der Tiefe, winkt der Kongofluß mit den bekannten Jellala-Katarakten
und Strudeln. Gleich einem Band schmiegt sich der schmale Bahnkörper
an die mächtige überhängende Felswand. Ein Lockern der Schienen an
irgendeiner Stelle würde den Zug 300 Fuß senkrecht in die Tiefe stürzen
lassen, wie dies beim Bau der Bahn wiederholt vorgekommen sein soll.
Wir wagten gar nicht daran zu denken. Bei der nächsten Biegung bot
sich unseren Augen der Ausblick auf einen schäumenden Wasserkessel.
Vor uns, gleich zwei Dolomitentürmen, ragten zwei Felskegel, rings
von rötlichem Gestein und vereinzeltem Strauchwerk umgeben, senkrecht
empor. An dieser Stelle mündet der Pozo, ein kleiner Gebirgsfluß,
der über große Granitblöcke, wie Champagner perlend, in die Tiefe
stürzt, in den Kongo ein. Wir folgten dem Laufe dieses Wildbaches
etwa eine halbe Stunde stromaufwärts. Zu beiden Seiten genossen wir
einen Ausblick, wie er nirgends auf der Welt schöner zu finden ist.
Phantastisch zerklüftetes Felsengebirge, von den ersten Sonnenstrahlen
mit zartem Rosahauch übergossen, formt bald große Dome, bald trägt es
wieder den Charakter der Dolomiten. In der Tiefe rauscht der tosende
Wildbach zwischen Felsblöcken dahin, bald einen Wasserfall, bald ein
großes Sammelbecken bildend. Kaleidoskopartig ziehen alle diese
Bilder an unseren Augen vorbei. In raschem Lauf erklomm der Zug, von
zwei kräftigen Bergmaschinen getrieben, in langen Spiralen das vor uns
liegende Hochgebirge.
Behaglich in einem drehbaren, federnden Madeirafauteuil sitzend,
wandte ich mich meinem Gegenüber, dem Kommandanten der französischen
Tschadsee-Expedition, Gentil, zu, der mir in den nächsten Tagen
viel Interessantes über seine Feldzüge in Tongking und gegen die
chinesischen Piraten erzählte. Wir teilten den Waggon nur noch mit
zwei Missionaren der Missionsstation »Kimuenza«, mit denen wir uns im
weiteren Verlaufe der Reise noch anfreundeten. Vorläufig waren sie noch
mit ihrem Frühstück aus der mitgebrachten Proviantkiste beschäftigt.
Moderne Speisewagen und Restaurants gab es auf dieser Linie noch nicht.
Jeder Reisende hatte Proviant für zwei Tage, also für die Reisedauer,
mitzunehmen.
[Illustration: Eine Kurve der Kongobahn.]
Nach einiger Zeit hatten wir den höchsten Punkt der Trasse erreicht
und warfen noch einen Blick zurück. Der Pozo schlängelte sich einige
tausend Fuß unter uns gleich einem Faden dahin. Wir hatten nunmehr eine
Art Hochplateau erreicht und eilten bald an kahlem Felsgestein, bald
an Sümpfen, an kleinen Wäldern und Morast vorbei. Jede Viertelstunde
hielt der Zug still, um die Wasserkessel neu zu füllen, da der
Dampfverbrauch bei der großen Steigung sehr groß ist. Gegen Mittag
erreichten wir die Waldzone.
Von der Glut der Sonne zu grenzenloser Kraftentfaltung getrieben,
reckt der Urwald überall, wo Gewässer durch den stehenden Schlamm der
dunklen, schattigen Moräste rieseln, ein Blätterdach von unendlicher
Mannigfaltigkeit gegen den Himmel. In dem dunklen, rätselhaften
Schatten dieser Vegetation wogt ein beständiger unerbittlicher Kampf um
die Lebenskraft, um das Licht. Stahlharte Kautschukmuskeln in Gestalt
einer rankenden Liane, aus einem schwanken Reis im Laufe der Zeit
zum furchtbarsten Gegner emporgewachsen, umklammern den Körper der
Urwaldriesen, um in unaufhörlichem Durst deren Herzblut auszusaugen und
sie schließlich zu Boden zu zwingen.
Unser Zug raste mit Windeseile dahin, vorbei an kolossalen, aus Lianen
aller Art bestehenden Triumphbogen, vorbei an Lichtungen, wo Bananen,
Palmen und tausenderlei Blattpflanzen eine Welt für sich bilden.
Unser Auge weidete sich freudetrunken an den herrlichen Schätzen, die
uns die Natur enthüllte und in der Phantasie ahnen ließ. Gegen 6 Uhr
abends kamen wir in Thysville an und unterbrachen hier die Fahrt, da
die Strecke nachts nicht befahren werden kann. Wir fanden hier in den
verschiedenen Faktoreien behaglich eingerichtete Zimmer vor und nahmen
sofort ein erfrischendes Bad, um uns von den Strapazen der Reise zu
erholen.
Am folgenden Morgen, gegen 8 Uhr, setzten wir die Reise fort. Diese
führte wieder größtenteils durch herrlichen Urwald. Wir waren in
der sogenannten Waldzone angelangt, und das Zirpen der Baumgrillen,
das Kreischen der Papageien und Lockrufen einer Menge anderer Vögel
übertönte das Getöse des dahineilenden Zuges.
Ein Ruf höchster Bewunderung entrang sich unser aller Lippen, als
nachmittags, nach einer kurzen Steigung plötzlich zu unseren Füßen
der Stanley-Pool in silbernem Blau erglänzte. Gleich einem Binnensee
glitzert und spiegelt die unermeßliche Wasserfläche, soweit das
Auge reicht, in allen Tönungen, vom zartesten Grün bis zum tiefsten
Dunkelblau, während in weiter Ferne, ganz am Horizont, Kreidefelsen
-- auch Dover Cliffs genannt -- das Panorama wie eine Gletscherkette
abschließen.
Nach einer kleinen Viertelstunde Fahrt am Ufer des Pools entlang
erreichten wir Kinschassa, das vorläufige Ziel meiner Reise, während
der Zug noch ein kurzes Stückchen weiter bis nach Leopoldville, im
Volksmund kurz »Leo« oder auch »Kintambo« genannt, ging.
[Illustration: Faktoreigebäude Kinschassa.]
Hier wurde ich von Herrn Tours, dem Chef der holländischen Faktorei,
welcher von meiner Ankunft bereits telegraphisch verständigt war,
empfangen und auf das liebenswürdigste bewillkommt.
Der Stanley-Pool ist gewissermaßen das Tor Innerafrikas, der
Ausgangspunkt der Schiffahrt nach dem oberen Kongo und seiner
zahlreichen Nebenflüsse. Um voll zu verstehen, was der Kongo, dieser
mächtigste Fluß Zentralafrikas, als natürliche Verkehrsader für die
Nutzbarmachung des Riesenreiches mit einem Flächeninhalt von rund
2260000 Quadratkilometer bedeutet, muß man sich vergegenwärtigen, daß
etwa 14200 Kilometer des Flußsystems schiffbar sind, was, auf unsere
europäischen Verhältnisse übertragen, ungefähr der Gesamtausdehnung der
Küsten des Mittelmeeres (etwa 14500 Kilometer) gleichkommt.
Infolge seiner zentralen Lage als Endpunkt der 500 Kilometer langen
Eisenbahn und als Stapelplatz des Verkehrs nach dem Inlande ist
Leopoldville dazu berufen, dereinst die Hauptstadt des Kongostaates
zu werden. Kinschassa, unweit Leopoldville am Stanley-Pool inmitten
hundertjähriger Baobabriesen anmutig gelegen, bildet eine Art Vorstadt,
das Faktorei-Viertel der Metropole. Mit Leopoldville ist es durch eine
breite Allee verbunden, welche dem Pool entlang durch Ansiedlungen der
Eingeborenen der Umgebung führt und zu beiden Seiten mit Mangobäumen
und Baobabs bepflanzt ist.
Gleich nach unserer Ankunft in Kinschassa gingen wir zu Fuß nach
Leopoldville. Von der einsamen langen Wanderung sahen wir uns mitten
in das Großgetriebe eines afrikanischen Hafenplatzes versetzt. Lange
Kolonnen von Trägern mit ihren Lasten von Ballen, Kisten oder Koffern
auf dem Kopf treffen von den verschiedenen Richtungen her am Hafen ein
und bringen die Landesprodukte entweder sofort an Bord der verankerten
Schiffe oder reihen sie am Quai unter Aufsicht von europäischen Beamten
ein. Andere Gruppen wieder laden die kostbare Ladung von Rohgummi
und Elfenbeinzähnen aus den Dampfern direkt in die bis an die Quais
heranfahrenden Eisenbahnwaggons um. Das Getriebe am Hafen läßt sich
am besten mit einem Ameisenhaufen vergleichen. Der erste Eindruck
des oberflächlichen Beschauers ist der eines wirren Durcheinanders,
eines widersinnigen Hin- und Herlaufens. In Wirklichkeit aber herrscht
musterhafte Ordnung, strenge Aufsicht und Zucht. Jede der hier
arbeitenden Kolonnen steht unter Kontrolle eines europäischen Beamten.
Alle die Fäden dieses komplizierten Betriebes, der viel Umsicht
erheischt und von dessen tadellosem Funktionieren das Schicksal von
Menschenleben tief im Innern des Landes abhängt, vereinigen sich in der
Hand des Distrikts-Kommissars, des Allgewaltigen von Leopoldville, der
über das Ganze gebietet, und ohne dessen Einwilligung kein Dampfer den
Hafen verlassen darf.
Was jeden Neuling am Hafen in erster Linie fesselt und seine
Aufmerksamkeit an sich zieht, ist die ganz eigenartige Bauart der
Dampfer. Der Kongo verbreitert sich in seinem Oberlauf, an der
sogenannten Äquatorialkurve, zu einem unendlich langen Binnensee.
Stellenweise ist der Fluß bis zu 18 Kilometer breit. Ausgedehnte
Inseln und Sandbänke verlegen das Flußbett und hemmen die Schiffahrt.
Der Verkehr ist zu normalen Zeiten schwierig, besonders aber zu
Zeiten der Trockenperiode, bei niederem Wasserstand, wo einzelne
Durchfahrtsstellen kaum fünf bis sechs Fuß, d. h. 1,50 bis 1,80 Meter
tief sind. Diesem Umstand mußte nun bei der Konstruktion der Schiffe
Rechnung getragen werden. Es entstand ein ganz eigenartiger Typ von
Raddampfern -- sogenannte Flachboote -- die im Verhältnis zur Länge
sehr breit sind, geringen Tiefgang besitzen und von einem großen
Schaufelrad, das am Hinterteil des Schiffes, ähnlich einem Mühlenrad,
angebracht ist, getrieben werden. Maschinen, Heizanlagen und Kessel
sind im Unterdeck eingebaut, und auch ein Teil der Ladung, der auf
Deck nicht untergebracht werden kann, und Brennholz zur Speisung der
Maschine, muß daselbst verstaut werden. Darüber befinden sich die
Kabinen des Kapitäns und der Passagiere sowie die Kommandobrücke.
Zur Zeit meiner ersten Reise galten 50 Tonnen Laderaum schon als
respektabel; späterhin wurden von der Regierung Dampfer in Dienst
gestellt, die bis zu 250 Tonnen Ladung fassen konnten.
[Illustration: Kongodampfer.]
Eine breite Allee führt an Ziergärten und reizenden Villen mit
breiten Veranden vorbei zur »Grande Place«, wo sich auf einem Sockel
mit dem Bildnis König Leopold =I.= eine prachtvolle weibliche
Figur als Sinnbild der »Zivilisation«, die Schöpfung eines dänischen
Offiziers, erhebt. Von hier aus führen mehrere mit Ananas-, Mango- und
Papaibäumen bepflanzte Alleen in alle vier Windrichtungen. Wir folgten
einer derselben und gelangten auf eine Anhöhe, von der aus wir einen
prächtigen Rundblick genossen.
Zu unseren Füßen, lieblich am Gestade des Pools inmitten von
Palmenhainen und kleinen Ziergärten gelegen, schmiegt sich die
Villenkolonie von Leopoldville an das sanft ansteigende Gelände. Die
kleinen Einfamilienhäuschen mit den luftigen Veranden und weißen
Dächern lugen anmutig aus dem Grün hervor und machen den Eindruck
behaglichen Komforts.
In leuchtender Apotheose versank der Sonnenball gleich einer
Feuerkugel am Horizont, flammende Strahlenbündel vom hellsten Rot
bis zum zartesten Smaragdgrün in allen Regenbogennuancen zum Äther
emporsendend. Der Stanley-Pool erschien in flammende Lohe getaucht;
auf seiner spiegelnden Wasserfläche schimmerten Myriaden leuchtender
Blutstropfen; die in weiter Ferne, am Nordende des Pools gelegenen
Kreidefelsen erstrahlten im magischen Alpenglühen. Doch nur kurze Zeit
wahrte die prächtige Farbensinfonie; die hellen Akkorde verklangen und
gingen in Moll-Tönungen, die bis zum tiefsten Violett hinunterreichten,
über. Bald schwanden auch diese dahin, und die weichen Konturen der von
der Sonne bestrahlten Landschaft nahmen plötzlich härtere Linien an.
Ein tiefer Ernst war über die Natur gekommen; ein leichtes Frösteln
durchschauerte den Körper und mahnte zur Heimkehr.
Das Angesicht des Stanley-Pools hatte sich völlig verändert.
Schwarze Felsmassen und unwirtliche Inseln ragten tückisch über den
Wasserspiegel empor und zauberten unheimliche Trugbilder vor die Sinne.
Hier und dort stiegen Myriaden giftiger Keime aus ihren feuchten
Brutstätten empor und ballten sich zu bläulichen Nebelschwaden,
die im nächtlichen Reigen auf und nieder wallten. Diese in Europa
als Bodennebel bezeichneten Dunstmassen bergen in den Tropen die
heimtückischen Malariaträger, die für den eingewanderten Europäer
entweder den Tod oder lebenslängliches Siechtum bedeuten. Eine innere
Stimme warnte uns, nicht länger hier draußen zu verweilen, sondern
ungesäumt das schützende Heim aufzusuchen. Wir wurden uns bewußt, daß
unsichtbare, feindliche Mächte uns umlauerten, daß in den Tiefen des
Stanley-Pools, der tagsüber, solange er von der Sonne beleuchtet ist,
dem friedlichen Himmel gleicht, das raubgierige, gefräßige Krokodil auf
den Einbruch der Nacht wartet, um unter dem Schutz der Dunkelheit sein
nasses Reich zu verlassen und die ahnungslose Beute zu überfallen.
Nach dem Glauben der Neger Innerafrikas gehört die Nacht den bösen
Geistern und verfluchten Seelen, die bald in der Gestalt eines
Leoparden, Krokodils oder einer giftigen Schlange alle diejenigen, die
das schützende Dach verlassen, dahinmorden.
[Illustration: Häuptling mit Familie im Festschmuck.]
Welche Gründe eigentlich dafür maßgebend waren, daß die Direktion
der N. A. H. V.-Oberkongo-Abteilung auf französisches Gebiet, nach
Brazzaville auf dem gegenüberliegenden Ufer des Stanley-Pools, verlegt
wurde, ist mir stets ein Rätsel geblieben. Die Meinungen darüber sind
geteilt. Die einen sprechen von Divergenzen mit den Machthabern des
neuerstandenen belgischen Kongostaates, die anderen leiten die Tatsache
aus dem Umstande ab, daß ein Großteil der Faktoreien im Gebiete des
französischen Kongo liegt. Vielleicht waren auch die Eingeborenen am
jenseitigen Ufer friedlicherer Natur. Ich überlasse dem geneigten
Leser die Wahl einer der drei angeführten Gründe. Tatsache ist, daß
Brazzaville zum Sitze des Direktors der Oberkongo-Abteilung auserkoren
wurde und es bis zum heutigen Tage geblieben ist.
Meine Ankunft in Kinschassa war in Brazzaville bereits bekannt, und am
nächsten Morgen holte mich unser kleiner Schraubendampfer »Wendeline«
zu einem Besuch daselbst ab.
Noch lagerten dichte Nebelschwaden über der Fläche des Stanley-Pools,
als wir ins Ungewisse hinausfuhren. Doch unser Kapitän kannte die Route
ganz genau; er hatte sie von seinen täglichen Reisen gewissermaßen in
der Hand, und sicher führte sein Steuer uns an großen Felsblöcken oder
Teilen einer Insel, die plötzlich in gespensterhafter Größe aus dem
Nebelmeer hervortraten, vorbei. Spukgestalten gleich, von der Brandung
umtost, schwanden sie dahin, als bestünden sie in Wirklichkeit gar
nicht, sondern wären nur Ausgeburten einer geängstigten Phantasie.
Ein unheimliches Gefühl überkam mich bei dieser Fahrt ins Ungewisse.
Der kühle, feuchte Nebel drang durch das leichte Tropenkostüm, legte
sich wie ein Alp auf die Brust und machte einen vor Kälte erschauern.
Trompetensignale, Trommelwirbel und das Tuten von Dampfpfeifen deuteten
auf die unmittelbare Nähe von Leopoldville hin, doch weder Ufer noch
Stadt waren sichtbar.
Der Dampfer machte jetzt eine scharfe Wendung nach Steuerbord. Aus
dem Nebelmeer vor uns stieg eine größere Sandbank mit bewaldetem
Hintergrund gespenstisch empor. Der Kapitän bezeichnete mir diese
Insel als die »Insel der dem Tode Geweihten«. Eine elende Baracke --
das Infektionsspital -- erhebt sich einige Schritte vom Ufer. In ihr
kampieren Pockenkranke im vorgeschrittenen, unheilbaren Stadium. Diese
Bedauernswerten, die eine beständige Gefahr für ihre Umgebung bilden
und nicht mehr zu retten sind, werden auf die völlig abgeschiedene
Insel gebracht, um hier ihr jämmerliches Dasein zu beschließen.
Allwöchentlich einmal bringt ihnen eine Barkasse aus Leopoldsville das
Nötigste an Nahrungsmitteln. Stirbt einer dieser Unglücklichen, so
wirft man ihn ins Wasser, den Krokodilen und Fischen zum Fraß!
Weiter ging unsere Fahrt in raschem Tempo.
Als feuerroter Glutball war die Sonne inzwischen aus den Nebelschwaden
emporgestiegen. Noch besaßen ihre Strahlen nicht die Kraft, die Macht
der Finsternis zu bannen und die dichten Nebelschleier zu durchdringen.
Gelang es dennoch hier oder dort ihren milden Strahlen, siegreich
eine Bresche in die wallenden Dunstmassen zu schlagen, dann trieb ein
Lufthauch sofort neue Nebelmassen heran. Kurze Zeit nur währte der
ungleiche Kampf mit dem Tagesgestirn um die Vorherrschaft. Königin
Sonne, mit dem flammenden Schwert umgürtet und dem leuchtenden
Prunkgewande der Morgenröte angetan, blieb Siegerin, vor deren
wärmespendenden Strahlen der Nebel schließlich zerriß und verschwand.
Wir waren allmählich in die Mitte des Stanley-Pools auf halbem Wege
zwischen Leopoldville und Brazzaville gelangt; die Trompetensignale
und Trommelwirbel von beiden Ufern drangen wie aus weiter Ferne zu
uns. Dagegen zog ein zunehmender Schall, wie das Tosen von über
Felsen stürzenden Wassermassen oder das Brechen der Brandung, meine
Aufmerksamkeit auf sich. Über die Ursache dieses Getöses befragt,
erklärte der Kapitän kaltblütig, daß er infolge des Nebels und der
Gefahr von Kollisionen mit den von Leopoldville ausfahrenden Dampfern
genötigt war, eine Route zu nehmen, die knapp oberhalb der berüchtigten
Stromschnellen, die der Kongofluß beim Austritt aus dem Stanley-Pool
bildet, führte. Wir überquerten demnach den südwestlichen Teil des
Pools, der wegen der Nähe der Katarakte und der Gefahr, von der
reißenden Strömung mitgerissen zu werden, im allgemeinen gemieden wird.
Wie ich später in Brazzaville erfuhr, war unser Kapitän für seine
tollkühnen Fahrten allgemein bekannt. Er galt als einer der
verwegensten Fahrer, und in Marinekreisen zirkulierte der Ausspruch,
daß er seine Seele dem Teufel verschrieben habe. Gleichmütig zählte
er mir die verschiedenen Dampfer auf, die der tosende Katarakt mit
Mann und Maus verschlungen, und bezeichnete mir die Stellen, wo sie
verschwunden waren, um nie wieder an der Wasseroberfläche zu erscheinen.
Unwillkürlich hingen meine Blicke gebannt am Manometer. In Gedanken
legte ich mir zurecht, was ich zu meiner Rettung versuchen würde, falls
aus irgendeinem Grunde der Druck nachlassen oder die Maschine versagen
sollte. Nach einigen Minuten banger Erwartung überwogen die Gedanken
der Zuversicht -- unser kleiner Dampfer »Wendeline« hielt sich tapfer
und überwand ohne nennenswerte Anstrengung die starke Strömung. Eine
Viertelstunde später landeten wir in unserer Zentrale inmitten einer
ganz stattlichen Anzahl von Schiffen. Die Flottille der N. A. H. V.
im Oberkongo umfaßte derzeit 16 Dampfer verschiedener Größe, nicht
miteingerechnet die vielen eisernen Baleinieren -- Barkassen, wie sie
zum Walfischfang verwendet werden.
Eine schattige Allee von Mangobäumen, der Stolz von Brazzaville, führt
vom Landungssteg an verschiedenen Wohngebäuden entlang zum Sitz des
Direktors.
Unter den afrikanischen Leckerbissen nimmt -- neben der Ananas -- die
Mangofrucht unstreitig den ersten Platz ein. Feinschmecker behaupten
sogar, daß die Ananas an die Mangofrucht bei weitem nicht heranreiche.
In der Größe und ungefähren Form einer Kaiserbirne hat sie einen
leichten Anflug terpentinartigen Geschmacks. Der Mangobaum selbst ist
ein vorzüglicher Schattenspender. Man kann zum Beispiel in der Allee
von Brazzaville bei der stärksten Sonnenhitze ohne Kopfbedeckung gehen,
was, einen Schritt außerhalb derselben, schnellen Tod durch Sonnenstich
zur Folge hätte.
Rings um das Wohngebäude des Direktors war ein Ziergarten angelegt,
in dem inmitten von wundervollen Orchideen und afrikanischen
Blumen und Blattpflanzen auch herrliche Rosen blühten. Gehege von
Äffchen und Papageien waren harmonisch darin angebracht. An das
große Empfangszimmer, im Mitteltrakt des Gebäudes gelegen, war ein
Vogelhaus mit Zierbäumen und einem Springbrunnen angebaut, in dem
Blaumeisen, Kanarienvögel, Kolibris verschiedener Größen und Kardinäle
mit leuchtend rotem Gefieder fröhlich trillerten und zwitscherten.
Sie wurden vom Direktor, der ein großer Tierfreund ist, alle Tage
selbst gefüttert. Die Innenausstattung der Räume war für afrikanische
Verhältnisse fürstlich. Beim Eintritt fiel der erste Blick auf ein
lebensgroßes Gemälde der Königin Wilhelmine -- ein Meisterwerk in
schwerem Rahmen -- dessen Transport hierher zu Zeiten, als noch keine
Bahn bestand und alles auf Negerschultern getragen werden mußte,
jedenfalls ungeheure Mühe und Arbeit gekostet haben muß. Der Raum
war mit schweren Teppichen und kunstvollen inländischen Geweben ganz
auf europäische Art eingerichtet. Auf Tischchen und am Schreibtisch
standen Photographien und Nippes -- kurzum allerhand Kram, der ein
europäisches Heim gemütlich macht und für gewöhnlich in den Tropen
entbehrt werden muß. Telephon, elektrisches Licht, Klingelleitung --
alles war vorhanden.
In der Gartenanlage fanden wir sämtliche Früchte Innerafrikas, wie
Coeur de Boeuf, Banane, Papaye, Goyaven, Ananas, Advokat usw.,
angepflanzt und in den Lichtungen zwischen Palmen alle Arten
Nutzpflanzen, wie Pataten (süße Kartoffel), Kürbis, Maniok und Ignam
(Knollenfrucht bis zu fünf Kilo Schwere, im Geschmack ähnlich unserer
Kartoffel), die im Laufe der Jahrhunderte ihren zielbewußten Weg von
den Küsten Afrikas her über endlose Prärien nach diesem fruchtbaren
Boden gefunden hatten.
Nachdem ich Brazzaville, tagsüber als Gast des Direktors, bis ins
letzte besichtigt und auch dem übrigen Personal vorgestellt worden
war, verließ ich gegen Abend mit dem gleichen Dampfer unsere Zentrale,
ohne irgend etwas Näheres über meine zukünftige Bestimmung erfahren zu
haben. Voraussichtlich würde ich nach dem oberen Sangaflusse kommen,
wo in letzter Zeit infolge eines Negeraufstandes verschiedene Beamte
getötet worden seien.
Fußnote:
[3] Arbeiter-Aufseher.
Die Fahrt zum oberen Kongo. Die Faktorei Stanleyville.
Am 29. März traf in Brazzaville die Nachricht ein, daß Herr Kiel,
der Chef der holländischen Faktorei in Stanleyville, an Dysenterie
erkrankt und unterwegs sei. Noch am gleichen Nachmittag erhielt ich
Order, mich für den folgenden Morgen reisefertig zu halten. Ich war
über die unerwartet günstige Wendung, die die Dinge für mich genommen
hatten, natürlich hocherfreut, denn Stanleyville galt allgemein als das
Paradies auf Erden und als eine der schönsten und gesündesten Gegenden
Innerafrikas. Dazu kam noch, daß unser Direktor seinerzeit die Station
persönlich gegründet hatte und eine gewisse Vorliebe für sie besaß.
Meine Freude erfuhr allerdings einen Dämpfer, als ich vernahm, daß
mein zukünftiger Chef Janssen hieß; denn ein Mann gleichen Namens war
mir von einem Streit, den er auf der Durchreise nach Fuca Fuca mit
Kameraden hatte und in dessen Verlauf von Schußwaffen Gebrauch gemacht
worden war, in unliebsamer Erinnerung. Umfragen bei den Kollegen in
Kinschassa ergaben, daß Janssen, der gegenwärtig die Faktorei Upoto
leitete, tatsächlich mit dem Angeführten identisch war. So wenig
verlockend die Aussicht war, mit einem jähzornigen Menschen zusammen
leben zu müssen, tröstete ich mich schließlich damit, daß ich, vor
die Alternative gestellt, entweder in das Aufruhrgebiet des oberen
Sanga zu gehen und von den Negern aufgefressen zu werden oder mit
einem voraussichtlich brutalen Vorgesetzten nach dem vielgepriesenen
Stanleyville zu reisen, immer noch das bessere Teil erwählt hatte.
Die Freude über die bevorstehende herrliche Reise und das Gefühl der
Befriedigung, nach Tagen planloser Zeitvergeudung und Umherirrens
endlich wieder in die Bahn zielbewußter Tätigkeit geleitet zu werden,
überwogen schließlich alle Bedenken, und mit glücklich pochendem Herzen
sah ich der Ankunft des Dampfers »Nfuma Ntangu« auf Deutsch: »Gebieter
der Sonne«, der mich als Passagier aufnehmen sollte, entgegen. Das
Schiff langte noch am selben Tage an und ging vor Kinschassa, wo es den
Rest der Ladung einzunehmen hatte, vor Anker. Mir wurde vom Kapitän
eine geräumige Kabine auf dem Oberdeck zugewiesen, die ich sofort
bezog, da der Dampfer beim ersten Morgengrauen aufbrechen sollte. Das
ungewohnte Leben und Treiben an Bord, alle die neuen Eindrücke, die auf
mich einstürmten, brachten es mit sich, daß ich die ersten Tage wie im
Traum lebte.