Schlingpflanzen, Mangrovendickicht und Urwald, eng miteinander
verschlungen und verwachsen und dem Eindringling den Zugang zum festen
Lande verwehrend, vorüber. Vom Wasser aus gesehen, hat dieser lebende
Schutzwall geradezu etwas Märchenhaftes. In zarten Fäden, gleich
Spinnweben, hängen die Ausläufer von den höchsten Spitzen der Mangroven
und Bäume bis zum Wasser herab und bilden, mit den gleichfalls aus dem
Laubdach herabfallenden Lianen dicht verschlungen, reizende Grotten und
Höhlen. Dem Neuling erschließt sich hier ein Reich der Wunder, welches
Herz und Sinne völlig in seinen Bann schlägt.
Wir landeten an einem ausgetretenen Nilpferdpfad, und mein Herz
pochte mächtig bei dem Gedanken, das ungeschlachte Ungeheuer könnte
uns aus dem undurchdringlichen Dickicht entgegentreten. Doch nichts
dergleichen geschah, und mit ein paar Sprüngen über Morast standen
wir auf festem Boden. Beim Eintreten in das Walddickicht konnte ich
mich eines gewissen Gefühles der Beklemmung nicht erwehren. War es das
mächtige Walten und Schaffen der Natur, das mich Neuling niederdrückte?
Meine Augen schweiften unruhig umher und bemerkten, daß der Grund und
Boden, auf dem wir standen, von mir unbekannten Geschöpfen wimmelte.
Das Gelände war sumpfig und allenthalben von Löchern unterhöhlt. Vor
diesen saßen prachtvoll vom hellsten Rot bis zum tiefsten Violett
gefärbte Krabben von der Größe unserer heimischen Art bis zu den
Maßen eines Hummers. Sowie wir uns auf ein paar Schritte näherten,
verschwanden sie, um sofort, wenn wir den Rücken gekehrt hatten,
wieder aus den Löchern hervorzukommen. Viele Stunden habe ich diese
Tiere in ihrem Leben und Treiben belauscht und oftmals mittels eines
Netzes versucht, ihrer habhaft zu werden; es ist mir aber nie gelungen.
Diese Krabben, ebenso wie die Baumechsen in allen möglichen Größen
und Formen, welche beim geringsten Geräusch mit einer unglaublichen
Gewandtheit den nächsten Baum erklettern, bildeten während meines
kurzen Aufenthaltes in Banana einen Gegenstand beständigen Interesses
und Studiums. Beide Tierarten habe ich auf meinem weiteren Vordringen
nach dem Innern Afrikas nirgends mehr angetroffen.
Auf diesem ersten Jagdausflug erlegte ich eine kleine Wildkatze,
meine erste Beute auf afrikanischem Boden, deren Fell ich abzog und
präparierte. Leider übersah ich bei dieser Prozedur den langen,
buschigen Schwanz, so daß derselbe die Haare verlor.
Die Fahrt nach Fuca-Fuca. Faktoreibeamter.
Etwa sieben Wochen waren seit meiner Ankunft in Banana verstrichen. Ich
hatte in dieser Zeit gründlich Gelegenheit gehabt zu überlegen, daß das
ruhige Bureauleben auf einer großen Station, soviel Angenehmes es auch
für den Durchschnittsmenschen haben mag, für meine abenteuerhungrige
und nach freier Betätigung verlangende Natur nicht taugte. Lieber die
Strapazen beschwerlicher Karawanenreisen, lieber Hungersnöte und Kämpfe
mit den Eingeborenen ertragen, als hier von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr
abends bei sengender Sonnenhitze hinter Büchern vergraben zu sein.
Mein erster Versuch fortzukommen, wurde vom Konsul unter Hinweis
auf die großen Vorzüge, die ich hier an Ort und Stelle in Form
eines behaglichen Heimes, der Gesellschaft von Europäern, eines
reich besetzten Tisches und schließlich einer voraussichtlich
schnellen Karriere -- da er mir persönlich sehr zugetan sei --
schlankweg abgewiesen. Tatsächlich waren in der letzten Zeit einige
unserer Agenten in abgemagertem, elendem Zustande vom oberen Ubangi
eingetroffen, die von unsagbaren Leiden und Hungersnöten in diesen
Gebieten infolge eines Negeraufstandes berichteten. Doch ihre
Erzählungen hatten auf mich gerade den gegenteiligen Einfluß und
bestärkten mich eher in meinem Beschlusse, von Banana fortzukommen.
Da mündliche Anträge nichts halfen, beschloß ich schriftlich, sowohl
hier als auch bei der Zentrale in Europa anzusuchen. Diese Schritte
geben mir Gelegenheit, einige Worte über die Organisation unseres
geschäftlichen Unternehmens einzuflechten.
Die Holländer waren neben den Portugiesen die ersten, die viele Jahre
vor Zustandekommen der »Association Internationale«, aus der der
heutige Kongostaat hervorgegangen ist, von der Kongomündung Besitz
ergriffen hatten. Während die Portugiesen am linken Ufer des Stromes
Fuß faßten, gründeten die Holländer Banana, errichteten daselbst
eine eigene Schiffswerft und befuhren mit ihren Handelsdampfern den
gesamten Unterlauf des Kongo bis nach Vivi, ungefähr auf der Höhe des
heutigen Matadi gelegen, sowie die ganze portugiesische Küste nördlich
und südlich der Kongomündung -- heute Angola und Portugiesisch-Kongo
genannt --, in deren wichtigsten Plätzen sie Faktoreien anlegten.
Beim weiteren Vordringen ins Innere des Landes bis zum Stanley-Pool,
im Gefolge von Stanley, waren wieder die Holländer die ersten, die in
Brazzaville am Stanley-Pool die erste Handelsniederlassung gründeten
und von dort aus mit ihren eigenen Dampfern den ganzen Oberlauf des
Kongoflusses befuhren und daselbst Stationen errichteten. Die großen
Entfernungen, die beide Stützpunkte räumlich voneinander trennen -- die
Eisenbahn Matadi-Stanley-Pool wurde erst Jahrzehnte später in Angriff
genommen -- nötigte die Gesellschaft, zwei vollständig voneinander
getrennte Abteilungen mit je einem Direktor an der Spitze -- die
Unterkongo- und Oberkongo-Abteilung -- einzurichten.
Ich war von Europa aus ursprünglich auf mein Ansuchen hin für die
Oberkongo-Abteilung bestimmt und vom Konsul gegen einen anderen Agenten
eingetauscht worden. Meinem nochmaligen, schriftlichen Ansuchen konnte
dieser sich daher nicht gut widersetzen, und er erfüllte meinen Wunsch
wenigstens soweit, daß er mich nach der durch ihr ungesundes Klima
berüchtigten Faktorei Fuca Fuca versetzte.
Mit gemischten Gefühlen verließ ich am 27. September Banana, einesteils
erfreut, meinen Wunsch erreicht zu haben, doch auch wieder besorgt,
wie meine weitere Zukunft sich gestalten werde, da Fuca Fuca im
Rufe einer verseuchten Faktorei stand, auf der ihrer ungesunden
Lage wegen kein Europäer es länger als zwölf Monate aushält und die
meisten von ihnen sterben. Doch der herrliche Sonnentag, die heitere
Gesellschaft an Bord und vor allem das Vertrauen auf meinen Glücksstern
verscheuchten bald alle trüben Gedanken. Bald tauchte auf der linken
Seite des Flusses, mitten im Palmenwald gelegen, Kisanga auf. Von
der Flaggenstange vor dem Hauptfaktoreigebäude flatterte lustig die
holländische Fahne in der leichten Brise. Das Gebäude selbst sah viel
mehr einem modernen Jagdschlößchen als einer Faktorei ähnlich. Wege und
Anlagen waren tadellos gepflegt und rein gehalten -- ein europäisches
in die Tropen versetztes Schmuckkästchen. Wir waren nachmittags gegen
2 Uhr von Banana ausgefahren und verbrachten hier die Nacht, da wir
noch einen Teil der Ladung löschen sollten. Ich begab mich mit dem
Kapitän und dem Lotsen an Land und wurde vom Chef der Faktorei nach
Besichtigung derselben zu einer Partie Billard eingeladen.
Kisanga gehört noch zu Portugiesisch-Angola und bestand damals außer
der portugiesischen Zollstation und dem holländischen Hause nur noch
aus einer kleinen portugiesischen Faktorei. Während der Dämmerung
ertönte plötzlich von der Flußseite her lebhaftes Geschrei. Eine
Cabindafrau war beim Waschen von einem Krokodil durch einen Schlag
seines mächtigen Schwanzes ins Wasser geschleudert und vor den Augen
der entsetzten Gefährtinnen in Stücke zerrissen und in die Tiefe
gezerrt worden. Der Vorfall versetzte mich begreiflicherweise in die
höchste Aufregung, während die Holländer und Portugiesen die Sache ganz
kühlen Blutes als etwas hinnahmen, was sich öfters ereignet. Es war den
Eingeborenen untersagt, bei Einbrechen der Dämmerung an das Flußufer,
noch dazu an tiefe Stellen, zu gehen, wo ein Krokodil sich ganz
unbemerkt an sie heranmachen konnte. Beim ersten Morgengrauen verließen
wir Kisanga, und in voller Fahrt ging es stromaufwärts nach der Haupt-
und Regierungsstadt Boma, die wir gegen 1/2-12 Uhr -- falls wir
glücklich, ohne hängen zu bleiben, die große Sandbarriere überschreiten
würden -- erreichen sollten. An Stelle der dicht bewaldeten Inseln und
des verhältnismäßig ziemlich hoch gelegenen und mit üppiger Vegetation
bedeckten linken Flußufers stießen wir, je weiter wir ins Innere
kamen, auf große Weide- und Schilfgebiete. Die Inseln verflachen
sich und sind mit hohem Schilfgras bewachsen, und die bewaldeten,
hohen Ufer entschwinden allmählich aus dem Gesichtskreis. Wir näherten
uns der großen Sandbank, welche alljährlich durch die Strömung hier
angeschwemmt wird und, vor allem gegen Ende der Trockenperiode, wenn
der Wasserstand am niedrigsten ist, die Schiffahrt ernstlich gefährdet.
Ein Heer von Piloten ist beständig mit dem Sondieren der Wassertiefe
und dem Suchen nach einem Durchgangswege für die Schiffe betraut, da
Menschenhände bisher die Macht des Flusses infolge der eigenartigen
geologischen Beschaffenheit des Terrains nicht zu bändigen vermochten
und die Sandbänke im beständigen Abbau und in Neubildung begriffen
sind. Das Flußbett, welches auf der Höhe von Kisanga z. B. eine Breite
von zirka 1500 bis 2000 Meter haben mag, umfaßt hier wohl das Zehnfache
und bildet mit den vielen Inseln, toten Armen und Sandbänken eine Art
Binnensee, in welchem die Strömung kaum bemerkbar ist.
An der eigentlichen Barriere bleibt dem Dampfer manchmal kein anderer
Ausweg, als sich mit aller Maschinenkraft über das letzte Hindernis
hinwegzuarbeiten. Gelingt das nicht, dann bleibt er oft zwei bis drei
Wochen auf dem Sande sitzen, bis er soweit entladen ist, daß er sich
herausarbeiten kann. Auch wir waren verschiedene Male an Sandbänke
angefahren und gelangten schließlich nach einer Reihe von Stößen,
die das Schiff bis in die Grundfesten erschütterten, über die große
Barriere nach Boma.
Boma ist die malerisch auf einer Anhöhe gelegene Haupt- und
Residenzstadt des Gouverneurs des Kongostaates und zählte damals
gegen 300 Europäer aller Nationen. Die Stadt ist von dem gleichfalls
auf einem Hügel gelegenen Fort Shinkakassa vor feindlichen Angriffen
sowohl von der Landseite aus als auch gegen den Fluß hin geschützt und
besitzt eine kleine Lokalbahn, die das Ufer mit dem Fort verbindet
und die Stadt durchquert. Boma ist überdies der Ausgangspunkt einer
Eisenbahnlinie, die nach dem reichen und für Plantagenbau besonders
geeigneten Hinterlande Mayumbe führt und von dort die Kolonialprodukte
an Kautschuk, Kakao, Kaffee, Tee, Palmöl, Nutzhölzern aller Art usw.
vom Innern an das Flußufer bringt. Von der Landungsbrücke gelangt man
auf einen schattigen großen Platz mit einem Musikpavillon, =Place
de la Marine= genannt, auf welchem an Sonntagen die Kapelle der
»Katholischen Missionskinder« spielt. Von hier führt eine Straße den
Fluß entlang ins sogenannte Faktoreiviertel, d. h. die Niederlassungen
der holländischen, portugiesischen, englischen und französischen
Kaufleute, während eine zweite schattige Allee von Mangobäumen den
Hügel erklimmt und nach dem »Boma-Plateau« führt, auf welchem die
meisten Verwaltungsgebäude der Regierung, die Katholische Mission
nebst kleiner Missionskapelle sowie das Gouvernementsgebäude liegen.
Die einzelnen Häuser sind von schönen Gärten umgeben und stehen
ziemlich weit auseinander, so daß Boma auf den ersten Anblick viel
größer erscheint, als es tatsächlich ist. Vom Plateau aus genießt
man einen prächtigen Rundblick auf den majestätisch dahinziehenden
Strom, der nach dem Unterlaufe zu mit einer in das Bett hineinragenden
Felsengruppe, dem sogenannten »Fetish-Rock« abschließt, während nach
seinem Oberlauf die Ufer zu beiden Seiten ihn immer mehr einschließen.
Zur Rechten erblickt man das Fort Shinkakassa, und zu Füßen, hinter
Palmenanlagen, leuchten die weißen Dächer der Faktoreigebäude aus dem
saftigen Grün hervor. Das wellenförmige Hügelgelände der Umgebung ist
eine ausgedehnte unfruchtbare Grassteppe, deren Eintönigkeit hie und
da durch einen mächtigen »Baobab« (Affenbrotbaum) oder »Wurstbaum«,
nach den wurstartigen Früchten so benannt, belebt wird. Das Gelände
durchschneidet ein kleiner Bach, der in einer Lagune in den Fluß
einmündet und »Krokodilfluß« heißt. Vor Jahrzehnten soll das Gewässer
eine Brutstätte für Krokodile gewesen sein.
[Illustration: Palmenstraße in Boma]
Was die einheimische Bevölkerung anbelangt, so ist Boma das moderne
Babel der Negerrassen Innerafrikas. Als größere Garnisonstadt finden
sich unter den Soldaten, die übrigens in ihrer dunkelblauen Uniform
mit Pumphosen, roter Schärpe und dunkelrotem Fes höchst schmuck
aussehen, Vertreter sämtlicher Rassen. Allerdings fallen bei ihnen
die Stammesmerkmale nicht so sehr in die Augen, da sie meistenteils
frühzeitig von ihrer Heimat weg Dienste beim Europäer angenommen und
infolgedessen die Tätowierung vernachlässigt haben.
Von Boma stromaufwärts verengt sich, wie gesagt, der Lauf des Stromes,
und die Ufer zu beiden Seiten nehmen gebirgigen Charakter an. Die
Fahrt wird immer genußreicher, und bei jeder Krümmung bietet sich dem
entzückten Auge des Reisenden eine neue Offenbarung des mächtigen
Waltens der Natur. Steile Felsen senken sich von beträchtlicher
Höhe fast senkrecht zum Wasserspiegel hinab und schließen jede
weitere Aussicht derart ab, daß das vor uns liegende Wasserbecken
einem von allen Seiten eingeschlossenen Hochgebirgssee gleicht.
Dies Bild wiederholt sich in immer anderer Gestalt fortwährend. Ein
Landschaftsmaler könnte hier Motive für unzählige Bilder finden.
Kommt man näher an die Ufer heran, so ist man erstaunt, zu sehen, wie
hier die Natur vorgesorgt hat, die Öde und Eintönigkeit der Gegend
zu verdecken und zu beleben, denn im Grunde genommen ist es doch
ein trostloses Bild, das sich dem Auge bietet. Nichts als dürres
Gras gedeiht auf diesen Steinfelsen und in der Tiefe, aus welcher
befruchtende Quellen aus dem Gebirge kommen, einiges Laubwerk.
Auf das lebhafteste wurde meine Phantasie angezogen durch die
Riesenbrände, die gegen Ende der Trockenperiode allenthalben
wahrzunehmen sind und gierig den letzten Rest der Vegetation
verschlingen. Wir kamen an mehreren solchen Brandstellen vorüber. Auf
meilenweite Entfernung stand das etwa zwei Meter hohe, trockene Gras
in Flammen. So großartig dies Schauspiel auch ist, so grauenhaft ist
es, mitanzusehen, wie der lechzende Dämon alles Lebende vernichtet.
Wehe der Karawane, die ahnungslos in den Bereich eines solchen
Brandes gelangt. Da hilft keine Flucht; denn wie ein Orkan fegt die
Feuersbrunst daher. Ein paar Häuflein verkohlter Skelette sind alles,
was binnen wenigen Minuten übrigbleibt. Diese Riesenbrände entstehen
übrigens nicht von selbst, sondern werden von den Eingeborenen zu
Jagdzwecken angefacht.
[Illustration: Arbeiterdorf Boma.]
Im Verlaufe unserer Reise kamen wir öfters an schwimmenden Inseln,
Fetzen festen Landes von 30 bis 40 Meter Umfang, mit Bäumen und
Gestrüpp bewachsen, vorbei. Auf einem derselben lagerte ein
Riesenexemplar von Krokodil, das bei unserem Nahen schwerfällig ins
Wasser glitt.
Wir passierten auf unserer Fahrt, ohne anzuhalten, die malerisch in
kleinen Ausbuchtungen, gleich Oasen in dieser Steinwüste, gelegenen
holländischen Faktoreien Binda, Musuko, danach Muckula und zuletzt
Noki. Alle diese Faktoreien liegen noch auf portugiesischem Gebiet.
Kurz vor unserer Ankunft in Matadi hatte der Dampfer ein schweres
Hindernis, den »=Chaudron d'Enfer=«, zu überwinden. Infolge einer
quer durch das Flußbett laufenden Niveausenkung sowie der Anhäufung
großer Felsmassen unter Wasser erreicht hier die Strömung eine
außerordentliche Schnelligkeit und bildet Stromschnellen und Trichter,
die kleinere Boote und Gegenstände, die in ihren Bereich kommen, in
die Tiefe ziehen und zerschellen. Nur Schiffe, die über zwölf Knoten
Geschwindigkeit laufen, können diese Stromschnellen passieren. Die
Fahrt durch den Höllenschlund ist für jedes Schiff ein Ereignis; selbst
mit großen Ozeandampfern haben sich hier bereits mehrfach Unglücksfälle
ereignet.
Unser Dampfer hielt einige Zeit unterhalb dieser Stelle, gleichsam
um Kraft und Atem zur Bewältigung dieses letzten Hindernisses zu
schöpfen. Der Dampf wurde auf höchstmöglichen Druck gebracht, so daß
die Kessel zu explodieren drohten, und nun ging es vorwärts, an den
großen Höllentrichtern vorbei. Wir sahen, wie vorbeischwimmende Balken
und Gestrüpp in kreiselförmiger Bewegung von ihnen in die Tiefe gezogen
wurden. Unserem Ozeanriesen konnten sie allerdings nichts anhaben,
-- der Boden unter unseren Füßen zitterte und bebte --, langsam,
fast unmerkbar, kamen wir trotz erhöhter Schraubengeschwindigkeit
Schritt für Schritt durch Stromschnellen und den verderbenbringenden
Trichter vorwärts, bis wir, um die Flußecke biegend, in der Ferne das
an Felsenwänden erbaute Matadi, die Endstation der Flußschiffahrt
am unteren Kongo, erkannten und binnen einer kleinen Viertelstunde
erreichten.
Matadi ist die inländische Bezeichnung, welche die Eingeborenen der
Stadt gegeben haben, für »Fels« oder »Gestein«. Tatsächlich ist die
Stadt in die Felsen hineingebaut, und Straßen und Anlagen mußten
ursprünglich aus den Felsen mittels Dynamit herausgesprengt werden.
Die Riesenarbeit, die seinerzeit bei Anlage der Stadt durch Sappeure
und Genie-Truppen geleistet wurde, hat auf die leicht erregbare
Phantasie der Eingeborenen einen derartigen Eindruck gemacht, daß sie
von da an den neuen Staat mit »=m'bula matadi=« (Felsensprenger)
betitelten, welche Bezeichnung ihm bis auf den heutigen Tag als Zeichen
der Höchstleistung an übernatürlicher Kraft und Energie für die
Eingeborenen geblieben ist.
Matadi ist Ausgangspunkt der 500 Kilometer langen Eisenbahn nach dem
Stanley-Pool und steht heute an Bedeutung und Einwohnerzahl als große
Zwischenverkehrs-Station Boma kaum nach. Bei meinem ersten Besuch 1897
war die Bahnlinie erst bis Kilometer 360 fertiggestellt und in Betrieb,
und Matadi bestand nur aus ein paar Häusern, dem Betriebsgebäude
der »=Compagnie du Chemin de Fer=«, unserer Faktorei Fuca
Fuca und dem »Englischen Hause« in Chikenge. Inzwischen wurden
Kaianlagen errichtet, um die Schienenstränge vor den alljährlichen
Überschwemmungen zu schützen. Die Regierung verlegte einen Teil ihrer
Verwaltung nach hier, die Eisenbahnverwaltung errichtete luftige, von
kleinen Gärten umgebene »=Chalets=« für ihren Beamtenstab, große,
mehrstöckige Faktoreigebäude eröffneten an einer Hauptstraße entlang
ihre Stores, kurzum, die Stadt hat innerhalb eines Jahrzehntes großen
Aufschwung genommen.
[Illustration: Landungsbrücke und Eisenbahn von Matadi.]
Selbstverständlich war Matadi damals, wo weder Baum noch Strauch auf
den kahlen Felsen gedeihen konnte, zur Zeit der heißen Regenperiode
eine wahre Hölle auf Erden. Die Rückwirkung der Sonnenstrahlen von
den glühenden Granitfelsen und weißen Dächern der Gebäude um die
Mittagszeit war derart, daß man kaum die Augen zu öffnen wagte und
das Gefühl hatte, mitten in einer Feuersbrunst zu stehen. Die Hitze
des Gesteins durchbrannte die Sohlen der Schuhe, und die Augenlider
waren trotz schwarzer Augenbrillen und Tropenhelm angeschwollen. Um
die Mittagszeit stockte daher jeder Verkehr, und wer irgend konnte,
verschloß sich in die halbwegs kühlen inneren Faktoreiräume.
Fuca Fuca war der Name der holländischen Faktorei und diese vorläufig
das Endziel meiner Reise. Auch diese Bezeichnung stammt von der
hiesigen eingeborenen, zum großen Teil Portugiesisch sprechenden
Bevölkerung und heißt »Feuer Feuer«. Man sieht aus den beiden
Beispielen, daß die Eingeborenen in ihren Bezeichnungen den Nagel auf
den Kopf treffen.
~Das Märchen von Fuca Fuca.~ Tief im Innern, in Angola, in
einem Urwalde, abgeschnitten von der übrigen Welt, liegt ein kleines
Negerdorf, aus nur wenigen Hütten bestehend. Hier herrschte Mukenge als
unumstrittener Gebieter über das Häuflein der Treuen, die das große
Sterben, das vor Jahren die Blüte und Auslese seines Stammes mit rauher
Todessichel hinwegraffte, übriggelassen hatte. Nur einen seiner Söhne,
Kalamba, hatten die bösen »Nkichi«-Geister verschont, und dieser war
die Stütze und der Stolz seines alten Vaters.
Fortuna hieß die Tochter des mächtigen Häuptlings Jongo Jongo, der in
der großen Grassteppe, zwei Tagereisen gegen Sonnenaufgang, Gebieter
über ein kriegerisches Volk war. Sie war eine Königstochter im wahren
Sinne des Wortes; ihre Augen leuchteten wie die Sterne der Nacht; ihre
Füße und Hände waren zart und klein, ihr Wuchs schlank wie der einer
Gazelle.
An einem der jeden Neumond inmitten des großen Urwaldes stattfindenden
Markttage hatte Kalamba Fortuna zum ersten Male gesehen, und ihre
strahlenden Augensterne hatten sofort das Feuer der Liebe in
seinem Busen entfacht. Auch er war der schönen Königstochter nicht
gleichgültig geblieben; denn Kalamba war ein junger, kräftiger, stolzer
Mann.
Monate vergingen, und bald entstand ein Gemurmel und Geflüster im
Urwalde. Die Wipfel der Bäume und die Vögel des Waldes flüsterten
das große Geheimnis einander zu, und eines Tages erschien Kalamba im
Dorfe des Jongo Jongo an der Spitze einer großen, mit Geschenken reich
beladenen Karawane, um die Königstochter zu freien.
Der alte Jongo war ein schlauer und wegen seiner Zauberkünste
gefürchteter Mann. Mit heuchlerischer Güte empfing er seinen künftigen
Schwiegersohn und nahm die Hochzeitsgeschenke entgegen. Bevor er seine
Einwilligung zur Ehe gab, meinte er, er müsse den Segen Zambis, des
höchsten Gottes, erflehen und dessen Orakel befragen und bat Kalamba,
einstweilen mit seiner Gastfreundschaft vorlieb zu nehmen. In Wahrheit
aber sann er darüber nach, wie er sich des unerwünschten Freiers am
besten entledigen könnte.
[Illustration: Bangala-Mädchen im Tanzkostüm.]
Am nächsten Morgen versammelte er sein ganzes Dorf um sich, um den
Orakelspruch, der ihm in der Nacht geworden, feierlich zu verkünden. Am
vorhergehenden Tage hatte man eine der als Hochzeitsgeschenk gebrachten
Ziegen geschlachtet und von ihr verschiedene Teile Zambi als Opfer
dargebracht. Jongo Jongo hatte die ganze Nacht im Gebet gelegen, und
gerade um die Zeit, als »Ngondo«, der Mond, am höchsten stand, sei
Zambi ihm in der Gestalt von »Djakombo« (Fetisch) erschienen und habe
ihm folgendes verkündet:
»Weit über Steppe und Urwald, dort, wo die Sonne in dem großen Wasser
verschwindet, sei ein mächtiger Gott in der Gestalt eines weißen
Mannes aus den Fluten des Meeres emporgestiegen. Im Bauche eines
feuerspeienden Riesenfisches sei er auf der Oberfläche des Wassers
aufgetaucht und an Land gekommen, eine Menge fremdartiger Gegenstände
vom Grunde des Meeres mitbringend. Dieser fremde Gott habe Donner und
Blitz in seiner Gewalt. Zu ihm solle Jongo Jongo seinen Schwiegersohn
senden, und dieser solle ihm Donner und Blitz bringen, dann würde er
der mächtigste Gebieter über sämtliche Stämme werden.«