beide äußerst vergnügt,
Gesellschaft auf ihrer einsamen Station zu erhalten, und überboten
sich trotz der bescheidenen Mittel, die ihnen zur Verfügung standen,
in ihrer Gastfreundschaft. Aus ihren Erzählungen erfuhren wir, daß vor
einigen Tagen zwei Missionsmädchen von großen Affen, die alljährlich
aus dem Innern an die Flußufer kommen, geraubt worden waren. Nach den
Schilderungen dürften es Gorillas oder Schimpansen gewesen sein. Als
Pater Gabriel sich mit einigen Soldaten auf die Verfolgung machte und
auf eines der Tiere schoß, ließ es das Mädchen von der Höhe fallen.
Dieses lebte noch, hatte jedoch infolge des Sturzes derartige innere
Verletzungen davongetragen, daß es binnen einigen Stunden starb. Die
anderen hatten mit dem zweiten Mädchen unter furchtbarem Brüllen das
Weite gesucht und konnten in dem tiefen Morast nicht weiter verfolgt
werden.
Nach herzlichem Abschied verließen wir gegen drei Uhr nachmittags Le
Sacré Coeur und fuhren weiter stromabwärts. An den Flußufern fanden
wir keine weiteren Dörfer vor. Dagegen wurden aus dem grünen Vorhang
des Waldes, der alles Lebende dahinter unserem Auge verhüllte,
langgezogene Töne und Ausrufe hörbar, die von Mustapha beantwortet
wurden. Eingeborene boten uns alle möglichen Gegenstände, darunter auch
Sklaven und Sklavinnen, zum Kaufe an. Der Sklavenhandel ist hier unter
den Suaheli noch in vollem Betrieb. Sklaven bilden den eigentlichen
Reichtum der Neger und werden gerade so wie andere verkäufliche
Gegenstände verhandelt.
Meine Unterhaltung mit Janssen verstummte allmählich, und ich gab mich
ganz der weihevollen Stimmung hin, die am Spätnachmittag über dem
Strom lag. Meine Sinne öffneten sich all dem Neuen, das sich mir hier
erschloß. Meine Blicke schweiften von dem vor mir trommelnden Mustapha,
dessen Wiege wahrscheinlich im fernen Osten in Sansibar gestanden
hat, und der so wie ich durch Schicksalsfügung mitten unter die
raubgierigsten aller Völker Innerafrikas verschlagen war, hinüber zu
den muskulösen, schweißtriefenden Gestalten unserer Ruderer. Das Auge
weidete sich an dem prächtigen Anblick dieser jungen lebenstrotzenden,
braunen Körper, die die Ruder mit taktmäßigem, wuchtigem Schlag durch
das glitzernde Wasser führten. Unwillkürlich blieb mein Blick an einer
der schmalen, feingeformten Hände hängen, dieser Rassenhand, die
ebensogut das Messer zückt, um das ungetreue Weib zu töten, als den
meuchlings niedergestreckten Feind in Stücke zu teilen, um ihn tief im
Innern der Urwälder, bis wohin die Gesetze der Europäer nicht reichen,
mit den Gefährten aufzufressen.
Wohin das Auge blickt, überall spielt sich der gleiche Kampf des
Schwachen mit dem Mächtigeren ab; es ist ein beständiger Streit
zwischen Sein und Nichtsein. Tief aus dem Gewirr von Bäumen und
stacheligen Pflanzen tritt unbemerkt ein kleines, schmächtiges
Keimchen hervor. Gleich einer Schlange schmiegt und ringelt es sich am
gewaltigen Stamme hinauf dem Licht der Sonne zu, die es zu neuem Leben
entfacht und ihm Kraft verleiht. Bald streckt es tausend Fühler aus,
die gleich Parasiten ihren Ernährer umarmen und von dessen Herzblut
leben. Einmal ans volle Licht gelangt, entwickelt das Pflänzchen ein
riesiges Laubgewinde und stößt Tausende von neuen Trieben aus, die
von den Baumkronen der höchsten Riesen bis zur Erde reichen. Mit
den Jahren werden sie so mächtig, daß sie ihren Ernährer in ihren
kraftvollen Armen ersticken und durch ihre eigenen Blätterranken des
notwendigen Lichtes berauben, bis ein Tornado Sieger und Besiegten zu
Boden schleudert.
[Illustration: Budjas-Frau.]
An schlanken ~Elais~palmen, an herrlichem Urwald vorüber, aus
dessen Tiefen uns ein aromatischer, die Sinne bestrickender Duft
entgegenströmte, glitt unser Boot. Hier flogen unter lautem Geschnatter
ein paar Enten auf, dort stürzte ein Fischadler auf seine Beute, wieder
kamen wir an Scharen schlafender Fledermäuse vorbei, die in Klumpen wie
reife Früchte an irgendeinem vollständig kahlen Baume hingen. Alles war
meinem freudetrunkenen Auge so neu und ungewohnt und versetzte mich in
einen völligen Taumel von Entzücken.
Bei einbrechender Dunkelheit erreichten wir unsere erste Etappe,
die englische Mission in Jakussi, und wurden daselbst von Sir Roger
und Mr. Williams auf das liebenswürdigste aufgenommen. Besonders
freudig überraschte es uns, in der Gattin unseres Gastgebers eine
reizende, anmutige Engländerin in dieser unwirtlichen Gegend
Innerafrikas kennenzulernen. Da wir der englischen Sprache mächtig
waren, verging der Abend in sehr vergnügter und angenehmer
Unterhaltung. Die Missionare erzählten von den Leiden und Freuden ihres
weltabgeschiedenen Lebens, während Mrs. Roger fünf bis sechs reizende
Mulattinnen im Alter von acht bis zwölf Jahren um sich versammelt
hatte und in die Geheimnisse der Näharbeit einweihte. Nach langer
Zeit schlief ich wieder einmal in weichen Federbetten in einem mit
europäischem Komfort eingerichteten Zimmer. Am anderen Morgen war alles
in großer Aufregung; ein Leopard war in der Station gewesen und hatte
einen der großen Hunde weggeholt.
[Illustration: Bambala-Mann.]
Frühmorgens verließen wir Jakussi, um unsere Reise stromabwärts
fortzusetzen. Nach dreistündiger Fahrt gelangten wir am rechten Ufer an
die erste arabische Niederlassung des Häuptlings Rumbee, der nach den
Aufzeichnungen unseres Vorgängers unser Hauptreislieferant war und für
uns 200 Sack auf Lager haben sollte. Dieser hatte, des langen Wartens
überdrüssig, seinen ganzen Vorrat bereits an den Staat abgegeben, so
daß wir das Nachsehen hatten. Wir bezahlten unsere alten Schulden und
erreichten endlich nach vielem Hin- und Herparlamentieren, daß er uns
versprach, Ende des nächsten Monates 200 Sack Reis nachzuliefern. Da
sich nach Mustaphas Aussagen auf dieser Seite des Stromes noch mehrere
Araberansiedlungen vorfanden, sandten wir unser Boot stromabwärts
voraus und gingen selbst zu Fuß durch die bald größeren, bald kleineren
Reisplantagen. Die Ansiedlungen der Suaheli zeichnen sich durch ihre
großzügige Anlage und ihre Reinlichkeit aus. Die Bauten sind in Pise
(Gerippe aus Holz, Aufbau aus einem Gemisch von Lehm und Termitenerde)
ausgeführt und gewöhnlich weiß, hellblau oder auch rosa getüncht.
Solch ein Gebäude besteht aus dem Frontbau mit Vorhallen und den
Schlafgemächern, an welche sich eine Hecke anschließt, die den Hof
und die Wirtschaftsgebäude umzäunt. In dem letzteren befinden sich
die Küche, Vorratskammer sowie Schlafgemächer für die unmittelbare
Hausdienerschaft. Der dazwischenliegende Hof dient zum Aufenthalt der
Frauen und des Geflügels. Die Wohnungen der Häuptlinge sind ebenso
gehalten, nur entsprechend größer und besitzen als besondere Merkmale
eine Säulenhalle oder eine schwere, mit eingeschnitzten Schriftzeichen
verzierte Tür. Bei wundervoll schönem Wetter machten wir einen
Spaziergang durch die verschiedenen Plantagen von Mais, Maniok,
Bananen, Yam, Bohnen und Reis, die die Suaheli am Flußufer entlang
angelegt hatten. Aus allen Türspalten, Nischen und über Hecken hinweg
lugten kleine Hausfrauen.
[Illustration: Wabongo-Mann.]
Beim letzten dieser Dörfer bestiegen wir wieder unser Boot und ließen
uns auf das linke Flußufer übersetzen, um dem Oberhäuptling von
~Romée~ Mansuri Ben Said, der über 15000 Suaheli gebietet, einen
Besuch abzustatten. Der alte Häuptling war vor kurzem gestorben, und
wir wurden daher von seiner ehemaligen Favoritin und ihrem Sohne,
seinem Nachfolger, empfangen. Wir zahlten auch hier alte Schulden
ab, hatten aber Mühe, ihn zu neuen Geschäften zu bewegen, da er mit
den Abgaben an den Staat im Rückstand war und fürchtete, seine Waren
würden in Stanleyville beschlagnahmt werden. Schließlich versprach er
uns für den nächsten Monat 500 Sack Reis und stellte uns auch einige
schwere Elfenbeinzähne in Aussicht. Wir hatten nunmehr unsere Arbeiten
erledigt und traten die Heimreise an. Jetzt lernten wir die Kehrseite
einer Kanufahrt kennen. Solange das Boot mit der Strömung fährt, geht
die Sache vorzüglich, stromaufwärts jedoch ist es eine andere Sache.
Schritt für Schritt, träge und faul schleicht das Boot trotz vermehrter
Arbeitskraft am Ufer entlang, jeder Meter vorwärts wird der Strömung
unter Aufbietung aller Kräfte abgerungen. Unsere Ruderer waren in
Schweiß gebadet, das fröhliche Singen hatte einer unwilligen und
mürrischen Stimmung Platz gemacht.
Langsam versank die Sonne als leuchtender Feuerball am Firmament. Große
Fledermäuse, Vampire und anderes nächtliches Getier huschte mit dunklen
Schwingen über die Wasserfläche, irgendwo in der Ferne heulte ein
Schakal jämmerlich. Zum Quaken der Frösche gesellte sich ein Orchester
von Baumgrillen und hundert anderen Insekten, die an dem nächtlichen
Konzert teilnahmen. Die Dunkelheit brach herein, und es begann langsam
zu regnen, so daß wir froh waren, endlich beim Häuptling Rumbee noch
kurz vor Ausbruch eines Orkans Unterschlupf zu finden. Meine Leute
hatten kaum genügend Zeit, den erstbesten Negerchimbeque (Hütte)
für Janssen und mich mit Beschlag zu belegen und dessen Einwohner,
primitive Bassengi, hinauszutreiben, als auch bereits ein wahrer
Wolkenbruch über uns niederging. Dazu war die armselige, niedrige
Hütte noch derartig mit Rauch angefüllt, daß wir uns trotz des Feuers
kaum sehen konnten. Unsere Boys hatten jedoch inzwischen alle unsere
Siebensachen aus dem Boote hierher ins Trockene gebracht, und es blieb
uns nichts übrig, als hier zu übernachten.
[Illustration: Wabongo-Frau.]