Die Abenteuer der Reise.
Als die ersten Strahlen der Sonne durch den finstern Tannenwald
brachen, befand ich mich an einem frisch und hell über glatte
Kieselsteine dahinströmenden Bach. Das Pferd, welches ich mühsam durch
das Dickicht geleitet stand ruhig neben mir und ich hatte nichts
Angelegentlicheres zu tun, als das Felleisen, womit es bepackt war, zu
untersuchen. -- Wäsche, Kleidungsstücke, ein mit Gold wohlgefüllter
Beutel fielen mir in die Hände. -- Ich beschloß, mich sogleich
umzukleiden; mit Hilfe der kleinen Schere und des Kamms den ich in
einem Besteck gefunden, verschnitt ich den Bart und brachte die Haare
so gut es gehen wollte in Ordnung. Ich warf die Kutte ab, in welcher
ich noch das kleine verhängnisvolle Messer, Viktorins Portefeuille
sowie die Korbflasche mit dem Rest des Teufels-Elixiers vorfand,
und bald stand ich da in weltlicher Kleidung mit der Reisemütze
auf dem Kopf, so daß ich mich selbst, als mir der Bach mein Bild
heraufspiegelte, kaum wieder erkannte. Bald war ich am Ausgange des
Waldes und der in der Ferne aufsteigende Dampf, sowie das helle
Glockengeläute, das zu mir herübertönte, ließen mich ein Dorf in
der Nahe vermuten. Kaum hatte ich die Anhöhe vor mir erreicht, als
ein freundliches, schönes Tal sich öffnete in dem ein großes Dorf
lag. Ich schlug den breiten Weg ein, der sich hinabschlängelte und
sobald der Abhang weniger steil wurde, schwang ich mich aufs Pferd
um soviel möglich mich an das mir ganz fremde Reiten zu gewöhnen. --
Die Kutte hatte ich in einen hohlen Baum verborgen und mit ihr all
die feindseligen Erscheinungen auf dem Schlosse in den finstern Wald
gebannt; denn ich fühlte mich froh und mutig und es war mir, als habe
nur meine überreizte Fantasie mir Viktorins blutige, gräßliche Gestalt
gezeigt und als wären die letzten Worte die ich den mir Verfolgenden
entgegenrief, wie in hoher Begeisterung, unbewußt, aus meinem Innern
hervorgegangen und hätten die wahre, geheime Beziehung des Zufalls, der
mich auf das Schloß brachte und das, was ich dort begann, herbeiführte,
deutlich ausgesprochen. -- Wie das waltende Verhängnis selbst trat ich
ein, den boshaften Frevel strafend und den Sünder in dem ihm bereiteten
Untergange entsündigend. Nur Aureliens holdes Bild lebte noch wie sonst
in mir und ich konnte nicht an sie denken, ohne meine Brust beengt, ja
physisch einen nagenden Schmerz in meinem Innern zu fühlen. -- Doch
war es mir, als müsse ich sie vielleicht in fernen Landen wiedersehen,
ja, als müsse sie, wie von unwiderstehlichem Drange hingerissen, von
unauflöslichen Banden an mich gekettet, mein werden. --
Ich bemerkte, daß die Leute welche mir begegneten, still standen und
mir verwundert nachsahen, ja, daß der Wirt im Dorfe vor Erstaunen über
meinen Anblick kaum Worte finden konnte, welches mich nicht wenig
ängstigte. Während daß ich mein Frühstück verzehrte und mein Pferd
gefüttert wurde, versammelten sich mehrere Bauern in der Wirtsstube,
die, mit scheuen Blicken mich anschielend, miteinander flüsterten.
-- Immer mehr drängte sich das Volk zu, und mich dicht umringend,
gafften sie mich an mit dummen Erstaunen. Ich bemühte mich, ruhig und
unbefangen zu bleiben und rief mir lauter Stimme den Wirt, den ich
befahl mein Pferd satteln und das Felleisen aufpacken zu lassen. Er
ging zweideutig lächelnd hinaus und kam bald darauf mit einem langen
Mann zurück, der mit finstrer Amtsmiene und komischer Gravität auf mich
zuschritt. Er faßte mich scharf ins Auge, ich erwiderte den Blick,
indem ich aufstand und mich dicht vor ihn stellte. Das schien ihn etwas
außer Fassung zu setzen, indem er sich scheu nach den versammelten
Bauern umsah. „Nun was ist es,“ rief ich, „Ihr scheint mir etwas sagen
zu wollen.“ Da räusperte sich der ernsthafte Mann und sprach, indem er
sich bemühte in den Ton seiner Stimme recht viel Gewichtiges zu legen.
„Herr! Ihr kommt nicht eher von hinnen, bis Ihr uns, dem Richter hier
am Orte umständlich gesagt, wer Ihr seid, mit allen Qualitäten, was
Geburt, Stand und Würde anbelangt, auch woher Ihr gekommen und wohin
Ihr zu reisen gedenkt, nach allen Qualitäten, der Lage des Orts, des
Namens, Provinz und Stadt und was weiter zu bemerken, und über das
alles müßt Ihr uns, dem Richter, einen Paß vorzeigen, geschrieben und
unterschrieben, untersiegelt nach allen Qualitäten, wie es recht ist
und gebräuchlich!“ -- Ich hatte noch gar nicht daran gedacht, daß
es nötig sei irgend einen Namen anzunehmen und noch weniger war mir
eingefallen, daß das Sonderbare, Fremde meines Äußern -- welches durch
die Kleidung, der sich mein mönchischer Anstand nicht fügen wollte,
sowie durch die Spuren des übelverschnittenen Bartes erzeugt wurde --
mich jeden Augenblick in die Verlegenheit setzen würde, über meine
Person ausgeforscht zu werden. Die Frage des Dorfrichters kam mir daher
so unerwartet, daß ich vergebens sann, ihm irgend eine befriedigende
Antwort zu geben. Ich entschloß mich zu versuchen, was entschiedene
Keckheit bewirken würde und sagte mit fester Stimme: „Wer ich bin, habe
ich Ursache zu verschweigen und deshalb trachtet Ihr vergeblich meinen
Paß zu sehen, übrigens hütet Euch, eine Person von Stande mit Euren
läppischen Weitläufigkeiten nur einen Augenblick aufzuhalten.“ „Hoho!“
rief der Dorfrichter, indem er eine große Dose hervorzog, in die, als
er schnupfte, fünf Hände der hinter ihm stehenden Gerichtsschöppen
hineingriffen, gewaltige Prisen herausholend, „hoho, nur nicht so
barsch, gnädigster Herr! -- Ihre Exzellenz wird sich gefallen lassen
müssen, uns, dem Richter, Rede zu stehen und den Paß zu zeigen,
denn, nun gerade heraus gesagt, hier im Gebirge gibt es seit einiger
Zeit allerlei verdächtige Gestalten, die dann und wann aus dem Walde
gucken und wieder verschwinden wie der Gottseibeiuns selbst, aber es
ist verfluchtes Diebs- und Raubgesindel, die den Reisenden auflauern
und allerlei Schaden anrichten durch Mord und Brand, und Ihr, mein
gnädigster Herr, seht in der Tat so absonderlich aus, daß Ihr ganz
dem Bilde ähnlich seid, das die hochlöbliche Landesregierung von
einem großen Räuber und Hauptspitzbuben geschrieben und beschrieben
nach allen Qualitäten, an uns den Richter geschickt hat. Also nur
ohne alle weitere Umstände und zeremonische Worte den Paß oder in
den Turm!“ -- Ich sah, daß mit dem Mann +so+ nichts auszurichten
war, ich schickte mich daher an zu einem andern Versuch. „Gestrenger
Herr Richter,“ sprach ich, „wenn Ihr mir die Gnade erzeigen wolltet,
daß ich mit Euch allein sprechen dürfte, so wollte ich alle Eure
Zweifel leicht aufklären und im Vertrauen auf Eure Klugheit Euch das
Geheimnis offenbaren, das mich in dem Aufzuge, der Euch so auffallend
dünkt, herführt.“ -- „Ha ha! Geheimnisse offenbaren,“ sprach der
Richter, „ich merke schon, was das sein wird; nun, geht nun hinaus,
ihr Leute, bewacht die Türe und die Fenster und laßt niemanden hinein
und heraus!“ -- Als wir allein waren, fing ich an: „Ihr seht in mir,
Herr Richter, einen unglücklichen Flüchtling, dem es endlich durch
seine Freunde glückte, einem schmachvollen Gefängnis und der Gefahr
auf ewig ins Kloster gesperrt zu werden, zu entgehen. Erlaßt mir die
näheren Umstände meiner Geschichte, die das Gewebe von Ränken und
Bosheiten einer rachsüchtigen Familie ist. Die Liebe zu einem Mädchen
niedern Standes war die Ursache meiner Leiden. In dem langen Gefängnis
war mir der Bart gewachsen und man hatte mir schon die Tonsur geben
lassen, wie Ihrs bemerken könnet, sowie ich auch in dem Gefängnisse in
dem ich schmachtete, in eine Mönchskutte gekleidet gehen mußte. Erst
nach meiner Flucht, hier im Walde, durfte ich mich umkleiden, weil
man mich sonst ereilt haben würde. Ihr merkt nun selbst, woher das
Auffallende in meinem Äußern rührt, das mich bei Euch in solch bösen
Verdacht gebracht hat. Einen Paß kann ich Euch, wie Ihr seht, nun
nicht vorzeigen, aber für die Wahrheit meiner Behauptungen habe ich
gewisse Gründe, die Ihr wohl für richtig anerkennen werdet.“ -- Mit
diesen Worten zog ich den Geldbeutel hervor, legte drei blanke Dukaten
auf den Tisch und der gravitätische Ernst des Herrn Richters verzog
sich zum schmunzelnden Lächeln. „Eure Gründe, mein Herr,“ sagte er,
„sind gewiß einleuchtend genug, aber nehmt es nicht übel, mein Herr,
es fehlt ihnen noch eine gewisse überzeugende Gleichheit nach allen
Qualitäten! Wenn Ihr wollt, daß ich das Ungerade für gerade nehmen
soll, so müssen Eure Gründe auch so beschaffen sein.“ -- Ich verstand
den Schelm und legte noch einen Dukaten hinzu. „Nun sehe ich,“ sprach
der Richter, „daß ich Euch mit meinem Verdacht unrecht getan habe;
reiset nur weiter, aber schlagt, wie Ihr es wohl gewohnt sein möget,
hübsch die Nebenwege ein, haltet Euch von der Heerstraße ab, bis Ihr
Euch des verdächtigen Äußeren ganz entledigt.“ -- Er öffnete die Türe
nun weit und rief laut der versammelten Menge entgegen. „Der Herr da
drinnen ist ein vornehmer Herr, nach allen Qualitäten, er hat sich uns,
dem Richter, in einer geheimen Audienz entdeckt, er reiset inkognito,
das heißt, unbekannterweise, und daß ihr alle davon nichts zu wissen
und zu vernehmen braucht, ihr Schlingel! -- Nun, glückliche Reise,
gnäd’ger Herr!“ Die Bauern zogen ehrfurchtsvoll schweigend die Mützen
ab als ich mich auf das Pferd schwang. Rasch wollte ich durch das Tor
sprengen, aber das Pferd fing an sich zu bäumen, meine Unwissenheit,
meine Ungeschicklichkeit im Reiten versagte mir jedes Mittel es von der
Stelle zu bringen, im Kreise drehte es sich mit mir herum und warf mich
endlich, unter dem schallenden Gelächter der Bauern, dem herbeieilenden
Richter und dem Wirte in die Arme. „Das ist ein böses Pferd!“ sagte der
Richter mit unterdrücktem Lachen. -- „Ein böses Pferd!“ wiederholte
ich, mir den Staub abklopfend. Sie halfen mir wieder herauf, aber von
neuem bäumte sich schnaubend und prustend das Pferd, durchaus war es
nicht durch das Tor zu bringen. Da rief ein alter Bauer. „Ei seht doch,
da sitzt ja das Zeterweib, die alte Liese, an dem Tor und läßt den
gnädigen Herrn nicht fort aus Schabernack, weil er ihr keinen Groschen
gegeben.“ -- Nun erst fiel mir ein altes, zerlumptes Bettelweib ins
Auge, die dicht am Torwege niedergekauert saß und mich mit wahnsinnigen
Blicken anlachte. „Will die Zeterhexe gleich aus dem Wege!“ schrie
der Richter, aber die Alte kreischte: „Der Blutbruder hat mir keinen
Groschen gegeben, seht ihr nicht den toten Menschen vor mir liegen?
Über den kann der Blutbruder nicht wegspringen, der tote Mensch richtet
sich auf, aber ich drücke ihn nieder, wenn mir der Blutbruder einen
Groschen gibt.“ Der Richter hatte das Pferd bei dem Zügel ergriffen und
wollte es, ohne auf das wahnwitzige Geschrei der Alten zu achten, durch
das Tor ziehen, vergeblich war indessen alle Anstrengung, und die Alte
schrie gräßlich dazwischen: „Blutbruder, Blutbruder, gib mir Groschen,
gib mir Groschen!“ Da griff ich in die Tasche und warf ihr Geld in den
Schoß und jubelnd und jauchzend sprang die Alte auf in die Lüfte und
schrie: „Seht die schönen Groschen die mir der Blutbruder gegeben, seht
die schönen Groschen!“ Aber mein Pferd wieherte laut und kurbettierte,
von dem Richter losgelassen, durch das Tor. „Nun geht es gar schön und
herrlich mit dem Reiten, gnädiger Herr, nach allen Qualitäten,“ sagte
der Richter, und die Bauern, die mir bis vors Tor nachgelaufen, lachten
noch einmal über die Maßen, als sie mich unter den Sprüngen des muntern
Pferdes so auf und nieder fliegen sahen und riefen: „Seht doch, seht
doch, der reitet wie ein Kapuziner!“ --
Der ganze Vorfall im Dorfe, vorzüglich die verhängnisvollen Worte des
wahnsinnigen Weibes hatten mich nicht wenig aufgeregt. Die vornehmsten
Maßregeln die ich jetzt zu ergreifen hatte, schienen mir bei der
ersten Gelegenheit alles Auffallende aus meinem Äußern zu verbannen
und mir irgend einen Namen zu geben, mit dem ich mich ganz unbemerkt
in die Masse der Menschen eindrängen könne. -- Das Leben lag vor
mir wie ein finstres, undurchschauliches Verhängnis, was konnte ich
anders tun, als mich in meiner Verbannung ganz den Wellen des Stroms
überlassen, der mich unaufhaltsam dahinriß. Alle Faden, die mich sonst
an bestimmte Lebensverhältnisse banden, waren zerschnitten, und daher
kein Halt für mich zu finden. Immer lebendiger und lebendiger wurde
die Heerstraße, und alles kündigte schon in der Ferne die reiche,
lebhafte Handelsstadt an, der ich mich jetzt näherte. In wenigen
Tagen lag sie mir vor Augen; ohne gefragt, ja ohne einmal eben genau
betrachtet zu werden, ritt ich in die Vorstadt hinein. Ein großes Haus
mit hellen Spiegelfenstern, über dessen Türe ein goldner, geflügelter
Löwe prangte, fiel mir in die Augen. Eine Menge Menschen wogte hinein
und hinaus, Wagen kamen und fuhren ab, aus den untern Zimmern schallte
mir Gelächter und Gläserklang entgegen. Kaum hielt ich an der Türe,
als geschäftig der Hausknecht herbeisprang, mein Pferd bei dem Zügel
ergriff und es, als ich abgestiegen, hineinführte. Der zierlich
gekleidete Kellner kam mit dem klappernden Schlüsselbunde und schritt
mir voran die Treppe hinauf; als wir uns im zweiten Stock befanden, sah
er mich noch einmal flüchtig an und führte mich dann noch eine Treppe
höher, wo er ein mäßiges Zimmer öffnete und mich dann höflich frug,
was ich vorderhand befehle, um zwei Uhr würde gespeiset im Saal Nr. 10
erster Stock usw. „Bringen Sie mir eine Flasche Wein!“ Das war in der
Tat das erste Wort, das ich der dienstfertigen Geschäftigkeit dieser
Leute einschieben konnte.
Kaum war ich allein als es klopfte und ein Gesicht zur Türe hereinsah,
das einer komischen Maske glich, wie ich sie wohl ehemals gesehen. Eine
spitze rote Nase, ein paar kleine, funkelnde Augen, ein langes Kinn
und dazu ein aufgetürmtes, gepudertes Toupet, das, wie ich nachher
wahrnahm, ganz unvermuteterweise hinten in einen Titus ausging, ein
großes Jabot, ein brennend rotes Gilet, unter dem zwei starke Uhrketten
hervorhingen, Pantalons, ein Frack, der manchmal zu enge, dann aber
auch wieder zu weit war, kurz mit Konsequenz überall nicht paßte! --
So schritt die Figur in der Krümmung des Bücklings, der in der Türe
begonnen, herein, Hut, Schere und Kamm in der Hand, sprechend: „Ich bin
der Friseur des Hauses und biete meine Dienste, meine unmaßgeblichen
Dienste gehorsamst an.“ -- Die kleine, winddürre Figur hatte so etwas
Possierliches, daß ich das Lachen kaum unterdrücken konnte. Doch war
mir der Mann willkommen und ich stand nicht an ihn zu fragen, ob er
sich getraue, meine durch die lange Reise und noch dazu durch übles
Verschneiden ganz in Verwirrung geratenen Haare in Ordnung zu bringen.
Er sah meinen Kopf mit kunstrichterlichen Augen an und sprach,
indem er die rechte Hand, graziös gekrümmt, mit ausgespreizten Fingern
auf die rechte Brust legte: „In Ordnung bringen? -- O Gott! Pietro
Belcampo, du, den die schnöden Neider schlechtweg Peter Schönfeld
nennen, wie den göttlichen Regimentspfeifer und Hornisten Giacomo
Punto, Jakob Stich, du wirst verkannt. Aber stellst du nicht selbst
dein Licht unter den Scheffel, statt es leuchten zu lassen vor der
Welt? Sollte der Bau dieser Hand, sollte der Funke des Genies der aus
diesem Auge strahlt und wie ein lieblich Morgenrot die Nase färbt
im Vorbeistreifen, sollte dein ganzes Wesen nicht dem ersten Blick
des Kenners verraten, daß der Geist dir einwohnt, der nach dem Ideal
strebt? -- In Ordnung bringen! -- ein kaltes Wort, mein Herr!“ --
[Illustration]
Ich bat den wunderlichen, kleinen Mann, sich nicht zu ereifern,
indem ich seiner Geschicklichkeit alles zutraue. „Geschicklichkeit?“
fuhr er in einem Eifer fort, „was ist Geschicklichkeit? -- Sie ist
fremd dem Pietro Belcampo, den die Kunst, die heilige, durchdringt.
-- Die Kunst, mein Herr, die Kunst! -- Meine Fantasie irrt in dem
wunderbaren Lockenbau, in dem künstlichen Gefüge, das der Zephirhauch
in Wellenzirkeln baut und zerstört. -- Sie verstehen mich, mein Herr,
denn Sie scheinen mir ein denkender Kopf, wie ich aus dem Löckchen
schließe, das sich rechter Hand über Dero verehrte Stirn gelegt.“ --
Ich versicherte, daß ich ihn vollkommen verstände, und indem mich die
ganz originelle Narrheit des Kleinen höchlich ergötzte, beschloß ich,
seine gerühmte Kunst in Anspruch nehmend, seinen Eifer, seinen Pathos
nicht im mindesten zu unterbrechen. „Was gedenken Sie denn,“ sagte
ich, „aus meinen verworrenen Haaren herauszubringen?“ -- „Alles was
Sie wollen,“ erwiderte der Kleine, „soll Pietro Belcampo des Künstlers
Rat aber etwas vermögen, so lassen Sie mich erst in den gehörigen
Weiten, Breiten und Längen, Ihr wertes Haupt, Ihre ganze Gestalt, Ihren
Gang, Ihre Mienen, Ihr Gebärdenspiel betrachten, dann werde ich sagen,
ob Sie sich mehr zum Antiken oder zum Romantischen, zum Heroischen,
Großen, Erhabenen, zum Naiven, zum Idyllischen, zum Spöttischen, zum
Humoristischen hinneigen; dann werde ich die Geister des Caracalla,
des Titus, Karls des Großen, Heinrich des Vierten, Gustav Adolfs oder
Virgils, Tassos, Boccaccios, heraufbeschwören. -- Von ihnen beseelt
zucken die Muskeln meiner Finger, und unter der sonoren, zwitschernden
Schere geht das Meisterstück hervor. Ich werde es sein, mein Herr, der
Ihre Charakteristik, wie sie sich aussprechen soll im Leben, vollendet.
Aber jetzt bitte ich die Stube einigemal auf und ab zu schreiten, ich
will beobachten, bemerken, anschauen, ich bitte!“
Dem wunderlichen Manne mußte ich mich wohl fügen, ich schritt daher
wie er gewollt, die Stube auf und ab, indem ich mir alle Mühe gab, den
gewissen mönchischen Anstand, den keiner ganz abzulegen vermag, ist er
auch noch so lange her, daß er das Kloster verlassen, zu verbergen. Der
Kleine betrachtete mich aufmerksam, dann aber fing er an, um mich her
zu trippeln, er seufzte und ächzte, er zog sein Schnupftuch hervor und
wischte sich die Schweißtropfen von der Stirne. Endlich stand er still
und ich frug ihn, ob er nun mit sich einig worden, wie er mein Haar
behandeln müsse. Da seufzte er und sprach: „Ach, mein Herr, was ist
denn das? -- Sie haben sich nicht Ihrem natürlichen Wesen überlassen,
es war ein Zwang in dieser Bewegung, ein Kampf streitender Naturen.
Noch ein paar Schritte, mein Herr!“ -- Ich schlug es ihm rund ab, mich
noch einmal zur Schau zu stellen, indem ich erklärte, daß wenn er nun
sich nicht entschließen könne, mein Haar zu verschneiden, ich darauf
verzichten müsse seine Kunst in Anspruch zu nehmen. „Begrabe dich,
Pietro,“ rief der Kleine in vollem Eifer, „denn du wirst verkannt
in dieser Welt, wo keine Treue ist, keine Aufrichtigkeit mehr zu
finden. Aber Sie sollen doch meinen Blick, der in die Tiefe schaut,
bewundern, ja den Genius in mir verehren, mein Herr! Vergebens suchte
ich lange all das Widersprechende, was in Ihrem ganzen Wesen, in Ihren
Bewegungen liegt, zusammenzufügen. Es liegt in Ihrem Gange etwas, das
auf einen Geistlichen hindeutet. ~Ex profundis clamavi ad te Domine
-- Oremus -- Et in omnia saecula saeculorum Amen!~“ -- Diese Worte
sang der Kleine mit heisrer, quäkender Stimme, indem er mit treuster
Wahrheit, Stellung und Gebärde der Mönche nachahmte. Er drehte sich
wie vor dem Altar, er kniete und stand wieder auf, aber nun nahm er
einen stolzen, trotzigen Anstand an, er runzelte die Stirn, er riß die
Augen auf und sprach: „Mein ist die Welt! -- Ich bin reicher, klüger,
verständiger als ihr alle, ihr Maulwürfe; beugt euch vor mir! Sehen
Sie, mein Herr, sagte der Kleine, das sind die Hauptingredienzien Ihres
äußern Anstandes, und wenn Sie es wünschen, so will ich, Ihre Züge,
Ihre Gestalt, Ihre Sinnesart beachtend, etwas Caracalla, Abälard und
Boccaz zusammengießen, und so in der Glut, Form und Gestalt bindend,
den wunderbaren antik-romantischen Bau ätherischer Locken und Löckchen
beginnen.“ -- Es lag so viel Wahres in der Bemerkung des Kleinen, daß
ich es für geraten hielt, ihm zu gestehen, wie ich in der Tat geistlich
gewesen und schon die Tonsur erhalten, die ich jetzt soviel möglich zu
verstecken wünsche.
Unter seltsamen Sprüngen, Grimassen und wunderlichen Reden bearbeitete
der Kleine mein Haar. Bald sah er finster und mürrisch aus, bald
lächelte er, bald stand er in athletischer Stellung, bald erhob er
sich auf den Fußspitzen, kurz es war mir kaum möglich, nicht noch
mehr zu lachen als schon wider meinen Willen geschah. -- Endlich war
er fertig und ich bat ihn, noch ehe er in Worte ausbrechen konnte,
die ihm schon auf der Zunge schwebten, mir jemanden heraufzuschicken,
der sich, ebenso wie er des Haupthaars, meines verwirrten Barts
annehmen könnte. Da lächelte er ganz seltsam, schlich auf den Zehen
zur Stubentür und verschloß sie. Dann trippelte er leise bis mitten
ins Zimmer und sprach: „Goldne Zeit, als noch Bart und Haupthaar in
einer Lockenfülle sich zum Schmuck des Mannes ergoß, und die süße
Sorge +eines+ Künstlers war. -- Aber du bist dahin! -- der Mann hat
seine schönste Zierde verworfen und eine schändliche Klasse hat sich
hingegeben, den Bart mit entsetzlichen Instrumenten bis auf die Haut
zu vertilgen. -- Es gibt Pietros, die euerm schmachvollen Treiben, die
Bärte auszurotten, noch das zu retten suchen, was sich über die Wellen
der Zeit erhebt. Ha, Pietro! zeige, welcher Geist dir einwohnt, ja, was
du für die Kunst zu unternehmen bereit bist, indem du herabsteigst zum
unleidlichen Geschäft der Bartkratzer.“ -- Unter diesen Worten hatte
der Kleine ein vollständiges Barbierzeug hervorgehoben und fing an,
mich mit leichter geübter Hand von meinem Barte zu befreien. Wirklich
ging ich aus seinen Händen ganz anders gestaltet hervor, und es
bedurfte nur noch anderer, weniger ins Auge fallender Kleidungsstücke,
um mich der Gefahr zu entziehen, wenigstens durch mein Äußeres eine
mir gefährliche Aufmerksamkeit zu erregen. Der Kleine stand, in
inniger Zufriedenheit mich anlächelnd, da. Ich sagte ihm, daß ich
ganz unbekannt in der Stadt wäre, und daß es mir angenehm sein würde,
mich bald nach der Sitte des Orts kleiden zu können. Ich drückte ihm
für seine Bemühung und um ihn aufzumuntern, meinen Kommissionär zu
machen, einen Dukaten in die Hand. Er war wie verklärt, er beäugelte
die Dukaten in der flachen Hand. „Wertester Gönner und Mäzen,“ fing er
an, „ich habe mich nicht in Ihnen betrogen, der Geist leitete meine
Hand, und im Adlerflug des Backenbarts sind Ihre hohen Gesinnungen
rein ausgesprochen. Ich habe einen Freund, einen Damon, einen Orest,
der das am Körper vollendet, was ich am Haupt begonnen, mit demselben
tiefen Sinn, mit demselben Genie. Sie merken, mein Herr, daß es ein
Kostümkünstler ist, denn so nenne ich ihn, statt des gewöhnlichen
trivialen Ausdrucks +Schneider+. -- Er hüpfte schnell von dannen und
erschien bald mit einem großen, starken, anständig gekleideten Manne
wieder, der gerade den Gegensatz des Kleinen machte, sowohl im Äußern,
als in seinem ganzen Wesen, und den er mir doch eben als seinen Damon
vorstellte. -- Damon maß mich mit den Augen und suchte dann selbst aus
dem Paket, das ihm ein Bursch nachgetragen, Kleidungsstücke heraus,
die den Wünschen, welche ich ihm eröffnet, ganz entsprachen. Ja, erst
in der Folge habe ich den feinen Takt des Kostümkünstlers, wie ihn
der Kleine preziös nannte, eingesehen, der in dem Sinn durchaus nicht
aufzufallen, sondern unbemerkt und doch beim Bekanntwerden geachtet,
ohne Neugierde über Stand, Gewerbe usw. zu erregen, zu wandeln, so
richtig wählte. Es ist in der Tat schwer, sich so zu kleiden, daß der
gewisse allgemeinere Charakter des Anzuges irgend eine Vermutung, man
treibe dies oder jenes Gewerbe, nicht aufkommen läßt, ja daß niemand
daran denkt, darauf zu sinnen. Das Kostüm des Weltbürgers wird wohl nur
durch das Negative bedingt, und läuft ungefähr darauf hinaus, was man
das gebildete Benehmen heißt, das auch mehr im Unterlassen als im Tun
liegt. -- Der Kleine ergoß sich noch in allerlei sonderbaren grotesken
Redensarten, ja, da ihm vielleicht wenige so williges Ohr verliehen
als ich, schien er überglücklich, sein Licht recht leuchten lassen
zu können. -- Damon, ein ernster, und wie mir schien verständiger
Mann, schnitt ihm aber plötzlich die Rede ab, indem er ihn bei der
Schulter faßte und sprach. „Schönfeld! du bist heute wieder einmal
recht im Zuge tolles Zeug zu schwatzen; ich wette, daß dem Herrn
schon die Ohren wehe tun, von all dem Unsinn, den du vorbringst.“ --
Belcampo ließ traurig sein Haupt sinken, aber dann ergriff er schnell
den bestaubten Hut und rief laut, indem er zur Türe hinaussprang: „So
werd ich prostituiert von meinen besten Freunden.“ -- Damon sagte,
indem er sich mir empfahl: „Es ist ein Hasenfuß ganz eigner Art,
dieser Schönfeld! -- Das viele Lesen hat ihn halb verrückt gemacht,
aber sonst ein gutmütiger Mensch und in seinem Metier geschickt,
weshalb ich ihn leiden mag, denn leistet man recht viel wenigstens in
+einer+ Sache, so kann man sonst wohl etwas weniges über die Schnur
hauen.“ -- Als ich allein war, fing ich vor dem großen Spiegel, der
im Zimmer aufgehängt war, eine förmliche Übung im Gehen an. Der
kleine Friseur hatte mir einen richtigen Fingerzeig gegeben. Den
Mönchen ist eine gewisse schwerfällige, ungelenke Geschwindigkeit im
Gehen eigen, die durch die lange Kleidung, welche die Schritte hemmt
und durch das Streben, sich schnell zu bewegen, wie es der Kultus
erfordert, hervorgebracht wird. Ebenso liegt in dem zurückgebeugten
Körper und in dem Tragen der Arme, die niemals herunterhängen dürfen,
da der Mönch die Hände, wenn er sie nicht faltet, in die weiten Ärmel
der Kutte steckt, etwas so Charakteristisches, das dem Aufmerksamen
nicht leicht entgeht. Ich versuchte dies alles abzulegen, um jede
Spur meines Standes zu verwischen. Nur darin fand ich Trost für mein
Gemüt, daß ich mein ganzes Leben, als ausgelebt möcht ich sagen, als
überstanden ansah, und nun in ein neues Sein so eintrat, als belebe
ein geistiges Prinzip die neue Gestalt, von der überhaupt selbst die
Erinnerung ehemaliger Existenz immer schwächer und schwächer werdend,
endlich ganz unterginge. Das Gewühl der Menschen, der fortdauernde Lärm
des Gewerbes, das sich auf den Straßen rührte, alles war mir neu und
ganz dazu geeignet, die heitre Stimmung zu erhalten, in die mich der
komische Kleine versetzt. In meiner neuen anständigen Kleidung wagte
ich mich hinab an die zahlreiche Wirtstafel und jede Scheu verschwand,
als ich wahrnahm, daß mich niemand bemerkte, ja daß mein nächster
Nachbar sich nicht einmal die Mühe gab mich anzuschauen, als ich mich
neben ihn setzte. In der Fremdenliste hatte ich, meiner Befreiung durch
den Prior gedenkend, mich Leonhard genannt und für einen Privatmann
ausgegeben, der zu seinem Vergnügen reise. Dergleichen Reisende mochte
es in der Stadt gar viele geben, und umsoweniger veranlaßte ich
weitere Nachfrage. -- Es war mir ein eignes Vergnügen, die Straßen
zu durchstreifen und mich an dem Anblick der reichen Kaufladen, der
ausgehängten Bilder und Kupferstiche zu ergötzen. Abends besuchte ich
die öffentlichen Spaziergänge, wo mich oft meine Abgeschiedenheit
mitten im lebhaftesten Gewühl der Menschen mit bittern Empfindungen
erfüllte. -- Von niemandem gekannt zu sein, in niemandes Brust die
leiseste Ahnung vermuten zu können, wer ich sei, welch ein wunderbares,
merkwürdiges Spiel des Zufalls mich hieher geworfen, ja was ich alles
in mir selbst verschließe, so wohltätig es mir in meinem Verhältnis
sein mußte, hatte doch für mich etwas wahrhaft Schauerliches, indem
ich mir selbst dann vorkam, wie ein abgeschiedener Geist, der noch
auf Erden wandle, da alles ihm sonst im Leben Befreundete längst
gestorben. Dachte ich daran, wie ehemals den berühmten Kanzelredner
alles freundlich und ehrfurchtsvoll grüßte, wie alles nach seiner
Unterhaltung, ja nach ein paar Worten von ihm geizte, so ergriff mich
bittere Unmut. -- Aber jener Kanzelredner war der Mönch Medardus, der
ist gestorben und begraben in den Abgründen des Gebirges, ich bin es
nicht, denn ich lebe, ja mir ist erst jetzt das Leben neu aufgegangen,
das mir seine Genüsse bietet. -- So war es mir, wenn Träume mir die
Begebenheiten im Schlosse wiederholten, als wären sie einem anderen,
nicht mir, geschehen; dieser andere war doch wieder der Kapuziner, aber
nicht ich selbst. Nur der Gedanke an Aurelien verknüpfte noch mein
voriges Sein mit dem jetzigen, aber wie ein tiefer nie zu verwindender
Schmerz tötete er oft die Lust, die mir aufgegangen, und ich wurde
dann plötzlich herausgerissen aus den bunten Kreisen, womit mich immer
mehr das Leben umfing. -- Ich unterließ nicht, die vielen öffentlichen
Häuser zu besuchen, in denen man trank, spielte usw. und vorzüglich
war mir in dieser Art ein Hotel in der Stadt lieb geworden, in dem
sich, des guten Weins wegen, jeden Abend eine zahlreiche Gesellschaft
versammelte. -- An einem Tisch im Nebenzimmer sah ich immer dieselben
Personen, ihre Unterhaltung war lebhaft und geistreich. Es gelang mir
den Männern, die einen geschlossenen Zirkel gebildet hatten, näher zu
treten, indem ich erst in einer Ecke des Zimmers still und bescheiden
meinen Wein trank, endlich irgend eine interessante literarische Notiz,
nach der sie vergebens suchten, mitteilte, und so einen Platz am Tische
erhielt, den sie mir umso lieber einräumten, als ihnen mein Vortrag
sowie meine mannigfachen Kenntnisse, die ich, täglich mehr eindringend
in all die Zweige der Wissenschaft, die mir bisher unbekannt bleiben
mußten, erweiterte, zusagten. So erwarb ich mir eine Bekanntschaft, die
mir wohl tat, und mich immer mehr und mehr an das Leben in der Welt
gewöhnend, wurde meine Stimmung täglich unbefangener und heitrer; ich
schliff all die rauhen Ecken ab, die mir von meiner vorigen Lebensweise
übrig geblieben. --
Seit mehreren Abenden sprach man in der Gesellschaft, die ich besuchte,
viel von einem fremden Maler, der angekommen und eine Ausstellung
seiner Gemälde veranstaltet habe: Alle außer mir hatten die Gemälde
schon gesehen und rühmten ihre Vortrefflichkeit so sehr, daß ich
mich entschloß auch hinzugehen. Der Maler war nicht zugegen als
ich in den Saal trat, doch machte ein alter Mann den Cicerone und
nannte die Meister der fremden Gemälde, die der Maler zugleich mit
den seinigen ausgestellt. -- Es waren herrliche Stücke, mehrenteils
Originale berühmter Meister, deren Anblick mich entzückte. -- Bei
manchen Bildern, die der Alte flüchtige, großen Freskogemälden
entnommene Kopien nannte, dämmerten in meiner Seele Erinnerungen aus
meiner frühsten Jugend auf. -- Immer deutlicher und deutlicher, immer
lebendiger erglühten sie in regen Farben. Es waren offenbar Kopien aus
der heiligen Linde. So erkannte ich auch bei einer heiligen Familie
in Josephs Zügen ganz das Gesicht jenes fremden Pilgers, der mir den
wunderbaren Knaben brachte. Das Gefühl der tiefsten Wehmut durchdrang
mich, aber eines lauten Ausrufs konnte ich mich nicht erwehren, als
mein Blick auf ein lebensgroßes Porträt fiel, in dem ich die Fürstin,
meine Pflegemutter, erkannte. Sie war herrlich und mit jener im
höchsten Sinn aufgefaßten Ähnlichkeit, wie Van Dyk seine Porträts
malte, in der Tracht, wie sie in der Prozession am Bernardustage vor
den Nonnen einherzuschreiten pflegte, gemalt. Der Maler hatte gerade
den Moment ergriffen, als sie nach vollendetem Gebet sich anschickt,
aus ihrem Zimmer zu treten, um die Prozession zu beginnen, auf welche
das versammelte Volk in der Kirche, die sich in der Perspektive des
Hintergrundes öffnet, erwartungsvoll harrt. In dem Blick der herrlichen
Frau lag ganz der Ausdruck des zum Himmlischen erhobenen Gemüts, ach
es war, als schien sie Vergebung für den frevelnden, frechen Sünder
zu erflehen, der sich gewaltsam von ihrem Mutterherzen losgerissen
und dieser Sünder war ja ich selbst! Gefühle, die mir längst fremd
worden, durchströmten meine Brust, eine unaussprechliche Sehnsucht
riß mich fort, ich war wieder bei dem guten Pfarrer im Dorfe des
Cisterzienserklosters, ein muntrer, unbefangener, froher Knabe, vor
Lust jauchzend, weil der Bernardustag gekommen. Ich sah sie. -- Bist
du recht fromm und gut gewesen, Franziskus? frug sie mit der Stimme,
deren vollen Klang die Liebe dämpfte, daß sie weich und lieblich zu
mir herübertönte. -- Bist du recht fromm und gut gewesen? Ach, was
konnte ich ihr antworten? -- Frevel auf Frevel habe ich gehäuft, dem
Bruch des Gelübdes folgte der Mord! -- Von Gram und Reue zerfleischt
sank ich halb ohnmächtig auf die Knie, Tränen entstürzten meinen Augen.
-- Erschrocken sprang der Alte auf mich zu und frug heftig: „Was ist
Ihnen, was ist Ihnen, mein Herr?“ -- Das Bild der Äbtissin ist meiner
eines grausamen Todes gestorbenen Mutter so ähnlich, sagte ich dumpf
in mich hinein und suchte, indem ich aufstand, soviel Fassung als
möglich zu gewinnen. „Kommen Sie, mein Herr!“ sagte der Alte, „solche
Erinnerungen sind zu schmerzhaft, man darf sie vermeiden, es ist noch
ein Porträt hier, welches mein Herr für sein bestes hält. Das Bild ist
nach dem Leben gemalt und unlängst vollendet, wir haben es verhängt
damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz eingetrockneten
Farben verderbe.“ -- Der Alte stellte mich sorglich in das gehörige
Licht und zog dann schnell den Vorhang weg. -- Es war Aurelie! -- Mich
ergriff ein Entsetzen, das ich kaum zu bekämpfen vermochte. -- Aber
ich erkannte die Nähe des Feindes, der mich in die wogende Flut der
ich kaum entronnen, gewaltsam hineindrängen, mich vernichten wollte,
und mir kam der Mut wieder, mich aufzulehnen gegen das Ungetüm, das in
geheimnisvollem Dunkel auf mich einstürmte. --
Mit gierigen Blicken verschlang ich Aureliens Reize, die aus dem in
regem Leben glühenden Bilde hervorstrahlten. -- Der kindliche milde
Blick des frommen Kindes schien den verruchten Mörder des Bruders
anzuklagen, aber jedes Gefühl der Reue erstarb in dem bittern,
feindlichen Hohn, der, in meinem Innern aufkeimend, mich wie mit
giftigen Stacheln hinaustrieb aus dem freundlichen Leben. -- Nur
+das+ peinigte mich, daß in jener verhängnisvollen Nacht auf dem
Schlosse Aurelie nicht mein worden. Hermogens Erscheinung vereitelte
das Unternehmen, aber er büßte mit dem Tode! -- Aurelie lebt, und das
ist genug, der Hoffnung Raum zu geben, sie zu besitzen! -- Ja, es ist
gewiß, daß sie noch mein wird, denn das Verhängnis waltet, dem sie
nicht entgehen kann; und bin ich nicht selbst dieses Verhängnis?
So ermutigte ich mich zum Frevel, indem ich das Bild anstarrte. Der
Alte schien über mich verwundert. Er kramte viel Worte aus über
Zeichnung, Ton, Kolorit, ich hörte ihn nicht. Der Gedanke an Aurelie,
die Hoffnung, die nur aufgeschobene böse Tat noch zu vollbringen,
erfüllte mich so ganz und gar, daß ich forteilte ohne nach dem fremden
Maler zu fragen, und so vielleicht näher zu erforschen, was für eine
Bewandtnis es mit den Gemälden habe könne, die wie in einem Zyklus
Andeutungen über mein ganzes Leben enthielten. -- Um Aureliens Besitz
war ich entschlossen alles zu wagen, ja es war mir, als ob ich selbst
über die Erscheinungen meines Lebens gestellt und sie durchschauend,
niemals zu befürchten, und daher auch niemals zu wagen haben könne. Ich
brütete über allerlei Pläne und Entwürfe meinem Ziele näher zu kommen,
vorzüglich glaubte ich nun, von dem fremden Maler manches zu erfahren
und manche mir fremde Beziehung zu erforschen, die mir zu wissen, als
Vorbereitung zu meinem Zweck, nötig sein konnte. Ich hatte nämlich
nichts Geringeres im Sinn, als in meiner jetzigen neuen Gestalt auf das
Schloß zurückzukehren, und das schien mir nicht einmal ein sonderlich
kühnes Wagstück zu sein. -- Am Abend ging ich in jene Gesellschaft; es
war mir darum zu tun, der immer steigenden Spannung meines Geistes,
dem ungezähmten Arbeiten meiner aufgeregten Fantasie Schranken zu
setzen. --
Man sprach viel von den Gemälden des fremden Malers und vorzüglich von
dem seltnen Ausdruck, den er seinen Porträts zu geben wüßte; es war mir
möglich in dies Lob einzustimmen und mit einem besonderen Glanz des
Ausdrucks, der nur der Reflex der höhnenden Ironie war, die in meinem
Innern wie verzehrendes Feuer brannte, die unnennbaren Reize, die über
Aureliens frommes, engelschönes Gesicht verbreitet, zu schildern.
Einer sagte, daß er den Maler, den die Vollendung mehrerer Porträts,
die er angefangen, noch am Orte festhielte, und der ein interessanter,
herrlicher Künstler, wiewohl schon ziemlich bejahrt sei, morgen abend
in die Gesellschaft mitbringen wolle.
Von seltsamen Gefühlen, von unbekannten Ahnungen bestürmt, ging ich
den andern Abend, später als gewöhnlich, in die Gesellschaft; der
Fremde saß mit mir zugekehrtem Rücken am Tische. Als ich mich setzte,
als ich ihn erblickte, da starrten mir die Züge jenes fürchterlichen
Unbekannten entgegen, der am Antoniustage an den Eckpfeiler gelehnt
stand, und mich mit Angst und Entsetzen erfüllte. -- Er sah mich lange
an mit tiefem Ernst, aber die Stimmung, in der ich mich befand, seitdem
ich Aureliens Bild geschaut hatte, gab mir Mut und Kraft diesen Blick
zu ertragen. Der Feind war nun sichtlich ins Leben getreten, und es
galt, den Kampf auf den Tod mit ihm zu beginnen. Ich beschloß, den
Angriff abzuwarten, aber dann ihn mit den Waffen, auf deren Stärke ich
bauen konnte, zurückzuschlagen. Der Fremde schien mich nicht sonderlich
zu beachten, sondern setzte, den Blick wieder von mir abwendend, das
Kunstgespräch fort, in dem er begriffen gewesen, als ich eintrat. Man
kam auf seine Gemälde und lobte vorzüglich Aureliens Porträt. Jemand
behauptete, daß das Bild, unerachtet es sich auf den ersten Blick als
Porträt ausspreche, doch als Studie dienen und zu irgend einer Heiligen
benutzt werden könne. -- Man frug nach meinem Urteil, da ich eben jenes
Bild so herrlich mit allen seinen Vorzügen in Worten dargestellt, und
unwillkürlich fuhr es mir heraus, daß ich die heilige Rosalia mir nicht
wohl anders denken könne, als eben so wie das Porträt der Unbekannten.
Der Maler schien meine Worte kaum zu bemerken, indem er sogleich
einfiel: „In der Tat ist jenes Frauenzimmer, die das Porträt getreulich
darstellt, eine fromme Heilige, die im Kampfe sich zum Himmlischen
erhebt. Ich habe sie gemalt, als sie, von dem entsetzlichen Jammer
ergriffen, doch in der Religion Trost, und von dem ewigen Verhängnis,
das über den Wolken thront, Hilfe hoffte; und den Ausdruck dieser
Hoffnung, die nur in dem Gemüt wohnen kann, das sich über das Irdische
hoch erhebt, habe ich dem Bilde zu geben gesucht.“ -- Man verlor sich
in andere Gespräche, der Wein, der heute, dem fremden Maler zu Ehren,
in bessrer Sorte und reichlicher getrunken wurde als sonst, erheiterte
die Gemüter. Jeder wußte irgend etwas Ergötzliches zu erzählen, und
wiewohl der Fremde nur im Innern zu lachen, und dies innere Lachen sich
nur im Auge abzuspiegeln schien, so wußte er doch, oft nur durch ein
paar hineingeworfene kräftige Worte, das Ganze in besonderem Schwunge
zu erhalten. -- Konnte ich auch, so oft mich der Fremde ins Auge faßte,
ein unheimliches, grauenhaftes Gefühl nicht unterdrücken, so überwand
ich doch immer mehr und mehr die entsetzliche Stimmung, von der ich
erst ergriffen, als ich den Fremden erblickte. Ich erzählte von dem
possierlichen Belcampo, den alle kannten, und wußte zu ihrer Freude
seine fantastische Hasenfüßigkeit recht ins grelle Licht zu stellen,
so daß ein recht gemütlicher, dicker Kaufmann, der mir gegenüber zu
sitzen pflegte, mit vor Lachen tränenden Augen versicherte, das sei
seit langer Zeit der vergnügteste Abend, den er erlebe. Als das Lachen
endlich zu verstummen anfing, frug der Fremde plötzlich. „Haben Sie
schon den Teufel gesehen, meine Herren? -- Man hielt die Frage für die
Einleitung zu irgend einem Schwank und versicherte allgemein, daß man
noch nicht die Ehre gehabt; da fuhr der Fremde fort: „Nun, es hätte
wenig gefehlt, so wäre ich zu der Ehre gekommen, und zwar auf dem
Schlosse des Barons F. im Gebirge.“ -- Ich erbebte, aber die andern
riefen lachend, nur weiter, weiter! „Sie kennen,“ nahm der Fremde
wieder das Wort, „wohl alle wahrscheinlich, wenn Sie die Reise durch
das Gebirge machten, jene wilde, schauerliche Gegend, in der, wenn der
Wanderer aus dem dicken Tannenwalde auf die hohen Felsenmassen tritt,
sich ihm ein tiefer, schwarzer Abgrund öffnet. Es ist der sogenannte
Teufelsgrund, und oben ragt ein Felsenstück hervor, welches den
sogenannten Teufelssitz bildet. -- Man spricht davon, daß der Graf
Viktorin, mit bösen Anschlägen im Kopfe, eben auf diesem Felsen saß,
als plötzlich der Teufel erschien, und, weil er beschlossen, Viktorins
ihm wohlgefällige Anschläge selbst auszuführen, den Grafen in den
Abgrund schleuderte. Der Teufel erschien sodann als Kapuziner auf
dem Schlosse des Barons, und nachdem er seine Lust mit der Baronesse
gehabt, schickte er sie zur Hölle, sowie er auch den wahnsinnigen Sohn
des Barons, der durchaus des Teufels Inkognito nicht dulden wollte,
sondern laut verkündete: es ist der Teufel, erwürgte, wodurch denn aber
eine fromme Seele aus dem Verderben errettet wurde, das der arglistige
Teufel beschlossen. Nachher verschwand der Kapuziner auf unbegreifliche
Weise, und man sagt, er sei feige geflohn vor Viktorin, der aus seinem
Grabe blutig emporgestiegen. -- Dem sei nun allem, wie ihm wolle, so
kann ich Sie doch davon versichern, daß die Baronesse an Gift umkam,
Hermogen meuchlings ermordet wurde, der Baron kurz darauf vor Gram
starb, und Aurelie, eben die fromme Heilige, die ich in der Zeit, als
das Entsetzliche geschehen, auf dem Schlosse malte, als verlassene
Waise in ein fernes Land, und zwar in ein Cisterzienserkloster,
flüchtete, dessen Äbtissin ihrem Vater befreundet war. Sie haben das
Bild dieser herrlichen Frau in meiner Galerie gesehen. Doch das alles
wird Ihnen dieser Herr (er wies nach mir) viel umständlicher und
besser erzählen können, da er während der ganzen Begebenheit auf dem
Schlosse zugegen war.“ -- Alle Blicke waren voll Erstaunen auf mich
gerüstet, entrüstet sprang ich auf und rief mit heftiger Stimme: „Ei,
mein Herr, was habe ich mit Ihren albernen Teufelsgeschichten, mit
Ihren Morderzählungen zu schaffen, Sie verkennen mich, Sie verkennen
mich in der Tat, und ich bitte, mich ganz aus dem Spiel zu lassen.“ Bei
dem Aufruhr in meinem Innern wurde es mir schwer genug, meinen Worten
noch diesen Anstrich von Gleichgültigkeit zu geben; die Wirkung der
geheimnisvollen Reden des Malers, sowie meine leidenschaftliche Unruhe,
die ich zu verbergen mich vergebens bemühte, war nur zu sichtlich. Die
heitre Stimmung verschwand, und die Gäste, nun sich erinnernd, wie ich,
allen gänzlich fremd, mich so nach und nach dazu gefunden, sahen mich
mit mißtrauischen, argwöhnischen Blicken an.
Der fremde Maler war aufgestanden und durchbohrte mich mit den stieren,
lebendigtoten Augen, wie damals in der Kapuzinerkirche. -- Er sprach
kein Wort, er schien starr und leblos, aber sein gespenstischer Anblick
sträubte mein Haar, kalte Tropfen standen auf der Stirn, und von
Entsetzen gewaltig erfaßt, erbebten alle Fibern. -- „Hebe dich weg,“
schrie ich außer mir, „du bist der Satan, du bist der frevelnde Mord,
aber über mich hast du keine Macht!“
Alles erhob sich von den Sitzen. „Was ist das, was ist das?“ rief es
durcheinander; aus dem Saal drängten sich, das Spiel verlassend, die
Menschen herein, von dem fürchterlichen Ton meiner Stimme erschreckt.
„Ein Betrunkener, ein Wahnsinniger, bringt ihn fort, bringt ihn
fort,“ riefen mehrere. Aber der fremde Maler stand unbeweglich mich
anstarrend. Unsinnig vor Wut und Verzweiflung riß ich das Messer, womit
ich Hermogen getötet, und das ich stets bei mir zu tragen pflegte,
aus der Seitentasche und stürzte mich auf den Maler, aber ein Schlag
warf mich nieder und der Maler lachte im fürchterlichen Hohn, daß es
im Zimmer wiederhallte. „Bruder Medardus, Bruder Medardus, falsch
ist dein Spiel, geh und verzweifle in Reue und Scham.“ -- Ich fühlte
mich von den Gästen angepackt, da ermannte ich mich, und wie ein
wütender Stier drängte und stieß ich gegen die Menge, daß mehrere zur
Erde stürzten und ich mir den Weg zur Tür bahnte. -- Rasch eilte ich
durch den Korridor, da öffnete sich eine kleine Seitentüre, ich wurde
in ein finstres Zimmer hineingezogen, ich widerstrebte nicht, weil
die Menschen schon hinter mir herbrausten. Als der Schwarm vorüber,
führte man mich eine Seitentreppe hinab in den Hof, und dann durch
das Hintergebäude auf die Straße. Bei dem hellen Schein der Laterne
erkannte ich in meinem Retter den possierlichen Belcampo. „Dieselben
scheinen,“ fing er an, „einige Fatalität mit dem fremden Maler zu
haben, ich trank im Nebenzimmer ein Gläschen, als der Lärm anging und
beschloß, da mir die Gelegenheit des Hauses bekannt, Sie zu retten,
denn nur ich allein bin an der ganzen Fatalität schuld.“ „Wie ist
das möglich?“ frug ich voll Erstaunen. -- „Wer gebietet dem Moment,
wer widerstrebt den Eingebungen des höhern Geistes!“ fuhr der Kleine
voll Pathos fort. „Als ich Ihr Haupthaar arrangierte, Verehrter,
entzündeten sich in mir ~comme à l’ordinaire~ die sublimsten Ideen,
ich überließ mich dem Ausbruch ungeregelter Fantasie, und darüber
vergaß ich nicht allein die Locke des Zorns auf dem Hauptwirbel gehörig
zur weichen Runde abzuglätten, sondern ließ auch sogar siebenundzwanzig
Haare der Angst und des Entsetzens über der Stirne stehen, diese
richteten sich auf bei den starren Blicken des Malers, der eigentlich
ein Revenant ist, und neigten sich ächzend gegen die Locke des Zorns,
die zischend und knisternd auseinanderfuhr. Ich habe alles geschaut,
da zogen Sie, von Wut entbrannt, ein Messer, Verehrter, an dem schon
diverse Blutstropfen hingen, aber es war ein eitles Bemühen, dem Orkus
+den+ zuzusenden, der dem Orkus schon gehörte, denn dieser Maler ist
Ahasverus der ewige Jude, oder Bertram de Bornis, oder Mephistopheles,
oder Benvenuto Cellini, oder der heilige Peter, kurz ein schnöder
Revenant.“ Das tolle Geschwätz des Kleinen, der unterdessen mit mir
durch die Straßen rannte, hatte in dem Augenblick für mich etwas
Grauenhaftes, und wenn ich dann und wann seine skurrilen Sprünge, sein
komisches Gesicht bemerkte, mußte ich, wie im konvulsivischen Krampf,
laut auflachen. Endlich waren wir in meinem Zimmer; Belcampo half
mir packen, bald war alles zur Reise bereit, ich drückte dem Kleinen
mehrere Dukaten in die Hand, er sprang hoch auf vor Freude und rief
laut: „Heisa, nun habe ich ehrenwertes Geld, lauter flimmerndes Gold
mit Herzblut getränkt, gleißend und rote Strahlen spielen. Das ist ein
Einfall und noch dazu ein lustiger, mein Herr, weiter nichts.“
Den Zusatz mochte ihm mein Befremden über seinen Ausruf entlocken; er
bat sich es aus, der Locke des Zorns noch die gehörige Runde geben,
die Haare des Entsetzens kürzer schneiden und ein Löckchen Liebe zum
Andenken mitnehmen zu dürfen. Ich ließ ihn gewähren und er vollbrachte
alles unter den possierlichsten Gebärden und Grimassen. -- Zuletzt
ergriff er das Messer, welches ich beim Umkleiden auf den Tisch
gelegt und stach damit, indem er eine Fechterstellung annahm, in die
Luft hinein. „Ich töte Ihren Widersacher,“ rief er, „und da er eine
bloße Idee ist, muß er getötet werden können durch eine Idee, und
erstirbt demnach an dieser, der meinigen, die ich, um die Expression
zu verstärken, mit schicklichen Leibesbewegungen begleite. ~Apage
Satanas, apage, apage, Ahasverus, allez-vous-en!~“ -- Nun das wäre
getan, sagte er, das Messer weglegend, tief atmend und sich die Stirne
trocknend, wie einer, der sich tüchtig angegriffen, um eine schwere
Arbeit zu vollbringen. Rasch wollte ich das Messer verbergen, und fuhr
damit in den Ärmel, als trüge ich noch die Mönchskutte, welches der
Kleine bemerkte und ganz schlau belächelte. Indem blies der Postillon
vor dem Hause, da veränderte Belcampo plötzlich Ton und Stellung, er
holte ein kleines Schnupftuch hervor, tat als wische er sich die Tränen
aus den Augen, bückte sich einmal über das andere ganz ehrerbietig,
küßte mir die Hand und den Rock und flehte. „Zwei Messen für meine
Großmutter, die an einer Indigestion, vier Messen für meinen Vater, der
an unwillkürlichen Fasten starb, ehrwürdiger Herr! Aber für mich jede
Woche eine, wenn ich gestorben. -- Vorderhand Ablaß für meine vielen
Sünden. -- Ach, ehrwürdiger Herr, es steckt ein infamer, sündlicher
Kerl in meinem Innern und spricht. „Peter Schönfeld, sei kein Affe, und
glaube, daß du bist, sondern ich bin eigentlich +du+, heiße Belcampo
und bin eine geniale Idee, und wenn du das nicht glaubst, so stoße
ich dich nieder mit einem spitzigen, haarscharfen Gedanken.“ Dieser
feindliche Mensch, Belcampo genannt, Ehrwürdiger! begeht alle mögliche
Laster; unter andern zweifelt er oft an der Gegenwart, betrinkt sich
sehr, schlägt um sich, und treibt Unzucht mit schönen, jungfräulichen
Gedanken; dieser Belcampo hat mich, den Peter Schönfeld, ganz verwirrt
und konfuse gemacht, daß ich oft ungebürlich springe und die Farbe der
Unschuld schände, indem ich singend in ~dulci jubilo~ mit weißseidenen
Strümpfen in den Dr-- setze. Vergebung für beide, Pietro Belcampo und
Peter Schönfeld!“ -- Er kniete vor mir nieder und tat als schluchzte er
heftig. Die Narrheit des Menschen wurde mir lästig. -- „Seien Sie doch
vernünftig,“ rief ich ihm zu; der Kellner trat herein um mein Gepäck
zu holen. Belcampo sprang auf, und wieder in seinen lustigen Humor
zurückkommend, half er, indem er in einemfort schwatzte, dem Kellner
das herzubringen, was ich noch in der Eile verlangte. „Der Kerl ist ein
ausgemachter Hasenfuß, man darf sich mit ihm nicht viel einlassen,“
rief der Kellner, indem er die Wagentüre zuschlug. Belcampo schwenkte
den Hut und rief: „Bis zum letzten Hauch meines Lebens!“ als ich mit
bedeutendem Blick den Finger auf den Mund legte.
Als der Morgen zu dämmern anfing, lag die Stadt schon weit hinter mir,
und die Gestalt des furchtbaren, entsetzlichen Menschen, der wie ein
unerforschtes Geheimnis mich grauenvoll umfing, war verschwunden. --
Die Frage der Postmeister: „Wohin?“ rückte es immer wieder aufs neue
mir vor, wie ich nun jeder Verbindung im Leben abtrünnig worden und den
wogenden Wellen des Zufalls preisgegeben, umherstreiche. Aber, hatte
nicht eine unwiderstehliche Macht mich gewaltsam herausgerissen aus
allem, was mir sonst befreundet, nur damit der mir inwohnende Geist in
ungehemmter Kraft seine Schwingen rüstig entfalte und rege? -- Rastlos
durchstrich ich das herrliche Land, nirgends fand ich Ruhe, es trieb
mich unaufhaltsam fort, immer weiter hinab in den Süden, ich war, ohne
daran zu denken, bis jetzt kaum merklich von der Reiseroute abgewichen
die mir Leonardus bezeichnet, und so wirkte der Stoß, mit dem er
mich in die Welt getrieben, wie mit magischer Gewalt fort in gerader
Richtung. --
In einer finstern Nacht fuhr ich durch einen dichten Wald, der sich
bis über die nächste Station ausdehnen sollte, wie mir der Postmeister
gesagt, und deshalb geraten hatte, bei ihm den Morgen abzuwarten,
welches ich, um nur so rasch als möglich ein Ziel zu erreichen, das mir
selbst ein Geheimnis war, ausschlug. Schon als ich abfuhr, leuchteten
Blitze in der Ferne, aber bald zogen schwärzer und schwärzer die Wolken
herauf, die der Sturm zusammengeballt hatte und brausend vor sich
herjagte; der Donner hallte furchtbar im tausendstimmigen Echo wieder,
und rote Blitze durchkreuzten den Horizont soweit das Auge reichte; die
hohen Tannen krachten, bis in die Wurzel erschüttert, der Regen goß
in Strömen herab. Jeden Augenblick liefen wir Gefahr von den Bäumen
erschlagen zu werden, die Pferde bäumten sich, scheu geworden durch das
Leuchten der Blitze, bald konnten wir kaum noch fort; endlich wurde der
Wagen so hart umgeschleudert, daß das Hinterrad zerbrach. So mußten wir
nun auf der Stelle bleiben und warten, bis das Gewitter nachließ und
der Mond durch die Wolken brach. Jetzt bemerkte der Postillon, daß er
in der Finsternis ganz von der Straße abgekommen und in einen Waldweg
geraten sei; es war kein anderes Mittel, als diesen Weg, so gut es
gehen wollte, zu verfolgen, und so vielleicht mit Tagesanbruch in ein
Dorf zu kommen. Der Wagen wurde mit einem Baumast gestützt, und so ging
es Schritt vor Schritt fort. Bald bemerkte ich, der ich voranging,
in der Ferne den Schimmer eines Lichts, und glaubte Hundegebell zu
vernehmen; ich hatte mich nicht getäuscht, denn kaum waren wir einige
Minuten länger gegangen, als ich ganz deutlich Hunde anschlagen hörte.
Wir kamen an ein ansehnliches Haus, das in einem großen, mit einer
Mauer umschlossenen Hofe stand. Der Postillon klopfte an die Pforte,
die Hunde sprangen tobend und bellend herbei, aber im Hause selbst
blieb alles stille und tot, bis der Postillon sein Horn erschallen
ließ; da wurde im obern Stock das Fenster, aus dem mir das Licht
entgegenschimmerte, geöffnet, und eine tiefe, rauhe Stimme rief herab.
„Christian, Christian!“ -- „Ja, gestrenger Herr,“ antwortete es unten.
„Da klopft und bläst es,“ fuhr die Stimme von oben fort, „an unserm Tor
und die Hunde sind ganz des Teufels. Nehm er einmal die Laterne und die
Büchse No. 3 und sehe er zu, was es gibt.“ -- Bald darauf hörten wir,
wie Christian die Hunde ablockte, und sahen ihn endlich mit der Laterne
kommen. Der Postillon meinte, es sei kein Zweifel, wie er gleich, als
der Wald begonnen, statt geradeaus zu fahren, seitwärts eingebogen sein
müsse, da wir bei der Försterwohnung wären, die von der letzten Station
eine Stunde rechts abliege. -- Als wir dem Christian den Zufall, der
uns betroffen, geklagt, öffnete er sogleich beide Flügel des Tors und
half den Wagen hinein. Die beschwichtigten Hunde schwänzelten und
schnüffelten um uns her, und der Mann, der sich nicht vom Fenster
entfernt, rief unaufhörlich herab. „Was da, was da? was für eine
Karawane?“ -- ohne daß Christian oder einer von uns Bescheid gegeben.
Endlich trat ich, während Christian Pferde und Wagen unterbrachte, ins
Haus, das Christian geöffnet, und es kam mir ein großer, starker Mann
mit sonneverbranntem Gesicht, den großen Hut mit grünem Federbusch
auf dem Kopfe, übrigens im Hemde, nur die Pantoffeln an die Füße
gesteckt, mit dem bloßen Hirschfänger in der Hand, entgegen, indem er
mir barsch entgegenrief: „Woher des Landes? -- was turbiert man die
Leute in der Nacht, das ist hier kein Wirtshaus, keine Poststation.
-- Hier wohnt der Revierförster, und das bin ich! -- Christian ist ein
Esel, daß er das Tor geöffnet.“ Ich erzählte ganz kleinmütig meinen
Unfall, und daß nur die Not uns hier hineingetrieben, da wurde der Mann
geschmeidiger, er sagte: „Nun freilich, das Unwetter war gar heftig,
aber der Postillon ist doch ein Schlingel, daß er falsch fuhr und den
Wagen zerbrach. -- Solch ein Kerl muß mit verbundenen Augen im Walde
fahren können, er muß darin zu Hause sein, wie unsereins. -- Er führte
mich herauf, und indem er den Hirschfänger aus der Hand legte, den
Hut abnahm und den Rock überwarf, bat er, seinen rauhen Empfang nicht
übel zu deuten, da er hier in der abgelegenen Wohnung umsomehr auf
der Hut sein müsse, als wohl öfters allerlei liederlich Gesindel den
Wald durchstreife, und er vorzüglich mit den sogenannten Freischützen,
die ihm schon oft nach dem Leben getrachtet, beinahe in offener Fehde
liege. „Aber,“ fuhr er fort, „die Spitzbuben können mir nichts anhaben,
denn mit der Hilfe Gottes verwalte ich mein Amt treu und redlich, und
im Glauben und im Vertrauen auf ihn, auf mein gut Gewehr, biete ich
ihnen Trotz.“ -- Unwillkürlich schob ich, wie ich es noch oft aus alter
Gewohnheit nicht lassen konnte, einige salbungsvolle Worte über die
Kraft des Vertrauens auf Gott ein, und der Förster erheiterte sich
immer mehr und mehr. Meinen Protestationen unerachtet weckte er seine
Frau, eine betagte, aber muntre, rührige Matrone, die, wiewohl aus dem
Schlafe gestört, doch freundlich den Gast bewillkommnete und auf des
Mannes Geheiß sogleich ein Abendessen zu bereiten anfing. Der Postillon
sollte, so hatte es ihm der Förster als Strafe aufgegeben, noch in
derselben Nacht mit dem zerbrochenen Wagen auf die Station zurück, von
der er gekommen, und ich von ihm, dem Förster, nach meinem Belieben
auf die nächste Station gebracht werden. Ich ließ mir das umsoeher
gefallen, als mir selbst wenigstens eine kurze Ruhe nötig schien. Ich
äußerte deshalb dem Förster, daß ich wohl bis zum Mittag des folgenden
Tages dazubleiben wünsche, um mich ganz von der Ermüdung zu erholen,
die mir das beständige, unaufhörliche Fahren mehrere Tage hindurch
verursacht. „Wenn ich Ihnen raten soll, mein Herr,“ erwiderte der
Förster, „so bleiben Sie morgen den ganzen Tag über hier, und warten
Sie bis übermorgen, da bringt Sie mein ältester Sohn, den ich in die
fürstliche Residenz schicke, selbst bis auf die nächste Station.“ Auch
damit war ich zufrieden, indem ich die Einsamkeit des Ortes rühmte, die
mich wunderbar anziehe. „Nun, mein Herr!“ sagte der Förster, „einsam
ist es hier wohl gar nicht, Sie müßten denn so nach den gewöhnlichen
Begriffen der Städter jede Wohnung einsam nennen, die im Walde liegt,
unerachtet es denn doch sehr darauf ankommt, wer sich darin aufhält.
Ja, wenn hier in diesem alten Jagdschloß noch so ein griesgrammiger
alter Herr wohnte, wie ehemals, der sich in seinen vier Mauern
einschloß und keine Lust hatte an Wald und Jagd, da möchte es wohl ein
einsamer Aufenthalt sein, aber seitdem er tot ist, und der gnädige
Landesfürst das Gebäude zur Försterwohnung hat einrichten lassen, da
ist es hier recht lebendig worden. Sie sind doch wohl so ein Städter,
mein Herr; der nichts weiß von Wald und Jagdlust, da können Sie sichs
denn nicht denken, was wir Jägersleute für ein herrlich freudig Leben
führen. Ich mit meinen Jägerburschen mache nur eine Familie aus, ja,
Sie mögen das nun kurios finden oder nicht, ich rechne meine klugen,
anstelligen Hunde auch dazu; die verstehen mich und passen auf mein
Wort, auf meinen Wink und sind mir treu bis zum Tode. -- Sehen Sie
wohl, wie mein Waldmann da mich so verständig anschaut, weil er weiß,
daß ich von ihm rede? -- Nun, Herr, gibt es beinahe immer was im Walde
zu tun, da ist denn nun abends ein Vorbereiten und Wirtschaften, und
sowie der Morgen graut, bin ich aus den Federn, und trete heraus, ein
lustig Jägerstückchen auf meinem Horn blasend. Da rüttelt und rappelt
sich alles aus dem Schlafe, die Hunde schlagen an, sie jauchzen vor
Mut und Jagdbegier. Die Bursche werfen sich schnell in die Kleider,
Jagdtasch’ umgeworfen, Gewehr über die Schulter, treten sie hinein in
die Stube, wo meine Alte das Jägerfrühstück bereitet, und nun geht’s
heraus in Jubel und Lust. Wir kommen hin an die Stellen, wo das Wild
verborgen, da nimmt jeder vom andern entfernt einzeln seinen Platz,
die Hunde schleichen, den Kopf geduckt zur Erde und schnüffeln und
spüren, und schauen den Jäger an, wie mit klugen menschlichen Augen,
und der Jäger steht, kaum atmend, mit gespanntem Hahn regungslos, wie
eingewurzelt auf der Stelle. -- Und wenn nun das Wild herausspringt
aus dem Dickicht, und die Schüsse knallen, und die Hunde stürzen
hinterdrein, ei Herr, da klopft einem das Herz und man ist ein ganz
andrer Mensch. Und jedesmal ist solch ein Ausziehen zur Jagd was Neues,
denn immer kommt was ganz Besonderes vor, was noch nicht dagewesen.
Schon dadurch, daß das Wild sich in die Zeiten teilt, so daß nun dies,
dann jenes sich zeigt, wird das Ding so herrlich, daß kein Mensch auf
Erden es satt haben kann. Aber, Herr! auch der Wald schon an und für
sich selbst, der Wald ist ja so lustig und lebendig, daß ich mich
niemals einsam fühle. Da kenne ich jedes Plätzchen und jeden Baum, und
es ist mir wahrhaftig so, als wenn jeder Baum, der unter meinen Augen
aufgewachsen und nun seine blanken regen Wipfel in die Lüfte streckt,
mich auch kennen und liebhaben müßte, weil ich ihn gehegt und gepflegt,
ja ich glaube ordentlich, wenn es manchmal so wunderbar rauscht und
flüstert, als spräche es zu mir mit ganz eignen Stimmen, und das wäre
eigentlich das wahre Lobpreisen Gottes und seiner Allmacht, und ein
Gebet, wie man es gar nicht mit Worten auszusprechen vermag. -- Kurz,
ein rechtschaffener, frommer Jägersmann führt ein gar lustig, herrlich
Leben, denn es ist ihm ja wohl noch etwas von der alten schönen
Freiheit geblieben, wie die Menschen so recht in der Natur lebten, und
von all dem Geschwänzel und Geziere nichts wußten, womit sie sich in
ihren gemauerten Kerkern quälen, so daß sie auch ganz entfremdet sind
all den herrlichen Dingen, die Gott um sie hergestellt hat, damit sie
sich daran erbauen und ergötzen sollen, wie es sonst die Freien taten,
die mit der ganzen Natur in Liebe und Freundschaft lebten, wie man es
in den alten Geschichten lieset.“ --
Alles das sagte der alte Förster mit einem Ton und Ausdruck, daß man
wohl überzeugt sein mußte, wie er es tief in der Brust fühle, und
ich beneidete ihn in der Tat um sein glückliches Leben, um seine im
Innersten tiefbegründete ruhige Gemütsstimmung, die der meinigen so
unähnlich war.
Im andern Teil des, wie ich jetzt wahrnahm, ziemlich weitläuftigen
Gebäudes wies mir der Alte ein kleines, nett aufgeputztes Gemach an,
in welchem ich meine Sachen bereits vorfand, und verließ mich, indem
er versicherte, daß mich der frühe Lärm im Hause nicht wecken würde,
da ich mich von der übrigen Hausgenossenschaft ganz abgesondert
befinde, und daher so lange ruhen könne, als ich wolle, nur erst,
wenn ich hinabrufe, würde man mir das Frühstück bringen, ich aber
ihn, den Alten, erst beim Mittagsessen wiedersehen, da er früh mit
den Burschen in den Wald ziehe und vor Mittag nicht heimkehre. Ich
warf mich auf das Lager, und fiel, ermüdet wie ich war, bald in tiefen
Schlaf, aber es folterte mich ein entsetzliches Traumbild. -- Auf ganz
wunderbare Weise fing der Traum mit dem Bewußtsein des Schlafs an,
ich sagte mir nämlich selbst: nun das ist herrlich, daß ich gleich
eingeschlafen bin und so fest und ruhig schlummere, das wird mich von
der Ermüdung ganz erlaben; nur muß ich ja nicht die Augen öffnen. Aber
demunerachtet war es mir, als könne ich das nicht unterlassen, und
doch wurde mein Schlaf dadurch nicht unterbrochen: da ging die Türe
auf und eine dunkle Gestalt trat herein, die ich zu meinem Entsetzen,
als mich selbst, im Kapuzinerhabit, mit Bart und Tonsur erkannte. Die
Gestalt kam näher und näher an mein Bett, ich war regungslos, und jeder
Laut, den ich herauszupressen suchte, erstickte in dem Starrkrampf,
der mich ergriffen. Jetzt setzte sich die Gestalt auf mein Bett und
grinste mich höhnisch an. „Du mußt jetzt mit mir kommen,“ sprach die
Gestalt, „wir wollen auf das Dach steigen unter die Wetterfahne, die
ein lustig Brautlied spielt, weil der Uhu Hochzeit macht. Dort wollen
wir ringen miteinander, und wer den andern herabstößt, ist König und
darf Blut trinken.“ -- Ich fühlte, wie die Gestalt mich packte und
in die Höhe zog, da gab mir die Verzweiflung meine Kraft wieder. „Du
bist nicht ich, du bist der Teufel,“ schrie ich auf, und griff wie
mit Krallen dem bedrohlichen Gespenst ins Gesicht, aber es war, als
bohrten meine Finger sich in die Augen wie in tiefe Höhlen, und die
Gestalt lachte von neuem auf in schneidendem Ton. In dem Augenblick
erwachte ich, wie von einem plötzlichen Ruck emporgeschüttelt. Aber
das Gelächter dauerte fort im Zimmer. Ich fuhr in die Höhe, der
Morgen brach in lichten Strahlen durch das Fenster, und ich sah vor
dem Tisch, den Rücken mir zugewendet, eine Gestalt im Kapuzinerhabit
stehen. -- Ich erstarrte vor Schreck, der grauenhafte Traum trat ins
Leben. -- Der Kapuziner stöberte unter den Sachen, die auf dem Tische
lagen. Jetzt wandte er sich, und mir kam aller Mut wieder, als ich in
ein fremdes Gesicht mit schwarzem, verwildertem Barte blickte, aus
dessen Augen der gedankenlose Wahnsinn lachte: gewisse Züge erinnerten
entfernt an Hermogen. -- Ich beschloß abzuwarten, was der Unbekannte
beginnen werde, und nur irgendeiner schädlichen Unternehmung Einhalt
zu tun. Mein Stilett lag neben mir, ich war deshalb und schon meiner
körperlichen Leibeskräfte wegen, auf die ich bauen konnte, auch ohne
weitere Hilfe des Fremden mächtig. Er schien mit meinen Sachen wie ein
Kind zu spielen, vorzüglich hatte er Freude an dem roten Portefeuille,
das er hin und her gegen das Fenster wandte, und dabei auf seltsame
Weise in die Höhe sprang. Endlich fand er die Korbflasche mit dem Rest
des geheimnisvollen Weins; er öffnete sie und roch daran, da bebte
es ihm durch alle Glieder, er stieß einen Schrei aus, der dumpf und
grauenvoll im Zimmer wiederklang. Eine helle Glocke im Hause schlug
drei Uhr, da heulte er wie von entsetzlicher Qual ergriffen, aber
dann brach er wieder aus in das schneidende Gelächter, wie ich es im
Traum gehört, er schwenkte sich in wilden Sprüngen, er trank aus der
Flasche und rannte dann, sie von sich schleudernd, zur Türe hinaus.
Ich stand schnell auf und lief ihm nach, aber er war mir schon aus dem
Gesichte, ich hörte ihn die entfernte Treppe hinabpoltern und einen
dumpfen Schlag wie von einer hart zugeworfenen Türe. Ich verriegelte
mein Zimmer, um eines zweiten Besuchs überhoben zu sein, und warf mich
aufs neue ins Bett. Zu erschöpft war ich nun, um nicht bald wieder
einzuschlafen; erquickt und gestärkt erwachte ich, als schon die
Sonne ins Gemach hineinfunkelte. -- Der Förster war, wie er es gesagt
hatte, mit seinen Söhnen und den Jägerburschen in den Wald gezogen;
ein blühendes, freundliches Mädchen, des Försters jüngere Tochter,
brachte mir das Frühstück, während die ältere mit der Mutter in der
Küche beschäftigt war. Das Mädchen wußte gar lieblich zu erzählen,
wie sie hier alle Tage froh und friedlich zusammen lebten und nur
manchmal es Tumult von vielen Menschen gäbe, wenn der Fürst im Revier
jage und dann manchmal im Hause übernachte. So schlichen ein paar
Stunden hin, da war es Mittag und lustiger Jubel und Hörnerklang
verkündeten den Förster, der mit seinen vier Söhnen, herrlichen
blühenden Jünglingen, von denen der jüngste kaum fünfzehn Jahre alt
sein mochte, und drei Jägerburschen, heimkehrte. -- Er frug, wie ich
denn geschlafen, und ob mich nicht der frühe Lärm vor der Zeit geweckt
habe; ich mochte ihm das überstandene Abenteuer nicht erzählen, denn
die lebendige Erscheinung des grauenhaften Mönchs hatte sich so fest
an das Traumbild gereiht, daß ich kaum zu unterscheiden vermochte,
wo der Traum übergegangen sei ins wirkliche Leben. -- Der Tisch war
gedeckt, die Suppe dampfte, der Alte zog sein Käppchen ab um das
Gebet zu halten, da ging die Türe auf und der Kapuziner, den ich in
der Nacht gesehen, trat hinein. Der Wahnsinn war aus seinem Gesichte
verschwunden, aber er hatte ein düstres, störrisches Ansehen. „Seien
Sie willkommen, ehrwürdiger Herr!“ rief ihm der Alte entgegen. --
„sprechen Sie das Gratias und speisen Sie dann mit uns.“ -- Da blickte
er um sich mit zornfunkelnden Augen und schrie mit fürchterlicher
Stimme: „Der Satan soll dich zerreißen mit deinem ehrwürdigen Herrn
und deinem verfluchten Beten; hast du mich nicht hergelockt, damit
ich der dreizehnte sein soll, und du mich umbringen lassen kannst von
dem fremden Mörder? -- Hast du mich nicht in diese Kutte gesteckt,
damit niemand den Grafen, deinen Herrn und Gebieter erkennen soll? --
Aber hüte dich, Verfluchter, vor meinem Zorn!“ -- Damit ergriff der
Mönch einen schweren Krug, der auf dem Tische stand und schleuderte
ihn nach dem Alten, der nur durch eine geschickte Wendung dem Wurf
auswich, der ihm den Kopf zerschmettert hätte. Der Krug flog gegen die
Wand und zerbrach in tausend Scherben. Aber in dem Augenblick packten
die Jägerburschen den Rasenden und hielten ihn fest. „Was!“ rief der
Förster, „du verruchter, gotteslästerlicher Mensch, du wagst es, hier
wieder mit deinem rasenden Beginnen unter fromme Leute zu treten, du
wagst es, mir, der ich dich aus viehischem Zustande, aus der ewigen
Verderbnis errettet, aufs neue nach dem Leben zu trachten? -- Fort mit
dir in den Turm!“ -- Der Mönch fiel auf die Knie, er flehte heulend um
Erbarmen, aber der Alte sagte: „Du mußt in den Turm und darfst nicht
eher wieder hierher kommen, bis ich weiß, daß du dem Satan entsagt
hast, der dich verblendet, sonst mußt du sterben.“ Da schrie der Mönch
auf, wie im trostlosen Jammer der Todesnot, aber die Jägerburschen
brachten ihn fort und berichteten, wiederkehrend, daß der Mönch
ruhiger geworden, sobald er in das Turmgemach getreten. Christian,
der ihn bewache, habe übrigens erzählt, daß der Mönch die ganze Nacht
über in den Gängen des Hauses herumgepoltert und vorzüglich nach
Tagesanbruch geschrien habe: „Gib mir noch mehr von deinem Wein und
ich will mich dir ganz ergeben; mehr Wein, mehr Wein!“ Es habe dem
Christian übrigens wirklich geschienen, als taumle der Mönch wie
betrunken, unerachtet er nicht begriffen, wie der Mönch an irgend ein
starkes, berauschendes Getränk gekommen sein könne. -- Nun nahm ich
nicht länger Anstand, das überstandene Abenteuer zu erzählen, wobei
ich nicht vergaß der ausgeleerten Korbflasche zu gedenken. „Ei, das
ist schlimm,“ sagte der Förster, „doch Sie scheinen mir ein mutiger,
frommer Mann, ein anderer hätte des Todes sein können vor Schreck.“
Ich bat ihn, mir näher zu sagen, was es mit dem wahnsinnigen Mönch für
eine Bewandtnis habe. „Ach,“ erwiderte der Alte, „das ist eine lange,
abenteuerliche Geschichte, so was taugt nicht beim Essen. Schlimm
genug schon, daß uns der garstige Mensch, eben als wir, was uns Gott
beschert, froh und freudig genießen wollten, mit seinem freveligen
Beginnen so gestört hat; aber nun wollen wir auch gleich an den Tisch.“
Damit zog er sein Mützchen ab, sprach andächtig und fromm das Gratias,
und unter lustigen, frohen Gesprächen verzehrten wir das ländliche,
kräftig und schmackhaft zubereitete Mahl. Dem Gast zu Ehren ließ der
Alte guten Wein heraufbringen, den er mir nach patriarchalischer Sitte
aus einem schönen Pokal zutrank. Der Tisch war indessen abgeräumt,
die Jägerburschen nahmen ein paar Hörner von der Wand und bliesen
ein Jägerlied. -- Bei der zweiten Wiederholung fielen die Mädchen
singend ein, und mit ihnen wiederholten die Försterssöhne im Chor die
Schlußstrophe. -- Meine Brust erweiterte sich auf wunderbare Weise:
seit langer Zeit war mir nicht im Innersten so wohl gewesen, als unter
diesen einfachen, frommen Menschen. Es wurden mehrere gemütliche,
wohltönende Lieder gesungen, bis der Alte aufstand und mit dem Ausruf:
„Es leben alle braven Männer, die das edle Weidwerk ehren,“ sein Glas
leerte; wir stimmten alle ein, und so war das frohe Mahl, das mir zu
Ehren durch Wein und Gesang verherrlicht wurde, beschlossen.
Der Alte sprach zu mir: „Nun, mein Herr! schlafe ich ein halbes
Stündchen, aber dann gehen wir in den Wald, und ich erzähle es Ihnen,
wie der Mönch in mein Haus gekommen, und was ich sonst von ihm weiß.
Bis dahin tritt die Dämmerung ein, dann gehen wir auf den Anstand,
da es, wie mir Franz sagt, Hühner gibt. Auch Sie sollen ein gutes
Gewehr erhalten und Ihr Glück versuchen.“ Die Sache war mir neu, da
ich als Seminarist zwar manchmal nach der Scheibe, aber nie nach Wild
geschossen; ich nahm daher des Försters Anerbieten an, der höchlich
darüber erfreut schien und mir mit treuherziger Gutmütigkeit in
aller Eil noch vor dem Schlaf, den er zu tun gedachte, die ersten
unentbehrlichsten Grundsätze der Schießkunst beizubringen suchte.
Ich wurde mit Flinte und Jagdtasche ausgerüstet und so zog ich mit dem
Förster in den Wald, der die Geschichte von dem seltsamen Mönch in
folgender Art anfing.
„Künftigen Herbst sind es schon zwei Jahre her, als meine Bursche
im Wald oft ein entsetzliches Heulen vernahmen, das, so wenig
Menschliches es auch hatte, doch wie Franz, mein jüngst angenommener
Lehrling meinte, von einem Menschen herrühren mochte. Franz war dazu
bestimmt, von dem heulenden Ungetüm geneckt zu werden, denn, wenn
er auf den Anstand ging, so verscheuchte das Heulen, welches sich
dicht bei ihm hören ließ, die Tiere, und er sah zuletzt, wenn er auf
ein Tier anlegen wollte, ein borstiges, unkenntliches Wesen aus dem
Gebüsch springen, das seinen Schuß vereitelte. Franz hatte den Kopf
voll von all den spukhaften Jägerlegenden, die ihm sein Vater, ein
alter Jäger, erzählt, und er war geneigt, das Wesen für den Satan
selbst zu halten, der ihm das Weidhandwerk verleiden oder ihn sonst
verlocken wollte. Die anderen Bursche, selbst meine Söhne, denen auch
das Ungetüm aufgestoßen, pflichteten ihm endlich bei, und um so mehr
war mir daran gelegen, dem Dinge näher auf die Spur zu kommen, als
ich es für eine List der Freischützen hielt, meine Jäger vom Anstand
wegzuschrecken. -- Ich befahl deshalb meinen Söhnen und den Burschen,
die Gestalt, falls sie sich wieder zeigen sollte, anzurufen, und falls
sie nicht stehen oder Bescheid geben sollte, nach Jägerrecht ohne
weiteres nach ihr zu schießen. -- Den Franz traf es wieder, der erste
zu sein, dem das Ungetüm auf dem Anstand in den Weg trat. Er rief ihm
zu, das Gewehr anlegend, die Gestalt sprang ins Gebüsch, Franz wollte
hinterdreinknallen, aber der Schuß versagte und nun lief er voll Angst
und Schrecken zu den andern, die von ihm entfernt standen, überzeugt,
daß es der Satan sei, der ihm zum Trutz das Wild verscheuche und
sein Gewehr verzaubere; denn in der Tat traf er, seitdem ihn das
Ungetüm verfolgte, kein Tier, so gut er sonst geschossen. Das Gerücht
von dem Spuk im Walde verbreitete sich und man erzählte schon im
Dorfe, wie der Satan dem Franz in den Weg getreten und ihm Freikugeln
angeboten und noch anderes tolles Zeug mehr. -- Ich beschloß, dem
Unwesen ein Ende zu machen, und das Ungetüm, das mir selbst noch
niemals aufgestoßen, auf den Stätten, wo es sich zu zeigen pflegte,
zu verfolgen. Lange wollte es mir nicht glücken; endlich, als ich an
einem neblichten Novemberabend gerade da, wo Franz das Ungetüm zuerst
erblickt, auf dem Anstand war, rauschte es mir ganz nahe im Gebüsch,
ich legte leise das Gewehr an, ein Tier vermutend, aber eine gräßliche
Gestalt mit rotfunkelnden Augen und schwarzen borstigen Haaren, mit
Lumpen behangen, brach hervor. Das Ungetüm stierte mich an, indem es
entsetzliche, heulende Töne ausstieß. Herr! es war ein Anblick, der
dem Beherztesten Furcht einjagen könnte, ja mir war es, als stehe
wirklich der Satan vor mir und ich fühlte, wie mir der Angstschweiß
ausbrach. Aber im kräftigen Gebet, das ich mit starker Stimme sprach,
ermutigte ich mich ganz. Sowie ich betete und den Namen Jesus
Christus aussprach, heulte wütender das Ungetüm, und brach endlich in
entsetzliche, gotteslästerliche Verwünschungen aus. Da rief ich: „Du
verfluchter, bübischer Kerl, halt ein mit deinen gotteslästerlichen
Reden und gib dich gefangen oder ich schieße dich nieder.“ Da fiel
der Mönch wimmernd zu Boden und bat um Erbarmen. Meine Burschen kamen
herbei, wir packten den Menschen und führten ihn nach Hause, wo ich
ihn in dem Turm bei dem Nebengebäude einsperren ließ, und den nächsten
Morgen den Vorfall der Obrigkeit anzeigen wollte. Er fiel, sowie er
in den Turm kam, in einen ohnmächtigen Zustand. Als ich den andern
Morgen zu ihm ging, saß er auf dem Strohlager, das ich ihm bereiten
lassen und weinte heftig. Er fiel mir zu Füßen und flehte mich an, daß
ich mit ihm Erbarmen haben sollte; schon seit mehreren Wochen habe er
im Walde gelebt und nichts gegessen, als Kräuter und wildes Obst, er
sei ein armer Kapuziner aus einem weit entlegenen Kloster und aus dem
Gefängnisse, in das man ihn Wahnsinns halber gesperrt, entsprungen. Der
Mensch war in der Tat in einem erbarmungswürdigen Zustande, ich hatte
Mitleiden mit ihm und ließ ihm Speise und Wein zur Stärkung reichen,
worauf er sich sichtlich erholte. Er bat mich auf das Eindringendste,
ihn nur einige Tage im Hause zu dulden und ihm ein neues Ordenshabit zu
verschaffen, er wolle dann selbst nach dem Kloster zurückwandeln. Ich
erfüllte seinen Wunsch, und sein Wahnsinn schien wirklich nachzulassen,
da die Paroxysmen minder heftig und seltner wurden. In den Ausbrüchen
der Raserei stieß er entsetzliche Reden aus und ich bemerkte, daß
er, wenn ich ihn deshalb hart anredete, und mit dem Tode drohte, in
einen Zustand innerer Zerknirschung überging, in dem er sich kasteite,
ja sogar Gott und die Heiligen anrief, ihn von der Höllenqual zu
befreien. Er schien sich dann für den heiligen Antonius zu halten,
sowie er in der Raserei immer tobte: er sei Graf und gebietender Herr,
und er wolle uns alle ermorden lassen, wenn seine Diener kämen. In
den lichten Zwischenräumen bat er mich um Gottes willen ihn nicht zu
verstoßen, weil er fühle, daß nur sein Aufenthalt bei mir ihn heilen
könne. Nur ein einziges Mal gab es noch einen harten Auftritt mit
ihm und zwar, als der Fürst hier eben im Revier gejagt, und bei mir
übernachtet hatte. Der Mönch war, nachdem er den Fürsten mit seiner
glänzenden Umgebung gesehen, ganz verändert. Er blieb störrisch und
verschlossen, er entfernte sich schnell, wenn wir beteten, es zuckte
ihm durch alle Glieder, wenn er nur ein andächtiges Wort hörte, und
dabei schaute er meine Tochter Anna mit solchen lüsternen Blicken an,
daß ich beschloß, ihn fortzubringen, um allerlei Unfug zu verhüten.
In der Nacht vorher, als ich den Morgen meinen Plan ausführen wollte,
weckte mich ein durchdringendes Geschrei auf dem Gange, ich sprang aus
dem Bette und lief schnell mit angezündetem Licht nach dem Gemach,
wo meine Töchter schliefen. Der Mönch war aus dem Turm, wo ich ihn
allnächtlich eingeschlossen, gebrochen und in viehischer Brunst nach
dem Gemach meiner Töchter gerannt, dessen Türe er mit einem Fußtritt
sprengte. Zum Glück hatte den Franz ein unausstehlicher Durst aus der
Kammer, wo die Bursche schlafen, hinausgetrieben, und er wollte gerade
nach der Küche gehen, um sich Wasser zu schöpfen, als er den Mönch
über den Gang poltern hörte. Er lief herbei und packte ihn gerade in
dem Augenblick, als er die Türe einstieß, von hinten her; aber der
Junge war zu schwach den Rasenden zu bändigen, sie balgten sich unter
dem Geschrei der erwachten Mädchen in der Türe, und ich kam gerade in
dem Augenblick herzu, als der Mönch den Burschen zu Boden geworfen und
ihn meuchlerisch bei der Kehle gepackt hatte. Ohne mich zu besinnen,
faßte ich den Mönch und riß ihn von Franzen weg, aber plötzlich, noch
weiß ich nicht, wie das zugegangen, blinkte ein Messer in des Mönchs
Faust, er stieß nach mir, aber Franz, der sich aufgerafft, fiel ihm in
den Arm, und mir, der ich nun wohl ein starker Mann bin, gelang es bald
den Rasenden so fest an die Mauer zu drücken, daß ihm schier der Atem
ausgehen wollte. Die Bursche waren, ob dem Lärm, alle wach geworden und
herbeigelaufen; wir banden den Mönch und schmissen ihn in den Turm, ich
holte aber meine Hetzpeitsche herbei und zählte ihm zur Abmahnung von
künftigen Untaten ähnlicher Art, einige kräftige Hiebe auf, so daß er
ganz erbärmlich ächzte und wimmerte; aber ich sprach: „Du Bösewicht,
das ist noch viel zu wenig für deine Schändlichkeit, daß du meine
Tochter verführen wollen und mir nach dem Leben getrachtet, eigentlich
solltest du sterben.“ -- Er heulte vor Angst und Entsetzen, denn die
Furcht vor dem Tode schien ihn ganz zu vernichten. Den andern Morgen
war es nicht möglich, ihn fortzubringen, denn er lag totenähnlich in
gänzlicher Abspannung da und flößte mir wahres Mitleiden ein. Ich ließ
ihm in einem besseren Gemach ein gutes Bette bereiten, und meine Alte
pflegte seiner, indem sie ihm stärkende Suppen kochte und aus unserer
Hausapotheke das reichte, was ihm dienlich schien. Meine Alte hat
die gute Gewohnheit, wenn sie einsam sitzt, oft ein andächtig Lied
anzustimmen, aber wenn es ihr recht wohl ums Herz sein soll, muß meine
Anne mit ihrer hellen Stimme ihr solch ein Lied vorsingen. -- Das
geschah nun auch vor dem Bette des Kranken. -- Da seufzte er oft tief
und sah meine Alte und die Anne mit recht wehmütigen Blicken an, oft
flossen ihm Tränen über die Wangen. Zuweilen bewegte er die Hand und
die Finger, als wolle er sich kreuzigen, aber das gelang nicht, die
Hand fiel kraftlos nieder; dann stieß er auch manchmal leise Töne aus,
als wolle er in den Gesang einstimmen. Endlich fing er an zusehends
zu genesen, jetzt schlug er oft das Kreuz nach Sitte der Mönche und
betete leise. Aber ganz unvermutet fing er einmal an lateinische Lieder
zu singen, die meiner Alten und der Anne unerachtet sie die Worte
nicht verstanden, mit ihren ganz wunderbaren, heiligen Tönen bis ins
Innerste drangen, so daß sie nicht genug sagen konnten, wie der Kranke
sie erbaue. Der Mönch war so weit hergestellt, daß er aufstehen und
im Hause umherwandeln konnte, aber sein Aussehen, sein Wesen war ganz
verändert. Die Augen blickten sanft, statt daß sonst ein gar böses
Feuer in ihnen funkelte, er schritt ganz nach Klostersitte, leise und
andächtig mit gefaltenen Händen umher, jede Spur des Wahnsinns war
verschwunden. Er genoß nichts als Gemüse, Brot und Wasser, und nur
selten konnte ich ihn in der letzten Zeit dahin bringen, daß er sich
an meinen Tisch setzte, und etwas von den Speisen genoß, sowie einen
kleinen Schluck Wein trank. Dann sprach er das Gratias und ergötzte
uns mit seinen Reden, die er so wohl zu stellen wußte, wie nicht
leicht einer. Oft ging er im Walde einsam spazieren, so kam es denn,
daß ich ihm einmal begegnete, und ohne gerade viel zu denken frug, ob
er nicht nun bald in sein Kloster zurückkehren werde. Er schien sehr
bewegt, er faßte meine Hand und sprach: „Mein Freund, ich habe dir
das Heil meiner Seele zu danken, du hast mich errettet von der ewigen
Verderbnis, noch kann ich nicht von dir scheiden, laß mich bei dir
sein. Ach, habe Mitleid mit mir, den der Satan verlockt hat, und der
unwiederbringlich verloren war, wenn ihn der Heilige, zu dem er flehte
in angstvollen Stunden, nicht im Wahnsinn in diesen Wald gebracht
hätte. -- Sie fanden mich,“ fuhr der Mönch nach einigem Stillschweigen
fort, „in einem ganz entarteten Zustande und ahnen auch jetzt gewiß
nicht, daß ich einst ein von der Natur reich ausgestatteter Jüngling
war, den nur eine schwärmerische Neigung zur Einsamkeit und zu den
tiefsinnigsten Studien ins Kloster brachte. Meine Brüder liebten mich
alle ausnehmend, und ich lebte so froh, als es nur in dem Kloster
geschehen kann. Durch Frömmigkeit und musterhaftes Betragen schwang
ich mich empor, man sah in mir schon den künftigen Prior. Es begab
sich, daß einer der Brüder von weiten Reisen heimkehrte und dem Kloster
verschiedene Reliquien, die er sich auf dem Wege zu verschaffen gewußt,
mitbrachte. Unter diesen befand sich eine verschlossene Flasche, die
der heilige Antonius dem Teufel, der darin ein verführerisches Elixier
bewahrte, abgenommen haben sollte. Auch diese Reliquie wurde sorgfältig
aufbewahrt, unerachtet mir die Sache ganz gegen den Geist der Andacht,
den die wahren Reliquien einflößen sollten, und überhaupt ganz
abgeschmackt zu sein schien. Aber eine unbeschreibliche Lüsternheit
bemächtigte sich meiner, das zu erforschen, was wohl eigentlich in
der Flasche enthalten. Es gelang mir sie beiseite zu schaffen, ich
öffnete sie und fand ein herrlich duftendes, süß schmeckendes, starkes
Getränk darin, das ich bis auf den letzten Tropfen genoß. -- Wie nun
mein ganzer Sinn sich änderte, wie ich einen brennenden Durst nach der
Lust der Welt empfand, wie das Laster in verführerischer Gestalt mir
als des Lebens höchste Spitze erschien, das alles mag ich nicht sagen,
kurz, mein Leben wurde eine Reihe schändlicher Verbrechen, so daß, als
ich meiner teuflischen List unerachtet verraten wurde, mich der Prior
zum ewigen Gefängnis verurteilte. Als ich schon mehrere Wochen in dem
dumpfen, feuchten Kerker zugebracht hatte, verfluchte ich mich und mein
Dasein, ich lästerte Gott und die Heiligen, da trat, im glühend roten
Scheine, der Satan zu mir und sprach, daß, wenn ich meine Seele ganz
dem Höchsten abwenden und ihm dienen wolle, er mich befreien werde.
Heulend stürzte ich auf die Knie und rief: „Es ist kein Gott, dem ich
diene, du bist mein Herr, und aus deinen Gluten strömt die Lust des
Lebens.“ -- Da brauste es in den Lüften wie eine Windsbraut und die
Mauern dröhnten wie vom Erdbeben erschüttert, ein schneidender Ton
pfiff durch den Kerker, die Eisenstäbe des Fensters fielen zerbröckelt
herab und ich stand von unsichtbarer Gewalt hinausgeschleudert im
Klosterhofe. Der Mond schien hell durch die Wolken und in seinen
Strahlen erglänzte das Standbild des heiligen Antonius, das mitten im
Hofe bei einem Springbrunnen aufgerichtet war. -- Eine unbeschreibliche
Angst zerriß mein Herz, ich warf mich zerknirscht nieder vor dem
Heiligen, ich schwor dem Bösen ab und flehte um Erbarmen; aber da zogen
schwarze Wolken herauf und aufs neue brauste der Orkan durch die Luft,
mir vergingen die Sinne und ich fand mich erst im Walde wieder, in dem
ich wahnsinnig vor Hunger und Verzweiflung umhertobte und aus dem Sie
mich erretteten.“ -- So erzählte der Mönch und seine Geschichte machte
auf mich solch einen tiefen Eindruck, daß ich nach vielen Jahren noch
so wie heute imstande sein werde, alles Wort für Wort zu wiederholen.
Seit der Zeit hat sich der Mönch so fromm, so gutmütig betragen, daß
wir ihn alle lieb gewannen, und um so unbegreiflicher ist es mir, wie
in voriger Nacht sein Wahnsinn hat aufs neue ausbrechen können.“
„Wissen Sie denn gar nicht,“ fiel ich dem Förster ins Wort, „aus
welchem Kapuzinerkloster der Unglückliche entsprungen ist?“ -- „Er
hat mir es verschwiegen,“ erwiderte der Förster, „und ich mag um so
weniger danach fragen, als es mir beinahe gewiß ist, daß es wohl
derselbe Unglückliche sein mag, der unlängst das Gespräch des Hofes
war, unerachtet man seine Nähe nicht vermutete, und ich auch meine
Vermutung zum wahren Besten des Mönchs nicht gerade bei Hofe laut
werden lassen möchte.“ -- „Aber ich darf sie wohl erfahren,“ versetzte
ich, „da ich ein Fremder bin, und noch überdies mit Hand und Mund
versprechen will, gewissenhaft zu schweigen.“ -- „Sie müssen wissen,“
sprach der Förster weiter, „daß die Schwester unserer Fürstin Äbtissin
des Cisterzienserklosters in *** ist. Diese hatte sich des Sohnes einer
armen Frau, deren Mann mit unserm Hofe in gewissen geheimnisvollen
Beziehungen gestanden haben soll, angenommen und ihn aufziehen lassen.
Aus Neigung wurde er Kapuziner, und als Kanzelredner weit und breit
bekannt. Die Äbtissin schrieb ihrer Schwester sehr oft über den
Pflegling und betrauerte vor einiger Zeit tief seinen Verlust. Er soll
durch den Mißbrauch einer Reliquie schwer gesündigt haben und aus dem
Kloster, dessen Zierde er so lange war, verbannt worden sein. Alles
dies weiß ich aus einem Gespräch des fürstlichen Leibarztes mit einem
andern Herrn vom Hofe, das ich vor einiger Zeit anhörte. Sie erwähnten
einiger sehr merkwürdiger Umstände, die mir jedoch, weil ich all die
Geschichten nicht von Grund aus kenne, unverständlich geblieben und
wieder entfallen sind. Erzählt nun auch der Mönch seine Errettung aus
dem Klostergefängnis auf andere Weise, soll sie nämlich durch den Satan
geschehen sein, so halte ich dies doch für eine Einbildung, die ihm
noch vom Wahnsinn zurückblieb, und meine, daß der Mönch kein anderer
als eben der Bruder Medardus ist, den die Äbtissin zum geistlichen
Stande erziehen ließ, und den der Teufel zu allerlei Sünden verlockte,
bis ihn Gottes Gericht mit viehischer Raserei strafte.“
Als der Förster den Namen Medardus nannte, durchbebte mich ein innerer
Schauer, ja die ganze Erzählung hatte mich, wie mit tödlichen Stichen,
die mein Innerstes trafen, gepeinigt. -- Nur zu sehr war ich überzeugt,
daß der Mönch die Wahrheit gesprochen, da nur eben ein solches Getränk
der Hölle, das er lüstern genossen, ihn aufs neue in verruchten,
gotteslästerlichen Wahnsinn gestürzt hatte. -- Aber ich selbst war
herabgesunken zum elenden Spielwerk der bösen, geheimnisvollen Macht,
die mich mit unauflöslichen Banden umstrickt hielt, so daß ich, der ich
frei zu sein glaubte, mich nur innerhalb des Käfigs bewegte, in den ich
rettungslos gesperrt worden. -- Die guten Lehren des frommen Cyrillus,
die ich unbeachtet ließ, die Erscheinung des Grafen und seines
leichtsinnigen Hofmeisters, alles kam mir in den Sinn. -- Ich wußte
nun, woher die plötzliche Gärung im Innern, die Änderung meines Gemüts
entstanden; ich schämte mich meines frevelichen Beginnens, und diese
Scham galt mir in dem Augenblick für die tiefe Reue und Zerknirschung,
die ich in wahrhafter Buße hätte empfinden sollen. So war ich in tiefes
Nachdenken versunken, und hörte kaum auf den Alten, der nun, wieder
auf die Jägerei gekommen, mir manchen Strauß schilderte, den er mit
den bösen Freischützen gehabt. Die Dämmerung war eingebrochen und wir
standen vor dem Gebüsch, in dem die Hühner liegen sollten; der Förster
stellte mich auf meinen Platz, schärfte mir ein, weder zu sprechen
noch sonst mich viel zu regen und mit gespanntem Hahn recht sorglich
zu lauschen. Die Jäger schlichen leise auf ihre Plätze und ich stand
einsam in der Dunkelheit, die immer mehr zunahm. -- Da traten Gestalten
aus meinem Leben hervor im düstern Walde. Ich sah meine Mutter, die
Äbtissin, sie schauten mich an mit strafenden Blicken. -- Euphemie
rauschte auf mich zu mit totenbleichem Gesicht, und starrte mich an mit
ihren schwarzen, glühenden Augen, sie erhob ihre blutigen Hände, mir
drohend, ach es waren Blutstropfen, Hermogens Todeswunde entquollen,
ich schrie auf! -- Da schwirrte es über mir in starkem Flügelschlag,
ich schoß blindlings in die Luft und zwei Hühner stürzten getroffen
herab. „Bravo!“ rief der unfern von mir stehende Jägerbursche, indem
er das dritte herabschoß. -- Schüsse knallten jetzt rings umher, und
die Jäger versammelten sich, jeder seine Beute herbeitragend. Der
Jägerbursche erzählte, nicht ohne listige Seitenblicke auf mich, wie
ich ganz laut aufgeschrien, da die Hühner dicht über meinen Kopf
weggestrichen, als hätte ich großen Schreck und dann, ohne einmal
recht anzulegen, blindlings drunter geschossen und doch zwei Hühner
getroffen; ja es sei in der Finsternis ihm vorgekommen, als hätte ich
das Gewehr ganz nach anderer Richtung hingehalten, und doch wären die
Hühner gestürzt. Der alte Förster lachte laut auf, daß ich so über die
Hühner erschrocken sei, und mich nur gewehrt habe mit Drunterschießen.
-- „Übrigens, mein Herr,“ fuhr er fort, „will ich hoffen, daß Sie ein
ehrlicher, frommer Weidmann und kein Freijäger sind, der es mit dem
Bösen hält und hinschießen kann, wo er will, ohne das zu fehlen, was er
zu treffen willens.“ -- Dieser gewiß unbefangene Scherz des Alten traf
mein Innerstes, und selbst mein glücklicher Schuß in jener aufgeregten,
entsetzlichen Stimmung, den doch nur der Zufall herbeigeführt, erfüllte
mich mit Grauen. Mit meinem Selbst mehr als jemals entzweit, wurde ich
mir selbst zweideutig, und ein inneres Grausen umfing mein eignes Wesen
mit zerstörender Kraft.
Als wir ins Haus zurückkamen berichtete Christian, daß der Mönch sich
im Turm ganz ruhig verhalten, kein einziges Wort gesprochen und auch
keine Nahrung zu sich genommen habe. „Ich kann ihn nun nicht länger
bei mir behalten,“ sprach der Förster, „denn wer steht mir dafür, daß
sein, wie es scheint unheilbarer Wahnsinn, nach langer Zeit nicht aufs
neue ausbricht, und er irgend ein entsetzliches Unheil hier im Hause
anrichtet; er muß morgen in aller Frühe mit Christian und Franz nach
der Stadt; mein Bericht über den ganzen Vorgang ist längst fertig, und
da mag er denn in die Irrenanstalt gebracht werden.“
Als ich in meinem Gemach allein war, stand mir Hermogens Gestalt vor
Augen, und wenn ich sie fassen wollte mit schärferem Blick, wandelte
sie sich um in den wahnsinnigen Mönch. Beide flossen in meinem Gemüt
in eins zusammen, und bildeten so die Warnung der höhern Macht, die
ich wie dicht vor dem Abgrunde vernahm. Ich stieß an die Korbflasche,
die noch auf dem Boden lag; der Mönch hatte sie bis auf den letzten
Tropfen ausgeleert, und so war ich jeder neuen Versuchung, davon zu
genießen, enthoben; aber auch selbst die Flasche, aus der noch ein
starker, berauschender Duft strömte, schleuderte ich fort, durch das
offne Fenster über die Hofmauer weg, um so jede mögliche Wirkung des
verhängnisvollen Elixiers zu vernichten. -- Nach und nach wurde ich
ruhiger, ja der Gedanke ermutigte mich, daß ich auf jeden Fall in
geistiger Hinsicht erhaben sein müsse über jenen Mönch, den das dem
meinigen gleiche Getränk in wilden Wahnsinn stürzte. Ich fühlte, wie
dies entsetzliche Verhängnis bei mir vorübergestreift; ja, daß der
alte Förster den Mönch eben für den unglücklichen Medardus, für mich
selbst, hielt, war mir ein Fingerzeig der höheren, heiligen Macht, die
mich noch nicht sinken lassen wollte in das trostlose Elend. -- Schien
nicht der Wahnsinn, der überall sich mir in den Weg stellte, nur allein
vermögend, mein Inneres zu durchblicken und immer dringender vor dem
bösen Geiste zu warnen, der mir, wie ich glaubte, sichtbarlich in der
Gestalt des bedrohlichen, gespenstischen Malers erschienen? --
Unwiderstehlich zog es mich fort nach der Residenz. Die Schwester
meiner Pflegemutter, die, wie ich mich besann, der Äbtissin ganz
ähnlich war, da ich ihr Bild öfters gesehen, sollte mich wieder
zurückführen in das fromme, schuldlose Leben, wie es ehemals mir
blühte, denn dazu bedurfte es in meiner jetzigen Stimmung nur ihres
Anblicks und der dadurch erweckten Erinnerungen. Dem Zufall wollte ich
es überlassen, mich in ihre Nähe zu bringen.
Kaum war es Tag geworden, als ich des Försters Stimme im Hofe vernahm;
früh sollte ich mit dem Sohne abreisen, ich warf mich daher schnell in
die Kleider. Als ich herabkam, stand ein Leiterwagen mit Strohsitzen
zum Abfahren bereit vor der Haustür: man brachte den Mönch, der mit
totenbleichem und verstörtem Gesicht sich geduldig führen ließ. Er
antwortete auf keine Frage, er wollte nichts genießen, kaum schien er
die Menschen um sich zu gewahren. Man hob ihn auf den Wagen und band
ihn mit Stricken fest, da sein Zustand allerdings bedenklich schien
und man vor dem plötzlichen Ausbruch einer innern, verhaltenen Wut
keineswegs sicher war. Als man seine Arme festschnürte, verzog sich
sein Gesicht krampfhaft und er ächzte leise. Sein Zustand durchbohrte
mein Herz, er war mir verwandt worden, ja nur seinem Verderben
verdankte ich vielleicht meine Rettung. Christian und ein Jägerbursche
setzten sich neben ihn in den Wagen. Erst im Fortfahren fiel sein Blick
auf mich und er wurde plötzlich von tiefem Staunen ergriffen; als der
Wagen sich schon entfernte (wir waren ihm bis vor die Mauer gefolgt),
blieb sein Kopf gewandt und sein Blick auf mich gerichtet. „Sehen
Sie,“ sagte der alte Förster, „wie er Sie so scharf ins Auge faßt; ich
glaube, daß Ihre Gegenwart im Speisezimmer, die er nicht vermutete,
auch viel zu seinem rasenden Beginnen beigetragen hat, denn selbst
in seiner guten Periode blieb er ungemein scheu, und hatte immer den
Argwohn, daß ein Fremder kommen und ihn töten würde. Vor dem Tode hat
er nämlich eine ganz ungemessene Furcht, und durch die Drohung, ihn
gleich erschießen zu lassen, habe ich oft den Ausbrüchen seiner Raserei
widerstanden.“
Mir war wohl und leicht, daß der Mönch, dessen Erscheinung mein eignes
Ich in verzerrten, gräßlichen Zügen reflektierte, entfernt worden. Ich
freute mich auf die Residenz, denn es war mir, als solle dort die Last
des schweren, finstern Verhängnisses, die mich niedergedrückt, mir
entnommen werden, ja, als würde ich mich dort, erkräftigt, der bösen
Macht die mein Leben gefangen, entreißen können. Als das Frühstück
verzehrt, fuhr der saubre, mit raschen Pferden bespannte Reisewagen des
Försters vor. -- Kaum gelang es mir, der Frau für die Gastlichkeit mit
der ich aufgenommen, etwas Geld, sowie den beiden bildhübschen Töchtern
einige Galanteriewaren, die ich zufällig bei mir trug, aufzudringen.
Die ganze Familie nahm so herzlichen Abschied, als sei ich längst
im Hause bekannt gewesen, der Alte scherzte noch viel über mein
Jägertalent. Heiter und froh fuhr ich von dannen.