1. Abschnitt.

Die Jahre der Kindheit und das Klosterleben.

Nie hat mir meine Mutter gesagt, in welchen Verhältnissen mein Vater in

der Welt lebte; rufe ich mir aber alles das ins Gedächtnis zurück, was

sie mir schon in meiner frühesten Jugend von ihm erzählte, so muß ich

wohl glauben, daß es ein mit tiefen Kenntnissen begabter lebenskluger

Mann war. Eben aus diesen Erzählungen und einzelnen Äußerungen meiner

Mutter, über ihr früheres Leben, die mir erst später verständlich

worden, weiß ich, daß meine Eltern von einem bequemen Leben, welches

sie im Besitz vielen Reichtums führten, herabsanken in die drückendste,

bitterste Armut, und daß mein Vater, einst durch den Satan verlockt

zum verruchten Frevel, eine Todsünde beging, die er, als ihn in

späten Jahren die Gnade Gottes erleuchtete, abbüßen wollte auf einer

Pilgerreise nach der heiligen Linde im weit entfernten kalten Preußen.

-- Auf der beschwerlichen Wanderung dahin fühlte meine Mutter nach

mehreren Jahren der Ehe zum erstenmal, daß diese nicht unfruchtbar

bleiben würde, wie mein Vater befürchtet, und seiner Dürftigkeit

unerachtet war er hoch erfreut, weil nun eine Vision in Erfüllung gehen

sollte, in welcher ihm der heilige Bernardus Trost und Vergebung der

Sünde durch die Geburt eines Sohnes zugesichert hatte. In der heiligen

Linde erkrankte mein Vater, und je weniger er die vorgeschriebenen

beschwerlichen Andachtsübungen seiner Schwäche unerachtet aussetzen

wollte, desto mehr nahm das Übel überhand; er starb entsündigt und

getröstet in demselben Augenblick, als ich geboren wurde. -- Mit

dem ersten Bewußtsein dämmern in mir die lieblichen Bilder von dem

Kloster, und von der herrlichen Kirche in der heiligen Linde, auf.

Mich umrauscht noch der dunkle Wald -- mich umduften noch die üppig

aufgekeimten Gräser, die bunten Blumen, die meine Wiege waren. Kein

giftiges Tier, kein schädliches Insekt nistet in dem Heiligtum der

Gebenedeiten; nicht das Sumsen einer Fliege, nicht das Zirpen des

Heimchens unterbricht die heilige Stille, in der nur die frommen

Gesänge der Priester erhallen, die, mit den Pilgern goldne Rauchfässer

schwingend, aus denen der Duft des Weihrauchopfers emporsteigt, in

langen Zügen daherziehen. Noch sehe ich, mitten in der Kirche, den

mit Silber überzogenen Stamm der Linde, auf welche die Engel das

wundertätige Bild der heiligen Jungfrau niedersetzten. Noch lächeln

mir die bunten Gestalten der Engel -- der Heiligen -- von den Wänden,

von der Decke der Kirche an! -- Die Erzählungen meiner Mutter von dem

wundervollen Kloster, wo ihrem tiefsten Schmerz gnadenreicher Trost

zuteil wurde, sind so in mein Innres gedrungen, daß ich alles selbst

gesehen, selbst erfahren zu haben glaube, unerachtet es unmöglich

ist, daß meine Erinnerung so weit hinausreicht, da meine Mutter nach

anderthalb Jahren die heilige Stätte verließ. -- So ist es mir, als

hätte ich selbst einmal in der öden Kirche die wunderbare Gestalt eines

ernsten Mannes gesehen, und es sei eben der fremde Maler gewesen, der

in uralter Zeit, als eben die Kirche gebaut, erschien, dessen Sprache

niemand verstehen konnte und der mit kunstgeübter Hand in gar kurzer

Zeit die Kirche auf das herrlichste ausmalte, dann aber, als er fertig

worden, wieder verschwand. -- So gedenke ich ferner noch eines alten

fremdartig gekleideten Pilgers mit langem grauem Barte, der mich oft

auf den Armen umhertrug, im Walde allerlei bunte Moose und Steine

suchte, und mit mir spielte; unerachtet ich gewiß glaube, daß nur aus

der Beschreibung meiner Mutter sich im Innern sein lebhaftes Bild

erzeugt hat. Er brachte einmal einen fremden wunderschönen Knaben mit,

der mit mir von gleichem Alter war. Uns herzend und küssend saßen wir

im Grase, ich schenkte ihm alle meine bunten Steine und er wußte damit

allerlei Figuren auf dem Erdboden zu ordnen, aber immer bildete sich

daraus zuletzt die Gestalt des Kreuzes. Meine Mutter saß neben uns auf

einer steinernen Bank, und der Alte schaute, hinter ihr stehend, mit

mildem Ernst unsern kindischen Spielen zu. Da traten einige Jünglinge

aus dem Gebüsch, die, nach ihrer Kleidung und nach ihrem ganzen Wesen

zu urteilen, wohl nur aus Neugierde und Schaulust nach der heiligen

Linde gekommen waren. Einer von ihnen rief, indem er uns gewahr wurde,

lachend: „Sieh da! eine heilige Familie, das ist etwas für meine

Mappe!“ -- Er zog wirklich Papier und Crayon hervor und schickte sich

an uns zu zeichnen, da erhob der alte Pilger sein Haupt und rief

zornig: „Elender Spötter, du willst ein Künstler sein und in deinem

Innern brannte nie die Flamme des Glaubens und der Liebe; aber deine

Werke werden tot und starr bleiben wie du selbst, und du wirst wie ein

Verstoßener in einsamer Leere verzweifeln und untergehen in deiner

eigenen Armseligkeit.“ -- Die Jünglinge eilten bestürzt von dannen.

-- Der alte Pilger sagte zu meiner Mutter: „Ich habe euch heute ein

wunderbares Kind gebracht, damit es in eurem Sohne den Funken der Liebe

entzünde, aber ich muß es wieder von euch nehmen und ihr werdet es

wohl, so wie mich selbst, nicht mehr schauen. Euer Sohn ist mit vielen

Gaben herrlich ausgestattet, aber die Sünde des Vaters kocht und gärt

in seinem Blute, er kann jedoch sich zum wackern Kämpen für den Glauben

aufschwingen, lasset ihn geistlich werden!“ -- Meine Mutter konnte

nicht genug sagen, welchen tiefen unauslöschlichen Eindruck die Worte

des Pilgers auf sie gemacht hatten; sie beschloß aber dem unerachtet

meiner Neigung durchaus keinen Zwang anzutun, sondern ruhig abzuwarten,

was das Geschick über mich verhängen und wozu es mich leiten würde,

da sie an irgend eine andere höhere Erziehung, als die sie selbst mir

zu geben imstande war, nicht denken konnte. -- Meine Erinnerungen aus

deutlicher selbst gemachter Erfahrung heben von dem Zeitpunkt an, als

meine Mutter auf der Heimreise in das Cisterzienser Nonnenkloster

gekommen war, dessen gefürstete Äbtissin, die meinen Vater gekannt

hatte, sie freundlich aufnahm. Die Zeit von jener Begebenheit mit

dem alten Pilger, welche ich in der Tat aus eigner Anschauung weiß,

so daß sie meine Mutter nur rücksichts der Reden des Malers und des

alten Pilgers ergänzt hat, bis zu dem Moment, als mich meine Mutter

zum erstenmal zur Äbtissin brachte, macht eine völlige Lücke: nicht

die leiseste Ahnung ist mir davon übrig geblieben. Ich finde mich erst

wieder, als die Mutter meinen Anzug, soviel es ihr nur möglich war,

besserte und ordnete. Sie hatte neue Bänder in der Stadt gekauft, sie

verschnitt mein wild-verwachsnes Haar, sie putzte mich mit aller Mühe

und schärfte mir dabei ein, mich ja recht fromm und artig bei der Frau

Äbtissin zu betragen. Endlich stieg ich, an der Hand meiner Mutter, die

breiten, steinernen Treppen herauf und trat in das hohe, gewölbte, mit

heiligen Bildern ausgeschmückte Gemach, in dem wir die Fürstin fanden.

Es war eine große, majestätische, schöne Frau, der die Ordenstracht

eine Ehrfurcht einflößende Würde gab. Sie sah mich mit einem ernsten,

bis ins Innerste dringenden Blick an, und frug: „Ist das euer Sohn?“

-- Ihre Stimme, ihr ganzes Ansehn -- selbst die fremde Umgebung, das

hohe Gemach, die Bilder, alles wirkte so auf mich, daß ich, von dem

Gefühl eines inneren Grauens ergriffen, bitterlich zu weinen anfing.

Da sprach die Fürstin, indem sie mich milder und gütiger anblickte:

„Was ist dir Kleiner, fürchtest du dich vor mir? -- Wie heißt euer

Sohn, liebe Frau?“ -- „Franz“, erwiderte meine Mutter; da rief die

Fürstin mit der tiefsten Wehmut: „Franziskus!“ und hob mich auf und

drückte mich heftig an sich, aber in dem Augenblick preßte mir ein

jäher Schmerz, den ich am Halse fühlte, einen starken Schrei aus, so

daß die Fürstin erschrocken mich losließ, und die durch mein Betragen

ganz bestürzt gewordene Mutter auf mich zusprang, um nur gleich mich

fortzuführen. Die Fürstin ließ das nicht zu; es fand sich, daß das

diamantne Kreuz, welches die Fürstin auf der Brust trug, mich, indem

sie heftig mich an sich drückte, am Halse so stark beschädigt hatte,

daß die Stelle ganz rot und mit Blut unterlaufen war. „Armer Franz,“

sprach die Fürstin, „ich habe dir weh getan, aber wir wollen doch

noch gute Freunde werden.“ -- Eine Schwester brachte Zuckerwerk und

süßen Wein, ich ließ mich, jetzt schon dreister geworden, nicht lange

nötigen, sondern naschte tapfer von den Süßigkeiten, die mir die holde

Frau, welche sich gesetzt und mich auf den Schoß genommen hatte, selbst

in den Mund steckte. Als ich einige Tropfen des süßen Getränks, das

mir bis jetzt ganz unbekannt gewesen, gekostet, kehrte mein munterer

Sinn, die besondere Lebendigkeit, die, nach meiner Mutter Zeugnis, von

meiner frühsten Jugend mir eigen war, zurück. Ich lachte und schwatzte

zum größten Vergnügen der Äbtissin und der Schwester, die im Zimmer

geblieben. Noch ist es mir unerklärlich, wie meine Mutter darauf

verfiel, mich aufzufordern, der Fürstin von den schönen herrlichen

Dingen meines Geburtsortes zu erzählen, und ich, wie von einer höheren

Macht inspiriert, ihr die schönen Bilder des fremden unbekannten Malers

so lebendig, als habe ich sie im tiefsten Geiste aufgefaßt, beschreiben

konnte. Dabei ging ich ganz ein in die herrlichen Geschichten der

Heiligen, als sei ich mit allen Schriften der Kirche schon bekannt und

vertraut geworden. Die Fürstin, selbst meine Mutter, blickten mich

voll Erstaunen an, aber je mehr ich sprach, deste höher stieg meine

Begeisterung, und als mich endlich die Fürstin frug: „Sage mir liebes

Kind, woher weißt du denn das alles?“ -- da antwortete ich, ohne mich

einen Augenblick zu besinnen, daß der schöne wunderbare Knabe, den

einst ein fremder Pilgersmann mitgebracht hätte, mir alle Bilder in der

Kirche erklärt, ja selbst noch manches Bild mit bunten Steinen gemalt

und mir nicht allein den Sinn davon gelöset, sondern auch noch viele

andere heilige Geschichten erzählt hätte. --

Man läutete zur Vesper, die Schwester hatte eine Menge Zuckerwerk

in eine Tüte gepackt, die sie mir gab, und die ich voller Vergnügen

einsteckte. Die Äbtissin stand auf und sagte zu meiner Mutter: „Ich

sehe Euern Sohn als meinen Zögling an, liebe Frau! und will von nun an

für ihn sorgen.“ Meine Mutter konnte vor Wehmut nicht sprechen, sie

küßte, heiße Tränen vergießend, die Hände der Fürstin. Schon wollten

wir zur Türe hinaustreten, als die Fürstin uns nachkam, mich nochmals

aufhob, sorgfältig das Kreuz beiseite schiebend, mich an sich drückte,

und heftig weinend, so daß die heißen Tropfen auf meine Stirn fielen,

ausrief: „Franziskus! -- Bleibe fromm und gut!“ -- Ich war im Innersten

bewegt und mußte auch weinen, ohne eigentlich zu wissen warum. --

Durch die Unterstützung der Äbtissin gewann der kleine Haushalt meiner

Mutter, die unfern dem Kloster in einer kleinen Meierei wohnte, bald

ein besseres Ansehen. Die Not hatte ein Ende, ich ging besser gekleidet

und genoß den Unterricht des Pfarrers, dem ich zugleich, wenn er in der

Klosterkirche das Amt hielt, als Chorknabe diente. --

Wie umfängt mich noch wie ein seliger Traum die Erinnerung an jene

glückliche Jugendzeit! -- Ach, wie ein fernes herrliches Land,

wo die Freude wohnt und die ungetrübte Heiterkeit des kindlichen

unbefangenen Sinns, liegt die Heimat weit, weit hinter mir, aber

wenn ich zurückblicke, da gähnt mir die Kluft entgegen, die mich auf

ewig von ihr geschieden. Von heißer Sehnsucht ergriffen, trachte ich

immer mehr und mehr die Geliebten zu erkennen, die ich drüben, wie im

Purpurschimmer des Frührots wandelnd, erblicke, ich wähne ihre holden

Stimmen zu vernehmen. Ach! -- gibt es denn eine Kluft, über die die

Liebe mit starkem Fittich sich nicht hinwegschwingen könnte. Was ist

für die Liebe der Raum, die Zeit! -- Lebt sie nicht im Gedanken und

kennt +der+ denn ein Maß? -- Aber finstre Gestalten steigen auf, und

immer dichter und dichter sich zusammendrängend, immer enger und enger

mich einschließend, versperren sie die Aussicht und befangen meinen

Sinn mit den Drangsalen der Gegenwart, daß selbst die Sehnsucht, welche

mich mit namenlosem wonnevollem Schmerz erfüllte, nun zu tötender,

heilloser Qual wird! --

Der Pfarrer war die Güte selbst, er wußte meinen lebhaften Geist

zu fesseln, er wußte seinen Unterricht so nach meiner Sinnesart zu

formen, daß ich Freude daran fand und schnelle Fortschritte machte.

-- Meine Mutter liebte ich über alles, aber die Fürstin verehrte ich

wie eine Heilige, und es war ein feierlicher Tag für mich, wenn ich

sie sehen durfte. Jedesmal nahm ich mir vor, mit den neuerworbenen

Kenntnissen recht vor ihr zu leuchten, aber wenn sie kam, wenn sie

freundlich mich anredete, da konnte ich kaum ein Wort herausbringen,

ich mochte nur +sie+ anschauen, nur +sie+ hören. Jedes ihrer Worte

blieb tief in meiner Seele zurück, noch den ganzen Tag über, wenn ich

sie gesprochen, befand ich mich in wunderbarer feierlicher Stimmung

und ihre Gestalt begleitete mich auf den Spaziergängen, die ich dann

besuchte. -- Welches namenlose Gefühl durchbebte mich, wenn ich, das

Rauchfaß schwingend, am Hochaltare stand, und nun die Töne der Orgel

von dem Chore herabströmten und, wie zur brausenden Flut anschwellend,

mich fortrissen -- wenn ich dann in dem Hymnus ihre Stimme erkannte,

die wie ein leuchtender Strahl zu mir herabdrang und mein Inneres

mit den Ahnungen des Höchsten -- des Heiligsten erfüllte. Aber der

herrlichste Tag, auf den ich mich wochenlang freute, ja, an den ich

niemals ohne inneres Entzücken denken konnte, war das Fest des heiligen

Bernardus, welches, da er der Heilige der Cisterzienser ist, im Kloster

durch einen großen Ablaß auf das Feierlichste begangen wurde. Schon

den Tag vorher strömten aus der benachbarten Stadt sowie aus der

ganzen umliegenden Gegend, eine Menge Menschen herbei und lagerten

sich auf der großen blumichten Wiese, die sich an das Kloster schloß,

so daß das frohe Getümmel Tag und Nacht nicht aufhörte. Ich erinnere

mich nicht, daß die Witterung in der günstigsten Jahreszeit (der

Bernardustag fällt in den August) dem Feste jemals ungünstig gewesen

sein sollte. In bunter Mischung sah man hier andächtige Pilger, Hymnen

singend, daher wandelnd, dort Bauernburschen sich mit den geputzten

Dirnen jubelnd umhertummeln -- Geistliche, die in frommer Betrachtung,

die Hände andächtig gefaltet, in die Wolken schauen -- Bürgerfamilien

im Grase gelagert, die die hochgefüllten Speisekörbe auspacken und

ihr Mahl verzehren. Lustiger Gesang, fromme Lieder, die inbrünstigen

Seufzer der Büßenden, das Gelächter der Fröhlichen, Klagen, Jauchzen,

Jubel, Scherze, Gebet erfüllen wie in wunderbarem betäubendem Konzert

die Lüfte! -- Aber, sowie die Glocke des Klosters anschlägt, verhallt

das Getöse plötzlich -- soweit das Auge nur reicht, ist alles in

dichte Reihen gedrängt auf die Knie gesunken, und nur das dumpfe

Murmeln des Gebets unterbricht die heilige Stille. Der letzte Schlag

der Glocke tönt aus, die bunte Menge strömt wieder durcheinander, und

aufs neue erschallt der nur minutenlang unterbrochene Jubel. -- Der

Bischof selbst, welcher in der benachbarten Stadt residiert, hielt an

dem Bernardustage in der Kirche des Klosters, bedient von der untern

Geistlichkeit des Hochstifts, das feierliche Hochamt, und seine Kapelle

führte auf einer Tribüne, die man zur Seite des Hochaltars errichtet,

und mit reicher, seltener Hautelisse behängt hatte, die Musik aus. --

Noch jetzt sind die Empfindungen, die damals meine Brust durchbebten,

nicht erstorben, sie leben auf in jugendlicher Frische, wenn ich mein

Gemüt ganz zuwende jener seligen Zeit, die nur zu schnell verschwunden.

Ich gedenke lebhaft eines Gloria, welches mehrmals ausgeführt wurde,

da die Fürstin eben diese Komposition vor allen andern liebte. -- Wenn

der Bischof das Gloria intoniert hatte, und nun die mächtigen Töne des

Chors daher brausten: ~Gloria in excelsis deo~! -- war es nicht, als

öffne sich die Wolkenglorie über dem Hochaltar? -- ja, als erglühten

durch ein göttliches Wunder die gemalten Cherubim und Seraphim zum

Leben, und regten und bewegten die starken Fittiche, und schwebten auf

und nieder, Gott lobpreisend mit Gesang und wunderbarem Saitenspiel? --

Ich versank in das hinbrütende Staunen der begeisterten Andacht, die

mich durch glänzende Wolken in das ferne bekannte heimatliche Land

trug, und in dem duftenden Walde ertönten die holden Engelsstimmen, und

der wunderbare Knabe trat wie aus hohen Lilienbüschen mir entgegen und

frug mich lächelnd: „Wo warst du denn so lange, Franziskus? -- ich habe

viele schöne bunte Blumen, die will ich dir alle schenken, wenn du bei

mir bleibst und mich liebst immerdar.“ --

Nach dem Hochamt hielten die Nonnen unter dem Vortritt der Äbtissin,

die mit der Inful geschmückt war, und den silbernen Hirtenstab trug,

eine feierliche Prozession durch die Gänge des Klosters und durch die

Kirche. Welche Heiligkeit, welche Würde, welche überirdische Größe

strahlte aus jedem Blick der herrlichen Frau, leitete jede ihrer

Bewegungen! Es war die triumphierende Kirche selbst, die dem frommen

gläubigen Volke Gnade und Segen verhieß. Ich hätte mich vor ihr in den

Staub werfen mögen, wenn ihr Blick zufällig auf mich fiel. -- Nach

beendigtem Gottesdienst wurde die Geistlichkeit, sowie die Kapelle des

Bischofs, in einem großen Saal des Klosters bewirtet. Mehrere Freunde

des Klosters, Offizianten, Kaufleute aus der Stadt, nahmen an dem

Mahle teil, und ich durfte, weil mich der Konzertmeister des Bischofs

lieb gewonnen und gern sich mit mir zu schaffen machte, auch dabei

sein. Hatte sich erst mein Inneres, von heiliger Andacht durchglüht,

ganz dem Überirdischen zugewendet, so trat jetzt das frohe Leben auf

mich ein und umfing mich mit seinen bunten Bildern. Allerlei lustige

Erzählungen, Späße und Schwänke wechselten unter dem lauten Gelächter

der Gäste, wobei die Flaschen fleißig geleert wurden bis der Abend

hereinbrach und die Wagen zur Abfahrt bereit standen.

Sechzehn Jahre war ich alt geworden, als der Pfarrer erklärte, daß ich

nun vorbereitet genug sei, die höheren theologischen Studien in dem

Seminar der benachbarten Stadt zu beginnen: ich hatte mich nämlich

ganz für den geistlichen Stand entschieden und dies erfüllte meine

Mutter mit der innigsten Freude, da sie hierdurch die geheimnisvollen

Andeutungen des Pilgers, die in gewisser Art mit der merkwürdigen,

mir unbekannten Vision meines Vaters in Verbindung stehen sollten,

erklärt und erfüllt sah. Durch meinen Entschluß glaubte sie erst

die Seele meines Vaters entsühnt und von der Qual ewiger Verdammnis

errettet. Auch die Fürstin, die ich jetzt nur im Sprachzimmer

sehen konnte, billigte höchlich mein Vorhaben und wiederholte ihr

Versprechen, mich bis zur Erlangung einer geistlichen Würde mit allem

Nötigen zu unterstützen. Unerachtet die Stadt so nahe lag, daß man

von dem Kloster aus die Türme sehen konnte und nur irgend rüstige

Fußgänger von dort her die heitre anmutige Gegend des Klosters zu

ihren Spaziergängen wählten, so wurde mir doch der Abschied von meiner

guten Mutter, von der herrlichen Frau, die ich so tief im Gemüte

verehrte, sowie von meinem guten Lehrer, recht schwer. Es ist ja auch

gewiß, daß dem Schmerz der Trennung jede Spanne außerhalb dem Kreise

der Lieben, der weitesten Entfernung gleich dünkt! -- Die Fürstin

war auf besondere Weise bewegt, ihre Stimme zitterte vor Wehmut, als

sie noch salbungsvolle Worte der Ermahnung sprach. Sie schenkte mir

einen zierlichen Rosenkranz und ein kleines Gebetbuch mit sauber

illuminierten Bildern. Dann gab sie mir noch ein Empfehlungsschreiben

an den Prior des Kapuzinerklosters in der Stadt, den sie mir empfahl

gleich aufzusuchen, da er mir in allem mit Rat und Tat eifrigst

beistehen werde.

Gewiß gibt es nicht so leicht eine anmutigere Gegend als diejenige

ist, in welcher das Kapuzinerkloster dicht vor der Stadt liegt. Der

herrliche Klostergarten mit der Aussicht in die Gebirge hinein schien

mir jedesmal, wenn ich in den langen Alleen wandelte und bald bei

dieser, bald bei jener üppigen Baumgruppe stehen blieb, in neuer

Schönheit zu erglänzen. -- Gerade in diesem Garten traf ich den

Prior Leonardus, als ich zum erstenmal das Kloster besuchte, um mein

Empfehlungsschreiben von der Äbtissin abzugeben. -- Die dem Prior

eigne Freundlichkeit wurde noch erhöht, als er den Brief las, und er

wußte soviel Anziehendes von der herrlichen Frau, die er schon in

frühen Jahren in Rom kennen gelernt, zu sagen, daß er schon dadurch

im ersten Augenblick mich ganz an sich zog. Er war von den Brüdern

umgeben und man erblickte bald das ganze Verhältnis des Priors mit

den Mönchen, die ganze klösterliche Einrichtung und Lebensweise: die

Ruhe und Heiterkeit des Geistes, welche sich in dem Äußerlichen des

Priors deutlich aussprach, verbreitete sich über alle Brüder. Man

sah nirgends eine Spur des Mißmuts oder jener feindlichen ins Innere

zehrenden Verschlossenheit, die man sonst wohl auf den Gesichtern

der Mönche wahrnimmt. Unerachtet der strengen Ordensregel, waren die

Andachtsübungen dem Prior Leonardus mehr Bedürfnis des dem Himmlischen

zugewandten Geistes, als asketische Buße für die der menschlichen

Natur anklebende Sünde, und er wußte diesen Sinn der Andacht so in

den Brüdern zu entzünden, daß sich über alles, was sie tun mußten um

der Regel zu genügen, eine Heiterkeit und Gemütlichkeit ergoß, die

in der Tat ein höheres Sein in der irdischen Beengtheit erzeugte.

-- Selbst eine gewisse schickliche Verbindung mit der Welt wußte

der Prior Leonardus herzustellen, die für die Brüder nicht anders

als heilsam sein konnte. Reichliche Spenden, die von allen Seiten

dem allgemein hochgeachteten Kloster dargebracht wurden, machten es

möglich, an gewissen Tagen die Freunde und Beschützer des Klosters in

dem Refektorium zu bewirten. Dann wurde in der Mitte des Speisesaals

eine lange Tafel gedeckt, an deren oberem Ende der Prior Leonardus bei

den Gästen saß. Die Brüder blieben an der schmalen, der Wand entlang

stehenden Tafel und bedienten sich ihres einfachen Geschirres, der

Regel gemäß, während an der Gasttafel alles sauber und zierlich mit

Porzellan und Glas besetzt war. Der Koch des Klosters wußte vorzüglich

auf eine leckere Art Fastenspeisen zuzubereiten, die den Gästen gar

wohl schmeckten. Die Gäste sorgten für den Wein, und so waren die Mahle

im Kapuzinerkloster ein freundliches gemütliches Zusammentreten des

Profanen mit dem Geistlichen, welches in wechselseitiger Rückwirkung

für das Leben nicht ohne Nutzen sein konnte. Denn, indem die im

weltlichen Treiben Befangenen hinaustraten und eingingen in die

Mauern, wo alles das ihrem Tun schnurstracks entgegengesetzte Leben

der Geistlichen verkündet, mußten sie, von manchem Funken, der in

ihre Seele fiel, aufgeregt, eingestehen, daß auch wohl auf anderem

Wege als auf dem, den sie eingeschlagen, Ruhe und Glück zu finden

sei, daß vielleicht der Geist, je mehr er sich über das Irdische

erhebe, dem Menschen schon hienieden ein höheres Sein bereiten

könne. Dagegen gewannen die Mönche an Lebensumsicht und Weisheit,

da die Kunde, welche sie von dem Tun und Treiben der bunten Welt

außerhalb ihrer Mauern erhielten, in ihnen Betrachtungen mancherlei

Art erweckte. Ohne dem Irdischen einen falschen Wert zu verleihen,

mußten sie in der verschiedenen, aus dem Innern bestimmten Lebensweise

der Menschen, die Notwendigkeit einer solchen Strahlenbrechung des

geistigen Prinzips, ohne welche alles farb- und glanzlos geblieben

wäre, anerkennen. Über alle hocherhaben, rücksichts der geistigen und

wissenschaftlichen Ausbildung, stand von jeher der Prior Leonardus.

Außerdem, daß er allgemein für einen wackern Gelehrten in der Theologie

galt, so, daß er mit Leichtigkeit und Tiefe die schwierigsten Materien

abzuhandeln wußte, und sich die Professoren des Seminars oft bei ihm

Rat und Belehrung holten, war er auch mehr, als man es wohl einem

Klostergeistlichen zutrauen kann, für die Welt ausgebildet. Er sprach

mit Fertigkeit und Eleganz das Italienische und Französische, und

seiner besonderen Gewandtheit wegen, hatte man ihn in früherer Zeit

zu wichtigen Missionen gebraucht. Schon damals, als ich ihn kennen

lernte, war er hoch bejahrt, aber indem sein weißes Haar von seinem

Alter zeugte, blitzte aus den Augen noch jugendliches Feuer, und

das anmutige Lächeln, welches um seine Lippen schwebte, erhöhte den

Ausdruck der inneren Behaglichkeit und Gemütsruhe. Dieselbe Grazie,

welche seine Rede schmückte, herrschte in seinen Bewegungen, und

selbst die unbehilfliche Ordenstracht schmiegte sich wundersam den

wohlgebauten Formen seines Körpers an. Es befand sich kein einziger

unter den Brüdern, den nicht eigne freie Wahl, den nicht sogar das

von der inneren geistigen Stimmung erzeugte Bedürfnis in das Kloster

gebracht hätte; aber auch den Unglücklichen, der im Kloster den Port

gesucht hätte um der Vernichtung zu entgehen, hätte Leonardus bald

getröstet; seine Buße wäre der kurze Übergang zur Ruhe geworden,

und, mit der Welt versöhnt, ohne ihren Tand zu achten, hätte er, im

Irdischen lebend, doch sich bald über das Irdische erhoben. Diese

ungewöhnlichen Tendenzen des Klosterlebens hatte Leonardus in Italien

aufgefaßt, wo der Kultus und mit ihm die ganze Ansicht des religiösen

Lebens heitrer ist, als in dem katholischen Deutschland. So wie bei

dem Bau der Kirchen noch die antiken Formen sich erhielten, so scheint

auch ein Strahl aus jener heitern, lebendigen Zeit des Altertums in das

mystische Dunkel des Christianismus gedrungen zu sein, und es mit dem

wunderbaren Glanze erhellt zu haben, der sonst die Götter und Helden

umstrahlte.

Leonardus gewann mich lieb, er unterrichtete mich im Italienischen

und Französischen, vorzüglich waren es aber die mannigfachen Bücher,

welche er mir in die Hand gab, sowie seine Gespräche, die meinen Geist

auf besondere Weise ausbildeten. Beinahe die ganze Zeit, welche meine

Studien im Seminar mir übrig ließen, brachte ich im Kapuzinerkloster

zu, und ich spürte, wie immer mehr meine Neigung zunahm, mich

einkleiden zu lassen. Ich öffnete dem Prior meinen Wunsch; ohne mich

indessen gerade davon abbringen zu wollen, riet er mir, wenigstens noch

ein paar Jahre zu warten, und unter der Zeit mich mehr als bisher in

der Welt umzusehen. So wenig es mir indessen an andrer Bekanntschaft

fehlte, die ich mir vorzüglich durch den bischöflichen Konzertmeister,

welcher mich in der Musik unterrichtete, erworben, so fühlte ich mich

doch in jeder Gesellschaft, und vorzüglich, wenn Frauenzimmer zugegen

waren, auf unangenehme Weise befangen, und dies, sowie überhaupt der

Hang zum kontemplativen Leben, schien meinen innern Beruf zum Kloster

zu entscheiden. --

Einst hatte der Prior viel Merkwürdiges mit mir gesprochen über das

profane Leben; er war eingedrungen in die schlüpfrigsten Materien, die

er aber mit seiner gewöhnlichen Leichtigkeit und Anmut des Ausdrucks

zu behandeln wußte, so daß er, alles nur im mindesten Anstößige

vermeidend, doch immer auf den rechten Fleck traf. Er nahm endlich

meine Hand, sah mir scharf ins Auge und frug, ob ich noch unschuldig

sei? -- Ich fühlte mich erglühen, denn indem Leonardus mich so

verfänglich frug, sprang ein Bild in den lebendigsten Farben hervor,

welches solange ganz von mir gewichen. -- Der Konzertmeister hatte

eine Schwester, welche gerade nicht schön genannt zu werden verdiente,

aber doch in der höchsten Blüte stehend, ein überaus reizendes Mädchen

war. Vorzüglich zeichnete sie ein im reinsten Ebenmaß geformter

Wuchs aus; sie hatte die schönsten Arme, den schönsten Busen in Form

und Kolorit den man nur sehen kann. -- Eines Morgens, als ich zum

Konzertmeister gehen wollte, meines Unterrichts halber, überraschte ich

die Schwester im leichten Morgenanzuge, mit beinahe ganz entblößter

Brust; schnell warf sie zwar das Tuch über, aber doch schon zu viel

hatten meine gierigen Blicke erhascht, ich konnte kein Wort sprechen,

nie gekannte Gefühle regten sich stürmisch in mir und trieben das

glühende Blut durch die Adern, daß hörbar meine Pulse schlugen. Meine

Brust war krampfhaft zusammengepreßt und wollte zerspringen, ein

leiser Seufzer machte mir endlich Luft. Dadurch, daß das Mädchen ganz

unbefangen auf mich zukam, mich bei der Hand faßte und frug, was mir

denn wäre, wurde das Übel wieder ärger, und es war ein Glück, daß der

Konzertmeister in die Stube trat und mich von der Qual erlöste. Nie

hatte ich indessen solche falsche Akkorde gegriffen, nie so im Gesange

detoniert, als dasmal. Fromm genug war ich, um später das Ganze für

eine böse Anfechtung des Teufels zu halten, und ich pries mich nach

kurzer Zeit recht glücklich, den bösen Feind durch die asketischen

Übungen die ich unternahm, aus dem Felde geschlagen zu haben. Jetzt

bei der verfänglichen Frage des Priors sah ich des Konzertmeisters

Schwester mit entblößtem Busen vor mir stehen, ich fühlte den warmen

Hauch ihres Atems, den Druck ihrer Hand -- meine innere Angst stieg mit

jedem Momente. Leonardus sah mich mit einem gewissen ironischen Lächeln

an, vor dem ich erbebte. Ich konnte seinen Blick nicht ertragen, ich

schlug die Augen nieder, da klopfte mich der Prior auf die glühenden

Wangen und sprach: „Ich sehe, mein Sohn, daß Sie mich gefaßt haben

und daß es noch gut mit Ihnen steht, der Herr bewahre Sie vor der

Verführung der Welt, die Genüsse, die sie Ihnen darbietet, sind von

kurzer Dauer, und man kann wohl behaupten, daß ein Fluch darauf ruhe,

da in dem unbeschreiblichen Ekel, in der vollkommenen Erschlaffung, in

der Stumpfheit für alles Höhere, die sie hervorbringen, das bessere

geistige Prinzip des Menschen untergeht.“ -- So sehr ich mich mühte,

die Frage des Priors und das Bild, welches dadurch hervorgerufen wurde,

zu vergessen, so wollte es mir doch durchaus nicht gelingen, und war

es mir erst geglückt in Gegenwart jenes Mädchens unbefangen zu sein,

so scheute ich doch wieder jetzt mehr als jemals ihren Anblick, da

mich schon bei dem Gedanken an sie eine Beklommenheit, eine innere

Unruhe überfiel, die mir um so gefährlicher schien, als zugleich

eine unbekannte wundervolle Sehnsucht und mit ihr eine Lüsternheit

sich regte, die wohl sündlich sein mochte. Ein Abend sollte diesen

zweifelhaften Zustand entscheiden. Der Konzertmeister hatte mich,

wie er manchmal zu tun pflegte, zu einer musikalischen Unterhaltung,

die er mit einigen Freunden veranstaltet, eingeladen. Außer seiner

Schwester waren noch mehrere Frauenzimmer zugegen, und dieses steigerte

die Befangenheit, die mir schon bei der Schwester allein den Atem

versetzte. Sie war sehr reizend gekleidet, sie kam mir schöner als

je vor, es war, als zöge mich eine unsichtbare und unwiderstehliche

Gewalt zu ihr hin, und so kam es denn, daß ich, ohne selbst zu wissen

wie, mich immer ihr nahe befand, jeden ihrer Blicke, jedes ihrer Worte

begierig aufhaschte, ja mich so an sie drängte, daß wenigstens ihr

Kleid im Vorbeistreifen mich berühren mußte, welches mich mit innerer,

nie gefühlter Lust erfüllte. Sie schien es zu bemerken und Wohlgefallen

daran zu finden; zuweilen war es mir, als müßte ich sie wie in toller

Liebeswut an mich reißen und inbrünstig an mich drücken! -- Sie hatte

lange neben dem Flügel gesessen, endlich stand sie auf und ließ auf dem

Stuhl einen ihrer Handschuhe liegen, den ergriff ich und drückte ihn im

Wahnsinn heftig an den Mund! -- Das sah eins von den Frauenzimmern, die

ging zu des Konzertmeisters Schwester und flüsterte ihr etwas ins Ohr,

nun schauten sie beide auf mich und kicherten und lachten höhnisch!

-- Ich war wie vernichtet, ein Eisstrom goß sich durch mein Inneres

-- besinnungslos stürzte ich fort ins Kollegium -- in meine Zelle.

Ich warf mich wie in toller Verzweiflung auf den Fußboden -- glühende

Tränen quollen mir aus den Augen, ich verwünschte -- ich verfluchte das

Mädchen -- mich selbst -- dann betete ich wieder und lachte dazwischen

wie ein Wahnsinniger! Überall erklangen um mich Stimmen, die mich

verspotteten, verhöhnten; ich war im Begriff mich durch das Fenster zu

stürzen, zum Glück verhinderten mich die Eisenstäbe daran, mein Zustand

war in der Tat entsetzlich. Erst als der Morgen anbrach wurde ich

ruhiger, aber fest war ich entschlossen sie niemals mehr zu sehen und

überhaupt der Welt zu entsagen. Klarer als jemals stand der Beruf zum

eingezogenen Klosterleben, von dem mich keine Versuchung mehr ablenken

sollte, vor meiner Seele. Sowie ich nur von den gewöhnlichen Studien

loskommen konnte, eilte ich zu dem Prior in das Kapuzinerkloster und

eröffnete ihm, wie ich nun entschlossen sei, mein Noviziat anzutreten,

und auch schon meiner Mutter sowie der Fürstin Nachricht davon gegeben

habe. Leonardus schien über meinen plötzlichen Eifer verwundert,

ohne in mich zu dringen, suchte er doch auf diese und jene Weise zu

erforschen, was mich wohl darauf gebracht haben könne, nun mit einem

Mal auf meine Einweihung zum Klosterleben zu bestehen, denn er ahnte

wohl, daß ein besonderes Ereignis mir den Impuls dazu gegeben haben

müsse. Eine innere Scham, die ich nicht zu überwinden vermochte, hielt

mich zurück ihm die Wahrheit zu sagen, dagegen erzählte ich ihm mit

dem Feuer der Exaltation, das noch in mir glühte, die wunderbaren

Begebenheiten meiner Kinderjahre, welche alle auf meine Bestimmung

zum Klosterleben hindeuteten. Leonardus hörte mich ruhig an und ohne

gerade gegen meine Visionen Zweifel vorzubringen, schien er doch sie

nicht sonderlich zu beachten, er äußerte vielmehr, wie das alles noch

sehr wenig für die Echtheit meines Berufs spräche, da eben hier eine

Illusion sehr möglich sei. Überhaupt pflegte Leonardus nicht gern

von den Visionen der Heiligen, ja selbst von den Wundern der ersten

Verkündiger des Christentums zu sprechen, und es gab Augenblicke, in

denen ich in Versuchung geriet, ihn für einen heimlichen Zweifler zu

halten. Einst erdreistete ich mich, um ihn zu irgend einer bestimmten

Äußerung zu nötigen, von den Verächtern des katholischen Glaubens zu

sprechen und vorzüglich auf diejenigen zu schmälen, die im kindischen

Übermute alles Übersinnliche mit dem heillosen Schimpfworte des

Aberglaubens abfertigten. Leonardus sprach sanft lächelnd: „Mein Sohn,

der Unglaube ist der ärgste Aberglaube,“ und fing ein anderes Gespräch

von fremden gleichgültigen Dingen an. Erst später durfte ich eingehen

in seine herrlichen Gedanken über den mystischen Teil unserer Religion,

der die geheimnisvolle Verbindung unsers geistigen Prinzips mit höheren

Wesen in sich schließt, und mußte mir denn wohl gestehen, daß Leonardus

die Mitteilung alles des Sublimen, das aus seinem Innersten sich ergoß,

mit Recht nur für die höchste Weihe seiner Schüler aufsparte. --

Meine Mutter schrieb mir, wie sie es längst geahnet, daß der

weltgeistliche Stand mir nicht genügen, sondern daß ich das

Klosterleben erwählen werde. Am Medardustage sei ihr der alte

Pilgersmann aus der heiligen Linde erschienen und habe mich im

Ordenskleide der Kapuziner an der Hand geführt. Auch die Fürstin war

mit meinem Vorhaben ganz einverstanden. Beide sah ich noch einmal vor

meiner Einkleidung, welche, da mir meinem innigsten Wunsche gemäß die

Hälfte des Noviziats erlassen wurde, sehr bald erfolgte. Ich nahm auf

Veranlassung der Vision meiner Mutter den Klosternamen Medardus an. --

Das Verhältnis der Brüder untereinander, die innere Einrichtung

rücksichts der Andachtsübungen und der ganzen Lebensweise im Kloster,

bewährten sich ganz in der Art, wie sie mir bei dem ersten Blick

erschienen. Die gemütliche Ruhe, die in allem herrschte, goß den

himmlischen Frieden in meine Seele, wie er mich, gleich einem seligen

Traum aus der ersten Zeit meiner frühsten Kinderjahre im Kloster

der heiligen Linde umschwebte. Während des feierlichen Akts meiner

Einkleidung erblickte ich unter den Zuschauern des Konzertmeisters

Schwester; sie sah ganz schwermütig aus und ich glaubte Tränen in

ihren Augen zu erblicken, aber vorüber war die Zeit der Versuchung

und vielleicht war es frevelnder Stolz auf den so leicht erfochtenen

Sieg, der mir das Lächeln abnötigte, welches der an meiner Seite

wandelnde Bruder Cyrillus bemerkte. „Worüber erfreuest du dich so, mein

Bruder?“ frug Cyrillus. „Soll ich denn nicht froh sein, wenn ich der

schnöden Welt und ihrem Tand entsage?“ antwortete ich, aber nicht zu

leugnen ist es, daß, indem ich diese Worte sprach, ein unheimliches

Gefühl plötzlich das Innerste durchbebend, mich Lügen strafte. --

Doch dies war die letzte Anwandlung irdischer Selbstsucht, nach der

jene Ruhe des Geistes eintrat. Wäre sie nimmer von mir gewichen,

aber die Macht des Feindes ist groß! -- Wer mag der Stärke seiner

Waffen, wer mag seiner Wachsamkeit vertrauen, wenn die unterirdischen

Mächte lauern. -- Schon fünf Jahre war ich im Kloster, als nach der

Verordnung des Priors mir der Bruder Cyrillus, der alt und schwach

geworden, die Aufsicht über die reiche Reliquienkammer des Klosters

übergeben sollte. Da befanden sich allerlei Knochen von Heiligen,

Späne aus dem Kreuze des Erlösers und andere Heiligtümer, die in

saubern Glasschränken aufbewahrt, und an gewissen Tagen dem Volk zur

Erbauung ausgestellt wurden. Der Bruder Cyrillus machte mich mit

jedem Stücke sowie mit den Dokumenten, die über ihre Echtheit und

über die Wunder, welche sie bewirkt, vorhanden, bekannt. Er stand

rücksichts der geistigen Ausbildung unserm Prior an der Seite und

umsoweniger trug ich Bedenken, das zu äußern, was sich gewaltsam

aus meinem Innern hervordrängte. „Sollten denn, lieber Bruder

Cyrillus,“ sagte ich, „alle diese Dinge gewiß und wahrhaftig das sein,

wofür man sie ausgibt? -- Sollte auch hier nicht die betrügerische

Habsucht manches untergeschoben haben, was nun als wahre Reliquie

dieses oder jenes Heiligen gilt? So z. B. besitzt irgend ein Kloster

das ganze Kreuz unsers Erlösers und doch zeigt man überall wieder

soviel Späne davon, daß, wie jemand von uns selbst, freilich in

freveligem Spott, behauptete, unser Kloster ein ganzes Jahr hindurch

damit geheizt werden könnte.“ -- „Es geziemt uns wohl eigentlich

nicht,“ erwiderte der Bruder Cyrillus, „diese Dinge einer solchen

Untersuchung zu unterziehen, allein offenherzig gestanden bin ich

der Meinung, daß, der darüber sprechenden Dokumente unerachtet, wohl

wenige dieser Dinge +das+ sein dürften, wofür man sie ausgibt.

Allein es scheint mir auch gar nicht darauf anzukommen. Merke wohl

auf, lieber Bruder Medardus! wie ich und unser Prior darüber denken,

und du wirst unsere Religion in neuer Glorie erblicken. Ist es

nicht herrlich, lieber Bruder Medardus, daß unsere Kirche darnach

trachtet, jene geheimnisvollen Fäden zu erfassen, die das Sinnliche

mit dem Übersinnlichen verknüpfen, ja unseren zum irdischen Leben und

Sein gediehenen Organismus so anzuregen, daß sein Ursprung aus dem

höhern, geistigen Prinzip, ja seine innige Verwandtschaft mit dem

wunderbaren Wesen, dessen Kraft wie ein glühender Hauch die ganze Natur

durchdringt, klar hervortritt, und uns die Ahnung eines höheren Lebens,

dessen Keim wir in uns tragen, wie mit Seraphsfittichen umweht. -- Was

ist jenes Stückchen Holz -- jenes Knöchlein, jenes Läppchen -- man sagt

aus dem Kreuz Christe sei es gehauen, dem Körper -- dem Gewande eines

Heiligen entnommen; aber den Gläubigen, der ohne zu grübeln sein ganzes

Gemüt darauf richtet, erfüllt bald jene überirdische Begeisterung,

die ihm das Reich der Seligkeit erschließt, das er hienieden nur

geahnt; und so wird der geistige Einfluß des Heiligen, dessen auch nur

angebliche Reliquie den Impuls gab, erweckt, und der Mensch vermag

Stärke und Kraft im Glauben von dem höheren Geiste zu empfangen, den

er im Innersten des Gemüts um Trost und Beistand anrief. Ja, diese in

ihm erweckte höhere geistige Kraft wird selbst Leiden des Körpers

zu überwinden vermögen, und daher kommt es, daß jene Reliquien jene

Mirakel bewirken, die, da sie so oft vor den Augen des versammelten

Volks geschehen, wohl nicht geleugnet werden können.“ -- Ich erinnerte

mich augenblicklich gewisser Andeutungen des Priors, die ganz mit den

Worten des Bruders Cyrillus übereinstimmten, und betrachtete nun die

Reliquien, die mir sonst nur als religiöse Spielerei erschienen, mit

wahrer innerer Ehrfurcht und Andacht. Dem Bruder Cyrillus entging diese

Wirkung seiner Rede nicht und er fuhr nun fort, mit größerem Eifer und

mit recht zum Gemüte sprechender Innigkeit, mir die Sammlung Stück

vor Stück zu erklären. Endlich nahm er aus einem wohlverschlossenen

Schranke ein Kistchen heraus und sagte. „Hierinnen, lieber Bruder

Medardus, ist die geheimnisvollste, wunderbarste Reliquie enthalten,

die unser Kloster besitzt. Solange ich im Kloster bin, hat dieses

Kistchen niemand in der Hand gehabt als der Prior und ich; selbst die

andern Brüder, viel weniger Fremde, wissen etwas von dem Dasein dieser

Reliquie. Ich kann die Kiste nicht ohne inneren Schauer anrühren, es

ist als sei darin ein böser Zauber verschlossen, der, gelänge es ihm,

den Bann der ihn umschließt und wirkungslos macht, zu zersprengen,

Verderben und heillosen Untergang jedem bereiten könnte, den er ereilt.

-- Das was darinnen enthalten, stammt unmittelbar von dem Widersacher

her aus jener Zeit, als er noch sichtlich gegen das Heil der Menschen

zu kämpfen vermochte.“ -- Ich sah den Bruder Cyrillus mit höchstem

Erstaunen an; ohne mir Zeit zu lassen etwas zu erwidern, fuhr er

fort. „Ich will mich, lieber Bruder Medardus, gänzlich enthalten, in

dieser höchst mystischen Sache nur irgend eine Meinung zu äußern oder

wohl gar diese -- jene -- Hypothese aufzutischen, die mir durch den

Kopf gefahren, sondern lieber getreulich dir das erzählen, was die

über jene Reliquie vorhandenen Dokumente davon sagen. -- Du findest

jene Dokumente in jenem Schrank und kannst sie selbst nachlesen.

-- Dir ist das Leben des heiligen Antonius zur Genüge bekannt, du

weißt, daß er, um sich von allem Irdischen zu entfernen, um seine

Seele ganz dem Göttlichen zuzuwenden, in die Wüste zog und da sein

Leben den strengsten Buß- und Andachtsübungen weihte. Der Widersacher

verfolgte ihn und trat ihm oft sichtlich in den Weg, um ihn in seinen

frommen Betrachtungen zu stören. So kam es denn, daß der hl. Antonius

einmal in der Abenddämmerung eine finstere Gestalt wahrnahm, die

auf ihn zuschritt. In der Nähe erblickte er zu seinem Erstaunen,

daß aus den Löchern des zerrissenen Mantels, den die Gestalt trug,

Flaschenhälse hervorguckten. Es war der Widersacher, der in diesem

seltsamen Aufzuge ihn höhnisch anlächelte und frug, ob er nicht von

den Elixieren, die er in den Flaschen bei sich trüge, zu kosten

begehre? Der hl. Antonius, den diese Zumutung nicht einmal verdrießen

konnte, weil der Widersacher ohnmächtig und kraftlos geworden nicht

mehr imstande war, sich auf irgend einen Kampf einzulassen, und sich

daher auf höhnische Reden beschränken mußte, frug ihn: „Warum er denn

so viele Flaschen und auf solche besondere Weise bei sich trüge?“ Da

antwortete der Widersacher. „Siehe, wenn mir ein Mensch begegnet, so

schaut er mich verwundert an und kann es nicht lassen nach meinen

Getränken zu fragen und zu kosten aus Lüsternheit. Unter so vielen

Elixieren findet er ja wohl eines, was ihm recht mundet und er säuft

die ganze Flasche aus und ergibt sich mir und meinen Reiche. -- Soweit

steht das in allen Legenden; nach dem besonderen Dokument, das wir

über diese Vision des hl. Antonius besitzen, heißt es aber weiter, daß

der Widersacher, als er sich von dannen hub, einige seiner Flaschen

auf einem Rasen stehen ließ, die der hl. Antonius schnell in seine

Höhle mitnahm und verbarg, aus Furcht, selbst in der Einöde könnte ein

Verirrter, ja wohl gar einer seiner Schüler, von dem entsetzlichen

Getränke kosten und ins ewige Verderben geraten. -- Zufällig, erzählt

das Dokument weiter, habe der hl. Antonius einmal eine dieser Flaschen

geöffnet, da sei ein seltsamer betäubender Dampf herausgefahren und

allerlei scheußliche, sinnverwirrende Bilder der Hölle hätten den

Heiligen umschwebt, ja ihn mit verführerischen Gaukeleien zu verlocken

gesucht, bis er sie durch strenges Fasten und anhaltendes Gebet wieder

vertrieben. -- In diesem Kistchen befindet sich nun aus dem Nachlaß

des hl. Antonius eben eine solche Flasche mit einem Teufels-Elixier

und die Dokumente sind so authentisch und genau, daß wenigstens daran,

daß die Flasche wirklich nach dem Tode des hl. Antonius unter seinen

nachgebliebenen Sachen gefunden wurde, kaum zu zweifeln ist. Übrigens

kann ich versichern, lieber Bruder Medardus, daß, so oft ich die

Flasche, ja nur dieses Kistchen, worin sie verschlossen, berühre,

mich ein unerklärliches, inneres Grauen anwandelt, ja daß ich wähne,

etwas von einem ganz seltsamen Duft zu spüren, der mich betäubt und

zugleich eine innere Unruhe des Geistes hervorbringt, die mich selbst

bei den Andachtsübungen zerstreut. Indessen überwinde ich diese böse

Stimmung, welche offenbar von dem Einfluß irgend einer feindlichen

Macht herrührt, sollte ich auch an die unmittelbare Einwirkung des

Widersachers nicht glauben, durch standhaftes Gebet. Dir, lieber Bruder

Medardus, der du noch so jung bist, der du noch alles, was dir deine

von fremder Kraft aufgeregte Fantasie vorbringen mag, in glänzenden,

lebhafteren Farben erblickst, der du noch wie ein tapferer aber

unerfahrener Krieger zwar rüstig im Kampfe, aber vielleicht zu kühn,

das Unmögliche wagend, deiner Stärke zu sehr vertraust, rate ich, das

Kistchen niemals, oder wenigstens erst nach Jahren zu öffnen, und damit

dich deine Neugierde nicht in Versuchung führe, es dir weit weg aus den

Augen zu stellen.“ --

Der Bruder Cyrillus verschloß die geheimnisvolle Kiste wieder in den

Schrank wo sie gestanden und übergab mir den Schlüsselbund, an dem

auch der Schlüssel jenes Schranks hing; die ganze Erzählung hatte

auf mich einen eignen Eindruck gemacht, aber je mehr ich eine innere

Lüsternheit emporkeimen fühlte die wunderbare Reliquie zu sehen, desto

mehr war ich, der Warnung des Bruders Cyrillus gedenkend, bemüht, auf

jede Art es mir zu erschweren. Als Cyrillus mich verlassen, übersah

ich noch einmal die mir anvertrauten Heiligtümer, löste ich aber das

Schlüsselchen, welches den gefährlichen Schrank schloß, vom Bunde ab

und versteckte es tief unter meine Skripturen im Schreibpulte. --

Unter den Professoren im Seminar gab es einen vortrefflichen Redner,

jedesmal, wenn er predigte, war die Kirche überfüllt; der Feuerstrom

seiner Worte riß alles unwiderstehlich fort, die inbrünstigste Andacht

im Innern entzündend. Auch mir drangen seine herrlichen, begeisterten

Reden ins Innerste, aber indem ich den Hochbegabten glücklich pries,

war es mir, als rege sich eine innere Kraft die mich mächtig antrieb

es ihm gleich zu tun. Hatte ich ihn gehört, so predigte ich auf meiner

einsamen Stube, mich ganz der Begeisterung des Moments überlassend,

bis es mir gelang, meine Ideen, meine Worte festzuhalten und

aufzuschreiben. -- Der Bruder, welcher im Kloster zu predigen pflegte,

wurde zusehends schwächer, seine Reden schlichen wie ein halbversiegter

Bach mühsam und tonlos dahin, und die ungewöhnlich gedehnte Sprache,

welche der Mangel an Ideen und Worten erzeugte, da er ohne Konzept

sprach, machte seine Reden so unausstehlich lang, daß vor dem Amen

schon der größte Teil der Gemeinde, wie bei dem bedeutungslosen,

eintönigen Geklapper einer Mühle, sanft eingeschlummert war und nur

durch den Klang der Orgel wieder erweckt werden konnte. Der Prior

Leonardus war zwar ein ganz vorzüglicher Redner, indessen trug er

Scheu zu predigen, weil es ihn bei den schon erreichten hohen Jahren

zu stark angriff, und sonst gab es im Kloster keinen, der die Stelle

jenes schwächlichen Bruders hätte ersetzen können. Leonardus sprach mit

mir über diesen Übelstand, der der Kirche den Besuch mancher Frommen

entzog; ich faßte mir ein Herz und sagte ihm, wie ich schon im Seminar

einen innern Beruf zum Predigen gespürt und manche geistliche Rede

aufgeschrieben habe. Er verlangte sie zu sehen und war so höchlich

damit zufrieden, daß er in mich drang, schon am nächsten heiligen Tage

den Versuch mit einer Predigt zu machen, der umsoweniger mißlingen

werde, als mich die Natur mit allem ausgestattet habe, was zum guten

Kanzelredner gehöre, nämlich mit einer einnehmenden Gestalt, einem

ausdrucksvollen Gesicht und einer kräftigen, tonreichen Stimme.

Rücksichts des äußern Anstandes, der richtigen Gestikulation unternahm

Leonardus selbst mich zu unterrichten. Der Heiligentag kam heran,

die Kirche war besetzter als gewöhnlich, und ich bestieg nicht ohne

inneres Erbeben die Kanzel. -- Im Anfange blieb ich meiner Handschrift

getreu, und Leonardus sagte mir nachher, daß ich mit zitternder

Stimme gesprochen, welches aber gerade den andächtigen, wehmutsvollen

Betrachtungen, womit die Rede begann, zugesagt, und bei den mehrsten

für eine besondere wirkungsvolle Kunst des Redners gegolten habe. Bald

aber war es, als strahle der glühende Funke himmlischer Begeisterung

durch mein Inneres -- ich dachte nicht mehr an die Handschrift, sondern

überließ mich ganz den Eingebungen des Moments. Ich fühlte wie das

Blut in allen Pulsen glühte und sprühte -- ich hörte meine Stimme

durch das Gewölbe donnern -- ich sah mein erhobenes Haupt, meine

ausgebreiteten Arme, wie vom Strahlenglanz der Begeisterung umflossen.

-- Mit einer Sentenz, in der ich alles Heilige und Herrliche das ich

verkündet, nochmals wie in einem flammenden Fokus zusammenfaßte, schloß

ich meine Rede, deren Eindruck ganz ungewöhnlich, ganz unerhört war.

Heftiges Weinen -- unwillkürlich den Lippen entfliehende Ausrufe der

andachtvollsten Wonne -- lautes Gebet, hallten meinen Worten nach. Die

Brüder zollten mir ihre höchste Bewunderung, Leonardus umarmte mich, er

nannte mich den Stolz des Klosters. Mein Ruf verbreitete sich schnell,

und um den Bruder Medardus zu hören, drängte sich der vornehmste,

der gebildetste Teil der Stadtbewohner schon eine Stunde vor dem

Läuten in die nicht allzu große Klosterkirche. Mit der Bewunderung

stieg mein Eifer und meine Sorge, den Reden im stärksten Feuer Ründe

und Gewandtheit zu geben. Immer mehr gelang es mir die Zuhörer zu

fesseln und, immer steigend und steigend glich bald die Verehrung die

ich überall wo ich ging und stand in den stärksten Zügen an den Tag

legte, beinahe der Vergötterung eines Heiligen. Ein religiöser Wahn

hatte die Stadt ergriffen, alles strömte bei irgend einem Anlaß, auch

an gewöhnlichen Wochentagen nach dem Kloster, um den Bruder Medardus

zu sehen, zu sprechen. -- Da keimte in mir der Gedanke auf, ich sei

ein besonders Erkorner des Himmels; die geheimnisvollen Umstände bei

meiner Geburt am heiligen Orte zur Entsündigung des verbrecherischen

Vaters, die wunderbaren Begebenheiten in meinen ersten Kinderjahren,

alles deutete dahin, daß mein Geist in unmittelbarer Berührung mit

dem Himmlischen, sich schon hienieden über das Irdische erhebe, und

ich nicht der Welt, den Menschen angehöre, denen Heil und Trost zu

geben ich hier auf Erden wandle. Es war mir nun gewiß, daß der alte

Pilgrim in der heiligen Linde der heilige Josef, der wunderbare Knabe

aber das Jesuskind selbst gewesen, das in mir den Heiligen, der auf

Erden zu wandeln bestimmt, begrüßt habe. Aber sowie dies alles immer

lebendiger vor meiner Seele stand, wurde mir auch meine Umgebung immer

lästiger und drückender. Jene Ruhe und Heiterkeit des Geistes die mich

sonst umfing, war aus meiner Seele entschwunden -- ja alle gemütlichen

Äußerungen der Brüder, die Freundlichkeit des Priors, erweckten in

mir einen feindseligen Zorn. Den +Heiligen+, den hoch über sie

erhabenen, sollten sie in mir erkennen, sich niederwerfen in den Staub

und die Fürbitte erflehen vor dem Throne Gottes. So aber hielt ich sie

für befangen in verderblicher Verstocktheit. Selbst in meine Reden

flocht ich gewisse Anspielungen ein, die darauf hindeuteten, wie nun

eine wundervolle Zeit, gleich der in schimmernden Strahlen leuchtenden

Morgenröte, angebrochen, in der Trost und Heil bringend der gläubigen

Gemeinde ein Auserwählter Gottes auf Erden wandle. Meine eingebildete

Sendung kleidete ich in mystische Bilder ein, die umsomehr wie ein

fremdartiger Zauber auf die Menge wirkten, je weniger sie verstanden

wurden. Leonardus wurde sichtlich kälter gegen mich, er vermied, mit

mir ohne Zeugen zu sprechen, aber endlich, als wir einst zufällig von

allen Brüdern verlassen in der Allee des Klostergartens einhergingen,

brach er los: „Nicht verhehlen kann ich es dir, lieber Bruder Medardus,

daß du seit einiger Zeit durch dein ganzes Betragen mir Mißfallen

erregst. -- Es ist etwas in deine Seele gekommen, das dich dem Leben

in frommer Einfalt abwendig macht. In deinen Reden herrscht ein

feindliches Dunkel, aus dem nur noch manches hervorzutreten sich

scheut, was dich wenigstens mit mir auf immer entzweien würde. -- Laß

mich offenherzig sein! -- Du trägst in diesem Augenblick die Schuld

unseres sündigen Ursprungs, die jedem mächtigen Emporstreben unserer

geistigen Kraft die Schranken des Verderbnisses öffnet, wohin wir

uns in unbedachtem Fluge nur zu leicht verirren! -- Der Beifall, ja

die abgöttische Bewunderung, die dir die leichtsinnige, nach jeder

Anreizung lüsterne Welt gezollt, hat dich geblendet, und du siehst dich

selbst in einer Gestalt, die nicht dein eigen, sondern ein Trugbild

ist, welches dich in den verderblichen Abgrund lockt. Gehe in dich,

Medardus! -- entsage dem Wahn, der dich betört -- ich glaube ihn zu

kennen! -- schon jetzt ist dir die Ruhe des Gemüts, ohne welche kein

Heil hienieden zu finden, entflohen. -- Laß dich warnen, weiche aus

dem Feinde, der dir nachstellt. -- Sei wieder der gutmütige Jüngling

den ich mit ganzer Seele liebte.“ -- Tränen quollen aus den Augen

des Priors als er dies sprach; er hatte meine Hand ergriffen, sie

loslassend entfernte er sich schnell, ohne meine Antwort abzuwarten.

-- Aber nur feindselig waren seine Worte in mein Inneres gedrungen; er

hatte des Beifalls, ja der höchsten Bewunderung erwähnt, die ich mir

durch meine außerordentlichen Gaben erworben, und es war mir deutlich,

daß nur kleinlicher Neid jenes Mißbehagen an mir erzeugt habe, das er

so unverhohlen äußerte. Stumm und in mich gekehrt, blieb ich vom innern

Groll ergriffen, bei den Zusammenkünften der Mönche, und ganz erfüllt

von dem neuen Wesen das mir aufgegangen, sann ich den Tag über, und in

den schlaflosen Nächten, wie ich alles in mir Aufgekeimte in prächtige

Worte fassen und dem Volke verkünden wollte. Je mehr ich mich nun von

Leonardus und den Brüdern entfernte, mit desto stärkeren Banden wußte

ich die Menge an mich zu ziehen. --

Am Tage des heiligen Antonius war die Kirche so gedrängt voll, daß man

die Türen weit öffnen mußte, um dem zuströmenden Volke zu vergönnen,

mich auch noch vor der Kirche zu hören. Nie hatte ich kräftiger,

feuriger, eindringender gesprochen. Ich erzählte, wie es gewöhnlich,

manches aus dem Leben des Heiligen und knüpfte daran fromme, tief ins

Leben eindringende Betrachtungen. Von den Verführungen des Teufels, dem

der Sündenfall die Macht gegeben die Menschen zu verlocken, sprach ich,

und unwillkürlich führte mich der Strom der Rede hinein in die Legende

von den Elixieren, die ich wie eine sinnreiche Allegorie darstellen

wollte. Da fiel mein in der Kirche umherschweifender Blick auf einen

langen, hageren Mann, der mir schrägüber auf eine Bank gestiegen, sich

an einen Eckpfeiler lehnte. Er hatte auf seltsame fremde Weise einen

dunkelvioletten Mantel umgeworfen, und die übereinander geschlagenen

Arme darein gewickelt. Sein Gesicht war leichenblaß, aber der Blick

der großen schwarzen, stieren Augen fuhr wie ein glühender Dolchstich

durch meine Brust. Mich durchbebte ein unheimliches, grauenhaftes

Gefühl, schnell wandte ich mein Auge ab und sprach, alle meine Kraft

zusammennehmend, weiter. Aber wie von einer fremden, zauberischen

Gewalt getrieben, mußte ich immer wieder hinschauen, und immer starr

und bewegungslos stand der Mann da, den gespenstischen Blick auf

mich gerichtet. So wie bittrer Hohn -- verachtender Haß, lag es auf

der hohen gefurchten Stirn, in dem herabgezogenen Munde. Die ganze

Gestalt hatte etwas Furchtbares -- Entsetzliches! -- Ja! -- es war

der unbekannte Maler aus der heiligen Linde. Ich fühlte mich wie von

eiskalten, grausigen Fäusten gepackt -- Tropfen des Angstschweißes

standen auf meiner Stirn -- meine Perioden stockten -- immer verwirrter

und verwirrter wurden meine Reden -- es entstand ein Flüstern --

ein Gemurmel in der Kirche -- aber starr und unbeweglich lehnte der

fürchterliche Fremde am Pfeiler, den stieren Blick auf mich gerichtet.

Da schrie ich auf in der Höllenangst wahnsinniger Verzweiflung. „Ha,

Verruchter! hebe dich weg! -- hebe dich weg -- denn ich bin es selbst!

-- ich bin der heilige Antonius!“ -- Als ich aus dem bewußtlosen

Zustand, in den ich mit jenen Worten versunken, wieder erwachte, befand

ich mich auf meinem Lager und der Bruder Cyrillus saß neben mir, mich

pflegend und tröstend. Das schreckliche Bild des Unbekannten stand mir

noch lebhaft vor Augen, aber je mehr der Bruder Cyrillus, dem ich alles

erzählte, mich zu überzeugen suchte, daß dieses nur ein Gaukelbild

meiner durch das eifrige und starke Reden erhitzten Fantasie gewesen,

desto tiefer fühlte ich bittre Reue und Scham über mein Betragen auf

der Kanzel. Die Zuhörer dachten, wie ich nachher erfuhr, es habe mich

ein plötzlicher Wahnsinn überfallen, wozu ihnen vorzüglich mein letzter

Ausruf gerechten Anlaß gab. Ich war zerknirscht -- zerrüttet im Geiste;

eingeschlossen in meine Zelle, unterwarf ich mich den strengsten

Bußübungen und stärkte mich durch inbrünstige Gebete zum Kampfe mit

dem Versucher, der mir selbst an heiliger Stätte erschienen, nur in

frechem Hohn die Gestalt borgend von dem frommen Maler in der heiligen

Linde. Niemand wollte übrigens den Mann im violetten Mantel erblickt

haben, und der Prior Leonardus verbreitete nach seiner anerkannten

Gutmütigkeit auf das eifrigste überall, wie es nur der Anfall einer

hitzigen Krankheit gewesen, welcher mich in der Predigt auf solche

entsetzliche Weise mitgenommen und meine verwirrten Reden veranlaßt

habe: wirklich war ich auch noch siech und krank, als ich nach mehreren

Wochen wieder in das gewöhnliche klösterliche Leben eintrat. Dennoch

unternahm ich es wieder die Kanzel zu besteigen, aber von innerer Angst

gefoltert, gefolgt von der entsetzlichen, bleichen Gestalt, vermochte

ich kaum zusammenhängend zu sprechen, viel weniger mich wie sonst dem

Feuer der Beredsamkeit zu überlassen. Meine Predigten waren gewöhnlich

-- steif -- zerstückelt. -- Die Zuhörer bedauerten den Verlust meiner

Rednergabe, verloren sich nach und nach, und der alte Bruder der sonst

gepredigt und nun noch offenbar besser redete als ich, ersetzte wieder

meine Stelle.

Nach einiger Zeit begab es sich, daß ein junger Graf, von seinem

Hofmeister mit dem er auf Reisen begriffen, begleitet, unser Kloster

besuchte und die vielen Merkwürdigkeiten desselben zu sehen begehrte.

Ich mußte die Reliquienkammer aufschließen und wir traten hinein, als

der Prior, der mit uns durch Chor und Kirche gegangen, abgerufen wurde,

so daß ich mit den Fremden allein blieb. Jedes Stück hatte ich gezeigt

und erklärt, da fiel dem Grafen der mit zierlichem, altdeutschen

Schnitzwerk geschmückte Schrank ins Auge, in dem sich das Kistchen

mit dem Teufels-Elixier befand. Unerachtet ich nun nicht gleich mit

der Sprache heraus wollte was in dem Schrank verschlossen, so drangen

beide, der Graf und der Hofmeister, doch so lange in mich, bis ich

die Legende vom hl. Antonius und dem arglistigen Teufel erzählte und

mich über die als Reliquie aufbewahrte Flasche ganz getreu nach den

Worten des Bruders Cyrillus ausließ, ja sogar die Warnung hinzufügte,

die er mir Rücksichts der Gefahr des Öffnens der Kiste und des

Vorzeigens der Flasche gegeben. Unerachtet der Graf unserer Religion

zugetan war, schien er doch ebensowenig als der Hofmeister auf die

Wahrscheinlichkeit der heiligen Legenden viel zu bauen. Sie ergossen

sich beide in allerlei witzigen Anmerkungen und Einfällen über den

komischen Teufel der die Verführungsflaschen im zerrissenen Mantel

trage, endlich nahm aber der Hofmeister eine ernsthafte Miene an und

sprach: „Haben Sie an uns leichtsinnigen Weltmenschen kein Ärgernis,

ehrwürdiger Herr! -- Seien Sie überzeugt, daß wir beide, ich und mein

Graf, die Heiligen als herrliche von der Religion hoch begeisterte

Menschen verehren, die dem Heil ihrer Seele sowie dem Heil der Menschen

alle Freuden des Lebens, ja, das Leben selbst opferten, was aber solche

Geschichten betrifft, wie die soeben von Ihnen erzählte, so glaube ich,

daß nur eine geistreiche, von dem Heiligen ersonnene Allegorie durch

Mißverstand, als wirklich geschehen, ins Leben gezogen wurde.“ --

[Illustration]

Unter diesen Worten hatte der Hofmeister den Schieber des Kistchens

schnell aufgeschoben und die schwarze, sonderbar geformte Flasche

herausgenommen. Es verbreitete sich wirklich, wie der Bruder

Cyrillus es mir gesagt, ein starker Duft, der indessen nichts weniger

als betäubend, sondern vielmehr angenehm und wohltätig wirkte. „Ei“,

rief der Graf, „ich wette, daß das Elixier des Teufels weiter nichts

ist als herrlicher echter Syrakuser.“ -- „Ganz gewiß,“ erwiderte der

Hofmeister, „und stammt die Flasche wirklich aus dem Nachlaß des

hl. Antonius, so geht es Ihnen, ehrwürdiger Herr, beinahe besser wie

dem Könige von Neapel, den die Unart der Römer, den Wein nicht zu

pfropfen sondern nur durch darauf getröpfeltes Öl zu bewahren um das

Vergnügen brachte, altrömischen Wein zu kosten. Ist dieser Wein auch

lange nicht so alt als jener gewesen wäre, so ist es doch fürwahr

der älteste, den es wohl geben mag, und darum täten Sie wohl, die

Reliquie in ihrem Nutzen zu verwenden und getrost auszunippen.“ --

„Gewiß“, fiel der Graf ein, „dieser uralte Syrakuser würde neue Kraft

in Ihre Adern gießen und die Kränklichkeit verscheuchen, von der Sie,

ehrwürdiger Herr, heimgesucht scheinen.“ Der Hofmeister holte einen

stählernen Korkzieher aus der Tasche und öffnete, meiner Protestationen

unerachtet, die Flasche. -- Es war mir als zucke mit dem Herausfliegen

des Korks ein blaues Flämmchen empor, das gleich wieder verschwand. --

Stärker stieg der Duft aus der Flasche und wallte durch das Zimmer.

Der Hofmeister kostete zuerst und rief begeistert: „Herrlicher --

herrlicher Syrakuser! In der Tat, der Weinkeller des hl. Antonius

war nicht übel und machte der Teufel seinen Kellermeister, so meinte

er es mit dem heiligen Mann nicht so böse als man glaubt -- kosten

Sie, Graf!“ -- Der Graf tat es und bestätigte das, was der Hofmeister

gesprochen. Beide scherzten noch mehr über die Reliquie, die offenbar

die schönste in der ganzen Sammlung sei -- sie wünschten sich einen

ganzen Keller voll solcher Reliquien usw. Ich hörte alles schweigend

mit niedergesenktem Haupte, mit zur Erde starrendem Blick an; der

Frohsinn der Fremden hatte für mich, in meiner düsteren Stimmung,

etwas Quälendes; vergebens drangen sie in mich, auch von dem Wein des

heiligen Antonius zu kosten, ich verweigerte es standhaft und verschloß

die Flasche, wohl zugepfropft, wieder in ihr Behältnis. --

Die Fremden verließen das Kloster, aber als ich einsam in meiner

Zelle saß, konnte ich mir selbst ein gewisses inneres Wohlbehagen,

eine rege Heiterkeit des Geistes nicht ableugnen. Es war offenbar,

daß der geistige Duft des Weins mich gestärkt hatte. Keine Spur der

üblen Wirkung, von der Cyrillus gesprochen, empfand ich, und nur der

entgegengesetzte, wohltätige Einfluß zeigte sich auf auffallende

Weise: je mehr ich über die Legende des hl. Antonius nachdachte, je

lebhafter die Worte des Hofmeisters in meinem Innern wiederklangen,

desto gewisser wurde es mir, daß die Erklärung des Hofmeisters die

richtige sei, und nun erst durchfuhr mich, wie ein leuchtender Blitz

der Gedanke, daß an jenem unglücklichen Tage, als eine feindselige

Vision mich in der Predigt auf so verstörende Weise unterbrach, ich ja

selbst im Begriff gewesen, die Legende auf dieselbe Weise, als eine

geistreiche, belehrende Allegorie des heiligen Mannes vorzutragen.

Diesem Gedanken knüpfte sich ein anderer an, welcher bald mich so

ganz und gar erfüllte, daß alles übrige in ihm unterging. -- Wie,

dachte ich, wenn das wunderbare Getränk mit geistiger Kraft dein

Inneres stärkte, ja die erloschene Flamme entzünden könnte, daß sie in

neuem Leben emporstrahlte? -- Wenn schon dadurch eine geheimnisvolle

Verwandtschaft deines Geistes mit den in jenem Wein verschlossenen

Naturkräften sich offenbaret hätte, daß derselbe Duft der den

schwächlichen Cyrillus betäubte, auf dich nur wohltätig wirkte? --

Aber, war ich auch schon entschlossen dem Rate der Fremden zu folgen,

wollte ich schon zur Tat schreiten, so hielt mich immer wieder ein

inneres, mir selbst unerklärliches Widerstreben davon zurück. Ja, im

Begriff den Schrank aufzuschließen, schien es mir, als erblicke ich

in dem Schnitzwerk das entsetzliche Gesicht des Malers mit den mich

durchbohrenden, lebendigtotstarren Augen, und von gespenstischem Grauen

gewaltsam ergriffen, floh ich aus der Reliquienkammer, um an heiliger

Stätte meinen Vorwitz zu bereuen. Aber immer und immer verfolgte mich

der Gedanke, daß nur durch den Genuß des wunderbaren Weins mein Geist

sich erlaben und stärken könne. -- Das Betragen des Priors -- der

Mönche -- die mich wie einen geistig Erkrankten mit gutgemeinter, aber

niederbeugender Schonung behandelten, brachte mich zur Verzweiflung,

und als Leonardus nun gar mich von den gewöhnlichen Andachtsübungen

dispensierte, damit ich meine Kräfte ganz sammeln solle, da beschloß

ich, in schlafloser Nacht von tiefem Schlaf gefoltert, auf den

Tod alles zu wagen, um die geistige Kraft wiederzugewinnen oder

unterzugehen. -- Ich stand vom Lager auf und schlich wie ein Gespenst

mit der Lampe, die ich bei dem Marienbilde auf dem Gange des Klosters

angezündet, durch die Kirche nach der Reliquienkammer. Von dem

flackernden Scheine der Lampe beleuchtet, schienen die heiligen Bilder

in der Kirche sich zu regen, es war, als blickten sie mitleidsvoll auf

mich herab, es war, als höre ich in dem dumpfen Brausen des Sturms,

der durch die zerschlagenen Fenster ins Chor hineinfuhr, klägliche,

warnende Stimmen, ja, als riefe mir meine Mutter zu aus weiter

Ferne: „Sohn Medardus, was beginnst du, laß ab von dem gefährlichen

Unternehmen!“ -- Als ich in die Reliquienkammer getreten war alles

still und ruhig, ich schloß den Schrank auf, ich ergriff das Kistchen,

die Flasche, bald hatte ich einen kräftigen Zug getan! -- Glut strömte

durch meine Adern und erfüllte mich mit dem Gefühl unbeschreiblichen

Wohlseins -- ich trank noch einmal, und die Lust eines neuen,

herrlichen Lebens ging in mir auf! -- Schnell verschloß ich das leere

Kistchen in den Schrank, eilte rasch mit der wohltätigen Flasche nach

meiner Zelle und stellte sie in mein Schreibpult. -- Da fiel mir der

kleine Schlüssel in die Hände, den ich damals, um jeder Versuchung zu

entgehen, vom Bunde löste, und doch hatte ich ohne ihn, sowohl damals

als die Fremden zugegen waren, als jetzt, den Schrank aufgeschlossen?

-- Ich untersuchte meinen Schlüsselbund, und siehe, ein unbekannter

Schlüssel, mit dem ich damals und jetzt den Schrank geöffnet, ohne

in der Zerstreuung darauf zu merken, hatte sich zu den übrigen

gefunden. -- Ich erbebte unwillkürlich, aber ein buntes Bild jug das

andere bei dem wie aus tiefem Schlaf aufgerüttelten Geiste vorüber.

Ich hatte nicht Ruhe, nicht Rast, bis der Morgen heiter anbrach und

ich hinabeilen konnte in den Klostergarten, um mich in den Strahlen

der Sonne, die feurig und glühend hinter den Bergen emporstieg, zu

baden. Leonardus, die Brüder, bemerkten meine Veränderung; statt daß

ich sonst in mich verschlossen kein Wort sprach, war ich heiter und

lebendig. Als rede ich vor versammelter Gemeinde, sprach ich mit dem

Feuer der Beredsamkeit, wie es sonst mir eigen. Da ich mit Leonardus

allein geblieben, sah er mich lange an, als wollte er mein Innerstes

durchdringen; dann sprach er aber, indem ein leises ironisches Lächeln

über sein Gesicht flog: „Hat der Bruder Medardus vielleicht in einer

Vision neue Kraft und verjüngtes Leben von oben herab erhalten?“ --

Ich fühlte mich vor Scham erglühen, denn in dem Augenblick kam mir

meine Exaltation, durch einen Schluck alten Weins erzeugt, nichtswürdig

und armselig vor. Mit niedergeschlagenen Augen und gesenktem Haupte

stand ich da, Leonardus überließ mich meinen Betrachtungen. Nur zu

sehr hatte ich gefürchtet, daß die Spannung in die mich der genossene

Wein versetzt, nicht lange anhalten, sondern vielleicht zu meinem

Gram noch größere Ohnmacht nach sich ziehn würde; es war aber dem

nicht so, vielmehr fühlte ich, wie mit der wiedererlangten Kraft

auch jugendlicher Mut und jenes rastlose Streben nach dem höchsten

Wirkungskreise den mir das Kloster darbot, zurückkehrte. Ich bestand

darauf, am nächsten heiligen Tage wieder zu predigen, und es wurde mir

vergönnt. Kurz vorher ehe ich die Kanzel bestieg, genoß ich von dem

wunderbaren Weine; nie hatte ich darauf feuriger, salbungsreicher,

eindringender gesprochen. Schnell verbreitete sich der Ruf meiner

gänzlichen Wiederherstellung und so wie sonst füllte sich wieder die

Kirche, aber je mehr ich den Beifall der Menge erwarb, desto ernster

und zurückhaltender wurde Leonardus, und ich fing an, ihn von ganzer

Seele zu hassen, da ich ihn von kleinlichem Neide und mönchischem Stolz

befangen glaubte. --

Der Bernardustag kam heran und ich war voll brennender Begierde vor

der Fürstin recht mein Licht leuchten zu lassen, weshalb ich den Prior

bat es zu veranstalten, daß es mir vergönnt werde, an dem Tage im

Cisterzienserkloster zu predigen. -- Den Leonardus schien meine Bitte

auf besondere Weise zu überraschen, er gestand mir unverhohlen, daß

er gerade dieses Mal im Sinn gehabt habe selbst zu predigen, und daß

deshalb schon das Nötige angeordnet sei, desto leichter sei indessen

die Erfüllung meiner Bitte, da er sich mit Krankheit entschuldigen und

mich statt seiner herausschicken werde. --

Das geschah wirklich! -- Ich sah meine Mutter sowie die Fürstin den

Abend vorher; mein Inneres war aber so ganz von meiner Rede erfüllt,

die den höchsten Gipfel der Beredsamkeit erreichen sollte, daß ihr

Wiedersehen nur einen geringen Eindruck auf mich machte. Es war in

der Stadt verbreitet, daß ich statt des erkrankten Leonardus predigen

würde, und dies hatte vielleicht noch einen größeren Teil des

gebildeten Publikums herbeigezogen. Ohne das Mindeste aufzuschreiben,

nur in Gedanken die Rede in ihren Teilen ordnend, rechnete ich auf

die hohe Begeisterung, die das feierliche Hochamt, das versammelte

andächtige Volk, ja selbst die herrliche hochgewölbte Kirche in mir

erwecken würde, und hatte mich in der Tat nicht geirrt. -- Wie ein

Feuerstrom flossen meine Worte, die mit der Erinnerung an den heiligen

Bernhard die sinnreichsten Bilder, die frömmsten Betrachtungen

enthielten, dahin, und in allen auf mich gerichteten Blicken las ich

Staunen und Bewunderung. Wie war ich darauf gespannt was die Fürstin

wohl sagen werde, wie erwartete ich den höchsten Ausbruch ihres

innigsten Wohlgefallens, ja es war mir, als müsse sie den, der sie

schon als Kind in Erstaunen gesetzt, jetzt die ihm inwohnende höhere

Macht deutlicher ahnend, mit unwillkürlicher Ehrfurcht empfangen. Als

ich sie sprechen wollte ließ sie mir sagen, daß sie, plötzlich von

einer Kränklichkeit überfallen, niemanden, auch mich nicht sprechen

könne. -- Dies war mir um so verdrießlicher, als nach meinem stolzen

Wahn die Äbtissin in der höchsten Begeisterung das Bedürfnis hätte

fühlen sollen, noch salbungsreiche Worte von mir zu vernehmen. Meine

Mutter schien einen heimlichen Gram in sich zu tragen, nach dessen

Ursache ich mich nicht unterstand zu forschen, weil ein geheimes Gefühl

mir selbst die Schuld davon aufbürdete, ohne daß ich mir dies hätte

deutlicher enträtseln können. Sie gab mir ein kleines Billet von der

Fürstin, das ich erst im Kloster öffnen sollte: kaum war ich in meiner

Zelle, als ich zu meinem Erstaunen folgendes las:

„Du hast mich, mein lieber Sohn (denn noch will ich Dich so

nennen), durch die Rede, die Du in der Kirche unseres Klosters

hieltest, in die tiefste Betrübnis gesetzt. Deine Worte kommen

nicht aus dem andächtigen ganz dem Himmlischen zugewandten Gemüte,

Deine Begeisterung war nicht diejenige, welche den Frommen auf

Seraphsfittichen emporträgt, daß er in heiliger Verzückung das

himmlische Reich zu schauen vermag. Ach! -- der stolze Prunk Deiner

Rede, Deine sichtliche Anstrengung, nur recht viel Auffallendes,

Glänzendes zu sagen, hat mir bewiesen, daß Du, statt die Gemeinde

zu belehren und zu frommen Betrachtungen zu entzünden, nur nach

dem Beifall, nach der wertlosen Bewunderung der weltlich gesinnten

Menge trachtest. Du hast Gefühle geheuchelt die nicht in Deinem

Innern waren, ja Du hast selbst gewisse sichtlich studierte Mienen

und Bewegungen erkünstelt wie ein eitler Schauspieler, alles nur

des schnöden Beifalls wegen. Der Geist des Truges ist in Dich

gefahren und wird Dich verderben, wenn Du nicht in Dich gehst und

der Sünde entsagest. Denn Sünde, große Sünde, ist dein Tun und

Treiben, umsomehr, als Du Dich zum frömmsten Wandel, zur Entsagung

aller irdischen Torheit im Kloster, dem Himmel verpflichtet. Der

heilige Bernardus, den Du durch Deine trügerische Rede so schnöde

beleidigt, möge Dir nach seiner himmlischen Langmut verzeihen, ja

Dich erleuchten, daß Du den rechten Pfad, von dem Du durch den Bösen

verlockt abgewichen, wieder findest, und er fürbitten könne für das

Heil Deiner Seele. Gehab Dich wohl!“

Wie hundert Blitze durchfuhren mich die Worte der Äbtissin und ich

erglühte vor innerm Zorn, denn nichts war mir gewisser, als daß

Leonardus, dessen mannigfache Andeutungen über meine Predigten

ebendahin gewiesen hatten, die Andächtelei der Fürstin benutzt und

sie gegen mich und mein Rednertalent aufgewiegelt habe. Kaum konnte

ich ihn mehr anschauen, ohne vor innerlicher Wut zu erbeben, ja es

kamen mir oft Gedanken, ihn zu verderben in den Sinn, vor denen ich

selbst erschrak. Um so unerträglicher waren mir die Vorwürfe der

Äbtissin und des Priors, als ich in der tiefsten meiner Seele wohl die

Wahrheit derselben fühlte; aber immer fester und fester beharrend in

meinem Tun, mich stärkend durch Tropfen Weins aus der geheimnisvollen

Flasche, fuhrt ich fort, meine Predigten mit allen Künsten der Rhetorik

auszuschmücken und mein Mienenspiel, meine Gestikulationen sorgfältig

zu studieren, und so gewann ich des Beifalls, der Bewunderung immer

mehr und mehr.

Das Morgenlicht brach in farbigten Strahlen durch die bunten Fenster

der Klosterkirche; einsam, und in tiefe Gedanken versunken saß ich im

Beichtstuhl; nur die Tritte des dienenden Laienbruders der die Kirche

reinigte, hallten durch das Gewölbe. Da rauschte es in meiner Nähe

und ich erblickte ein großes, schlankes Frauenzimmer, auf fremdartige

Weise gekleidet, einen Schleier über das Gesicht gehängt, die durch

die Seitenpforte hereingetreten, sich mir nahte um zu beichten. Sie

bewegte sich mit unbeschreiblicher Anmut, sie kniete nieder, ein tiefer

Seufzer entfloh ihrer Brust, ich fühlte ihren glühenden Atem, es war

als umstricke mich ein betäubender Zauber, noch ehe sie sprach! -- Wie

vermag ich den ganz eignen, ins Innerste dringenden Ton ihrer Stimme

zu beschreiben! -- Jedes ihrer Worte griff in meine Brust, als sie

bekannte, wie sie eine verbotene Liebe hege, die sie schon seit langer

Zeit vergebens bekämpfe, und daß diese Liebe um so sündlicher sei,

als den Geliebten heilige Bande auf ewig fesselten; aber im Wahnsinn

hoffnungsloser Verzweiflung habe sie diesen Banden schon geflucht. --

Sie stockte -- mit einem Tränenstrom der die Worte beinahe erstickte,

brach sie los: „Du selbst -- du selbst, Medardus, bist es, den ich so

unaussprechlich liebe!“ -- Wie im tötenden Krampf zuckten alle meine

Nerven, ich war außer mir selbst, ein nie gekanntes Gefühl zerriß

meine Brust, sie sehen, sie an mich drücken -- vergehen vor Wonne und

Qual, eine Minute dieser Seligkeit für ewige Marter der Hölle! --

Sie schwieg, aber ich hörte sie tief atmen. -- In einer Art wilder

Verzweiflung raffte ich mich gewaltsam zusammen, was ich gesprochen,

weiß ich nicht mehr, aber ich nahm wahr, daß sie schweigend aufstand

und sich entfernte, während ich das Tuch fest vor die Augen drückte,

und wie erstarrt, bewußtlos im Beichtstuhl sitzen blieb. --

Zum Glück kam niemand mehr in die Kirche, ich konnte daher unbemerkt in

meine Zelle entweichen. Wie so ganz anders erschien mir jetzt alles,

wie töricht, wie schal mein ganzes Streben. -- Ich hatte das Gesicht

der Unbekannten nicht gesehen und doch lebte sie in meinem Innern und

blickte mich an mit holdseligen dunkelblauen Augen, in denen Tränen

perlten, die wie mit verzehrender Glut in meine Seele fielen und die

Flamme entzündeten, die kein Gebet, keine Bußübung mehr dämpfte.

Denn diese unternahm ich, mich züchtigend bis aufs Blut mit dem

Knotenstrick, um der ewigen Verdammnis zu entgehen, die mir drohte, da

oft jenes Feuer, das das fremde Weib in mich geworfen, die sündlichsten

Begierden, welche sonst mir unbekannt geblieben, erregte, so daß ich

mich nicht zu retten wußte vor wollüstiger Qual.

Ein Altar in unserer Kirche war der heiligen Rosalia geweiht und ihr

herrliches Bild in dem Moment gemalt, als sie den Märtyrertod erleidet.

-- Es war meine Geliebte, ich erkannte sie, ja sogar ihre Kleidung

war dem seltsamen Anzug der Unbekannten völlig gleich. Da lag ich

stundenlang wie von verderblichem Wahnsinn befangen, niedergeworfen

auf den Stufen des Altars und stieß heulende, entsetzliche Töne der

Verzweiflung aus, daß die Mönche sich entsetzten und scheu vor mir

wichen. -- In ruhigeren Augenblicken lief ich im Klostergarten auf und

ab, in duftiger Ferne sah ich sie wandeln, sie trat aus den Gebüschen,

sie stieg empor aus den Quellen, sie schwebte auf blumigter Wiese,

überall nur sie, nur sie! -- Da verwünschte ich mein Gelübde, mein

Dasein! -- Hinaus in die Welt wollte ich und nicht rasten, bis ich sie

gefunden, sie erkaufen mit dem Heil meiner Seele. Es gelang mir endlich

wenigstens, mich in den Ausbrüchen meines den Brüdern und dem Prior

unerklärlichen Wahnsinns zu mäßigen, ich konnte ruhiger scheinen, aber

immer tiefer ins Innere hinein zehrte die verderbliche Flamme. Kein

Schlaf! -- Keine Ruhe! -- Von ihrem Bilde verfolgt wälzte ich mich auf

dem harten Lager und rief die Heiligen an, nicht, mich zu retten von

dem verführerischen Gaukelbilde das mich umschwebte, nicht, meine Seele

zu bewahren vor ewiger Verdammnis, nein! -- mir das Weib zu geben,

meinen Schwur zu lösen, mir Freiheit zu schenken zum sündigen Abfall! --

Endlich stand es fest in meiner Seele, meiner Qual durch die Flucht

aus dem Kloster ein Ende zu machen. Denn nur die Befreiung von den

Klostergelübden schien mir notwendig zu sein, um das Weib in meinen

Armen zu sehen und die Begierde zu stillen, die in mir brannte. Ich

beschloß, unkenntlich geworden durch das Abscheren meines Barts und

weltliche Kleidung, so lange in der Stadt umherzuschweifen, bis ich

sie gefunden, und dachte nicht daran, wie schwer, ja wie unmöglich

das vielleicht sein werde, ja, wie ich vielleicht, von allem Gelde

entblößt, nicht einen einzigen Tag außerhalb der Mauern würde leben

können.

Der letzte Tag den ich noch im Kloster zubringen wollte, war endlich

herangekommen, durch einen günstigen Zufall hatte ich anständige

bürgerliche Kleider erhalten; in der nächsten Nacht wollte ich das

Kloster verlassen um nie wieder zurückzukehren. Schon war es Abend

geworden als der Prior mich ganz unerwartet zu sich rufen ließ. Ich

erbebte, denn nichts glaubte ich gewisser, als daß er von meinem

heimlichen Anschlage etwas bemerkt habe. Leonardus empfing mich mit

ungewöhnlichem Ernst, ja mit einer imponierenden Würde, vor der ich

unwillkürlich erzittern mußte. „Bruder Medardus,“ fing er an, „dein

unsinniges Betragen, das ich nur für den stärkeren Ausbruch jener

geistigen Exaltation halte, die du seit längerer Zeit vielleicht

nicht aus den reinsten Absichten herbeigeführt hast, zerreißt unser

ruhiges Beisammensein, ja es wirkt zerstörend auf die Heiterkeit und

Gemütlichkeit, die ich als das Erzeugnis eines stillen, frommen Lebens

bis jetzt unter den Brüdern zu erhalten strebte. -- Vielleicht ist aber

auch irgend ein feindliches Ereignis das dich betroffen, daran schuld.

Du hättest bei mir, deinem väterlichen Freunde, dem du sicher alles

anvertrauen konntest, Trost gefunden, doch du schwiegst, und ich mag

umsoweniger in dich dringen, als mich jetzt dein Geheimnis um einen

Teil meiner Ruhe bringen könnte, die ich im heitern Alter über alles

schätze. -- Du hast oftmals, vorzüglich bei dem Altar der hl. Rosalia,

durch anstößige entsetzliche Reden, die dir wie im Wahnsinn zu

entfahren schienen, nicht nur den Brüdern, sondern auch Fremden, die

sich zufällig in der Kirche befanden, ein heilloses Ärgernis gegeben;

ich könnte dich daher nach der Klosterzucht hart strafen, doch will ich

dies nicht tun, da vielleicht irgend eine böse Macht -- der Widersacher

selbst, dem du nicht genugsam widerstanden, an deiner Verirrung schuld

ist, und gebe dir nur auf, rüstig zu sein in Buße und Gebet. -- Ich

schaue tief in deine Seele! -- Du willst ins Freie!“ --

Durchdringend schaute Leonardus mich an, ich konnte seinen Blick nicht

ertragen, schluchzend stürzte ich nieder in den Staub, mir bewußt des

bösen Vorhabens. „Ich verstehe dich,“ fuhr Leonardus fort, „und glaube

selbst, daß besser, als die Einsamkeit des Klosters, die Welt, wenn

du sie in Frömmigkeit durchziehst, dich von deiner Verirrung heilen

wird. Eine Angelegenheit unseres Klosters erfordert die Sendung eines

Bruders nach Rom. Ich habe dich dazu gewählt und schon morgen kannst

du, mit den nötigen Vollmachten und Instruktionen versehen, deine Reise

antreten. Umsomehr eignest du dich zur Ausführung dieses Auftrags,

als du noch jung, rüstig, gewandt in Geschäften und der italienischen

Sprache vollkommen mächtig bist. -- Begieb dich jetzt in deine Zelle;

bete mit Inbrunst um das Heil deiner Seele, ich will ein Gleiches tun,

doch unterlasse alle Kasteiungen, die dich nur schwächen und zur Reise

untauglich machen würden. Mit dem Anbruch des Tages erwarte ich dich

hier im Zimmer.“ --

Wie ein Strahl des Himmels erleuchteten mich die Worte des ehrwürdigen

Leonardus, ich hatte ihn gehaßt, aber jetzt durchdrang mich wie ein

wonnevoller Schmerz +die+ Liebe, welche mich sonst an ihn gefesselt

hatte. Ich vergoß heiße Tränen, ich drückte seine Hände an die Lippen.

Er umarmte mich und es war mir, als wisse er nun meine geheimsten

Gedanken, und erteile mir die Freiheit dem Verhängnis nachzugeben, das,

über mich waltend, nach minutenlanger Seligkeit mich vielleicht in

ewiges Verderben stürzen konnte.

Nun war die Flucht unnötig geworden, ich konnte das Kloster verlassen

und ihr, ihr, ohne die nun keine Ruhe, kein Heil hieneden zu finden,

rastlos folgen, bis ich sie gefunden. Die Reise nach Rom, die Aufträge

dahin, schienen mir nur von Leonardus ersonnen, um mich auf schickliche

Weise aus dem Kloster zu entlassen.

Die Nacht brachte ich betend und mich bereitend zur Reise, zu, den Rest

des geheimnisvollen Weins füllte ich in eine Korbflasche, um ihn als

bewährtes Wirkungsmittel zu gebrauchen und setzte die Flasche, welche

sonst das Elixier enthielt, wieder in die Kiste.

Nicht wenig verwundert war ich, als ich aus den weitläufigen

Instruktionen des Priors wahrnahm, daß es mit meiner Sendung nach Rom

nun wohl seine Richtigkeit hatte, und daß die Angelegenheit, welche

dort die Gegenwart eines bevollmächtigten Bruders verlangte, gar viel

bedeutete und in sich trug. Es fiel mir schwer aufs Herz, daß ich

gesonnen, mit dem ersten Schritt aus dem Kloster ohne alle Rücksicht

mich meiner Freiheit zu überlassen; doch der Gedanke an +sie+ ermutigte

mich und ich beschloß, meinem Plan treu zu bleiben.

Die Brüder versammelten sich, und der Abschied von ihnen, vorzüglich

von dem Vater Leonardus, erfüllte mich mit der tiefsten Wehmut. --

Endlich schloß sich die Klosterpforte hinter mir, und ich war, gerüstet

zur weiten Reise, im Freien.

Die Elixiere des Teufels · 第 13 / 21 题