Oberkongo, überhaupt auf allen seichten Flüssen, hier im Gebrauch
stehen. Vorn, am Bug, saßen zwei Lotsen, welche während der ganzen
Dauer der Reise abwechselnd drei Meter lange Stöcke in der Art
einer Fischangel, auf der das englische Fußmaß eingekerbt ist,
ins Wasser tauchten und eintönig die Wassertiefe: =tanu=
(fünf), =samboanu= (sechs) ausriefen. Am rückwärtigen Teil des
Schiffes, gleich dem Rad einer Kornmühle, befand sich über der ganzen
Schiffsbreite das große Schaufelrad. Der Dampfer war bei der Ausfahrt
derart voll geladen, daß das Niveau des Unterdecks auf der gleichen
Höhe mit dem Wasserspiegel stand. Bei Stromschnellen, scharfen Kurven
usw., bei welchen das Boot in eine schiefe Lage kam, stand die eine
Seite des Unterdecks ganz unter Wasser -- eine Wahrnehmung, die mir
anfangs großen Schrecken einflößte, an die ich mich aber mit der Zeit
gewöhnte.
Frühmorgens wurde ich durch das Zischen des Dampfers, das Gejohle und
Geschnatter der Leute, die Kisten und Ballen durcheinanderwarfen,
aufgeweckt. Nach dem Frühstück mit dem Kapitän auf der Kommandobrücke
begab ich mich an Unterdeck, um dort Umschau zu halten. Unser Dampfer
war nämlich ein wahres Babel in bezug auf die verschiedenartigen
Negerstämme, die der blinde Zufall zusammengewürfelt hatte. Vom
zivilisierten Küstenneger in Hemd, Hosen und Schuhen, der entweder
aus Senegambien, Sierra Leone, Akkra oder dem Portugiesischen Kongo
stammt und die etwas mehr Intelligenz verlangenden Arbeiten eines
Maschinisten, Kochs oder Lavadeiro (Waschmann) verrichtet, bis zum
Bangala mit spitz zugefeilten Zähnen und Hahnenkamm auf der Stirne
waren alle Rassen Innerafrikas, selbst Kannibalen, vertreten. Ihr
fortwährendes Schnattern, Quaken und Schnalzen, ihr ärgerliches
Zanken und Streiten muteten ganz sonderbar an. Auf Holzkisten, Körben
und Bündeln jeder Größe, in denen ihre Habseligkeiten untergebracht
waren, hatten sie sich's bequem gemacht und ihr Lager, bestehend aus
einer einfachen Strohmatte, das bei den Vermögenderen durch ein paar
Decken vervollständigt wurde, aufgeschlagen. Darauf lagen sie nun
träge und faul über- und aufeinander, ein Wirrwarr von Füßen, Armen
und Leibern. Der eine war damit beschäftigt, direkt unter der Nase
des zweiten aus seinen Zehen Sandflöhe herauszuoperieren, ein anderer
ließ sich von seiner Frau die Haare scheren, unbekümmert darum, ob
dieselben in den Topf des Nachbars fielen, in welchem eben ein von
Verwesung grün gewordenes und das ganze Unterdeck mit seinem Gestank
verpestendes Stück Hippopotamusfleisch brodelte. Während ich noch
eben den Topf auf seinen Inhalt kritisch musterte, bemerkte ich, wie
einer der herumhockenden Neger seinen Koffer ausleerte. Mit einer
Anzahl schmutziger Kleidungsstücke flogen zugleich Spinnen, Kakerlaken
(große afrikanische schwarze Schaben), Russen und kleine Mistkäfer
heraus, ein Teil davon direkt in den brodelnden Topf. Die auf den
Boden geschleuderten Insekten hüpften und zappelten erschreckt, so
plötzlich aus ihrem dunklen Versteck gezerrt zu sein, dem erstbesten
Schlupfwinkel zu. Diesmal hatte jedoch der Koch die neue Würze und
den unerwünschten Zusatz zu seiner Speise bemerkt. Wutschnaubend
fuhr er den Unvorsichtigen an, und eine Flut von Verwünschungen und
kannibalischen Kraftausdrücken, wie =katuka bushman -- nyama=[4],
quollen aus seinen wulstigen Lippen hervor, während er sich bemühte,
die größeren Schaben mit dem einzigen Kochlöffel, den er besaß,
herauszufischen und zu zerdrücken; die kleineren blieben drinnen, da
es ihm ob solcher Bagatellen offenbar nicht der Mühe lohnte. Der Rest
des Ungeziefers hatte seinen Weg über Gesichter, Leiber und Beine der
auf dem Boden Liegenden hinweg in irgendeine Ritze gefunden, soweit sie
nicht durch die kleinen Jungen am Körper der Schlafenden zerdrückt und
zerschlagen worden waren. Eine der großen Spinnen fand auch durch den
Hosenschlitz Einlaß zu ganz empfindlichen Teilen eines Schlafenden.
Beim Freudengeheul der ganzen kleinen Bande, die dies besonders
unterhielt, wachte der Betreffende auf, warf wütende Blicke um sich
und suchte -- =sans gêne= -- in der Tiefe nach der Ursache des
Juckens! -- =Honni soit qui mal y pense!.=
Trotz der fortwährend wechselnden Szenerie, trotz all des Ungewohnten
und vollständig Neuen, was seit acht Tagen um mich vorging, trotz
aller unvorhergesehenen Ereignisse, die bei der Navigation in dem
gefährlichsten aller Flüsse, der unter seiner Wasserfläche bald
Sandbänke, bald Felsriffe und bald treibende Baumstämme trügerisch
birgt, vorkommen, konnte der Fahrt nach Befriedigung der ersten
Neugierde eine gewisse Eintönigkeit nicht abgesprochen werden. Hatten
die sengenden Sonnenstrahlen und die überstandenen Krankheiten den
Körper und das Gehirn bereits derart geschwächt, daß ich nicht mehr
so aufnahmsfähig war? Mir war oft, als lebte ich in einem beständigen
Traum, läge meine Kindheit wie ein Märchen, von einem Wolkenschleier
verhüllt, weit, weit hinter mir. Meine Erinnerung an die Lieben in der
Heimat schwand -- losgelöst von allen Fesseln, die mich bisher an die
Menschheit ketteten, wandelte ich wie im Traum dahin.
Ich saß oft stundenlang am Steven des Dampfbootes, und eine eigenartige
Musik, die nichts mit dem Irdischen gemein hat, klang mir beim
gleichmäßigen Takt der Schaufel, die das Wasser aufpeitschte, in den
Ohren. Bald wild und mächtig, bald als sanfte Liebkosung klang die
Melodie in mir ... Ich träume ... Es ist Abend. Tiefe Schatten lagern
zu beiden Seiten des Stromes. Die Dämmerung hat ihr dunkles Kleid über
die vor Sonnenglut schmachtende Erde gelegt und wirft fahle Schatten
über die Wasserfläche. Irgendwo aus dem rätselhaften Dunkel des Urwalds
klingt klagend ein langgezogener Schrei. Unheimlich hallt er über das
weite Land, wie von einer Seele in höchster Not und Pein. Und vor
mein geistiges Auge tritt der Herrscher dieser Gebiete, der Bayansi,
wie er im Schatten des Waldes sich eben anschickt, sein Opfer mit
bestialischer Grausamkeit hinzuschlachten. Noch einmal, diesmal jedoch
wie aus weiter Ferne und wie gebrochen, hallt der Schrei an mein Ohr --
-- --
[Illustration: Holzposten am Kongo.]
Unser Kapitän van den Andel, allgemein der »fliegende Holländer«
genannt, war ein Original seiner Art und vereinigte alle
Eigenschaften, sowohl die guten als auch die bösen, die den Flußfahrer
Innerafrikas kennzeichnen. Von Natur aus schweigsam und gutmütig
veranlagt, stand er oft den ganzen Tag auf der Kommandobrücke und zog
den Rauch aus der kurzen Pfeife, ohne den Mund aufzutun. Der Dienst an
Bord klappte aufs Haar; denn alle Leute, vom Steuermann angefangen bis
zum jüngsten Schiffsjungen, wußten genau, daß mit dem Kapitän nicht gut
Kirschen essen war. Hatte er doch erst kurz vorher einen baumlangen
Senegalesen, den stärksten Mann der Besatzung, der widerspenstig werden
wollte, mit einem wuchtigen Faustschlag zu Boden gestreckt.
Doch van den Andel hatte einen großen Fehler, nein, eine Leidenschaft,
die ihm zum Verhängnis wurde, da er ohne sie gewiß bereits »=Chef
de marine=« geworden wäre. Seine Leidenschaft, die Trösterin
verbitterter, einsamer Stunden, war der Alkohol. Des Abends, wenn er
zur Flasche griff und einige Gläschen »Schiedam« zur Stärkung der
verbrauchten Kräfte zu sich genommen hatte, wurde er gesprächig. Dann
erzählte er mir von all den Kollegen, die weit im Innern des Landes auf
einsamen, verlassenen Faktoreien saßen. Er kannte jeden einzelnen von
seinen jahrelangen Reisen. Er war es, der sie, wenn sie als Neuling von
Europa kamen, zu ihren Stationen brachte, durch ihn erhielten sie stets
die neuesten Nachrichten vom Unterkongo und ihren Kollegen im ganzen
Stromgebiet.
Je mehr die Literflasche »Schiedam« zur Neige ging, desto gesprächiger
wurde der Kapitän. Wehe dem Faktoreichef, der das Unglück hatte,
aus irgendeinem Grunde van den Andels Rachsucht auf sich zu ziehen.
An diesem blieb kein gutes Haar mehr, von diesem konnte er wahre
Schaudergeschichten erzählen. Jede Reise bot ihm Anlaß, durch seine
Vertrauten unter den Arbeitern allerhand Begebenheiten aufzuschnüffeln,
die dann in völlig entstellter Form bald hier, bald dort als Gerüchte
auftauchten und von Mund zu Mund weitergetragen und aufgebauscht
wurden. Aus oft ganz harmlosen Anlässen entstanden dann durch
phantastische Schilderungen haarsträubende Mißverständnisse, deren
Verbreitung im weiten Stromgebiet ihm allmählich zur zweiten Natur
geworden war, je mehr Krankheiten und Ärger aller Art sein stets
arbeitendes Hirn verwirrten. Tags über der gutmütigste Mensch, war
mit van den Andel abends, wenn er die Flasche neben sich hatte, nicht
zu spaßen. Geradezu gefährlich konnte er werden, wenn man seinen
Schaudermären nicht unbedingt Glauben schenkte.
[Illustration: Eingeborene bringen Lebensmittel.]
Ich entsinne mich noch ganz genau, daß er gegen Ende eines Abendessens,
anläßlich eines ganz harmlosen Widerspruchs eines der Gäste,
urplötzlich aufsprang, die Tischdecke mitsamt den Schüsseln auf den
Boden warf, sich auf seinen Gast stürzte und ihn im nächsten Moment von
der Kommandobrücke in den Fluß warf. Es hätte nicht viel gefehlt, und
der Fürwitzige hätte seine Unbedachtsamkeit mit dem Leben gebüßt.
Während der ersten Tage als einziger Passagier an Bord, glaubte ich
natürlich alle Geschichten aufs Wort und war ein aufmerksamer Zuhörer;
ich stand daher in besonderer Gunst bei ihm.
Nach achttägiger Fahrt, auf der wir die Posten Kimpoko, Kwamuth,
an der Mündung des Kasai-Flusses gelegen, die Mission Berghe Ste.
Marie, Bolobo, den Militärposten Yumbi und Lukolela berührt hatten,
näherten wir uns dem Äquator. Die Fahrt war reich an Abwechslung und
bot uns wiederholt Gelegenheit, auf Nilpferde, Krokodile, Reiher,
Gänse und Enten zu schießen. Einmal stießen wir auf eine Sandbank,
die von einer Herde Krokodile bedeckt war. Es mochten gegen zwanzig
Tiere sein, große und kleine, die bei unserer Ankunft, in Reih und
Glied marschierend, ins tiefe Wasser zogen. Es machte den Eindruck,
als ob die ganze Sandbank im Laufen wäre. Dann wieder eine Tagereise
stromaufwärts ragte eines Morgens eine etwa sechs bis acht Meter breite
und ebenso hohe graue Felswand aus dem Strom, die Kapitän van den
Andel nicht auf seiner Karte verzeichnet fand. Bei unserer Annäherung
veränderte sich das Bild, so daß wir mit unseren Gewehren hinfeuerten.
Nun geriet die Wand in stärkere Bewegung, und es zeigte sich, daß sie
aus etwa zehn bis fünfzehn Hippopotamus gebildet war, die durch- und
übereinanderlagen und schleunigst das tiefe Wasser aufsuchten.
Längs des Kongoflusses sind vom Staat etappenweise Holzposten
eingerichtet, die die Dampfer gegen eine geringe Entschädigung an
Stoffen und »Mitakos« mit Brennmaterial versehen. Der Mitako ist
ein zwölf bis fünfzehn Zentimeter langer, drei Millimeter starker
Messingstab, welcher an Geldes Statt einen bestimmten Wert, und zwar
je nach der Länge fünf bis zehn Centimes, repräsentiert. Ich vergaß
zu erwähnen, daß Geld vom Stanley-Pool ab als Verkehrsmünze nicht
gangbar ist. An dessen Stelle tritt der Mitako und am Oberlauf die
=Nsoka=, ein spatenförmiges Stück Eisen, aus dem die Eingeborenen
ihre Pfeilspitzen verfertigen.
Das Erscheinen des Dampfers ist für die Eingeborenen allemal ein
aufregendes Ereignis. Da der »Nfumu ntanga« im ganzen Stromgebiet als
guter Zahler bekannt war, eilte die Bevölkerung auf das dreimalige
Ertönen der Dampfpfeife, zum Zeichen, daß das Schiff anlegen möchte,
ans Flußufer. Oft schon binnen weniger Minuten waren die sonst
verlassenen Ufer schwarz von Menschen. Männer, Frauen und Kinder eilten
herbei, in ihren »Kisakos« (Tragkörbe) schnell alles herantragend,
dessen sie habhaft werden konnten.
=Nsusu= (Hühner), =mpata= (Enten), =njama= (Ziegen), =maki na nsusu=
(Eier), =nanasi= (Ananas), Palmöl in großen Steinkrügen, aber auch
=Mbidia=, eine Art Polenta, =matadi=, das Blatt der Maniokstaude als
Gemüse bereitet, geräucherte Heuschrecken, Termiten und ähnliche
Leckereien für die besonderen Feinschmecker wurden, sauber in Blätter
eingewickelt, von den Eingeborenen zum Kaufe angeboten.
Eines Tages sah ich wieder belustigt dem mir neuen, ungewohnten Leben
und Treiben am Ufer zu. Aus dem Handeln, Feilschen, Schnattern tönte
das Kreischen und Schelten alter Frauen, die stets sehr anspruchsvoll
sind und sich von ihren Sachen nicht trennen wollen, heraus. Da
bemerkte ich in der Ferne eine ältere Kokette, die offenbar bei ihrer
Morgentoilette überrascht worden war und nun, von der Angst, zu spät
zu kommen, getrieben, pustend, schwitzend und schnaubend dahergelaufen
kam. Ein Teil der Haare war in kleinen Zöpfchen und Strähnen, reichlich
mit rotem Tukulapulver und Palmöl vermischt, gedreht, während die
übrigen, wie beim Struwwelpeter, ihr wirr um den Kopf hingen. Zwei
enorme Brüste, die bis an den Nabel herunterreichten, baumelten beim
raschen Laufen klatschend gegen den aufgedunsenen, herabhängenden Leib,
der in der rückwärtigen Partie sein Gegenstück in einer unförmigen
Rundung fand. Keuchend vor Aufregung, die Schweißtropfen in langen,
roten Linien über Gesicht und Brust herabrinnend, hatte sie endlich
ihren schweren Korb zwischen die der anderen Megären niedergestellt und
stürzte sich sofort, wie das Raubtier auf seine Beute, auf ein paar
schwarze Arbeiter des Dampfers, die unschlüssig mit ihren Mitakos in
der Hand dastanden und offenbar nicht wußten, was sie unter all den
dargebotenen Schätzen kaufen sollten. Mit einer Selbstverständlichkeit,
die ihnen absolut keine Zeit zum Überlegen ließ, nahm sie ihnen die
Mitakos aus der Hand, klemmte sie zwischen die Oberschenkel unter
dem etwa fünf Zentimeter breiten »Schamfleck«, der ihr einziges
Kleidungsstück bildete, und gab jedem dafür eine gewisse Anzahl
»Chikoange« (gestampfte Maniokwurzel in Blätter gehüllt, an Stelle
unseres Brotes von den Eingeborenen verzehrt).
Dieselbe Prozedur wiederholte sie zu meinem Erstaunen soundso oft
mit dem gleichen Erfolg, noch ehe ihre Opfer aus ihrer Verblüffung
herausgekommen waren. Wagte ein besonders Mutiger eine Einwendung
gegen dieses summarische Verfahren, dann schleuderte sie ihm durch
ihre wulstigen Lippen eine derartige Flut von Verwünschungen und
Drohungen entgegen, stemmte ihre Arme in die Seiten und erhob ein
solches Geschrei, daß der Tapfere schleunigst das Feld räumte. Denn in
ihrem Zorn, der wie ein Blitz aus ihren Augen sprühte, war sie geradezu
furchtbar anzusehen, und jeder fürchtete offenbar, zur Schadenfreude
der anderen, noch eine Tracht Prügel obendrein zu erhalten. Als letzte
unter allen Frauen war sie gekommen -- als erste hatte sie ihren Stand
vollkommen ausverkauft. Dann nahm sie, ihre Umgebung mit mißtrauischen,
giftigen Blicken musternd, all die glänzenden Mitakos hinter ihrem
Schamschurz hervor und legte sie in Bündeln von je zehn vor sich hin.
Beim Durchmustern all der Frauen am Ufer bemerkte ich nicht ein
einziges junges Geschöpf. Die Männer halten die jungen Schönen im
Dorfe zurück, aus Angst, daß sie mit einem der Arbeiter auf dem Dampfer
entwischen könnten. Dies soll übrigens oftmals vorkommen, besonders
dann, wenn der Dampfer an solch einem Holzposten übernachtet.
An diesen Anlegestellen wurden vom Kapitän Hühner, Enten und Ziegen,
Eier, Ananas und andere Lebensmittel für die Schiffstafel gegen
=Chilulu mufike, Indigo blùe drill= -- Stücke =à= 4 Bras,
jede Bras 2 Yards -- Mitakos, Salz, Haumesser usw. eingetauscht.
Auffällig ist, wie mißtrauisch und habsüchtig die Eingeborenen sind.
Sie geben ihre Waren nicht eher aus den Händen, als bis sie die
volle Bezahlung dafür erhalten haben. Es liegt selbstverständlich im
Interesse jedes passierenden Kapitäns, streng darauf zu achten, daß
sowohl Brennholz als auch alle Lebensmittel gebührend bezahlt werden,
da er sonst bei seiner Rückkehr weder das eine noch das andere, wohl
aber dafür Pfeile für die Besatzung vorfinden würde.
Als warnendes Zeichen geben allenthalben abgebrannte Posten beredtes
Zeugnis von früheren Vorfällen. Die vom Staat hingesetzten Wärter
wurden von den Eingeborenen ermordet, und da die meisten Stämme dieser
Gebiete, wie Bayansi, Bambala usw., Kannibalen sind, aufgefressen.
Die Leute trugen ihre Hütten einfach einige Stunden weiter ins Innere
in unzugängliche Moräste und den Urwald, wo sie vor der Rache des
Europäers vollkommen sicher waren.
Wir berührten im Verlaufe der Reise auch hie und da Dörfer, die von
der Schlafkrankheit, jener furchtbaren Seuche, heimgesucht wurden,
die alljährlich Hunderttausende an Opfern fordert, ohne daß es damals
bereits trotz mannigfacher Versuche gelungen wäre, ein wirksames
Heilmittel zu ihrer Bekämpfung zu finden. Ehemals blühende Dörfer in
der Umgebung von Berghe Ste. Marie glichen einer vollkommenen Wildnis,
die Wege waren verwachsen, die Hütten zum Teil verfallen. Vor ihnen
hockten und kauerten auf zerrissenen Matten in der Sonne lebende
Skelette, grau von Schmutz und Schuppen, die knöchernen Arme flehend
erhoben, den Tod in den fahlen, tiefgeränderten, völlig glanzlosen
Augen. Hie und da wankte eines dieser entsetzlichen Gerippe ins Innere
des Hauses, um Nahrung für die anderen zu holen.
Weder alt noch jung, weder Mann noch Frau verschonte diese verheerende
Seuche. Sie alle waren dem Tode verfallen. Was im Bereiche des Dorfes
lag und weit darüber hinaus raffte er alles mit seiner unbarmherzigen
Sichel dahin. Ich sah einen Säugling an der vollkommen versiegten
Mutterbrust, aus der mangels Milch ihr rotes Herzblut floß. Kinder
streckten ihre knochigen Arme mir entgegen. Erheben konnten sie sich
nicht mehr, sondern nur auf allen vieren kriechen. Diese geisterhaften
Kinder sahen so still und allwissend aus, das Unerforschliche, der Tod,
hatte sich ihnen bereits offenbart. Herzerschütternd wirkte solch ein
Anblick, und tief niedergedrückt verließ ich die traurige Stätte.
Wir passierten Irebu, eine größere Garnisonstadt, in der die neu
eingereihten Rekruten ausgebildet werden, hierauf Equateurville,
die ehemalige Hauptstation des Oberkongo, und eine Stunde später
Coquilhatville, unmittelbar am Äquator gelegen. Schräg gegenüber Irebu
mündet der Ubangi, einer der bedeutendsten Nebenflüsse des Kongo.
Dieser selbst gleicht im oberen Lauf einem Binnensee, dessen Breite
zwischen 18 und 25 Kilometer wechselt.
Coquilhatville liegt auf einer Anhöhe am linken Flußufer und ist eine
der größten und schönsten Stationen am Kongo. Freilich auf den Neuling,
der unmittelbar aus Europa kommt, und vielleicht erwartet, zwischen
Palmen moderne städtische Wohnhäuser zu finden, wird Coquilhatville,
wenn der Dampfer um die Waldspitze unterhalb der Station biegt, keinen
besonders imposanten Eindruck machen. Wer aber selbst nach drei-,
vierjähriger Dienstzeit Gelegenheit gehabt hat, eine Station in
irgendeinem Winkel des großen Urwaldes zu erbauen und händeringend vor
dem ersten eigenen, windschiefen, architektonischen Erzeugnis gestanden
hat, der weiß zu ermessen, welch ungeheure Arbeit Menschenhände hier
geleistet haben. Der Weg führte auf eine terrassenförmig aufgebaute
Anhöhe, auf der stolz am hohen Flaggenmast die blaue Fahne mit dem
gelben Stern im Felde im Winde weht, und verzweigt sich von hier
aus über das Plateau in verschiedene Mangoalleen, die auf eine
Kaffeeplantage führen. Im Schatten der Bäume, von kleinen Ziergärten
umgeben, lugen die europäischen, in roten Ziegeln aufgeführten
Gebäude mit drei Meter breiten, luftigen Veranden äußerst lieblich
und einladend hervor. Inmitten der Station vor dem Gebäude des
Distriktskommissars befindet sich ein großer, freier Platz, der als
allgemeiner Sammelplatz morgens beim Appell für Europäer und Mannschaft
dient. Die Anlagen, welche auf tausend Meter im Umkreis bis in die
Felder der Eingeborenen führen, sind mit Flamboyants, Bananen, Papay-
und Goyavenbäumen bepflanzt. Ananasstauden säumen sie ein. Hinter
der Station befindet sich ebenfalls eine Kaffeeplantage, die bei
unserer Ankunft in voller Blüte stand. Die samtartigen, schneeweißen
Sternblüten erfüllten die Luft mit aromatischem, süßem Duft. Ich habe
Coquilhatville als größere Station absichtlich etwas näher beschrieben,
weil alle anderen Staatsposten am Flusse mehr oder weniger dasselbe
Gepräge tragen.
Wie bereits erwähnt, gleicht der Kongo hier einem Binnensee. Unser
Dampfer bahnte sich mühsam zwischen Sandbänken und Inseln seinen Weg.
Mehrmals fuhren wir auf Sandbänke auf. In den meisten Fällen kamen
wir aber nach kurzer Anstrengung, und nachdem sämtliche Arbeiter ins
Wasser gesprungen waren und mitgeholfen hatten, wieder los. Lulanga und
Nouvelle Anvers passierten wir ohne Unfall.
Am 15. April mittags brach ein Tornado über uns herein, der uns mitten
auf dem Strome überraschte und uns allen fast zum Verhängnis wurde.
Der Morgen begann mit feinem Regen, später wurde es empfindlich kalt,
tiefer Nebel legte sich im Laufe des Vormittags auf die Wasserfläche,
so daß die Orientierung ziemlich schwer wurde. Gegen Mittag vernahmen
wir in der Ferne ein Rauschen und Brausen in den Wipfeln der Bäume, das
immer tosender wurde und sich mit rasender Geschwindigkeit uns näherte.
Van den Andel versuchte sofort, das Schiff durch die in der Fahrtrinne
unter Wasser liegenden Sandbänke in die Nähe des Ufers in Sicherheit zu
bringen, doch der herannahende Orkan überholte uns. Unter Heulen und
Sausen fegte der Sturm über uns her, und der Donner krachte. Prasselnd
zog eine undurchdringliche Regenwand über das Wasser her und ging
wie eine wahre Sintflut über uns nieder, alles, was nicht niet- und
nagelfest an Bord verstaut war, mit sich in den Strom reißend. Mächtige
Orkanstöße trafen das Schiff von einer Seite, so daß es zu kentern
drohte. Unwillkürlich flüchtete alles vor der Wucht der Regenmassen
auf die andere Seite des Dampfers. Der Kapitän stürzte, in der Rechten
die Nilpferdpeitsche, in der Linken den Revolver, ins Unterdeck und
peitschte unbarmherzig auf die nackten Leiber der vor Todesangst
heulenden und »Kilima«, ihren Gott, anrufenden Neger, um sie auf die
andere Seite zu treiben, welche unbedingt belastet werden mußte,
wollten wir nicht alle eine Beute der Krokodile werden. Inzwischen
zuckten Blitze und krachte der Donner unaufhörlich. Unser Dampfer war
»mit höchster Geschwindigkeit« auf eine Sandbank aufgefahren, wurde vom
Wirbelwind erfaßt, wie ein Kreisel um sich gedreht und, ein Spielball
von Wind und Wetter, stromabwärts getrieben. Die Stahltrossen beider
Anker, die wir bei der ersten Sandbank ausgeworfen hatten, waren von
der Wucht des Sturmes wie Zwirn zerrissen worden. Die überirdischen
Mächte hatten ihren Riesenmund aufgetan und zu reden begonnen, die
gewaltigen Urwaldstämme wurden vom Sturm mit mächtigen Fäusten gepackt
und inmitten von Feuer und Flammen der niedersplitternden Blitze mit
donnerartigem Krach zu Boden geschleudert. Himmel und Erde berührten
sich in den herabstürzenden Wassermassen, die Hölle schien ihren
Schlund geöffnet zu haben.
Völlig machtlos, wie eine Nußschale, war unser Dampfer einige hundert
Meter stromabwärts gegen eine breite, unter Wasser liegende Sandbank
getrieben, die seinem weiteren Lauf glücklicherweise ein Ziel setzte.
Hier blieb er festsitzen -- wir waren gerettet. Wohl eine halbe
Stunde mochte der Himmel all seine Schleusen über uns geöffnet haben,
ehe wir wagten, wieder freier aufzuatmen und die Schäden, die der
Tornado angerichtet hatte, näher zu betrachten. Wir saßen zwar auf der
Sandbank fest, doch der Dampfer hatte mit Ausnahme der zwei gesprengten
Stahltrossen und Anker, die sich übrigens bald wieder vorfanden,
keinerlei Schaden genommen. Dagegen hatten wir zwei Ziegen, sämtliche
Hühner und Enten sowie einen Teil der kleinen Bagage unserer Mannschaft
eingebüßt, ein Verlust, der in Anbetracht der schweren Gefahr, in der
wir alle geschwebt hatten, nicht bedeutend war. Unser Glück wollte, daß
gerade der Dampfer »Schattenstroem« gesichtet wurde, der auf unsere
Notsignale hin uns Hilfe brachte, so daß wir binnen drei Stunden von
der Sandbank loskamen.