eine Erzählung legen werde, die ihm ganz abenteuerlich klingen mußte.
Darf denn überhaupt ein erleuchtetes Kriminalgericht an das Wunderbare
glauben?“
„Wenigstens hätten Sie aber doch gleich ahnen, daß man Sie mit dem
wahnsinnigen Mönch verwechsle, und diesen als den Kapuziner Medardus
bezeichnen sollen?“
„Freilich -- und zwar nachdem mich ein alter, blöder Greis, ich glaube
er heißt Cyrillus, durchaus für seinen Klosterbruder halten wollte. Es
ist mir nicht eingefallen, daß der wahnsinnige Mönch eben der Medardus,
und das Verbrechen, das er mir bekannte, Gegenstand des jetzigen
Prozesses sein könne. Aber, wie mir der Förster sagte, hatte er ihm
niemals seinen Namen genannt -- wie kam man zur Entdeckung?“
„Auf die einfachste Weise. Der Mönch hatte sich, wie Sie wissen, einige
Zeit bei dem Förster aufgehalten; er schien geheilt, aber aufs neue
brach der Wahnsinn so verderblich aus, daß der Förster sich genötigt
sah, ihn hierher zu schaffen, wo er in das Irrenhaus eingesperrt wurde.
Dort saß er Tag und Nacht mit starrem Blick, ohne Regung, wie eine
Bildsäule. Er sprach kein Wort und mußte gefüttert werden, da er keine
Hand bewegte. Verschiedene Mittel ihn aus der Starrsucht zu wecken,
blieben fruchtlos, zu den stärksten durfte man nicht schreiten, ohne
Gefahr ihn wieder in wilde Raserei zu stürzen. Vor einigen Tagen kommt
des Försters ältester Sohn nach der Stadt, er geht in das Irrenhaus, um
den Mönch wieder zu sehen. Ganz erfüllt von dem trostlosen Zustande des
Unglücklichen, tritt er aus dem Hause, als eben der Pater Cyrillus aus
dem Kapuzinerkloster in B. vorüberschreitet. Den redet er an und bittet
ihn, den unglücklichen, hier eingesperrten Klosterbruder zu besuchen,
da ihm der Zuspruch eines Geistlichen seines Ordens vielleicht heilsam
sein könne. Als Cyrillus den Mönch erblickt, fährt er entsetzt zurück.
„Heilige Mutter Gottes! Medardus, unglückseliger Medardus!“ So ruft
Cyrillus, und in dem Augenblick beleben sich die starren Augen des
Mönchs. Er steht auf und fällt mit einem dumpfen Schrei kraftlos zu
Boden. -- Cyrillus, mit den übrigen, die bei dem Ereignis zugegen
waren, geht sofort zum Präsidenten des Kriminalgerichts und zeigt alles
an. Der Richter, dem die Untersuchungen wider Sie übertragen, begibt
sich mit Cyrillus nach dem Irrenhause; man findet den Mönch sehr matt,
aber frei von allem Wahnsinn. Er gesteht ein, daß er der Mönch Medardus
aus dem Kapuzinerkloster in B. sei. Cyrillus versicherte seinerseits,
daß Ihre unglaubliche Ähnlichkeit mit Medardus ihn getäuscht habe. Nun
bemerke er wohl, wie Herr Leonard sich in Sprache, Blick, Gang und
Stellung sehr merklich von dem Mönch Medardus, den er nun vor sich
sehe, unterscheide. Man entdeckte auch das bedeutende Kreuzeszeichen an
der linken Seite des Halses, von dem in Ihrem Prozeß so viel Aufhebens
gemacht worden ist. Nun wird der Mönch über die Begebenheiten auf dem
Schlosse des Barons von F. befragt. -- „Ich bin ein abscheulicher,
verruchter Verbrecher, sagt er mit matter, kaum vernehmbarer Stimme:
ich bereue tief, was ich getan. -- Ach, ich ließ mich um mein Selbst,
um meine unsterbliche Seele betrügen! ... Man habe Mitleiden! ... man
lasse mir Zeit ... alles ... alles will ich gestehen.“ -- Der Fürst,
unterrichtet, befiehlt sofort den Prozeß wider Sie aufzuheben und Sie
der Haft zu entlassen. Das ist die Geschichte Ihrer Befreiung. -- Der
Mönch ist nach dem Kriminalgefängnis gebracht worden.“
„Und hat alles gestanden? Hat er Euphemen, Hermogen ermordet? wie ist
es mit dem Grafen Viktorin? ...“
„So viel, wie ich weiß, fängt der eigentliche Kriminalprozeß wider den
Mönch erst heute an. Was aber den Grafen Viktorin betrifft, so scheint
es, als wenn nun einmal alles, was nur irgend mit jenen Ereignissen
an unserem Hofe in Verbindung stehe, dunkel und unbegreiflich bleiben
müsse.“
„Wie die Ereignisse auf dem Schlosse des Barons von F. aber mit jener
Katastrophe an Ihrem Hofe sich verbinden sollen, sehe ich in der Tat
nicht ein.“
„Eigentlich meinte ich auch mehr die spielenden Personen, als die
Begebenheit.“
„Ich verstehe Sie nicht.“
„Erinnern Sie sich genau meiner Erzählung jener Katastrophe, die dem
Prinzen den Tod brachte?“
„Allerdings.“
„Ist es Ihnen dabei nicht völlig klar worden, daß Francesko
verbrecherisch die Italienerin liebte? daß er es war, der vor dem
Prinzen in die Brautkammer schlich und den Prinzen niederstieß? --
Viktorin ist die Frucht jener freveligen Untat. -- Er und Medardus
sind Söhne eines Vaters. Spurlos ist Viktorin verschwunden, alles
Nachforschen blieb vergebens.“
„Der Mönch schleuderte ihn hinab in den Teufelsgrund. Fluch dem
wahnsinnigen Brudermörder!“ --
Leise -- leise ließ sich in dem Augenblick, als ich heftig diese Worte
ausstieß, jenes Klopfen des gespenstischen Unholds aus dem Kerker
hören. Vergebens suchte ich das Grausen zu bekämpfen, welches mich
ergriff. Der Arzt schien so wenig das Klopfen als meinen inneren Kampf
zu bemerken. Er fuhr fort: „Was ... hat der Mönch Ihnen gestanden, daß
auch Viktorin durch seine Hand fiel?“
„Ja!... wenigstens schließe ich aus seinen abgebrochenen Äußerungen,
halte ich damit Viktorins Verschwinden zusammen, daß sich die Sache
wirklich so verhält. Fluch dem wahnsinnigen Brudermörder!“ -- Stärker
klopfte es und stöhnte und ächzte: ein feines Lachen, das durch die
Stube pfiff, klang wie Medardus ... Medardus ... hi ... hi ... hi
hilf! -- Der Arzt, ohne das zu bemerken, fuhr fort:
„Ein besonderes Geheimnis scheint noch auf Franceskos Herkunft zu
ruhen. Er ist höchstwahrscheinlich dem fürstlichen Hause verwandt. So
viel ist gewiß, daß Euphemie die Tochter ...“
Mit einem entsetzlichen Schlage, daß die Angeln zusammenkrachten,
sprang die Tür auf, ein schneidendes Gelächter gellte herein. „Ho
... ho ... ho ... ho Brüderlein, schrie ich wahnsinnig auf: hoho ...
hierher ... frisch, frisch, wenn du kämpfen willst mit mir ... der
Uhu macht Hochzeit; nun wollen wir auf das Dach steigen und ringen
miteinander, und wer den andern herabstößt, ist König und darf Blut
trinken.“ -- Der Leibarzt faßte mich in die Arme und rief: „Was ist
das? Was ist das? Sie sind krank ... in der Tat, gefährlich krank.
Fort, fort, zu Bette.“ -- Aber ich starrte nach der offenen Tür, ob
mein scheußlicher Doppelgänger nicht hereintreten werde, doch ich
erschaute nichts und erholte mich bald von dem wilden Entsetzen, das
mich gepackt hatte mit eiskalten Krallen. Der Leibarzt bestand darauf,
daß ich kränker sei, als ich selbst wohl glauben möge, und schob alles
auf den Kerker und die Gemütsbewegung, die mir überhaupt der Prozeß
verursacht haben müsse. Ich brauchte seine Mittel, aber mehr als seine
Kunst trug zu meiner schnellen Genesung bei, daß das Klopfen sich nicht
mehr hören ließ, der furchtbare Doppelgänger mich daher ganz verlassen
zu haben schien.
Die Frühlingssonne warf eines Morgens ihre goldnen Strahlen hell
und freundlich in mein Zimmer, süße Blumendüfte strömten durch das
Fenster; hinaus ins Freie trieb mich ein unendlich Sehnen, und des
Arztes Verbot nicht achtend, lief ich fort in den Park. -- Da begrüßten
Bäume und Büsche rauschend und flüsternd den von der Todeskrankheit
Genesenen. Ich atmete auf, wie aus langem, schwerem Traum erwacht,
und tiefe Seufzer waren des Entzückens unaussprechbare Worte, die ich
hineinhauchte in das Gejauchze der Vögel, in das fröhliche Sumsen und
Schwirren bunter Insekten.
Ja! -- ein schwerer Traum dünkte mir, nicht nur die letztvergangene
Zeit, sondern mein ganzes Leben, seitdem ich das Kloster verlassen,
als ich mich in einem von dunklen Platanen beschatteten Garten befand.
-- Ich war im Garten der Kapuziner zu B. Aus dem fernen Gebüsch ragte
schon das hohe Kreuz hervor, an dem ich sonst oft mit tiefer Inbrunst
flehte, um Kraft, aller Versuchung zu widerstehen. -- Das Kreuz schien
mir nun das Ziel zu sein, wo ich hinwallen müsse, um, in den Staub
niedergeworfen, zu bereuen und zu büßen den Frevel sündhafter Träume,
die mir der Satan vorgegaukelt; und ich schritt fort mit gefalteten
emporgehobenen Händen, den Blick nach dem Kreuz gerichtet. -- Stärker
und stärker zog der Luftstrom -- ich glaubte die Hymnen der Brüder zu
vernehmen, aber es waren nur des Waldes wunderbare Klänge, die der
Wind, durch die Bäume sausend, geweckt hatte, und der meinen Atem
fortriß, so daß ich bald erschöpft stillstehen, ja mich an einem
nahen Baum festhalten mußte, um nicht niederzusinken. Doch hin zog
es mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem fernen Kreuz; ich nahm
alle meine Kraft zusammen und wankte weiter fort, aber nur bis an den
Moossitz dicht vor dem Gebüsch konnte ich gelangen; alle Glieder lähmte
plötzlich tötliche Ermattung; wie ein schwacher Greis ließ ich langsam
mich nieder, und in dumpfem Stöhnen suchte ich die gepreßte Brust zu
erleichtern. -- Es rauschte im Gange dicht neben mir ... Aurelie!
Sowie der Gedanke mich durchblitzte, stand sie vor mir! -- Tränen
inbrünstiger Wehmut quollen aus den Himmelsaugen, aber durch die Tränen
funkelte ein zündender Strahl; es war der unbeschreibliche Ausdruck
der glühendsten Sehnsucht, der Aurelien fremd schien. Aber so flammte
der Liebesblick jenes geheimnisvollen Wesens am Beichtstuhl, das ich
oft in süßen Träumen sah. „Können Sie mir jemals verzeihen!“ lispelte
Aurelie. Da stürzte ich wahnsinnig vor namenlosem Entzücken vor ihr
hin, ich ergriff ihre Hände! -- „Aurelie ... Aurelie ... für dich
Marter! ... Tod!“ Ich fühlte mich sanft emporgehoben -- Aurelie sank an
meine Brust, ich schwelgte in glühenden Küssen. Aufgeschreckt durch ein
nahes Geräusch, wand sie sich endlich los aus meinen Armen, ich durfte
sie nicht zurückhalten. „Erfüllt ist all’ mein Sehnen und Hoffen,“
sprach sie leise, und in dem Augenblick sah ich die Fürstin den Gang
heraufkommen. Ich trat hinein in das Gebüsch, und wurde nun gewahr,
daß ich wunderlicherweise einen dürren, grauen Stamm für ein Kruzifix
gehalten.
Ich fühlte keine Ermattung mehr; Aureliens Küsse durchglühten mich
mit neuer Lebenskraft; es war mir, als sei jetzt hell und herrlich
das Geheimnis meines Seins aufgegangen. Ach, es war das wunderbare
Geheimnis der Liebe, das sich nun erst in rein strahlender Glorie
mir erschlossen. -- Diese Zeit war es, die mich wie ein Traum aus
dem Himmel umfing, als ich das aufzuzeichnen begann, was sich nach
Aureliens Wiedersehen mit mir begab. Dich Fremden, Unbekannten! der
du einst diese Blätter lesen wirst, bat ich, du solltest jene höchste
Sonnenzeit deines eigenen Lebens zurückrufen, dann würdest du den
trostlosen Jammer des in Reue und Buße ergrauten Mönchs verstehen und
einstimmen in seine Klagen. Noch einmal bitte ich dich jetzt, laß jene
Zeit im Innern dir aufgehen, und nicht darf ich dann dir’s sagen: wie
Aureliens Liebe mich und alles um mich her verklärte, wie reger und
lebendiger mein Geist das Leben im Leben erschaute und ergriff, wie
mich, den göttlich Begeisterten, die Freudigkeit des Himmels erfüllte.
Kein finstrer Gedanke ging durch meine Seele, Aureliens Liebe hatte
mich entsündigt, ja! auf wunderbare Weise keimte in mir die feste
Überzeugung auf, daß nicht ich jener ruchlose Frevler auf dem Schlosse
des Barons von F. war, der Euphemien -- Hermogen erschlug, sondern,
daß der wahnsinnige Mönch, den ich im Försterhause traf, die Tat
begangen. Alles, was ich dem Leibarzt gestand, schien mir nicht Lüge,
sondern der wahre, geheimnisvolle Hergang der Sache zu sein, die mir
selbst unbegreiflich blieb. -- Der Fürst hatte mich empfangen, wie
einen Freund, den man verloren glaubt und wieder findet; dies gab
natürlicherweise den Ton an, in den alle einstimmen mußten, nur die
Fürstin, war sie auch milder als sonst, blieb ernst und zurückhaltend.
Aurelie gab sich mir mit kindlicher Unbefangenheit ganz hin, ihre Liebe
war ihr keine Schuld, die sie der Welt verbergen mußte, und ebenso
wenig vermochte ich, auch nur im mindesten das Gefühl zu verhehlen, in
dem allein ich nur lebte. Jeder bemerkte mein Verhältnis mit Aurelien,
niemand sprach darüber, weil man in des Fürsten Blicken las, daß er
unsere Liebe, wo nicht begünstigen, doch stillschweigend dulden wolle.
So kam es, daß ich zwanglos Aurelien öfter, manchmal auch wohl ohne
Zeugen sah. -- Ich schloß sie in meine Arme, sie erwiderte meine Küsse,
aber es fühlend, wie sie erbebte in jungfräulicher Scheu, konnte ich
nicht Raum geben der sündlichen Begierde; jeder frevelige Gedanke
erstarb in dem Schauer, der durch mein Inneres glitt. Sie schien keine
Gefahr zu ahnen, wirklich gab es für sie keine, denn oft, wenn sie im
einsamen Zimmer neben mir saß, wenn mächtiger als je ihr Himmelsreiz
strahlte, wenn wilder die Liebesglut in mir aufflammen wollte, blickte
sie mich an so unbeschreiblich milde und keusch, daß es mir war, als
vergönne es der Himmel dem büßenden Sünder, schon hier auf Erden der
Heiligen zu nahen. Ja, nicht Aurelie, die heilige Rosalia selbst war
es, und ich stürzte zu ihren Füßen und rief laut: „O du fromme, hohe
Heilige, darf sich denn irdische Liebe zu dir im Herzen regen?“ -- Dann
reichte sie mir die Hand und sprach mit süßer, milder Stimme: „Ach,
keine hohe Heilige bin ich, aber wohl recht fromm und liebe dich gar
sehr!“
Ich hatte Aurelien mehrere Tage nicht gesehen, sie war mit der Fürstin
auf ein nahe gelegenes Lustschloß gegangen. Ich ertrug es nicht
länger, ich rannte hin. -- Am späten Abend angekommen, traf ich im
Garten auf eine Kammerfrau, die mir Aureliens Zimmer nachwies. Leise,
leise öffnete ich die Tür -- ich trat hinein -- eine schwüle Luft,
ein wunderbarer Blumengeruch wallte mir sinnebetäubend entgegen.
Erinnerungen stiegen in mir auf wie dunkle Träume. Ist das nicht
Aureliens Zimmer auf dem Schlosse des Barons, wo ich ... Sowie ich dies
dachte, war es, als erhebe sich hinter mir eine finstre Gestalt, und:
Hermogen! rief es in meinem Innern. Entsetzt rannte ich vorwärts, nur
angelehnt war die Türe des Kabinetts. Aurelie kniete, den Rücken mir
zugekehrt vor einem Tabourett, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag.
Voll scheuer Angst blickte ich unwillkürlich zurück -- ich schaute
nichts, da rief ich im höchsten Entzücken: „Aurelie, Aurelie!“ --
Sie wandte sich schnell um, aber noch ehe sie aufgestanden, lag ich
neben ihr und hatte sie fest umschlungen. „Leonard! mein Geliebter!“
-- lispelte sie leise. Da kochte und gährte in meinem Innern rasende
Begier, wildes, sündiges Verlangen. Sie hing kraftlos in meinen
Armen; die genestelten Haare waren aufgegangen und fielen in üppigen
Locken über meine Schultern, der jugendliche Busen quoll hervor --
sie ächzte dumpf -- ich kannte mich selbst nicht mehr! -- Ich riß sie
empor, sie schien erkräftigt, eine fremde Glut brannte in ihrem Auge,
feuriger erwiderte sie meine wütenden Küsse. Da rauschte es hinter uns
wie starker, mächtiger Flügelschlag; ein schneidender Ton, wie das
Angstgeschrei des zum Tode Getroffenen, gellte durch das Zimmer. --
„Hermogen!“ schrie Aurelie und sank ohnmächtig hin aus meinen Armen.
Von wildem Entsetzen erfaßt, rannte ich fort! -- Im Flur trat mir die
Fürstin, von einem Spaziergange heimkehrend, entgegen. Sie blickte
mich ernst und stolz an, indem sie sprach: „Es ist mir in der Tat sehr
befremdlich, Sie hier zu sehen, Herr Leonard!“ -- meine Verstörtheit
im Augenblick bemeisternd, antwortete ich in beinahe bestimmterem
Ton, als es ziemlich sein mochte, daß man oft gegen große Anregungen
vergebens ankämpfe, und daß oft das unschicklich Scheinende für das
Schicklichste gelten könne! -- Als ich durch die finstre Nacht der
Residenz zueilte, war es mir, als liefe jemand neben mir her, und als
flüsterte eine Stimme: „I ... Imm ... Immer bin ich bei di ... dir ...
Brü... Brüderlein ... Brüderlein Medardus! -- Blickte ich um mich her,
so merkte ich wohl, daß das Phantom des Doppelgängers nur in meiner
Fantasie spuke; aber nicht los konnte ich das entsetzliche Bild werden,
ja es war mir endlich, als müsse ich mit ihm sprechen und ihm erzählen,
daß ich wieder recht albern gewesen sei und mich habe schrecken lassen
von dem tollen Hermogen; die heilige Rosalia sollte denn nun bald
mein -- ganz mein sein, denn dafür wäre ich Mönch und habe die Weihe
erhalten. Da lachte und stöhnte mein Doppelgänger, wie er sonst getan,
und stotterte: „Aber schn... schnell ... schnell!“ -- „Gedulde dich
nur,“ sprach ich wieder, „gedulde dich nur, mein Junge! Alles wird gut
werden. Den Hermogen habe ich nur nicht gut getroffen, er hat solch ein
verdammtes Kreuz am Halse, wie wir beide, aber mein flinkes Messerchen
ist noch stark und spitzig.“ -- „Hi ... hi hi ... tri... triff gut ...
triff gut!“ -- So flüsterte des Doppelgängers Stimme im Sausen des
Morgenwindes, der vor dem Feuerpurpur herstrich, welches ausbrannte im
Osten.
Eben war ich in meiner Wohnung angekommen, als ich zum Fürsten
beschieden wurde. Der Fürst kam mir sehr freundlich entgegen. „In
der Tat, Herr Leonard!“ fing er an, „Sie haben sich meine Zuneigung
im hohen Grade erworben; nicht verhehlen kann ichs Ihnen, daß mein
Wohlwollen für Sie wahre Freundschaft geworden ist, ich möchte Sie
nicht verlieren, ich möchte Sie glücklich sehen. Überdem ist man Ihnen
für das, was sie gelitten haben, alle nur mögliche Entschädigung zu
gewähren schuldig. Wissen Sie wohl, Herr Leonard! wer Ihren bösen
Prozeß einzig und allein veranlaßte? wer Sie anklagte?“
„Nein gnädigster Herr!“
„Baronesse Aurelie! ... Sie erstaunen? Ja ja, Baronesse Aurelie, mein
Herr Leonard, die hat Sie (er lachte laut auf), die hat Sie für einen
Kapuziner gehalten! -- Nun bei Gott! sind Sie ein Kapuziner, so sind
Sie der liebenswürdigste, den Je ein menschliches Auge sah! -- Sagen
Sie aufrichtig, Herr Leonard, sind Sie wirklich so ein Stück von
Klostergeistlichen?“
„Gnädigster Herr, ich weiß nicht, welch ein böses Verhängnis mich immer
zu dem Mönch machen will, der ...“
„Nun nun! -- ich bin kein Inquisitor! -- fatal wär’s doch, wenn ein
geistliches Gelübde Sie bände. -- Zur Sache! -- möchten Sie nicht für
das Unheil, das Baronesse Aurelie Ihnen zufügte, Rache nehmen?“ --
„In welches Menschen Brust könnte ein Gedanke der Art gegen das holde
Himmelsbild aufkommen?“
„Sie lieben Aurelien?“
Dies frug der Fürst, mir ernst und scharf ins Auge blickend. Ich
schwieg, indem ich die Hand auf die Brust legte. Der Fürst fuhr weiter
fort:
„Ich weiß es, Sie haben Aurelien geliebt seit dem Augenblick, als sie
mit der Fürstin hier zum erstenmal in den Saal trat. -- Sie werden
wieder geliebt und zwar mit einem Feuer, das ich der sanften Aurelie
nicht zugetraut hätte. Sie lebt nur in Ihnen, die Fürstin hat mir alles
gesagt. Glauben Sie wohl, daß nach Ihrer Verhaftung Aurelie sich einer
ganz trostlosen, verzweifelten Stimmung überließ, die sie auf das
Krankenbett warf und dem Tode nahe brachte? Aurelie hielt Sie damals
für den Mörder ihres Bruders, um so unerklärlicher war uns ihr Schmerz.
Schon damals wurden Sie geliebt. Nun, Herr Leonard, oder vielmehr
Herr von Krczynski, Sie sind von Adel, ich fixiere Sie bei Hofe auf
eine Art, die Ihnen angenehm sein soll. Sie heiraten Aurelien. -- In
einigen Tagen feiern wir die Verlobung, ich selbst werde die Stelle des
Brautvaters vertreten.“ -- Stumm, von den widersprechendsten Gefühlen
zerrissen, stand ich da. -- „Adieu, Herr Leonard!“ rief der Fürst und
verschwand, mir freundlich zuwinkend, aus dem Zimmer.
Aurelie mein Weib! -- Das Weib eines verbrecherischen Mönchs! Nein! so
wollen es die dunklen Mächte nicht, mag auch über die Arme verhängt
sein, was da will! -- Dieser Gedanke erhob sich in mir, siegend über
alles, was sich dagegen auflehnen mochte. Irgend ein Entschluß,
das fühlte ich, mußte auf der Stelle gefaßt werden, aber vergebens
sann ich auf Mittel, mich schmerzlos von Aurelien zu trennen. Der
Gedanke, sie nicht wieder zu sehen, war mir unerträglich, aber daß
sie mein Weib werden sollte, das erfüllte mich mit einem mir selbst
unerklärlichen Abscheu. Deutlich ging in mir die Ahnung auf, daß,
wenn der verbrecherische Mönch vor dem Altar des Herrn stehen werde,
um mit heiligen Gelübden freveliges Spiel zu treiben, jenes fremden
Malers Gestalt, aber nicht milde tröstend wie im Gefängnis, sondern
Rache und Verderben furchtbar verkündend, wie bei Franceskos Trauung,
erscheinen, und mich stürzen werde in namenlose Schmach, in zeitliches,
ewiges Elend. Aber dann vernahm ich tief im Innern eine dunkle Stimme:
„Und doch muß Aurelie dein sein! Schwachsinniger Tor, wie denkst du zu
ändern das, was über euch verhängt ist.“ Und dann rief es wiederum:
„Nieder -- nieder wirf dich in den Staub! -- Verblendeter, du frevelst!
-- nie kann sie dein werden; es ist die heilige Rosalia selbst, die
du zu umfangen gedenkst in irdischer Liebe.“ So in Zwiespalt grauser
Mächte hin und her getrieben, vermochte ich nicht zu denken, nicht
zu ahnen, was ich tun müsse, um dem Verderben zu entrinnen, das mir
überall zu drohen schien. Vorüber war jene begeisterte Stimmung, in der
mein ganzes Leben, mein verhängnisvoller Aufenthalt auf dem Schlosse
des Barons von F. mir nur ein schwerer Traum schien. In düstrer
Verzagtheit sah ich in mir nur den gemeinen Lüstling und Verbrecher.
Alles, was ich dem Richter, dem Leibarzt gesagt, war nun nichts, als
alberne, schlecht erfundene Lüge, nicht eine innere Stimme hatte
gesprochen, wie ich sonst mich selbst überreden wollte.
Tief in mich gekehrt, nichts außer mir bemerkend und vernehmend,
schlich ich über die Straße. Der laute Zuruf des Kutschers, das
Gerassel des Wagens weckte mich, schnell sprang ich zur Seite. Der
Wagen der Fürstin rollte vorüber, der Leibarzt bückte sich aus dem
Schlage und winkte mir freundlich zu; ich folgte ihm nach seiner
Wohnung. Er sprang heraus und zog mich mit den Worten: „Eben komme ich
von Aurelien, ich habe Ihnen manches zu sagen!“ herauf in sein Zimmer.
„Ei, ei,“ fing er an, „Sie Heftiger, Unbesonnener! was haben Sie
angefangen. Aurelien sind Sie erschienen plötzlich, wie ein Gespenst,
und das arme nervenschwache Wesen ist darüber erkrankt!“ -- Der Arzt
bemerkte mein Erbleichen. „Nun nun,“ fuhr er fort, „arg ist es eben
nicht, sie geht wieder im Garten umher und kehrt morgen mit der Fürstin
nach der Residenz zurück. Von Ihnen, lieber Leonard! sprach Aurelie
viel, sie empfindet herzliche Sehnsucht Sie wieder zu sehen und sich zu
entschuldigen. Sie glaubt, Ihnen albern und töricht erschienen zu sein.“
Ich wußte, dachte ich daran, was auf dem Lustschlosse vorgegangen,
Aureliens Äußerung nicht zu deuten.
Der Arzt schien von dem, was der Fürst mit mir im Sinn hatte,
unterrichtet, er gab mir dies nicht undeutlich zu verstehen, und
mittelst seiner hellen Lebendigkeit, die alles um ihn her ergriff,
gelang es ihm bald, mich aus der düstern Stimmung zu reißen, so daß
unser Gespräch sich heiter wandte. Er beschrieb noch einmal, wie er
Aurelien getroffen, die, dem Kinde gleich, das sich nicht vom schweren
Traum erholen kann, mit halb geschlossenen, in Tränen lächelnden Augen
auf dem Ruhebette, das Köpfchen in die Hand gestützt, gelegen, und ihm
ihre krankhaften Visionen geklagt habe. Er wiederholte ihre Worte,
die durch leise Seufzer unterbrochene Stimme des Mädchens nachahmend,
und wußte, indem er manche ihrer Klagen neckisch genug stellte, das
anmutige Bild durch einige kecke ironische Lichtblicke so zu heben,
daß es gar heiter und lebendig vor mir aufging. Dazu kam, daß er im
Kontrast die gravitätische Fürstin hinstellte, welches mich nicht
wenig ergötzte. „Haben Sie wohl gedacht,“ fing er endlich an, „haben
Sie wohl gedacht, als Sie in die Residenz einzogen, daß Ihnen so viel
Wunderliches hier geschehen würde? Erst das tolle Mißverständnis, das
Sie in die Hände des Kriminalgerichts brachte, und dann das wahrhaft
beneidenswerte Glück, das Ihnen der fürstliche Freund bereitet!“
„Ich muß in der Tat gestehen, daß gleich anfangs der freundliche
Empfang des Fürsten mir wohl tat; doch fühle ich, wie sehr ich jetzt
in seiner, in aller Achtung bei Hofe gestiegen bin, das habe ich gewiß
meinem erlittenen Unrecht zu verdanken.“
„Nicht sowohl +dem,+ als einem andern ganz kleinen Umstande, den Sie
wohl erraten können.“
„Keineswegs.“
„Zwar nennt man Sie, weil Sie es so wollen, schlechtweg Herr Leonard,
wie vorher, jeder weiß aber jetzt, daß Sie von Adel sind, da die
Nachrichten, die man aus Posen erhalten hat, Ihre Angaben bestätigten.“
„Wie kann das aber auf den Fürsten, auf die Achtung, die ich im Zirkel
des Hofes genieße, von Einfluß sein? Als mich der Fürst kennen lernte
und mich einlud, im Zirkel des Hofes zu erscheinen, wandte ich ein,
daß ich nur von bürgerlicher Abkunft sei, da sagte mir der Fürst, daß
die Wissenschaft mich adle und fähig mache, in seiner Umgebung zu
erscheinen.“
„Er hält es wirklich so, kokettierend mit aufgeklärtem Sinn für
Wissenschaft und Kunst. Sie werden im Zirkel des Hofes manchen
bürgerlichen Gelehrten und Künstler bemerkt haben, aber die
Feinfühlenden unter diesen, denen Leichtigkeit des innern Seins
abgeht, die sich nicht in heitrer Ironie auf den hohen Standpunkt
stellen können, der sie über das Ganze erhebt, sieht man nur selten,
sie bleiben auch wohl ganz aus. Bei dem besten Willen, sich recht
vorurteilsfrei zu zeigen, mischt sich in das Betragen der Adligen
gegen den Bürger ein gewisses Etwas, das wie Herablassung, Duldung
des eigentlich Unziemlichen aussieht; das leidet kein Mann, der im
gerechten Stolz wohl fühlt, wie in adliger Gesellschaft oft nur er
es ist, der sich herablassen und dulden muß das geistig Gemeine und
Abgeschmackte. Sie sind selbst von Adel, Herr Leonard, aber wie ich
höre, ganz geistlich und wissenschaftlich erzogen. Daher mag es kommen,
daß Sie der erste Adlige sind, an dem ich selbst im Zirkel des Hofes
unter Adligen auch jetzt nichts Adliges, im schlimmen Sinn genommen,
verspürt habe. Sie können glauben, ich spräche da, als Bürgerlicher,
vorgefaßte Meinungen aus, oder mir sei persönlich etwas begegnet, das
ein Vorurteil erweckt habe, dem ist aber nicht so. Ich gehöre nun
einmal zu einer der Klassen, die ausnahmsweise nicht bloß toleriert,
sondern wirklich gehegt und gepflegt werden. Ärzte und Beichtväter sind
regierende Herren -- Herrscher über Leib und Seele, mithin allemal
von gutem Adel. Der Ahnen- und Adelsstolz ist in unserer, alles immer
mehr vergeistigenden Zeit, eine höchst seltsame, beinahe lächerliche
Erscheinung. -- Vom Altertum, von Krieg und Waffen ausgehend, bildet
sich eine Kaste, die ausschließlich die andern Stände schützt, und
das subordinierte Verhältnis des Beschützten gegen den Schutzherrn
erzeugt sich von selbst. Mag der Gelehrte seine Wissenschaft, der
Künstler seine Kunst, der Handwerker, der Kaufmann sein Gewerbe
rühmen, siehe sagt der Ritter, da kommt ein ungebärdiger Feind, dem
ihr, des Krieges Unerfahrne, nicht zu widerstehen vermöget, aber ich
Waffengeübter stelle mich mit meinem Schlachtschwert vor euch hin,
und was mein Spiel, was meine Freude ist, rettet euer Leben, euer Hab
und Gut. -- Doch immer mehr schwindet die rohe Gewalt von der Erde,
immer mehr treibt und schafft der Geist, und immer mehr enthüllt sich
seine alles überwältigende Kraft. Bald wird man gewahr, daß seine
starke Faust, ein Harnisch, ein mächtig geschwungenes Schwert nicht
hinreichen +das+ zu besiegen, was der Geist will; selbst Krieg und
Waffenübung unterwerfen sich dem geistigen Prinzip der Zeit. Jeder
wird immer mehr und mehr auf sich selbst gestellt, aus seinem innern
geistigen Vermögen muß er das schöpfen, womit er, gibt der Staat ihm
auch irgend einen blendenden äußern Glanz, sich der Welt geltend machen
muß. Auf das entgegengesetzte Prinzip stützt sich der aus dem Rittertum
hervorgehende Ahnenstolz, der nur in dem Satz seinen Grund findet:
meine Voreltern waren Helden, also bin ich dito ein Held. Je höher das
hinaufgeht, desto besser; denn kann man das leicht absehen, wo einem
Großpapa der Heldensinn kommen, und ihm der Adel verliehen worden, so
traut man dem, wie allem Wunderbaren, das zu nahe liegt, nicht recht.
Die Ritterkaste rein zu halten, war daher wohl Erfordernis jener alten
Ritterzeit, und kein geringes Verdienst für ein altstämmiges Fräulein,
einen Junker zu gebären, zu dem die arme bürgerliche Welt flehte:
Bitte, friß uns nicht, sondern schütze uns vor anderen Junkern. Mit
dem geistigen Vermögen ist es nicht so. Sehr weise Väter erzielen
oft dumme Söhnchen, und es möchte, eben weil die Zeit dem physischen
Rittertum das psychische untergeschoben hat, rücksichts des Beweises
angeerbten Adels ängstlicher sein, von Leibnitz abzustammen als von
Amadis von Gallien oder sonst einem uralten Ritter der Tafelrunde. In
der einmal bestimmten Richtung schreitet der Geist der Zeit vorwärts,
und die Lage des ahnenstolzen Adels verschlimmert sich merklich; daher
denn auch wohl jenes taktlose, aus Anerkennung des Verdienstes und
widerlicher Herablassung gemischte Benehmen gegen der Welt und dem
Staat hoch geltende Bürgerliche, das Erzeugnis eines dunkeln, verzagten
Gefühls sein mag, in dem sie ahnen, daß vor den Augen der Weisen der
veraltete Tand längst verjährter Zeit abfällt, und die lächerliche
Blöße sich ihnen frei darstellt. Dank sei es dem Himmel, viele Adlige,
Männer und Frauen, erkennen den Geist der Zeit und schwingen sich auf
im herrlichen Fluge zu der Lebenshöhe, die ihnen Wissenschaft und Kunst
darbieten; diese werden die wahren Geisterbanner jenes Unholds sein.“
Des Leibarztes Gespräch hatte mich in ein fremdes Gebiet geführt.
Niemals war es mir eingefallen, über den Adel und über sein Verhältnis
zum Bürger zu reflektieren. Wohl mochte der Leibarzt nicht ahnen,
daß ich ehedem eben zu der zweiten Klasse gehört hatte, die, nach
seiner Behauptung, der Stolz des Adels nicht trifft. -- War ich denn
nicht in den vornehmsten adligen Häusern zu B. der hochgeachtete,
hochverehrte Beichtiger? -- Weiter nachsinnend erkannte ich, wie ich
+selbst+ aufs neue mein Schicksal verschlungen hatte, indem aus dem
Namen Kwiecziczewo, den ich jener alten Dame bei Hofe nannte, mein Adel
entsprang, und +so+ dem Fürsten der Gedanke einkam, mich mit Aurelien
zu vermählen. --
Die Fürstin war zurückgekommen. Ich eilte zu Aurelien. Sie empfing
mich mit holder, jungfräulicher Verschämtheit; ich schloß sie in meine
Arme und glaubte in dem Augenblick daran, daß sie mein Weib werden
könne. Aurelie war weicher, hingebender als sonst. Ihr Auge hing voll
Tränen und der Ton, in dem sie sprach, war wehmütige Bitte, so wie
wenn im Gemüt des schmollenden Kindes sich der Zorn bricht, in dem es
gesündigt. -- Ich durfte an meinen Besuch im Lustschloß der Fürstin
denken, lebhaft drang ich darauf, alles zu erfahren; ich beschwor
Aurelien mir zu vertrauen, was sie damals so erschrecken konnte. --
Sie schwieg, sie schlug die Augen nieder, aber sowie mich selbst der
Gedanke meines gräßlichen Doppelgängers stärker erfaßte, schrie ich
auf: „Aurelie! um aller Heiligen willen, welche schreckliche Gestalt
erblicktest du hinter uns!“ Sie sah mich voll Verwunderung an, immer
starrer und starrer wurde ihr Blick, dann sprang sie plötzlich auf,
als wolle sie fliehen, doch blieb sie und schluchzte, beide Hände vor
die Augen gedrückt. „Nein, nein, nein -- er ist es ja nicht!“ -- Ich
erfaßte sie sanft, erschöpft ließ sie sich nieder. „Wer, wer ist es
nicht?“ -- frug ich heftig, wohl alles ahnend, was in ihrem Innern
sich entfalten mochte. -- „Ach, mein Freund, mein Geliebter,“ sprach
sie leise und wehmütig, „würdest du mich nicht für eine wahnsinnige
Schwärmerin halten, wenn ich alles . . . alles . . . dir sagen sollte,
was mich immer wieder so verstört im vollen Glück der reinsten Liebe?
-- Ein grauenvoller Traum geht durch mein Leben, er stellte sich mit
seinen entsetzlichen Bildern zwischen uns, als ich dich zum ersten
Male sah; wie mit kalten Todesschwingen wehte er mich an, als du so
plötzlich eintratst in mein Zimmer auf dem Lustschloß der Fürstin.
Wisse, so wie du damals, kniete einst neben mir ein verruchter Mönch
und wollte heiliges Gebet mißbrauchen zum gräßlichen Frevel. Er wurde,
als er, wie ein wildes Tier listig auf seine Beute lauernd, mich
umschlich, der Mörder meines Bruders! Ach und du! ... deine Züge!
... deine Sprache ... jenes Bild! ... laß mich schweigen, o laß mich
schweigen.“ Aurelie bog sich zurück; in halb liegender Stellung lehnte
sie, den Kopf auf die Hand gestützt, in die Ecke des Sofas, üppiger
traten die schwellenden Umrisse des jugendlichen Körpers hervor. Ich
stand vor ihr, das lüsterne Auge schwelgte in dem unendlichen Liebreiz,
aber mit der Lust kämpfte der teuflische Hohn, der in mir rief: „Du
Unglückselige, du dem Satan Erkaufte, bist du ihm denn entflohen, dem
Mönch, der dich im Gebet zur Sünde verlockte? Nun bist du seine Braut
... seine Braut!“ -- In dem Augenblick war jene Liebe zu Aurelien, die
ein Himmelsstrahl zu entzünden schien, als dem Gefängnis, dem Tode
entronnen, ich sie im Park wiedersah, aus meinem Innern verschwunden,
und der Gedanke: daß ihr Verderben meines Lebens glänzendster
Lichtpunkt sein könne, erfüllte mich ganz und gar. -- Man rief Aurelien
zur Fürstin. Klar wurde es mir, daß Aureliens Leben gewisse mir noch
unbekannte Beziehungen auf mich selbst haben müsse; und doch fand ich
keinen Weg dies zu erfahren, da Aurelie alles Bittens unerachtet,
jene einzelne hingeworfene Äußerungen nicht näher deuten wollte. Der
Zufall enthüllte mir das, was sie zu verschweigen gedachte. -- Eines
Tages befand ich mich in dem Zimmer des Hofbeamten, dem es oblag,
alle Privatbriefe des Fürsten und der dem Hofe Angehörigen zur Post
zu befördern. Er war eben abwesend, als Aureliens Mädchen mit einem
starken Briefe hereintrat, und ihn auf den Tisch zu den übrigen, die
schon dort befindlich, legte. Ein flüchtiger Blick überzeugte mich, daß
die Aufschrift an die Äbtissin, der Fürstin Schwester, von Aureliens
Hand war. Die Ahnung, alles noch nickt Erforschte sei darin enthalten,
durchflog mich mit Blitzesschnelle; noch ehe der Beamte zurückgekehrt,
war ich fort mit dem Briefe Aureliens.
Du Mönch, oder im weltlichen Treiben Befangener, der du aus meinem
Leben Lehre und Warnung zu schöpfen trachtest, lies die Blätter,
die ich hier einschalte, lies die Geständnisse des frommen, reinen
Mädchens, von den bitteren Tränen des reuigen, hoffnungslosen Sünders
benetzt. Möge das fromme Gemüt dir aufgehen, wie leuchtender Trost in
der Zeit der Sünde und des Frevels.
[Illustration]
+Aurelie an die Äbtissin des Cisterzienser-Nonnenklosters zu ...+
Meine teure, gute Mutter! mit welchen Worten soll ich Dir’s denn
verkünden, daß dein Kind glücklich ist, daß endlich die grause Gestalt,
die, wie ein schrecklich drohendes Gespenst, alle Blüten abstreifend,
alle Hoffnungen zerstörend in mein Leben trat, gebannt wurde, durch
der Liebe göttlichen Zauber. Aber nun fällt es mir recht schwer aufs
Herz, daß wenn Du meines unglücklichen Bruders, meines Vaters, den der
Gram tötete, gedachtest und mich aufrichtetest in meinem trostlosen
Jammer -- daß ich dann Dir nicht, wie in heiliger Beichte, mein Innres
ganz aufschloß. Doch ich vermag ja auch nun erst das düstre Geheimnis
auszusprechen, das tief in meiner Brust verborgen lag. Es ist, als
wenn eine böse unheimliche Macht mir mein höchstes Lebensglück recht
trügerisch wie ein grausiges Schreckbild vorgaukelte. Ich sollte
wie auf einem wogenden Meer hin und her schwanken und vielleicht
rettungslos untergehen. Doch der Himmel half, wie durch ein Wunder, in
dem Augenblick, als ich im Begriff stand, unnennbar elend zu werden.
-- Ich muß zurückgehen in meine frühe Kinderzeit, um alles, alles zu
sagen, denn schon damals wurde der Keim in mein Innres gelegt, der
so lange Zeit hindurch verderblich fortwucherte. Erst drei oder vier
Jahre war ich alt, als ich einst, in der schönsten Frühlingszeit, im
Garten unseres Schlosses mit Hermogen spielte. Wir pflückten allerlei
Blumen, und Hermogen, sonst eben nicht dazu aufgelegt, ließ es sich
gefallen, mir Kränze zu flechten, in die ich mich putzte. Nun wollen
wir zur Mutter gehen, sprach ich, als ich mich über und über mit Blumen
behängt hatte; da sprang aber Hermogen hastig auf und rief mit wilder
Stimme: „Laß uns nur hier bleiben, klein Ding! Die Mutter ist im
blauen Kabinett und spricht mit dem Teufel!“ -- Ich wußte gar nicht,
was er damit sagen wollte, aber dennoch erstarrte ich vor Schreck und
fing endlich an jämmerlich zu weinen. „Dumme Schwester, was heulst
du,“ rief Hermogen, „Mutter spricht alle Tage mit dem Teufel, er tut
ihr nichts!“ Ich fürchtete mich vor Hermogen, weil er so finster vor
sich hinblickte, so rauh sprach, und schwieg stille. Die Mutter war
damals schon sehr kränklich, sie wurde oft von fürchterlichen Krämpfen
ergriffen, die in einen todähnlichen Zustand übergingen. Wir, ich und
Hermogen, wurden dann fortgebracht. Ich hörte nicht auf zu klagen, aber
Hermogen sprach dumpf in sich hinein: „Der Teufel hat’s ihr angetan!“
So wurde in meinem kindischen Gemüt der Gedanke erweckt, die Mutter
habe Gemeinschaft mit einem bösen, häßlichen Gespenst, denn anders
dachte ich mir nicht den Teufel, da ich mit den Lehren der Kirche noch
unbekannt war. Eines Tages hatte man mich allein gelassen, mir
wurde ganz unheimlich zu Mute, und vor Schreck vermochte ich nicht zu
fliehen, als ich wahrnahm, daß ich eben in dem blauen Kabinett mich
befand, wo nach Hermogens Behauptung die Mutter mit dem Teufel sprechen
sollte. Die Türe ging auf, die Mutter trat leichenblaß herein und vor
eine leere Wand hin. Sie rief mit dumpfer, tief klagender Stimme:
„Francesko, Francesko!“ Da rauschte und regte es sich hinter der Wand,
sie schob sich auseinander und das lebensgroße Bild eines schönen,
in einem violetten Mantel wunderbar gekleideten Mannes machte einen
unbeschreiblichen Eindruck auf mich, ich jauchzte auf vor Freude;
die Mutter umblickend, wurde nun erst mich gewahr und rief heftig:
„Was willst du hier Aurelie? -- wer hat dich hierher gebracht?“ --
Die Mutter, sonst so sanft und gütig, war erzürnter, als ich sie je
gesehen. Ich glaubte daran schuld zu sein. „Ach,“ stammelte ich unter
vielen Tränen, „sie haben mich hier allein gelassen, ich wollte ja
nicht hier bleiben.“ Aber als ich wahrnahm, daß das Bild verschwunden,
da rief ich: „Ach das schöne Bild, wo ist das schöne Bild!“ -- Die
Mutter hob mich in die Höhe, küßte und herzte mich und sprach: „Du bist
mein gutes, liebes Kind, aber das Bild darf niemand sehen, auch ist
es nun auf immer fort!“ Niemand vertraute ich, was mir widerfahren,
nur zu Hermogen sprach ich einmal: „Höre! Die Mutter spricht nicht
mit dem Teufel, sondern mit einem schönen Mann, aber der ist nur ein
Bild und springt aus der Wand, wenn Mutter ihn ruft.“ Da sah Hermogen
starr vor sich hin und murmelte: „Der Teufel kann aussehen, wie er
will, sagt der Herr Pater, aber der Mutter tut er doch nichts.“ -- Mich
überfiel ein Grauen, und ich bat Hermogen flehentlich, doch ja nicht
wieder von dem Teufel zu sprechen. Wir gingen nach der Hauptstadt,
das Bild verlor sich aus meinem Gedächtnis und wurde selbst dann
nicht wieder lebendig, als wir nach dem Tode der guten Mutter auf das
Land zurückgekehrt waren. Der Flügel des Schlosses, in welchem jenes
blaue Kabinett gelegen, blieb unbewohnt; es waren die Zimmer meiner
Mutter, die der Vater nicht betreten konnte, ohne die schmerzlichsten
Erinnerungen in sich aufzuregen. Eine Reparatur des Gebäudes machte es
endlich nötig die Zimmer zu öffnen; ich trat in das blaue Kabinett, als
die Arbeiter eben beschäftigt waren, den Fußboden aufzureißen. Sowie
einer von ihnen eine Tafel in der Mitte des Zimmers emporhob, rauschte
es hinter der Wand, sie schob sich auseinander und das lebensgroße Bild
des Unbekannten wurde sichtbar. Man entdeckte die Feder im Fußboden,
welche, angedrückt, eine Maschine hinter der Wand in Bewegung setzte,
die ein Feld des Tafelwerks, womit die Wand bekleidet, auseinander
schob. Nun gedachte ich lebhaft jenes Augenblicks meiner Kinderjahre,
meine Mutter stand wieder vor mir, ich vergoß heiße Tränen, aber nicht
wegwenden konnte ich den Blick von dem fremden herrlichen Mann, der
mich mit lebendig strahlenden Augen anschaute. Man hatte wahrscheinlich
meinem Vater gleich gemeldet, was sich zugetragen, er trat herein, als
ich noch vor dem Bilde stand. Nur einen Blick hatte er darauf geworfen,
als er, von Entsetzen ergriffen, stehen blieb und dumpf in sich
hineinmurmelte: „Francesko, Francesko!“ Darauf wandte er sich rasch zu
den Arbeitern und befahl mit starker Stimme: „Man breche sogleich das
Bild aus der Wand, rolle es auf und übergebe es Reinhold.“ Es war mir,
als solle ich den schönen, herrlichen Mann, der in seinem wunderbaren
Gewande mir wie ein hoher Geisterfürst vorkam, niemals wiedersehen, und
doch hielt mich eine unüberwindliche Scheu zurück, den Vater zu bitten,
das Bild ja nicht vernichten zu lassen. In wenigen Tagen verschwand
jedoch der Eindruck, den der Auftritt mit dem Bilde auf mich gemacht
hatte, spurlos aus meinem Innern. -- Ich war schon vierzehn Jahr alt
worden, und noch ein wildes, unbesonnenes Ding, so daß ich sonderbar
genug gegen den ernsten, feierlichen Hermogen abstach, und der Vater
oft sagte, daß wenn Hermogen mehr ein stilles Mädchen schiene, ich ein
recht ausgelassener Knabe sei. Das sollte sich bald ändern. Hermogen
fing an, mit Leidenschaft und Kraft ritterliche Übungen zu treiben. Er
lebte nur in Kampf und Schlacht, seine ganze Seele war davon erfüllt,
und da es eben Krieg geben sollte, lag er dem Vater an, ihn nur gleich
Dienste nehmen zu lassen. Mich überfiel dagegen eben zu der Zeit eine
solch unerklärliche Stimmung, die ich nicht zu deuten wußte, und die
bald mein ganzes Wesen verstörte. Ein seltsames Übelbefinden schien
aus der Seele zu kommen und alle Lebenspulse gewaltsam zu ergreifen.
Ich war oft der Ohnmacht nahe, dann kamen allerlei wunderliche
Bilder und Träume und es war mir, als solle ich einen glänzenden
Himmel voll Seligkeit und Wonne erschauen und könne nur, wie ein
schlaftrunknes Kind, die Augen nicht öffnen. Ohne zu wissen, warum,
konnte ich oft bis zum Tode betrübt, oft ausgelassen fröhlich sein.
Bei dem geringsten Anlaß stürzten mir die Tränen aus den Augen, eine
unerklärliche Sehnsucht stieg oft bis zu körperlichem Schmerz, so daß
alle Glieder krampfhaft zuckten. Der Vater bemerkte meinen Zustand,
schrieb ihn überreizten Nerven zu und suchte die Hilfe des Arztes,
der allerlei Mittel verordnete, die ohne Wirkung blieben. Ich weiß
selbst nicht, wie es kam, urplötzlich erschien mir das vergessene
Bild jenes unbekannten Mannes so lebhaft, daß es mir war, als stehe
es vor mir, Blicke des Mitleids auf mich gerichtet. „Ach! -- soll
ich denn sterben? -- was ist es, das mich so unaussprechlich quält?“
So rief ich dem Traumbilde entgegen, da lächelte der Unbekannte und
antwortete: „Du liebst mich, Aurelie; das ist deine Qual, aber kannst
du die Gelübde des Gottgeweihten brechen?“ -- Zu meinem Erstaunen wurde
ich nun gewahr, daß der Unbekannte das Ordenskleid der Kapuziner trug.
-- Ich raffte mich mit aller Gewalt auf, um nur aus dem träumerischen
Zustande zu erwachen. Es gelang mir. Fest war ich überzeugt, daß jener
Mönch nur ein loses, trügerisches Spiel meiner Einbildung gewesen,
und doch ahnte ich nur zu deutlich, daß das Geheimnis der Liebe sich
mir erschlossen hatte. Ja! -- ich liebte den Unbekannten mit aller
Stärke des erwachten Gefühls, mit aller Leidenschaft und Inbrunst,
deren das jugendliche Herz fähig. In jenen Augenblicken träumerischen
Hinbrütens, als ich den Unbekannten zu sehen glaubte, schien mein
Übelbefinden den höchsten Punkt erreicht zu haben, ich wurde zusehends
wohler, indem meine Nervenschwäche nachließ, und nur das stete starre
Festhalten jenes Bildes, die fantastische Liebe zu einem Wesen, das nur
in mir lebte, gab mir das Ansehen einer Träumerin. Ich war für alles
verstummt, ich saß in der Gesellschaft ohne mich zu regen, und indem
ich mit meinem Ideal beschäftigt, nicht darauf achtete, was man sprach,
gab ich oft verkehrte Antworten, so daß man mich für ein einfältig Ding
achten mochte. In meines Bruders Zimmer sah ich ein fremdes Buch auf
dem Tische liegen; ich schlug es auf, es war ein aus dem Englischen
übersetzter Roman: Der Mönch! -- Mit eiskaltem Schauer durchbebte
mich der Gedanke, daß der unbekannte Geliebte ein Mönch sei. Nie hatte
ich geahnt, daß die Liebe zu einem Gottgeweihten sündlich sein könne,
nun kamen mir plötzlich die Worte des Traumbildes ein: Kannst du die
Gelübde des Gottgeweihten brechen? -- und nun erst verwundeten sie,
mit schwerem Gewicht in mein Inneres fallend, mich tief. Es war mir,
als könne jenes Buch mir manchen Aufschluß geben. Ich nahm es mit mir,
ich fing an zu lesen, die wunderbare Geschichte riß mich hin, aber als
der erste Mord geschehen, als immer verruchter der gräßliche Mönch
frevelt, als er endlich ins Bündnis tritt mit dem Bösen, da ergriff
mich namenloses Entsetzen, denn ich gedachte jener Worte Hermogens: Die
Mutter spricht mit dem Teufel! Nun glaubte ich, so wie jener Mönch im
Roman, sei der Unbekannte ein dem Bösen Verkaufter, der mich verlocken
wolle. Und doch konnte ich nicht gebieten der Liebe zu dem Mönch, der
in mir lebte. Nun erst wußte ich, daß es frevelhafte Liebe gebe, mein
Abscheu dagegen kämpfte mit dem Gefühl, das meine Brust erfüllte, und
dieser Kampf machte mich auf eigne Weise reizbar. Oft bemeisterte
sich meiner in der Nähe eines Mannes ein unheimliches Gefühl, weil es
mir plötzlich war, als sei es der Mönch, der nun mich erfassen und
fortreißen werde ins Verderben. Reinhold kam von einer Reise zurück
und erzählte viel von einem Kapuziner Medardus, der als Kanzelredner
weit und breit berühmt sei und den er selbst in ...r mit Verwunderung
gehört habe. Ich dachte an den Mönch im Roman und es überfiel mich
eine seltsame Ahnung, daß das geliebte und gefürchtete Traumbild jener
Medardus sein könne. Der Gedanke war mir schrecklich, selbst wußte
ich nicht, warum? und mein Zustand wurde in der Tat peinlicher und
verstörter, als ich es zu ertragen vermochte. Ich schwamm in einem Meer
von Ahnungen und Träumen. Aber vergebens suchte ich das Bild des Mönchs
aus meinem Innern zu verbannen; ich unglückliches Kind konnte nicht
widerstehen der sündigen Liebe zu dem Gottgeweihten. -- Ein Geistlicher
besuchte einst, wie er es wohl manchmal zu tun pflegte, den Vater. Er
ließ sich weitläufig über die mannigfachen Versuchungen des Teufels
aus und mancher Funke fiel in meine Seele, indem der Geistliche den
trostlosen Zustand des jungen Gemüts beschrieb, in das sich der Böse
den Weg bahnen wolle und worin er nur schwaches Widerstreben fände.
Mein Vater fügte manches hinzu, als ob er von mir rede. Nur unbegrenzte
Zuversicht, sagte endlich der Geistliche, nur unwandelbares Vertrauen,
nicht sowohl zu befreundeten Menschen, als zur Religion und ihren
Dienern, könne Rettung bringen. Dies merkwürdige Gespräch bestimmte
mich, den Trost der Kirche zu suchen, und meine Brust, durch reuiges
Geständnis in heiliger Beichte, zu erleichtern. Am frühen Morgen des
andern Tags wollte ich, da wir uns eben in der Residenz befanden, in
die dicht neben unserm Hause gelegene Klosterkirche gehen. Es war
eine qualvolle, entsetzliche Nacht, die ich zu überstehen hatte.
Abscheuliche, frevelige Bilder, wie ich sie nie gesehen, nie gedacht,
umgaukelten mich, aber dann mitten drunter stand der Mönch da, mir die
Hand wie zur Rettung bietend und rief: „Sprich es nur aus, daß du mich
liebst, und frei bist du aller Not.“ Da mußt ich unwillkürlich rufen:
„Ja Medardus, ich liebe dich!“ -- und verschwunden waren die Geister
der Hölle! Endlich stand ich auf, kleidete mich an und ging nach der
Klosterkirche.
Das Morgenlicht brach eben in farbigen Strahlen durch die bunten
Fenster, ein Laienbruder reinigte die Gänge. Unfern der Seitenpforte,
wo ich hineingetreten, stand ein der heiligen Rosalia geweihter Altar,
dort hielt ich ein kurzes Gebet und schritt dann auf den Beichtstuhl
zu, in dem ich einen Mönch erblickte. Hilf, heiliger Himmel! -- es
war Medardus! Kein Zweifel blieb übrig, eine höhere Macht sagte es
mir. Da ergriff mich wahnsinnige Angst und Liebe, aber ich fühlte,
daß nur standhafter Mut mich retten könne. Ich beichtete ihm selbst
meine sündliche Liebe zu dem Gottgeweihten, ja mehr als das! ...
Ewiger Gott! in dem Augenblicke war es mir, als hätte ich schon oft
in trostloser Verzweiflung den heiligen Banden, die den Geliebten
fesselten, geflucht, und auch das beichtete ich. „Du selbst, du selbst,
Medardus, bist es, den ich so unaussprechlich liebe.“ Das waren die
letzten Worte, die ich zu sprechen vermochte, aber nun floß lindernder
Trost der Kirche, wie des Himmels Balsam, von den Lippen des Mönchs,
der mir plötzlich nicht mehr Medardus schien. Bald darauf nahm mich
ein alter ehrwürdiger Pilger in seine Arme und führte mich langsamen
Schrittes durch die Gänge der Kirche zur Hauptpforte hinaus. Er
sprach hochheilige, herrliche Worte, aber ich mußte entschlummern
wie ein unter sanften, süßen Tönen eingewiegtes Kind. Ich verlor
das Bewußtsein. Als ich erwachte, lag ich angekleidet auf dem Sofa
meines Zimmers. „Gott und den Heiligen Lob und Dank, die Krisis ist
vorüber, sie erholt sich!“ rief eine Stimme. Es war der Arzt, der
diese Worte zu meinem Vater sprach. Man sagte mir, daß man mich des
Morgens in einem erstarrten, todähnlichen Zustande gefunden und einen
Nervenschlag befürchtet habe. Du siehst, meine liebe, fromme Mutter,
daß meine Beichte bei dem Mönch Medardus nur ein lebhafter Traum in
einem überreizten Zustande war, aber die heilige Rosalia, zu der ich
oft flehte, und deren Bildnis ich ja auch im Traum anrief, hat mir wohl
alles so erscheinen lassen, damit ich errettet werden möge aus den
Schlingen, die mir der arglistige Böse gelegt. Verschwunden war aus
meinem Innern die wahnsinnige Liebe zu dem Trugbilde im Mönchsgewand.
Ich erholte mich ganz, und trat nun erst heiter und unbefangen in
das Leben ein. -- Aber, gerechter Gott, noch einmal sollte mich
jener verhaßte Mönch auf entsetzliche Weise bis zum Tode treffen.
Für eben jenen Medardus, dem ich im Traum gebeichtet, erkannte ich
augenblicklich den Mönch, der sich auf unserm Schlosse eingefunden.
„Das ist der Teufel, mit dem die Mutter gesprochen, hüte dich, hüte
dich! -- er stellt dir nach!“ so rief der unglückliche Hermogen immer
in mich hinein. Ach, es hätte dieser Warnung nicht bedurft. Von
dem ersten Moment an, als mich der Mönch mit vor freveliger Begier
funkelnden Augen anblickte, und dann in geheuchelter Verzückung die
heilige Rosalia anrief, war er mir unheimlich und entsetzlich. Du
weißt alles Fürchterliche, was sich darauf begab, meine gute liebe
Mutter. Ach aber, muß ich es nicht dir auch gestehen, daß der Mönch mir
desto gefährlicher war, als sich tief in meinem Innersten ein Gefühl
regte, dem gleich als zuerst der Gedanke der Sünde in mir entstand
und als ich ankämpfen mußte gegen die Verlockung des Bösen? Es gab
Augenblicke, in denen ich Verblendete den heuchlerischen frommen Reden
des Mönchs traute, ja in denen es mir war, als strahle aus seinem
Innern der Funke des Himmels, der mich zur reinen überirdischen Liebe
entzünden könne. Aber dann wußte er mit verruchter List, selbst in
begeisterter Andacht, eine Glut anzufachen, die aus der Hölle kam.
Wie den mich bewachenden Schutzengel sandten mir dann die Heiligen, zu
denen ich inbrünstig flehte, den Bruder. -- Denke dir, liebe Mutter,
mein Entsetzen, als hier, bald nachdem ich zum erstenmal bei Hofe
erschienen, ein Mann auf mich zutrat, den ich auf den ersten Blick
für den Mönch Medardus zu erkennen glaubte, unerachtet er weltlich
gekleidet ging. Ich wurde ohnmächtig, als ich ihn sah. In den Armen
der Fürstin erwacht, rief ich laut: Er ist es, er ist es, der Mörder
meines Bruders. -- „Ja, er ist es, sprach die Fürstin: der verkappte
Mönch Medardus, der dem Kloster entsprang; die auffallende Ähnlichkeit
mit seinem Vater Francesko ...“ Hilf, heiliger Himmel, indem ich diesen
Namen schreibe, rinnen eiskalte Schauer mir durch alle Glieder. Jenes
Bild meiner Mutter war Francesko ... das trügerische Mönchsgebilde,
das mich quälte, hatte ganz seine Züge! -- Medardus, ihn erkannte
ich als jenes Gebilde in dem wunderbaren Traum der Beichte. Medardus
ist Franceskos Sohn, Franz, den du, meine gute Mutter, so fromm
erziehen ließest und der in Sünde und Frevel geriet. Welche Verbindung
hatte meine Mutter mit jenem Francesko, daß sie sein Bild heimlich
aufbewahrte, und bei seinem Anblick sich dem Andenken einer seligen
Zeit zu überlassen schien? -- Wie kam es, daß in diesem Bilde Hermogen
den Teufel sah, und daß es den Grund legte zu meiner sonderbaren
Verirrung? Ich versinke in Ahnungen und Zweifel. -- Heiliger Gott, bin
ich denn entronnen der bösen Macht, die mich umstrickt hielt? -- Nein,
ich kann nicht weiter schreiben, mir ist, als würd’ ich von dunkler
Nacht befangen und kein Hoffnungsstern leuchte, mir freundlich den Weg
zeigend, den ich wandeln soll!
(Einige Tage später.)
Nein! Keine finsteren Zweifel sollen mir die hellen Sonnentage
verdüstern, die mir aufgegangen sind. Der ehrwürdige Pater Cyrillus hat
dir, meine teure Mutter, wie ich weiß, schon ausführlich berichtet,
welch schlimme Wendung der Prozeß Leonards nahm, den meine Übereilung
den bösen Kriminalgerichten in die Hände gab. Daß dieser wirkliche
Medardus eingefangen wurde, daß sein vielleicht verstellter Wahnsinn
bald ganz nachließ daß er seine Freveltaten eingestand, daß er seine
gerechte Strafe erwartet und ... doch nicht weiter, denn nur zu sehr
würde das schmachvolle Schicksal des Verbrechers, der als Knabe Dir
so teuer war, Dein Herz verwunden. -- Der merkwürdige Prozeß war das
einzige Gespräch bei Hofe. Man hielt Leonard für einen verschmitzten,
hartnäckigen Verbrecher, weil er alles leugnete. -- Gott im Himmel!
-- Dolchstiche waren mir manche Reden, denn auf wunderbare Weise
sprach eine Stimme in mir: er ist unschuldig und das wird klar werden,
wie der Tag. -- Ich empfand das tiefste Mitleid mit ihm, gestehen
mußte ich es mir selbst, daß mir sein Bild, rief ich es mir wieder
zurück, Regungen erweckte, die ich nicht mißdeuten konnte. Ja! -- ich
liebte ihn schon unaussprechlich, als er der Welt noch ein freveliger
Verbrecher schien. Ein Wunder mußte ihn und mich retten, denn ich
starb, sowie Leonard durch die Hand des Henkers fiel. Er ist schuldlos,
er liebt mich, und bald ist er ganz mein. So geht eine dunkle Ahnung
aus frühen Kindesjahren, die mir eine feindliche Macht arglistig zu
vertrüben suchte, herrlich, herrlich auf in regem wonnigen Leben. O gib
mir, gib dem Geliebten Deinen Segen, Du fromme Mutter! -- Ach könnte
Dein glückliches Kind nur ihre volle Himmelslust recht ausweinen an
Deinem Herzen! -- Leonard gleicht ganz jenem Francesko, nur scheint er
größer, auch unterscheidet ihn ein gewisser charakteristischer Zug, der
seiner Nation eigen, (Du weißt, daß er ein Pole ist) von Francesko und
dem Mönch Medardus sehr merklich. Albern war es wohl überhaupt, den
geistreichen, gewandten, herrlichen Leonard auch nur einen Augenblick
für einen entlaufenen Mönch anzusehen. Aber so stark ist noch der
fürchterliche Eindruck jener gräßlichen Szenen auf unserm Schlosse,
daß oft, tritt Leonard unvermutet zu mir herein und blickt mich an mit
seinem strahlenden Auge, das ach nur zu sehr jenem Medardus gleicht,
mich unwillkürliches Grausen befällt und ich Gefahr laufe, durch mein
kindisches Wesen den Geliebten zu verletzen. Mir ist, als würde erst
des Priesters Segen die finsteren Gestalten bannen, die noch jetzt
recht feindlich manchen Wolkenschatten in mein Leben werfen. Schließe
mich und den Geliebten in Dein frommes Gebet, meine teure Mutter! --
Der Fürst wünscht, daß die Vermählung bald vor sich gehe; den Tag
schreibe ich Dir, damit Du Deines Kindes gedenken mögest, in ihres
Lebens feierlicher, verhängnisvoller Stunde usw.“
Immer und immer wieder las ich Aureliens Blätter. Es war, als wenn der
Geist des Himmels, der daraus hervorleuchtete, in mein Inneres dringe
und vor seinem reinen Strahl alle sündliche, frevelige Glut verlösche.
Bei Aureliens Anblick überfiel mich heilige Scheu, ich wagte es nicht
mehr, sie stürmisch zu liebkosen, wie sonst. Aurelie bemerkte mein
verändertes Betragen, ich gestand ihr reuig den Raub des Briefes an die
Äbtissin; ich entschuldigte ihn mit einem unerklärlichen Drange, dem
ich, wie der Gewalt einer unsichtbaren höheren Macht, nicht widerstehen
könne, ich behauptete, daß eben jene höhere, auf mich einwirkende
Macht, mir jene Vision am Beichtstuhle habe kund tun wollen, um mir
zu zeigen, wie unsere innigste Verbindung ihr ewiger Ratschluß sei.
„Ja, du frommes Himmelskind,“ sprach ich, „auch mir ging einst ein
wunderbarer Traum auf, in dem du mir deine Liebe gestandest, aber ich
war ein unglücklicher, vom Geschick zermalmter Mönch, dessen Brust
tausend Qualen der Hölle zerrissen. -- Dich -- dich liebte ich mit
namenloser Inbrunst, doch Frevel, doppelter, verruchter Frevel war
meine Liebe, denn ich war ja ein Mönch, und du die heilige Rosalia.“
Erschrocken fuhr Aurelie auf. „Um Gott, sprach sie „um Gott, es geht
ein tiefes unerforschliches Geheimnis durch unser Leben; ach, Leonard,
laß uns nie an dem Schleier rühren, der es umhüllt, wer weiß, was
Grauenvolles, Entsetzliches dahinter verborgen. Laß uns fromm sein,
und fest aneinander halten in treuer Liebe, so widerstehen wir der
dunklen Macht, deren Geister uns vielleicht feindlich bedrohen. Daß
du meinen Brief lasest, das mußte so sein; ach! ich selbst hätte
dir alles erschließen sollen, kein Geheimnis darf unter uns walten.
Und doch ist es mir, als kämpftest du mit manchem, was früher recht
verderblich eintrat in dein Leben und was du nicht vermöchtest über die
Lippen zu bringen vor unrechter Scheu! -- Sei aufrichtig, Leonard! --
Ach, wie wird ein freimütiges Geständnis deine Brust erleichtern, und
heller unsere Liebe strahlen!“ -- Wohl fühlte ich bei diesen Worten
Aureliens recht marternd, wie der Geist des Truges in mir wohne,
und wie ich nur noch vor wenigen Augenblicken das fromme Kind recht
frevelig getäuscht; und dies Gefühl regte sich stärker und stärker
auf in wunderbarer Weise, ich mußte Aurelien alles -- alles entdecken
und doch ihre Liebe gewinnen. „Aurelie -- du meine Heilige, -- die
mich rettet von ...“ In dem Augenblick trat die Fürstin herein, ihr
Anblick warf mich plötzlich zurück in die Hölle, voll Hohn und Gedanken
des Verderbens. Sie +mußte+ mich jetzt dulden, ich blieb, und stellte
mich als Aureliens Bräutigam kühn und keck ihr entgegen. Überhaupt war
ich nur frei von allen bösen Gedanken, wenn ich mit Aurelien allein
mich befand; dann ging mir aber auch die Seligkeit des Himmels auf.
Jetzt erst wünschte ich lebhaft meine Vermählung mit Aurelien. -- In
einer Nacht stand lebhaft meine Mutter vor mir, ich wollte ihre Hand
ergreifen und wurde gewahr, daß es nur Duft sei, der sich gestaltet.
Weshalb diese alberne Täuschung, rief ich erzürnt; da flossen helle
Tränen aus meiner Mutter Augen, die wurden aber zu silbernen,
hellblinkenden Sternen, aus denen leuchtende Tropfen fielen, und um
mein Haupt kreisten, als wollten sie einen Heiligenschein bilden, doch
immer zerriß eine schwarze, fürchterliche Faust den Kreis. „Du, den
ich rein von jeder Untat geboren“, sprach meine Mutter mit sanfter
Stimme, „ist denn deine Kraft gebrochen, daß du nicht zu widerstehen
vermagst den Verlockungen des Satans? -- Jetzt kann ich erst dein
Inneres durchschauen, denn mir ist die Last des Irdischen entnommen!
-- Erhebe dich, Franciskus! ich will dich schmücken mit Bändern und
Blumen, denn es ist der Tag des heiligen Bernardus gekommen und du
sollst wieder ein frommer Knabe sein!“ -- Da war es mir, als müsse
ich, wie sonst, einen Hymnus anstimmen zum Lobe des Heiligen, aber
entsetzlich tobte es dazwischen, mein Gesang wurde ein wildes Geheul
und schwarze Schleier rauschten herab, zwischen mir und der Gestalt
meiner Mutter. -- Mehrere Tage nach dieser Vision begegnete mir der
Kriminalrichter auf der Straße. Er trat freundlich auf mich zu. „Wissen
Sie schon, fing er an, daß der Prozeß des Kapuziners Medardus wieder
zweifelhaft worden? Das Urteil, das ihm höchstwahrscheinlich den Tod
zuerkannt hätte, sollte schon abgefaßt werden, als er aufs neue Spuren
des Wahnsinns zeigte. Das Kriminalgericht erhielt nämlich die Nachricht
von dem Tode seiner Mutter; ich machte es ihm bekannt, da lachte er
wild auf und rief mit einer Stimme, die selbst dem standhaftesten
Gemüt Entsetzen erregen konnte: „Ha ha ha! -- die Prinzessin von ...
(er nannte die Gemahlin des ermordeten Bruders unsers Fürsten) ist
längst gestorben!“ -- Es ist jetzt eine neue ärztliche Untersuchung
verfügt, man glaubt jedoch, daß der Wahnsinn des Mönchs verstellt
sei. -- Ich ließ mir Tag und Stunde des Todes meiner Mutter sagen;
sie war mir in demselben Moment, als sie starb, erschienen, und tief
eindringend in Sinn und Gemüt, war nun auch die nur zu sehr vergessene
Mutter die Mittlerin zwischen mir und der reinen Himmelsseele, die
mein werden sollte. Milder und weicher geworden, schien ich nun erst
Aureliens Liebe ganz zu verstehen, ich mochte sie wie eine mich
beschirmende Heilige kaum verlassen, und mein düsteres Geheimnis
wurde, indem sie nicht mehr deshalb in mich drang, nun ein mir selbst
unerforschliches, von höheren Mächten verhängtes, Ereignis. -- Der
von dem Fürsten bestimmte Tag der Vermählung war gekommen. Aurelie
wollte in erster Frühe vor dem Altar der heiligen Rosalia, in der nahe
gelegenen Klosterkirche, getraut sein. Wachend, und nach langer Zeit
zum erstenmal inbrünstig betend, brachte ich die Nacht zu. Ach! ich
Verblendeter fühlte nicht, daß das Gebet, womit ich mich zur Sünde
rüstete, höllischer Frevel sei! -- Als ich zu Aurelien eintrat, kam
sie mir, weiß gekleidet und mit duftenden Rosen geschmückt, in holder
Engelsschönheit entgegen. Ihr Gewand sowie ihr Haarschmuck hatte etwas
sonderbar Altertümliches, eine dunkle Erinnerung ging in mir auf, aber
von tiefem Schauer fühlte ich mich durchbebt, als plötzlich lebhaft
das Bild des Altars, an dem wir getraut werden sollten, mir vor Augen
stand. Das Bild stellte das Martyrium der heiligen Rosalia vor, und
gerade so wie Aurelie, war sie gekleidet. -- Schwer wurde es mir, den
grausigen Eindruck, den dies auf mich machte, zu verbergen. Aurelie
gab mir mit einem Blick, aus dem ein ganzer Himmel voll Liebe und
Seligkeit strahlte, die Hand, ich zog sie an meine Brust, und mit dem
Kuß des reinsten Entzückens, durchdrang mich aufs neue das deutliche
Gefühl, daß nur durch Aurelie meine Seele errettet werden könne. Ein
fürstlicher Bedienter meldete, daß die Herrschaft bereit sei, uns zu
empfangen. Aurelie zog schnell die Handschuhe an, ich nahm ihren Arm,
da bemerkte das Kammermädchen, daß das Haar in Unordnung gekommen
sei, sie sprang fort um Nadeln zu holen. Wir warteten an der Türe, der
Aufenthalt schien Aurelien unangenehm. In dem Augenblick entstand ein
dumpfes Geräusch auf der Straße, hohle Stimmen riefen durcheinander,
und das dröhnende Gerassel eines schweren, langsam rollenden Wagens
ließ sich vernehmen. Ich eilte ans Fenster. -- Da stand eben vor dem
Palast der vom Henkersknecht geführte Leiterwagen, auf dem der Mönch
rückwärts saß, vor ihm ein Kapuziner, laut und eifrig mit ihm betend.
Er war entstellt von der Blässe der Todesangst und dem struppigen
Bart -- doch waren die Züge des gräßlichen Doppelgängers mir nur
zu kenntlich. -- Sowie der Wagen, augenblicklich gehemmt durch die
andrängende Volksmasse, wieder fortrollte, warf er den stieren,
entsetzlichen Blick der funkelnden Augen zu mir herauf und lachte und
heulte herauf: „Bräutigam, Bräutigam! ... komm ... komm aufs Dach ...
da wollen wir ringen miteinander, und wer den andern herabstößt, ist
König und darf Blut trinken!“ Ich schrie auf: „Entsetzlicher Mensch
... was willst du ... was willst du von mir.“ -- Aurelie umfaßte mich
mit beiden Armen, sie riß mich mit Gewalt vom Fenster, rufend: „Um
Gottes und der heiligen Jungfrau willen ... Sie führen den Medardus ...
den Mörder meines Bruders, zum Tode ... Leonard ... Leonard!“ -- Da
wurden die Geister der Hölle in mir wach, und bäumten sich auf mit der
Gewalt, die ihnen verliehen über den frevelnden, verruchten Sünder. --
Ich erfaßte Aurelien mit grimmer Wut, daß sie zusammenzuckte. „Ha ha
ha ... Wahnsinniges, törichtes Weib ... ich ... ich, dein Buhle, dein
Bräutigam, bin der Medardus ... bin deines Bruders Mörder ... du, Braut
des Mönchs, willst Verderben herabwinseln über deinen Bräutigam? Ho ho
ho! ... ich bin König ... ich trinke dein Blut!“ -- Das Mordmesser riß
ich heraus -- ich stieß nach Aurelien, die ich zu Boden fallen lassen
-- ein Blutstrom sprang hervor über meine Hand. -- Ich stürzte die
Treppen herab, durch das Volk hin zum Wagen, ich riß den Mönch herab
und warf ihn zu Boden; da wurde ich festgepackt, wütend stieß ich mit
dem Messer um mich herum -- ich wurde frei -- ich sprang fort -- man
drang auf mich ein, ich fühlte mich in der Seite durch einen Stich
verwundet, aber das Messer in der rechten Hand und mit der linken
kräftige Faustschläge austeilend, arbeitete ich mich durch bis an die
nahe Mauer des Parks, die ich mit einem fürchterlichen Satz übersprang.
„Mord ... Mord ... Haltet ... haltet den Mörder!“ riefen Stimmen hinter
mir, ich hörte es rasseln, man wollte das verschlossene Tor des Parks
sprengen, unaufhaltsam rannte ich fort. Ich kam an den breiten Graben,
der den Park von dem dicht dabei gelegenen Walde trennte, ein mächtiger
Sprung -- ich war hinüber, und immer fort und fort rannte ich durch
den Wald, bis ich erschöpft unter einem Baume niedersank. Es war schon
finstre Nacht geworden, als ich, wie aus tiefer Betäubung erwachte. Nur
der Gedanke, zu fliehen, wie ein gehetztes Tier, stand fest in meiner
Seele. Ich stand auf, aber kaum war ich einige Schritte fort, als, aus
dem Gebüsch hervorrauschend, ein Mensch auf meinen Rücken sprang und
mich mit den Armen umhalste. Vergebens versuchte ich, ihn abzuschütteln
-- ich warf mich nieder, ich drückte mich hinterrücks an die Bäume,
alles umsonst. Der Mensch kicherte und lachte höhnisch; da brach der
Mond hellleuchtend durch die schwarzen Tannen, und das totenbleiche,
gräßliche Gesicht des Mönchs -- des vermeintlichen Medardus, des
Doppelgängers, starrte mich an mit dem gräßlichen Blick, wie von dem
Wagen herauf. -- „Hi ... hi ... hi ... Brüderlein ... Brüderlein, immer
immer bin ich bei dir ... lasse dich nicht ... lasse ... dich nicht ...
Kann nicht lau ... laufen ... wie du ... mußt mich tra... tragen ...
Komme vom Ga... Galgen ... haben mich rä... rädern wollen ... hi hi
...“ So lachte und heulte das grause Gespenst, indem ich, von wildem
Entsetzen gekräftigt, hoch emporsprang wie ein von der Riesenschlange
eingeschnürter Tiger! -- Ich raste gegen Baum- und Felsstücke, um ihn
wo nicht zu töten, doch wenigstens hart zu verwunden, daß er mich zu
lassen genötigt sein sollte. Dann lachte er stärker und mich nur traf
jäher Schmerz; ich versuchte seine unter meinem Kinn festgeknoteten
Hände loszuwinden, aber die Gurgel einzudrücken drohte mir des
Ungetümes Gewalt. Endlich, nach tollem Rasen, fiel er plötzlich herab,
aber kaum war ich einige Schritte fortgerannt, als er von neuem auf
meinem Rücken saß, kichernd und lachend, und jene entsetzlichen
Worte stammelnd! Aufs neue jene Anstrengungen wilder Wut -- aufs
neue befreit! -- aufs neue umhalst von dem fürchterlichen Gespenst.
-- Es ist mir nicht möglich, deutlich anzugeben, wie lange ich, von
dem Doppelgänger verfolgt, durch finstre Wälder floh, es ist mir so,
als müsse das Monate hindurch, ohne daß ich Speise und Trank genoß,
gedauert haben. Nur +eines+ lichten Augenblicks erinnere ich mich
lebhaft, nach welchem ich in gänzlich bewußtlosen Zustand verfiel.
Eben war es mir geglückt, meinen Doppelgänger abzuwerfen, als ein
heller Sonnenstrahl und mit ihm ein holdes anmutiges Tönen den Wald
durchdrang. Ich unterschied eine Klosterglocke, die zur Frühmette
läutete. „Du hast Aurelie ermordet!“ Der Gedanke erfaßte mich mit des
Todes eiskalten Armen, und ich sank bewußtlos nieder.