Gern möchte ich dich, günstiger Leser, unter jene dunklen Platanen
führen, wo ich die seltsame Geschichte des Bruders Medardus zum ersten
Male las. Du würdest dich mit mir auf dieselbe, in duftige Stauden
und bunt glühende Blumen halb versteckte, steinerne Bank setzen; du
würdest, so wie ich, recht sehnsüchtig nach den blauen Bergen schauen,
die sich in wunderlichen Gebilden hinter dem sonnichten Tal auftürmen,
das am Ende des Laubgangs sich vor uns ausbreitet. Aber nun wendest du
dich um, und erblickst kaum zwanzig Schritte hinter uns ein gotisches
Gebäude, dessen Portal reich mit Statuen verziert ist. -- Durch die
dunklen Zweige der Platanen schauen dich Heiligenbilder recht mit
klaren lebendigen Augen an; es sind die frischen Freskogemälde, die
auf der breiten Mauer prangen. -- Die Sonne steht glutrot auf dem
Gebirge, der Abendwind erhebt sich, überall Leben und Bewegung.
Flüsternd und rauschend gehen wunderbare Stimmen durch Baum und
Gebüsch: als würden sie steigend und steigend zu Gesang und Orgelklang,
so tönt es von ferne herüber. Ernste Männer, in weit gefalteten
Gewändern, wandeln, den frommen Blick emporgerichtet, schweigend,
durch die Laubgänge des Gartens. Sind denn die Heiligenbilder lebendig
worden, und herabgestiegen von den hohen Simsen? -- Dich umwehen die
geheimnisvollen Schauer der wunderbaren Sagen und Legenden, die dort
abgebildet, dir ist, als geschähe alles vor deinen Augen, und willig
magst du daran glauben. In dieser Stimmung liesest du die Geschichte
des Medardus, und wohl magst du auch dann die sonderbaren Visionen
des Mönchs für mehr halten, als für das regellose Spiel der erhitzten
Einbildungskraft. --
Da du, günstiger Leser, soeben Heiligenbilder, ein Kloster und Mönche
geschaut hast, so darf ich kaum hinzufügen, daß es der herrliche
Garten des Kapuzinerklosters in B. war, in den ich dich geführt hatte.
Als ich mich einst in diesem Kloster einige Tage aufhielt, zeigte mir
der ehrwürdige Prior die von dem Bruder Medardus nachgelassenen, im
Archiv aufbewahrten Papiere als eine Merkwürdigkeit, und nur mit Mühe
überwand ich des Priors Bedenken, sie mir mitzuteilen. Eigentlich,
meinte der Alte, hätten diese Papiere verbrannt werden sollen. --
Nicht ohne Furcht, du werdest des Priors Meinung sein, gebe ich dir,
günstiger Leser, nun das aus jenen Papieren geformte Buch in die
Hände. Entschließest du dich aber, mit dem Medardus, als seist du
sein treuer Gefährte, durch finstre Kreuzgänge und Zellen -- durch
die bunte -- bunteste Welt zu ziehen, und mit ihm das Schauerliche,
Entsetzliche, Tolle, Possenhafte seines Lebens zu ertragen, so wirst
du dich vielleicht an den mannigfachen Bildern der Camera obscura, die
sich dir aufgetan, ergötzen. -- Es kann auch kommen, daß das gestaltlos
scheinende, sowie du schärfer es ins Auge fassest, sich dir bald
deutlich und rund darstellt. Du erkennst den verborgenen Keim, den ein
dunkles Verhängnis gebar, und der, zur üppigen Pflanze emporgeschossen,
fort und fort wuchert in tausend Ranken, bis +eine+ Blüte, zur Frucht
reifend, allen Lebenssaft an sich zieht, und den Keim selbst tötet. --
Nachdem ich die Papiere des Kapuziners Medardus recht emsig
durchgelesen, welches mir schwer genug wurde, da der Selige eine sehr
kleine, unleserliche mönchische Handschrift geschrieben, war es mir
auch, als könne das, was wir insgemein Traum und Einbildung nennen,
wohl die symbolische Erkenntnis des geheimen Fadens sein, der sich
durch unser Leben zieht, es festknüpfend in allen seinen Bedingungen,
als sei +der+ aber für verloren zu erachten, der mit jener Erkenntnis
die Kraft gewonnen glaubt, jenen Faden gewaltsam zu zerreißen und es
aufzunehmen mit der dunklen Macht, die über uns gebietet.
Vielleicht geht es dir, günstiger Leser, wie mir, und das wünschte ich
denn, aus erheblichen Gründen, recht herzlich.
Erster Teil.