2. Abschnitt.

Der Eintritt in die Welt.

In blauen Duft gehüllt, lag das Kloster unter mir im Tale; der frische

Morgenwind rührte sich und trug, die Lüfte durchstreichend, die frommen

Gesänge der Brüder zu mir herauf. Unwillkürlich stimmte ich ein. Die

Sonne trat in flammender Glut hinter der Stadt hervor, ihr funkelndes

Gold erglänzte in den Bäumen und in freudigem Rauschen fielen die

Tautropfen wie glühende Diamanten herab auf tausend bunte Insektlein,

die sich schwirrend und sumsend erhoben. Die Vögel erwachten und

flatterten, singend und jubilierend sich in froher Lust liebkosend,

durch den Wald! -- Ein Zug von Bauerburschen und festlich geschmückten

Dirnen kam den Berg herauf. „Gelobt sei Jesus Christus!“ riefen sie,

bei mir vorüberwandelnd. „In Ewigkeit!“ antwortete ich, und es war

mir, als trete ein neues Leben, voll Lust und Freiheit, mit tausend

holdseligen Erscheinungen auf mich ein! -- Nie war mir so zu Mute

gewesen, ich schien mir selbst ein andrer, und, wie von neuerweckter

Kraft beseelt und begeistert schritt ich rasch fort durch den Wald,

den Berg herab. Den Bauer, der mir jetzt in den Weg kam, frug ich

nach dem Orte, den meine Reiseroute als den ersten bezeichnete, wo

ich übernachten sollte; und er beschrieb mir genau einen nähern,

von der Heerstraße abweichenden Richtsteig mitten durchs Gebirge.

Schon war ich eine ziemliche Strecke einsam fortgewandelt, als mir

erst der Gedanke an die Unbekannte und an den fantastischen Plan sie

aufzusuchen, wiederkam. Aber ihr Bild war wie von fremder, unbekannter

Macht verwischt, so daß ich nur mit Mühe die bleichen, entstellten Züge

wiedererkennen konnte; je mehr ich trachtete, die Erscheinung im Geiste

festzuhalten, desto mehr zerrann sie in Nebel. Nur mein ausgelassenes

Betragen im Kloster nach jener geheimnisvollen Begebenheit stand mir

noch klar vor Augen. Es war mir jetzt selbst unbegreiflich, mit welcher

Langmut der Prior das alles ertragen und mich statt der wohlverdienten

Strafe in die Welt geschickt hatte. Bald war ich überzeugt, daß jene

Erscheinung des unbekannten Weibes nur eine Vision gewesen, die Folge

gar zu großer Anstrengung, und statt, wie ich sonst getan haben würde,

das verführerische, verderbliche Trugbild der steten Verfolgung des

Widersachers zuzuschreiben, rechnete ich nur der Täuschung der eignen

aufgeregten Sinne zu, da der Umstand, daß die Fremde ganz wie die

hl. Rosalia gekleidet gewesen, mir zu beweisen schien, daß das lebhafte

Bild jener Heiligen, welches ich wirklich, wiewohl in beträchtlicher

Ferne und in schiefer Richtung aus dem Beichtstuhl sehen konnte,

großen Anteil daran gehabt habe. Tief bewunderte ich die Weisheit des

Priors, der das richtige Mittel zu meiner Heilung wählte, denn, in den

Klostermauern eingeschlossen, immer von denselben Gegenständen umgeben,

immer brütend und hineinzehrend in das Innere, hätte mich jene Vision,

der die Einsamkeit glühendere, keckere Farben lieh, zum Wahnsinn

gebracht. Immer vertrauter werdend mit der Idee nur geträumt zu haben,

konnte ich mich kaum des Lachens über mich selbst erwehren, ja mit

einer Frivolität, die mir sonst nicht eigen, scherzte ich im Innern

über den Gedanken, eine Heilige in mich verliebt zu wähnen, wobei ich

zugleich daran dachte, daß ich ja selbst schon einmal der hl. Antonius

gewesen. --

Schon mehrere Tage war ich durch das Gebirge gewandelt, zwischen kühn

emporgetürmten, schauerlichen Felsenmassen, über schmale Stege, unter

denen reißende Waldbäche brausten; immer öder, immer beschwerlicher

wurde der Weg. Es war hoher Mittag, die Sonne brannte auf mein

unbedecktes Haupt, ich lechzte vor Durst, aber keine Quelle war in

der Nähe und noch immer konnte ich nicht das Dorf erreichen, auf das

ich stoßen sollte. Ganz entkräftet setzte ich mich auf ein Felsstück

und konnte nicht widerstehen einen Zug aus der Korbflasche zu tun,

unerachtet ich das seltsame Getränk soviel nur möglich aufsparen

wollte. Neue Kraft durchglühte meine Adern und erfrischt und gestärkt

schritt ich weiter, um mein Ziel, das nicht mehr fern sein konnte, zu

erreichen. Immer dichter und dichter wurde der Tannenwald, im tiefsten

Dickicht rauschte es, und bald darauf wieherte laut ein Pferd, das dort

angebunden. Ich trat einige Schritte weiter und erstarrte beinahe vor

Schreck, als ich dicht an einem jähen, entsetzlichen Abgrund stand, in

den sich, zwischen schroffen, spitzen Felsen, ein Waldbach zischend

und brausend hinabstürzte, dessen donnerndes Getöse ich schon in

der Ferne vernommen. Dicht, dicht an dem Sturz, saß auf einem über

die Tiefe hervorragenden Felsenstück ein junger Mann in Uniform,

der Hut mit dem hohen Federbusch, der Degen, ein Portefeuille lagen

neben ihm. Mit dem ganzen Körper über den Abgrund hängend, schien er

eingeschlafen und immer mehr und mehr herüber zu sinken. -- Sein Sturz

war unvermeidlich. Ich wagte mich heran; indem ich ihn mit der Hand

ergreifen und zurückhalten wollte, schrie ich laut: Um Jesus willen!

Herr! -- erwacht -- Um Jesus willen. -- Sowie ich ihn berührte, fuhr

er aus tiefem Schlafe, aber in demselben Augenblick stürzte er, das

Gleichgewicht verlierend, hinab in den Abgrund, daß, von Felsenspitze

zu Felsenspitze geworfen, die zerschmetterten Glieder zusammenkrachten;

sein schneidendes Jammergeschrei verhallte in der unermeßlichen Tiefe,

aus der nur ein dumpfes Gewimmer herauftönte, das endlich auch erstarb.

Leblos vor Schreck und Entsetzen stand ich da, endlich ergriff ich

den Hut, den Degen, das Portefeuille und wollte mich schnell von

dem Unglücksorte entfernen, da trat mir ein junger Mensch aus dem

Tannenwalde entgegen, wie ein Jäger gekleidet, schaute mir erst starr

ins Gesicht und fing dann an, ganz übermäßig zu lachen, so daß ein

eiskalter Schauer mich durchbebte.

„Nun, gnädiger Herr Graf,“ sprach endlich der junge Mensch, „die

Maskerade ist in der Tat vollständig und herrlich, und wäre die

Gnädige Frau nicht schon vorher davon unterrichtet, wahrhaftig, sie

würde den Herzensgeliebten nicht wiedererkennen. Wo haben Sie aber die

Uniform hingetan, gnädiger Herr?“ -- „Die schleuderte ich hinab in den

Abgrund,“ antwortete es aus mir hohl und dumpf, denn ich war es nicht,

der diese Worte sprach, unwillkürlich entflohen sie meinen Lippen. In

mich gekehrt, immer in den Abgrund starrend, ob der blutige Leichnam

des Grafen sich nicht mir drohend erheben werde, stand ich da. -- Es

war mir als habe ich ihn ermordet, noch immer hielt ich den Degen, Hut

und Portefeuille krampfhaft fest. Da fuhr der junge Mensch fort: „Nun

gnädiger Herr, reite ich den Fahrweg herab nach dem Städtchen, wo ich

mich in dem Hause dicht vor dem Tor linker Hand verborgen halten will,

Sie werden wohl gleich herab nach dem Schlosse wandeln, man wird Sie

wohl schon erwarten, Hut und Degen nehme ich mit mir.“ -- Ich reichte

ihm beides hin. „Nun leben Sie wohl, Herr Graf! recht viel Glück im

Schlosse,“ rief der junge Mensch und verschwand singend und pfeifend

in dem Dickicht. Ich hörte, daß er das Pferd, das dort angebunden,

losmachte und mit sich fortführte. Als ich mich von meiner Betäubung

erholt und die ganze Begebenheit überdachte, mußte ich mir wohl

eingestehen, daß ich bloß dem Spiel des Zufalls, der mich mit einem

Ruck in das sonderbarste Verhältnis geworfen, nachgegeben. Es war mir

klar, daß eine große Ähnlichkeit meiner Gesichtszüge und meiner Gestalt

mit der des unglücklichen Grafen den Jäger getäuscht, und der Graf

gerade die Verkleidung als Kapuziner gewählt haben müsse, um irgend ein

Abenteuer in dem nahen Schlosse zu bestehen. Der Tod hatte ihn ereilt

und ein wunderbares Verhängnis mich in demselben Augenblick an seine

Stelle geschoben. Der innere, unwiderstehliche Drang in mir, wie es

jenes Verhängnis zu wollen schien, die Rolle des Grafen fortzuspielen,

überwog jeden Zweifel und übertäubte die innere Stimme, welche mich des

Mordes und des frechen Frevels bezieh. Ich eröffnete das Portefeuille,

welches ich behalten; Briefe, beträchtliche Wechsel fielen mir in die

Hand. Ich wollte die Papiere einzeln durchgehen, ich wollte die Briefe

lesen um mich von den Verhältnissen des Grafen zu unterrichten, aber

die innere Unruhe, der Flug von tausend und tausend Ideen die durch

meinen Kopf brausten, ließ es nicht zu.

Ich stand nach einigen Schritten wieder still, ich setzte mich auf

ein Felsstück, ich wollte eine ruhigere Stimmung erzwingen, ich sah

die Gefahr, so ganz unvorbereitet mich in den Kreis mir fremder

Erscheinungen zu wagen; da tönten lustige Hörner durch den Wald und

mehrere Stimmen jauchzten und jubelten immer näher und näher. Das Herz

pochte mir in gewaltigen Schlägen, mein Atem stockte, nun sollte sich

mir eine neue Welt, ein neues Leben erschließen! -- Ich bog in einen

schmalen Fußsteig ein, der mich einen jähen Abhang hinabführte; als

ich aus dem Gebüsch trat, lag ein großes schön gebautes Schloß vor mir

im Talgrunde. -- Das war der Ort des Abenteuers, welches der Graf zu

bestehen im Sinn gehabt und ich ging ihm mutig entgegen. Bald befand

ich mich in den Gängen des Parks, welcher das Schloß umgab; in einer

dunklen Seitenallee sah ich zwei Männer wandeln, von denen der eine

wie ein Weltgeistlicher gekleidet war. Sie kamen mir näher, aber ohne

mich gewahr zu werden gingen sie in tiefem Gespräch bei mir vorüber.

Der Weltgeistliche war ein Jüngling, auf dessen schönem Gesichte die

Totenblässe eines tief nagenden Kummers lag, der andere schlicht aber

anständig gekleidet, schien ein schon bejahrter Mann. Sie setzten sich,

mir den Rücken zuwendend auf eine steinerne Bank, ich konnte jedes Wort

verstehen was sie sprachen. „Hermogen!“ sagte der Alte, „Sie bringen

durch Ihr starrsinniges Schweigen Ihre Familie zur Verzweiflung, Ihre

düstre Schwermut steigt mit jedem Tage, Ihre jugendliche Kraft ist

gebrochen, die Blüte verwelkt, Ihr Entschluß den geistlichen Stand zu

wählen zerstört alle Hoffnungen, alle Wünsche Ihres Vaters! -- Aber

willig würde er diese Hoffnung aufgeben, wenn ein wahrer innerer Beruf,

ein unwiderstehlicher Hang zur Einsamkeit von Jugend auf den Entschluß

in Ihnen erzeugt hätte, er würde dann nicht dem zu widerstreben wagen

was das Schicksal einmal über ihn verhängt. Die plötzliche Änderung

Ihres ganzen Wesens hat indessen nur zu deutlich gezeigt, daß irgend

ein Ereignis das Sie uns hartnäckig verschweigen, Ihr Inneres auf

furchtbare Weise erschüttert hat und nun zerstörend fortarbeitet. --

Sie waren sonst ein froher, unbefangener, lebenslustiger Jüngling!

-- Was konnte Sie denn dem Menschen so entfremden, daß Sie daran

verzweifeln, in eines Menschen Brust könne Trost für Ihre kranke

Seele zu finden sein? Sie schweigen? Sie starren vor sich hin? --

Sie seufzen? Hermogen! Sie liebten sonst Ihren Vater mit seltener

Innigkeit, ist es Ihnen aber jetzt unmöglich geworden ihm Ihr Herz

zu erschließen, so quälen Sie ihn wenigstens nicht durch den Anblick

Ihres Rocks, der auf den für ihn entsetzlichen Entschluß hindeutet. Ich

beschwöre Sie, Hermogen! werfen Sie diese verhaßte Kleidung ab. Glauben

Sie mir, es liegt eine geheimnisvolle Kraft in diesen äußerlichen

Dingen; es kann Ihnen nicht mißfallen, denn ich glaube von Ihnen ganz

verstanden zu werden, wenn ich in diesem Augenblick freilich auf

fremdartig scheinende Weise der Schauspieler gedenke, die oft, wenn sie

sich in das Kostüm geworfen, wie von einem fremden Geist sich angeregt

fühlen und leichter in den darzustellenden Charakter eingehen. Lassen

Sie mich, meiner Natur gemäß, heitrer von der Sache sprechen als sich

sonst wohl ziemen würde. -- Meinen Sie denn nicht, daß wenn dieses

lange Kleid nicht mehr Ihren Gang zur düstern Gravität einhemmen würde,

Sie wieder rasch und froh dahin schreiten, ja laufen, springen würden,

wie sonst? Der blinkende Schein der Epaulettes die sonst auf Ihren

Schultern prangten würde wieder jugendliche Glut auf diese blassen

Wangen werfen und die klirrenden Sporen würden wie liebliche Musik dem

muntern Rosse ertönen das Ihnen entgegenwieherte, vor Lust tanzend und

den Nacken beugend dem geliebten Herrn. Auf, Baron! -- Herunter mit

dem schwarzen Gewande das Ihnen nicht ansteht! -- Soll Friedrich Ihre

Uniform hervorsuchen?“

Der Alte stand auf und wollte fortgehen, der Jüngling fiel ihm in

die Arme. „Ach, Sie quälen mich, guter Reinhold!“ rief er mit matter

Stimme, „Sie quälen mich unaussprechlich! -- Ach, je mehr Sie sich

bemühen die Saiten in meinem Innern anzuschlagen die sonst harmonisch

erklangen, desto mehr fühle ich, wie des Schicksals eherne Faust mich

ergriffen, mich erdrückt hat, so daß, wie in einer zerbrochenen Laute

nur Mißtöne in mir wohnen!“ -- „So scheint es Ihnen, lieber Baron,“

fiel der Alte ein, „Sie sprechen von einem ungeheuren Schicksal, das

Sie ergriffen, worin das bestanden, verschweigen Sie, dem sei aber wie

ihm wolle, ein Jüngling so wie Sie, mit innerer Kraft, mit jugendlichem

Feuermute ausgerüstet, muß vermögen sich gegen des Schicksals eherne

Faust zu wappnen, ja er muß, wie durchstrahlt von einer göttlichen

Natur, sich über sein Geschick erheben und so dies höhere Sein in

sich selbst erweckend und entzündend, sich emporschwingen über die

Qual dieses armseligen Lebens! Ich wüßte nicht, Baron, welch ein

Geschick denn imstande sein sollte, dies kräftige innere Wollen zu

zerstören.“ -- Hermogen trat einen Schritt zurück und den Alten mit

einem düsteren, wie im verhaltenen Zorn glühenden Blicke, der etwas

Entsetzliches hatte, anstarrend, rief er mit dumpfer, hohler Stimme:

„So wisse denn, daß ich selbst das Schicksal bin das mich vernichtet,

daß ein ungeheures Verbrechen auf mir lastet, ein schändlicher Frevel,

den ich abbüße in Elend und Verzweiflung. -- Darum sei barmherzig und

flehe den Vater an, daß er mich fort lasse in die Mauern!“ -- „Baron,“

fiel der Alte ein, „Sie sind in einer Stimmung die nur dem gänzlich

zerrütteten Gemüte eigen, Sie sollen nicht fort, Sie dürfen durchaus

nicht fort. In diesen Tagen kommt die Baronesse mit Aurelien, +die+

müssen Sie sehen.“ Da lachte der Jüngling wie in furchtbarem Hohn

und rief mit einer Stimme, die durch mein Inneres dröhnte: „Muß ich?

-- muß ich bleiben? -- Ja, wahrhaftig, Alter, du hast recht, ich muß

bleiben und meine Buße wird hier schrecklicher sein als in den dumpfen

Mauern.“ -- Damit sprang er fort durch das Gebüsch und ließ den Alten

stehen, der, das gesenkte Haupt in die Hand gestützt, sich ganz dem

Schmerz zu überlassen schien. „Gelobt sei Jesus Christus!“ sprach

ich, zu ihm hinantretend. -- Er fuhr auf, er sah mich ganz verwundert

an, doch schien er sich bald auf meine Erscheinung wie auf etwas ihm

schon Bekanntes zu besinnen indem er sprach: „Ach gewiß sind Sie es,

ehrwürdiger Herr, dessen Ankunft uns die Frau Baronesse zum Trost der

in Trauer versunkenen Familie schon vor einiger Zeit ankündigte?“ --

Ich bejahte das, Reinhold ging bald ganz in die Heiterkeit über, die

ihm eigentümlich zu sein schien, wir durchwanderten den schönen Park

und kamen endlich in ein dem Schlosse ganz nahgelegenes Boskett, vor

dem sich eine herrliche Aussicht ins Gebirge öffnete. Auf seinen Ruf

eilte der Bediente, der eben aus dem Portal des Schlosses trat, herbei,

und gar bald wurde uns ein gar stattliches Frühstück aufgetragen.

Während daß wir die gefüllten Gläser anstießen, schien es mir, als

betrachte mich Reinhold immer aufmerksamer, ja, als suche er mit Mühe

eine halb erloschene Erinnerung aufzufrischen. Endlich brach er los:

„Mein Gott, ehrwürdiger Herr, alles müßte mich trügen, wenn Sie nicht

der Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in ..r-- wären, aber wie

sollte das möglich sein? -- und doch! Sie sind es -- Sie sind es gewiß

-- sprechen Sie doch nur!“ -- Als hätte ein Blitz aus heitrer Luft mich

getroffen, bebte es bei Reinholds Worten mir durch alle Glieder. Ich

sah mich entlarvt, entdeckt, des Mordes beschuldigt, die Verzweiflung

gab mir Stärke, es ging nun auf Tod und Leben. „Ich bin allerdings der

Pater Medardus aus dem Kapuzinerkloster in ..r-- und mit Auftrag und

Vollmacht des Klosters auf einer Reise nach Rom begriffen.“ -- Dies

sprach ich mit all der Ruhe und Gelassenheit, die ich nur zu erkünsteln

vermochte. „So ist es denn vielleicht nur Zufall,“ sagte Reinhold,

„daß Sie auf der Reise, vielleicht von der Heerstraße verirrt, hier

eintrafen, oder wie kam es, daß die Frau Baronesse mit Ihnen bekannt

wurde und Sie herschickte?“ -- Ohne mich zu besinnen, blindlings

das nachsprechend was mir eine fremde Stimme im Innern zuzuflüstern

schien, sagte ich: „Auf der Reise machte ich die Bekanntschaft des

Beichtvaters der Baronesse, und dieser empfahl mich, den Auftrag

hier im Hause zu vollbringen.“ „Es ist wahr,“ fiel Reinhold ein, „so

schrieb es ja die Frau Baronesse. Nun, dem Himmel sei es gedankt, der

Sie zum Heil des Hauses diesen Weg führte und daß Sie als ein frommer,

wackrer Mann es sich gefallen lassen mit Ihrer Reise zu zögern, um

hier Gutes zu stiften. Ich war zufällig vor einigen Jahren in ..r--

und hörte Ihre salbungsvollen Reden, die Sie in wahrhaft himmlischer

Begeisterung von der Kanzel herab hielten. Ihrer Frömmigkeit, Ihrem

wahren Beruf, das Heil verlorner Seelen zu erkämpfen mit glühendem

Eifer, Ihrer herrlichen aus innerer Begeisterung hervorströmenden

Rednergabe, traue ich zu, daß Sie das vollbringen werden, was wir alle

nicht vermochten. Es ist mir lieb, daß ich Sie traf, ehe sie den Baron

gesprochen, ich will dies dazu benutzen, Sie mit den Verhältnissen

der Familie bekannt zu machen, und +so+ aufrichtig sein, als ich es

Ihnen, ehrwürdiger Herr, als einem heiligen Manne, den uns der Himmel

selbst zum Trost zu schicken scheint, wohl schuldig bin. Sie müssen

auch ohnedem, um Ihren Bemühungen die richtige Tendenz und gehörige

Wirkung zu geben, über manches wenigstens Andeutungen erhalten,

worüber ich gern schweigen möchte. -- Alles ist übrigens mit nicht gar

zu viel Worten abgetan. -- Mit dem Baron bin ich aufgewachsen, die

gleiche Stimmung unsrer Seelen machte uns zu Brüdern und vernichtete

die Scheidewand, die sonst unsere Geburt zwischen uns gezogen hätte.

Ich trennte mich nie von ihm und wurde in demselben Augenblick als

wir unsere akademischen Studien vollendet und er die Güter seines

verstorbenen Vaters hier im Gebirge in Besitz nahm, Intendant dieser

Güter. -- Ich blieb sein innigster Freund und Bruder, und als solcher

eingeweiht in die geheimsten Angelegenheiten seines Hauses. Sein Vater

hatte seine Verbindung mit einer ihm befreundeten Familie durch eine

Heirat gewünscht, und um so freudiger erfüllte er diesen Willen, als

er in der ihm bestimmten Braut ein herrliches, von der Natur reich

ausgestattetes Wesen fand, zu dem er sich unwiderstehlich hingezogen

fühlte. Selten kam wohl der Wille der Väter so vollkommen mit dem

Geschick überein, das die Kinder in allen nur möglichen Beziehungen

für einander bestimmt zu haben schien. Hermogen und Aurelie waren die

Frucht der glücklichen Ehe. Mehrenteils brachten wir den Winter in

der benachbarten Hauptstadt zu, als aber bald nach Aureliens Geburt

die Baronesse zu kränkeln anfing, blieben wir auch den Sommer über

in der Stadt, da sie unausgesetzt des Beistandes geschickter Ärzte

bedurfte. Sie starb, als eben im herannahenden Frühling ihre scheinbare

Besserung den Baron mit den frohsten Hoffnungen erfüllte. Wir flohen

auf das Land und nur die Zeit vermochte den tiefen zerstörenden Gram zu

mildern der den Baron ergriffen hatte. Hermogen wuchs zum herrlichen

Jüngling heran, Aurelie wurde immer mehr das Ebenbild ihrer Mutter,

die sorgfältige Erziehung der Kinder war unser Tagewerk und unsere

Freude. Hermogen zeigte entschiedenen Hang zum Militär und dies zwang

den Baron, ihn nach der Hauptstadt zu schicken, um dort unter den Augen

seines alten Freundes, des Gouverneurs, die Laufbahn zu beginnen. --

Erst vor drei Jahren brachte der Baron mit Aurelien und mit mir wieder,

wie vor alter Zeit, zum erstenmal den Winter in der Residenz zu, teils

seinen Sohn wenigstens einige Zeit hindurch in der Nähe zu haben, teils

seine Freunde, die ihn unaufhörlich dazu aufgefordert, wieder zu sehen.

Allgemeines Aufsehen in der Hauptstadt erregte damals die Nichte des

Gouverneurs, welche aus der Residenz dahin gekommen. Sie war elternlos

und hatte sich unter den Schutz des Oheims begeben, wiewohl sie, einen

besonderen Flügel des Palastes bewohnend, ein eignes Haus machte und

die schöne Welt um sich zu versammeln pflegte. Ohne Euphemien näher zu

beschreiben, welches um so unnötiger, da Sie, ehrwürdiger Herr, sie

bald selbst sehen werden, begnüge ich mich zu sagen, daß alles was

sie tat, was sie sprach, von einer unbeschreiblichen Anmut belebt,

und so der Reiz ihrer ausgezeichneten körperlichen Schönheit bis zum

Unwiderstehlichen erhöht wurde. -- Überall wo sie erschien ging ein

neues herrliches Leben auf und man huldigte ihr mit dem glühendsten

Enthusiasmus; den Unbedeutendsten, Leblosesten wußte sie selbst in sein

eignes Inneres hinein zu entzünden, daß er, wie inspiriert, sich über

die eigne Dürftigkeit erhob und entzückt in den Genüssen eines höheren

Lebens schwelgte, die ihm unbekannt gewesen. Es fehlte natürlicherweise

nicht an Anbetern, die täglich zu der Gottheit mit Inbrunst flehten;

man konnte indessen nie mit Bestimmtheit sagen, daß sie diesen oder

jenen besonders auszeichne, vielmehr wußte sie mit schalkhafter Ironie,

die, ohne zu beleidigen, nur wie starkes brennendes Gewürz anregte und

reizte, alle mit einem unauflöslichen Bande zu umschlingen, daß sie

sich, festgezaubert in dem magischen Kreise, froh und lustig bewegten.

Auf den Baron hatte diese Circe einen wunderbaren Eindruck gemacht. Sie

bewies ihm gleich bei seinem Erscheinen eine Aufmerksamkeit, die von

kindlicher Ehrfurcht erzeugt zu sein schien; in jedem Gespräch mit ihm

zeigte sie den gebildetsten Verstand und tiefes Gefühl, wie er es kaum

noch bei Weibern gefunden. Mit unbeschreiblicher Zartheit suchte und

fand sie Aureliens Freundschaft und nahm sich ihrer mit so vieler Wärme

an, daß sie sogar es nicht verschmähte, für die kleinsten Bedürfnisse

ihres Anzuges und sonst wie eine Mutter zu sorgen. Sie wußte dem

blöden unerfahrnen Mädchen in glänzender Gesellschaft auf eine so

feine Art beizustehen, daß dieser Beistand statt bemerkt zu werden,

nur dazu diente, Aureliens natürlichen Verstand und tiefes richtiges

Gefühl so herauszuheben, daß man sie bald mit der höchsten Achtung

auszeichnete. Der Baron ergoß sich bei jeder Gelegenheit in Euphemiens

Lob, und hier traf es sich vielleicht zum erstenmal in unserm Leben,

daß wir so ganz verschiedener Meinung waren. Gewöhnlich machte ich

in jeder Gesellschaft mehr den stillen aufmerksamen Beobachter, als

daß ich hätte unmittelbar eingehen sollen in lebendige Mitteilung und

Unterhaltung. So hatte ich auch Euphemien, die nur dann und wann,

nach ihrer Gewohnheit niemanden zu übersehen, ein paar freundliche

Worte mit mir gewechselt, als eine höchst interessante Erscheinung

recht genau beobachtet. Ich mußte eingestehen, daß sie das schönste,

herrlichste Weib von allen war, daß aus allem was sie sprach, Verstand

und Gefühl hervorleuchtete; und doch wurde ich auf ganz unerklärliche

Weise von ihr zurückgestoßen, ja ich konnte ein gewisses unheimliches

Gefühl nicht unterdrücken, das sich augenblicklich meiner bemächtigte,

sobald ihr Blick mich traf oder sie mit mir zu sprechen anfing. In

ihren Augen brannte oft eine ganz eigne Glut, aus der, wenn sie

sich unbemerkt glaubte, funkelnde Blitze schossen, und es schien

ein inneres verderbliches Feuer, das nur mühsam überbaut, gewaltsam

hervorzustrahlen. Nächstdem schwebte oft um ihren sonst weich geformten

Mund eine gehässige Ironie, die mich, da es oft der grellste Ausdruck

des hämischen Hohns war, im Innersten erbeben machte. Daß sie oft den

Hermogen, der sich wenig oder gar nicht um sie bemühte, in dieser Art

anblickte, machte es mir gewiß, daß manches hinter der schönen Maske

verborgen, was wohl niemand ahne. Ich konnte dem ungemessenen Lob

des Barons freilich nichts entgegensetzen als meine physiognomischen

Bemerkungen, die er nicht im mindesten gelten ließ, vielmehr in meinem

innerlichen Abscheu gegen Euphemien nur eine höchst merkwürdige

Idiosynkrasie fand. Er vertraute mir, daß Euphemie wahrscheinlich in

die Familie treten werde, da er alles anwenden wolle, sie künftig mit

Hermogen zu verbinden. Dieser trat, als wir soeben recht ernstlich

über die Angelegenheit sprachen, und ich alle nur mögliche Gründe

hervorsuchte, meine Meinung über Euphemien zu rechtfertigen, ins

Zimmer, und der Baron, gewohnt in allem schnell und offen zu handeln,

machte ihn augenblicklich mit seinen Plänen und Wünschen Rücksichts

Euphemiens bekannt. Hermogen hörte alles ruhig an, was der Baron

darüber und zum Lobe Euphemiens mit dem größten Enthusiasmus sprach.

Als die Lobrede geendet, antwortete er, wie er sich auch nicht im

mindesten von Euphemien angezogen fühle, sie niemals lieben könne, und

daher recht herzlich bitte, den Plan jeder näheren Verbindung mit ihr

aufzugeben. Der Baron war nicht wenig bestürzt, seinen Lieblingsplan so

beim ersten Schritt zertrümmert zu sehen, indessen war er umsoweniger

bemüht, noch mehr in Hermogen zu dringen, als er nicht einmal

Euphemiens Gesinnungen hierüber wußte. Mit der ihm eignen Heiterkeit

und Gemütlichkeit scherzte er bald über sein unglückliches Bemühen

und meinte, daß Hermogen mit mir vielleicht die Idiosynkrasie teile,

obgleich er nicht begreife, wie in einem schönen, interessanten Weibe

solch ein zurückschreckendes Prinzip wohnen könne. Sein Verhältnis

mit Euphemien blieb natürlicherweise dasselbe; er hatte sich so an

sie gewöhnt, daß er keinen Tag zubringen konnte, ohne sie zu sehen.

So kam es denn, daß er einmal in ganz heitrer, gemütlicher Laune ihr

scherzend sagte: Wie es nur einen einzigen Menschen in ihrem Zirkel

gebe, der nicht in sie verliebt sei, nämlich Hermogen. -- Er habe die

Verbindung mit ihr, die er, der Baron, doch so herzlich gewünscht,

hartnäckig ausgeschlagen.

Euphemie meinte, daß es auch wohl noch darauf angekommen sein würde,

was sie zu der Verbindung gesagt, und daß ihr zwar jedes nähere

Verhältnis mit dem Baron wünschenswert sei, aber nicht durch Hermogen,

der ihr viel zu ernst und launisch wäre. Von der Zeit, als dieses

Gespräch, das mir der Baron gleich wieder erzählte, stattgefunden,

verdoppelte Euphemie ihre Aufmerksamkeit für den Baron und Aurelien,

ja in manchen leisen Andeutungen führte sie den Baron darauf, daß eine

Verbindung mit ihm selbst dem Ideal, das sie sich nun einmal von einer

glücklichen Ehe mache, ganz entspreche. Alles, was man Rücksichts des

Unterschieds der Jahre oder sonst entgegensetzen konnte, wußte sie auf

die eindringendste Weise zu widerlegen, und mit dem allen ging sie so

leise, so fein, so geschickt Schritt vor Schritt vorwärts, daß der

Baron glauben mußte, alle die Ideen, alle die Wünsche, die Euphemie

gleichsam nur in sein Inneres hauchte, wären eben in seinem Innern

emporgekeimt. Kräftiger, lebensvoller Natur wie er war, fühlte er sich

bald von der glühenden Leidenschaft des Jünglings ergriffen. Ich konnte

den wilden Flug nicht mehr aufhalten, es war zu spät. Nicht lange

dauerte es, so war Euphemie, zum Erstaunen der Hauptstadt, des Barons

Gattin. Es war mir, als sei nun das bedrohliche, grauenhafte Wesen,

das mich in der Ferne geängstigt, recht in mein Leben getreten und als

müsse ich wachen und auf sorglicher Hut sein für meinen Freund und für

mich selbst. -- Hermogen nahm die Verheiratung seines Vaters mit kalter

Gleichgültigkeit auf. Aurelie, das liebe, ahnungsvolle Kind, zerfloß in

Tränen.

Bald nach der Verbindung sehnte sich Euphemie ins Gebirge; sie kam her

und ich muß gestehen, daß ihr Betragen in hoher Liebenswürdigkeit sich

so ganz gleich blieb, daß sie mir unwillkürliche Bewunderung abnötigte.

So verflossen zwei Jahre in ruhigem, ungestörten Lebensgenuß. Die

beiden Winter brachten wir in der Hauptstadt zu, aber auch hier bewies

die Baronesse dem Gemahl so viel unbegrenzte Ehrfurcht, so viel

Aufmerksamkeit für seine leisesten Wünsche, daß der giftige Neid

verstummen mußte und keiner der jungen Herren, die sich schon freien

Spielraum für ihre Galanterie bei der Baronesse geträumt hatten, sich

auch die kleinste Glosse erlaubte. Im letzten Winter mochte ich auch

wieder der einzige sein, der, ergriffen von der alten, kaum verwundenen

Idiosynkrasie, wieder arges Mißtrauen zu hegen anfing.

Vor der Verbindung mit dem Baron war der Graf Viktorin, ein junger

schöner Mann, Major bei der Ehrengarde, und nur abwechselnd in der

Hauptstadt, einer der eifrigsten Verehrer Euphemiens, und der einzige,

den sie oft wie unwillkürlich, hingerissen von dem Eindruck des

Moments, vor den andern auszeichnete. Man sprach sogar schon einmal

davon, daß wohl ein näheres Verhältnis zwischen ihm und Euphemien

stattfinden möge, als man es nach dem äußern Anschein vermuten

solle, aber das Gerücht verscholl ebenso dumpf als es entstanden.

Graf Viktorin war eben den Winter wieder in der Hauptstadt und

natürlicherweise in Euphemiens Zirkeln, er schien sich aber nicht

im mindesten um sie zu bemühen, sondern vielmehr sie absichtlich

zu vermeiden. Demunerachtet war es mir oft, als begegneten sich,

wenn sie nicht bemerkt zu werden glaubten, ihre Blicke, in denen

inbrünstige Sehnsucht, lüsternes, glühendes Verlangen wie verzehrendes

Feuer brannte. Bei dem Gouverneur war eines Abends eine glänzende

Gesellschaft versammelt, ich stand in ein Fenster gedrückt, so daß

mich die herabfallende Draperie des reichen Vorhangs halb versteckte,

nur zwei bis drei Schritte vor mir stand Graf Viktorin. Da streifte

Euphemie, reizender gekleidet als je und in voller Schönheit strahlend,

an ihm vorüber; er faßte, so daß es niemand, als gerade ich, bemerken

konnte, mit leidenschaftlicher Heftigkeit ihren Arm, -- sie erbebte

sichtlich; ihr ganz unbeschreiblicher Blick -- es war die glutvollste

Liebe, die nach Genuß dürstende Wollust selbst -- fiel auf ihn. Sie

lispelten einige Worte die ich nicht verstand. Euphemie mochte mich

erblicken; sie wandte sich schnell um, aber ich vernahm deutlich die

Worte: „Wir werden bemerkt!“

Ich erstarrte vor Erstaunen, Schrecken und Schmerz! -- Ach, wie soll

ich Ihnen, ehrwürdiger Herr, denn mein Gefühl beschreiben! -- Denken

Sie an meine Liebe, an meine treue Anhänglichkeit mit der ich dem Baron

ergeben war -- an meine bösen Ahnungen die nun erfüllt wurden; denn

die wenigen Worte hatten es mir ja ganz erschlossen, daß ein geheimes

Verhältnis zwischen der Baronesse und dem Grafen stattfand. Ich mußte

wohl vorderhand schweigen, aber die Baronesse wollte ich bewachen mit

Argusaugen, und dann, bei erlangter Gewißheit ihres Verbrechens, die

schändlichen Bande lösen, mit denen sie meinen unglücklichen Freund

umstrickt hatten. Doch wer vermag teuflischer Arglist zu begegnen;

umsonst, ganz umsonst waren meine Bemühungen und es wäre lächerlich

gewesen, dem Baron das mitzuteilen was ich gesehen und gehört, da

die Schlaue Auswege genug gefunden haben würde, mich als einen

abgeschmackten, törichten Geisterseher darzustellen. --

Der Schnee lag noch auf den Bergen als wir im vergangenen Frühling

hier einzogen, demunerachtet machte ich manchen Spaziergang in die

Berge hinein; im nächsten Dorfe begegne ich einem Bauer, der in Gang

und Haltung etwas Fremdartiges hat, als er den Kopf umwendet, erkenne

ich den Grafen Viktorin, aber in demselben Augenblick verschwindet er

hinter den Häusern und ist nicht mehr zu finden. -- Was konnte ihn

anders zu der Verkleidung vermocht haben, als das Verständnis mit

der Baronesse! -- Eben jetzt weiß ich gewiß, daß er sich wieder hier

befindet, ich habe seinen Jäger vorüberreiten gesehn, unerachtet es mir

unbegreiflich ist, daß er die Baronesse nicht in der Stadt aufgesucht

haben sollte! -- Vor drei Monaten begab es sich, daß der Gouverneur

heftig erkrankte und Euphemien zu sehen wünschte, sie reiste mit

Aurelien augenblicklich dahin und nur eine Unpäßlichkeit hielt den

Baron ab sie zu begleiten. Nun brach aber das Unglück und die Trauer

ein in unser Haus, denn bald schrieb Euphemie dem Baron, wie Hermogen

plötzlich von einer oft in wahnsinnige Wut ausbrechenden Melancholie

befallen, wie er einsam umherirre, sich und sein Geschick verwünsche

und wie alle Bemühungen der Freunde und Ärzte bis jetzt umsonst

gewesen. Sie können denken, ehrwürdiger Herr, welch einen Eindruck

diese Nachricht auf den Baron machte. Der Anblick seines Sohnes würde

ihn zu sehr erschüttert haben, ich reiste daher allein nach der Stadt.

Hermogen war durch starke Mittel die man angewandt, wenigstens von den

wilden Ausbrüchen des wütenden Wahnsinns befreit, aber eine stille

Melancholie war eingetreten, die den Ärzten unheilbar schien. Als er

mich sah, war er tief bewegt -- er sagte mir, wie ihn ein unglückliches

Verhängnis treibe, dem Stande, in welchem er sich jetzt befinde, auf

immer zu entsagen und nur als Klostergeistlicher könne er seine Seele

erretten vor ewiger Verdammnis. Ich fand ihn schon in der Tracht, wie

Sie, ehrwürdiger Herr, ihn vorhin gesehen, und es gelang mir seines

Widerstrebens unerachtet endlich ihn hierher zu bringen. Er ist ruhig,

aber läßt nicht ab von der einmal gefaßten Idee, und alle Bemühungen

das Ereignis zu erforschen, das ihn in diesen Zustand versetzt, bleiben

fruchtlos, unerachtet die Entdeckung dieses Geheimnisses vielleicht am

ersten auf wirksame Mittel führen könnte ihn zu heilen.

Vor einiger Zeit schrieb die Baronesse, wie sie auf Anraten ihres

Beichtvaters einen Ordensgeistlichen hersenden werde, dessen Umgang

und tröstender Zuspruch vielleicht besser als alles andere auf

Hermogen wirken könne, da sein Wahnsinn augenscheinlich eine ganz

religiöse Tendenz genommen. -- Es freut mich recht innig, daß die Wahl

Sie, ehrwürdiger Herr, den ein glücklicher Zufall in die Hauptstadt

führte, traf. Sie können einer gebeugten Familie die verlorne Ruhe

wiedergeben, wenn Sie Ihre Bemühungen, die der Herr segnen möge, auf

einen doppelten Zweck richten. Erforschen Sie Hermogens entsetzliches

Geheimnis, seine Brust wird erleichtert sein, wenn er sich, sei es

auch in heiliger Beichte, entdeckt hat, und die Kirche wird ihn dem

frohen Leben in der Welt, der er angehört, wiedergeben, statt ihn in

den Mauern zu begraben. -- Aber treten Sie auch der Baronesse näher. --

Sie wissen alles. -- Sie stimmen mir bei, daß meine Bemerkungen von der

Art sind, daß, so wenig sich darauf eine Anklage gegen die Baronesse

bauen läßt, doch eine Täuschung, ein ungerechter Verdacht kaum möglich

ist. Ganz meiner Meinung werden Sie sein, wenn Sie Euphemien sehen und

kennen lernen. Euphemie ist religiös schon aus Temperament, vielleicht

gelingt es Ihrer besonderen Rednergabe, tief in ihr Herz zu dringen,

sie zu erschüttern und zu bessern, daß sie den Verrat am Freunde, der

sie um die ewige Seligkeit bringt, unterläßt. Noch muß ich sagen,

ehrwürdiger Herr, daß es mir in manchen Augenblicken scheint, als trage

der Baron einen Gram in der Seele, dessen Ursache er mir verschweigt,

denn außer der Bekümmernis um Hermogen kämpft er sichtlich mit einem

Gedanken, der ihn beständig verfolgt. Es ist mir in den Sinn gekommen,

daß vielleicht ein böser Zufall noch deutlicher ihm die Spur von dem

verbrecherischen Umgange der Baronesse mit dem fluchwürdigen Grafen

zeigte, als mir. -- Auch meinen Herzensfreund, den Baron, empfehle ich,

ehrwürdiger Herr, Ihrer geistlichen Sorge.“ --

Mit diesen Worten schloß Reinhold seine Erzählung, die mich auf

mannigfache Weise gefoltert hatte, indem die seltsamsten Widersprüche

in meinem Innern sich durchkreuzten. Mein eignes Ich, zum grausamen

Spiel eines launenhaften Zufalls geworden, und in fremdartige Gestalten

zerfließend, schwamm ohne Halt wie in einem Meer all der Ereignisse,

die wie tobende Wellen auf mich hineinbrausten. -- Ich konnte mich

selbst nicht wiederfinden! -- Offenbar wurde Viktorin durch den Zufall,

der meine Hand, nicht meinen Willen leitete, in den Abgrund gestürzt!

-- ich trete an seine Stelle, aber Reinhold kennt den Pater Medardus,

den Prediger im Kapuzinerkloster in ..r--, und so bin ich ihm das

wirklich, was ich bin! -- Aber das Verhältnis mit der Baronesse,

welches Viktorin unterhält, kommt auf mein Haupt, denn ich bin selbst

Viktorin. Ich bin das, was ich scheine und scheine das nicht, was ich

bin, mir selbst ein unerklärliches Rätsel, bin ich entzweit mit meinem

Ich!

Des Sturms in meinem Innern unerachtet, gelang es mir die dem Priester

ziemliche Ruhe zu erheucheln, und so trat ich vor den Baron. Ich fand

in ihm einen bejahrten Mann, aber in den erloschenen Zügen lagen noch

die Andeutungen seltner Fülle und Kraft. Nicht das Alter, sondern

der Gram hatte die tiefen Furchen auf seiner breiten, offenen Stirn

gezogen und die Locken weiß gefärbt. Unerachtet dessen herrschte noch

in allem was er sprach, in seinem ganzen Benehmen, eine Heiterkeit

und Gemütlichkeit, die jeden unwiderstehlich zu ihm hinziehen mußte.

Als Reinhold mich als den vorstellte, dessen Ankunft die Baronesse

angekündigt, sah er mich an mit durchdringendem Blick, der immer

freundlicher wurde, als Reinhold erzählte, wie er mich schon vor

mehreren Jahren im Kapuzinerkloster zu ..r-- predigen gehört, und sich

von meiner seltnen Rednergabe überzeugt hätte. Der Baron reichte mir

treuherzig die Hand und sprach, sich zu Reinhold wendend: „Ich weiß

nicht, lieber Reinhold, wie so sonderbar mich die Gesichtszüge des

ehrwürdigen Herrn bei dem ersten Anblick ansprachen; sie weckten eine

Erinnerung, die vergebens strebte, deutlich und lebendig hervorzugehen.“

Es war mir als würde er gleich herausbrechen: es ist ja Graf Viktorin,

denn auf wunderbare Weise glaubte ich nun wirklich Viktorin zu sein,

und ich fühlte mein Blut heftiger wallen und aufsteigend meine Wangen

höher färben. -- Ich baute auf Reinhold, der mich ja als den Pater

Medardus kannte, unerachtet mir das eine Lüge zu sein schien: nichts

konnte meinen verworrenen Zustand lösen.

Nach dem Willen des Barons sollte ich sogleich Hermogens Bekanntschaft

machen, aber er war nirgends zu finden; man hatte ihn nach dem Gebirge

wandeln gesehen und war deshalb nicht besorgt um ihn, weil er schon

mehrmals tagelang auf diese Weise entfernt gewesen. Den ganzen Tag

über blieb ich in Reinholds und des Barons Gesellschaft, und nach und

nach faßte ich mich so im Innern, daß ich mich am Abend voll Mut und

Kraft fühlte, keck all den wunderlichen Ereignissen entgegen zu treten,

die meiner zu harren schienen. In der einsamen Nacht öffnete ich das

Portefeuille und überzeugte mich ganz davon, daß es eben Graf Viktorin

war, der zerschmettert im Abgrunde lag, doch waren übrigens die an ihn

gerichteten Briefe gleichgültigen Inhalts und kein einziger führte mich

auch nur mit einer Silbe ein in seine näheren Lebensverhältnisse. Ohne

mich darum weiter zu kümmern, beschloß ich +dem+ mich ganz zu fügen,

was der Zufall über mich verhängt haben würde, wenn die Baronesse

angekommen und mich gesehen. -- Schon den andern Morgen traf die

Baronesse mit Aurelien ganz unerwartet ein. Ich sah beide aus dem Wagen

steigen und, von dem Baron und Reinhold empfangen, in das Portal des

Schlosses gehen. Unruhig schritt ich im Zimmer auf und ab von seltsamen

Ahnungen bestürmt, nicht lange dauerte es, so wurde ich hinabgerufen.

-- Die Baronesse trat mir entgegen -- ein schönes, herrliches Weib,

noch in voller Blüte. -- Als sie mich erblickte, schien sie auf

besondere Weise bewegt, ihre Stimme zitterte, sie vermochte kaum Worte

zu finden. Ihre sichtliche Verlegenheit gab mir Mut, ich schaute

ihr keck ins Auge und gab ihr nach Klostersitte den Segen -- sie

erbleichte, sie mußte sich niederlassen. Reinhold sah mich an, ganz

froh und zufrieden lächelnd. In dem Augenblick öffnete sich die Türe

und der Baron trat mit Aurelien ein. --

Sowie ich Aurelien erblickte fuhr ein Strahl in meine Brust und

entzündete all die geheimsten Regungen, die wonnevollste Sehnsucht,

das Entzücken der inbrünstigen Liebe, alles was sonst nur gleich einer

Ahnung aus weiter Ferne im Innern erklungen, zum regen Leben; ja das

Leben selbst ging mir nun erst auf farbig und glänzend, denn alles

vorher lag kalt und erstorben in öder Nacht hinter mir. -- Sie war

es selbst, sie die ich in jener wundervollen Vision im Beichtstuhl

geschaut. Der schwermütige, kindlich fromme Blick des dunkelblauen

Auges, die weichgeformten Lippen, der wie in betender Andacht sanft

vorgebeugte Nacken, die hohe, schlanke Gestalt, nicht Aurelie, die

heilige Rosalie selbst war es. -- Sogar der azurblaue Schal, den

Aurelie über das dunkelrote Kleid geschlagen, war im fantastischen

Faltenwurf ganz dem Gewande ähnlich, wie es die Heilige auf jenem

Gemälde, und eben die Unbekannte in jener Vision trug. -- Was war der

Baronesse üppige Schönheit gegen Aureliens himmlischen Liebreiz. Nur

sie sah ich, indem alles um mich verschwunden. Meine innere Bewegung

konnte den Umstehenden nicht entgehen. „Was ist Ihnen, ehrwürdiger

Herr,“ fing der Baron an, „Sie scheinen auf ganz besondere Weise

bewegt?“ -- Diese Worte brachten mich zu mir selbst, ja ich fühlte in

diesem Augenblick eine übermenschliche Kraft in mir emporkeimen, einen

nie gefühlten Mut alles zu bestehen, denn +Sie+ mußte der Preis des

Kampfes werden.

„Wünschen Sie sich Glück, Herr Baron!“ rief ich, wie von hoher

Begeisterung plötzlich ergriffen, „wünschen Sie sich Glück! -- eine

Heilige wandelt unter uns in diesen Mauern und bald öffnet sich

in segensreicher Klarheit der Himmel, und sie selbst, die heilige

Rosalia, von den heiligen Engeln umgeben, spendet Trost und Seligkeit

den Gebeugten, die fromm und gläubig sie anflehten. -- Ich höre die

Hymnen verklärter Geister, die sich sehnen nach der Heiligen und sie im

Gesange rufend, aus glänzenden Wolken herabschweben. Ich sehe ihr Haupt

strahlend in der Glorie himmlischer Verklärung, emporgehoben nach dem

Chor der Heiligen, der ihrem Auge sichtlich! -- ~Sancta Rosalia, ora

pro nobis~!“

Ich sank mit in die Höhe gerichteten Augen auf die Knie, die Hände

faltend zum Gebet, und alles folgte meinem Beispiel. Niemand frug mich

weiter, man schrieb den plötzlichen Ausbruch meiner Begeisterung irgend

einer Inspiration zu, so daß der Baron beschloß, wirklich am Altar der

heiligen Rosalia in der Hauptkirche der Stadt Messen lesen zu lassen.

Herrlich hatte ich mich auf diese Weise aus der Verlegenheit gerettet

und immer mehr war ich bereit, alles zu wagen, denn es galt Aureliens

Besitz, um den mir selbst mein Leben feil war. -- Die Baronesse schien

in ganz besonderer Stimmung, ihre Blicke verfolgten mich, aber sowie

ich sie unbefangen anschaute, irrten ihre Augen unstät umher. Die

Familie war in ein anderes Zimmer getreten, ich eilte in den Garten

hinab und schweifte durch die Gänge, mit tausend Entschlüssen, Ideen,

Plänen für mein künftiges Leben im Schlosse arbeitend und kämpfend.

Schon war es Abend geworden, da erschien Reinhold und sagte mir, daß

die Baronesse, durchdrungen von meiner frommen Begeisterung, mich auf

ihrem Zimmer zu sprechen wünsche. --

Als ich in das Zimmer der Baronesse trat, kam sie mir einige Schritte

entgegen, mich bei den Armen fassend, sah sie mir starr ins Auge und

rief: „Ist es möglich -- ist es möglich! -- Bist du Medardus, der

Kapuziner-Mönch? -- Aber die Stimme, die Gestalt, deine Augen, dein

Haar! sprich oder ich vergehe in Angst und Zweifel.“ -- Viktorinus!

lispelte ich leise, da umschlang sie mich mit dem wilden Ungestüm

unbezähmbarer Wollust, -- ein Glutstrom brauste durch meine Adern,

das Blut siedete, die Sinne vergingen mir in namenloser Wonne, in

wahnsinniger Verzückung; aber sündigend war mein ganzes Gemüt nur

Aurelien zugewendet und +Ihr+ nur opferte ich in dem Augenblick,

durch den Bruch des Gelübdes, das Heil meiner Seele.

Ja! Nur Aurelie lebte in mir, mein ganzer Sinn war vor ihr erfüllt,

und doch ergriff mich ein innerer Schauer, wenn ich daran dachte sie

wiederzusehen, was doch schon an der Abendtafel geschehen sollte. Es

war mir, als würde mich ihr frommer Blick heilloser Sünde zeihen,

und als würde ich, entlarvt und vernichtet, in Schmach und Verderben

sinken. Ebenso konnte ich mich nicht entschließen die Baronesse gleich

nach jenen Momenten wiederzusehen, und alles dieses bestimmte mich,

eine Andachtsübung vorschützend, in meinem Zimmer zu bleiben als man

mich zur Tafel einlud. Nur weniger Tage bedurfte es indessen, um

alle Scheu, alle Befangenheit, zu überwinden; die Baronesse war die

Liebenswürdigkeit selbst, und je enger sich unser Bündnis schloß, je

reicher an frevelhaften Genüssen es wurde, desto mehr verdoppelte sich

ihre Aufmerksamkeit für den Baron. Sie gestand mir, daß nur meine

Tonsur, mein natürlicher Bart sowie mein echt klösterlicher Gang, den

ich aber jetzt nicht mehr so strenge als anfangs beibehalte, sie in

tausend Ängsten gesetzt habe. Ja, bei meiner plötzlichen begeisterten

Anrufung der heiligen Rosalia sei sie beinahe überzeugt worden, irgend

ein Irrtum, irgend ein feindlicher Zufall habe ihren mit Viktorin so

schlau entworfenen Plan vereitelt und einen verdammten wirklichen

Kapuziner an die Stelle geschoben. Sie bewundere meine Vorsicht, mich

wirklich tonsurieren und mir den Bart wachsen zu lassen, ja mich in

Gang und Stellung so ganz in meine Rolle einzustudieren, daß sie oft

selbst mir recht ins Auge blicken müsse, um nicht in abenteuerliche

Zweifel zu geraten.

Zuweilen ließ sich Viktorins Jäger, als Bauer verkleidet, am Ende des

Parks sehen und ich versäumte nicht, insgeheim mit ihm zu sprechen und

ihn zu ermahnen sich bereit zu halten, um mit mir fliehen zu können,

wenn vielleicht ein böser Zufall mich in Gefahr bringen sollte. Der

Baron und Reinhold schienen höchlich mit mir zufrieden und drangen in

mich, ja des tiefsinnigen Hermogen mich mit aller Kraft die mir zu

Gebote stehe, anzunehmen. Noch war es mir aber nicht möglich geworden

auch nur ein einziges Wort mit ihm zu sprechen, denn sichtlich wich

er jeder Gelegenheit aus mit mir allein zu sein, und traf er mich

in der Gesellschaft des Barons oder Reinholds, so blickte er mich

auf so sonderbare Weise an, daß ich in der Tat Mühe hatte nicht in

augenscheinliche Verlegenheit zu geraten. Er schien tief in meine

Seele zu dringen und meine geheimsten Gedanken zu erspähen. Ein

unbezwinglicher tiefer Mißmut, ein unterdrückter Groll, ein nur mit

Mühe bezähmter Zorn lag auf seinem bleichen Gesichte sobald er mich

ansichtig wurde. -- Es begab sich, daß er mir einmal als ich eben

im Park lustwandelte, ganz unerwartet entgegentrat; ich hielt dies

für den schicklichen Moment, endlich das drückende Verhältnis mit

ihm aufzuklären, daher faßte ich ihn schnell bei der Hand als er mir

entweichen wollte, und mein Rednertalent machte es mir möglich, so

eindringend, so salbungsvoll zu sprechen, daß er wirklich aufmerksam

zu werden schien und eine innere Rührung nicht unterdrücken konnte.

Wir hatten uns auf eine steinerne Bank am Ende eines Ganges, der nach

dem Schloß führte, niedergelassen. Im Reden stieg meine Begeisterung,

ich sprach davon, daß es sündlich sei, wenn der Mensch im innern Gram

sich verzehrend den Trost, die Hilfe der Kirche, die den Gebeugten

aufrichte, verschmähe und so den Zwecken des Lebens wie die höhere

Macht sie ihm gestellt, feindlich entgegenstrebe. Ja, daß selbst der

Verbrecher nicht zweifeln solle an der Gnade des Himmels, da dieser

Zweifel ihn eben um die Seligkeit bringe, die er, entsündigt durch Buße

und Frömmigkeit, erwerben könne. Ich forderte ihn endlich auf, gleich

jetzt mir zu beichten und so sein Inneres wie vor Gott auszuschütten,

indem ich ihm von jeder Sünde die er begangen, Absolution zusage:

da stand er auf, seine Augenbraunen zogen sich zusammen, die Augen

brannten, eine glühende Röte überflog sein leichenblasses Gesicht

und mit seltsam gellender Stimme rief er: „Bist du denn rein von der

Sünde, daß du es wagst, wie der Reinste, ja wie Gott selbst, den du

verhöhnest, in meine Brust schauen zu wollen, daß du es wagst, mir

Vergebung der Sünde zuzusagen, du, der du selbst vergeblich ringen

wirst nach der Entsündigung, nach der Seligkeit des Himmels die sich

dir auf ewig verschloß? Elender Heuchler, bald kommt die Stunde

der Vergeltung, und in den Staub getreten, wie ein giftiger Wurm,

zuckst du im schmachvollen Tode vergebens nach Hilfe, nach Erlösung

von unnennbarer Qual ächzend, bis du verdirbst in Wahnsinn und

Verzweiflung!“ -- Er schritt rasch von dannen, ich war zerschmettert,

vernichtet, all meine Fassung, mein Mut, war dahin. Ich sah Euphemien

aus dem Schlosse kommen mit Hut und Schal, wie zum Spaziergange

gekleidet; bei ihr nur war Trost und Hilfe zu finden, ich warf mich ihr

entgegen, sie erschrak über mein zerstörtes Wesen, sie frug nach der

Ursache, und ich erzählte ihr getreulich den ganzen Auftritt den ich

eben mit dem wahnsinnigen Hermogen gehabt, indem ich noch meine Angst,

meine Besorgnis, daß Hermogen vielleicht durch einen unerklärlichen

Zufall unser Geheimnis erraten, hinzusetzte. Euphemie schien über

alles nicht einmal betroffen, sie lächelte auf so ganz seltsame Weise,

daß mich ein Schauer ergriff und sagte: „Gehen wir tiefer in den Park,

denn hier werden wir zu sehr beobachtet und es könnte auffallen, daß

der ehrwürdige Pater Medardus so heftig mit mir spricht.“ Wir waren in

ein ganz entlegenes Boskett getreten, da umschlang mich Euphemie mit

leidenschaftlicher Heftigkeit; ihre heißen, glühenden Küsse brannten

auf meinen Lippen. „Ruhig, Viktorin,“ sprach Euphemie, „ruhig kannst du

sein über das alles, was dich so in Angst und Zweifel gestürzt hat; es

ist mir sogar lieb, daß es so mit Hermogen gekommen, denn nun darf und

muß ich mit dir über manches sprechen, wovon ich so lange schwieg. --

Du mußt eingestehen, daß ich mir eine seltene geistige Herrschaft über

alles was mich im Leben umgibt, zu erringen gewußt, und ich glaube, daß

dies dem Weibe leichter ist als euch. Freilich gehört nichts Geringeres

dazu, als daß außer jenem unnennbaren unwiderstehlichen Reiz der

äußern Gestalt, den die Natur dem Weibe zu spenden vermag, dasjenige

höhere Prinzip in ihr wohne, welches eben jenen Reiz mit dem geistigen

Vermögen in eins verschmilzt und nun nach Willkür beherrscht. Es ist

das eigne wunderbare Heraustreten aus sich selbst, das die Anschauung

des eignen Ichs vom andern Standpunkte gestattet, welches dann als ein

sich dem höheren Willen schmiegendes Mittel erscheint, +dem+ Zweck zu

dienen, den er sich als den höchsten, im Leben zu erringenden gesetzt.

-- Gibt es etwas Höheres als das Leben im Leben zu beherrschen, alle

seine Erscheinungen, seine reichen Genüsse wie im mächtigen Zauber zu

bannen, nach der Willkür, die dem Herrscher verstattet? -- Du Viktorin,

gehörtest von jeher zu den wenigen, die mich ganz verstanden, auch

du hattest dir den Standpunkt über dein Selbst gestellt, und ich

verschmähte es daher nicht, dich wie den königlichen Gemahl auf meinen

Thron im höheren Reiche zu erheben. Das Geheimnis erhöhte den Reiz

dieses Bundes, und unsere scheinbare Trennung diente nur dazu, unserer

fantastischen Laune Raum zu geben, die wie zu unserer Ergötzlichkeit

mit den untergeordneten Verhältnissen des gemeinen Alltagslebens

spielte. Ist nicht unser jetziges Beisammensein das kühnste Wagstück,

das, im höheren Geiste gedacht, der Ohnmacht konventioneller

Beschränktheit spottet? Selbst bei deinem so ganz fremdartigen Wesen,

das nicht allein die Kleidung erzeugt, ist es mir als unterwerfe sich

das Geistige dem herrschenden, es bedingenden Prinzip, und wirke so mit

wunderbarer Kraft nach außen, selbst das Körperliche anders formend

und gestaltend, so daß es ganz der vorgesetzten Bestimmung gemäß

erscheint. -- Wie herzlich ich nun bei dieser tief aus meinem Wesen

entspringenden Ansicht der Dinge alle konventionelle Beschränktheit

verachte, indem ich mit dir spiele, weißt du. -- Der Baron ist mir

eine bis zum höchsten Überdruß ekelhaft gewordene Maschine, die zu

meinem Zweck verbraucht, tot daliegt wie ein abgelaufenes Räderwerk. --

Reinhold ist zu beschränkt um von mir beachtet zu werden, Aurelie ein

gutes Kind, wir haben es nur mit Hermogen zu tun. -- Ich gestand dir

schon, daß Hermogen, als ich ihn zum erstenmal sah, einen wunderbaren

Eindruck auf mich machte. -- Ich hielt ihn für fähig, einzugehen in

das höhere Leben, das ich ihm erschließen wollte, und irrte mich zum

erstenmal. -- Es war etwas mir Feindliches in ihm, was in stetem regen

Widerspruch sich gegen mich auflehnte, ja der Zauber womit ich die

andern unwillkürlich zu umstricken wußte, stieß ihn zurück. Er blieb

kalt, düster verschlossen und reizte, indem er mit eigner wunderbarer

Kraft mir widerstrebte, meine Empfindlichkeit, meine Lust den Kampf

zu beginnen, in dem er unterliegen sollte. -- Diesen Kampf hatte ich

beschlossen, als der Baron mir sagte, wie er Hermogen eine Verbindung

mit mir vorgeschlagen, dieser sie aber unter jeder Bedingung abgelehnt

habe. -- Wie ein göttlicher Funke durchstrahlte mich in demselben

Moment der Gedanke, mich mit dem Baron selbst zu vermählen und so

mit einem Mal all die kleinen konventionellen Rücksichten, die mich

oft einzwängten auf widrige Weise, aus dem Wege zu räumen: doch ich

habe ja selbst mit dir, Viktorin, oft genug über jene Vermählung

gesprochen, ich widerlegte deine Zweifel mit der Tat, denn es gelang

mir, den Alten in wenigen Tagen zum albernen, zärtlichen Liebhaber zu

machen und er mußte das, was ich gewollt, als die Erfüllung seines

innigsten Wunsches, den er laut werden zu lassen kaum gewagt, ansehen.

Aber tief im Hintergrunde lag noch in mir der Gedanke der Rache an

Hermogen, die mir nun leichter und befriedigender werden sollte. Der

Schlag wurde verschoben, um richtiger, tötender zu treffen. -- Kennte

ich weniger dein Inneres, wüßte ich nicht, daß du dich zu der Höhe

meiner Ansichten zu erheben vermagst, ich würde Bedenken tragen dir

mehr von der Sache zu sagen, die nun einmal geschehen. Ich ließ es

mir angelegen sein, Hermogen recht in seinem Innern aufzufassen, ich

erschien in der Hauptstadt düster, in mich gekehrt, und bildete so

den Kontrast mit Hermogen, der in den lebendigen Beschäftigungen des

Kriegsdienstes sich heiter und lustig bewegte. Die Krankheit des Oheims

verbot alle glänzende Zirkel und selbst den Besuchen meiner nächsten

Umgebung wußte ich auszuweichen. -- Hermogen kam zu mir, vielleicht

nur um die Pflicht, die er der Mutter schuldig, zu erfüllen, er fand

mich in düstres Nachdenken versunken, und als er, befremdet von meiner

auffallenden Änderung, dringend nach der Ursache frug, gestand ich ihm

unter Tränen, wie des Barons mißliche Gesundheitsumstände, die er nur

mühsam verheimliche, mich befürchten ließen, ihn bald zu verlieren,

und wie dieser Gedanke mir schrecklich, ja unerträglich sei. Er war

erschüttert, und als ich nun den Ausdruck des tiefsten Gefühls das

Glück meiner Ehe mit dem Baron schilderte, als ich zart und lebendig in

die kleinsten Einzelheiten unseres Lebens auf dem Lande einging, als

ich immer mehr des Barons herrliches Gemüt, sein ganzes Ich in vollem

Glanz darstellte, so daß es immer lichter hervortrat wie grenzenlos

ich ihn verehre, ja wie ich so ganz in ihm lebe, da schien immer mehr

seine Bewunderung, sein Erstaunen zu steigen. -- Er kämpfte sichtlich

mit sich selbst, aber die Macht, die jetzt wie mein Ich selbst in sein

Inneres gedrungen, siegte über das feindliche Prinzip, das sonst mir

widerstrebte; mein Triumph war mir gewiß, als er schon am andern Abend

wiederkam.

Er fand mich einsam, noch düstrer, noch aufgeregter als gestern, ich

sprach von dem Baron und meiner unaussprechlichen Sehnsucht, ihn

wiederzusehen. Hermogen war bald nicht mehr derselbe, er hing an meinen

Blicken und ihr gefährliches Feuer fiel zündend in sein Inneres. Wenn

meine Hand in der seinigen ruhte, zuckte diese oft krampfhaft, tiefe

Seufzer entflohen seiner Brust. Ich hatte die höchste Spitze dieser

bewußtlosen Exaltation richtig berechnet. Den Abend als er fallen

sollte, verschmähte ich selbst jene Künste nicht, die so verbraucht

sind und immer wieder so wirkungsvoll erneuert werden. Es gelang!

-- Die Folgen waren entsetzlicher als ich sie mir gedacht, und doch

erhöhten sie meinen Triumph, indem sie meine Macht auf glänzende

Weise bewährten. -- Die Gewalt, mit der ich das feindliche Prinzip

bekämpfte, das wie in seltsamen Ahnungen in ihm sich sonst aussprach,

hatte seinen Geist gebrochen, er verfiel in Wahnsinn wie du weißt,

ohne daß du jedoch bis jetzt die eigentliche Ursache gekannt haben

solltest. -- Es ist etwas Eignes, daß Wahnsinnige oft, als ständen

sie in näherer Beziehung mit dem Geiste und gleichsam in ihrem eignen

Innern leichter, wiewohl bewußtlos angeregt vom fremden geistigen

Prinzip, oft das in uns Verborgene durchschauen und in seltsamen

Anklängen aussprechen, so daß uns oft die grauenvolle Stimme eines

zweiten Ichs mit unheimlichem Schauer befängt. Es mag daher wohl

sein, daß, zumal in der eignen Beziehung, in der du, Hermogen und

ich stehen, er auf geheimnisvolle Weise dich durchschaut und so dir

feindlich ist, allein Gefahr für uns ist deshalb nicht im mindesten

vorhanden. Bedenke, selbst wenn er mit seiner Feindschaft gegen

dich offen ins Feld rückte, wenn er es ausspräche: traut nicht dem

verkappten Priester, wer würde das für was anderes halten als für eine

Idee, die der Wahnsinn erzeugte, zumal, da Reinhold so gut gewesen

ist, in dir den Pater Medardus wiederzuerkennen? -- Indessen bleibt

es gewiß, daß du nicht mehr wie ich gewollt und gedacht hatte, auf

Hermogen wirken kannst. Meine Rache ist erfüllt und Hermogen mir nun

wie ein weggeworfenes Spielzeug unbrauchbar, und umso überlästiger

als er es wahrscheinlich für eine Bußübung hält, mich zu sehen und

daher mit seinem stieren, lebendigtoten Blicken mich verfolgt. Er muß

fort, und ich glaubte dich dazu benutzen zu können, ihn in der Idee

ins Kloster zu gehen zu bestärken und den Baron sowie den ratgebenden

Freund Reinhold zu gleicher Zeit durch die dringendsten Vorstellungen,

wie Hermogens Seelenheil nun einmal das Kloster begehre, geschmeidiger

zu machen, daß sie in sein Vorhaben willigten. -- Hermogen ist mir in

der Tat höchst zuwider, sein Anblick erschüttert mich oft, er muß fort!

-- Die einzige Person der er ganz anders erscheint ist Aurelie, das

fromme, kindische Kind; durch sie allein kannst du auf Hermogen wirken

und ich will dafür sorgen, daß du in nähere Beziehung mit ihr trittst.

Findest du einen schicklichen Zusammenhang der äußern Umstände, so

kannst du auch Reinholden oder dem Baron entdecken, wie dir Hermogen

ein schweres Verbrechen gebeichtet, das du natürlicherweise, deiner

Pflicht gemäß, verschweigen müßtest. -- Doch davon künftig mehr! --

Nun weißt du alles, Viktorin, handle und bleibe mein. Herrsche mit mir

über die läppische Puppenwelt, wie sie sich um uns dreht. Das Leben muß

uns seine herrlichsten Genüsse spenden ohne uns in seine Beengtheit

einzuzwängen.“ -- Wir sahen den Baron in der Entfernung und gingen ihm,

wie im frommen Gespräch begriffen, entgegen. --

Es bedurfte vielleicht nur Euphemiens Erklärung über die Tendenz

ihres Lebens, um mich selbst die überwiegende Macht fühlen zu lassen,

die wie der Ausfluß höherer Prinzipe mein Inneres beseelte. Es war

etwas Übermenschliches in mein Wesen getreten, das mich plötzlich

auf einen Standpunkt erhob, von dem mir alles in anderm Verhältnis,

in anderer Farbe als sonst erschien. Die Geistesstärke, die Macht

über das Leben, womit Euphemie prahlte, war mir des bittersten Hohns

würdig. In dem Augenblick, daß die Elende ihr loses, unbedachtes Spiel

mit den gefährlichsten Verknüpfungen des Lebens zu treiben wähnte,

war sie hingegeben dem Zufall oder dem bösen Verhängnis, das meine

Hand leitete. Es war nur +meine+ Kraft, entflammt von geheimnisvollen

Mächten, die sie zwingen konnte im Wahn, +den+ für den Freund und

Bundesbruder zu halten, der, nur ihr zum Verderben die äußere zufällige

Bildung jenes Freundes tragend, sie wie die feindliche Macht selbst

umkrallte, so daß keine Freiheit mehr möglich. Euphemie wurde mir in

ihrem eitlen, selbstsüchtigen Wahn verächtlich, und das Verhältnis

mit ihr umso widriger, als Aurelie in meinem Innern lebte, und nur

+sie+ die Schuld meiner begangenen Sünden trug, wenn ich das, was mir

jetzt die höchste Spitze alles irdischen Genusses zu sein schien,

noch für Sünde gehalten hätte. Ich beschloß von der mir innewohnenden

Macht den vollsten Gebrauch zu machen, und +so+ selbst den Zauberstab

zu ergreifen um die Kreise zu beschreiben, in denen sich all die

Erscheinungen um mich her mir zur Lust bewegen sollten. Der Baron und

Reinhold wetteiferten miteinander, mir das Leben im Schlosse recht

angenehm zu machen; nicht die leiseste Ahnung von meinem Verhältnis

mit Euphemien stieg in ihnen auf, vielmehr äußerte der Baron oft,

wie in unwillkürlicher Herzensergießung, daß erst durch mich ihm

Euphemie ganz wiedergegeben sei, und dies schien mir die Richtigkeit

der Vermutung Reinholds, daß irgend ein Zufall dem Baron wohl die Spur

von Euphemiens verbotenen Wegen entdeckt haben könne, klar anzudeuten.

Den Hermogen sah ich selten, er vermied mich mit sichtlicher Angst

und Beklemmung, welches der Baron und Reinhold der Scheu vor meinem

heiligen, frommen Wesen und vor meiner geistigen Kraft, die das

zerrüttete Gemüt durchschaute, zuschrieben. Auch Aurelie schien sich

absichtlich meinem Blick zu entziehen, sie wich mir aus, und wenn ich

mit ihr sprach, war auch sie ängstlich und beklommen, wie Hermogen. Es

war mir beinahe gewiß, daß der wahnsinnige Hermogen gegen Aurelie jene

schrecklichen Ahnungen die mich durchbebten, ausgesprochen, indessen

schien mir der böse Eindruck zu bekämpfen möglich. -- Wahrscheinlich

auf Veranlassung der Baronesse, die mich in näheren Rapport mit

Aurelien setzen wollte, um durch sie auf Hermogen zu wirken, bat

mich der Baron, Aurelien in den höheren Geheimnissen der Religion

zu unterrichten. So verschaffte mir Euphemie selbst die Mittel, das

Herrlichste zu erreichen, was mir meine glühende Einbildungskraft in

tausend üppigen Bildern vorgemalt. Was war jene Vision in der Kirche

anderes als das Versprechen der höheren auf mich einwirkenden Macht,

mir +die+ zu geben, von deren Besitz allein die Besänftigung des

Sturms zu hoffen, der in mir rasend, mich wie auf tobenden Wellen

umherwarf. -- Aureliens Anblick, ihre Nähe, ja die Berührung ihres

Kleides, setzte mich in Flammen. Des Blutes Glutstrom stieg fühlbar auf

in die geheimnisvolle Werkstatt der Gedanken, und so sprach ich von

den wundervollen Geheimnissen der Religion in feurigen Bildern, deren

tiefere Bedeutung die wollüstige Raserei der glühendsten, verlangenden

Liebe war. So sollte diese Glut meiner Rede wie in elektrischen

Schlägen Aureliens Inneres durchdringen und sie sich vergebens dagegen

wappnen. -- Ihr unbewußt sollten die in ihre Seele geworfenen Bilder

sich wunderbar entfalten und glänzender, flammender in der tieferen

Bedeutung hervorgehen, und diese ihre Brust dann mit den Ahnungen des

unbekannten Genusses erfüllen, bis sie sich, von unnennbarer Sehnsucht

gefoltert und zerrissen, selbst in meine Arme würfe. Ich bereitete

mich auf die sogenannten Lehrstunden bei Aurelien sorgsam vor, ich

wußte den Ausdruck meiner Rede zu steigern; andächtig, mit gefalteten

Händen, mit niedergeschlagenen Augen hörte mir das fromme Kind zu, aber

nicht eine Bewegung, nicht ein leiser Seufzer verrieten irgend eine

tiefere Wirkung meiner Worte. -- Meine Bemühungen brachten mich nicht

weiter; statt in Aurelien das verderbliche Feuer zu entzünden das sie

der Verführung preisgeben sollte, wurde nur qualvoller und verzehrender

die Glut die in meinem Innern brannte. -- Rasend vor Schmerz und

Wollust brütete ich über Pläne zu Aureliens Verderben und indem ich

Euphemien Wonne und Entzücken heuchelte, keimte ein glühender Haß in

meiner Seele empor, der, im seltsamen Widerspruch, meinem Betragen

bei der Baronesse etwas Wildes, Entsetzliches gab, vor dem sie selbst

erbebte. -- Fern von ihr war jede Spur des Geheimnisses das in meiner

Brust verborgen, und unwillkürlich mußte sie der Herrschaft Raum geben,

die ich immer mehr und mehr über sie mir anzumaßen anfing. -- Oft kam

es mir in den Sinn, durch einen wohlberechneten Gewaltstreich, dem

Aurelie erliegen sollte, meine Qual zu enden, aber sowie ich Aurelien

erblickte, war es mir, als stehe ein Engel neben ihr sie schirmend

und schützend und Trotz bietend der Macht des Feindes. Ein Schauer

bebte dann durch meine Glieder in dem mein böser Vorsatz erkaltete.

Endlich fiel ich darauf mit ihr zu beten, denn im Gebet strömt feuriger

die Glut der Andacht und die geheimsten Regungen werden wach und

erheben sich wie auf brausenden Wellen und strecken ihre Polypenarme

aus um das Unbekannte zu fahen, das die unnennbare Sehnsucht stillen

soll, von der die Brust zerrissen. Dann mag das Irdische sich wie

Himmlisches verkündend, keck dem aufgeregten Gemüt entgegentreten und

im höchsten Genuß schon hienieden die Erfüllung des Überschwenglichen

verheißen; die bewußtlose Leidenschaft wird getäuscht und das Streben

nach dem Heiligen, Überirdischen wird gebrochen in dem namenlosen nie

gekannten Entzücken irdischer Begierde. -- Selbst darin, daß sie von

mir verfaßte Gebete nachsprechen sollte, glaubte ich Vorteile für meine

verräterischen Absichten zu finden. -- Es war dem so! -- Denn neben

mir kniend, mit zum Himmel gewandten Blick meine Gebete nachsprechend,

färbten höher sich ihre Wangen und ihr Busen wallte auf und nieder. --

Da nahm ich wie im Eifer des Gebets ihre Hände und drückte sie an meine

Brust, ich war ihr so nahe, daß ich die Wärme ihres Körpers fühlte,

ihre losgelösten Locken hingen über meine Schulter; ich war außer mir

vor rasender Begierde, ich umschlang sie mit wildem Verlangen, schon

brannten meine Küsse auf ihrem Munde, auf ihrem Busen, da wand sie

sich mit einem durchdringenden Schrei aus meinen Armen; ich hatte

nicht Kraft sie zu halten, es war als strahle ein Blitz herab, mich

zerschmetternd! -- Sie entfloh rasch in das Nebenzimmer, die Türe

öffnete sich und Hermogen zeigte sich in derselben, er blieb stehen,

mich mit dem furchtbaren, entsetzlichen Blick des wilden Wahnsinns

anstarrend. Da raffte ich alle meine Kraft zusammen, ich trat keck auf

ihn zu und rief mit trotziger, gebietender Stimme: „Was willst du hier?

Hebe dich weg Wahnsinniger!“ Aber Hermogen streckte mir die rechte Hand

entgegen und sprach dumpf und schaurig. „Ich wollte mit dir kämpfen,

aber ich habe kein Schwert und du bist der Mord, denn Blutstropfen

quillen aus deinen Augen und kleben in deinem Barte!“ --

Er verschwand die Türe heftig zuschlagend und ließ mich allein,

knirschend vor Wut über mich selbst, der ich mich hatte hinreißen

lassen von der Gewalt des Moments, so daß nun der Verrat mir Verderben

drohte. Niemand ließ sich sehen, ich hatte Zeit genug mich ganz zu

ermannen und der mir innewohnende Geist gab mir bald die Einschläge

ein, jeder üblen Folge des bösen Beginnens auszuweichen.

Sobald es tunlich war, eilte ich zu Euphemien und mit keckem Übermut

erzählte ich ihr die ganze Begebenheit mit Aurelien. Euphemie schien

die Sache nicht so leicht zu nehmen als ich es gewünscht hätte und

es war mir begreiflich, daß, ihrer gerühmten Geistesstärke, ihrer

hohen Ansicht der Dinge unerachtet, wohl kleinliche Eifersucht in ihr

wohnen, sie aber überdem noch befürchten könne, daß Aurelie über mich

klagen, so der Nimbus meiner Heiligkeit verlöschen und unser Geheimnis

in Gefahr geraten werde: aus einer mir selbst unerklärlichen Scheu

verschwieg ich Hermogens Hinzutreten und seine entsetzlichen mich

durchbohrenden Worte.

Euphemie hatte einige Minuten geschwiegen und schien, mich seltsamlich

anstarrend, in tiefes Nachdenken versunken. --

„Solltest du nicht, Viktorin,“ sprach sie endlich, „erraten, welche

herrliche Gedanken meines Geistes würdig mich durchströmen? -- Aber

du kannst es nicht, doch rüttle frisch die Schwingen, um dem kühnen

Fluge zu folgen, den ich zu beginnen bereit bin. Daß du, der du

mit voller Herrschaft über alle Erscheinungen des Lebens schweben

solltest, nicht neben einem leidlich schönen Mädchen knien kannst

ohne sie zu umarmen und zu küssen, nimmt mich wunder, so wenig ich

dir das Verlangen verarge, das in dir aufstieg. So wie ich Aurelien

kenne, wird sie voller Scham über die Begebenheit schweigen und sich

höchstens nur unter irgend einem Vorwande deinem zu leidenschaftlichen

Unterrichte entziehen. Ich befürchte daher nicht im mindesten die

verdrießlichen Folgen, die dein Leichtsinn, deine ungezähmte Begierde

hätte herbeiführen können. -- Ich hasse sie nicht, diese Aurelie, aber

ihre Anspruchslosigkeit, ihr stilles Frommtun, hinter dem sich ein

unleidlicher Stolz versteckt, ärgert mich. Nie habe ich, unerachtet

ich es nicht verschmähte mit ihr zu spielen, ihr Zutrauen gewinnen

können, sie blieb scheu und verschlossen. Diese Abgeneigtheit sich

mir zu schmiegen, ja diese stolze Art mir auszuweichen, erregt in mir

die widrigsten Gefühle. -- Es ist ein sublimer Gedanke, die Blume,

die auf den Prunk ihrer glänzenden Farben so stolz tut, gebrochen und

dahinwelken zu sehen! -- ich gönne es dir, diesen sublimen Gedanken

auszuführen und es soll nicht an Mitteln fehlen, den Zweck leicht und

sicher zu erreichen. -- Auf Hermogens soll die Schuld fallen und ihn

vernichten!“ -- Ephemie sprach noch über ihren Plan und wurde mir mit

jedem Worte verhaßter, denn nur das gemeine, verbrecherische Weib sah

ich in ihr, und so sehr ich nach Aureliens Verderben dürstete, da ich

nur dadurch Befreiung von der grenzenlosen Qual wahnsinniger Liebe, die

meine Brust zerfleischte, hoffen konnte, so war mir doch Euphemiens

Mitwirkung verächtlich. Ich wies daher zu ihrem nicht geringen

Erstaunen ihren Anschlag von der Hand, indem ich im Innern fest

entschlossen war, das durch eigne Macht zu vollführen, wozu Euphemie

mir ihre Beihilfe aufdringen wollte.

So wie die Baronesse es vermutet, blieb Aurelie in ihrem Zimmer, sich

mit einer Unpäßlichkeit entschuldigend, und so sich meinem Unterricht

für die nächsten Tage entziehend. Hermogen war wider seine Gewohnheit

jetzt viel in der Gesellschaft Reinholds und des Barons, er schien

weniger in sich gekehrt, aber wilder, zorniger. Man hörte ihn oft

laut und nachdrücklich sprechen und ich bemerkte, daß er mich mit

Blicken des verhaltenen Grimms ansah so oft der Zufall mich ihm in den

Weg führte: das Betragen des Barons und Reinholds veränderte sich in

einigen Tagen auf ganz seltsame Weise. Ohne im äußerlichen im mindesten

von der Aufmerksamkeit und Hochachtung, die sie mir sonst bezeigt,

nachzulassen, schien es, als wenn sie, gedrückt von einem wunderbaren,

ahnenden Gefühl, nicht jenen gemütlichen Ton finden konnten, der sonst

unsre Unterhaltung belebte. Alles, was sie mit mir sprachen, war so

gezwungen, so frostig, daß ich mich ernstlich mühen mußte, von allerlei

Vermutungen ergriffen, wenigstens unbefangen zu scheinen. --

Euphemiens Blicke, die ich immer richtig zu deuten wußte, sagten mir,

daß irgend etwas vorgegangen, wovon sie sich besonders aufgeregt

fühlte, doch war es den ganzen Tag unmöglich, uns unbemerkt zu

sprechen. --

In dieser Nacht, als alles im Schlafe längst schlief, öffnete sich

eine Tapetentür in meinem Zimmer, die ich selbst noch nicht bemerkt,

und Euphemie trat herein, mit einem verstörten Wesen, wie ich sie

noch niemals gesehen. „Viktorin,“ sprach sie, „es droht uns Verrat.

Hermogen, der wahnsinnige Hermogen ist es, der, durch seltsame Ahnungen

auf die Spur geleitet, unser Geheimnis entdeckt hat. In allerlei

Andeutungen, die gleich schauerlichen, entsetzlichen Sprüchen einer

dunklen Macht, die über uns waltet, lauten, hat er dem Baron einen

Verdacht eingeflößt, der ohne deutlich ausgesprochen zu sein, mich

doch auf quälende Weise verfolgt. -- Wer du bist, daß unter diesem

heiligen Kleide Graf Viktorin verborgen, das scheint Hermogen durchaus

verschlossen geblieben; dagegen behauptet er, aller Verrat, alle

Arglist, alles Verderben das über uns einbrechen werde, ruhe in dir, ja

wie der Widersacher selbst, sei der Mönch in das Haus getreten, der von

teuflischer Macht beseelt, verdammten Verrat brüte. -- Es kann so nicht

bleiben, ich bin es müde, diesen Zwang zu tragen, den mir der kindische

Alte auferlegt, der nun mit kränkelnder Eifersucht wie es scheint,

ängstlich meine Schritte bewachen wird. Ich will dies Spielzeug, das

mir langweilig geworden, wegwerfen, und du, Viktorin, wirst dich umso

williger meinem Begehren fügen, als du auf einmal selbst der Gefahr

entgehst, endlich ertappt zu werden und so das geniale Verhältnis

das unser Geist ausbrütete, in eine gemeine, verbrauchte Mummerei,

in eine abgeschmackte Ehestandsgeschichte herabsinken zu sehen. Der

lästige Alte muß fort, und wie das am besten ins Werk zu richten

ist, darüber laß uns zu Rate gehen, höre aber erst meine Meinung. Du

weißt, daß der Baron jeden Morgen, wenn Reinhold beschäftigt, allein

hinausgeht in das Gebirge, um sich an den Gegenden nach seiner Art zu

erlaben. -- Schleiche dich früher hinaus und suche ihm am Ausgange

des Parks zu begegnen. Nicht weit von hier gibt es eine wilde,

schauerliche Felsengruppe; wenn man sie erstiegen, gähnt dem Wandrer

auf der einen Seite ein schwarzer bodenloser Abgrund entgegen, dort

ist, oben über den Abgrund herüberragend, der sogenannte Teufelssitz.

Man fabelt, daß giftige Dünste aus dem Abgrunde steigen, die den der

vermessen hinabschaut um zu erforschen was drunten verborgen, betäuben

und rettungslos in den Tod hinabziehen. Der Baron, dieses Märchen

verlachend, stand schon oft auf jenem Felsstück über dem Abgrund, um

die Aussicht die sich dort öffnet, zu genießen. Es wird leicht sein ihn

selbst darauf zu bringen, daß er dich an die gefährliche Stelle führt;

steht er nun dort und starrt in die Gegend hinein, so erlöst uns ein

kräftiger Stoß deiner Faust auf immer von dem ohnmächtigen Narren.“ --

„Nein, nimmermehr,“ schrie ich heftig, „ich kenne den entsetzlichen

Abgrund, ich kenne den Sitz des Teufels, nimmermehr, fort mit dir und

dem Frevel, den du mir zumutest!“ Da sprang Euphemie auf, wilde Glut

entflammte ihren Blick, ihr Gesicht war verzerrt von der wütenden

Leidenschaft, die in ihr tobte. „Elender Schwächling,“ rief sie, „du

wagst es in dumpfer Feigheit dem zu widerstreben, was ich beschloß?

Du willst dich lieber dem schmachvollen Joche schmiegen als mit mir

herrschen? Aber du bist in meiner Hand, vergebens entwindest du dich

der Macht die dich gefesselt hält zu meinen Füßen! -- Du vollziehst

meinen Auftrag, morgen darf der, dessen Anblick mich peinigt, nicht

mehr leben!“ --

Indem Euphemie die Worte sprach, durchdrang mich die tiefste Verachtung

ihrer armseligen Prahlerei und im bittern Hohn lachte ich ihr gellend

entgegen, daß sie erbebte und die Totenblässe der Angst und des

tiefen Grauens ihr Gesicht überflog. -- „Wahnsinnige,“ rief ich, „die

du glaubst über das Leben zu herrschen, die du glaubst mit seinen

Erscheinungen zu spielen, habe acht, daß dies Spielzeug nicht in deiner

Hand zur schneidenden Waffe wird, die dich tötet! Wisse Elende, daß

ich, den du in deinem ohnmächtigen Wahn zu beherrschen glaubst, dich

wie das Verhängnis selbst in meiner Macht festgekettet halte, dein

frevelhaftes Spiel ist nur das krampfhafte Winden des gefesselten

Raubtiers im Käfig! -- Wisse, Elende, daß dein Buhle zerschmettert in

jenem Abgrunde liegt und daß du statt seiner den Geist der Rache selbst

umarmtest! -- Geh und verzweifle!“

Euphemie wankte; im konvulsivischen Erbeben war sie im Begriff zu Boden

zu sinken, ich faßte sie und drückte sie durch die Tapetentüre den Gang

hinab. -- Der Gedanke stieg mir auf, sie zu töten, ich unterließ es

ohne mich dessen bewußt zu sein, denn im ersten Augenblick als ich die

Tapetentüre schloß, glaubte ich die Tat vollbracht zu haben! -- Ich

hörte einen durchdringenden Schrei und Türen zuschlagen.

Jetzt hatte ich mich selbst auf einen Standpunkt gestellt, der mich

dem gewöhnlichen menschlichen Tun ganz entrückte; jetzt mußte Schlag

auf Schlag folgen, und mich selbst als den bösen Geist der Rache

verkündend, mußte ich das Ungeheuere vollbringen. -- Euphemiens

Untergang war beschlossen und der glühendste Haß sollte, mit der

höchsten Inbrunst der Liebe sich vermählend, mir +den+ Genuß gewähren,

der nun noch dem übermenschlichen mir innewohnenden Geiste würdig. --

In dem Augenblick, daß Euphemie untergegangen, sollte Aurelie mein

werden.

Ich erstaunte über Euphemiens innere Kraft, die es ihr möglich machte,

den andern Tag unbefangen und heiter zu scheinen. Sie sprach selbst

darüber, daß sie vorige Nacht in eine Art Somnambulismus geraten und

dann heftig an Krämpfen gelitten, der Baron schien sehr teilnehmend,

Reinholds Blicke waren zweifelhaft und mißtrauisch. Aurelie blieb auf

ihrem Zimmer und je weniger es mir gelang sie zu sehen, desto rasender

tobte die Wut in meinem Innern. Euphemie lud mich ein, auf bekanntem

Wege in ihr Zimmer zu schleichen wenn alles im Schlosse ruhig geworden.

-- Mit Entzücken vernahm ich das, denn der Augenblick der Erfüllung

ihres bösen Verhängnisses war gekommen. -- Ein kleines spitzes Messer,

das ich schon von Jugend auf bei mir trug und mit dem ich geschickt

in Holz zu schneiden wußte, verbarg ich in meiner Kutte, und so zum

Morde entschlossen, ging ich zu ihr. „Ich glaube,“ fing sie an, „wir

haben beide gestern schwere ängstliche Träume gehabt, es kam viel

von Abgründen darin vor, doch das ist nun vorbei!“ -- Sie gab sich

darauf wie gewöhnlich meinen frevelnden Liebkosungen hin, ich war

erfüllt von entsetzlichem, teuflischem Hohn, indem ich nur die Lust

empfand, die mir der Mißbrauch ihrer eignen Schändlichkeit erregte.

Als sie in meinen Armen lag, entfiel mir das Messer, sie schauerte

zusammen wie von Todesangst ergriffen, ich hob das Messer rasch auf,

den Mord noch verschiebend, der mir selbst andere Waffen in die Hände

gab. -- Euphemie hatte italienischen Wein und eingemachte Früchte

auf dem Tisch stehen lassen. -- Wie so ganz plump und verbraucht,

dachte ich, verwechselte geschickt die Gläser und genoß nur scheinbar

die mir dargebotenen Früchte, die ich in meinen weiten Ärmel fallen

ließ. Ich hatte zwei, drei Gläser von dem Wein, aber aus dem Glase,

das Euphemie für sich hingestellt, getrunken, als sie vorgab Geräusch

im Schlosse zu hören und mich bat, sie schnell zu verlassen. -- Nach

ihrer Absicht sollte ich auf meinem Zimmer enden! Ich schlich durch

die langen, schwach erhellten Korridore, ich kam bei Aureliens Zimmer

vorüber, wie festgebannt blieb ich stehen. -- Ich sah sie, es war als

schwebe sie daher, mich voll Liebe anblickend wie in jener Vision und

mir winkend, daß ich ihr folgen sollte. -- Die Türe wich durch den

Druck meiner Hand, ich stand im Zimmer, nur angelehnt war die Türe des

Kabinetts, eine schwüle Luft wallte mir entgegen, meine Liebesglut

stärker entzündend, mich betäubend; kaum konnte ich atmen. -- Aus dem

Kabinett quollen die tiefen, angstvollen Seufzer der vielleicht von

Verrat und Mord Träumenden, ich hörte sie im Schlafe beten! -- „Zur

Tat, zur Tat, was zauderst du, der Augenblick entflieht,“ so trieb mich

die unbekannte Macht in meinem Innern. -- Schon hatte ich einen Schritt

ins Kabinett getan, da schrie es hinter mir. „Verruchter Mordbruder!

nun gehörst du mein!“ und ich fühlte mich mit Riesenkraft von hinten

festgepackt. -- Es war Hermogen, ich wand mich, alle meine Kräfte

aufbietend, endlich von ihm los und wollte mich fortdrängen, aber von

neuem packte er mich hinterwärts und zerfleischte meinen Nacken mit

wütenden Bissen! -- Vergebens rang ich, unsinnig vor Schmerz und Wut,

lange mit ihm, endlich zwang ihn ein kräftiger Stoß von mir abzulassen

und als er von neuem über mich herfiel, da zog ich mein Messer;

zwei Stiche und er sank röchelnd zu Boden, daß es dumpf im Korridor

wiederhallte. -- Bis heraus aus dem Zimmer hatten wir uns gedrängt im

Kampfe der Verzweiflung! --

Sowie Hermogen gefallen, rannte ich in wilder Wut die Treppe herab, da

riefen gellende Stimmen durch das ganze Schloß: Mord! Mord! -- Lichter

schweiften hin und her und die Tritte der Herbeieilenden schallten

durch die langen Gänge, die Angst verwirrte mich, ich war auf entlegene

Seitentreppen geraten. -- Immer lauter, immer heller wurde es im

Schlosse, immer näher und näher erscholl es gräßlich: Mord, Mord! Ich

unterschied die Stimme des Barons und Reinholds, welche heftig mit den

Bedienten sprachen. -- Wohin fliehen, wohin mich verbergen? -- Noch vor

wenig Augenblicken, als ich Euphemien mit demselben Messer ermorden

wollte, mit dem ich den wahnsinnigen Hermogen tötete, war es mir, als

könne ich mit dem blutigen Mordinstrument in der Hand, vertrauend auf

meine Macht, keck hinaustreten, da keiner, von scheuer Flucht ergriffen

es wagen würde mich aufzuhalten; jetzt war ich selbst von tödlicher

Angst befangen. Endlich, endlich war ich auf der Haupttreppe, der

Tumult hatte sich nach den Zimmern der Baronesse gezogen, es wurde

ruhiger, in drei gewaltigen Sprüngen war ich hinab, nur noch wenige

Schritte vom Portal entfernt. Da gellte ein durchdringender Schrei

durch die Gänge, dem ähnlich, den ich in voriger Nacht gehört. -- Sie

ist tot, gemordet durch das Gift das sie mir bereitet, sprach ich

dumpf in mich hinein. Aber nun strahlte es wieder hell aus Euphemiens

Zimmern. Aurelie schrie angstvoll um Hilfe. Aufs neue erscholl es

gräßlich: Mord, Mord! -- Sie brachten Hermogens Leichnam! -- „Eilt

nach dem Mörder,“ hörte ich Reinhold rufen. Da lachte ich grimmig

auf, daß es durch den Saal, durch die Gänge dröhnte und rief mit

schrecklicher Stimme. „Wahnwitzige, wollt ihr das Verhängnis fahen, das

die frevelnden Sünder gerichtet?“ -- Sie horchten auf, der Zug blieb

wie festgebannt auf der Treppe stehen. -- Nicht fliehen wollte ich

mehr, -- ja ihnen entgegenschreiten, die Rache Gottes an den Frevlern

in donnernden Worten verkündend. Aber -- des gräßlichen Anblicks! --

vor mir -- vor mir stand Viktorins blutige Gestalt, nicht ich, er

hatte die Worte gesprochen. -- Das Entsetzen sträubte mein Haar, ich

stürzte in wahnsinniger Angst hinaus durch den Park! -- Bald war ich

im Freien, da hörte ich Pferdegetrappel hinter mir, und indem ich

meine letzte Kraft zusammennahm um der Verfolgung zu entgehen, fiel

ich über eine Baumwurzel strauchelnd zu Boden. Bald standen die Pferde

bei mir. Es war Viktorins Jäger. „Um Jesus willen, gnädiger Herr,“

fing er an, „was ist im Schlosse vorgefallen, man schreit Mord! Schon

ist das Dorf im Aufruhr. -- Nun, was es auch sein mag, ein guter Geist

hat es mir eingegeben aufzupacken und aus dem Städtchen hierher zu

reiten; es ist alles im Felleisen auf Ihrem Pferde, gnädiger Herr,

denn wir werden uns doch wohl trennen müssen vorderhand, es ist gewiß

recht was Gefährliches geschehen, nicht wahr?“ -- Ich raffte mich

auf und mich aufs Pferd schwingend, bedeutete ich dem Jäger, in das

Städtchen zurückzureiten und dort meine Befehle zu erwarten. Sobald er

sich in der Finsternis entfernt hatte, stieg ich wieder vom Pferde und

leitete es behutsam in den dicken Tannenwald hinein, der sich vor mir

ausbreitete.

Die Elixiere des Teufels · 第 14 / 21 题