Orakels, und Furcht und Schrecken bemächtigte sich ihrer. Doch
Kalamba war ein mutiger Mann; Fortuna hatte sein Herz völlig in Bann
geschlagen, und er erklärte sich sofort bereit, das Geheiß des Orakels
zu befolgen. Vor seiner Abreise aber mußte Fortuna einen heiligen
Schwur leisten, keinem anderen Manne zu folgen und seine Rückkehr,
sollte sie auch viele Monde dauern, abzuwarten. Und Fortuna schwur
bei der Frucht ihres Leibes. Mond um Mond verging, und Kalamba, der
sich mit zwei Waffengefährten auf den Weg gemacht hatte, kehrte nicht
zurück. Durch Urwald und Steppe, über heißen Wüstensand, war er immer
dem Laufe der Sonne nachgewandert. Der eine Gefährte war dem Biß
einer Sandviper erlegen, während der andere beim Durchschwimmen eines
größeren Flusses von einem Krokodil von seiner Seite gerissen wurde.
Endlich, nach langem Herumirren und Wandern, stieß er auf menschliche
Spuren und, diesen folgend, schließlich auf das Lager des weißen
Mannes, genannt »Nfumu Ntanga« (Herr der Sonne).
Unbeschreiblich war das Erstaunen und der Schrecken Kalambas, als er
zum ersten Male der Karawane des gefürchteten weißen Gottes ansichtig
wurde. Vor Angst warf er sich zu Boden, wurde aber von den prächtig
gekleideten Dienern vor Nfuma Ntanga geführt. Dieser sah ihn eine
Zeitlang durchbohrend mit seinen blauen Augen an und redete dann mit
ihm in einer Sprache, die er nicht verstand. Kalamba war, vor Schreck
gelähmt, auf die Knie gesunken und erwartete jeden Augenblick, daß
Donner und Blitz seinem Leben ein Ende bereiten würden. Als nichts
dergleichen geschah, wagte er es, zuerst schüchtern und dann immer
kühner, den neuen Gott und dessen Diener, die alle in kostbare, ihm
unbekannte Gewebe gehüllt waren und glitzernde Ringe an Armen und Füßen
trugen, zu betrachten.
Langsam nur fand er die Sprache wieder und erzählte nunmehr seine
Leidensgeschichte. Einer der Leute, die auch schwarz waren, wie
er, verstand seine Sprache und verdolmetschte, was er erzählte.
Dieser wurde sein Freund und beruhigte ihn darüber, daß er für
sein Leben nichts zu fürchten habe. Er bestätigte ihm, daß Nfuma
Ntanga tatsächlich mit einem »Machoa«-Schiff aus dem großen Weltmeer
aufgetaucht sei und alle die wunderbaren Gegenstände, die Kalamba hier
sah, mitgebracht habe. Diese Auseinandersetzungen wurden plötzlich
durch einen donnerartigen Knall unterbrochen, der das Blut Kalambas zum
Erstarren brachte. Hatte da nicht plötzlich bei hellem Sonnenschein der
gefürchtete Feuergott gesprochen, der Bäume fällte und Hütten in Feuer
und Flammen aufgehen ließ? Sein neuer Freund belehrte ihn, dies sei
der Fetisch des Sonnengottes »Bunduki« (Gewehr) genannt, der demselben
Macht über Tod und Leben aller Geschöpfe verleihe. Am nächsten Morgen
nahm Kalamba all seinen Mut zusammen, trat vor Nfuma Ntanga hin und bat
ihn, sein Diener werden zu dürfen.
Monde und Monde vergingen. Kalamba hatte seinem neuen Herrn treue
Dienste geleistet und bat ihn, von seinem Heimatdorf Fortuna, die
Königstochter, als Gefährtin holen zu dürfen. Mit einem »Bunduki« und
Pulver, prächtigen Armringen und Geweben aller Art beladen, zog er in
die Heimat, um die Königsbraut zur Gattin zu machen.
In seinem Heimatdorfe angelangt, fand er seinen Vater sterbend vor und
erfuhr daselbst, daß Fortuna, seines Herzens Hoffnungsstrahl und Sonne,
Fortuna, für die er sein Leben dahingegeben hätte und lange Monate in
der Fremde Sklavenarbeit verrichtete, seiner vergessen hatte und dem
Häuptling eines Nachbardorfes gefolgt war.
In Kalambas Herzen wohnten, im beständigen Kampfe miteinander, zwei
Dämonen, ein guter und ein böser. Bisher hatte der gute Dämon stets die
Oberhand behalten. Von der Wucht der Nachricht aber war er vollständig
niedergeschlagen, alle seine Hoffnungen waren zertrümmert. Dagegen
wuchs sein Widersacher ins Riesenhafte. Rasender Schmerz und Zorn über
die angetane Schmach übermannte Kalamba, das Blut kochte und wallte
in seinem Herzen. Feuer sprühte ihm aus den Augen; nur durch den Tod
konnte Sühne gefunden werden.
Und in der folgenden Nacht raste der Todesengel durch den Urwald.
Mit schrecklichem Vorgefühl sahen die Wipfel der Bäume und die Vögel
des Waldes Kalamba an der Spitze seines Stammes lautlos, gleich
einer Geisterschar, daherschreiten. Ihnen ahnte Schreckliches; denn
aus seinen Augen glühten rote Blitze, zu seinen Häupten kreiste der
Todesadler in den Lüften.
Mit dem ersten Strahl der Morgensonne fuhr der Tod mit der Sichel über
das schlafende Dorf und hielt reiche Ernte. Ein Morden und Würgen von
Frauen, Männern, Kindern und Greisen begann, von dem die stärkste
Phantasie sich kein Bild machen kann. Der gefürchtete Feuergott selbst
war gekommen, um Rechenschaft in Blitz und Donner zu fordern. Der Wald
hallte wider vom Todesächzen und Stöhnen zuckender und verstümmelter
Menschenleiber. Fortuna war es in der ersten Verwirrung gelungen,
unbemerkt das Freie zu erreichen. Da, wie aus dem Boden gewachsen,
von oben bis unten in Blut gebadet, mit wutverzerrten Zügen, stand
Kalamba als Rächer seiner Ehre vor ihr. Mit flehender Gebärde, die
Arme emporstreckend, sank die stolze Königstochter, um Gnade flehend,
in die Knie. Doch eher hätte ihr Schicksal einen Stein zu erweichen
als das nach Blut lechzende Herz Kalambas zu rühren vermocht. Der böse
Dämon forderte gebieterisch sein Opfer, und zu Tode getroffen, sank die
Königsblume zu Boden. Der erste Sonnenstrahl brach durch die Wipfel der
Bäume, küßte die an den Blättern hängenden Tautropfen und spiegelte
sich in den brechenden Augen der Königstochter. Noch einmal flackerten
diese auf, im Schwur hoben sich die Finger zum Sonnengestirn, gleichsam
den Fluch desselben auf den Schuldigen herabbeschwörend, und Fortunas
Seele hatte die sterbliche Hülle des Körpers verlassen und war auf den
Sonnenstrahlen in das unbekannte Land ihrer Vorfahren entflohen.
Während die Gefährten jubelnd Siegesorgien auf den Leibern der
Gefallenen feierten, kehrte Kalamba einsam und finster in sein Heim
zurück. Der Dämon im Innern war verstummt; er hatte seinen Willen
erreicht, dafür meldete sich ein anderer Widersacher.
Mörder der Geliebten! Mörder deiner eigenen Stammesverwandten!
flüsterten die Bäume und zwitscherten die Vögel des Waldes ihm zu.
Wie von Furien besessen, trieb es ihn durch Wald und Feld, von Heim
und Hof. Weder bei Tage noch bei Nacht konnte er Ruhe finden. Sein
Inneres war von dem beständigen Kampf zwischen befriedigter Rache und
niederdrückendem Schuldbewußtsein zerfleischt. Der Sonne Strahlen,
die alles Lebende befruchten und erfreuen, wurden ihm zum Rächer. Ein
großes, glühendes Auge starrte rachedürstend in sein tiefstes Innere
und lastete wie Blei auf seinem Kopfe.
[Illustration: Fuca Fuca.]
Nicht länger konnte er das Leben in der Heimat, bei den Freunden der
Kindheit ertragen. Als einsamer, verlassener Wanderer gelangte er
schließlich nach langen Irrfahrten, körperlich ein Greis, bei Nfuma
Ntanga an. Aus Mitleid gab man ihm Arbeit und Feuerwasser, um seinen
Kummer zu stillen. Noch gab es ein Mittel, um all die Stimmen im
Innern, ja selbst die Sonne, zu bezwingen, und dies letzte Mittel mußte
er versuchen.
=Aguardente= (Feuerwasser) nennen die Eingeborenen die große
Medizin, die dem weißen Gott Nfuma Ntanga die übernatürliche Kraft
verleiht. Wenn die Seelen der Verstorbenen und böse Götter aller Art
den Körper heimsuchen und das Gemüt bedrücken, wenn am frühen Morgen
das Tier im Magen, das den Hunger hervorruft, knurrt, dann genügen
einige Schluck dieses Zaubertrankes, um Geister, Sorgen und Hunger zu
vertreiben. »Matabiche« (=mata bichu=, töte das Tier im Innern)
beschwöre die Geister und treibe die Seelen der Verstorbenen aus! Dies
war die mächtige Medizin, die immer noch geholfen hatte und die auch
jetzt helfen sollte.
Und am nächsten Tag, als zu den Foltergeistern im Innern sich noch das
ungeheure Sonnenauge Fortunas gesellte und Kalambas Hirn durchbohrte
und marterte, da spottete er hohnlachend seiner Peiniger. Stand er
nicht unter dem Schutze des Gebieters der Sonne? Hatte er nicht die
Macht in Händen, alle Geister zu bannen? Mit einem Ruck verschlang er
die kostbare Medizin im Angesicht der glühenden Sonne.
Taumelnd war Kalamba infolge allzu reichlichen Alkoholgenusses und der
Einwirkung der Sonnenstrahlen zusammengebrochen. Ah! Wie das wärmte
und brannte, wie das die Lebensgeister entfachte, und wie es in seinem
Hirn wirbelte und tollte! Wo war das feindselig blutleuchtende Auge
der Fortuna? Endlich war es versöhnt und seine Macht gebrochen. Nicht
mehr drohend, sondern verheißend winkte es vom blauen Äther; gleich
einer heißen Blutwelle senkte es sich auf den Sterbenden herab, dessen
Körper in Liebe und Leidenschaft mit sich emporziehend; wildes Feuer
durchtobte den Körper und drohte die Brust zu zersprengen. Während die
Seele auf Schwingen der Liebe dem strahlenden Tagesgestirn zuschwebte,
entrangen sich der keuchenden Brust die Worte: »O Fortuna!« Dann: »Fuca
Fuca« (Feuer Feuer).
Arbeiter, die den Sterbenden auffanden, hatten zufällig nur die letzten
Worte gehört. Auf der Stelle, wo der Tote gefunden wurde, erhebt sich
die heutige Faktorei, welche vom Volksmunde fortan »Fuca Fuca« genannt
wurde.
* * * * *
Fuca Fuca liegt am Fuße des Felsens, auf dem Matadi erbaut ist. Es
besteht vollständig aus Pfahlbauten und wird alljährlich während der
Regenzeit vom Strom überflutet. Obwohl die Faktorei als heißester
und ungesundester Platz im ganzen Kongostaate berüchtigt ist, ist
sie doch wegen ihrer Lage und infolge der Eisenbahnverbindung ein
wichtiger Knotenpunkt und Transitposten. Seit Erbauung der Kaianlagen,
die es ermöglichen, die Durchfuhrgüter direkt vom Dampfer in die
Waggons und umgekehrt zu verladen, hat auch sie von ihrer früheren
Bedeutung viel verloren. Zur Zeit meiner Ankunft war Fuca Fuca sowohl
Produktenfaktorei als Haupttransit-Station für Waren, die nach dem
Oberlauf des Kongo bestimmt waren, und wurde von einem Faktorei-Chef,
zwei europäischen Beamten und einem Stab schwarzer Schreiber von
der Küste verwaltet. Mein Vorgänger war einer derjenigen, die es am
längsten -- nämlich 18 Monate -- hier ausgehalten hatten. Er war an
Schwarzwasserfieber verschieden.
[Illustration: Baobab-Baum bei Boma.]
Fuca-Fuca war der Prüfstein meines Lebens. Wenige Menschen sind
imstande, die nötige Energie und Aufopferung der eigenen Person
aufzubringen, um alle die Krankheiten und Leiden, die mir die nächsten
sechs Monate bringen sollten, zu überwinden.
Zuerst wurde ich mit dem Ein- und Ausladen der Dampfer und Waggons
sowie mit der Abwicklung des Transitverkehrs nach dem Oberkongo
betraut. Mit kurzer Unterbrechung mittags war ich von sechs Uhr
früh bis sechs Uhr abends fortwährend bei glühender Sonnenhitze auf
den Beinen, bald ankommende Waggons von der Eisenbahngesellschaft
anfordernd, bald Elfenbein und Kautschuk auf die Ozeandampfer
verladend. -- Meine Natur war der Sonnenhitze und dem angestrengten
Dienst schließlich nicht mehr gewachsen, und die ersten Fieber stellten
sich ein. Diese waren meist sehr heftig, von Schüttelfrost begleitet,
jedoch nur von kurzer Dauer.
Die Trockenperiode, welche in diesen Breiten von April bis Anfang
Oktober dauert, näherte sich ihrem Ende, und der Sommer hielt langsam
unter unaufhörlichen feuchtheißen Regengüssen seinen Einzug. Der
Sommer oder, besser gesagt, die Regenzeit währt hier von Mitte
Oktober bis Ende März und zerfällt in zwei Perioden, die eigentliche
Regenperiode zur Übergangszeit, also November und Februar, März, und
dazwischenliegend »=la petite saison sèche=«, d. h. die kleine
Trockenperiode.
Gleich bei den ersten Regengüssen, die von ungemein heftigen
Gewitterstürmen, sogenannten Tornados, begleitet waren, trat der
Kongostrom aus seinen Ufern und überschwemmte einen Teil der Faktorei.
Da sämtliche Gebäude, wie bereits erwähnt, Pfahlbauten sind, hinderte
dies vorderhand am Betriebe nichts. Doch mußte ich, da auch die
Schienenstränge überschwemmt waren, bei der Arbeit fortwährend im
Wasser stehen. Das Bild des Bahnhofes von Matadi gewährte damals einen
eigenartigen Anblick, da der ganze Bahnkörper oft einen Fuß hoch unter
Wasser stand.
Bald stellten sich die Folgen dieser ungesunden Tätigkeit bei den
Arbeitern in Form von »Beri-Beri« -- eine Art Wassersucht --, bei mir
in heftigen Gallfiebern ein, die mich wochenlang aufs Krankenbett
warfen. Die Wasserhöhe war inzwischen beständig gestiegen, sie hatte
in der Faktorei gegen 1-1/2 Meter erreicht. Das feuchte Element begann
die Fußböden der Zimmer zu lockern und zu überfluten. Des Nachts kamen
Krokodile in die Faktorei hereingeschwommen, die nach lebenden Wesen
suchten und sich dann auf den Veranden breitmachten. Im Vorjahre war
einer der Arbeiter von ihnen in Stücke zerrissen worden. Wenn auch
die Türen von innen verriegelt und verschlossen waren, so war es
doch kein angenehmes Gefühl, nur durch eine dünne Holzwand von den
furchtbaren, heimtückischen Tieren getrennt zu sein. Endlich, als der
Kongofluß auch das Hauptgebäude bis über den Flur überschwemmte, wurde
mit der Übersiedlung in eine an der Berglehne aus Bambus errichtete
primitive Baracke begonnen. Der Faktoreichef übersiedelte gleichzeitig
mit uns beiden, da er nachts nicht allein unten bleiben wollte.
Mein Krankheitszustand hatte inzwischen immer bedenklichere Formen
angenommen, ich kam aus den Fiebern -- Wechselfieber, Gallfieber
-- überhaupt nicht mehr heraus. Mein Kollege, Herr Hosemans, ein
Holländer, lag an Rheumatismus, vollständig an allen Gliedern gelähmt,
danieder und mußte an Bord des nächsten Europadampfers gebracht werden.
Mein Chef, Bertoen, war an Schwarzwasserfieber erkrankt und lag im
Sterben.
Eben wieder von einem schweren Gallfieber hergestellt, ließ ich mir vom
Stabsarzt ein Zeugnis ausstellen, wonach ein längerer Aufenthalt in
dieser verseuchten Faktorei für mich eine Katastrophe bedeuten würde,
und mit diesem Dokument in der Hand ersuchte ich um meine sofortige
Versetzung oder um meine Entlassung. Mit dem nächsten Dampfer traf mein
Nachfolger und gleichzeitig ein Schreiben aus Banana ein, worin mein
Gesuch bewilligt wurde.
In Boma. Eine Nilpferdjagd.
Kurz vor meiner definitiven Abreise nach dem Oberkongo wurde ich
noch auf zwei Monate nach Boma gerufen, um dort einen schwerkranken
Kameraden zu vertreten. Während meines kurzen Aufenthaltes daselbst
hatte ich Gelegenheit, eine Nilpferdjagd mitzumachen, die mir
unvergeßlich bleiben wird. Nichts in meinem bisherigen Leben läßt sich
mit den Eindrücken vergleichen, welche dies Erlebnis auf mein Gemüt
ausübte. Endlich einmal, nach vielen Monaten, ein echt afrikanisches
Abenteuer, wie es mir in der Phantasie in Europa vorgeschwebt hatte.
Allerdings bildete ich nach diesem Ereignis eine Jammerfigur, von oben
bis unten von ungezählten Moskitos zerstochen, Augenlider, Lippen und
Hände bis zur Unkenntlichkeit angeschwollen. Meine Füße, die beim Waten
im Sand den ganzen Tag über den sengenden Sonnenstrahlen ausgesetzt
waren, verloren nachher die Haut in Fetzen, wobei ich wahnsinnige
Schmerzen aufzustehen hatte.
Doch was hatte all dies zu bedeuten gegenüber jenem Hochgefühl
im Augenblick der Gefahr, wenn der Mensch diesem Zyklopen eines
vergangenen Jahrtausends gegenübertritt, wenn der mächtige Koloß
unter lautem Gebrüll mit geöffnetem Rachen sich auf das schmächtige
Boot stürzt, alle Insassen mit sicherem Tod und Verderben bedrohend,
gegenüber jenem Jubelschrei, der sich der Brust entringt, wenn die
Intelligenz in diesem ungleichen Kampf der Kräfte Sieger geblieben ist
und das mächtige Tier, zu Tode getroffen, verendet?
Magalhaes und Pereira, zwei Portugiesen, die den Fleischbedarf Bomas
seinerzeit fast ausschließlich deckten, waren die ersten, die das
Züchten von Nutz- und Schlachtvieh auf einer Insel unterhalb »Punta de
Lenha« in großem Stil versuchten. In Sportkreisen waren sie als die
erfolgreichsten Nilpferd- und Büffeljäger allgemein bekannt, und ich
war daher hocherfreut, von Pereira gelegentlich zu einer solchen Jagd
eingeladen zu werden.
Es war gegen 2 Uhr früh und noch finstere Nacht, als wir in einem
Eingeborenen-Kanu, das mit zehn Ruderern bemannt war, langsam
stromabwärts fuhren. Die Neger waren hübsche, kräftig gebaute, mit den
Gefahren dieser Jagd völlig vertraute Leute. Bei ihrem Gesange und
dem gleichmäßigen Ruderschlag glitten wir fast ohne jede schaukelnde
Bewegung des Bootes dahin. Meine Augen, geblendet von den Hafenlichtern
von Boma, gewöhnten sich nach und nach an die Dunkelheit und suchten
sich zu orientieren. Die Lichter Bomas verschwanden langsam; dafür
glitzerten zur Rechten die Feuer von »Shinkakassa« und ganz in der
Ferne ein großes Signalfeuer am Fetish-Rock, »=Pedro feitice=«
genannt. Mit dem Felsen verknüpft sich eine ähnliche Sage wie mit
dem Loreleifelsen am Rhein. Auf ihm sitzt, nach dem Glauben der
Eingeborenen, ein Dämon, der alle vorbeifahrenden Boote in die Tiefe
zieht. Selbst große Ozeanschiffe arbeiten stromaufwärts an dieser
Stelle oft eine Stunde, um durch die Strudel und Stromschnellen
hindurchzukommen. Je mehr wir uns ihr näherten, um so mächtiger und
unheilverkündender wurde ein dumpfes Brausen, das vom Brechen der
Strömung an den Felsmassen herrührte, vernehmlich. Diese selbst
riß uns bald in rasender Fahrt mit sich. Bald kam uns eine heftige
Gegenströmung entgegen, die mit aller Kraftanstrengung überwunden
werden mußte, damit wir von ihr nicht in die alles vernichtenden
Strudel und Trichter gezogen wurden. Wir passierten die gefährliche
Stelle, indem wir uns ganz knapp am gegenüberliegenden Ufer hielten.
Unterhalb des Fetish-Rock verbreitert sich der Strom und umfaßt
zahlreiche Inseln, die mit hohem Schilfgras bewachsen sind. Wir waren
in unserem Jagdrevier angelangt und wurden sofort von einem Heer von
Moskitos überfallen, die uns buchstäblich aussaugten. Niemand, der
nicht selbst einmal das Opfer dieses blutdürstigsten aller Insekten
gewesen ist, kann sich eine Vorstellung von den Qualen machen, die wir
bis Sonnenaufgang zu erdulden hatten.
Unsere Ruderer hatten auf ein Geheiß Pereiras ihre Tätigkeit
eingestellt, um das Erwachen des Tages abzuwarten. Klatschend fielen
ihre Hände auf die nackten Körper, um ihre Peiniger zu töten. Hier und
da plätscherte ein Ruder im Wasser, fremdartige Laute verkündeten den
anbrechenden Tag, junge Wildgänse flogen mit hellem Gekreisch aus dem
Schilf, während das eintönige Quaken der Frösche, dem sich der Ruf
der Unken als beständiger Begleitton beimischte, die Sinne in Schlaf
wiegten. Allmählich kam Leben in unsere Umgebung. Große Raubfische
sprangen mit lautem Geplätscher aus dem Wasser; Enten, Reiher und das
zahlreiche gefiederte Volk dieser Inseln stimmten ihr Morgenlied an.
Lockrufe des Bulikoko und anderer großer Vögel ertönten dazwischen,
und schließlich formte sich das Ganze zu einem Jubelchor der
erwachenden Natur.
Meine Sinne waren von diesen starken Eindrücken noch ganz befangen,
als von ferne plötzlich zweimal ein tiefes Brüllen mächtig und drohend
über die stille Wasserfläche zu uns herüberdrang. Wie ein Blitz
aus heiterem Himmel fuhr es uns in die Glieder; wir waren alle wie
elektrisiert. Ohne ein Kommando abzuwarten, ergriff jeder Mann sein
Ruder, und aufrechtstehend, jeden Nerv und jede Muskel angespannt, mit
leuchtenden Augen und pochenden Herzen, zog er es im gleichen Takt
lautlos durch die spiegelglatte Wasserfläche, so daß das Kanu wie ein
Pfeil dahinglitt. Vorsichtig, möglichst jedes plätschernde Geräusch
vermeidend, fuhren wir an Einbuchtungen, Inseln und Sandbänken vorbei,
aus welchen graue und weiße Fischreiher, Pelikane, Regenpfeifer,
Störche, Gänse und Enten überrascht aufflogen.
Bei jeder neuen Ausbuchtung vermeinten wir der Tiere ansichtig zu
werden. Doch wir hatten uns in der Entfernung getäuscht und mußten
noch etwa eine halbe Stunde rudern, eine halbe Stunde -- eine Ewigkeit
für unsere fieberhaft gespannten Nerven. Schließlich gelangten wir
wieder zu einer tiefen Einbuchtung, die einen Ausblick in einen kleinen
Binnensee bot, ein Motiv, das in allen afrikanischen Landschafts-
und Flußbildern so oftmals wiederkehrt. Vor uns, kaum 200 Schritte
entfernt, den Kopf uns abgewandt, schwamm ruhig ein anscheinend älteres
Hippopotamus. Es hatte uns nicht bemerkt und tauchte von Zeit zu Zeit
in unserer Fahrtrichtung unter. Diese Zwischenpause benutzten wir, um
mit Leibeskräften vorwärts zu rudern. Tauchte das Tier wieder auf, so
legten wir uns platt in das Kanu. Auf diese Weise kamen wir dem Tier
schnell näher, ohne von ihm bemerkt zu werden. Schon fürchtete ich,
daß wir es überholt hätten und daß das Tier sich unter uns befinden
müsse, als es plötzlich dicht vor unserem Bug auftauchte. Ein scharfer
Knall -- und das Tier verschwand wieder, diesmal allerdings in rasender
Flucht, daß das Wasser nur so schäumte. Um so deutlicher zeigte sich
die Spur auf dem Wasser, und dieser folgten unsere Neger, nun wieder
mit höchster Anspannung der Kräfte rudernd. Wir mochten unserem
Leittier so etwa 50 Meter gefolgt sein, als plötzlich zu unserer
Rechten, auf kaum zehn Meter Entfernung, eine ganze Herde von acht
bis zehn Nilpferden in wilder Flucht auf- und übereinander stürzten.
So plötzlich und unerwartet sich dieses Schauspiel vor unseren Augen
abspielte, waren wir doch alle gewissermaßen darauf vorbereitet, und
pang, pang krachten von unseren drei Büchsen fortwährend Schüsse. Ein
Jubelgeschrei unserer Ruderer, und wir sahen eine schwere, graue Masse
die Beine teilweise aus dem Wasser strecken. Dies alles war das Werk
weniger Sekunden. Die nicht getroffenen Tiere stürzten rechts und
links von unserem Boote in Riesensätzen ins tiefe Wasser, während ein
junges Exemplar, von Angst gepeitscht, im Schilf verschwand. Unsere
Ruderer hatten indessen alle Mühe, unser Boot aus dem Bereiche der
sich überstürzenden Kolosse zu bringen, um das Vollschlagen mit Wasser
zu verhindern. Beim Absuchen des Terrains ergab sich, daß zwei Tiere
verendet waren. Man kann sich schwerlich einen Begriff von unserer
Freude machen, noch weniger aber von dem Taumel der Neger, die sich wie
Wahnsinnige gebärdeten, den aufgedunsenen Körper betasteten, an den
beiden Saugzapfen der Weibchen sogen oder durch den Exkrementenkanal
mit dem ganzen Arm in dem noch warmen Körper wühlten. Die beiden Tiere
waren Weibchen von mittlerer Große und wogen etwa 3000 Kilogramm.
Nachdem der erste Freudentaumel verflogen war, wurden beide Weibchen
von sämtlichen Ruderern, die sich ihrer Lendentücher entledigt
hatten, auf eine nahegelegene Sandbank gewälzt und die Bauchhöhlen
mit Faschinenmessern aufgehackt. Beim Entfernen der Eingeweide wurden
unsere Leute in völligen Blutrausch versetzt. Nacheinander sprang jeder
einzelne in die Bauchhöhle und badete sich in dem noch rauchenden Blut
der Tiere. Auch Magalhaes und Pereira hatten sich inzwischen ihrer
Kleider entledigt, um die auf der unter Wasser stehenden Sandbank
stattfindende Arbeit zu leiten. Ich folgte ihrem Beispiel. Es mochte
gegen 6 Uhr morgens sein, und ein Fußbad konnte unseren zerstochenen
Füßen nur guttun.
In einiger Entfernung hielten sich respektvoll einige Krokodile,
die durch den Fleischgeruch, die abtreibenden Abfälle und das Blut
angelockt waren. Doch keines dieser bei Tag äußerst scheuen Tiere wagte
sich so weit in die Nähe, um uns einen guten Schuß zu ermöglichen.