Holzhacken so weit zerlegt, daß der größte Teil in das Boot verladen
werden konnte. Da die einzelnen Teile immer noch zu schwer zum Heben
waren, wurde das Boot zum Sinken gebracht. Das durch die Tragfähigkeit
des Wassers verminderte Gewicht des Fleisches erlaubte jetzt, die
Stücke ohne weiteres im Innern des Kanus zu verstauen. Zum Schluß
kam über das Ganze, gleichsam als Schutzdach gegen die sengenden
Sonnenstrahlen, der ausgeweidete Körper des einen Nilpferdes. Der Rest
des anderen Tieres wurde inmitten einer Insel derart untergebracht, daß
die Krokodile es nicht leicht wegschleppen konnten. Hierauf wurde das
Wasser aus dem Kanu ausgeschöpft, und wir nahmen wieder darin Platz.
Das Boot war nunmehr so stark beladen, daß sein Rand nur um halbe
Handbreite aus dem Wasser herausragte. Nachdem wir uns an gebackenen
Fischen, einer Mettwurst, Kieler Sprotten, Schinken und Hühnern in
Dosen sowie einigen Flaschen Rotwein herrlich delektiert hatten, begann
die Heimfahrt. Ich saß mit Magalhaes rittlings auf dem Rücken des einen
Nilpferdkadavers und mußte in dieser schwierigen Stellung bis 1 Uhr
nachts, also gegen zwölf Stunden, aushalten. Rühren durfte ich mich
nicht, da bei der geringsten Bewegung sofort Wasser ins Boot schlug.
[Illustration: Erlegtes Nilpferd.]
Während die Fahrt frühmorgens mit der Strömung ein wahrer Genuß war,
kann ich von der Rückkehr nur das Gegenteil sagen. Das schwerbeladene
Boot kämpfte sich wie ein Bleiklotz Schritt für Schritt, immer dicht am
Ufer und am Schilf entlang, stromauf vorwärts. Um die Hauptströmung zu
vermeiden, mußte ein Riesenumweg in kleinen, seichten Kanälen gewählt
werden. Langsam verschwand die Sonne am Firmament als leuchtender,
roter Feuerball; die Dämmerung rückte heran; es wurde dunkler und
dunkler und die Ausdünstung des Nilpferdfleisches immer unerträglicher.
Mit anbrechender Dunkelheit fielen wieder Schwärme von Moskitos über
uns her und peinigten uns auf das furchtbarste. Hände, Kopf und Füße
waren von den Blutflecken der erschlagenen Insekten wie tätowiert.
Meine Kräfte erlahmten, und im Sitzen ließ mich die Müdigkeit in
eine Art Halbschlummer fallen, als ich von meinem Nachbar Magalhaes
plötzlich unsanft wachgerüttelt wurde. Dicht vor uns, auf kaum zwanzig
Schritte Entfernung, trat ein mächtiger Hippopotamus aus dem Schilf und
kreuzte, gemächlich durch das seichte Wasser watend, unseren Weg.
Die Dämmerung ließ die Umrisse des ungeschlachten Tieres noch über
seine normale Größe hinauswachsen. Unwillkürlich kamen mir bei seinem
Anblick die Riesen der Vorzeit, die Ichtiosaurier und Dynosaurier, in
den Sinn. Niemals später im Leben habe ich einen ähnlichen Schrecken
und -- ich sage es aufrichtig -- eine solche Angst empfunden. Unser
Boot näherte sich inzwischen immer mehr dem Kreuzungspunkt, wo es mit
dem Flußpferd zusammenstoßen mußte. Mir sträubten sich die Haare bei
dem Gedanken, daß das Tier unser schwer lenkbares Boot angreifen würde;
doch kümmerte es sich merkwürdigerweise gar nicht um uns. Vorher auf
der Jagd hatte ich nur einen Teil des Oberkörpers sowie den ungeheueren
Kopf der Bestie gesehen; dies Tier aber ragte in seiner vollen Größe
aus dem Wasser und schien in der Dämmerung ins Ungeheuere zu wachsen.
Pereira, der die Eigenschaften des Flußpferdes kannte und es offenbar
darauf ankommen lassen wollte, wer von beiden den kürzeren zog, gab
schließlich einen kurzen Befehl; die Ruderer bremsten das vorwärts
treibende Boot mit aller Macht und ließen das Tier vorbei. Pereira,
den Finger am Drücker seines Gewehres, rührte sich nicht in seinem
Stuhl. Langsam, Schritt für Schritt, tief im Sande versinkend, zog das
Flußpferd etwa zwei bis drei Meter vor unserer Bootsspitze vorüber,
zeitweilig stehenbleibend und uns herausfordernd anbrüllend. Weit riß
es den ungeheueren Rachen auf, tief und drohend hallte das Brüllen
ins Land hinein, bis es in weiter Ferne von irgendeinem Kampfbullen,
der es als eine Herausforderung betrachtete, gleichsam als Echo
wiedergegeben wurde.
Ich saß wie versteinert auf meinem unsicheren Sitz. Die gespenstischen
Schatten der Dämmerung, die unermeßliche Macht der schaffenden Natur,
welche sich in dem drohenden Ungeheuer da vor uns kundgab, hatten mich
vollständig gelähmt. Ich fühlte plötzlich die unsichtbaren Gewalten und
tausenderlei Gefahren, denen wir ahnungslos in diesem wilden Kontinent
entgegentreten.
Doch auch diese Gefahr ging glücklich an uns vorüber, und unsere
mühsame Weiterfahrt stromaufwärts verlief ohne jeden weiteren Unfall.
Gegen ein Uhr nachts langten wir nach vollbrachter Riesenarbeit unserer
Ruderer -- die armen Teufel hatten zwölf Stunden ohne Unterbrechung das
schwerbeladene Boot gegen die Strömung hinaufgerudert -- in Boma an, wo
ich nach Verschlucken einer Doppelration von Chinin, an allen Gliedern
wie gelähmt, sofort in tiefen Schlaf verfiel. Leider blieb dies die
einzige Jagd auf Nilpferde, die ich am Unterkongo mitmachte.
Etwa vier Wochen später wurde Magalhaes bei einer Jagd auf ein
Nilpferdjunges von der Mutter, die er nicht bemerkt hatte, angegriffen.
Das alte Tier warf das Kanu um, zertrümmerte einem Neger mit einem
Hufschlag die Hirnschale und stürzte sich auf den des Schwimmens nicht
kundigen und infolgedessen nach Hilfe rufenden Magalhaes, den es am
Oberschenkel erwischte, mehrmals biß und in die Luft schleuderte, bis
Magalhaes besinnungslos zwischen Schilfgras zu liegen kam. Die Neger
hatten inzwischen das Boot gedreht und brachten den Besinnungslosen
nach Boma, wo er infolge mehrfacher Brüche und Zerschmetterung des
Oberschenkels und eines Armes sowie innerer Verletzungen binnen wenigen
Stunden verschied.
Produktenhandel mit den Eingeborenen.
Doch nicht zum Vergnügen der Nilpferdjagd hatte die Direktion mich
von Matadi nach Boma auf die Produktenfaktorei herunterkommen
lassen. Wie bereits erwähnt, hatte ich hier Herrn Bürbank, Chef
der Produktenfaktorei -- einen liebenswürdigen Holländer, der an
Schwarzwasserfieber erkrankt war --, zu vertreten. Als abgehärmtes
Skelett fand ich den lebensfrohen Mann ans Bett gefesselt und von
der Wucht der schrecklichen Krankheit, die mit der Dysenterie die
meisten Todesopfer fordert, vollständig niedergeworfen vor. Drei
lange Tage hatte er in beständiger Lebensgefahr geschwebt und große
Mengen Galle gebrochen, bis Podiferin -- =Pillules Antibilieuses=
-- und wiederholte kräftige Einläufe den Körper so weit von allen
Krankheitsstoffen befreit hatten, daß der versiegende Lebensfunken
wieder langsam aufflackern konnte.
Ich hatte in der relativ kurzen Zeit meines Aufenthaltes in Banana und
Fuca-Fuca von der meist portugiesischen Dienerschaft und Bevölkerung
so viel von der Sprache gelernt, um ohne weiteres mit den Eingeborenen
ohne Dolmetscher Handel treiben zu können. Der Produkteneintausch mit
den Eingeborenen spielt sich ungefähr folgendermaßen ab:
Frühmorgens werden die Linguister (Eingeborene, die die Karawanen durch
Versprechungen in die Faktorei locken sollen) mit Alkohol und allerlei
Zierat, als Geschenke bestimmt, in die verschiedenen Richtungen,
die ins Innere des Landes führen, ausgesandt. Schlaue Portugiesen
hatten diesen Modus des Handels wegen der immer heftigeren Konkurrenz
ausgedacht, und wir anderen mußten folgen, wollten wir nicht alle
Karawanen zur Konkurrenz ziehen sehen. Von der Tüchtigkeit dieser
Linguister im Lügen und Vorschwindeln, von der Stärke des Alkohols (die
Portugiesen hatten allerhand Kniffe, um den Geschmack desselben durch
Beimischen von Gewürznelken oder auch Cayenne-Pfeffer noch zu erhöhen)
und schließlich auch von dem Ansehen, den dieser bei ihnen genoß,
hingen dann hauptsächlich die Geschäftsresultate ab. Hatten unsere
Linguister durch irgendeinen neuen Kniff die Leute betört, dann kamen
in langen Reihen die Karawanen, jeder Mann seinen »Kisako«, eine Art
Tragkorb, auf dem Kopf, der mit Kautschuk, Palmnüssen, Palmöl oder auch
Elfenbein gefüllt war, in die Faktorei hereinspaziert.
Doch damit ist der Handel noch lange nicht erledigt. Die Konkurrenz
hat mit scheelen Augen die Karawane vorüberziehen sehen und dabei
nochmals durch ganz besonders gewandte Neger den Leuten »das Blaue vom
Himmel versprechen lassen«. Gewöhnlich begleitet der eine oder andere
Konkurrenzbote die Leute bis in die eigene Faktorei. Dazu werden von
den Portugiesen wieder Eingeborene aus solchen Dörfern verwendet,
die uns zumeist unbekannt sind. Werden sie ausfindig gemacht, dann
verlassen sie hinkend die Faktorei und kehren bestimmt nicht wieder.
[Illustration: Produktenhandel.]
Jetzt beginnt ein Feilschen und Schachern, wovon ein europäischer
Kaufmann sich schwer einen Begriff machen kann. Alkohol wird bei diesen
Unterhandlungen im Überfluß gespendet. Mata biche (töte das Tier im
Magen -- den Hunger --) ist das erste Wort und auch das letzte bei
jeder Verhandlung. Im Halbkreis um die Wage herum sitzen die Neger
und packen mit einer Umständlichkeit ihre Siebensachen aus ihren
Körben heraus, die uns Europäern ein Lächeln entlockt. Gewöhnlich ist
der Häuptling der Erste und Anspruchsvollste, der mit einigen Kilo
Kautschuk an die Wage tritt. Der Preis, den er zuerst dafür fordert,
ist das Dreifache des eigentlichen Wertes. Wer ärgerlich davonläuft,
wird von einem Bakongo niemals ein Lot Kautschuk kaufen. Am meisten
Erfolg wird stets der haben, der als Philosoph ruhig lächelt und das
Ganze als lustigen Scherz auffaßt. Denn die Leute wissen ganz gut, daß
das, was sie fordern, unmöglich ist, und grinsen ganz vergnügt, wenn
der weiße Chef sie auslacht. Inzwischen werden bedächtig die kleinen,
kunstvoll gearbeiteten Tonpfeifen in Brand gesetzt, die Alkoholflasche
geht von Hand zu Hand, und die Kerls setzen sich gemächlich, als ob
sie die ganze nächste Woche verhandeln wollen. Die Leute haben Zeit,
Zeit, riesig viel Zeit. Sie kommen acht bis zehn Tagereisen aus dem
Innern und wollen nun alles Neue, was um sie vorgeht, in Gemütsruhe
auffassen und genießen. Darum »Eile mit Weile«!
Ganz gemütlich kehre ich nach der ersten Begrüßung an meinen
Frühstückstisch zurück. Ist der mitgekommene Häuptling eine gewichtige
Persönlichkeit oder mir von früher her bekannt, so lasse ich ihm
durch einen Moleque -- portugiesische Bezeichnung für Diener --
eine dampfende Tasse schwarzen Kaffee bringen. Dies schmeichelt
seiner Eitelkeit ganz besonders und macht ihn um einen großen Grad
entgegenkommender. Inzwischen kommen immer neue Karawanen herein, die
dem ersten Beispiel folgen.
Nach dem ersten Frühstück kehre ich abermals zur Wage zurück. Die Leute
sind inzwischen im Preise heruntergegangen, verlangen aber immer noch
zu viel. Ich erkenne, daß eine Einigung vorläufig unmöglich ist, und
wende mich den Neuangekommenen zu. Bei ihnen gewöhnlich Wiederholung
ungefähr der gleichen Prozedur.
Unter die zuerst Angekommenen habe ich inzwischen einige Ringe
Lukolela-Tabak verteilen lassen. Diese Gratisverteilung imponiert ihnen
offenbar sehr; sie ziehen mit Behagen den Duft des bei ihnen ganz
besonders beliebten Krautes ein und überlegen im stillen, wie viele
solcher Ringe sie sich als »Matabiche« mitnehmen werden. Inzwischen
sind die Türen des Faktoreigebäudes geöffnet worden, wo Reihe an Reihe
große Mengen von Tüchern, Baumwollstoffen aller Art, kurz ein ganzes
Arsenal von begehrenswerten Dingen aufgestapelt liegen. Der Wunsch, all
dies zu besitzen, stimmt sie nachgiebiger. Den Anführer oder Häuptling
habe ich beiseite genommen und ihm außer den gewöhnlichen Draufgaben
noch ein Extra-Matabiche versprochen, wenn er mir beim Kauf zur Seite
steht. Kurzum, wir einigen uns auf einen Preis, der vorläufig mein
Kauflimit noch überschreitet. Gestreifte und geblümte Baumwollstoffe
in allen möglichen grellen Farben, Faschinenmesser, Hauen, Arm- und
Beinringe aus Messing, Perlen, einige Säcke Salz usw. haben ihren
Besitzer gewechselt und werden nun mit kritischen Augen betrachtet. Hat
der Anführer nun erst einmal gekauft, so folgen alle anderen, wie eine
Herde Schafe ihrem Leithammel. Diese sind bei weitem nicht so gerieben
und verwöhnt wie der erste und nehmen, was man ihnen gibt. An ihnen
muß die erste Differenz sowie das Extrageschenk dazu verdient werden.
Schließlich wird der ganze Kauf noch in einer Runde Alkohol sowie
verschiedenen Runden Schnupftabak gewissermaßen besiegelt. Ich habe
inzwischen schnell die Gesamtbilanz gezogen und den Häuptling allein
zu mir ins Magazin gebeten. Unsere weiteren Verhandlungen bleiben für
alle, selbst für meine Leser, ein Geheimnis.
Es kommt aber auch vor, daß man von den Eingeborenen hineingelegt wird.
Davon nur ein tragikomisches Beispiel. Eines Tages erhielt ich den
Besuch eines großen Häuptlings »Nfuma mafuta mingi« der Mayumbe-Region.
Er sah außerordentlich vornehm aus. Die dünnen, langen, mit schwarzem
gekrullten Haar bedeckten Beine staken in einer Pumphose, die vor
Jahren einmal weiß gewesen war; um den knochigen Körper schlotterte ein
Gehrock, in den an verschiedenen Stellen mittels weißen Zwirns Flicken
eingesetzt waren. Die mit Amuletten aller Art verzierte Brust schmückte
stolz die Nickelmedaille, das Abzeichen der vom Staat anerkannten
Häuptlinge. Mit dem Gruße »Mbote Nfuma« trat der Mann, gefolgt von zwei
Eingeborenen seines Dorfes, zu mir auf die Veranda, nahm aus den Händen
seiner Diener zwei große fette Hühner sowie eine Kalebasse mit süßem
Palmwein und legte sie mit hoheitsvoller Würde zu meinen Füßen nieder.
Das mindeste, was man in solchen Fällen tun kann, noch dazu, wenn man
ein Geschenk erhält, ist, seinem Gast einen Stuhl anzubieten. Dies tat
ich, und Nfuma mafuta mingi drehte zuerst das eine Bein einwärts, dann
das zweite und setzte sich darauf mit sehr viel Würde mir gegenüber
nieder.
Behaglich lehnte ich mich inzwischen in meinen Stuhl zurück und
harrte der Dinge, die da kommen sollten. Einige Minuten völligen
Stillschweigens vergingen, dann begann Mafuta mingi:
»Ich komme von meinem Dorf.«
»Gut, das freut mich,« erwiderte ich und überlegte im stillen:
Sicherlich will der Mann irgendeinen Dienst von mir, daher die
Geschenke.
Wir sahen einander einige Minuten schweigend, prüfend an.
Dann fuhr er fort: »Um dir guten Morgen zu sagen.«
Ich bin von jeher ein höflicher Mann gewesen und erwiderte nun
meinerseits den Gruß, gespannt, was darauf folgen sollte. Wieder langes
Stillschweigen -- endlich:
»Ich bringe dir hier dieses Geschenk.« Ah, denke ich, jetzt kommt
es. Doch wieder hatte ich mich getäuscht. Nach weiteren fünf Minuten
Stillschweigens fing ich an ungeduldig zu werden und fragte mich
vergeblich, was der gute Mann eigentlich von mir wollte. »Ist das
alles, und bist du darum aus dem Dorfe gekommen, um mir nur guten Tag
zu sagen und ein Geschenk zu bringen?«
Diese Frage verwirrte ihn offenbar noch mehr, und er antwortete: »Ich
habe dir dieses Geschenk gebracht, weil du mein Chef und ein guter Chef
bist und weil ich dich lieb habe.«
»Ah, sehr brav, sehr brav, mein lieber Freund«, antworte ich
darauf, innerlich tief beschämt und erstaunt über so viel Liebe und
Aufmerksamkeit von seiten eines Mannes, den ich bisher höchstens
dreimal gesehen.
Wieder hüllten wir uns in tiefes Stillschweigen. Die Idee, daß der gute
Mann eigens mir zuliebe die weite Reise gemacht haben sollte, wollte
mir doch nicht so recht in den Kopf. Wäre ich ein abergläubischer
Mensch gewesen, so hätte ich jetzt ernstlich Furcht vor irgendeiner
Hexerei empfunden, die der Häuptling mit mir vorhatte, so unverwandt
und durchdringend blickten seine Augen mich an. Doch da ich als guter
Mensch von meinen Nächsten stets das Beste denke, so hatte ich keine
Furcht, sondern fühlte nur ein leises Unbehagen, zumal ich nicht recht
wußte, auf welche Weise ich mich für so viel Güte revanchieren sollte.
Ich verließ also meinen Lehnstuhl und machte einen kleinen Rundgang in
der Faktorei, um die verschiedenen Arbeiten zu inspizieren. Das war
gegen 9 Uhr morgens. Etwa eine Stunde später kehrte ich auf die Veranda
zurück und fand den guten Mann, den ich völlig vergessen hatte, mit
seinen beiden Dienern auf der gleichen Stelle hockend vor.
»Mfumu, seit etwa vierzehn Tagen habe ich hier« -- dabei deutete er in
die Magengegend -- »ein Tier, welches auf und ab geht und mir meinen
Schlaf raubt.«
Da haben wir die Bescherung, dachte ich, sicherlich wünscht der Brave
ein Medikament. Mit ernsthafter Miene ließ ich mir die Örtlichkeit
seiner Schmerzen von ihm näher erklären. Diesmal lamentierte er
fließend weiter:
»Und da ich weiß, daß du ein guter Chef und großer Medizinmann bist,
der alle Teufel zu bezwingen vermag, bin ich zu dir gekommen, dich zu
bitten, das Tier im Magen zu töten.«
Unwillkürlich setzte ich eine wichtige Miene auf -- ein Beweis, daß
eine Schmeichelei, selbst von einem Negerhäuptling, niemals ihre
Wirkung verfehlt -- und stellte die bei derartigen Anlässen üblichen
Fragen.
»Laß die Zunge sehen -- gut. Bist du bei gutem Appetit?«
»Nein.«
»Gehst du regelmäßig ins Grüne?«
»Seit einer Woche nicht.«
»Ah, ah« -- schließe ich meine Diagnose, »der Fall ist schwer, sehr
schwer.« Gewichtig schreite ich ein paarmal auf und ab, die Stirne in
krause Falten ziehend. Für mich, der ich niemals einen pharmazeutischen
Kursus zu absolvieren Gelegenheit hatte, bedeutete dies einen ganz
komplizierten Fall. Meine Wissenschaft in derartigen Dingen reichte
gerade so weit, um sofort mit klarem Blick zu erkennen, daß hier nur
ein kräftiges Purgativ, wie =Magnesium sulfuricum= (Bittersalz)
helfen konnte. Ich entnahm daher meinem Arzneikasten eine Flasche,
welche das Heilmittel für den Patienten enthielt. Dieser war mir
auf den Fersen gefolgt und hatte mißtrauisch jede meiner Bewegungen
beobachtet. Ich füllte einen Löffel bis zum Rand und leerte ihn in
ein Glas. Dies genügt für gewöhnlich, doch, teils aus Mitleid für die
Qualen, welche der Bedauernswerte bisher erduldet hatte, teils aus
Vorsicht, weil Negermagen stets die doppelte Dosis vertragen können,
leerte ich einen zweiten vollen Suppenlöffel mit der gebührenden
Feierlichkeit in das Glas.
Die Zubereitung einer Medizin, die den »bösen Geist im Körper töten
sollte«, mußte natürlich im mystischen Dunkel erfolgen, damit mein
Ruf als Medizinmann nicht vom Erstbesten vernichtet werden konnte.
Ich trat daher in meine Dunkelkammer, in welcher mein Boy vorher das
rote Licht angezündet hatte, und in deren geheimnisvollem roten Schein
füllte ich das Glas bis zum Rande mit »=aqua destillata=«. Hierauf
reichte ich dem Häuptling, der von der Veranda aus den ganzen Vorgang
beobachtet hatte, das Glas mit gebieterischer Gebärde. »Trinke!«
Dieselbe Gebärde und Haltung mir gegenüber einnehmend, erwiderte dieser:
»Trinke du zuerst!«
Mit einem Schlag stürzte ich aus meinen mystischen Höhen, in die mich
die Zubereitung der Medizin versetzt hatte. Ich glaubte meinen Ohren
nicht trauen zu dürfen. Doch ein Blick auf den Patienten genügte, um zu
sehen, daß ich recht gehört hatte und daß dies sein bitterer Ernst war.
»Aber ich bin doch nicht krank!« erklärte ich.
»Wenn du nicht krank bist, dann wird es dir nicht schaden«, war die
Antwort.
»Aber ich gehe doch regelmäßig, jeden Tag ... ins Grüne!«
»So wirst du eben noch regelmäßiger gehen.«
»Ah, geh zum Teufel, wenn du nicht trinken willst, dann schau, daß du
weiterkommst!«
»Aber ich will ja trinken, nur mußt du zuerst die Hälfte trinken!«
»Wenn du nur die Hälfte trinkst, dann nützt die Medizin nichts, du mußt
alles trinken.«
»Gut, dann trinke du das ganze Glas und bereite mir die gleiche Medizin
nochmals!«
»Der Teufel soll dich holen -- Kaluka -- schau, daß du fortkommst!«
Bis zu diesem Augenblick hatte ich die Angelegenheit von der komischen
Seite betrachtet. Nun fing ich wirklich an, ärgerlich zu werden. Mein
Patient ließ sich durch meinen Zorn durchaus nicht aus dem Gleichmut
bringen. Langsam erhob er sich, setzte die Füße einwärts, schüttelte
das greise Haupt:
»Wa--wa--wa--was? Du willst nicht trinken? Dann hast du mich vergiften
wollen!«
Und seine beiden Diener nickten zustimmend mit den Köpfen und
wiederholten: »-- vergiften -- vergiften wollen.«
Ich erstickte vor Wut und mußte mich zusammennehmen, um ihnen nicht das
Glas an den Kopf zu werfen.
»Und wir gehen jetzt zum Richter, um dich anzuzeigen!«
Mir wurde es schwarz vor den Augen; ich fühlte, wie mir eine Blutwelle
zu Kopf stieg. Da hatte ich mir eine schöne Suppe eingebrockt! Hin
und her überlegend, rannte ich wie ein wildes Tier auf der Veranda
auf und ab. Der Satz: »dann wolltest du mich vergiften« ging mir im
Kopf herum. Ich konnte den Esel doch nicht im Glauben lassen, daß ich
es wirklich auf sein Leben abgesehen hatte. Der Kerl wäre imstande,
die Geschichte in ganz Boma und Umgebung zu verbreiten. Er hatte zwei
Zeugen, die offenbar ganz der gleichen Meinung waren. In Gedanken
sah ich mich schon vor das Schwurgericht gestellt! Ich würde ja
sicherlich freigesprochen werden, aber ein Makel würde ebenso sicher
auf meinem Namen bleiben, und ich sah schon in Gedanken die englischen
Missionare in ihren Journalen der Welt verkünden: Mißglückter Versuch
eines Händlers, einen bedeutenden Eingeborenenhäuptling zu ermorden!
Aussagen von zwei Zeugen, die zugegen waren. Urteil der Kongogerichte.
Freispruch des Mörders mangels genügender Beweise!
Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich bei diesem Dilemma. Am
liebsten hätte ich dem Kerl von meinem Capita[3] 25 Hiebe mit der
Nilpferdpeitsche aufzählen lassen. Doch nein -- rechtzeitig hielt ich
inne! -- Mißglückter Vergiftungsversuch -- dann Prügel -- vielleicht
gar Totschlag -- mir wurde es schwarz vor den Augen! »Ah, wenn ich
wenigstens noch Bittersalz vertragen könnte! Doch ich versichere,
nicht einmal riechen, geschweige denn trinken konnte ich bisher das
abscheuliche Zeug. Ach, in welches Wespennest hatte ich da die Hand
hineingesteckt! -- Es sollte mir nichts übrigbleiben -- ihr werdet
sehen!« --
Mafuta mingi stand noch immer vor mir, das Glas mit meiner Medizin in
der Hand. Plötzlich reifte ein heroischer Entschluß in mir, ich nahm
das Glas und leerte es auf einen Zug!
Mafuta mingis Gesicht verzerrte sich zu einem behaglichen Grinsen;
ich aber rannte zu meiner Flasche, schüttete vor seinen Augen drei
große Löffel in das Glas und füllte dieses bis zum Rand mit =aqua
destillata=.
»So, jetzt trinke, sonst erschlage ich dich auf der Stelle.« -- -- --
Eine Woche später erschien Mafuta mingi wieder, um mir für den Erfolg
meiner Behandlung zu danken; er war zwei Tage lang fortwährend -- ins
Grüne gegangen. Und ich armer Teufel -- --?!
Ich habe in meinem späteren Leben niemals mehr einem Häuptling eine
Medizin gegeben.
Die Fahrt zum Stanley-Pool. Leopoldville. Brazzaville.
Von Matadi stromaufwärts bis zum Stanley-Pool bildet der Kongofluß
eine Reihe von Katarakten, Stromschnellen und Strudeln, die für
Dampfer völlig unpassierbar sind, so daß diese Strecke in früheren
Jahren mit Karawane zu Fuß zurückgelegt werden mußte. Im März 1890
wurde mit dem Bau der 500 Kilometer langen Eisenbahn begonnen, und
im Jahre 1898 wurde diese offiziell dem Verkehr übergeben. Wer sein
ganzes Leben in der Heimat hinterm Bureautisch in beschaulicher Ruhe
zugebracht hat, wer als Weltbummler, dank seines Goldes, in bequeme
Sessel zurückgelehnt, eine Vergnügungsreise über die Kristallberge nach
dem Stanley-Pool macht, der wird keine Ahnung von der Riesenarbeit
haben, die durch menschliche Intelligenz hier geschaffen, von dem Kampf
zweier Welten, der hier ausgefochten worden ist und Tausende von Opfern
durch Seuchen aller Art gefordert hat. Niemals wird er sich davon
Rechenschaft ablegen, wieviel menschliches Blut hier an jedem Schritt
Landes haftet, und wie viele vor ihm ihre Gesundheit, ihren Verstand
und ihr Leben bei dieser mörderischen Arbeit lassen mußten. Der aber,
der mehr als einmal unter viel kleineren Aufgaben zusammengebrochen
ist, der am eigenen Körper die erschlaffende Wirkung der Sonnenstrahlen
empfunden hat, kann sich eine Vorstellung davon machen, was es heißt,
dieses Riesenwerk in den Granitfelsen in schwindelnder Höhe entstehen
zu lassen.