2. Abschnitt.

Die Buße.

Eine sanfte Wärme glitt durch mein Inneres. Dann fühlte ich es in allen

Adern seltsam arbeiten und prickeln; dies Gefühl wurde zu Gedanken,

doch war mein Ich hundertfach zerteilt. Jeder Teil hatte im eignen

Regen eignes Bewußtsein des Lebens und umsonst gebot das Haupt den

Gliedern, die wie untreue Vasallen sich nicht sammeln mochten unter

seiner Herrschaft. Nun fingen die Gedanken der einzelnen Teile an

sich zu drehen, wie leuchtende Punkte, immer schneller und schneller,

so daß sie einen Feuerkreis bildeten, der wurde kleiner, sowie die

Schnelligkeit wuchs, daß er zuletzt nur eine stillstehende Feuerkugel

schien. Aus der schossen rotglühende Strahlen und bewegten sich im

farbigten Flammenspiel. „Das sind meine Glieder, die sich regen,

jetzt erwache ich!“ So dachte ich deutlich, aber in dem Augenblick

durchzuckte mich ein jäher Schmerz, helle Glockentöne schlugen an

mein Ohr. „Fliehen, weiter fort! -- weiter fort!“ rief ich laut,

wollte mich schnell aufraffen, fiel aber entkräftet zurück. Jetzt

erst vermochte ich die Augen zu öffnen. Die Glockentöne dauerten fort

-- ich glaubte noch im Walde zu sein, aber wie erstaunte ich, als

ich die Gegenstände rings umher, als ich mich selbst betrachtete. In

dem Ordenshabit der Kapuziner lag ich, in einem hohen, einfachen

Zimmer, auf einer wohlgepolsterten Matratze ausgestreckt. Ein paar

Rohrstühle, ein kleiner Tisch und ein ärmliches Bett waren die einzigen

Gegenstände, die sich noch im Zimmer befanden. Es wurde mir klar, daß

mein bewußtloser Zustand eine Zeitlang gedauert haben, und daß ich in

demselben auf diese oder jene Weise in ein Kloster gebracht sein mußte,

das Kranke aufnehme. Vielleicht war meine Kleidung zerrissen, und man

gab mir vorläufig eine Kutte. Der Gefahr, so schien es mir, war ich

entronnen. Diese Vorstellungen beruhigten mich ganz, und ich beschloß

abzuwarten, was sich weiter zutragen würde, da ich voraussetzen konnte,

daß man bald nach dem Kranken sehen würde. Ich fühlte mich sehr matt,

sonst aber ganz schmerzlos. Nur einige Minuten hatte ich so, zum

vollkommenen Bewußtsein erwacht, gelegen, als ich Tritte vernahm, die

sich wie auf einem langen Gange näherten. Man schloß meine Türe auf

und ich erblickte zwei Männer, von denen einer bürgerlich gekleidet

war, der andere aber den Ordenshabit der barmherzigen Brüder trug. Sie

traten schweigend auf mich zu, der bürgerlich gekleidete sah mir scharf

in die Augen und schien sehr verwundert. „Ich bin wieder zu mir selbst

gekommen, mein Herr,“ fing ich mit matter Stimme an, „dem Himmel sei es

gedankt, der mich zum Leben erweckt hat -- wo befinde ich mich aber?

wie bin ich hergekommen?“ -- Ohne mir zu antworten, wandte sich der

bürgerlich gekleidete zu dem Geistlichen und sprach auf italienisch:

„Das ist in der Tat erstaunenswürdig, der Blick ist ganz geändert, die

Sprache rein, nur matt ... es muß eine besondere Krisis eingetreten

sein.“ -- „Mir scheint,“ erwiderte der Geistliche, „mir scheint, als

wenn die Heilung nicht mehr zweifelhaft sein könne.“ „Das kommt,“ fuhr

der bürgerlich gekleidete fort, „das kommt darauf an, wie er sich in

den nächsten Tagen hält. Verstehen Sie nicht so viel deutsch, um mit

ihm zu sprechen?“ „Leider nein,“ antwortete der Geistliche. -- „Ich

verstehe und spreche italienisch,“ fiel ich ein; „sagen Sie mir, wo

bin ich, wie bin ich hergekommen?“ -- Der bürgerlich gekleidete, wie

ich wohl merken konnte, ein Arzt, schien freudig verwundert. „Ah,“

rief er aus, „ah das ist gut. Ihr befindet Euch, ehrwürdiger Herr! an

einem Orte, wo man nur für Euer Wohl auf alle mögliche Weise sorgt.

Ihr wurdet vor drei Monaten in einem sehr bedenklichen Zustande

hergebracht. Ihr wart sehr krank, aber durch unsere Sorgfalt und

Pflege scheint Ihr Euch auf dem Wege der Genesung zu befinden. Haben

wir das Glück, Euch ganz zu heilen, so könnt Ihr ruhig Eure Straße

fortwandeln, denn wie ich höre, wollt Ihr nach Rom!“ -- „Bin ich denn,“

frug ich weiter „in der Kleidung, die ich trage, zu Euch gekommen?“

-- „Freilich,“ erwiderte der Arzt, „aber laßt das Fragen, beunruhigt

Euch nur nicht, alles sollt Ihr erfahren, die Sorge für Eure Gesundheit

ist jetzt das vornehmlichste.“ Er faßte meinen Puls, der Geistliche

hatte unterdessen eine Tasse herbeigebracht, die er mir darreichte.

„Trinkt,“ sprach der Arzt, „und sagt mir dann, wofür Ihr das Getränk

haltet.“ -- „Es ist,“ erwiderte ich, nachdem ich getrunken, „es ist

eine gar kräftig zubereitete Fleischbrühe.“ -- Der Arzt lächelte

zufrieden und rief dem Geistlichen zu: „Gut, sehr gut!“ -- Beide

verließen mich. Nun war meine Vermutung, wie ich glaubte, richtig.

Ich befand mich in einem öffentlichen Krankenhause. Man pflegte mich

mit stärkenden Nahrungsmitteln und kräftiger Arzenei, so daß ich nach

drei Tagen imstande war, aufzustehen. Der Geistliche öffnete ein

Fenster, eine warme, herrliche Luft, wie ich sie nie geatmet, strömte

herein, ein Garten schloß sich an das Gebäude, herrliche fremde Bäume

grünten und blühten, Weinlaub rangte sich üppig an der Mauer empor,

vor allem aber war mir der dunkelblaue Himmel eine Erscheinung aus

ferner Zauberwelt. „Wo bin ich denn,“ rief ich voll Entzücken aus,

„haben mich die Heiligen gewürdigt, in einem Himmelslande zu wohnen?“

Der Geistliche lächelte wohlbehaglich, indem er sprach: „Ihr seid in

Italien, mein Bruder! in Italien!“ -- Meine Verwunderung wuchs bis zum

höchsten Grade, ich drang in den Geistlichen, mir genau die Umstände

meines Eintritts in dies Haus zu sagen, er wies mich an den Doktor. Der

sagte mir endlich, daß vor drei Monaten mich ein wunderlicher Mensch

hergebracht und gebeten habe mich aufzunehmen; ich befände mich nämlich

in einem Krankenhause, das von barmherzigen Brüdern verwaltet werde.

Sowie ich mich mehr und mehr erkräftigte, bemerkte ich, daß beide,

der Arzt und der Geistliche, sich in mannigfache Gespräche mit mir

einließen und mir vorzüglich Gelegenheit gaben, lange hintereinander

zu erzählen. Meine ausgebreiteten Kenntnisse in den verschiedensten

Fächern des Wissens gaben mir reichen Stoff dazu, und der Arzt lag mir

an, manches niederzuschreiben, welches er dann in meiner Gegenwart

las und sehr zufrieden schien. Doch fiel es mir oft seltsamlich auf,

daß er, statt meine Arbeit selbst zu loben, immer nur sagte: „In der

Tat ... das geht gut ... ich habe mich nicht getäuscht! ... wunderbar

... wunderbar!“ Ich durfte nun zu gewissen Stunden in den Garten

hinab, wo ich manchmal grausig entstellte, totenblasse, bis zum Geripp

ausgetrocknete Menschen, von barmherzigen Brüdern geleitet, erblickte.

Einmal begegnete mir, als ich schon im Begriff stand in das Haus

zurückzukehren, ein langer, hagerer Mann, in einem seltsamen erdgelben

Mantel, der wurde von zwei Geistlichen bei den Armen geführt, und nach

jedem Schritt machte er einen possierlichen Sprung, und pfiff dazu mit

durchdringender Stimme. Erstaunt blieb ich stehen, doch der Geistliche,

der mich begleitete, zog mich schnell fort, indem er sprach: „Kommt,

kommt, lieber Bruder Medardus! das ist nichts für Euch.“ -- „Um Gott,“

rief ich aus, „woher wißt Ihr meinen Namen?“ -- Die Heftigkeit, womit

ich diese Worte ausstieß, schien mein Begleiter zu beunruhigen. „Ei,“

sprach er, „wie sollen wir denn Euern Namen nicht wissen? Der Mann, der

Euch herbrachte, nannte ihn ja ausdrücklich, und Ihr seid eingetragen

in die Register des Hauses: Medardus, Bruder des Kapuzinerklosters

zu B.“ -- Eiskalt bebte es mir durch die Glieder. Aber mochte der

Unbekannte der mich in das Krankenhaus gebracht hatte, sein wer er

wollte, mochte er eingeweiht sein in mein entsetzliches Geheimnis;

er konnte nichts Böses wollen, denn er hatte ja freundlich für mich

gesorgt, und ich war ja frei. --

Ich lag im offenen Fenster und atmete in vollen Zügen die herrliche,

warme Luft ein, die durch Mark und Adern strömend neues Leben in mir

entzündete, als ich eine kleine, dürre Figur, ein spitzes Hütchen auf

dem Kopfe, und in einen ärmlichen, erblichenen Überrock gekleidet,

den Hauptgang nach dem Hause herauf mehr hüpfen und trippeln als

gehen sah. Als er mich erblickte, schwenkte er den Hut in der Luft

und warf mir Kußhändchen zu. Das Männlein hatte etwas Bekanntes, doch

konnte ich die Gesichtszüge nicht deutlich erkennen, und er verschwand

unter den Bäumen, ehe ich mit mir einig geworden, wer es wohl sein

müsse. Doch nicht lange dauerte es, so klopfte es an meine Türe, ich

öffnete, und dieselbe Figur, die ich im Garten gesehen trat herein.

„Schönfeld,“ rief ich voll Verwunderung, „Schönfeld, wie kommen Sie

her, um des Himmels willen?“ -- Es war jener närrische Friseur aus

der Handelsstadt, der mich damals rettete aus großer Gefahr. „Ach

-- ach ach!“ seufzte er, indem er sein Gesicht auf komische Weise

weinerlich verzog: „Wie soll ich denn herkommen anders, als geworfen --

geschleudert von dem bösen Verhängnis, das alle Genies verfolgt! Eines

Mordes wegen mußte ich fliehen ...“ „Eines Mordes wegen?“ unterbrach

ich ihn heftig. „Ja eines Mordes wegen,“ fuhr er fort, „ich hatte im

Zorn den linken Backenbart des jüngsten Kommerzienrates in der Stadt

getötet, und dem rechten gefährliche Wunden beigebracht.“ -- „Ich bitte

Sie,“ unterbrach ich ihn aufs neue, „lassen Sie die Possen, seien Sie

einmal vernünftig und erzählen Sie im Zusammenhange oder verlassen

Sie mich.“ -- „Ei, lieber Bruder Medardus,“ fing er plötzlich sehr

ernst an, „du willst mich fortschicken, nun du genesen, und mußtest

mich doch in deiner Nähe leiden, als du krank dalagst und ich dein

Stubenkamerad war und in jenem Bette schlief.“ -- „Was heißt das,“

rief ich bestürzt aus, „wie kommen Sie auf den Namen Medardus?“ --

„Schauen Sie,“ sprach er lächelnd, „den rechten Zipfel Ihrer Kutte

gefälligst an.“ Ich tat es, und erstarrte vor Schreck und Erstaunen,

denn ich fand, daß der Name Medardus hineingenäht war, sowie mich, bei

genauerer Untersuchung, untrügliche Kennzeichen wahrnehmen ließen, daß

ich ganz unbezweifelt dieselbe Kutte trug, die ich auf der Flucht aus

dem Schlosse des Barons von F. in einen hohlen Baum verborgen hatte.

Schönfeld bemerkte meine innere Bewegung, er lächelte ganz seltsam;

den Zeigefinger an die Nase gelegt, sich auf den Fußspitzen erhebend,

schaute er mir ins Auge; ich blieb sprachlos, da fing er leise und

bedächtig an: „Ew. Ehrwürden wundern sich merklich über das schöne

Kleid, das Ihnen angelegt worden, es scheint Ihnen überall wunderbar

anzustehen und zu passen, besser als jenes nußbraune Kleid mit schnöden

besponnenen Knöpfen, das mein ernsthafter, vernünftiger Damon Ihnen

anlegte ... Ich ... ich ... der verkannte, verbannte Pietro Belcampo

war es, der Eure Blöße deckte mit diesem Kleide. Bruder Medardus! Ihr

wart nicht im sonderlichsten Zustande, denn als Überrock -- Spenzer

-- englischen Frack trugt Ihr simplerweise Eure eigne Haut, und an

schickliche Frisur war nicht zu denken, da Ihr, eingreifend in meine

Kunst, Euern Karakalla mit dem zehnzahnigten Kamm, der Euch an die

Fäuste gewachsen, selbst besorgtet.“ -- „Laßt die Narrheiten,“ fuhr

ich auf, „laßt die Narrheiten, Schönfeld“ ... „Pietro Belcampo heiße

ich,“ unterbrach er mich in vollem Zorne, „ja Pietro Belcampo, hier

in Italien, und du magst es nur wissen, Medardus, ich selbst, ich

selbst bin die Narrheit, die ist überall hinter dir her, um deiner

Vernunft beizustehen, und du magst es nun einsehen oder nicht, in der

Narrheit findest du nur dein Heil, denn deine Vernunft ist ein höchst

miserables Ding und kann sich nicht aufrecht erhalten, sie taumelt

hin und her wie ein gebrechliches Kind und muß mit der Narrheit in

Kompanie treten, die hilft ihr auf und weiß den richtigen Weg zu finden

nach der Heimat -- das ist das Tollhaus, da sind wir beide richtig

angelangt, mein Brüderchen Medardus.“ -- Ich schauderte zusammen, ich

dachte an die Gestalten, die ich gesehen; an den springenden Mann im

erdgelben Mantel, und konnte nicht zweifeln, daß Schönfeld in seinem

Wahnsinn mir die Wahrheit sagte. „Ja, mein Brüderchen Medardus,“ fuhr

Schönfeld mit erhobeneer Stimme und heftig gestikulierend fort: „Ja,

mein liebes Brüderchen. Die Narrheit erscheint auf Erden, wie die

wahre Geisterkönigin. Die Vernunft ist nur ein träger Statthalter,

der sich nie darum kümmert, was außer den Grenzen des Reichs vorgeht,

der nur aus Langeweile auf dem Paradeplatz die Soldaten exerzieren

läßt, die können nachher keinen ordentlichen Schuß tun, wenn der Feind

eindringt von außen. Aber die Narrheit, die wahre Königin des Volks

zieht ein mit Pauken und Trompeten: hussa hussa! -- hinter ihr her

Jubel -- Jubel -- Die Vasallen erheben sich von den Plätzen, wo sie die

Vernunft einsperrte, und wollen nicht mehr stehen, sitzen und liegen

wie der pedantische Hofmeister es will; der sieht die Nummern durch

und spricht: Seht die Narrheit hat mir meine besten Eleven entrückt

-- fortgerückt -- verrückt -- ja sie sind verrückt worden. Das ist

ein Wortspiel, Brüderlein Medardus -- ein Wortspiel ist ein glühendes

Lockeneisen in der Hand der Narrheit, womit sie Gedanken krümmt.“

-- „Noch einmal,“ fiel ich dem albernen Schönfeld in die Rede, noch

einmal bitte ich Euch, das unsinnige Geschwätz zu lassen, wenn Ihr

es vermöget, und mir zu sagen, wie Ihr hergekommen seid, und was Ihr

von mir und dem Kleide wißt, das ich trage.“ -- Ich hatte ihn bei

diesen Worten mit beiden Händen gefaßt und in einen Stuhl gedrückt. Er

schien sich zu besinnen, indem er die Augen niederschlug und tief Atem

schöpfte. „Ich habe Ihnen,“ fing er dann mit leiser, matter Stimme an,

„ich habe Ihnen das Leben zum zweitenmal gerettet, ich war es ja, der

Ihrer Flucht aus der Handelsstadt behilflich war, ich war es wiederum,

der Sie herbrachte.“ -- „Aber um Gottes, um der Heiligen willen, wo

fanden Sie mich?“ -- So rief ich laut aus, indem ich ihn losriß, doch

in dem Augenblick sprang er auf und schrie mit funkelnden Augen: „Ei,

Bruder Medardus, hätt’ ich dich nicht, klein und schwach, wie ich bin,

auf meinen Schultern fortgeschleppt, du lägest mit zerschmetterten

Gliedern auf dem Rade.“ -- Ich erbebte -- wie vernichtet sank ich in

den Stuhl, die Türe öffnete sich und hastig trat der mich pflegende

Geistliche herein. „Wie kommt Ihr hierher? wer hat Euch erlaubt, dies

Zimmer zu betreten?“ So fuhr er auf Belcampo los, dem stürzten aber

die Tränen aus den Augen und er sprach mit flehentlicher Stimme: „Ach,

mein ehrwürdiger Herr! nicht länger konnte ich dem Drange widerstehen,

meinen Freund zu sprechen, den ich dringender Todesgefahr entrissen!“

Ich ermannte mich. „Sagt mir, mein lieber Bruder!“ sprach ich zu

dem Geistlichen, „hat mich dieser Mann wirklich hergebracht?“ -- Er

stockte. -- „Ich weiß jetzt, wo ich mich befinde,“ fuhr ich fort, „ich

kann vermuten, daß ich im schrecklichsten Zustande war, den es gibt,

aber Ihr merkt, daß ich vollkommen genesen, und so darf ich nun wohl

alles erfahren, was man mir bis jetzt absichtlich verschweigen mochte,

weil man mich für zu reizbar hielt.“ „So ist es in der Tat,“ antwortete

der Geistliche, „dieser Mann brachte Euch, es mögen ungefähr drei bis

viertehalb Monate her sein, in unsere Anstalt. Er hatte Euch, wie er

erzählte, für tot in dem Walde, der vier Meilen von hier das ...sche

von unserm Gebiet scheidet, gefunden, und Euch für den ihm früher

bekannten Kapuzinermönch Medardus aus dem Kloster zu B. erkannt, der

auf einer Reise nach Rom durch den Ort kam, wo er sonst wohnte. Ihr

befandet Euch in einem vollkommen apathischen Zustande. Ihr gingt,

wenn man Euch führte, Ihr bliebt stehen, wenn man Euch losließ, Ihr

setztet, Ihr legtet Euch nieder, wenn man Euch die Richtung gab. Speise

und Trank mußte man Euch einflößen. Nur dumpfe, unverständliche Laute

vermochtet Ihr auszustoßen, Euer Blick schien ohne alle Sehkraft.

Belcampo verließ Euch nicht, sondern war Euer treuer Wärter. Nach vier

Wochen fielt Ihr in die schrecklichste Raserei, man war genötigt, Euch

in eins der dazu bestimmten abgelegeneren Gemächer zu bringen. Ihr

wahret dem wilden Tier gleich -- doch nicht näher mag ich Euch einen

Zustand schildern, dessen Erinnerung Euch vielleicht zu schmerzlich

sein würde. Nach vier Wochen kehrte plötzlich jener apathische Zustand

wieder, der in eine vollkommene Starrsucht überging, aus der Ihr

genesen erwachtet.“ -- Schönfeld hatte sich während dieser Erzählung

des Geistlichen gesetzt, und, wie in tiefes Nachdenken versunken, den

Kopf in die Hand gestützt. „Ja,“ fing er an, „ich weiß recht gut, daß

ich zuweilen ein aberwitziger Narr bin, aber die Luft im Tollhause,

vernünftigen Leuten verderblich, hat gar gut auf mich gewirkt. Ich

fange an, über mich selbst zu räsonnieren, und das ist kein übles

Zeichen. Existiere ich überhaupt nur durch mein eignes Bewußtsein,

so kommt es nur darauf an, daß dies Bewußtsein dem Bewußten die

Hanswurstjacke ausziehe, und ich selbst stehe da als solider Gentleman.

-- O Gott! -- ist aber ein genialer Friseur nicht schon an und vor

sich selbst ein gesetzter Hasenfuß? -- Hasenfüßigkeit schützt vor

allem Wahnsinn, und ich kann Euch versichern, ehrwürdiger Herr, daß

ich auch bei Nordnordwest einen Kirchturm von einem Leuchtenpfahl

genau zu unterscheiden vermag.“ -- „Ist dem wirklich so,“ sprach ich,

„so beweisen Sie es dadurch, daß Sie mir ruhig den Hergang der Sache

erzählen, wie Sie mich fanden und wie Sie mich herbrachten.“ „Das

will ich tun,“ erwiderte Schönfeld, „unerachtet der geistliche Herr

hier ein gar besorgliches Gesicht schneidet; erlaube aber, Bruder

Medardus, daß ich dich, als meinen Schützling, mit dem vertraulichen Du

anrede. -- Der fremde Maler war den andern Morgen, nachdem du in der

Nacht entflohen, auch mit seiner Gemäldesammlung auf unbeschreibliche

Weise verschwunden. So sehr die Sache überhaupt anfangs Aufsehen

erregt hatte, so bald war sie doch im Strome neuer Begebenheiten

untergegangen. Nur als der Mord auf dem Schlosse des Barons F. bekannt

wurde; als die ...schen Gerichte durch Steckbriefe den Mönch Medardus

aus dem Kapuzinerkloster zu B. verfolgten, da erinnerte man sich

daran, daß der Maler die ganze Geschichte im Weinhause erzählt und

in dir den Bruder Medardus erkannt hatte. Der Wirt des Hotels, wo

du gewohnt hattest, bestätigte die Vermutung, daß ich deiner Flucht

förderlich gewesen war. Man wurde auf mich aufmerksam, man wollte mich

ins Gefängnis setzen. Leicht war mir der Entschluß, dem elenden Leben,

das schon längst mich zu Boden gedrückt hatte, zu entfliehen. Ich

beschloß, nach Italien zu gehen, wo es Abbates und Frisuren gibt. Auf

meinem Wege dahin sah ich dich in der Residenz des Fürsten von ***.

Man sprach von deiner Vermählung mit Aurelien und von der Hinrichtung

des Mönchs Medardus. Ich sah auch diesen Mönch -- Nun! -- dem sei

wie ihm wolle, ich halte dich nun einmal für den wahren Medardus.

Ich stellte mich dir in den Weg, du bemerktest mich nicht, und ich

verließ die Residenz, um meine Straße weiter zu verfolgen. Nach langer

Reise rüstete ich mich einst in frühster Morgendämmerung, den Wald zu

durchwandern, der in düstrer Schwärze vor mir lag. Eben brachen die

ersten Strahlen der Morgensonne hervor, als es in dem dicken Gebüsch

rauschte und ein Mensch mit zerzaustem Kopfhaar und Bart, aber in

zierlicher Kleidung, bei mir vorübersprang. Sein Blick war wild und

verstört, im Augenblick war er mir aus dem Gesicht verschwunden. Ich

schritt weiter fort, doch wie entsetzte ich mich, als ich dicht vor mir

eine nackte menschliche Figur ausgestreckt auf dem Boden erblickte. Ich

glaubte, es sei ein Mord geschehen und der Fliehende sei der Mörder.

Ich bückte mich herab zu dem Nackten, erkannte dich und wurde gewahr,

daß du leise atmetest. Dicht bei dir lag die Mönchskutte, die du jetzt

trägst; mit vieler Mühe kleidete ich dich darin und schleppte dich

weiter fort. Endlich erwachtest du aus tiefer Ohnmacht, du bliebst aber

in dem Zustande, wie ihn dir der ehrwürdige Herr hier erst beschrieben.

Es kostete keine geringe Anstrengung, dich fortzuschaffen, und so kam

es, daß ich erst am Abende eine Schenke erreichte, die mitten im Walde

liegt. Wie schlaftrunken ließ ich dich auf einem Rasenplatz zurück,

und ging hinein, um Speise und Trank zu holen. In der Schenke saßen

***sche Dragoner, die sollten, wie die Wirtin sagte, einem Mönch

bis an die Grenze nachspüren, der auf unbegreifliche Weise in dem

Augenblicke entflohen sei, als er schwerer Verbrechen halber in ***

hätte hingerichtet werden sollen. Ein Geheimnis war es mir, wie du

aus der Residenz in den Wald kamst, aber die Überzeugung, da seist

eben der Medardus, den man suche, hieß mich alle Sorgfalt anwenden,

dich der Gefahr, in der du mir zu schweben schienst, zu entreißen.

Durch Schleichwege schaffte ich dich fort, über die Grenze, und kam

endlich mit dir in dies Haus, wo man dich und auch mich aufnahm, da

ich erklärte, mich von dir nicht trennen zu wollen. Hier warst du

sicher, denn in keiner Art hätte man den aufgenommenen Kranken fremden

Gerichten ausgeliefert. Mit deinen fünf Sinnen war es nicht sonderlich

bestellt, als ich hier im Zimmer bei dir wohnte und dich pflegte.

Auch die Bewegung deiner Gliedmaßen war nicht zu rühmen, Noverre

und Vestris hätten dich tief verachtet, denn dein Kopf hing auf die

Brust, und wollte man dich gerade aufrichten, so stülptest du um, wie

ein mißratner Kegel. Auch mit der Rednergabe ging es höchst traurig,

denn du warst verdammt einsilbig und sagtest in aufgeräumten Stunden

nur „Hu hu! und Me ... me ...“, woraus dein Wollen und Denken nicht

sonderlich zu vernehmen und beinahe zu glauben, beides sei dir untreu

geworden und vagabondiere auf seine eigene Hand oder seinen eignen

Fuß. Endlich wurdest du mit einem Mal überaus lustig, du sprangst

hoch in die Lüfte, brülltest vor lauter Entzücken und rissest dir

die Kutte vom Leibe, um frei zu sein von jeder naturbeschränkenden

Fessel -- dein Appetit ...“ „Halten Sie ein, Schönfeld,“ unterbrach

ich den entsetzlichen Witzling, „halten Sie ein! Man hat mich schon

von dem fürchterlichen Zustande, in den ich versunken, unterrichtet.

Dank sei es der ewigen Langmut und Gnade des Herren, Dank sei es der

Fürsprache der Gebenedeiten und der Heiligen, daß ich errettet worden

bin!“ -- „Ei, ehrwürdiger Herr!“ fuhr Schönfeld fort, „was haben Sie

denn nun davon; ich meine von der besonderen Geistesfunktion, die

man Bewußtsein nennt, und die nichts anders ist, als die verfluchte

Tätigkeit eines verdammten Toreinnehmers -- Akziseoffizianten --

Oberkontrollassistenten, der sein heilloses Comptoir im Oberstübchen

aufgeschlagen hat, und zu aller Ware, die hinaus will, sagt: hei ...

hei ... die Ausfuhr ist verboten ... im Lande, im Lande bleibt’s.

-- Die schönsten Juwelen werden wie schnöde Saatkörner in die Erde

gesteckt und was emporschießt, sind höchstens Runkelrüben, aus denen

die Praxis mit tausend Zentner schwerem Gewicht eine Viertel Unze

übelschmeckenden Zucker preßt ... Hei hei ... und doch sollte jene

Ausfuhr einen Handelsverkehr begründen mit der herrlichen Gottesstadt

da droben, wo alles stolz und herrlich ist! -- Gott im Himmel! Herr!

Allen meinen teuer erkauften Puder à la Maréchal oder à la Pompadour,

oder à la reine de Golconde hätte ich in den Fluß geworfen, wo er

am tiefsten ist, hätte ich nur wenigstens durch Transitohandel

ein Quentlein Sonnenstäubchen von dorther bekommen können, um die

Perücken höchst gebildeter Professoren und Schulkollegen zu pudern,

zuvörderst aber meine eigne! -- Was sage ich? hätte mein Damon Ihnen,

ehrwürdigster aller ehrwürdigen Mönche, statt des flohfarbnen Fracks

einen Sonnenmatin umhängen können, in dem die reichen, übermütigen

Bürger der Gottesstadt zu Stuhle gehen, wahrhaftig es wäre, was

Anstand und Würde betrifft, alles anders gekommen; aber so hielt Sie

die Welt für einen gemeinen ~glebae adscriptus~ und den Teufel für

Ihren ~Cousin germain~.“ -- Schönfeld war aufgestanden und ging, oder

hüpfte vielmehr, stark gestikulierend und tolle Gesichter schneidend,

von einer Ecke des Zimmers zur andern. Er war im vollen Zuge, wie

gewöhnlich, sich in der Narrheit durch die Narrheit zu entzünden, ich

faßte ihn daher bei beiden Händen und sprach: „Willst du dich denn

durchaus statt meiner hier einbürgern? Ist es denn nicht möglich,

nach einer Minute verständigen Ernstes das Possenhafte zu lassen?“ Er

lächelte auf seltsame Weise und sagte: „Ist wirklich alles so albern,

was ich spreche, wenn mir der Geist kommt?“ -- „Das ist ja eben das

Unglück,“ erwiderte ich, „daß deinen Fratzen oft tiefer Sinn zum

Grunde liegt, aber du vertrödelst und verbrämst alles mit solch buntem

Zeuge, daß ein guter, in echter Farbe gehaltener Gedanke lächerlich

und unscheinbar wird, wie ein mit scheckigen Fetzen behängtes Kleid.

-- Du kannst, wie ein Betrunkener, nicht auf gerader Schnur gehen, du

springst hinüber und herüber -- deine Richtung ist schief!“ -- „Was

ist Richtung,“ unterbrach mich Schönfeld leise, und fortlächelnd mit

bittersüßer Miene. „Was ist Richtung, ehrwürdiger Kapuziner? Richtung

setzt ein Ziel voraus, nach dem wir unsere Richtung nehmen. Sind

Sie Ihres Ziels gewiß, teurer Mönch? -- fürchten Sie nicht, daß Sie

bisweilen zu wenig Katzenhirn zu sich genommen, statt dessen aber im

Wirtshause neben der gezogenen Schnur zu viel Spirituöses genossen, und

nun wie ein schwindliger Turmdecker zwei Ziele sehn, ohne zu wissen,

welches das rechte? -- Überdem, Kapuziner! vergib es meinem Stande,

daß ich das Possenhafte als eine angenehme Beimischung, spanischen

Pfeffer zum Blumenkohl, in mir trage. Ohne das ist ein Haarkünstler

eine erbärmliche Figur, ein armseliger Dummkopf, der das Privilegium

in der Tasche trägt, ohne es zu nutzen zu seiner Lust und Freude.“ Der

Geistliche hatte bald mich, bald den grimassierenden Schönfeld mit

Aufmerksamkeit betrachtet; er verstand, da wir deutsch sprachen, kein

Wort; jetzt unterbrach er unser Gespräch. „Verzeihet, meine Herren!

wenn es meine Pflicht heischt, eine Unterredung zu enden, die euch

beiden unmöglich wohl tun kann. Ihr seid, mein Bruder, noch zu sehr

geschwächt, um von Dingen, die wahrscheinlich aus Euerm frühern Leben

schmerzhafte Erinnerungen aufregen, so anhaltend fortzusprechen; Ihr

könnet ja nach und nach von Euerm Freunde alles erfahren, denn wenn

Ihr auch ganz genesen unsere Anstalt verlasset, so wird Euch doch

wohl Euer Freund weiter geleiten. Zudem habt Ihr (er wandte sich zu

Schönfeld) eine Art des Vortrags, die ganz dazu geeignet ist, alles

das, wovon Ihr sprecht, dem Zuhörer lebendig vor die Augen zu bringen.

In Deutschland muß man Euch für toll halten, und selbst bei uns würdet

Ihr für einen guten ~Buffone~ gelten. Ihr könnt auf dem komischen

Theater Euer Glück machen.“ Schönfeld starrte den Geistlichen mit

weit aufgerissenen Augen an, dann erhob er sich auf den Fußspitzen,

schlug die Hände über den Kopf zusammen und rief auf italienisch:

„Geisterstimme! ... Schicksalsstimme, du hast aus dem Munde dieses

ehrwürdigen Herrn zu mir gesprochen! ... Belcampo ... Belcampo ... so

konntest du deinen wahrhaften Beruf verkennen ... es ist entschieden!“

-- Damit sprang er zur Türe hinaus. Den andern Morgen trat er

reisefertig zu mir herein. „Du bist, mein lieber Bruder Medardus,“

sprach er, „nunmehr ganz genesen, du bedarfst meines Beistandes nicht

mehr, ich ziehe fort, wohin mich mein innerster Beruf leitet ... Lebe

wohl! ... doch erlaube, daß ich zum letztenmal meine Kunst, die mir nun

wie ein schnödes Gewerbe vorkommt, an dir übe.“ Er zog Messer, Schere

und Kamm hervor und brachte unter tausend Grimassen und possenhaften

Reden meine Tonsur und meinen Bart in Ordnung. Der Mensch war mir,

trotz der Treue die er mir bewiesen, unheimlich geworden, ich war

froh, als er geschieden. Der Arzt hatte mir mit stärkender Arznei

ziemlich aufgeholfen; meine Farbe war frischer geworden, und durch

immer längere Spaziergänge gewann ich meine Kräfte wieder. Ich war

überzeugt, eine Fußreise aushalten zu können, und verließ ein Haus,

das dem Geisteskranken wohltätig, dem Gesunden aber unheimlich und

grauenvoll sein mußte. Man hatte mir die Absicht untergeschoben, nach

Rom zu pilgern, ich beschloß, dieses wirklich zu tun, und so wandelte

ich fort auf der Straße, die, als dorthin führend, mir bezeichnet

worden war. Unerachtet mein Geist vollkommen genesen, war ich mir doch

selbst eines gefühllosen Zustandes bewußt, der über jedes im Innern

aufkeimende Bild einen düstern Flor warf, so daß alles farblos, grau

in grau erschien. Ohne alle deutliche Erinnerung des Vergangenen,

beschäftigte mich die Sorge für den Augenblick ganz und gar. Ich sah

in die Ferne, um den Ort zu erspähen, wo ich würde einsprechen können,

um mir Speise oder Nachtquartier zu erbetteln und war recht innig

froh, wenn Andächtige meinen Bettelsack und meine Flasche gut gefüllt

hatten, wofür ich meine Gebete mechanisch herplapperte. Ich war selbst

im Geist zum gewöhnlichen, stupiden Bettelmönch herabgesunken. So

kam ich endlich an das große Kapuzinerkloster, das, wenige Stunden

von Rom, nur von Wirtschaftsgebäuden umgeben, einzeln darliegt. Dort

mußte man den Ordensbruder aufnehmen, und ich gedachte, mich in voller

Gemächlichkeit recht auszupflegen. Ich gab vor, daß, nachdem das

Kloster in Deutschland, worin ich mich sonst befand, aufgehoben worden,

ich fortgepilgert sei, und in irgend ein anderes Kloster meines Ordens

einzutreten wünsche. Mit der Freundlichkeit, die den italienischen

Mönchen eigen, bewirtete man mich reichlich, und der Prior erklärte,

daß, insofern mich nicht vielleicht die Erfüllung eines Gelübdes

weiter zu pilgern nötige, ich als Fremder so lange im Kloster bleiben

könne, als es mir anstehen würde. Es war Vesperzeit, die Mönche gingen

in den Chor, und ich trat in die Kirche. Der kühne, herrliche Bau des

Schiffs setzte mich nicht wenig in Verwunderung, aber mein zur Erde

gebeugter Geist konnte sich nicht erheben, wie es sonst geschah, seit

der Zeit, als ich, ein kaum erwachtes Kind, die Kirche der heiligen

Linde geschaut. Nachdem ich mein Gebet am Hochaltar verrichtet,

schritt ich durch die Seitengänge, die Altargemälde betrachtend,

welche, wie gewöhnlich, die Martyrien der Heiligen, denen sie geweiht,

darstellten. Endlich trat ich in eine Seitenkapelle, deren Altar von

den durch die bunten Fensterscheiben brechenden Sonnenstrahlen magisch

beleuchtet wurde. Ich wollte das Gemälde betrachten, ich stieg die

Stufen hinauf. -- Die heilige Rosalia -- das verhängnisvolle Altarblatt

meines Klosters. -- Ach! -- Aurelien erblickte ich! Mein ganzes Leben

-- meine tausendfachen Frevel -- meine Missetaten -- Hermogens --

Aureliens Mord -- alles -- alles nur +ein+ entsetzlicher Gedanke, und

+der+ durchfuhr wie ein spitzes, glühendes Eisen mein Gehirn. -- Meine

Brust -- Adern und Fibern zerrissen im wilden Schmerz der grausamsten

Folter! -- Kein lindernder Tod! -- Ich warf mich nieder -- ich zerriß

in rasender Verzweiflung mein Gewand -- ich heulte auf im trostlosen

Jammer, daß es weit in der Kirche nachhallte: „Ich bin verflucht,

ich bin verflucht! -- Keine Gnade -- kein Trost mehr, hier und dort!

-- Zur Hölle -- zur Hölle -- ewige Verdammnis über mich verruchten

Sünder beschlossen!“ -- Man hob mich auf -- die Mönche waren in der

Kapelle, vor mir stand der Prior, ein hoher, ehrwürdiger Greis. Er

schaute mich an mit unbeschreiblich mildem Ernst, er faßte meine Hände,

und es war, als halte ein Heiliger, von himmlischem Mitleid erfüllt,

den Verlorenen in den Lüften über dem Flammenpfuhl fest, in den er

hinabstürzen wollte. „Du bist krank, mein Bruder! sprach der Prior,

wir wollen dich in das Kloster bringen, da magst du dich erholen.“ Ich

küßte seine Hände, sein Kleid, ich konnte nicht sprechen, nur tiefe,

angstvolle Seufzer verrieten den fürchterlichen, zerrissenen Zustand

meiner Seele. -- Man führte mich in das Refektorium, auf einen Wink

des Priors entfernten sich die Mönche, ich blieb mit ihm allein. „Du

scheinst, mein Bruder,“ fing er an, „von schwerer Sünde belastet, denn

nur die tiefste, trostloseste Reue über eine entsetzliche Tat kann sich

so gebärden. Doch groß ist die Langmut des Herrn, stark und kräftig

ist die Fürsprache der Heiligen, fasse Vertrauen -- du sollst mir

beichten und es wird dir wenn du büßest, Trost der Kirche werden!“ In

dem Augenblick schien es mir, als sei der Prior jener alte Pilger aus

der heiligen Linde, und nur +der+ sei das einzige Wesen auf der ganzen

weiten Erde, dem ich mein Leben voller Sünde und Frevel offenbaren

müsse. Noch war ich keines Wortes mächtig, ich warf mich vor dem Greise

nieder in den Staub. „Ich gehe in die Kapelle des Klosters,“ sprach

er mit feierlichem Ton, und schritt von dannen. -- Ich war gefaßt --

ich eilte ihm nach, er saß im Beichtstuhl, und ich tat augenblicklich,

wozu mich der Geist unwiderstehlich trieb; ich beichtete alles --

alles! -- Schrecklich war die Buße, die mir der Prior auflegte.

Verstoßen von der Kirche, wie ein Aussätziger verbannt aus den

Versammlungen der Brüder, lag ich in den Totengewölben des Klosters,

mein Leben kärglich fristend durch unschmackhafte, in Wasser gekochte

Kräuter, mich geißelnd und peinigend mit Marterinstrumenten, die die

sinnreichste Grausamkeit erfunden, und meine Stimme erhebend nur zur

eigenen Anklage, zum zerknirschten Gebet um Rettung aus der Hölle,

deren Flammen schon in mir loderten. Aber wenn das Blut aus hundert

Wunden rann, wenn der Schmerz in hundert giftigen Skorpionstichen

brannte und dann endlich die Natur erlag, bis der Schlaf sie, wie ein

ohnmächtiges Kind, schützend mit seinen Armen umfing, dann stiegen

feindliche Traumbilder empor, die mir neue Todesmarter bereiteten.

-- Mein ganzes Leben gestaltete sich auf entsetzliche Weise. Ich sah

Euphemien, wie sie in üppiger Schönheit mir nahte, aber laut schrie

ich auf: „Was willst du von mir, Verruchte! Nein, die Hölle hat keinen

Teil an mir.“ Da schlug sie ihr Gewand auseinander, und die Schauer

der Verdammnis ergriffen mich. Zum Gerippe eingedorrt war ihr Leib,

aber in dem Gerippe wanden sich unzählige Schlangen durcheinander und

streckten ihre Häupter, ihre rotglühenden Zungen mit entgegen. „Laß ab

von mir! ... Deine Schlangen stechen hinein in die wunde Brust ... sie

wollen sich mästen an meinem Herzblut ... aber dann sterbe ich ...

dann sterbe ich ... der Tod entreißt mich deiner Rache.“ So schrie ich

auf, da heulte die Gestalt: -- „Meine Schlangen können sich nähren von

deinem Herzblut ... aber das fühlst du nicht, denn das ist nicht deine

Qual -- deine Qual ist in dir, und tötet dich nicht, denn du lebst in

ihr. Deine Qual ist der Gedanke des Frevels und der ist ewig!“ -- Der

blutende Hermogen stieg auf, aber vor ihm floh Euphemie und er rauschte

vorüber, auf die Halswunde deutend, die die Gestalt des Kreuzes

hatte. Ich wollte beten, da begann ein sinnverwirrendes Flüstern und

Rauschen. Menschen, die ich sonst gesehen, erschienen zu tollen Fratzen

verunstaltet. -- Köpfe krochen mit Heuschreckenbeinen, die ihnen an

die Ohren gewachsen, umher und lachten mich hämisch an -- seltsames

Geflügel -- Raben mit Menschengesichtern rauschten in der Luft. -- Ich

erkannte den Konzertmeister aus B. mit seiner Schwester, die drehte

sich in wildem Walzer, und der Bruder spielte dazu auf, aber auf der

eigenen Brust streichend, die zur Geige worden. -- Belcampo, mit einem

häßlichen Eidechsengesicht, auf einem ekelhaften, geflügelten Wurm

sitzend, fuhr auf mich ein, er wollte meinen Bart kämmen mit eisernem,

glühendem Kamm -- aber es gelang ihm nicht. -- Toller und toller wird

das Gewirre, seltsamer, abenteuerlicher werden die Gestalten von der

kleinsten Ameise mit tanzenden Menschenfüßchen bis zum langgedehnten

Roßgerippe mit funkelnden Augen, dessen Haut zur Schabracke worden,

auf der ein Reiter mit leuchtendem Eulenkopfe sitzt. -- Ein bodenloser

Becher ist sein Leibharnisch -- ein umgestülpter Trichter sein Helm!

-- Der Spaß der Hölle ist emporgestiegen. Ich höre mich lachen, aber

dies Lachen zerschneidet die Brust, und brennender wird der Schmerz

und heftiger bluten alle Wunden. -- Die Gestalt eines Weibes leuchtet

hervor, das Gesindel weicht -- sie tritt auf mich zu! -- Ach es ist

Aurelie! „Ich lebe und bin nun ganz dein!“ spricht die Gestalt. -- Da

wird der Frevel in mir wach. -- Rasend vor wilder Begier umschlinge

ich sie mit meinen Armen. -- Alle Ohnmacht ist von mir gewichen, aber

da legt es sich glühend an meine Brust -- rauhe Borsten zerkratzen

meine Augen und der Satan lacht gellend auf: Nun bist du ganz mein! --

Mit dem Schrei des Entsetzens erwache ich, und bald fließt mein Blut

in Strömen von den Hieben der Stachelpeitsche, mit der ich mich in

trostloser Verzweiflung züchtige. Denn selbst die Frevel des Traumes,

jeder sündliche Gedanke, fordert doppelte Buße. -- Endlich war die

Zeit, die der Prior zur strengsten Buße bestimmt hatte, verstrichen und

ich stieg empor aus dem Totengewölbe, um in dem Kloster selbst, aber in

abgesonderter Zelle, entfernt von den Brüdern, die nun mir auferlegten

Bußübungen vorzunehmen. Dann, immer in geringeren Graden der Buße,

wurde mir der Eintritt in die Kirche und in den Chor der Brüder

erlaubt. Doch mir selbst genügte nicht die letzte Art der Buße, die nur

in täglicher gewöhnlicher Geißelung bestehen sollte. Ich wies standhaft

jede bessere Kost zurück, die man mir reichen wollte, ganze Tage lag

ich ausgestreckt auf dem kalten Marmorboden vor dem Bilde der heiligen

Rosalia, und marterte mich in einsamer Zelle selbst auf die grausamste

Weise, denn durch äußere Qualen gedachte ich die innere gräßliche

Marter zu übertäuben. Es war vergebens, immer kehrten jene Gestalten,

von dem Gedanken erzeugt, wieder, und dem Satan selbst war ich

preisgegeben, daß er mich höhnend foltere und verlocke zur Sünde. Meine

strenge Buße, die unerhörte Weise, wie ich sie vollzog, erregte die

Aufmerksamkeit der Mönche. Sie betrachteten mich mit ehrfurchtsvoller

Scheu, und ich hörte es sogar unter ihnen flüstern: Das ist ein

Heiliger! Dies Wort war mir entsetzlich, denn nur zu lebhaft erinnerte

es mich an jenen gräßlichen Augenblick in der Kapuzinerkirche zu

B., als ich dem mich anstarrenden Maler in vermessenem Wahnsinn

entgegenrief: ich bin der heilige Antonius! -- Die letzte von dem Prior

bestimmte Zeit der Buße war endlich auch verflossen, ohne daß ich davon

abließ, mich zu martern, unerachtet meine Natur der Qual zu erliegen

schien. Meine Augen waren erloschen, mein wunder Körper ein blutendes

Gerippe, und es kam dahin, daß wenn ich stundenlang am Boden gelegen,

ich ohne Hilfe anderer nicht aufzustehen vermochte. Der Prior ließ mich

in sein Sprechzimmer bringen. „Fühlst du, mein Bruder,“ fing er an,

„durch die strenge Buße dein Inneres erleichtert? ist Trost des Himmels

dir worden?“ -- „Nein, ehrwürdiger Herr,“ erwiderte ich in dumpfer

Verzweiflung. „Indem ich dir,“ fuhr der Prior mit erhöhter Stimme

fort: „Indem ich dir, mein Bruder, da du mir eine Reihe entsetzlicher

Taten gebeichtet hattest, die strengste Buße auflegte, genügte ich

den Gesetzen der Kirche, welche wollen, daß der Übeltäter, den der

Arm der Gerechtigkeit nicht erreichte und der reuig dem Diener des

Herrn seine Verbrechen bekannte, auch durch äußere Handlungen die

Wahrheit seiner Reue kundtue. Er soll den Geist ganz dem Himmlischen

zuwenden, und doch das Fleisch peinigen, damit die irdische Marter jede

teuflische Lust der Untaten aufwäge. Doch glaube ich, und mir stimmen

berühmte Kirchenlehrer bei, daß die entsetzlichsten Qualen, die sich

der Büßende zufügt, dem Gewicht seiner Sünden auch nicht ein Quentlein

entnehmen, sobald er darauf seine Zuversicht stützt und der Gnade

des Ewigen deshalb sich würdig dünkt. Keiner menschlichen Vernunft

erforschlich ist es, wie der Ewige unsere Taten mißt, verloren ist der,

der, ist er auch vom wirklichen Frevel rein, vermessen glaubt, den

Himmel zu erstürmen durch äußeres Formtun, und der Büßende, welcher

nach der Bußübung seinen Frevel vertilgt glaubt, beweiset, daß seine

innere Reue nicht wahrhaft ist. Du, lieber Bruder Medardus, empfindest

noch keine Tröstung, das beweiset die Wahrhaftigkeit deiner Reue,

unterlasse jetzt, ich will es, alle Geißelungen, nimm bessere Speise zu

dir, und fliehe nicht mehr den Umgang der Brüder. -- Wisse, daß dein

geheimnisvolles Leben mir in allen seinen wunderbarsten Verschlingungen

besser bekannt worden, als dir selbst. -- Ein Verhängnis, dem du

nicht entrinnen konntest, gab dem Satan Macht über dich, und indem

du freveltest, warst du nur sein Werkzeug. Wähne aber nicht, daß du

deshalb weniger sündig vor den Augen des Herrn erschienest, denn dir

war die Kraft gegeben, im rüstigen Ringen den Satan zu bezwingen. In

wessen Menschen Herz stürmt nicht der Böse, und widerstrebt dem Guten;

aber ohne diesen Kampf gäb’ es keine Tugend, denn diese ist nur der

Sieg des guten Prinzips über das böse, sowie aus dem umgekehrten die

Sünde entspringt. -- Wisse fürs erste, daß du dich +eines+ Verbrechens

anklagst, welches du nur im Willen vollbrachtest. -- Aurelie lebt, in

wildem Wahnsinn verletztest du dich selbst, das Blut deiner eigenen

Wunde war es, was über deine Hand floß ... Aurelie lebt ... ich weiß

es.“ Ich stürzte auf die Knie, ich hob meine Hände betend empor,

tiefe Seufzer entflohen der Brust, Tränen quollen aus den Augen! --

„Wisse ferner,“ fuhr der Prior fort, „daß jener alte fremde Maler,

von dem du in der Beichte gesprochen, schon so lange, als ich denken

kann, zuweilen unser Kloster besucht hat und vielleicht bald wieder

eintreffen wird. Er hat ein Buch mir in Verwahrung gegeben, welches

verschiedene Zeichnungen, vorzüglich aber eine Geschichte enthält, der

er jedesmal, wenn er bei uns einsprach, einige Zeilen zusetzte. --

Er hat mir nicht verboten, das Buch jemandem in die Hände zu geben,

und um so mehr will ich es dir anvertrauen, als dies meine heiligste

Pflicht ist. Den Zusammenhang deiner eigenen, seltsamen Schicksale,

die dich bald in eine höhere Welt wunderbarer Visionen, bald in das

gemeinste Leben versetzten, wirst du erfahren. Man sagt, das Wunderbare

sei von der Erde verschwunden, ich glaube nicht daran. Die Wunder

sind geblieben, denn wenn wir selbst das Wunderbarste, von dem wir

täglich umgeben, deshalb nicht mehr so nennen wollen, weil wir einer

Reihe von Erscheinungen die Regel der zyklischen Wiederkehr abgelauert

haben, so fährt doch oft durch jenen Kreis ein Phänomen, das all’

unsre Klugheit zu schanden macht, und an das wir, weil wir es nicht

zu erfassen vermögen, in stumpfsinniger Verstocktheit nicht glauben.

Hartnäckig leugnen wir dem inneren Auge deshalb die Erscheinung ab,

weil sie zu durchsichtig war, um sich auf der rauhen Fläche des

äußeren Auges abzuspiegeln. -- Jenen seltsamen Maler rechne ich zu den

außerordentlichen Erscheinungen, die jeder erlauerten Regel spotten;

ich bin zweifelhaft, ob seine körperliche Erscheinung +das+ ist, was

wir +wahr+ nennen. So viel ist gewiß, daß niemand die gewöhnlichen

Funktionen des Lebens bei ihm bemerkt hat. Auch sah ich ihn niemals

schreiben oder zeichnen, unerachtet im Buch, worin er nur zu lesen

schien, jedesmal, wenn er bei uns gewesen, mehr Blätter als vorher

beschrieben waren. Seltsam ist es auch, daß mir alles im Buche nur

verworrenes Gekritzel, undeutliche Skizze eines fantastischen Malers zu

sein schien, und nur dann erst erkennbar und lesbar wurde, als du, mein

lieber Bruder Medardus! mir gebeichtet hattest. -- Nicht näher darf ich

mich darüber auslassen, was ich Rücksichts des Malers ahne und glaube.

Du selbst wirst es erraten, oder vielmehr das Geheimnis wird sich dir

von selbst auftun. Gehe, erkräftige dich, und fühlst du dich, wie ich

glaube, daß es in wenigen Tagen geschehen wird, im Geiste aufgerichtet,

so erhältst du von mir des fremden Malers wunderbares Buch.“ Ich tat

nach dem Willen des Priors, ich aß mit den Brüdern, ich unterließ die

Kasteiungen, und beschränkte mich auf inbrünstiges Gebet an den Altären

der Heiligen. Blutete auch meine Herzenswunde fort, wurde auch nicht

milder der Schmerz, der aus dem Innern heraus mich durchbohrte, so

verließen mich doch die entsetzlichen Traumbilder, und oft, wenn ich,

zum Tode matt, auf dem harten Lager schlaflos lag, umwehte es mich,

wie mit Engelsfittichen, und ich sah die holde Gestalt der lebenden

Aurelie, die, himmlisches Mitleiden im Auge voll Tränen, sich über mich

hinbeugte. Sie streckte die Hand, wie mich beschirmend, aus über mein

Haupt, da senkten sich meine Augenlider, und ein sanfter, erquickender

Schlummer goß neue Lebenskraft in meine Adern. Als der Prior bemerkte,

daß mein Geist wieder einige Spannung gewonnen, gab er mir des Malers

Buch, und ermahnte mich, es aufmerksam in seiner Zelle zu lesen. --

Ich schlug es auf, und das erste, was mir ins Auge fiel, waren die

in Umrissen angedeuteten und dann in Licht und Schatten ausgeführten

Zeichnungen der Fresko-Gemälde in der heiligen Linde. Nicht das

mindeste Erstaunen, nicht die mindeste Begierde, schnell das Rätsel zu

lösen, regte sich in mir. Nein! -- es gab kein Rätsel für mich, längst

wußte ich ja alles, was in diesem Malerbuch aufbewahrt worden. Das, was

der Maler auf den letzten Seiten des Buchs in kleiner, kaum lesbarer,

bunt gefärbter Schrift zusammengetragen hatte, waren meine Träume,

meine Ahnungen, nur deutlich, bestimmt in scharfen Zügen dargestellt,

wie ich es niemals zu tun vermochte.

[Illustration]

+Eingeschaltete Anmerkung des Herausgebers.+

Bruder Medardus fährt hier, ohne sich weiter auf das, was er im

Malerbuche fand, einzulassen, in seiner Erzählung fort, wie er Abschied

nahm von dem in seine Geheimnisse eingeweihten Prior und von den

freundlichen Brüdern, und wie er nach Rom pilgerte, und überall, in

Sankt Peter, in St. Sebastian und Laurenz, in St. Giovanni a Laterano,

in Sankta Maria Maggiore usw. an allen Altären kniete und betete,

wie er selbst des Papstes Aufmerksamkeit erregte, und endlich in

einen Geruch der Heiligkeit kam, der ihn -- da er jetzt wirklich ein

reuiger Sünder worden, und wohl fühlte, daß er nichts mehr als das

sei -- von Rom vertrieb. Wir, ich meine dich und mich, mein günstiger

Leser, wissen aber viel zu wenig Deutliches von den Ahnungen und

Träumen des Bruders Medardus, als daß wir, ohne zu lesen, was der

Maler aufgeschrieben, auch nur im mindesten das Band zusammenzuknüpfen

vermöchten, welches die verworren auseinander laufenden Fäden der

Geschichte des Medardus, wie in einen Knoten einigt. Ein besseres

Gleichnis übrigens ist es, daß uns der Fokus fehlt, aus dem die

verschiedenen bunten Strahlen brachen. Das Manuskript des seligen

Kapuziners war in altes, vergelbtes Pergament eingeschlagen, und dies

Pergament mit kleiner, beinahe unleserlicher Schrift beschrieben, die,

da sich darin eine ganz seltsame Hand kundtat, meine Neugierde nicht

wenig reizte. Nach vieler Mühe gelang es mir, Buchstaben und Worte

zu entziffern, und wie erstaunte ich, als es mir klar wurde, daß es

jene im Malerbuch aufgezeichnete Geschichte sei, von der Medardus

spricht. Im alten Italienisch ist sie beinahe chronikenartig und sehr

aphoristisch geschrieben. Der seltsame Ton klingt im Deutschen nur

rauh und dumpf, wie ein gesprungenes Glas, doch war es nötig, zum

Verständnis des Ganzen hier die Übersetzung einzuschalten; dies tue

ich, nachdem ich nur noch folgendes wehmütigst bemerkt. Die fürstliche

Familie, aus der jener oft genannte Francesko abstammte, lebt noch

in Italien, und ebenso leben noch die Nachkömmlinge des Fürsten,

in dessen Residenz sich Medardus aufhielt. Unmöglich war es daher,

die Namen zu nennen, und unbehilflicher, ungeschickter ist niemand

auf der ganzen Welt, als derjenige, der dir, günstiger Leser, dies

Buch in die Hände gibt, wenn er Namen erdenken soll, da, wo schon

wirkliche, und zwar schön und romantisch tönende, vorhanden sind, wie

es hier der Fall war. Bezeichneter Herausgeber gedachte sich sehr

gut mit dem: der Fürst, der Baron usw. herauszuhelfen, nun aber der

alte Maler die geheimnisvollsten, verwackelten Familienverhältnisse

ins klare stellt, sieht er wohl ein, daß er mit den allgemeinen

Bezeichnungen nicht vermag, ganz verständlich zu werden. Er müßte den

einfachen Chroniken-Choral des Malers mit allerlei Erklärungen und

Zurechtweisungen, wie mit krausen Figuren, verschnörkeln und verbrämen.

-- Ich trete in die Person des Herausgebers, und bitte dich, günstiger

Leser, du wolltest, ehe du weiter liesest, folgendes dir gütigst

merken. Camillo, Fürst von P., tritt als Stammvater der Familie auf,

aus der Francesko, des Medardus Vater, stammt. Theodor, Fürst von

W., ist der Vater des Fürsten Alexander von W., an dessen Hofe sich

Medardus aufhielt. Sein Bruder Albert, Fürst von W., vermählte sich

mit der italienischen Prinzessin Giazinta B. Die Familie des Barons F.

im Gebirge ist bekannt, und nur zu bemerken, daß die Baronesse von F.

aus Italien abstammte, denn sie war die Tochter des Grafen Pietro S.,

eines Sohnes des Grafen Filippo S. Alles wird sich, lieber Leser, nun

klärlich dartun, wenn du diese wenigen Vornamen und Buchstaben im Sinn

behältst. Es folgt nunmehr, statt der Fortsetzung der Geschichte,

+das Pergamentblatt des alten Malers.+

-- -- -- Und es begab sich, daß die Republik Genua, hart bedrängt

von den algierischen Korsaren, sich an den großen Seehelden Camillo,

Fürsten von P., wandte, daß er mit vier wohl ausgerüsteten und

bemannten Galeonen einen Streifzug gegen die verwegenen Räuber

unternehmen möge. Camillo, nach ruhmvollen Taten dürstend, schrieb

sofort an seinen ältesten Sohn Francesko, daß er kommen möge, in des

Vaters Abwesenheit das Land zu regieren. Francesko übte in Leonardo da

Vincis Schule die Malerei, und der Geist der Kunst hatte sich seiner

so ganz und gar bemächtigt, daß er nichts anderes denken konnte. Daher

hielt er auch die Kunst höher, als alle Ehre und Pracht auf Erden,

und alles übrige Tun und Treiben der Menschen erschien ihm als ein

klägliches Bemühen um eitlen Tand. Er konnte von der Kunst und von dem

Meister, der schon hoch in den Jahren war, nicht lassen, und schrieb

daher dem Vater zurück, daß er wohl den Pinsel, aber nicht das Zepter

zu führen verstehe, und bei Leonardo bleiben wolle. Da war der alte,

stolze Fürst Camillo hoch erzürnt, schalt den Sohn einen unwürdigen

Toren und schickte vertraute Diener ab, die den Sohn zurückbringen

sollten. Als nun aber Francesko standhaft verweigerte, zurückzukehren,

als er erklärte, daß ein Fürst, von allem Glanz des Throns umstrahlt,

ihm nur ein elendiglich Wesen dünke gegen einen tüchtigen Maler,

und daß die größten Kriegestaten nur ein grausames, irdisches Spiel

wären, dagegen die Schöpfung des Malers die reine Abspiegelung des

ihm inwohnenden göttlichen Geistes sei, da ergrimmte der Seeheld

Camillo und schwur, daß er den Francesko verstoßen und seinem jüngern

Bruder Zenobio die Nachfolge zusichern wolle. Francesko war damit

gar zufrieden, ja er trat in einer Urkunde seinem jüngern Bruder die

Nachfolge auf den fürstlichen Thron mit aller Form und Feierlichkeit

ab, und so begab es sich, daß, als der alte Fürst Camillo in einem

harten, blutigen Kampfe mit den Algierern sein Leben verloren hatte,

Zenobio zur Regierung kam, Francesko dagegen, seinen fürstlichen

Stand und Namen verleugnend, ein Maler wurde, und von einem kleinen

Jahrgehalt, den ihm der regierende Bruder ausgesetzt, kümmerlich

genug lebte. Francesko war sonst ein stolzer, übermütiger Jüngling

gewesen, nur der alte Leonardo zähmte seinen wilden Sinn, und als

Francesko dem fürstlichen Stand entsagt hatte, wurde er Leonardos

frommer, treuer Sohn. Er half dem Alten manch wichtiges großes Werk

vollenden, und es geschah, daß der Schüler, sich hinaufschwingend

zu der Höhe des Meisters, berühmt wurde, und manches Altarblatt für

Kirchen und Klöster malen mußte. Der alte Leonardo stand ihm treulich

bei mit Rat und Tat, bis er denn endlich im hohen Alter starb. Da

brach, wie ein lange mühsam unterdrücktes Feuer, in dem Jüngling

Francesko wieder der Stolz und Übermut hervor. Er hielt sich für den

größten Maler seiner Zeit und die erreichte Kunstvollkommenheit mit

seinem Stande paarend, nannte er sich selbst den fürstlichen Maler.

Von dem alten Leonardo sprach er verächtlich, und schuf, abweichend

von dem frommen, einfachen Stil, sich eine neue Manier, die mit der

Üppigkeit der Gestalten und dem prahlenden Farbenglanz die Augen der

Menge verblendete, deren übertriebene Lobsprüche ihn immer eitler

und übermütiger machten. Es geschah, daß er zu Rom unter wilde,

ausschweifende Jünglinge geriet, und wie er nun in allem der erste

und vorzüglichste zu sein begehrte, so war er bald im wilden Sturm

des Lasters der rüstigste Segler. Ganz von der falschen, trügerischen

Pracht des Heidentums verführt, bildeten die Jünglinge, an deren Spitze

Francesko stand, einen geheimen Bund, in dem sie, das Christentum

auf frevelige Weise verspottend, die Gebräuche der alten Griechen

nachahmten und mit frechen Dirnen verruchte, sündhafte Feste feierten.

Es waren Maler, aber noch mehr Bildhauer unter ihnen, die wollten nur

von der antikischen Kunst etwas wissen und verlachten alles, was neue

Künstler, von dem heiligen Christentum entzündet, zur Glorie desselben

erfunden und herrlich ausgeführt hatten. Francesko malte in unheiliger

Begeisterung viele Bilder aus der lügenhaften Fabelwelt. Keiner als

er vermochte die buhlerische Üppigkeit der weiblichen Gestalten so

wahrhaft darzustellen, indem er von lebenden Modellen die Karnation,

von den alten Marmorbildern aber Form und Bildung entnahm. Statt, wie

sonst, in den Kirchen und Klöstern sich an den herrlichen Bildern der

alten frommen Meister zu erbauen, und sie mit künstlerischer Andacht

aufzunehmen in sein Inneres, zeichnete er emsig die Gestalten der

lügnerischen Heidengötter ab. Von keiner Gestalt war er aber so ganz

und gar durchdrungen, als von einem berühmten Venusbilde, das er stets

in Gedanken trug. Das Jahrgehalt, das Zenobio dem Bruder ausgesetzt

hatte, blieb einmal länger als gewöhnlich aus, und so kam es, daß

Francesko bei seinem wilden Leben, das ihm allen Verdienst schnell

hinwegraffte, und das er doch nicht lassen wollte, in arge Geldnot

geriet. Da gedachte er, daß vor langer Zeit ihm ein Kapuzinerkloster

aufgetragen hatte, für einen hohen Preis das Bild der heiligen Rosalia

zu malen, und er beschloß, das Werk, das er aus Abscheu gegen alle

christliche Heiligen nicht unternehmen wollte, nun schnell zu vollenden

um das Geld zu erhalten. Er gedachte die Heilige nackt, und in Form

und Bildung des Gesichts jenem Venusbilde gleich, darzustellen. Der

Entwurf geriet über die Maßen wohl, und die freveligen Jünglinge

priesen hoch Franceskos verruchten Einfall, den frommen Mönchen, statt

der christlichen Heiligen, ein heidnisches Götzenbild in die Kirche

zu stellen. Aber wie Francesko zu malen begann, siehe, da gestaltete

sich alles anders, als er es in Sinn und Gedanken getragen, und ein

mächtigerer Geist überwältigte den Geist der schnöden Lüge, der ihn

beherrscht hatte. Das Gesicht eines Engels aus dem hohen Himmelreiche

fing an, aus düstern Nebeln hervor zu dämmern; aber als wie vor scheuer

Angst, das Heilige zu verletzen und dann dem Strafgericht des Herrn zu

erliegen, ergriffen, wagte Francesko nicht, das Gesicht zu vollenden,

und um den nackt gezeichneten Körper legten in anmutigen Falten sich

züchtige Gewänder, ein dunkelrotes Kleid und ein azurblauer Mantel.

Die Kapuzinermönche hatten in dem Schreiben an den Maler Francesko nur

des Bildes der heiligen Rosalia gedacht, ohne weiter zu bestimmen, ob

dabei nicht eine denkwürdige Geschichte ihres Lebens der Vorwurf des

Malers sein solle, und ebendaher hatte Francesko auch nur in der Mitte

des Blatts die Gestalt der Heiligen entworfen; aber nun malte er, vom

Geiste getrieben, allerlei Figuren rings umher, die sich wunderbarlich

zusammenfügten, um das Martyrium der Heiligen darzustellen. Francesko

war in sein Bild ganz und gar versunken, oder vielmehr das Bild war

selbst der mächtige Geist geworden, der ihn mit starken Armen umfaßte

und emporhielt über das frevelige Weltleben, das er bisher getrieben.

Nicht zu vollenden vermochte er aber das Gesicht der Heiligen, und das

wurde ihm zu einer höllischen Qual, die, wie mit spitzen Stacheln, in

sein inneres Gemüt bohrte. Er gedachte nicht mehr des Venusbildes,

wohl aber war es ihm, als sähe er den alten Meister Leonardo, der ihn

anblickte mit kläglicher Gebärde und ganz ängstlich und schmerzlich

sprach: „Ach, ich wollte dir wohl helfen, aber ich darf es nicht, du

mußt erst entsagen allem sündhaften Streben, und in tiefer Reue und

Demut die Fürbitte der Heiligen erflehen, gegen die du gefrevelt hast.“

-- Die Jünglinge, welche Francesko so lange geflohen, suchten ihn auf

in seiner Werkstatt und fanden ihn, wie einen ohnmächtigen Kranken,

ausgestreckt auf seinem Lager liegen. Da aber Francesko ihnen seine Not

klagte, wie er, als habe ein böser Geist seine Kraft gebrochen, nicht

das Bild der heiligen Rosalia fertig zu machen vermöge, da lachten sie

alle auf und sprachen: „Ei mein Bruder, wie bist du denn mit einem Mal

so krank geworden? -- Laßt uns dem Äskulap und der freundlichen Hygeia

ein Weinopfer bringen, damit jener Schwache dort genese!“ Es wurde

Syrakuser Wein gebracht, womit die Jünglinge die Trinkschalen füllten,

und, vor dem unvollendeten Bilde den heidnischen Göttern Libationen

darbringend, ausgossen. Aber als sie dann wacker zu zechen begannen und

dem Francesko Wein darboten, da wollte dieser nicht trinken und nicht

teilnehmen an dem Gelage der wilden Brüder, unerachtet sie Frau Venus

hochleben ließen! Da sprach einer unter ihnen: „Der törichte Maler

ist da wohl wirklich in seinen Gedanken und Gliedmaßen krank, und ich

muß nur einen Doktor herbeiholen.“ Er warf seinen Mantel um, steckte

seinen Stoßdegen an und schritt zur Türe hinaus. Es hatte aber nur

wenige Augenblicke gedauert als er wieder hereintrat und sagte: „Ei

seht doch nur, ich bin ja selbst schon der Arzt, der jenen Siechling

dort heilen will.“ Der Jüngling, der gewiß einem alten Arzt in Gang

und Stellung recht ähnlich zu sein begehrte, trippelte mit gekrümmten

Knien einher, und hatte sein jugendliches Gesicht seltsamlich in

Runzeln und Falten verzogen, so daß er anzusehen war, wie ein alter

recht häßlicher Mann, und die Jünglinge sehr lachten und riefen: „Ei

seht doch, was der Doktor für gelehrte Gesichter zu schneiden vermag!“

Der Doktor näherte sich dem kranken Francesko und sprach mit rauher

Stimme und verhöhnendem Ton: „Ei, du armer Geselle, ich muß dich wohl

aufrichten aus trübseliger Ohnmacht! -- Ei, du erbärmlicher Geselle,

wie siehst du doch so blaß und krank aus, der Frau Venus wirst du so

nicht gefallen! -- Kann sein, daß Donna Rosalia sich deiner annehmen

wird, wenn du gesundet! -- Du ohnmächtiger Geselle, nippe von meiner

Wunderarzenei. Da du Heilige malen willst, wird dich mein Trank wohl

zu erkräftigen vermögen, es ist Wein aus dem Keller des heiligen

Antonius.“ Der angebliche Doktor hatte eine Flasche unter dem Mantel

hervorgezogen, die er jetzt öffnete. Es stieg ein seltsamer Duft

aus der Flasche, der die Jünglinge betäubte, so daß sie, wie von

Schläfrigkeit übernommen, in die Sessel sanken und die Augen schlossen.

Aber Francesko riß in wilder Wut, verhöhnt zu sein als ein ohnmächtiger

Schwächling, die Flasche dem Doktor aus den Händen und trank in vollen

Zügen. „Wohl bekomm dir’s,“ rief der Jüngling, der nun wieder sein

jugendliches Gesicht und seinen kräftigen Gang angenommen hatte. Dann

rief er die andern Jünglinge aus dem Schlafe auf, worin sie versunken,

und sie taumelten mit ihm die Treppe hinab. -- So wie der Berg Vesuv

in wildem Brausen verzehrende Flammen aussprüht, so tobte es jetzt in

Feuerströmen heraus aus Franceskos Innern. Alle heidnische Geschichten,

die er jemals gemalt, sah er vor Augen, als ob sie lebendig geworden,

und er rief mit gewaltiger Stimme: „Auch du mußt kommen, meine

geliebte Göttin, du mußt leben und mein sein oder ich weihe mich den

unterirdischen Göttern!“ Da erblickte er Frau Venus, dicht vor dem

Bilde stehend und ihm freundlich zuwinkend. Er sprang auf von seinem

Lager und begann an dem Kopfe der heiligen Rosalia zu malen, weil er

nun der Frau Venus reizendes Angesicht ganz getreulich abzukonterfeien

gedachte. Es war ihm so, als könne der feste Wille nicht gebieten der

Hand, denn immer glitt der Pinsel ab von den Nebeln, in denen der Kopf

der heiligen Rosalia eingehüllt war, und strich unwillkürlich an den

Häuptern der barbarischen Männer, von denen sie umgeben. Und doch kam

das himmlische Antlitz der Heiligen immer sichtbarlicher zum Vorschein

und blickte den Francesko plötzlich mit solchen lebendigstrahlenden

Augen an, daß er, wie von einem herabfahrenden Blitze tödlich

getroffen, zu Boden stürzte. Als er wieder nur etwas weniges seiner

Sinnen mächtig geworden, richtete er sich mühsam in die Höhe, er

wagte jedoch nicht, nach dem Bilde, das ihm so schrecklich geworden,

hinzublicken, sondern schlich mit gesenktem Haupte nach dem Tische, auf

dem des Doktors Weinflasche stand, aus der er einen tüchtigen Zug tat.

Da war Francesko wieder ganz erkräftigt, er schaute nach seinem Bilde,

es stand, bis auf den letzten Pinselstrich vollendet, vor ihm, und

nicht das Antlitz der heiligen Rosalia, sondern das geliebte Venusbild

lachte ihn mit üppigem Liebesblicke an. In demselben Augenblick wurde

Francesko von wilden, freveligen Trieben entzündet. Er heulte vor

wahnsinniger Begier, er gedachte des heidnischen Bildhauers Pygmalion,

dessen Geschichte er gemalt, und flehte so wie er zur Frau Venus, daß

sie seinem Bilde Leben einhauchen möge. Bald war es ihm auch, als

finge das Bild an sich zu regen, doch als er es in seine Arme fassen

wollte, sah er wohl, daß es tote Leinewand geblieben. Dann zerraufte

er sein Haar und gebärdete sich wie einer, der von dem Satan besessen.

Schon zwei Tage und zwei Nächte hatte es Francesko so getrieben; am

dritten Tage, als er, wie eine erstarrte Bildsäule vor dem Bilde stand,

ging die Türe seines Gemachs auf, und es rauschte hinter ihm wie mit

weiblichen Gewändern. Er drehte sich um und erblickte ein Weib, das er

für das Original seines Bildes erkannte. Es wären ihm schier die Sinne

vergangen, als er das Bild, welches er aus seinen innersten Gedanken

nach einem Marmorbilde erschaffen, nun lebendig vor sich in aller nur

erdenklichen Schönheit erblickte, und es wandelte ihn beinahe ein

Grausen an, wenn er das Gemälde ansah, das nun wie eine getreuliche

Abspiegelung des fremden Weibes erschien. Es geschah ihm dasjenige,

was die wunderbarliche Erscheinung eines Geistes zu bewirken pflegt,

die Zunge war ihm gebunden, und er fiel lautlos vor der Fremden auf

die Knie und hob die Hände wie anbetend zu ihr empor. Das fremde Weib

richtete ihn aber lächelnd auf und sagte ihm, daß sie ihn schon damals,

als er in der Malerschule des alten Leonardo da Vinci gewesen, als ein

kleines Mädchen oftmals gesehen und eine unsägliche Liebe zu ihm gefaßt

habe. Eltern und Verwandte habe sie nun verlassen und sei allein nach

Rom gewandert, um ihn wiederzufinden, da eine in ihrem Innern ertönende

Stimme ihr gesagt habe, daß er sie sehr liebe und sie aus lauter

Sehnsucht und Begierde abkonterfeit habe, was denn, wie sie jetzt sehe,

auch wirklich wahr sei. Francesko merkte nun, daß ein geheimnisvolles

Seelenverständnis mit dem fremden Weibe obgewaltet, und daß dieses

Verständnis das wunderbare Bild und seine wahnsinnige Liebe zu

demselben geschaffen hatte. Er umarmte das Weib voll inbrünstiger Liebe

und wollte sie sogleich nach der Kirche führen, damit ein Priester

sie durch das heilige Sakrament der Ehe auf ewig binde. Davor schien

sich das Weib aber zu entsetzen, und sie sprach: „Ei, mein geliebter

Francesko, bist du denn nicht ein wackrer Künstler, der sich nicht

fesseln läßt von den Banden der christlichen Kirche? Bist du nicht mit

Leib und Seele dem freudigen frischen Altertum und seinen dem Leben

freundlichen Göttern zugewandt? Was geht unser Bündnis die traurigen

Priester an, die in düstern Hallen ihr Leben in hoffnungsloser Klage

verjammern? Laß uns heiter und hell das Fest unserer Liebe feiern.“

Francesko wurde von diesen Reden des Weibes verführt, und so geschah

es, daß er mit den von sündigem, freveligem Leichtsinn befangenen

Jünglingen, die sich seine Freunde nannten, noch an demselben Abende

sein Hochzeitsfest mit dem fremden Weibe nach heidnischen Gebräuchen

beging. Es fand sich, daß das Weib eine Kiste mit Kleinodien und barem

Gelde mitgebracht hatte, und Francesko lebte mit ihr, in sündlichen

Genüssen schwelgend, und seiner Kunst entsagend, lange Zeit hindurch.

Das Weib fühlte sich schwanger und blühte nun erst immer herrlicher

und herrlicher in leuchtender Schönheit auf, sie schien ganz und gar

das erweckte Venusbild, und Francesko vermochte kaum, die üppige Lust

seines Lebens zu ertragen. Ein dumpfes, angstvolles Stöhnen weckte in

einer Nacht den Francesko aus dem Schlafe; als er erschrocken aufsprang

und mit der Leuchte in der Hand nach seinem Weibe sah, hatte sie ihm

ein Knäblein geboren. Schnell mußten die Diener eilen, um Wehmutter und

Arzt herbeizurufen. Francesko nahm das Kind von dem Schoße der Mutter,

aber in demselben Augenblick stieß das Weib einen entsetzlichen,

durchdringenden Schrei aus und krümmte sich, wie von gewaltigen Fäusten

gepackt, zusammen. Die Wehmutter kam mit ihrer Dienerin, ihr folgte der

Arzt; als sie nun aber dem Weibe Hilfe leisten wollten, schauderten sie

entsetzt zurück, denn das Weib war zum Tode erstarrt, Hals und Brust

durch blaue, garstige Flecke verunstaltet, und statt des jungen schönen

Gesichts erblickten sie ein gräßlich verzerrtes, runzliges Gesicht mit

offnen herausstarrenden Augen. Auf das Geschrei, das die beiden Weiber

erhoben, liefen die Nachbarsleute herzu, man hatte von jeher von dem

fremden Weibe allerlei Seltsames gesprochen; die üppige Lebensart,

die sie mit Francesko führte, war allen ein Greuel gewesen, und es

stand daran, daß man ihr sündhaftes Beisammensein ohne priesterliche

Einsegnung, den geistlichen Gerichten anzeigen wollte. Nun, als sie

die gräßlich entstellte Tote sahen, war es allen gewiß, daß sie im

Bündnis mit dem Teufel gelebt, der sich jetzt ihrer bemächtigt habe.

Ihre Schönheit war nur ein lügnerisches Trugbild verdammter Zauberei

gewesen. Alle Leute die gekommen, flohen erschreckt von dannen, keiner

mochte die Tote anrühren. Francesko wußte nun wohl, mit wem er es zu

tun gehabt hatte, und es bemächtigte sich seiner eine entsetzliche

Angst. Alle seine Frevel standen ihm vor Augen, und das Strafgericht

des Herrn begann hier schon auf Erden, die die Flammen der Hölle in

seinem Innern aufloderten.

Des andern Tages kam ein Abgeordneter des geistlichen Gerichts mit den

Häschern und wollte den Francesko verhaften, da erwachte aber sein Mut

und stolzer Sinn, er ergriff seinen Stoßdegen, machte sich Platz und

entrann. Eine gute Strecke von Rom fand er eine Höhle, in die er sich

ermüdet und ermattet verbarg. Ohne sich dessen deutlich bewußt zu sein,

hatte er das neugeborne Knäblein in den Mantel gewickelt und mit sich

genommen. Voll wilden Ingrimms wollte er das von dem teuflischen Weibe

ihm geborene Kind an den Steinen zerschmettern, aber indem er es in die

Höhe hob, stieß es klägliche bittende Töne aus, und es wandelte ihn

tiefes Mitleid an, er legte das Knäblein auf weiches Moos und tröpfelte

ihm den Saft einer Pomeranze ein, die er bei sich getragen. Francesko

hatte, gleich einem büßenden Einsiedler, mehrere Wochen in der Höhle

zugebracht, und sich abwendend von dem sündlichen Frevel, in dem er

gelebt, inbrünstig zu den Heiligen gebetet. Aber vor allen anderen rief

er die von ihm schwer beleidigte Rosalia an, daß sie vor dem Throne

des Herrn seine Fürsprecherin sein möge. Eines Abends lag Francesko,

in der Wildnis betend, auf den Knien, und schaute in die Sonne, welche

sich tauchte in das Meer, das in Westen seine roten Flammenwellen

emporschlug. Aber, sowie die Flammen verblaßten im grauen Abendnebel,

gewahrte Francesko in den Lüften einen leuchtenden Rosenschimmer,

der sich bald zu gestalten begann. Von Engeln umgeben sah Francesko

die heilige Rosalia, wie sie auf einer Wolke kniete, und ein sanftes

Säuseln und Rauschen sprach die Worte: „Herr, vergib dem Menschen,

der in seiner Schwachheit und Ohnmacht nicht zu widerstehen vermochte

den Lockungen des Satans.“ Da zuckten Blitze durch den Rosenschimmer,

und ein dumpfer Donner ging dröhnend durch das Gewölbe des Himmels:

„Welcher sündige Mensch hat gleich diesem gefrevelt! Nicht Gnade, nicht

Ruhe im Grabe soll er finden, solange der Stamm, den sein Verbrechen

erzeugte, fortwuchert in freveliger Sünde!“ -- -- Francesko sank nieder

in den Staub, denn er wußte wohl, daß nun sein Urteil gesprochen,

und ein entsetzliches Verhängnis ihn trostlos umhertreiben werde. Er

floh, ohne des Knäbleins in der Höhle zu gedenken, von dannen, und

lebte, da er nicht mehr zu malen vermochte, im tiefen, jammervollen

Elend. Manchmal kam es ihm in den Sinn, als müsse er, zur Glorie der

christlichen Religion, herrliche Gemälde ausführen, und er dachte

große Stücke in der Zeichnung und Färbung aus, die die heiligen

Geschichten der Jungfrau und der heiligen Rosalia darstellen sollten;

aber wie konnte er solche Malerei beginnen, da er keinen Skudo besaß,

um Leinwand und Farben zu kaufen, und nur von dürftigen Almosen, an den

Kirchentüren gespendet, sein qualvolles Leben durchbrachte. Da begab

es sich, daß, als er einst in einer Kirche, die leere Wand anstarrend,

in Gedanken malte, zwei in Schleier gehüllte Frauen auf ihn zutraten,

von denen eine mit holder Engelsstimme sprach: „In dem fernen Preußen

ist der Jungfrau Maria, da wo die Engel des Herrn ihr Bildnis auf

einen Lindenbaum niedersetzten, eine Kirche erbaut worden, die noch

des Schmuckes der Malerei entbehrt. Ziehe hin, die Ausübung deiner

Kunst sei dir heilige Andacht, und deine zerrissene Seele wird gelabt

werden mit himmlischem Trost.“ -- Als Francesko aufblickte zu den

Frauen, gewahrte er, wie sie in sanftleuchtenden Strahlen zerflossen,

und ein Lilien- und Rosenduft die Kirche durchströmte. Nun wußte

Francesko, wer die Frauen waren und wollte den andern Morgen seine

Pilgerfahrt beginnen. Aber noch am Abende desselben Tages fand ihn,

nach vielem Mühen, ein Diener Zenobios auf, der ihm ein zweijähriges

Gehalt auszahlte, und ihn einlud an den Hof seines Herrn. Doch nur eine

geringe Summe behielt Francesko, das übrige teilte er aus an die Armen

und machte sich auf nach dem fernen Preußen. Der Weg führte ihn über

Rom, und er kam in das nicht ferne davon gelegene Kapuzinerkloster,

für welches er die heilige Rosalia gemalt hatte. Er sah auch das Bild

in den Altar eingefügt, doch bemerkte er bei näherer Betrachtung,

daß es nur eine Kopie seines Gemäldes war. Das Original hatten, wie

er erfuhr, die Mönche nicht behalten wegen der sonderbaren Gerüchte,

die man von dem entflohenen Maler verbreitete, aus dessen Nachlaß

sie das Bild bekommen, sondern dasselbe nach gewonnener Kopie, an

das Kapuzinerkloster in B. verkauft. Nach beschwerlicher Pilgerfahrt

langte Francesko in dem Kloster der heiligen Linde in Ostpreußen an,

und erfüllte den Befehl, den ihm die heilige Jungfrau selbst gegeben.

Er malte die Kirche so wunderbarlich aus, daß er wohl einsah, wie der

Geist der Gnade in ihm zu wirken beginne. Trost des Himmels floß in

seine Seele.

* * * * *

Es begab sich, daß der Graf Filippo S. auf der Jagd in einer

abgelegenen wilden Gegend von einem bösen Unwetter überfallen wurde.

Der Sturm heulte durch die Klüfte, der Regen goß in Strömen herab,

als solle in einer neuen Sündflut Mensch und Tier untergehen; da fand

Graf Filippo eine Höhle, in die er sich, samt seinem Pferde, das er

mühsam hineinzog, rettete. Schwarzes Gewölk hatte sich über den ganzen

Horizont gelegt, daher war es, zumal in der Höhle, so finster, daß Graf

Filippo nichts unterscheiden und nicht entdecken konnte, was dicht

neben ihm so raschle und rausche. Er war voll Bangigkeit, daß wohl ein

wildes Tier in der Höhle verborgen sein könne, und zog sein Schwert,

um jeden Angriff abzuwehren. Als aber das Unwetter vorüber und die

Sonnenstrahlen in die Höhle fielen, gewahrte er zu seinem Erstaunen,

daß neben ihm auf einem Blätterlager ein nacktes Knäblein lag und ihn

mit hellen, funkelnden Augen anschaute. Neben ihm stand ein Becher

von Elfenbein, in dem der Graf Filippo noch einige Tropfen duftenden

Weines fand, die das Knäblein begierig einsog. Der Graf ließ sein

Horn ertönen, nach und nach sammelten sich seine Leute, die hierhin,

dorthin geflüchtet waren, und man wartete auf des Grafen Befehl, ob

sich nicht derjenige, der das Kind in die Höhle gelegt, einfinden

würde, es abzuholen. Als nun aber die Nacht einzubrechen begann, da

sprach der Graf Filippo: „Ich kann das Knäblein nicht hilflos liegen

lassen, sondern will es mit mir nehmen, und daß ich dies getan, überall

bekannt machen lassen, damit es die Eltern oder sonst einer, der es in

die Höhle legte, von mir abfordern kann.“ Es geschah so; aber Wochen,

Monate und Jahre vergingen, ohne daß sich jemand gemeldet hätte. Der

Graf hatte dem Findling in heiliger Taufe den Namen Francesko geben

lassen. Der Knabe wuchs heran und wurde an Gestalt und Geist ein

wunderbarer Jüngling, den der Graf, seiner seltenen Gaben wegen, wie

seinen Sohn liebte und ihm, da er kinderlos war, sein ganzes Vermögen

zuzuwenden gedachte. Schon fünfundzwanzig Jahre war Francesko alt

geworden, als der Graf Filippo in törichter Liebe zu einem armen

bildschönen Fräulein entbrannte und sie heiratete, unerachtet sie

blutjung, er aber schon sehr hoch in Jahren war. Francesko wurde

alsbald von sündhafter Begier nach dem Besitze der Gräfin erfaßt, und

unerachtet sie gar fromm und tugendhaft war, und nicht die geschworene

Treue verletzen wollte, gelang es ihm doch endlich nach hartem Kampfe,

sie durch teuflische Künste zu verstricken, so daß sie sich der

freveligen Lust überließ, und er seinem Wohltäter mit schwarzem Undank

und Verrat lohnte. Die beiden Kinder, Graf Pietro und Gräfin Angiola,

die der greise Filippo in vollem Entzücken der Vaterfreude an sein Herz

drückte, waren die Früchte des Frevels, der ihm, sowie der Welt, auf

ewig verborgen blieb.

* * * * *

Von innerm Geiste getrieben, trat ich zu meinem Bruder Zenobio und

sprach: „Ich habe dem Throne entsagt, und selbst dann, wenn du

kinderlos vor mir sterben solltest, will ich ein armer Maler bleiben

und mein Leben in stiller Andacht, die Kunst übend, hinbringen. Doch

nicht fremdem Staat soll unser Ländlein anheim fallen. Jener Francesko,

den der Graf Filippo S. erzogen, ist mein Sohn. Ich war es, der auf

wilder Flucht ihn in der Höhle zurückließ, wo ihn der Graf fand.

Auf dem elfenbeinernen Becher, der bei ihm stand, ist unser Wappen

geschnitzt, doch noch mehr als das schützt des Jünglings Bildung, die

ihn als aus unserer Familie abstammend, getreulich bezeichnet, vor

jedem Irrtum. Nimm, mein Bruder Zenobio, den Jüngling als deinen Sohn

auf, und er sei dein Nachfolger!“ -- Zenobios Zweifel, ob der Jüngling

Francesko in rechtmäßiger Ehe erzeugt sei, wurden durch die von dem

Papst sanktionierte Adoptionsurkunde, die ich auswirkte, gehoben, und

so geschah es, daß meines Sohnes sündhaftes, ehebrecherisches Leben

endete und er bald in rechtmäßiger Ehe einen Sohn erzeugte, den er

Paolo Francesko nannte. -- Gewuchert hat der verbrecherische Stamm auf

verbrecherische Weise. Doch, kann meines Sohnes Reue nicht seine Frevel

sühnen? Ich stand vor ihm, wie das Strafgericht des Herrn, denn sein

Innerstes lag vor mir offen und klar, und was der Welt verborgen, das

sagte mir der Geist, der mächtig und mächtiger wird in mir, und mich

emporhebt über den brausenden Wellen des Lebens, daß ich hinabzuschauen

vermag in die Tiefe, ohne daß dieser Blick mich hinabzieht zum Tode.

Franceskos Entfernung brachte der Gräfin S. den Tod, denn nun erst

erwachte sie zum Bewußtsein der Sünde, und nicht überstehen konnte

sie den Kampf der Liebe zum Verbrecher, und der Reue über das, was

sie begangen. Graf Filippo wurde neunzig Jahre alt, dann starb er als

ein kindischer Greis. Sein vermeintlicher Sohn Pietro zog mit seiner

Schwester Angiola an den Hof Franceskos, der dem Zenobio gefolgt war.

Durch glänzende Feste wurde Paolo Franceskos Verlobung mit Vittoria,

Fürstin von M., gefeiert, als aber Pietro die Braut in voller Schönheit

erblickte, wurde er in heftiger Liebe entzündet, und ohne der Gefahr

zu achten, bewarb er sich um Vittorias Gunst. Doch Paolo Franceskos

Blicken entging Pietros Bestreben, da er selbst in seine Schwester

Angiola heftig entbrannt war, die all’ sein Bemühen kalt zurückwies.

Vittoria entfernte sich von dem Hofe, um, wie sie vorgab, noch vor

ihrer Heirat in stiller Einsamkeit ein heiliges Gelübde zu erfüllen.

Erst nach Ablauf eines Jahres kehrte sie zurück, die Hochzeit sollte

vor sich gehen, und gleich nach derselben wollte Graf Pietro mit seiner

Schwester Angiola nach seiner Vaterstadt zurückkehren. Paolo Franceskos

Liebe zur Angiola war durch ihr stetes, standhaftes Widerstreben immer

mehr entflammt worden, und artete jetzt aus in die wütende Begier des

wilden Tieres, die er nur durch den Gedanken des Genusses zu bezähmen

vermochte. -- So geschah es, daß er durch den schändlichsten Verrat

am Hochzeitstage, ehe er in die Brautkammer ging, Angiola in ihrem

Schlafzimmer überfiel, und ohne daß sie zur Besinnung kam, denn Opiate

hatte sie beim Hochzeitmahl bekommen, seine frevelige Lust befriedigte.

Als Angiola durch die verruchte Tat dem Tode nahe gebracht wurde,

da gestand der von Gewissensbissen gefolterte Paolo Francesko ein,

was er begangen. Im ersten Aufbrausen des Zorns wollte Pietro den

Verräter niederstoßen, aber gelähmt sank sein Arm nieder, da er daran

dachte, daß seine Rache der Tat vorangegangen. Die kleine Giazinta,

Fürstin von B., allgemein für die Tochter der Schwester Vittorias

geltend, war die Frucht des geheimen Verständnisses, das Pietro mit

Paolo Franceskos Braut unterhalten hatte. Pietro ging mit Angiola

nach Deutschland, wo sie einen Sohn gebar, den man Franz nannte und

sorgfältig erziehen ließ. Die schuldlose Angiola tröstete sich endlich

über den entsetzlichen Frevel, und blühte wieder auf in gar herrlicher

Anmut und Schönheit. So kam es, daß der Fürst Theodor von W. eine

gar heftige Liebe zu ihr faßte, die sie aus tiefer Seele erwiderte.

Sie wurde in kurzer Zeit seine Gemahlin, und Graf Pietro vermählte

sich zu gleicher Zeit mit einem deutschen Fräulein, mit der er eine

Tochter erzeugte, so wie Angiola dem Fürsten zwei Söhne gebar. Wohl

konnte sich die fromme Angiola ganz rein im Gewissen fühlen, und doch

versank sie oft in düsteres Nachdenken, wenn ihr, wie ein böser Traum,

Paolo Franceskos verruchte Tat in den Sinn kam, ja es war ihr oft zu

Mute, als sei selbst die bewußtlos begangene Sünde strafbar, und würde

gerächt werden an ihr und ihren Nachkommen. Selbst die Beichte und

vollständige Absolution konnte sie nicht beruhigen. Wie eine himmlische

Eingebung kam ihr nach langer Qual der Gedanke, daß sie alles ihrem

Gemahl entdecken müsse. Unerachtet sie wohl sich des schweren Kampfes

versah, den ihr das Geständnis des von dem Bösewicht Paolo Francesko

verübten Frevels kosten würde, so gelobte sie sich doch feierlich, den

schweren Schritt zu wagen, und sie hielt, was sie gelobt hatte. Mit

Entsetzen vernahm Fürst Theodor die verruchte Tat, sein Inneres wurde

heftig erschüttert, und der tiefe Ingrimm schien selbst der schuldlosen

Gemahlin bedrohlich zu werden. So geschah es, daß sie einige Monate

auf einem entfernten Schloß zubrachte; während der Zeit bekämpfte der

Fürst die bittern Empfindungen, die ihn quälten, und es kam so weit,

daß er nicht allein versöhnt der Gemahlin die Hand bot, sondern auch,

ohne daß sie es wußte, für Franzens Erziehung sorgte. Nach dem Tode

des Fürsten und seiner Gemahlin, wußte nur Graf Pietro und der junge

Fürst Alexander von W. um das Geheimnis von Franzens Geburt. Keiner

der Nachkömmlinge des Malers wurde jenem Francesko, den Graf Filippo

erzog, so ganz und gar ähnlich an Geist und Bildung als dieser Franz.

Ein wunderbarer Jüngling vom höheren Geiste belebt, feurig und rasch in

Gedanken und Tat. Mag des Vaters, mag des Ahnherrn Sünde nicht auf ihm

lasten, mag er widerstehen den bösen Verlockungen des Satans. Ehe Fürst

Theodor starb, reisten seine beiden Söhne Alexander und Johann nach

dem schönen Welschland, doch nicht sowohl offenbare Uneinigkeit, als

verschiedene Neigung, verschiedenes Streben war die Ursache, daß die

beiden Brüder sich in Rom trennten. Alexander kam an Paolo Franceskos

Hof, und faßte solche Liebe zu Paolos jüngster mit Vittoria erzeugten

Tochter, daß er sich ihr zu vermählen gedachte. Fürst Theodor wies

indessen mit einem Abscheu, der dem Fürsten Alexander unerklärlich war,

die Verbindung zurück, und so kam, daß erst nach Theodors Tode Fürst

Alexander sich mit Paolo Franceskos Tochter vermählte. Prinz Johann

hatte auf dem Heimwege seinen Bruder Franz kennen gelernt, und fand

an dem Jünglinge, dessen nahe Verwandtschaft mit ihm er nicht ahnte,

solches Behagen, daß er sich nicht mehr von ihm trennen mochte. Franz

war die Ursache, daß der Prinz, statt heimzukehren nach der Residenz

des Bruders, nach Italien zurückging. Das ewige unerforschliche

Verhängnis wollte es, daß beide, Prinz Johann und Franz, Vittorias und

Pietros Tochter Giazinta sahen, und beide in heftiger Liebe zu ihr

entbrannten. -- Das Verbrechen keimt, wer vermag zu widerstehen den

dunkeln Mächten.

* * * * *

Wohl waren die Sünden und Frevel meiner Jugend entsetzlich, aber durch

die Fürsprache der Gebenedeiten und der heiligen Rosalia bin ich

errettet vom ewigen Verderben, und es ist mir vergönnt, die Qualen

der Verdammnis zu erdulden hier auf Erden, bis der verbrecherische

Stamm verdorret ist und keine Früchte mehr trägt. Über geistige Kräfte

gebietend drückt mich die Last des Irdischen nieder, und das Geheimnis

der düstern Zukunft ahnend, blendet mich der trügerische Farbenglanz

des Lebens, und das blöde Auge verwirrt sich in zerfließenden Bildern,

ohne daß es die wahre innere Gestaltung zu erkennen vermag! -- Ich

erblicke oft den Faden, den die dunkle Macht, sich auflehnend gegen

das Heil meiner Seele, fortspinnt, und glaube töricht ihn erfassen,

ihn zerreißen zu können. Aber dulden soll ich, und gläubig und fromm

in fortwährender reuiger Buße die Marter ertragen, die mir auferlegt

worden, um meine Missetaten zu sühnen. Ich habe den Prinzen und Franz

von Giazinta weggescheucht, aber der Satan ist geschäftig, dem Franz

das Verderben zu bereiten, dem er nicht entgehen wird. -- Franz kam

mit dem Prinzen an den Ort, wo sich Graf Pietro mit seiner Gemahlin

und seiner Tochter Aurelie, die eben fünfzehn Jahr alt worden,

aufhielt. So wie der verbrecherische Vater Paolo Francesko in wilder

Begier entbrannte, als er Angiola sah, so loderte das Feuer verbotener

Lust auf in dem Sohn, als er das holde Kind Aurelie erblickte. Durch

allerlei teuflische Künste der Verführung wußte er die fromme kaum

erblühte Aurelie zu umstricken, daß sie mit ganzer Seele ihm sich

ergab, und sie hatte gesündigt, ehe der Gedanke der Sünde aufgegangen

in ihrem Innern. Als die Tat nicht mehr verschwiegen bleiben konnte,

da warf er sich, wie voll Verzweiflung über das, was er begangen, der

Mutter zu Füßen und gestand alles. Graf Pietro, unerachtet selbst in

Sünde und Frevel befangen, hätte Franz und Aurelie ermordet. Die Mutter

ließ den Franz ihren gerechten Zorn fühlen, indem sie ihn mit der

Drohung, die verruchte Tat dem Grafen Pietro zu entdecken, auf immer

aus ihren und der verführten Tochter Augen verbannte. Es gelang der

Gräfin, die Tochter den Augen des Grafen zu entziehen, und sie gebar

an entferntem Orte ein Töchterlein. Aber Franz konnte nicht lassen von

Aurelien, er erfuhr ihren Aufenthalt, eilte hin und trat in das Zimmer,

als eben die Gräfin, verlassen vom Hausgesinde, neben dem Bette der

Tochter saß und das Töchterlein, das erst acht Tage alt worden, auf

dem Schoße hielt. Die Gräfin stand voller Schreck und Entsetzen über

den unvermuteten Anblick des Bösewichts auf, und gebot ihm, das Zimmer

zu verlassen. „Fort ... fort, sonst bist du verloren; Graf Pietro

weiß, was du Verruchter begangen!“ So rief sie, um dem Franz Furcht

einzujagen, und drängte ihn nach der Türe; da übermannte den Franz

wilde, teuflische Wut, er riß der Gräfin das Kind vom Arme, versetzte

ihr einen Faustschlag vor die Brust, daß sie rücklings niederstürzte,

und rannte fort. Als Aurelie aus tiefer Ohnmacht erwachte, war die

Mutter nicht mehr am Leben, die tiefe Kopfwunde (sie war auf einen mit

Eisen beschlagenen Kasten gestürzt) hatte sie getötet. Franz hatte im

Sinn, das Kind zu ermorden, er wickelte es in Tücher, lief am finstern

Abend die Treppe hinab und wollte eben zum Hause hinaus, als er ein

dumpfes Wimmern vernahm, das aus einem Zimmer des Erdgeschosses zu

kommen schien. Unwillkürlich blieb er stehen, horchte und schlich

endlich jenem Zimmer näher. In dem Augenblick trat eine Frau, welche

er für die Kinderwärterin der Baronesse S., in deren Hause er wohnte,

erkannte, unter kläglichem Jammern heraus. Franz frug, weshalb sie sich

so gebärde? „Ach Herr,“ sagte die Frau, „mein Unglück ist gewiß, soeben

saß die kleine Euphemie auf meinem Schoße und juchzte und lachte, aber

mit einemmal läßt sie das Köpfchen sinken und ist tot. -- Blaue Flecken

hat sie auf der Stirn, und so wird man mir Schuld geben, daß ich sie

habe fallen lassen!“ -- Schnell trat Franz hinein, und als er das tote

Kind erblickte, gewahrte er, wie das Verhängnis das Leben seines Kindes

wollte, denn es war mit der toten Euphemie auf wunderbare Weise gleich

gebildet und gestaltet. Die Wärterin, vielleicht nicht so unschuldig

an dem Tode des Kindes als sie vorgab, und bestochen durch Franzens

reichliches Geschenk, ließ sich den Tausch gefallen; Franz wickelte nun

das tote Kind in die Tücher und warf es in den Strom. Aureliens Kind

wurde als die Tochter der Baronesse von S., Euphemie mit Namen, erzogen

und der Welt blieb das Geheimnis ihrer Geburt verborgen. Die Unselige

wurde nicht durch das Sakrament der heiligen Taufe in den Schoß der

Kirche aufgenommen, denn getauft war schon das Kind, dessen Tod ihr

Leben erhielt. Aurelie hatte sich nach mehreren Jahren mit dem Baron

von S. vermählt; zwei Kinder, Hermogen und Aurelie sind die Frucht

dieser Vermählung.

* * * * *

Die ewige Macht des Himmels hatte es mir vergönnt, daß, als der Prinz

mit Francesko (so nannte er den Franz auf italienische Weise) nach

der Residenzstadt des fürstlichen Bruders zu gehen gedachte, ich zu

ihnen treten und mitziehen durfte. Mit kräftigem Arm wollte ich den

schwankenden Francesko erfassen, wenn er sich dem Abgrunde nahte, der

sich vor ihm aufgetan. Törichtes Beginnen des ohnmächtigen Sünders,

der noch nicht Gnade gefunden vor dem Throne des Herrn! -- Francesko

ermordete den Bruder, nachdem er an Giazinta verruchten Frevel geübt!

Franceskos Sohn ist der unselige Knabe, den der Fürst unter dem Namen

des Grafen Viktorin erziehen läßt. Der Mörder Francesko gedachte sich

zu vermählen mit der frommen Schwester der Fürstin, aber ich vermochte

dem Frevel vorzubeugen in dem Augenblick, als er begangen werden sollte

an heiliger Stätte.

* * * * *

Wohl bedurfte es des tiefen Elends, in das Franz versank -- nachdem

er, gefoltert von dem Gedanken nie abzubüßender Sünde, entflohen --

um ihn zur Reue zu wenden. Von Gram und Krankheit gebeugt kam er

auf der Flucht zu einem Landmann, der ihn freundlich aufnahm. Des

Landmanns Tochter, eine fromme, stille Jungfrau, faßte wunderbare

Liebe zu dem Fremden, und pflegte ihn sorglich. So geschah es, daß,

als Francesko genesen, er der Jungfrau Liebe erwiderte, und sie

wurden durch das heilige Sakrament der Ehe vereinigt. Es gelang ihm,

durch seine Klugheit und Wissenschaft sich aufzuschwingen und des

Vaters nicht geringen Nachlaß reichlich zu vermehren, so daß er viel

irdischen Wohlstand genoß. Aber unsicher und eitel ist das Glück des

mit Gott nicht versöhnten Sünders. Franz sank zurück in die bitterste

Armut und tötend war sein Elend, denn er fühlte, wie Geist und

Körper hinschwanden in kränkelnder Siechheit. Sein Leben wurde eine

fortwährende Bußübung. Endlich sandte ihm der Himmel einen Strahl des

Trostes. -- Er soll pilgern nach der heiligen Linde und dort wird ihm

die Geburt eines Sohnes die Gnade des Herrn verkünden.

* * * * *

In dem Walde, der das Kloster zur heiligen Linde umschließt, trat ich

zu der bedrängten Mutter, als sie über dem neugeborenen vaterlosen

Knäblein weinte, und erquickte sie mit Worten des Trostes. --

Wunderbar geht die Gnade des Herrn auf, dem Kinde, das geboren wird

in dem segensreichen Heiligtum der Gebenedeiten! Oftmals begibt es

sich, daß das Jesuskindlein sichtbarlich zu ihm tritt und früh in dem

kindischen Gemüt den Funken der Liebe entzündet. --

Die Mutter hatte in heiliger Taufe dem Knaben des Vaters Namen, Franz,

geben lassen! -- Wirst du es denn sein, Franziskus, der, an heiliger

Stätte geboren, durch frommen Wandel den verbrecherischen Ahnherrn

entsündigt und ihm Ruhe schafft im Grabe? Fern von der Welt und ihren

verführerischen Lockungen, soll der Knabe sich ganz dem Himmlischen

zuwenden. Er soll geistlich werden. So hat es der heilige Mann, der

wunderbaren Trost in meine Seele goß, der Mutter verkündet, und es

mag wohl die Prophezeiung der Gnade sein, die mich mit wundervoller

Klarheit erleuchtet, so daß ich in meinem Innern das lebendige Bild der

Zukunft zu erschauen vermeine.

Ich sehe den Jüngling den Todeskampf streiten mit der finstern Macht,

die auf ihn eindringt mit furchtbarer Waffe! -- Er fällt, doch ein

göttlich Weib erhebt über sein Haupt die Siegeskrone! -- Es ist die

heilige Rosalie selbst, die ihn errettet! -- So oft es mir die ewige

Macht des Himmels vergönnt, will ich dem Knaben, dem Jünglinge, dem

Mann nahe sein und ihn schützen, wie es die mir verliehene Kraft

vermag. -- Er wird sein wie --

+Anmerkung des Herausgebers.+

Hier wird, günstiger Leser! die halb erloschene Schrift des alten

Malers so undeutlich, daß weiter etwas zu entziffern, ganz unmöglich

ist. Wir kehren zu dem Manuskript des merkwürdigen Kapuziners Medardus

zurück.

Die Elixiere des Teufels · 第 19 / 21 题