Der Wendepunkt.
In wessen Leben ging nicht einmal das wunderbare, in tiefster Brust
bewahrte Geheimnis der Liebe auf! -- Wer du auch sein magst, der du
künftig diese Blätter liesest, rufe dir jene höchste Sonnenzeit zurück,
schaue noch einmal das holde Frauenbild, das, der Geist der Liebe
selbst, dir entgegentrat. Da glaubtest du ja nun in +ihr+ dich, dein
höheres Sein zu erkennen. Weißt du noch, wie die rauschenden Quellen,
die flüsternden Büsche, wie der kosende Abendwind von ihr, von deiner
Liebe, so vernehmlich zu dir sprachen? Siehst du es noch, wie die
Blumen dich mit hellen, freundlichen Augen anblickten, Gruß und Kuß
von ihr bringend? -- Und sie kam, sie wollte dein sein ganz und gar.
Du umfingst sie voll glühenden Verlangens und wolltest, losgelöset von
der Erde, auflodern in inbrünstiger Sehnsucht! -- Aber das Mysterium
blieb unerfüllt, eine finstre Macht zog stark und gewaltig dich zur
Erde nieder, als du dich aufschwingen wolltest mit ihr zu dem fernen
Jenseits, das dir verheißen. Noch ehe du zu hoffen wagtest, hattest du
sie verloren, alle Stimmen, alle Töne waren verklungen, und nur die
hoffnungslose Klage des Einsamen ächzte grauenvoll durch die düstre
Einöde. -- Du, Fremder! Unbekannter! hat dich je solch namenloser
Schmerz zermalmt, so stimme ein in den trostlosen Jammer des ergrauten
Mönchs, der in finstrer Zelle der Sonnenzeit seiner Liebe gedenkend,
das harte Lager mit blutigen Tränen netzt, dessen bange Todesseufzer
in stiller Nacht durch die düstren Klostergänge hallen. -- Aber auch
du, du mir im Innern Verwandter, auch du glaubst es, daß der Liebe
höchste Seligkeit, die Erfüllung des Geheimnisses im Tode aufgeht. --
So verkünden es uns die dunklen, weissagenden Stimmen, die aus jener,
keinem irdischen Maßstab meßlichen Urzeit zu uns herübertönen, und wie
in den Mysterien, die die Säuglinge der Natur feierten, ist uns ja auch
der Tod das Weihfest der Liebe! -- --
Ein Blitz fuhr durch mein Innres, mein Atem stockte, die Pulse
schlugen, krampfhaft zuckte das Herz, zerspringen wollte die Brust! --
Hin zu ihr -- hin zu ihr -- sie an mich reißen in toller Liebeswut!
-- Was widerstrebst du, Unselige! der Macht, die dich unauflöslich
an mich gekettet? Bist du nicht mein! -- mein immerdar? Doch besser,
wie damals, als ich Aurelien zum erstenmal im Schlosse des Barons
erblickte, hemmte ich den Ausbruch meiner wahnsinnigen Leidenschaft.
Überdem waren aller Augen auf Aurelien gerichtet, und so gelang es mir,
im Kreise gleichgültiger Menschen mich zu drehen und zu wenden, ohne
daß irgend einer mich sonderlich bemerkt oder gar angeredet hätte,
welches mir unerträglich gewesen sein würde, da ich nur +sie+ sehen --
hören -- denken wollte. -- --
Man sage nicht, daß das einfache Hauskleid das wahrhaft schöne Mädchen
am besten ziere, der Putz der Weiber übt einen geheimnisvollen Zauber,
dem wir nicht leicht widerstehen können. In ihrer tiefsten Natur mag
es liegen, daß im Putz recht aus ihrem Innern heraus, sich alles
schimmernder und schöner entfaltet, wie Blumen nur dann vollendet sich
darstellen, wenn sie in üppiger Fülle in bunten, glänzenden Farben
aufgebrochen. -- Als du die Geliebte zum erstenmal geschmückt sahst,
fröstelte da nicht ein unerklärlich Gefühl dir durch Nerv und Adern?
-- Sie kam dir so fremd vor, aber selbst das gab ihr einen unnennbaren
Reiz. Wie durchbebten dich Wonne und namenlose Lüsternheit, wenn du
verstohlen ihre Hand drücken konntest! -- Aurelien hatte ich nie
anders als im einfachen Hauskleide gesehen, heute erschien sie, der
Hofsitte gemäß, in vollem Schmuck. -- Wie schön sie war! Wie fühlte ich
mich bei ihrem Anblick von unnennbarem Entzücken, von süßer Wollust
durchschauert! -- Aber da wurde der Geist des Bösen mächtig in mir
und erhob seine Stimme, der ich williges Ohr lieh. „Siehst du es nun
wohl, Medardus,“ so flüsterte es mir zu, siehst du es nun wohl, wie
du dem Geschick gebietest, wie der Zufall, dir untergeordnet, nur die
Faden geschickt verschlingt, die du selbst gesponnen?“ -- Es gab in
dem Zirkel des Hofes Frauen, die für vollendet schön geachtet werden
konnten, aber vor Aureliens, das Gemüt tief ergreifendem Liebreiz
verblaßte alles wie in unscheinbarer Farbe. Eine eigne Begeisterung
regte die Trägsten auf, selbst den älteren Männern riß der Faden
gewöhnlicher Hofkonversation, wo es nur auf Wörter ankommt, denen
von außen her einiger Sinn anfliegt, jählings ab, und es war lustig,
wie jeder mit sichtlicher Qual darnach rang, in Wort und Miene recht
sonntagsmäßig vor der Fremden zu erscheinen. Aurelie nahm diese
Huldigungen mit niedergeschlagenen Augen in holder Anmut hoch errötend
auf: aber als nun der Fürst die älteren Männer um sich sammelte
und mancher bildschöne Jüngling sich schüchtern mit freundlichen
Worten Aurelien nahte, wurde sie sichtlich heitrer und unbefangener.
Vorzüglich gelang es einem Major von der Leibgarde, ihre Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen, so daß sie bald in lebhaftem Gespräch begriffen
schienen. Ich kannte den Major als entschiedenen Liebling der Weiber.
Er wußte mit geringem Aufwande harmlos scheinender Mittel, Sinn und
Geist aufzuregen und zu umstricken. Mit feinem Ohr auch den leisesten
Anklang erlauschend, ließ er schnell, wie ein geschickter Spieler,
alle verwandte Akkorde nach Willkür vibrieren, so daß die Getäuschte
in den fremden Tönen nur ihre eigne innere Musik zu hören glaubte. --
Ich stand nicht fern von Aurelien, sie schien mich nicht zu bemerken
-- ich wollte hin zu ihr, aber wie mit eisernen Banden gefesselt,
vermochte ich nicht, mich von der Stelle zu rühren. -- Noch einmal
den Major scharf anblickend, war es mir plötzlich, als stehe Viktorin
bei Aurelien. Da lachte ich auf im grimmigen Hohn: „Hei! -- Hei! Du
Verruchter, hast du dich im Teufelsgrunde so weich gebettet, daß du in
toller Brunst trachten magst nach der Buhlin des Mönchs?“ --
Ich weiß nicht, ob ich diese Worte wirklich sprach, aber ich hörte
mich selbst lachen und fuhr auf wie aus tiefem Traum, als der alte
Hofmarschall, sanft meine Hand fassend, frug: „Worüber erfreuen Sie
sich so, lieber Herr Leonard?“ -- Eiskalt durchbebte es mich!
Waren das nicht die Worte des frommen Bruders Cyrill, der mich ebenso
frug, als er bei der Einkleidung mein freveliches Lächeln bemerkte?
-- Kaum vermochte ich, etwas Unzusammenhängendes herzustammeln. Ich
fühlte es, daß Aurelie nicht mehr in meiner Nähe war, doch wagte ich
es nicht, aufzublicken, ich rannte fort durch die erleuchteten Säle.
Wohl mag mein ganzes Wesen gar unheimlich erschienen sein; denn ich
bemerkte, wie mir alles scheu auswich, als ich die breite Haupttreppe
mehr herabsprang als herabstieg.
Ich mied den Hof, denn Aurelien, ohne Gefahr mein tiefstes Geheimnis zu
verraten, wiederzusehen, schien mir unmöglich. Einmal lief ich durch
Flur und Wald, nur sie denkend, nur sie schauend. Fester und fester
wurde meine Überzeugung, daß ein dunkles Verhängnis ihr Geschick in das
meinige verschlungen habe, und daß das, was mir manchmal als sündhafter
Frevel erschienen, nur die Erfüllung eines ewigen, unabänderlichen
Ratschlusses sei. So mich ermutigend lachte ich der Gefahr, die mir
dann drohen könnte, wenn Aurelie in mir Hermogens Mörder erkennen
sollte. Dies dünkte mir jedoch überdem höchst unwahrscheinlich. --
Wie erbärmlich erschienen mir nun jene Jünglinge, die in eitlem Wahn
sich um +die+ bemühten, die so ganz und gar mein Eigen worden, daß ihr
leisester Lebenshauch nur durch das Sein in mir bedingt schien. -- Was
sind mir diese Grafen, diese Freiherren, diese Kammerherren, diese
Offiziere in ihren bunten Röcken -- in ihrem blinkenden Golde, ihren
schimmernden Orden, anders als ohnmächtige, geschmückte Insektlein,
die ich, wird mir das Volk lästig, mit kräftiger Faust zermalme. --
In der Kutte will ich unter sie treten, Aurelien bräutlich geschmückt
in meinen Armen, und diese stolze, feindliche Fürstin soll selbst das
Hochzeitslager bereiten dem siegenden Mönch, den sie verachtet. --
In solchen Gedanken arbeitend, rief ich oft laut Aureliens Namen und
lachte und heulte wie ein Wahnsinniger. Aber bald legte sich der Sturm.
Ich wurde ruhiger und fähig, darüber Entschlüsse zu fassen, wie ich nun
mich Aurelien nähern wollte. -- Eben schlich ich eines Tages durch den
Park, nachsinnend, ob es ratsam sei, die Abendgesellschaft zu besuchen,
die der Fürst ansagen lassen, als man von hinten her auf meine Schulter
klopfte. Ich wandte mich um, der Leibarzt stand vor mir. „Erlauben
Sie mir Ihren werten Puls!“ fing er sogleich an, und griff, starr
mir ins Auge blickend, nach meinem Arm. „Was bedeutet das?“ frug ich
erstaunt. „Nicht viel,“ fuhr er fort, „es soll hier still und heimlich
einige Tollheit umherschleichen, die die Menschen recht banditenmäßig
überfällt und ihnen eins versetzt, daß sie laut aufkreischen müssen,
klingt das auch zuweilen nur wie ein unsinnig Lachen. Indessen kann
alles auch nur ein Fantasma, oder jener tolle Teufel nur ein gelindes
Fieber mit steigender Hitze sein, darum erlauben Sie Ihren werten Puls,
Liebster!“ -- „Ich versichere Sie, mein Herr, daß ich von dem allen
kein Wort verstehe!“ So fiel ich ein, aber der Leibarzt hatte meinen
Arm gefaßt und zählte den Puls mit zum Himmel gerichtetem Blick --
eins -- zwei, drei. -- Mir war sein wunderliches Betragen rätselhaft,
ich drang in ihn, mir doch nur zu sagen, was er eigentlich wolle. „Sie
wissen also nicht, werter Herr Leonard, daß Sie neulich den ganzen Hof
in Schrecken und Bestürzung gesetzt haben? -- Die Oberhofmeisterin
leidet bis dato an Krämpfen und der Konsistorialpräsident versäumt
die wichtigsten Sessionen, weil es Ihnen beliebt hat, über seine
podagrischen Füße wegzurennen, so daß er, im Lehnstuhl sitzend, noch
über mannigfache Stiche beträchtlich brüllt! -- das geschah nämlich,
als Sie, wie von einiger Tollheit heimgesucht, aus dem Saale stürzten,
nachdem Sie ohne merkliche Ursache so aufgelacht hatten, daß allen
ein Grausen ankam und sich die Haare sträubten!“ -- In dem Augenblick
dachte ich an den Hofmarschall und meinte, daß ich mich nun wohl
erinnere in Gedanken laut aufgelacht zu haben, um so weniger könne das
aber von solch wunderlicher Wirkung gewesen sein, als der Hofmarschall
mich ja ganz sanft gefragt hätte, worüber ich mich so erfreue? „Ei,
ei!“ -- fuhr der Leibarzt fort, „das will nichts bedeuten, der
Hofmarschall ist solch ein ~homo impavidus~, der sich aus dem Teufel
selbst nichts macht. Er blieb in seiner ruhigen ~Dolcezza~, obgleich
erwähnter Konsistorialpräsident wirklich meinte, der Teufel habe aus
Ihnen, mein Teurer, auf seine Art gelächelt und unsere schöne Aurelie
von solchem Grausen und Entsetzen ergriffen wurde, daß alle Bemühungen
der Herrschaft sie zu beruhigen, vergebens blieben und sie bald die
Gesellschaft verlassen mußte, zur Verzweiflung sämtlicher Herren, denen
sichtlich das Liebesfeuer aus den exaltierten Toupets dampfte! In dem
Augenblick, als Sie, werter Herr Leonard, so lieblich lachten, soll
Aurelie mit schneidendem, in das Herz dringendem Ton: Hermogen! gerufen
haben. Ei, ei! was mag das bedeuten? -- Das könnten +Sie+ vielleicht
wissen -- Sie sind überhaupt ein lieber, lustiger, kluger Mann, Herr
Leonard, und es ist mir nicht unlieb, daß ich Ihnen Franceskos
merkwürdige Geschichte anvertraut habe, das muß recht lehrreich für Sie
werden!“ -- Immerfort hielt der Leibarzt meinen Arm fest und sah mir
starr in die Augen. -- „Ich weiß,“ sagte ich, mich ziemlich unsanft
losmachend, „ich weiß Ihre wunderlichen Reden nicht zu deuten, mein
Herr, aber ich muß gestehen, daß, als ich Aurelien von den geschmückten
Herrn umlagert sah, denen, wie Sie witzig bemerken, das Liebesfeuer
aus den exaltierten Toupets dampfte, mir eine sehr bittre Erinnerung
aus meinem früheren Leben durch die Seele fuhr, und daß ich, von recht
grimmigem Hohn über mancher Menschen töricht’ Treiben ergriffen,
unwillkürlich hell auflachen mußte. Es tut mir leid, daß ich, ohne es
zu wollen, so viel Unheil angerichtet habe, und ich büße dafür, indem
ich mich selbst auf einige Zeit vom Hofe verbanne. Mag mir die Fürstin,
mag mir Aurelie verzeihen. „Ei, mein lieber Leonard,“ versetzte der
Leibarzt, „man hat ja wohl wunderliche Anwandlungen, denen man leicht
widersteht, wenn man sonst nur reinen Herzens ist.“ -- „Wer darf sich
dessen rühmen hienieden?“ frug ich dumpf in mich hinein. Der Leibarzt
änderte plötzlich Blick und Ton. „Sie scheinen mir,“ sprach er mild
und ernst, „Sie scheinen mir aber doch wirklich krank. -- Sie sehen
blaß und verstört aus -- Ihr Auge ist eingefallen und brennt seltsam
in rötlicher Glut ... Ihr Puls geht fieberhaft ... Ihre Sprache klingt
dumpf ... soll ich Ihnen etwas aufschreiben?“ -- „Gift!“ sprach ich
kaum vernehmbar. -- „Ho ho!“ rief der Leibarzt, „steht es so mit Ihnen?
Nun, nun, statt des Gifts das niederschlagende Mittel zerstreuender
Gesellschaft. -- Es kann aber auch sein, daß ... Wunderlich ist es
aber doch ... vielleicht --“ „Ich bitte Sie, mein Herr!“ rief ich ganz
erzürnt, „ich bitte Sie mich nicht mit abgebrochenen, unverständlichen
Reden zu quälen, sondern lieber geradezu alles ...“ -- „Halt!“
unterbrach mich der Leibarzt, „halt ... es gibt die wunderlichsten
Täuschungen, mein Herr Leonard; beinahe ist’s mir gewiß, daß man auf
augenblicklichen Eindruck eine Hypothese gebaut hat, die vielleicht
in wenigen Minuten in Nichts zerfällt. Dort kommt die Fürstin mit
Aurelien, nützen Sie dieses zufällige Zusammentreffen, entschuldigen
Sie Ihr Betragen ... Eigentlich ... mein Gott! eigentlich haben Sie ja
auch nur gelacht ... freilich auf etwas wunderliche Weise, wer kann
aber dafür, daß schwachnervige Personen darüber erschrecken. Adieu!“
Der Leibarzt sprang mit der ihm eignen Behendigkeit davon. Die
Fürstin kam mit Aurelien den Gang herab. -- Ich erbebte. -- Mit aller
Gewalt raffte ich mich zusammen. Ich fühlte nach des Leibarztes
geheimnisvollen Reden, daß es nun galt, mich auf der Stelle zu
behaupten. Keck trat ich den Kommenden entgegen. Als Aurelie mich ins
Auge faßte, sank sie mit einem dumpfen Schrei wie tot zusammen, ich
wollte hinzu, mit Abscheu und Entsetzen winkte mich die Fürstin fort,
laut um Hilfe rufend. Wie von Furien und Teufeln gepeitscht, rannte
ich fort durch den Park. Ich schloß mich in meine Wohnung ein und warf
mich, vor Wut und Verzweiflung knirschend, aufs Lager! -- Der Abend
kam, die Nacht brach ein, da hörte ich die Haustüre aufschließen,
mehrere Stimmen murmelten und flüsterten durcheinander, es wandte und
tappte die Treppe herauf -- endlich pochte man an meine Türe und befahl
mir, im Namen der Obrigkeit, aufzumachen. Ohne deutliches Bewußtsein,
was mir drohen könne, glaubte ich zu fühlen, daß ich nun verloren sei.
Rettung durch Flucht -- so dachte ich und riß das Fenster auf. -- Ich
erblickte Bewaffnete vor dem Hause, von denen mich einer sogleich
bemerkte. „Wohin?“ rief er mir zu, und in dem Augenblick wurde die Türe
meines Schlafzimmers gesprengt. Mehrere Männer traten herein; bei dem
Leuchten der Laterne, die einer von ihnen trug, erkannte ich sie für
Polizeisoldaten. Man zeigte mir die Ordre des Kriminalgerichts mich zu
verhaften, vor; jeder Widerstand wäre töricht gewesen. Man warf mich in
den Wagen, der vor dem Hause hielt, und als ich an dem Ort, der meine
Bestimmung schien, angekommen, frug, wo ich mich befände, so erhielt
ich zur Antwort, in den Gefängnissen der obern Burg. Ich wußte, daß
man hier gefährliche Verbrecher während des Prozesses einsperre. Nicht
lange dauerte es, so wurde mein Bette gebracht und der Gefangenwärter
frug mich, ob ich noch etwas zu meiner Bequemlichkeit wünsche? Ich
verneinte das, und blieb endlich allein. Die lange nachhallenden Tritte
und das Auf- und Zuschließen vieler Türen ließen mich wahrnehmen, daß
ich mich in einem der innersten Gefängnisse auf der Burg befand. Auf
mir selbst unerklärliche Weise war ich während der ziemlich langen
Fahrt ruhig geworden, ja in einer Art Sinnesbetäubung erblickte ich
alle Bilder, die mir vorübergingen, nur in blassen, halberloschenen
Farben. Ich erlag nicht dem Schlaf, sondern einer gedanken- und
phantasielähmenden Ohnmacht. Als ich am hellen Morgen erwachte, kam
mir nur nach und nach die Erinnerung dessen, was geschehen und wo ich
hingebracht worden. Die gewölbte, ganz zellenartige Kammer, wo ich
lag, hätte mir kaum ein Gefängnis erschienen, wenn nicht das kleine
Fenster stark mit Eisenstäben vergittert und so hoch angebracht gewesen
wäre, daß ich es nicht einmal mit ausgestreckter Hand erreichen, viel
weniger hinausschauen konnte. Nur wenige Sonnenstrahlen fielen sparsam
hinein; mich wandelte die Lust an, die Umgebungen meines Aufenthaltes
zu erforschen, ich rückte daher mein Bette heran und stellte den
Tisch darauf. Eben wollte ich hinaufklettern, als der Gefangenwärter
hereintrat und über mein Beginnen sehr verwundert schien. Er frug mich,
was ich da mache, ich erwiderte, daß ich nur hinausschauen wollen;
schweigend trug er Tisch, Bette und den Stuhl fort und schloß mich
sogleich wieder ein. Nicht eine Stunde hatte es gedauert, als er von
zwei andern Männern begleitet, wieder erschien und mich durch lange
Gänge treppauf, treppab führte, bis ich endlich in einen kleinen Saal
eintrat, wo mich der Kriminalrichter erwartete. Ihm zur Seite saß
ein junger Mann, dem er in der Folge alles, was ich auf die an mich
gerichteten Fragen erwidert hatte, laut in die Feder diktierte. Meinen
ehemaligen Verhältnissen bei Hofe und der allgemeinen Achtung, die
ich in der Tat so lange genossen hatte, mochte ich die höfliche Art
danken, mit der man mich behandelte, wiewohl ich auch die Überzeugung
darauf baute, daß nur Vermutungen, die hauptsächlich auf Aureliens
ahnendem Gefühl beruhen konnten, meine Verhaftung veranlaßt hatten.
Der Richter forderte mich auf, meine bisherigen Lebensverhältnisse
genau anzugeben; ich bat ihn, mir erst die Ursache meiner plötzlichen
Verhaftung zu sagen, er erwiderte, daß ich über das mir schuld gegebene
Verbrechen zu seiner Zeit genau genug vernommen werden solle. Jetzt
komme es nur darauf an, meinen ganzen Lebenslauf bis zur Ankunft in
der Residenz auf das genaueste zu wissen, und er müsse mich daran
erinnern, daß es dem Kriminalgericht nicht an Mitteln fehlen würde,
auch dem kleinsten von mir angegebenen Umstande nachzuspüren, weshalb
ich denn ja der strengsten Wahrheit treu bleiben möge. Diese Ermahnung,
die der Richter, ein kleiner dürrer Mann mit fuchsroten Haaren,
mit heiserer, lächerlich quäkender Stimme mir hielt, indem er die
grauen Augen weit aufriß, fiel auf einen fruchtbaren Boden; denn ich
erinnerte mich nun, daß ich in meiner Erzählung den Faden genau so
aufgreifen und fortspinnen müsse, wie ich ihn angelegt, als ich bei
Hofe meinen Namen und Geburtsort angab. Auch war es wohl nötig, alles
auffallende vermeidend, meinen Lebenslauf ins Alltägliche, aber weit
Entfernte, Ungewisse zu spielen, so daß die weitern Nachforschungen
dadurch auf jeden Fall weit aussehend und schwierig werden mußten. In
dem Augenblick kam mir auch ein junger Pole ins Gedächtnis, mit dem
ich auf dem Seminar in B. studierte; ich beschloß, seine einfachen
Lebensumstände mir anzueignen. So gerüstet begann ich in folgender Art:
„Es mag wohl sein, daß man mich eines schweren Verbrechen beschuldigt,
ich habe indessen hier unter den Augen des Fürsten und der ganzen
Stadt gelebt, und es ist während der Zeit meines Aufenthaltes kein
Verbrechen verübt worden, für dessen Urheber ich gehalten werden oder
dessen Teilnehmer ich sein könnte. Es muß also ein Fremder sein, der
mich eines in früherer Zeit begangenen Verbrechens anklagt, und da
ich mich von aller Schuld völlig rein fühle, so hat vielleicht nur
eine unglückliche Ähnlichkeit die Vermutung meiner Schuld erregt;
um so härter finde ich es aber, daß man mich leerer Vermutungen und
vorgefaßter Meinungen wegen, dem überführten Verbrecher gleich, in ein
strenges Kriminalgefängnis sperrt. Warum stellt man mich nicht meinem
leichtsinnigen, vielleicht boshaften Ankläger unter die Augen? ...
Gewiß ist es am Ende ein alberner Tor, der ...“ „Gemach, gemach, Herr
Leonard,“ quäkte der Richter, „menagieren Sie sich, Sie könnten sonst
garstig anstoßen gegen hohe Personen, und die fremde Person, die Sie,
mein Herr Leonard, oder Herr ... (er biß sich schnell in die Lippen)
erkannt hat, ist auch weder leichtsinnig noch albern, sondern ... Nun,
und dann haben wir gute Nachrichten aus der ...“ Er nannte die Gegend,
wo die Güter des Barons F. lagen, und alles klärte sich dadurch mir
deutlich auf. Entschieden war es, daß Aurelie in mir den Mönch erkannt
hatte, der ihren Bruder ermordete. Dieser Mönch war ja aber Medardus,
der berühmte Kanzelredner aus dem Kapuzinerkloster in B. Als diesen
hatte ihn Reinhold erkannt und so hatte er sich auch selbst kund getan.
Daß Francesko der Vater jenes Medardus war, wußte die Äbtissin, und
so mußte meine Ähnlichkeit mit ihm, die der Fürstin gleich anfangs so
unheimlich worden, die Vermutungen, welche die Fürstin und die Äbtissin
vielleicht schon brieflich unter sich angeregt hatten, beinahe zur
Gewißheit erheben. Möglich war es auch, daß Nachrichten selbst aus
dem Kapuzinerkloster in B. eingeholt worden; daß man meine Spur genau
verfolgt, und so die Identität meiner Person mit dem Mönch Medardus
festgestellt hatte. Alles dieses überdachte ich schnell und sah die
Gefahr meiner Lage. Der Richter schwatzte noch fort, und dies brachte
mir Vorteil, denn es fiel mir auch jetzt der lange vergebens gesuchte
Name des polnischen Städtchens ein, das ich der alten Dame bei Hofe
als meinen Geburtsort genannt hatte. Kaum endete daher der Richter
seinen Sermon mit der barschen Äußerung, daß ich nun ohne weiteres
meinen bisherigen Lebenslauf erzählen solle, als ich anfing: „Ich heiße
eigentlich Leonard Krczynki und bin der einzige Sohn eines Edelmanns,
der sein Gütchen verkauft hatte und sich in Kwiecziczewo aufhielt.“
-- „Wie, was? -- rief der Richter, indem er sich vergebens bemühte,
meinen, sowie den Namen meines angeblichen Geburtsorts nachzusprechen.
Der Protokollführer wußte gar nicht, wie er die Wörter aufschreiben
sollte; ich mußte beide Namen selbst einrücken, und fuhr dann fort:
„Sie bemerken, mein Herr, wie schwer es der deutschen Zunge wird,
meinen konsonantenreichen Namen nachzusprechen, und darin liegt die
Ursache, warum ich ihn, als ich nach Deutschland kam, wegwarf, und
mich bloß nach meinem Vornamen, Leonard, nannte. Übrigens kann keines
Menschen Lebenslauf einfacher sein, als der meinige. Mein Vater,
selbst ziemlich unterrichtet, billigte meinen entschiedenen Hang zu
den Wissenschaften, und wollte mich eben nach Krakau zu einem ihm
verwandten Geistlichen, Stanislaw Krczynski, schicken, als er starb.
Niemand bekümmerte sich um mich, ich verkaufte die kleine Habe, zog
einige Schulden ein und begab mich wirklich mit dem ganzen mir von
meinem Vater hinterlassenen Vermögen nach Krakau, wo ich einige Jahre
unter meines Verwandten Aufsicht studierte. Dann ging ich nach Danzig
und nach Königsberg. Endlich trieb es mich wie mit unwiderstehlicher
Gewalt, eine Reise nach dem Süden zu machen; ich hoffte, mich mit dem
Rest meines kleinen Vermögens durchzubringen und dann eine Anstellung
an irgendeiner Universität zu finden, doch wäre es mir hier beinahe
schlimm ergangen, wenn nicht ein beträchtlicher Gewinn an der Farobank
des Fürsten mich in den Stand gesetzt hätte, hier noch ganz gemächlich
zu verweilen und dann, wie ich es im Sinn hatte, meine Reise nach
Italien fortzusetzen. Irgend etwas Ausgezeichnetes, das wert wäre,
erzählt zu werden, hat sich in meinem Leben gar nicht zugetragen. Doch
muß ich wohl noch erwähnen, daß es mir leicht gewesen sein würde, die
Wahrheit meiner Angaben ganz unzweifelhaft nachzuweisen, wenn nicht
ein ganz besonderer Zufall mich um meine Brieftasche gebracht hätte,
worin mein Paß, meine Reiseroute und verschiedene andere Skripturen
befindlich waren, die jenem Zweck gedient hätten.“ -- Der Richter fuhr
absichtlich auf, er sah mich scharf an und frug mit beinahe spöttischem
Ton, welcher Zufall mich denn außer stande gesetzt hätte, mich, wie
es verlangt werden müßte, zu legitimieren. „Vor mehreren Monaten, so
erzählte ich, befand ich mich auf dem Wege hierher im Gebirge. Die
anmutige Jahreszeit, sowie die herrliche romantische Gegend bestimmten
mich, den Weg zu Fuße zu machen. Ermüdet saß ich eines Tages in dem
Wirtshause eines kleinen Dörfchens; ich hatte mir Erfrischungen reichen
lassen und ein Blättchen aus meiner Brieftasche genommen, um irgend
etwas, das mir eingefallen, aufzuzeichnen; die Brieftasche lag vor
mir auf dem Tische. Bald darauf kam ein Reiter dahergesprengt, dessen
sonderbare Kleidung und verwildertes Ansehen meine Aufmerksamkeit
erregte. Er trat ins Zimmer, forderte einen Trunk und setzte sich,
finster und scheu mich anblickend, mir gegenüber an den Tisch. Der
Mann war mir unheimlich, ich trat daher ins Freie hinaus. Bald darauf
kam auch der Reiter, bezahlte den Wirt und sprengte, mich flüchtig
grüßend, davon. Ich stand im Begriff weiter zu gehen, als ich mich
der Brieftasche erinnerte, die ich in der Stube auf dem Tische liegen
gelassen; ich ging hinein und fand sie noch auf dem alten Platz.
Erst des anderen Tages, als ich die Brieftasche hervorzog, entdeckte
ich, daß es nicht die meinige war, sondern daß sie wahrscheinlich dem
Fremden gehörte, der gewiß aus Irrtum die meinige eingesteckt hatte.
Nur einige mir unverständliche Notizen und mehrere an einen Grafen
Viktorin gerichtete Briefe befanden sich darin. Diese Brieftasche nebst
dem Inhalt wird man noch unter meinen Sachen finden; in der meinigen
hatte ich, wie gesagt, meinen Paß, meine Reiseroute, und, wie mir
jetzt eben einfällt, sogar meinen Taufschein; um das alles bin ich
durch jene Verwechslung gekommen.“ -- Der Richter ließ den Fremden,
dessen ich erwähnt, von Kopf bis zu Fuß beschreiben, und ich ermangelte
nicht, die Figur mit aller nur möglichen Eigentümlichkeit aus der
Gestalt des Grafen Viktorin und aus der meinigen auf der Flucht aus
dem Schlosse des Barons F. geschickt zusammenzufügen. Nicht aufhören
konnte der Richter, mich über die kleinsten Umstände dieser Begebenheit
auszufragen, und indem ich alles befriedigend beantwortete, ründete
sich das Bild davon so in meinem Innern, daß ich selbst daran glaubte,
und keine Gefahr lief, mich in Widersprüche zu verwickeln. Mit Recht
konnte ich es übrigens wohl für einen glücklichen Gedanken halten, wenn
ich, den Besitz jener an den Grafen Viktorin gerichteten Briefe, die in
der Tat sich noch im Portefeuille befanden, rechtfertigend, zugleich
eine fingierte Person einzuflechten, die künftig, je nachdem die
Umstände darauf hindeuteten, den entflohenen Medardus oder den Grafen
Viktorin vorstellen konnte. Dabei fiel mir ein, daß vielleicht unter
Euphemiens Papieren sich Briefe vorfanden, die über Viktorins Plan,
als Mönch im Schlosse zu erscheinen, Aufschluß gaben, und daß dies
aufs neue den eigentlichen Hergang der Sache verdunkeln und verwirren
könne. Meine Phantasie arbeitete fort, indem der Richter mich frug, und
es entwickelten sich mir immer neue Mittel, mich vor jeder Entdeckung
zu sichern, so daß ich auf das ärgste gefaßt zu sein glaubte. -- Ich
erwartete nun, da über mein Leben im allgemeinen alles genug erörtert
schien, daß der Richter dem mir angeschuldigten Verbrechen näher
kommen würde, es war dem aber nicht so; vielmehr frug er, warum ich
habe aus dem Gefängnis entfliehen wollen? -- Ich versicherte, daß mir
dies nicht in den Sinn gekommen sei. Das Zeugnis des Gefangenwärters,
der mich an das Fenster hinaufkletternd angetroffen, schien aber
wider mich zu sprechen. Der Richter drohte mir, daß ich nach einem
zweiten Versuch angeschlossen werden solle. Ich wurde in den Kerker
zurückgeführt. -- Man hatte mir das Bett genommen und ein Strohlager
auf dem Boden bereitet, der Tisch war festgeschraubt, statt des
Stuhles fand ich eine sehr niedrige Bank. Es vergingen drei Tage,
ohne daß man weiter nach mir frug, ich sah nur das mürrische Gesicht
eines alten Knechts, der mir das Essen brachte und abends die Lampe
ansteckte. Da ließ die gespannte Stimmung nach, in der es mir war,
als stehe ich im lustigen Kampfe auf Leben und Tod, den ich wie ein
wackrer Streiter ausfechten werde. Ich fiel in ein trübes, düsteres
Hinbrüten, alles schien mir gleichgültig, selbst Aureliens Bild war
verschwunden. Doch bald rüttelte sich der Geist wieder auf, aber nur um
stärker von dem unheimlichen, krankhaften Gefühl befangen zu werden,
das die Einsamkeit, die dumpfe Kerkerluft erzeugt hatte, und dem ich
nicht zu widerstehen vermochte. Ich konnte nicht mehr schlafen. In den
wunderlichen Reflexen, die der düstere, flackernde Schein der Lampe
an Wände und Decke warf, grinsten mich allerlei verzerrte Gesichter
an; ich löschte die Lampe aus, ich barg mich in die Strohkissen, aber
gräßlicher tönte dann das dumpfe Stöhnen, das Kettengerassel der
Gefangenen durch die grauenvolle Stille der Nacht. Oft war es mir, als
hörte ich Euphemiens -- Viktorins Todesröcheln. „Bin ich denn schuld
an euerm Verderben? wart ihr es nicht selbst, Verruchte! die ihr euch
hingabt meinem rächenden Arm?“ -- So schrie ich laut auf, aber dann
ging ein langer, tief ausatmender Todesseufzer durch die Gewölbe, und
in wilder Verzweiflung heulte ich: „Du bist es Hermogen! ... nah ist
die Rache! ... Keine Rettung mehr!“ -- In der neunten Nacht mochte es
sein, als ich, halb ohnmächtig von Grauen und Entsetzen, auf dem kalten
Boden des Gefängnisses ausgestreckt lag. Da vernahm ich deutlich unter
mir ein leises, abgemessenes Klopfen. Ich horchte auf, das Klopfen
dauerte fort, und dazwischen lachte es seltsamlich aus dem Boden
hervor! -- Ich sprang auf, und warf mich auf das Strohlager, aber
immerfort klopfte es und lachte und stöhnte dazwischen. -- Endlich
rief es leise, leise, aber wie mit häßlicher, heiserer, stammelnder
Stimme hintereinander fort. Me-dar-dus! Me-dar-dus! -- Ein Eisstrom goß
sich mir durch die Glieder! Ich ermannte mich und rief: Wer da! Wer
ist da? -- Lauter lachte es nun und stöhnte und ächzte und klopfte und
stammelte heiser: Me-dar-dus ... Me-dar-dus! -- Ich raffte mich auf vom
Lager. „Wer du auch bist, der du hier tollen Spuk treibst, stell dich
her sichtbarlich vor meine Augen, daß ich dich schauen mag, oder höre
auf mit deinem wüsten Lachen und Klopfen!“ -- So rief ich in die dicke
Finsternis hinein, aber recht unter meinen Füßen klopfte es stärker
und stammelte: Hihihi ... hihihi ... Brü-der-lein ... Brü-der-lein ...
Me-dar-dus ... ich bin da ... bin da ... ma-mach auf ... auf ... wir
wollen in den Wa-Wald gehn ... Wald gehn! -- Jetzt tönte die Stimme
dunkel in meinem Innern wie bekannt; ich hatte sie schon sonst gehört,
doch nicht, wie mich es dünkte, so abgebrochen und so stammelnd. Ja,
mit Entsetzen glaubte ich, meinen eigenen Sprachton zu vernehmen.
Unwillkürlich, als wollte ich es versuchen, ob es dem so sei, stammelte
ich nach: Me-dar-dus ... Me-dar-dus! Da lachte es wieder, aber höhnisch
und grimmig, und rief: Brü-der-lein ... Brü-der-lein, hast ... du, du
mi-mich erkannt ... erkannt? ... ma-mach auf ... wir wo-wollen in den
Wa-Wald ... in den Wald! -- Armer Wahnsinniger, so sprach es dumpf und
schauerlich aus mir heraus, armer Wahnsinniger, nicht aufmachen kann
ich dir, nicht heraus mit dir in den schönen Wald, in die herrliche,
freie Frühlingsluft, die draußen wehen mag; eingesperrt im dumpfen,
düstern Kerker bin ich wie du! -- Da ächzte es im trostlosen Jammer,
und immer leiser und vernehmlicher wurde das Klopfen, bis es endlich
ganz schwieg; der Morgen brach durch das Fenster, die Schlösser
rasselten, und der Kerkermeister, den ich die ganze Zeit über nicht
gesehen, trat herein. „Man hat“, fing er an, „in dieser Nacht allerlei
Lärm in Ihrem Zimmer gehört und lautes Sprechen. Wie ist es damit?“ --
Ich habe die Gewohnheit, erwiderte ich so ruhig, als es mir nur möglich
war, laut und stark im Schlafe zu reden, und führte ich auch im Wachen
Selbstgespräche, so glaube ich, daß mir dies wohl erlaubt sein wird.
-- „Wahrscheinlich“, fuhr der Kerkermeister fort, „ist Ihnen bekannt
worden, daß jeder Versuch zu entfliehen, jedes Einverständnis mit den
Mitgefangenen hart geahndet wird.“ -- Ich beteuerte, nichts dergleichen
hätte ich vor. -- Ein paar Stunden nachher führte man mich hinauf
zum Kriminalgericht. Nicht der Richter, der mich zuerst vernommen,
sondern ein anderer, ziemlich junger Mann, dem ich auf den ersten Blick
anmerkte, daß er dem vorigen an Gewandtheit und eindringendem Sinn
weit überlegen sein müsse, trat freundlich auf mich zu und lud mich
zum Sitzen ein. Noch steht er mir gar lebendig vor Augen. Er war für
seine Jahre ziemlich untersetzt, sein Kopf beinahe haarlos, er trug
eine Brille. In seinem ganzen Wesen lag so viel Güte und Gemütlichkeit,
daß ich wohl fühlte, gerade deshalb müsse jeder nicht ganz verstockte
Verbrecher ihm schwer widerstehen können. Seine Fragen warf er leicht,
beinahe im Konversationston hin, aber sie waren überdacht und so
präzis gestellt, daß nur bestimmte Antworten erfolgen konnten. „Ich
muß Sie zuvörderst fragen, (so fing er an) ob alles das, was Sie über
Ihren Lebenslauf angegeben haben, wirklich gegründet ist, oder ob bei
reiflichem Nachdenken Ihnen nicht dieser oder jener Umstand einfiel,
den Sie noch erwähnen wollen?“
„Ich habe alles gesagt, was ich über mein einfaches Leben zu sagen
wußte.“
„Haben Sie nie mit Geistlichen ... mit Mönchen Umgang gepflogen?“
„Ja, in Krakau ... Danzig ... Frauenburg ... Königsberg. Am letzteren
Ort mit den Weltgeistlichen, die bei der Kirche als Pfarrer und
Kapellan angestellt waren.“
„Sie haben früher nicht erwähnt, daß Sie auch in Frauenburg gewesen
sind?“
„Weil ich es nicht der Mühe wert hielt, eines kurzen, wie mich dünkt,
achttägigen Aufenthalts dort, auf der Reise von Danzig nach Königsberg
zu erwähnen.“
„Also in Kwiecziczewo sind Sie geboren?“
Dies frug der Richter plötzlich in polnischer Sprache, und zwar in
echt polnischem Dialekt, jedoch ebenfalls ganz leichthin. Ich wurde in
der Tat einen Augenblick verwirrt, raffte mich jedoch zusammen, besann
mich auf das wenige Polnische, was ich von meinem Freunde Krczynski im
Seminar gelernt hatte, und antwortete:
„Auf dem kleinen Gute meines Vaters bei Kwiecziczewo.“
„Wie hieß dieses Gut?“
„Krziniewo, das Stammgut meiner Familie.“
„Sie sprechen für einen Nationalpolen das Polnische nicht sonderlich
aus. Aufrichtig gesagt, in ziemlich deutschem Dialekt. Wie kommt das?“
„Schon seit vielen Jahren spreche ich nichts als deutsch. Ja selbst
schon in Krakau hatte ich viel Umgang mit Deutschen, die das Polnische
von mir erlernen wollten; unvermerkt mag ich ihren Dialekt mir
angewöhnt haben, wie man leicht provinzielle Aussprache annimmt, und
die bessere, eigentümliche darüber vergißt.“
Der Richter blickte mich an, ein leises Lächeln flog über sein Gesicht,
dann wandte er sich zum Protokollführer und diktierte ihm leise etwas.
Ich unterschied deutlich die Worte: „Sichtlich in Verlegenheit“ und
wollte mich eben noch mehr über mein schlechtes Polnisch auslassen, als
der Richter frug:
„Waren Sie niemals in B.?“
„Niemals!“
„Der Weg von Königsberg hierher kann Sie über den Ort geführt haben?“
„Ich habe eine andere Straße eingeschlagen.“
„Haben Sie nie einen Mönch aus dem Kapuzinerkloster in B. kennen
gelernt?“
„Nein!“
Der Richter klingelte und gab dem hereintretenden Gerichtsdiener leise
einen Befehl. Bald darauf öffnete sich die Türe und wie durchbebten
mich Schreck und Entsetzen, als ich den Pater Cyrillus eintreten sah.
Der Richter frug:
„Kennen Sie diesen Mann?“
„Nein! ... ich habe ihn früher niemals gesehen!“
Da heftete Cyrillus den starren Blick auf mich, dann trat er näher;
er schlug die Hände zusammen und rief laut, indem Tränen ihm aus den
Augen gewaltsam hervorquollen: „Medardus, Bruder Medardus! ... um
Christus willen, wie muß ich dich wiederfinden, im Verbrechen teuflisch
frevelnd. Bruder Medardus, gehe in dich, bekenne, bereue ... Gottes
Langmut ist unendlich!“ -- Der Richter schien mit Cyrillus Rede
unzufrieden, er unterbrach ihn mit der Frage: „Erkennen Sie diesen
Mann für den Mönch Medardus aus dem Kapuzinerkloster in B.?“
„So wahr mir Christus helfe zur Seligkeit,“ erwiderte Cyrillus, „so
kann ich nicht anders glauben, als dieser Mann, trägt er auch weltliche
Kleidung, jener Medardus ist, der im Kapuzinerkloster zu B. unter
meinen Augen Noviz war und die Weihe empfing. Doch hat Medardus das
rote Zeichen eines Kreuzes an der linken Seite des Halses, und wenn
dieser Mann ...“ „Sie bemerken,“ unterbrach der Richter den Mönch, sich
zu mir wendend, „daß man Sie für den Kapuziner Medardus aus dem Kloster
in B. hält, und daß man eben diesen Medardus schwerer Verbrechen
halber angeklagt hat. Sind Sie nicht dieser Mönch, so wird es Ihnen
leicht werden, dies darzutun; eben daß jener Medardus ein besonderes
Abzeichen am Halse trägt, -- welches Sie, sind Ihre Angaben richtig,
nicht haben können -- gibt Ihnen die beste Gelegenheit dazu. Entblößen
Sie Ihren Hals.“ -- „Es bedarf dessen nicht,“ erwiderte ich gefaßt,
„ein besonderes Verhängnis scheint mir die treueste Ähnlichkeit mit
jenem angeklagten, mir gänzlich unbekannten, Mönch Medardus gegeben
zu haben, denn selbst ein rotes Kreuzzeichen trage ich an der linken
Seite des Halses.“ -- Es war dem wirklich so, jene Verwundung am Halse,
die mir das diamantne Kreuz der Äbtissin zufügte, hatte eine rote
kreuzförmige Narbe hinterlassen, die die Zeit nicht vertilgen konnte.
„Entblößen Sie Ihren Hals,“ wiederholte der Richter. -- Ich tat es, da
schrie Cyrillus laut: „Heilige Mutter Gottes, es ist es, es ist das
rote Kreuzzeichen! ... Medardus ... Ach, Bruder Medardus, hast du denn
ganz entsagt dem ewigen Heil?“ -- Weinend und halb ohnmächtig sank er
in einen Stuhl. „Was erwidern Sie auf die Behauptung dieses ehrwürdigen
Geistlichen?“ frug der Richter. In dem Augenblick durchfuhr es mich
wie eine Blitzesflamme; alle Verzagtheit, die mich zu übermannen
drohte, war von mir gewichen, ach, es war der Widersacher selbst, der
mir zuflüsterte: „Was vermögen diese Schwächlinge gegen dich Starken
in Sinn und Geist? ... Soll Aurelie denn nicht dein werden?“ -- Ich
fuhr heraus beinahe in wildem, höhnendem Trotz: „Dieser Mönch da, der
ohnmächtig im Stuhle liegt, ist ein schwachsinniger, blöder Greis, der
in toller Einbildung mich für irgend einen verlaufenen Kapuziner seines
Klosters hält, von dem ich vielleicht eine flüchtige Ähnlichkeit
trage.“ -- Der Richter war bis jetzt in ruhiger Fassung geblieben, ohne
Blick und Ton zu ändern; zum erstenmal verzog sich nun sein Gesicht zum
finstern, durchbohrenden Ernst, er stand auf und blickte mir scharf
ins Auge. Ich muß gestehen, selbst das Funkeln seiner Gläser hatte
für mich etwas Unerträgliches, Entsetzliches, ich konnte nicht weiter
reden; von innerer verzweifelnder Wut grimmig erfaßt, die geballte
Faust vor der Stirn, schrie ich laut auf: „Aurelie!“ -- „Was soll
das, was bedeutet der Name?“ frug der Richter heftig. -- „Ein dunkles
Verhängnis opfert mich dem schmachvollen Tode,“ sagte ich dumpf, „aber
ich bin unschuldig, gewiß ... ich bin ganz unschuldig ... entlassen
Sie mich ... haben Sie Mitleiden ... ich fühle es, daß Wahnsinn mir
durch Nerv und Adern zu toben beginnt ... entlassen Sie mich!“ -- Der
Richter, wieder ganz ruhig geworden, diktierte dem Protokollführer
vieles, was ich nicht verstand, endlich las er mir eine Verhandlung
vor, worin alles was er gefragt und was ich geantwortet, sowie, was
sich mit Cyrillus zugetragen hatte, verzeichnet war. Ich mußte meinen
Namen unterschreiben, dann forderte mich der Richter auf, irgend etwas
polnisch und deutsch aufzuzeichnen, ich tat es. Der Richter nahm das
deutsche Blatt und gab es dem Pater Cyrillus, der sich unterdessen
wieder erholt hatte, mit der Frage in die Hände: „Haben diese
Schriftzüge Ähnlichkeit mit der Hand, die Ihr Klosterbruder Medardus
schrieb? -- „Es ist ganz genau seine Hand, bis auf die kleinsten
Eigentümlichkeiten,“ erwiderte Cyrillus, und wandte sich wieder zu
mir. Er wollte sprechen, ein Blick des Richters wies ihn zur Ruhe. Der
Richter sah das von mir geschriebene polnische Blatt sehr aufmerksam
durch, dann stand er auf, trat dicht vor mir hin, und sagte mit sehr
ernstem, entscheidendem Ton:
„Sie sind kein Pole. Diese Schrift ist durchaus unrichtig, voller
grammatischer und orthographischer Fehler. Kein Nationalpole schreibt
so, wäre er auch viel weniger wissenschaftlich ausgebildet, als Sie es
sind.“
„Ich bin in Krcziniewo geboren, folglich allerdings ein Pole. Selbst
aber in dem Fall, daß ich es nicht wäre, daß geheimnisvolle Umstände
mich zwängen, Stand und Namen zu verleugnen, so würde ich deshalb doch
nicht der Kapuziner Medardus sein dürfen, der aus dem Kloster in B.,
wie ich glauben muß, entsprang.“
„Ach Bruder Medardus,“ fiel Cyrillus ein, „schickte dich unser
ehrwürdiger Prior Leonardus nicht im Vertrauen auf deine Treue und
Frömmigkeit nach Rom?... Bruder Medardus! um Christus willen, verleugne
nicht länger auf gottlose Weise den heiligen Stand, dem du entronnen.“
„Ich bitte Sie, uns nicht zu unterbrechen,“ sagte der Richter, und fuhr
dann, sich zu mir wendend, fort:
„Ich muß Ihnen merklich machen, wie die unverdächtige Aussage dieses
ehrwürdigen Herrn die dringendste Vermutung bewirkt, daß Sie wirklich
der Medardus sind, für den man Sie hält. Nicht verhehlen mag ich auch,
daß man Ihnen mehrere Personen entgegenstellen wird, die Sie für jenen
Mönch unzweifelhaft erkannt haben. Unter diesen Personen befindet sich
eine, die Sie, treffen die Vermutungen ein, schwer fürchten müssen. Ja
selbst unter Ihren eigenen Sachen hat sich manches gefunden, was den
Verdacht wider Sie unterstützt. Endlich werden bald die Nachrichten
über Ihre vorgeblichen Familienumstände eingehen, um die man die
Gerichte in Posen ersucht hat ... Alles dieses sage ich Ihnen offner,
als es mein Amt gebietet, damit Sie sich überzeugen, wie wenig ich auf
irgend einen Kunstgriff rechne, Sie, haben jene Vermutungen Grund, zum
Geständnis der Wahrheit zu bringen. Bereiten Sie sich vor, wie Sie
wollen; sind Sie wirklich jener angeklagte Medardus, so glauben Sie,
daß der Blick des Richters die tiefste Verhüllung bald durchdringen
wird; Sie werden dann auch selbst sehr genau wissen, welcher Verbrechen
man Sie anklagt. Sollten Sie dagegen wirklich der Leonard von Krczynki
sein, für den Sie sich ausgeben, und ein besonderes Spiel der Natur
Sie, selbst rücksichts besonderer Abzeichen, jenem Medardus ähnlich
gemacht haben, so werden Sie selbst leicht Mittel finden, dies klar
nachzuweisen. Sie schienen mir erst in einem sehr exaltierten Zustande,
schon deshalb brach ich die Verhandlung ab, indessen wollte ich Ihnen
zugleich auch Raum geben zum reiflichen Nachdenken. Nach dem, was heute
geschehen, kann es Ihnen an Stoff dazu nicht fehlen.“
„Sie halten also meine Angaben durchaus für falsch? ... Sie sehen in
mir den verlaufenen Mönch Medardus?“ -- So frug ich; der Richter sagte
mit einer leichten Verbeugung: „Adieu, Herr von Krczynski!“ und man
brachte mich in den Kerker zurück.
Die Worte des Richters durchbohrten mein Innres wie glühende Stacheln.
Alles, was ich vorgegeben, kam mir seicht und abgeschmackt vor. Daß
die Person, der ich entgegengestellt werden und die ich so schwer
zu fürchten haben sollte, Aurelie sein mußte, war nur zu klar. Wie
sollt ich das ertragen! Ich dachte nach, was unter meinen Sachen
wohl verdächtig sein könne, da fiel es mir schwer aufs Herz, daß ich
noch aus jener Zeit meines Aufenthaltes auf dem Schlosse des Barons
von F. einen Ring mit Euphemiens Namen besaß, sowie, daß Viktorins
Felleisen, das ich auf meiner Flucht mit mir genommen, noch mit dem
Kapuzinerstrick zugeschnürt war! -- Ich hielt mich für verloren!
-- Verzweifelnd rannte ich den Kerker auf und ab. Da war es, als
flüsterte, als zischte es mir in die Ohren: Du Tor, was verzagst du?
denkst du nicht an Viktorin? -- Laut rief ich: „Ha! nicht verloren,
gewonnen ist das Spiel.“ Es arbeitete und kochte in meinem Innern! --
Schon früher hatte ich daran gedacht, daß unter Euphemiens Papieren
sich wohl etwas gefunden haben müsse, was auf Viktorins Erscheinen auf
dem Schlosse als Mönch hindeute. Darauf mich stützend, wollte ich auf
irgend eine Weise ein Zusammentreffen mit Viktorin, ja selbst mit dem
Medardus, für den man mich hielt, vorgeben; jenes Abenteuer auf dem
Schlosse, das so fürchterlich endete, als von Hörensagen erzählen,
und mich selbst, meine Ähnlichkeit mit jenen beiden, auf unschädliche
Weise geschickt hinein verflechten. Der kleinste Umstand mußte reiflich
erwogen werden; aufzuschreiben beschloß ich daher den Roman, der
mich retten sollte! -- Man bewilligte mir die Schreibematerialien,
die ich forderte, um schriftlich noch manchen verschwiegenen Umstand
meines Lebens zu erörtern. Ich arbeitete mit Anstrengung bis in die
Nacht hinein; im Schreiben erhitzte sich meine Fantasie, alles formte
sich wie eine geründete Dichtung, und fester und fester spann sich
das Gewebe endloser Lügen, womit ich dem Richter die Wahrheit zu
verschleiern hoffte.
Die Burgglocke hatte zwölf geschlagen, als sich wieder leise und
entfernt das Pochen vernehmen ließ, das mich gestern so verstört
hatte. -- Ich wollte nicht darauf achten, aber immer lauter pochte
es in abgemessenen Schlägen, und dabei fing es wieder an, dazwischen
zu lachen und zu ächzen. -- Stark auf den Tisch schlagend, rief ich
laut: „Still ihr da drunten!“ und glaubte mich so von dem Grauen, das
mich befing, zu ermutigten; aber da lachte es gellend und schneidend
durch das Gewölbe und stammelte: „Brü-der-lein, Brü-der-lein ... zu
dir her-auf ... herauf ... ma-mach auf ... mach auf!“ -- Nun begann
es dicht neben mir im Fußboden zu schaben, zu rasseln und zu kratzen,
und immer wieder lachte es und ächzte; stärker und immer stärker wurde
das Geräusch, das Rasseln, das Kratzen -- dazwischen dumpf dröhnende
Schläge wie das Fallen schwerer Massen. -- Ich war aufgestanden,
mit der Lampe in der Hand. Da rührte es sich unter meinem Fuß, ich
schritt weiter und sah, wie an der Stelle, wo ich gestanden, sich
ein Stein des Pflasters losbröckelte. Ich erfaßte ihn und hob ihn
mit leichter Mühe vollends heraus. Ein düstrer Schein brach durch
die Öffnung, ein nackter Arm mit einem blinkenden Messer in der
Hand streckte sich mir entgegen. Von tiefem Entsetzen durchschauert
bebte ich zurück. Da stammelte es von unten herauf: „Brü-der-lein,
Medar-dus ist da-da, herauf ... nimm, nimm! ... brich ... brich ...
in den Wa-Wald ... in den Wald! -- Schnell dachte ich Flucht und
Rettung; alles Grauen überwunden ergriff ich das Messer, das die
Hand mir willig ließ, und fing an, den Mörtel zwischen den Steinen
des Fußbodens emsig wegzubrechen. Der, der unten war, drückte wacker
herauf. Vier, fünf Steine lagen zur Seite weggeschleudert, da erhob
sich plötzlich ein nackter Mensch bis an die Hüften aus der Tiefe
empor und starrte mich gespenstisch an mit des Wahnsinns grinsendem,
entsetzlichem Gelächter. Der volle Schein der Lampe fiel auf das
Gesicht -- ich erkannte mich selbst -- mir vergingen die Sinne. -- Ein
empfindlicher Schmerz an den Armen weckte mich aus tiefer Ohnmacht;
hell war es um mich her; der Kerkermeister stand mit einer blendenden
Leuchte vor mir, Kettengerassel und Hammerschläge hallten durch das
Gewölbe. Man war beschäftigt mich in Fesseln zu schmieden. Außer den
Hand- und Fußschellen wurde ich mittelst eines Ringes um den Leib
und einer daran befestigten Kette an die Mauer gefesselt. „Nun wird
es der Herr wohl bleiben lassen, an das Durchbrechen zu denken,“
sagte der Kerkermeister. -- Was hat denn der Kerl eigentlich getan?“
frug ein Schmiedeknecht. „Ei,“ erwiderte der Kerkermeister, „weißt
du denn das nicht, Jost? ... die ganze Stadt ist ja davon voll. ’s
ist ein verfluchter Kapuziner, der drei Menschen ermordet hat. Sie
haben’s schon ganz heraus. In wenigen Tagen haben wir große Gala,
da werden die Räder spielen.“ -- Ich hörte nichts mehr, denn aufs
neue entschwanden mir Sinn und Gedanken. Nur mühsam erholte ich mich
aus der Betäubung, finster blieb es, endlich brachen einige matte
Streiflichter des Tages herein in das niedrige, kaum sechs Fuß hohe
Gewölbe, in das, wie ich jetzt zu meinem Entsetzen wahrnahm, man mich
aus meinem vorigen Kerker gebracht hatte. Mich dürstete, ich griff
nach dem Wasserkruge, der neben mir stand, feucht und kalt schlüpfte
es mir durch die Hand, ich sah eine aufgedunsene, scheußliche Kröte
schwerfällig davonhüpfen. Voll Ekel und Abscheu ließ ich den Krug
fahren. „Aurelie!“ stöhnte ich auf in dem Gefühl des namenlosen Elends,
das nun über mich hereingebrochen. „Und darum das armselige Leugnen
und Lügen vor Gericht? -- alle gleißnerischen Künste des teuflischen
Heuchlers? -- darum, um ein zerrissenes, qualvolles Leben einige
Stunden länger zu fristen? Was willst du, Wahnsinniger! Aurelien
besitzen, die nur durch ein unerhörtes Verbrechen dein werden konnte?
-- denn immerdar, lügst du auch der Welt deine Unschuld vor, würde sie
in dir Hermogens verruchten Mörder erkennen und dich tief verabscheuen.
Elender, wahnwitziger Tor, wo sind nun deine hochfliegenden Pläne, der
Glaube an deine überirdische Macht, womit du das Schicksal selbst nach
Willkür zu lenken wähntest; nicht zu töten vermagst du den Wurm, der an
deinem Herzmark mit tödlichen Bissen nagt, schmachvoll verderben wirst
du in trostlosem Jammer, wenn der Arm der Gerechtigkeit auch deiner
schont.“ So laut klagend, warf ich mich auf das Stroh und fühlte in dem
Augenblick einen Druck auf der Brust, der von einem harten Körper in
der Busentasche meiner Weste herzurühren schien. Ich faßte hinein und
zog ein kleines Messer hervor. Nie hatte ich, solange ich im Kerker
war, ein Messer bei mir getragen, es mußte daher dasselbe sein, das mir
mein gespenstisches Ebenbild heraufgereicht hatte. Mühsam stand ich auf
und hielt das Messer in den stärker hereinbrechenden Lichtstrahl. Ich
erblickte das silberne, blinkende Heft. Unerforschliches Verhängnis!
es war dasselbe Messer, womit ich Hermogen getötet und das ich seit
einigen Wochen vermißt hatte. Aber nun ging plötzlich in meinem Innern,
wunderbar leuchtend, Trost und Rettung von der Schmach auf. Die
unbegreifliche Art wie ich das Messer erhalten, war mir ein Fingerzeig
der ewigen Macht, wie ich meine Verbrechen büßen, wie ich im Tode
Aurelien versöhnen solle. Wie ein göttlicher Strahl im reinen Feuer,
durchglühte mich nun die Liebe zu Aurelien, jede sündliche Begierde war
von mir gewichen. Es war mir, als sähe ich sie selbst, wie damals, als
sie am Beichtstuhl in der Kirche des Kapuzinerklosters erschien. „Wohl
liebe ich dich, Medardus, aber du verstandest mich nicht! ... meine
Liebe ist der Tod!“ -- so umsäuselte und umflüsterte mich Aureliens
Stimme, und fest stand mein Entschluß, dem Richter frei die merkwürdige
Geschichte meiner Verirrungen zu gestehen, und dann mir den Tod zu
geben.
Der Kerkermeister trat herein und brachte mir bessere Speisen als
ich sonst zu erhalten pflegte, sowie eine Flasche Wein. -- „Vom
Fürsten so befohlen,“ sprach er, indem er den Tisch, den ihm sein
Knecht nachtrug, deckte, und die Kette die mich an die Wand fesselte,
losschloß. Ich bat ihn, dem Richter zu sagen, daß ich vernommen zu
werden wünsche, weil ich vieles zu eröffnen hätte, was mir schwer
auf dem Herzen liege. Er versprach meinen Auftrag auszurichten,
indessen wartete ich vergebens, daß man mich zum Verhör abholen
solle; niemand ließ sich mehr sehen, bis der Knecht, als es schon
ganz finster geworden, hereintrat und die am Gewölbe hängende Lampe
anzündete. In meinem Innern war es ruhiger als jemals, doch fühlte
ich mich sehr erschöpft und versank bald in tiefen Schlaf. Da wurde
ich in einen langen, düstern, gewölbten Saal geführt, in dem ich
eine Reihe in schwarzen Talaren gekleideter Geistlicher erblickte,
die der Wand entlang auf hohen Stühlen saßen. Vor ihnen, an einem
mit blutroter Decke behangenen Tisch, saß der Richter, und neben ihm
ein Dominikaner im Ordenshabit. „Du bist jetzt,“ sprach der Richter
mit feierlich erhabener Stimme, „dem geistlichen Gericht übergeben,
da du verstockter, frevelicher Mönch, vergebens deinen Stand und
Namen verleugnet hast. Franciskus, mit dem Klosternamen Medardus
genannt, sprich, welcher Verbrechen bist du beziehen worden?“ -- Ich
wollte alles, was ich je Sündhaftes und Freveliches begangen, offen
eingestehen, aber zu meinem Entsetzen war das, was ich sprach, durchaus
nicht das, was ich dachte und sagen wollte. Statt des ernsten, reuigen
Bekenntnisses verlor ich mich in ungereimte, unzusammenhängende
Reden. Da sagte der Dominikaner, riesengroß vor mir stehend und mit
gräßlich funkelndem Blick mich durchbohrend: „Auf die Folter mit
dir, du halsstarriger, verstockter Mönch.“ Die seltsamen Gestalten
rings umher erhoben sich und streckten ihre langen Arme nach mir
aus, und riefen in heiserem, grausigem Einklang: „Auf die Folter mit
ihm.“ Ich riß das Messer heraus und stieß nach meinem Herzen, aber
der Arm fuhr unwillkürlich herauf; ich traf den Hals und am Zeichen
des Kreuzes sprang die Klinge wie in Glasscherben, ohne mich zu
verwunden. Da ergriffen mich die Henkersknechte und stießen mich hinab
in ein tiefes unterirdisches Gewölbe. Der Dominikaner und der Richter
stiegen mir nach. Noch einmal forderte mich dieser auf, zu gestehen.
Nochmals strengte ich mich an, aber in tollem Zwiespalt stand Rede
und Gedanke. -- Reuevoll, zerknirscht von tiefer Schmach bekannte ich
im Innern alles -- abgeschmackt, verwirrt, sinnlos war, was der Mund
ausstieß. Auf den Wink des Dominikaners zogen mich die Henkersknechte
nackt aus, schnürten mir beide Arme über den Rücken zusammen, und
hinaufgewunden fühlte ich, wie die ausgedehnten Gelenke knackend
zerbröckeln wollten. In heillosem, wütendem Schmerz schrie ich laut
auf und erwachte. Der Schmerz an den Händen und Füßen dauerte fort,
er rührte von den schweren Ketten her, die ich trug, doch empfand ich
noch außerdem einen Druck über den Augen, die ich nicht aufzuschlagen
vermochte. Endlich war es, als würde plötzlich eine Last mir von der
Stirn genommen, ich richtete mich schnell empor, ein Dominikanermönch
stand vor meinem Strohlager. Mein Traum trat in das Leben, eiskalt
rieselte es mir durch die Adern. Unbeweglich, wie eine Bildsäule, mit
übereinander geschlagenen Armen stand der Mönch da und starrte mich
an mit den hohlen schwarzen Augen. Ich erkannte den gräßlichen Maler
und fiel halb ohnmächtig auf mein Strohlager zurück. -- Vielleicht
war es nur eine Täuschung der durch den Traum aufgeregten Sinne? Ich
ermannte mich, ich richtete mich auf, aber unbeweglich stand der
Mönch und starrte mich an mit den hohlen, schwarzen Augen. Da schrie
ich in wahnsinniger Verzweiflung: „Entsetzlicher Mensch ... hebe dich
weg! ... Nein! ... Kein Mensch, du bist der Widersacher selbst, der
mich stürzen will in ewige Verderbnis ... hebe dich weg, Verruchter!
hebe dich weg!“ -- „Armer kurzsichtiger Tor, ich bin nicht der, der
dich ganz unauflöslich zu umstricken strebt mit ehernen Banden! -- der
dich abwendig machen will dem heiligen Werk, zu dem dich die ewige
Macht berief! -- Medardus! -- armer kurzsichtiger Tor! -- schreckbar,
grauenvoll bin ich dir erschienen, wenn du über dem offenen Grabe
ewiger Verdammnis leichtsinnig gaukeltest. Ich warnte dich, aber du
hast mich nicht verstanden! Auf! nähere dich mir!“ Der Mönch sprach
alles dieses im dumpfen Ton der tiefen, herzzerschneidendsten Klage;
sein Blick, mir sonst so fürchterlich, war sanft und milde geworden,
weicher die Form seines Gesichts. Eine unbeschreibliche Wehmut
durchbebte mein Innerstes; wie ein Gesandter der ewigen Macht, mich
aufzurichten, mich zu trösten im endlosen Elend, erschien mir der sonst
so schreckliche Maler. -- Ich stand auf vom Lager, ich trat ihm nahe,
es war kein Phantom, ich berührte sein Kleid; ich kniete unwillkürlich
nieder, er legte die Hand auf mein Haupt, wie mich segnend. Da gingen
in lichten Farben herrliche Gebilde in mir auf. -- Ach! ich war in dem
heiligen Walde! -- ja es war derselbe Platz, wo in früher Kindheit
der fremdartig gekleidete Pilger mir den wunderbaren Knaben brachte.
Ich wollte fortschreiten, ich wollte hinein in die Kirche, die ich
dicht vor mir erblickte. Dort sollte ich (so war es mir) büßend und
bereuend Ablaß erhalten von schwerer Sünde. Aber ich blieb regungslos
-- mein eignes Ich konnte ich nicht erschauen, nicht erfassen. Da
sprach eine dumpfe, hohle Stimme: „Der Gedanke ist die Tat!“ -- Die
Träume verschwebten; es war der Maler, der jene Worte gesprochen.
„Unbegreifliches Wesen, warst du es denn selbst? an jenem unglücklichen
Morgen in der Kapuzinerkirche zu B.?, in der Reichsstadt, und nun?“ --
„Halt ein,“ unterbrach mich der Maler, „ich war es, der überall dir
nahe war, um dich zu retten von Verderben und Schmach, aber dein Sinn
blieb verschlossen! Das Werk, zu dem du erkoren, mußt du vollbringen
zu deinem eignen Heil.“ -- „Ach,“ rief ich voll Verzweiflung, „warum
hieltst du nicht meinen Arm zurück, als ich in verruchtem Frevel jenen
Jüngling ...“ „Das war mir nicht vergönnt,“ fiel der Maler ein, „frage
nicht weiter, vermessen ist es, vorgreifen zu wollen dem, was die ewige
Macht beschlossen ... Medardus! du gehst deinem Ziel entgegen ...
morgen!“ -- Ich erbebte in einem eiskalten Schauer, denn ich glaubte,
den Maler ganz zu verstehen. Er wußte und billigte den beschlossenen
Selbstmord. Der Maler wankte mit leisem Tritt nach der Tür des Kerkers.
„Wann, wann sehe ich dich wieder?“ -- „Am Ziele!“ rief er, sich noch
einmal nach mir umwendend, feierlich und stark, daß das Gewölbe dröhnte
-- „Also morgen?“ -- Leise drehte sich die Türe in den Angeln, der
Maler war verschwunden. --
Sowie der helle Tag nur angebrochen, erschien der Kerkermeister mit
seinen Knechten, die mir die Fesseln von den wunden Armen und Füßen
ablösten. Ich solle bald zum Verhör hinaufgeführt werden, hieß es.
Tief in mich gekehrt, mit dem Gedanken des nahen Todes vertraut,
schritt ich hinauf in den Gerichtssaal; mein Bekenntnis hatte ich im
Innern so geordnet, daß ich dem Richter eine kurze, aber den kleinsten
Umstand mit aufgreifende Erzählung zu machen hoffte. Der Richter kam
mir schnell entgegen, ich mußte höchst entstellt aussehen, denn bei
meinem Anblick verzog sich schnell das freudige Lächeln, das erst
auf seinem Gesicht schwebte, zur Miene des tiefsten Mitleids. Er
faßte meine beiden Hände und schob mich sanft in seinen Lehnstuhl.
Dann mich starr anschauend, sagte er langsam und feierlich: „Herr
von Krczynski! ich habe Ihnen Frohes zu verkünden! Sie sind frei!
Die Untersuchung ist auf Befehl des Fürsten niedergeschlagen worden.
Man hat Sie mit einer andern Person verwechselt, woran ihre ganz
unglaubliche Ähnlichkeit mit dieser Person schuld ist. Klar, ganz
klar ist Ihre Schuldlosigkeit dargetan! ... Sie sind frei!“ -- Es
schwirrte und sauste und drehte sich alles um mich her. -- Des Richters
Gestalt blinkte, hundertfach vervielfältigt, durch den düstern Nebel,
alles schwand in dicker Finsternis. -- Ich fühlte endlich, daß man
mir die Stirne mit starkem Wasser rieb, und erholte mich aus dem
ohnmachtähnlichen Zustande, in den ich versunken. Der Richter las mir
ein kurzes Protokoll vor, welches sagte, daß er mir die Niederschlagung
des Prozesses bekannt gemacht, und meine Entlassung aus dem Kerker
bewirkt habe. Ich unterschrieb schweigend, keines Wortes war ich
mächtig. Ein unbeschreibliches, mich im Innersten vernichtendes Gefühl
ließ keine Freude aufkommen. Sowie mich der Richter mit recht in das
Herz dringender Gutmütigkeit anblickte, war es mir, als müsse ich nun,
da man an meine Unschuld glaubte und mich freilassen wollte, allen
verruchten Frevel, den ich begangen, frei gestehen und dann mir das
Messer in das Herz stoßen. -- Ich wollte reden -- der Richter schien
meine Entfernung zu wünschen. Ich ging nach der Türe, da kam er mir
nach und sagte leise: „Nun habe ich aufgehört Richter zu sein; von
dem ersten Augenblick, als ich Sie sah, interessierten Sie mich auf
das höchste. So sehr, wie (Sie werden das selbst zugeben müssen) der
Schein wider Sie war, so wünschte ich doch gleich, daß Sie in der Tat
nicht der abscheuliche, verbrecherische Mönch sein möchten, für den
man sie hielt. Jetzt darf ich Ihnen zutraulich sagen ... Sie sind kein
Pole. Sie sind nicht in Kwiecziczewo geboren. Sie heißen nicht Leonard
von Krczynski.“ -- Mit Ruhe und Festigkeit antwortete ich. „Nein!“ --
„Und auch kein Geistlicher?“ -- frug der Richter weiter, indem er die
Augen niederschlug, wahrscheinlich um mir den Blick des Inquisitors
zu ersparen. Es wallte auf in meinem Innern. -- „So hören Sie denn,“
fuhr ich heraus -- „Still,“ unterbrach mich der Richter, „was ich
anfangs geglaubt und noch glaube, bestätigt sich. Ich sehe, daß hier
rätselhafte Umstände walten, und daß Sie selbst mit gewissen Personen
des Hofes in ein geheimnisvolles Spiel des Schicksals verflochten sind.
Es ist nicht mehr meines Berufs, tiefer einzudringen, und ich würde es
für unziemlichen Vorwitz halten, Ihnen irgend etwas über Ihre Person,
über Ihre wahrscheinlich ganz eignen Lebensverhältnisse entlocken zu
wollen! -- Doch, wie wäre es, wenn Sie, sich losreißend von allem
Ihrer Ruhe Bedrohlichem, den Ort verließen. Nach dem, was geschehen,
kann Ihnen ohnedies der Aufenthalt hier nicht wohltun.“ -- Sowie der
Richter dieses sprach, war es, als flöhen alle finstre Schatten, die
sich drückend über mich gelegt hatten, schnell von hinnen. Das Leben
war wiedergewonnen, und die Lebenslust stieg durch Nerv und Adern
glühend in mir auf. Aurelie! +sie+ dachte ich wieder, und ich sollte
jetzt fort von dem Orte, fort von ihr? -- Tief seufzte ich auf: „Und
+sie+ verlassen?“ -- Der Richter blickte mich im höchsten Erstaunen
an und sagte dann schnell: „Ach! jetzt glaube ich klar zu sehen! Der
Himmel gebe, Herr Leonard! daß eine sehr schlimme Ahnung, die mir eben
jetzt recht deutlich wird, nicht in Erfüllung gehen möge.“ -- Alles
hatte sich in meinem Innern anders gestaltet. Hin war alle Reue und
wohl mochte es beinahe frevelnde Frechheit sein, daß ich den Richter
mit erheuchelter Ruhe frug: „Und Sie halten mich doch für schuldig?“
-- „Erlauben Sie, mein Herr!“ erwiderte der Richter sehr ernst, „daß
ich meine Überzeugungen, die doch nur auf ein reges Gefühl gestützt
scheinen, für mich behalte. Es ist ausgemittelt, nach bester Form und
Weise, daß Sie nicht der Mönch Medardus sein können, da eben dieser
Medardus sich hier befindet und von dem Pater Cyrill, der sich durch
Ihre ganz genaue Ähnlichkeit täuschen ließ, anerkannt wurde, ja auch
selbst gar nicht leugnet, daß er jener Kapuziner sei. Damit ist nun
alles geschehen, was geschehen konnte, um Sie von jedem Verdacht zu
reinigen, und um so mehr muß ich glauben, daß Sie sich frei von jeder
Schuld fühlen.“ -- Ein Gerichtsdiener rief in diesem Augenblick den
Richter ab und so wurde ein Gespräch unterbrochen, als es eben begann
mich zu peinigen.
Ich begab mich nach meiner Wohnung und fand alles so wieder, wie ich
es verlassen. Meine Papiere hatte man in Beschlag genommen, in ein
Paket gesiegelt lagen sie auf meinem Schreibtische, nur Viktorins
Brieftasche, Euphemiens Ring und den Kapuzinerstrick vermißte ich,
meine Vermutungen im Gefängnisse waren daher richtig. Nicht lange
dauerte es, so erschien ein fürstlicher Diener, der mit einem
Handbillet des Fürsten mir eine goldene, mit kostbaren Steinen besetzte
Dose überreichte. „Es ist Ihnen übel mitgespielt worden, Herr von
Krczynski,“ schrieb der Fürst, „aber weder ich noch meine Gerichte sind
schuld daran. Sie sind einem sehr bösen Menschen auf ganz unglaubliche
Weise ähnlich; alles ist aber nun zu Ihrem Besten aufgeklärt; ich sende
Ihnen ein Zeichen meines Wohlwollens und hoffe, Sie bald zu sehen.“ --
Des Fürsten Gnade war mir ebenso gleichgültig als sein Geschenk; eine
düstre Traurigkeit, die geisttötend mein Inneres durchschlich, war
die Folge des strengen Gefängnisses; ich fühlte, daß mir körperlich
aufgeholfen werden müsse, und lieb war es mir daher, als der Leibarzt
erschien. Das Ärztliche war bald besprochen. „Ist es nicht,“ fing nun
der Leibarzt an, „eine besondere Fügung des Schicksals, daß eben in
dem Augenblick, als man davon überzeugt zu sein glaubt, daß Sie jener
abscheuliche Mönch sind, der in der Familie des Barons von F. so viel
Unheil anrichtete, dieser Mönch wirklich erscheint, und Sie von jedem
Verdacht rettet?“
„Ich muß versichern, daß ich von den nähern Umständen, die meine
Befreiung bewirkten, nicht unterrichtet bin; nur im allgemeinen sagte
mir der Richter, daß der Kapuziner Medardus, dem man nachspürte und für
den man mich hielt, sich hier eingefunden habe.“
„Nicht eingefunden hat er sich, sondern hergebracht ist er worden,
festgebunden auf einem Wagen, und seltsamerweise zu derselben Zeit, als
Sie hergekommen waren. Eben fällt mir ein, daß, als ich Ihnen einst
jene wunderbaren Ereignisse erzählen wollte, die sich vor einiger Zeit
an unserm Hofe zutrugen, ich gerade dann unterbrochen wurde, als ich
auf den feindlichen Medardus, Franceskos Sohn, und auf seine verruchte
Tat im Schlosse des Barons von F. gekommen war. Ich nehme den Faden
der Begebenheit da wieder auf, wo er damals abriß. -- Die Schwester
unserer Fürstin, wie Sie wissen, Äbtissin im Cisterzienserkloster zu
B., nahm einst freundlich eine arme Frau mit einem Kinde auf, die von
der Pilgerfahrt nach der heiligen Linde wiederkehrte.“
„Die Frau war Franceskos Witwe und der Knabe eben der Medardus.“
„Ganz recht, aber wie kommen Sie dazu, dies zu wissen?“
„Auf die seltsamste Weise sind mir die geheimnisvollen Lebensumstände
des Kapuziners Medardus bekannt worden. Bis zu dem Augenblick, als er
aus dem Schloß des Barons von F. entfloh, bin ich von dem, was sich
dort zutrug, genau unterrichtet.“
„Aber wie? ... von wem?“ ...
„Ein lebendiger Traum hat mir alles dargestellt.“
„Sie scherzen?“
„Keineswegs. Es ist mir wirklich so, als hätte ich träumend die
Geschichte eines Unglücklichen gehört, der, ein Spielwerk dunkler
Mächte, hin und her geschleudert und von Verbrechen zu Verbrechen
getrieben wurde. In dem ...tzer Forst hatte mich auf der Reise hierher
der Postillon irre gefahren; ich kam in das Försterhaus, und dort ...“
„Ha! ich verstehe alles, dort trafen Sie den Mönch an“ ...
„So ist es, er war aber wahnsinnig.“
„Er scheint es nicht mehr zu sein. Schon damals hatte er lichte Stunden
und vertraute Ihnen alles?“ ...
„Nicht geradezu. In der Nacht trat er, von meiner Ankunft im
Försterhause nicht unterrichtet, in mein Zimmer. Ich, mit der treuen
beispiellosen Ähnlichkeit, war ihm furchtbar. Er hielt mich für seinen
Doppelgänger, dessen Erscheinung ihm den Tod verkünde. -- Er stammelte
-- stotterte Bekenntnisse her -- unwillkürlich übermannte mich, von der
Reise ermüdet, der Schlaf; es war mir, als spreche der Mönch nun ruhig
und gefaßt weiter, und ich weiß in der Tat jetzt nicht, wo und wie der
Traum eintrat. Es dünkt mich, daß der Mönch behauptete, nicht +er+ habe
Euphemien und Hermogen getötet, sondern beider Mörder sei der Graf
Viktorin.“ --
„Sonderbar, höchst sonderbar, aber warum verschwiegen Sie das alles dem
Richter?“