Die Nacht, welche diesem entscheidenden Tag folgte, brachten Herzog
Ulrich und seine Begleiter in einer engen Waldschlucht zu, die durch
Felsen und Gesträuch ein sicheres Versteck gewährte und noch heute
bei dem Landvolk die 'Ulrichshöhle' genannt wird. Es war der Pfeifer
von Hardt, der ihnen auf ihrer Flucht als ein Retter in der Not
erschienen war und sie in diese Schlucht führte, die nur den Bauern
und Hirten der Gegend bekannt war. Der Herzog hatte beschlossen,
hier zu rasten, um dann, sobald der Tag graute, seine Flucht nach der
Schweiz fortzusetzen. Wohl wäre ihm hierzu die Nacht günstiger
gewesen, denn die Bundestruppen hatten schon das Land besetzt, und es
war wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß er sie täuschen und
ungehindert entkommen würde; aber die Pferde waren von dem heißen
Schlachttag ermüdet, und es war unmöglich, den Herzog und seine
notwendige Begleitung von neuem beritten zu machen, ohne die
Nachforschung des Feindes auf diesen Schlupfwinkel zu leiten.
Die Männer hatten sich um ein spärliches Feuer gelagert. Der Herzog
war längst dem Schlummer in die Arme gesunken und vergaß vielleicht
in seinen Träumen, daß er ein Herzogtum verloren habe; auch der alte
Herr von Lichtenstein schlief, und Marx Stumpf von Schweinsberg hatte
seine mächtigen Arme auf die Knie gestützt, sein Gesicht in die Hände
verborgen, und man war ungewiß, ob er schlafe oder in Kummer
versunken über das Schicksal des Herzogs nachdenke, das sich mit
einem Schlag so furchtbar gewendet hatte. Georg von Sturmfeder
besiegte die Macht des Schlummers, der sich immer wieder über ihn
lagern wollte; er war der Jüngste unter allen und hatte freiwillig in
dieser Nacht die Wache übernommen. Neben ihm saß Hans, der Pfeifer
von Hardt; er sah unverwandt ins Feuer, und seine Gedanken schienen
sich in einem Liedchen zu sammeln, dessen melancholische Weise er mit
leiser, unterdrückter Stimme vor sich hin sang. Wenn das Feuer
heller aufflackerte, schaute er mit einem trüben Blick nach dem
Herzog, und wenn er sah, daß jener noch immer schlafe, versank er
wieder in den flüsternden, traurigen Gesang.
"Du singst eine traurige Weise, Hans!" unterbrach ihn Georg, den die
melancholischen Töne dieses Liedes unheimlich anregten, "es tönt wie
Totengesang und Sterbelieder, ich kann es nicht ohne Schaudern hören."
"Wir können alle Tage sterben", sagte der Spielmann, indem er düster
in die Flamme blickte, "drum sing' ich gerne ein solches Lied, es ist
mir, als könnte ich mit solchen Gedanken würdiger sterben."
"Wie kommst Du auf einmal zu diesen Todesgedanken, Hans? Du warst
doch sonst ein fröhlicher Bursche zur Herbstzeit, und Deine Zither
tönte auf mancher Kirchweih. Da hast Du gewiß keine Totenlieder
gesungen."
"Meine Freude ist aus", erwiderte er und wies auf den Herzog, "all
meine Mühe, all meine Sorge war vergebens; es ist aus mit dem Herrn
und ich--ich bin sein Schatten; auch mit mir ist's aus; hätte ich
nicht Frau und Kind, ich möchte heute nacht noch sterben."
"Wohl warst Du immer sein getreuer Schatten", sagte der junge Mann
gerührt, "und oft habe ich Deine Treue bewundert; höre, Hans! Wir
sehen uns vielleicht lange nicht mehr. Jetzt haben wir Zeit zu
schwatzen, erzähle mir, was Dich so ausschließlich und eng an den
Herzog knüpft, wenn es etwas ist, das Du erzählen kannst."
Er schwieg einige Augenblicke und schürte das Feuer zurecht; ein
unruhiges Feuer blitzte in seinen Augen, und Georg war ungewiß, ob es
die Flamme oder eine innere Bewegung sei, was seine ausdrucksvollen
Züge mit wechselnder Röte übergoß. "Das hat seine eigene Bewandtnis",
sagte er endlich, "und ich spreche nicht gern davon. Doch Ihr habt
recht, Herr, auch mir ist es, als würden wir uns lange nicht mehr
sehen, so will ich Euch denn erzählen. Habt Ihr nie von dem Armen
Konrad gehört?"
"Oh ja", erwiderte Georg, "das Gerücht davon kam noch weiter als bis
zu uns nach Franken; war es nicht ein Aufstand der Bauern? Wollte
man nicht sogar dem Herzog ans Leben?"
"Ihr habt ganz recht, der Arme Konrad war ein böses Ding. Es mögen
nun sieben Jahre sein, da gab es unter uns Bauern viele Männer, die
mit der Herrschaft unzufrieden waren; es waren Fehljahre gewesen, den
Reicheren ging das Geld aus, die Armen hatten schon lange keines mehr,
und doch sollten wir zahlen ohne Ende, denn der Herzog brauchte gar
viel Geld für seinen Hof, wo es alle Tage zuging wie im Paradies."
"Gaben denn Eure Landstände nach, wenn der Herr soviel Geld
verlangte?" fragte Georg.
"Sie wagten eben auch nicht, immer nein zu sagen, des Herzogs Beutel
hatte aber gar ein großes Loch, das wir Bauern mit unserem Schweiß
nicht zuleimen konnten. Da gab es nun viele, die ließen die Arbeit
liegen weil das Korn, das sie pflanzten, nicht zu ihrem Brot wuchs,
und der Wein, den sie kelterten, nicht für sie in die Fässer floß.
Diese, als sie dachten, daß man ihnen nichts mehr nehmen könne als
das arme Leben, lebten lustig und in Freuden, nannten sich Grafen zu
Nirgendsheim, sprachen viel von ihren Schlössern auf dem Hungerberg
und von ihren bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am
Bettelrain, und diese Gesellschaft war der Arme Konrad."
Der Pfeifer legte sinnend seine Stirn in die Hand und schwieg. "Von
Dir wolltest Du ja erzählen, Hans", sagte Georg, "von Dir und dem
Herzog--."
"Das hätte ich beinahe vergessen", antwortete dieser--"Nun", fuhr er
fort, "es kam endlich dahin, daß man Maß und Gewicht geringer machte
und dem Herzog gab, was damit gewonnen wurde. Da wurde aus dem
Scherz bitterer Ernst. Es mochte mancher nicht ertragen, daß rings
umher volles Maß und Gewicht und nur bei uns kein Recht sei. Im
Remstal trug der Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und machte die
Wasserprobe."
"Was ist das?" fragte der junge Mann.
"Ha!" lachte der Bauer, "das ist eine leichte Probe. Man trug den
Pfundstein mit Trommeln und Pfeifen an die Rems und sagte:
'Schwimmt's oben, hat der Herzog recht, sinkt's unter, hat der Bauer
recht.' Der Stein sank unter, und jetzt zog der Arme Konrad Waffen an.
Im Remstal und im Neckartal bis hinauf gegen Tübingen und hinüber
an die Alb standen die Bauern auf und verlangten das alte Recht. Es
wurde gelandtagt und gesprochen, aber es half doch nichts. Die
Bauern gingen nicht auseinander."
"Aber Du, von Dir sprichst Du ja gar nicht."
"Daß ich's kurz sage, ich war einer der Ärgsten", antwortete Hans,
"ich war kühn und trotzig, mochte nicht gerne arbeiten und wurde
wegen Jagdfrevel unmenschlich bestraft; da trat ich in den Armen
Konrad, und bald war ich so arg als der Gaispeter und der Bregenzer.
Der Herzog aber, als er sah, daß der Aufruhr gefährlich werden könne,
ritt selbst nach Schorndorf. Man hatte uns zur Huldigung
zusammenberufen, wir erschienen zu vielen Hunderten, aber bewaffnet.
Der Herzog sprach selbst zu uns, aber man hörte ihn nicht an. Da
stand der Reichsmarschall auf, erhob seinen goldenen Stab und sprach:,
Wer es mit dem Herzog Ulrich von Württemberg hält, trete auf seine
Seite!' Der Gaispeter aber trat auf einen hohen Stein und rief: 'Wer
es mit dem Armen Konrad vom Hungerberg hält, trete hierher!' Siehe,
da stand der Herzog verlassen unter seinen Dienern. Wir andern
hielten zu dem Bettler."
"Oh schändlicher Aufruhr", rief Georg, vom Gefühl des Unrechts
ergriffen, "schändlich vor allen die, welche es so weit kommen ließen!
Da war gewiß Ambrosius Volland, der Kanzler, an vielem schuld?"
"Ihr könnt recht haben", erwiderte der alte Spielmann, "doch hört
weiter: der Herzog, als er sah, daß seine Sache verloren sei, schwang
sich auf sein Roß, wir aber drängten uns um ihn her, doch noch wagte
es keiner, den Fürsten anzutasten, denn er sah gar zu gebietend aus
seinen großen Augen auf uns herab. 'Was wollt Ihr Lumpen?' schrie er
und gab seinem Hengst die Sporen daß er sich hoch aufbäumte und drei
Männer niederriß. Da erwachte unser Grimm; sie fielen seinem Roß in
die Zügel, sie stachen nach ihm mit Spießen und ich, ich vergaß mich
so, daß ich ihn am Mantel packte und rief: 'Schießt den Schelmen tot!
'"
"Das warst Du, Hans?" rief Georg und sah ihn mit scheuen Blicken an.
"Das war ich", sagte dieser langsam und ernst, "aber es wurde mir
dafür, was mir gebührte. Der Herzog entkam uns damals und sammelte
ein Heer; wir konnten nicht lange aushalten und ergaben uns auf Gnad
und Ungnad. Es wurden zwölf Anführer des Aufruhrs nach Schorndorf
geführt und dort gerichtet; ich war auch unter diesen. Aber als ich
so im Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod überdachte, da
graute mir vor mir selbst, und ich schämte mich, mit so elenden
Gesellen, wie die andern elf waren, gerichtet zu werden."
"Und wie wurdest Du gerettet?" fragte Georg teilnehmend. "Wie ich
Euch schon in Ulm sagte, durch ein Wunder. Wir zwölf wurden auf den
Markt geführt, es sollte uns dort der Kopf abgehauen werden. Der
Herzog saß vor dem Rathaus und ließ uns noch einmal vor sich führen.
Jene elf stürzten nieder, daß ihre Ketten fürchterlich rasselten, und
schrien mit jammernder Stimme um Gnade. Er sah sie lange an und
betrachtete dann mich.
'Warum bittest Du nicht auch?' fragte er. 'Herr', antwortete ich,
'ich weiß, was ich verdient habe, Gott sei meiner Seele gnädig.' Noch
einmal sah er auf uns, dann aber winkte er dem Scharfrichter. Wir
wurden nach dem Alter gestellt, ich, als der Jüngste, war der letzte.
Ich weiß wenig mehr von jenen schrecklichen Augenblicken; aber nie
vergesse ich den gräulichen Ton, wenn die Halsknorpel krachten."
"Um Gottes willen hör auf", bat Georg, "oder übergehe das Gräßliche!"
"Neun Köpfe meiner Gesellen staken auf den Spießen, da rief der
Herzog: 'Zehn sollen bluten, zwei frei sein. Bringt Würfel her und
laßt die drei dort würfeln!' Man brachte Würfel, der Herzog bot sie
mir zuerst; ich aber sagte: 'Ich habe mein Leben verwirkt und würfle
nicht mehr darüber!' Da sprach der Herzog: 'Nun, so würfle ich für
Dich.' Er bot den zwei andren die Würfel hin. Zitternd schüttelten
sie in den kalten Händen die Würfel, zitternd zählten sie die Augen:
der eine warf neun, der andere vierzehn; da nahm der Herzog die
Würfel und schüttelte sie. Er faßte mich scharf ins Auge, ich weiß,
daß ich nicht gezittert habe. Er warf und deckte schnell die Hand
darauf. 'Bitte um Gnade', sagte er, 'noch ist es Zeit.' 'Ich bitte,
daß Ihr mir verzeihen mögt, was ich
Euch Leids getan', antwortete ich, 'um Gnade aber bitt' ich nicht,
ich habe sie nicht verdient und will sterben.' Da deckte er die Hand
auf, und siehe, er hatte achtzehn geworfen. Es war mir sonderbar
zumute, es kam mir vor, als habe er gerichtet an Gottes Statt. Ich
stürzte auf meine Knie nieder und gelobte, fortan in seinem Dienst zu
leben und zu sterben. Der Zehnte wurde geköpft, wir beide waren frei
Mit immer höhersteigender Teilnahme hatte Georg der Erzählung des
Pfeifers von Hardt zugehört; aber als er schoß, als sich das sonst so
kühn und listig blickende Auge mit Tränen füllte, da konnte er sich
nicht enthalten, seine Hand zu fassen, sie fest und herzlich zu
drücken. "Es ist wahr", sagte der junge Mann, "Du hast Schweres an
Deinem Landesherrn verschuldet, aber du hast auch schrecklich gebüßt,
denn Du hast den Tod dennoch erlitten; jenes schnelle Zücken des
Schwertes ist nichts mehr gegen das Gefühl, so viele bekannte
Menschen hinrichten und den Tod immer näherkommen zu sehen! Und hast
Du nicht durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagnis
aller Art den Fürsten versöhnt, an den Du Deine Hand legtest? Wie
oft hast Du ihm die Freiheit, vielleicht das Leben gerettet!
Wahrlich, Deine Schuld ist reichlich abgetragen."
Der arme Mann hatte, nachdem er seine Erzählung geschlossen, wieder
mit düsterem Sinnen ins Feuer geschaut. Er hätte ganz teilnahmlos
geschienen, wenn nicht unter den Worten Georgs nach und nach ein
trübes Lächeln auf seinen Zügen erschienen wäre. "Meint Ihr", sagte
er, "ich hätte gebüßt und meine Schuld abgetragen? Nein, solche
Schulden tilgen sich nicht so bald, und ein geschenktes Leben muß für
den ausgesetzt werden, der es uns fristete. Das Umherschleichen in
den Bergen, Kundschaft bringen aus Feindes Lager, Höhlen zeigen, wo
man sich verbergen kann, das ist keine schwere Sache, Herr, und das
allein tut's nicht. Ich weiß, ich werde noch einmal für ihn sterben
müssen und dann, Herr, nehmt Euch meines Weibes und meiner Tochter an."
Eine Träne fiel in seinen Bart; doch als schämte er sich, so weich zu
sein, verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr fort:
"Doch dazu bin ich noch nicht gut genug; wie jeder Kriegsmann, wie
jeder im Volk, darf ich für ihn sterben; oh könnte ich durch meinen
Tod seine Huldigung abändern und ihm das Land wieder verschaffen,
noch in dieser Stunde wollte ich sterben!"
Der Herzog erwachte; er richtete sich auf, er sah mit verwunderten
Blicken um sich her, als sei er durch einen Zauber in diese
Erdschlucht versetzt und sehe jetzt erst diese Felsen und Bäume, das
spärliche Feuer und die von den Flammen beschienenen Männer, seine
Begleiter; er bedeckte seine Augen mit der Hand, doch er sah wieder
auf, als prüfe er, ob diese Erscheinungen bleiben;--sie blieben, und
schmerzlich sah er bald den einen, bald den andern an. "Ich habe
heute ein Land verloren", sprach er, "es hat mich nicht so geschmerzt
als dieses Erwachen, denn ich habe es im Traum wieder und noch viel
schöner besessen."
"Seid nicht ungerecht, Herr", sagte Marx Stumpf von Schweinsberg,
indem er sich aus seiner gebückten Stellung aufrichtete, "seid nicht
ungerecht gegen diese Wohltat der Natur. Wie unglücklich wäret Ihr,
wenn Ihr auch im Schlummer, der Eure Kräfte für das schwere Unglück
stärken soll, Euren Verlust noch fühltet, auch da noch so düster
darüber gebrütet hättet. Ihr seid finster und verschlossen
eingeschlummert, jetzt sind Eure Züge freundlicher; verdanken wir
dies nicht Eurem Traum?"
"So hätte ich nie erwachen mögen, oh, daß ich Jahrhunderte
fortgeträumt hätte und dann erwacht wäre; es war so schön, so
tröstlich, was ich träumte!"
Er stützte die Stirn in die Hand und schien schmerzlich bewegt. Der
alte Herr von Lichtenstein war von den Stimmen der Sprechenden
geweckt worden; er kannte Ulrich und wußte, daß man ihn nicht über
seinen schmerzlichen Verlust brüten lassen dürfe; er nickte ihm daher
näher und sprach:
"Nun, und wollt Ihr uns nicht auch sagen, was Ihr geträumt habt?
Vielleicht liegt auch für uns ein Trost darin, denn wißt, ich glaube
an Träume, wenn sie in einer wichtigen verhängnisvollen Stunde in
unsere Seele einziehen, und ich glaube, sie kommen von oben, um uns
zu trösten."
Der Herzog schwieg noch eine Weile, er schien über die Worte des
Ritters nachzusinnen, dann fing er an, zu erzählen. "Mein Schwager,
Wilhelm von Bayern, hat mir heute zur Probe seiner Freundlichkeit die
Burg meiner Ahnen niedergebrannt. Dort hausten seit undenklichen
Zeiten die Württemberger, und das Land, das Wir besitzen, trägt von
diesem Schloß den Namen. Es scheint, als habe er damit Uns eine
Todesfackel anzünden, und mit diesen Flammen Unser Wappen und
Gedächtnis und selbst den Namen Württemberg vertilgen wollen. Und
fast könnte er recht haben; denn mein einziges Söhnlein, Christoph,
ist in fernen Landen, mein Bruder Georg hat noch keine Kinder, und
ich--bin geschlagen, verjagt, sie haben wiederum mein Land besetzt,
und wo ist Hoffnung, daß ich es wieder einmal erlange? Wie ich nun
so ganz verlassen und elend hier am Feuer saß, wie ich nachdachte
über mein kurzes Glück und wie ich vielleicht mein Unglück selbst
verschuldet habe; wie ich bedachte, auf welch schwachen Stützen meine
Hoffnung beruhe, und wie selbst der Name Württemberg auslöschen könne,
gleich den letzten Funken in der Asche meiner Stammburg, da
übermannte mich der Jammer, und bitterer als je fühlte ich die
Schläge meines Schicksals. Unter diesen Gedanken entschlief ich.
Doch wie im Wachen meine Seele mit Sehnsucht und Trauer auf den Höhen
des roten Berges und um die rauchenden Trümmer von Württemberg
schwebte, so erging sich mein Geist auch im Traum dort."
Ulrich hielt inne; es war, als fülle ein Bild seine Seele, das zu
schön, zu groß sei, um es mit sterblichen Lippen zu beschreiben; ein
milder Friede lag auf den Zügen des unglücklichen Fürsten, und ein
wunderbarer Glanz drang aus seinen aufwärts gerichteten Augen. Die
Männer umher blickten ihn staunend an; sie hingen an seinen Lippen
und lauschten auf seine Rede, die ihnen so Wichtiges zu verkünden
schien.
"Hört weiter", fuhr er fort. "Ich sah herab auf das schöne Neckartal.
Der Fluß zog wie sonst in schönen blauen Bogen hin, aber das Tal
und die Berge schienen mir lieblicher, glänzender, die Wälder auf den
Höhen waren verschwunden, die Wiesen waren nicht mehr, sondern von
Berg zu Berg zog sich ein großer Garten voll grüner Reben, und im Tal
sah man Obstbäume und schöne blühende Gärten ohne Zahl. Ich stand
entzückt und schaute immer wieder hin, denn die Sonne erschien
freundlicher, der Himmel blauer und reiner, das Grün der Reben und
Bäume glänzender als jetzt. Und als ich mein trunkenes Auge erhob
und hinüberschaute über den Neckar, da gewahrte ich auf einem Hügel
am Fluß ein freundliches Schloß, das im Glanz der Morgensonne sich
spiegelte; es lag so friedlich da, daß sein Anblick meiner Seele
wohltat, denn keine Gräben und hohe Mauern, keine Türme und Zinnen,
kein Fallgatter, keine Zugbrücke erinnerte an den Zwist der Völker
und an das unsichere, wechselnde Geschick der Sterblichen.
Und als ich verwundert über den tiefen Frieden des Tales und jenes
unbewachten Schlosses mich umsah, waren auch die Mauern meiner Burg
verschwunden; doch hier wenigstens log der Traum nicht, denn ich sah
ja gestern die Zinnen stürzen und den Wartturm sinken, von welchem
sonst mein Panier in den Lüften wehte. Kein Stein von Württemberg
war mehr zu sehen, aber ein Tempel stand dort mit Säulen und Kuppeln,
wie man sie in Rom und Griechenland findet. Ich dachte nach, wie
dies alles auf einmal so habe kommen können, da gewahrte ich Männer
in fremder Kleidung, die nicht weit von mir standen und auf das Land
hinabschauten.
Der eine dieser Männer zog vor den übrigen meine Aufmerksamkeit auf
sich; er hatte einen schönen Knaben an der Hand, dem er das Tal zu
seinen Füßen und die Berge umher und den Fluß und die Städte und
Dörfer in der Nähe und Ferne zeigte. Ich betrachtete den Mann, er
trug die Züge meines Bruders Georg, und es war mir, als müsse er zum
Stamm meiner Ahnen gehören und ein Württemberg sein; er stieg mit dem
Knaben den Berg hinab ins Tal, und die andern Männer folgten ihm in
ehrerbietiger Entfernung; den letzten hielt ich auf und frage ihn,
wer jener gewesen sei, der dem Knaben das Land gezeigt habe? 'Das
war der König', sagte er und stieg mit den anderen den Berg hinab."
Der Herzog schwieg und sah die Ritter forschend an, als wollte er
ihre Meinung hören; sie schwiegen lange; endlich nahm der Ritter von
Lichtenstein das Wort und sprach. "Ich bin fünfundsechzig Jahre alt
und habe vieles gesehen und gehört auf Erden, und manches, worüber
der menschliche Geist erstaunte und wo ein frommer Sinn den Finger
der Gottheit sah. Glaubt mir, auch die Träume kommen von Gott, denn
nichts geschieht auf Erden ohne Ursache. Es hat in alten Zeiten
Seher und Propheten gegeben, warum sollte nicht auch in unseren Tagen
der Herr seiner Heiligen einen herabsenden, daß er einem
Unglücklichen im Traum die dunklen Pforten der Zukunft öffnen und ihn
einen Blick in künftige, schönere Tage tun lasse? Drum seid
getrosten Mutes, Herr! Eure Feste hat der Feind verbrannt. Ihr habt
an einem Tag ein Herzogtum verloren, aber dennoch wird Euer Name
nicht verlöschen, und Euer Gedächtnis wird nicht verloren sein in
Württemberg."
"Ein König", sprach der Herzog sinnend, "ist es nicht vermessen,
jetzt, wo ich hinaus muß ins Elend, jetzt an einen König meines
Stammes zu denken? Kann nicht auch die Hölle solche Träume
vorspiegeln, um uns nachher desto bitterer zu täuschen?"
"Was zweifelt Ihr an der Zukunft?" sagte Schweinsberg lächelnd.
"Hätte einer Eurer ritterlichen Ahnen, die auf Württemberg hausten,
hätte einer wissen können, daß seine Enkel Herzoge sein, daß das
weite schöne Land ihren Namen Württemberg tragen würde? Nehmt Euren
Traum als den Wink des Schicksals hin, daß Euer Name in ferner,
ferner Zeit auf diesem Land bleiben, daß die späteren Fürsten
Württembergs die Züge eures Stammes tragen werden."
"Wohlan, so will ich hoffen", erwiderte Ulrich von Württemberg, "will
hoffen, daß Uns das Land verbleibe, wie dunkel auch jetzt unsere Lose
seien. Mögen unsere Enkel nie so harte Zeiten sehen wie Wir, möge
man auch von ihnen sagen, sie sind--furchtlos!"
"Und treu!" sprach der Bauer mit Nachdruck und stand auf. "Doch ist
es Zeit, Herr Herzog, daß Ihr aufbrecht. Das Morgenrot ist nicht
mehr fern, und über den Neckar wenigstens müssen wir kommen, solange
es noch dunkel ist."
Sie standen auf und waffneten sich. Die Pferde wurden herbeigeführt,
sie saßen auf, und der Pfeifer ging voran, den Weg aus der Schlucht
zu zeigen. Die Reise des Herzogs zum Land hinaus war mit großer
Gefahr verbunden, denn der Bund suchte seiner mit aller Mühe habhaft
zu werden. Um auf einen Weg zu gelangen, wo er sicher seinen Feinden
entgehen könnte, war der Herzog genötigt, noch einmal über den Neckar
zu gehen. Dieser Übergang war nicht ohne Gefahr. Ein starker
Gewitterregen hatte den Fluß angeschwellt, so daß es nicht möglich
schien, ihn mit den Pferden zu durchschwimmen. Die Brücken aber
waren zum größten Teil vom Bund besetzt worden; doch auch hier wußte
Hans guten Rat, denn er hatte durch treue Leute ausgespäht, daß die
Brücke von Köngen noch frei sei. Man hatte sich wohl nicht die Mühe
genommen, sie zu besetzen, weil sie Eßlingen und dem feindlichen
Lager allzu nahe war, als daß man hätte glauben können, der Herzog
werde dort vorüberkommen. Dieser Weg schien wegen seiner großen
Gefahr die meiste Sicherheit zu gewähren. Ihn wählte Ulrich, und so
zogen sie still und vorsichtig dem Neckar zu.
Als sie aus dem Wald ins Feld herauskamen, schäumte schon das
Morgenrot den Horizont. Sie ritten jetzt auf besserem Wege schärfer
zu, und bald sahen sie den Neckar schimmern, und die hochgewölbte
Brücke lag nicht mehr fern von ihnen. In diesem Augenblick sah sich
Georg um und gewahrte eine bedeutende Anzahl Reiter, die von der
Seite her hinter ihnen zogen. Er machte seine Begleiter darauf
aufmerksam. Sie sahen sich besorgt um und musterten den Zug, der
wohl fünfundzwanzig Pferde betragen mochte. Es schien bündische
Reiterei zu sein, denn des Herzogs Völker waren gesprengt und zogen
nicht mehr in so geordneten Scharen wie diese.
Noch zogen jene ruhig ihren Weg und schienen die kleine Gesellschaft
nicht zu bemerken, aber dennoch schien es ratsam, die Brücke zu
gewinnen, wo sich drei Wege schieden, ehe man von ihnen angerufen und
befragt würde. Der Pfeifer lief voran, so schnell er konnte, der
Herzog und die Ritter folgten ihm in gestrecktem Trab, und je weiter
sie sich von den Bündischen entfernten, desto leichter wurde ihnen
ums Herz, denn alle bangten nicht für ihr eigenes Leben, wohl aber
für die Freiheit Ulrichs.
Sie hatten die Brücke erreicht, sie zogen hinauf, aber in demselben
Augenblick, wo sie oben auf der Mitte der hohen Wölbung angekommen
waren, sprangen zwölf Männer, mit Spießen, Schwertern und Büchsen
bewaffnet, hinter der Brücke hervor und besetzten den Ausgang, Der
Herzog sah, daß er entdeckt war und winkte seinen Begleitern
rückwärts. Lichtenstein und Schweinsberg, die letzten, wandten ihre
Rosse, aber schon war es zu spät, denn die bündischen Reiter, die
ihnen im Rücken nachgezogen waren, hatten sich in Galopp gesetzt und
den Eingang der Brücke in diesem Augenblick erreicht und besetzt.
Noch war es zu dunkel, als daß man den Feind genau hätte
unterscheiden können, doch nur zu bald zeigten sich seine feindlichen
Absichten. "Ergebt Euch, Herzog von Württemberg", rief eine Stimme,
die den Rittern nicht unbekannt schien. "Ihr seht, es ist kein
Ausweg da zur Flucht!"
"Wer bist Du, daß Württemberg sich Dir ergeben soll?" antwortete
Ulrich mit grimmigem Lachen, indem er sein Schwert zog. "Du sitzt ja
nicht einmal zu Roß; bist du ein Ritter?"
"Ich bin der Doktor Calmus", entgegnete jener, "und bin bereit, die
vielen Liebesdienste zu vergelten, die Ihr mir erwiesen habt. Ein
Ritter bin ich, denn Ihr habt mich ja zum Ritter vom Esel gemacht.
Aber ich will euch dafür zum Ritter ohne Roß machen. Abgestiegen,
sags' ich im Namen des durchlauchtigsten Bundes."
"Gib Raum, Hans", flüsterte der Herzog mit unterdrückter Stimme dem
Spielmann zu, der mit gehobener Axt zwischen ihm und dem Doktor stand,
"geh, tritt auf die Seite. Ihr Freunde, schließt Euch an, wir
wollen plötzlich auf sie einfallen, vielleicht gelingt es,
durchzubrechen!" Doch nur Georg vernahm diesen Befehl des Herzogs,
denn die zwei andern Ritter hielten wohl zehn Schritte hinter ihnen
den Eingang besetzt und waren schon mit den bündischen Reitern im
Gefecht, die umsonst dieses ritterliche Paar zu durchbrechen und zu
dem Herzog durchzudringen versuchten. Georg schloß sich an Ulrich an
und wollte mit ihm auf den Doktor und die Knechte einsprengen: aber
diesem war das Flüstern des Herzogs nicht entgangen. "Drauf, ihr
Männer! Der im grünen Mantel ist's; lebendig oder tot!" rief er,
drang mit seinen Knechten vor und griff zuerst an. Sein langer Arm
führte einen fünf Ellen langen Spieß. Er zückte ihn nach Ulrich, und
es wäre vielleicht um ihn geschehen gewesen, da er ihn in der
Dunkelheit nicht gleich bemerkte. Doch Hans kam ihm zuvor, und indem
der berühmte Doktor Kahlmäuser nach der Brust seines Herrn stieß, war
ihm die Axt des Pfeifers tief in die Stirn gedrungen. Er fiel, so
lang er war, mit Gebrüll auf die Knechte zurück. Sie stutzten, der
Bauersmann schien ein schrecklicher Kämpfer, denn seine Axt schwirrte
immer noch in der Luft, er bewegte sie wie eine Feder hin und her;
sie zogen sich sogar einige Schritte zurück. Diesen Augenblick
benützte Georg, riß dem Herzog den grünen Mantel ab, hing ihn sich
selbst um und flüsterte ihm zu, sein Pferd zu spornen und sich über
die Brüstung der Brücke hinabzustürzen. Der Herzog warf einen Blick
auf die hochgehenden Wellen des Neckars und hinauf zum Himmel. Es
schien keine andere Rettung möglich, und er wollte lieber auf Leben
und Tod den Sprung wagen, als seinen Feinden in die Hände fallen.
Doch der Anblick, der sich ihm in diesem schrecklichen Moment darbot,
zog ihn noch einmal zurück.
Die Knechte hatten die Speere vorgestreckt und drangen vor. Der
Pfeifer stand noch immer, obgleich aus mehreren Wunden blutend, und
schlug mit der Axt ihre Speere nieder. Seine Augen blitzten, seine
kühnen Züge trugen den Ausdruck von freudiger Begeisterung, und das
Lächeln, das um seinen Mund zog, war nicht das der Verzweiflung, nein,
seine mutige Seele erbebte nicht vor dem nahenden Tod, er blickte
ihm mit stolzer Freude entgegen als sei er der Kampfpreis, um den er
so viele Sorgen und Gefahren auf sich genommen habe. Noch einen
schlug er mit seiner starken Rechten zu Boden, da stieß ihm einer der
Knechte von der Seite her die Hellebarde in die Brust, in diese treue
Brust, die noch im Tod ein Schild für den unglücklichen Fürsten war,
dem nie ein treueres Herz geschlagen hatte. Er wankte, er sank
zusammen, er heftete das brechende Auge auf seinen Herrn. "Herr
Herzog, wir sind quitt", rief er freudig aus und senkte sein Haupt
zum Sterben.
An ihm vorüber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeschrei
näher zudrangen--da warf sich Georg von Sturmfeder in die Mitte,
seine Klinge schwirrte in der Luft, und so oft sie niederfiel, zuckte
einer der Feinde am Boden. Es war der letzte Schild Herzog Ulrichs
von Württemberg, sank dieser noch, so war Gefangenschaft oder Tod
unvermeidlich. Drum wandte er sich zum letzten Mittel. Er warf noch
einen tränenschweren Blick auf die Leiche jenes Mannes, der seine
Treue mit dem Tod besiegelt hatte. Dann riß er sein mächtiges
Streitroß zur Seite, spornte es, daß es sich hoch aufbäumte, wandte
es mit einem starken Druck rechts, und--in einem majestätischen
Sprung setzte es über die Brüstung der Brücke und trug seinen
fürstlichen Reiter hinab in die Wogen des Neckars.
Georg hielt inne mit Fechten, er sah dem Herzog nach Roß und Reiter
waren niedergetaucht, doch das mächtige Tier kämpfte mit den Wirbeln,
schwamm, arbeitete sich herauf, und wie die beste Barke schwamm es
mit dem Herzog den Strom hinab. Dies alles war das Werk weniger
Augenblicke, einige der Knechte wollten hinabspringen ans Ufer, um
sich des kühnen Ritters zu bemächtigen, doch einer, der Georg am
nächsten war, rief ihnen zu: "Laßt ihn schwimmen, an dem ist nichts
gelegen, das hier ist der grüne Vogel, das ist der grüne Mantel, den
laßt uns fassen." Georg blickte dankbar auf zum Himmel! Er ließ sein
Schwert sinken und ergab sich den Bündischen. Sie schlossen einen
Kreis um ihn und ließen es willig geschehen, daß er abstieg und zu
der Leiche jenes Mannes trat, der ihnen so schrecklich erschienen war.
Georg faßte die Hand, welche noch immer die blutige Axt festhielt.
Sie war kalt. Er suchte, ob das treue Herz noch schlage, aber der
tödliche Stoß der Lanze hatte es nur zu gut getroffen. Das Auge, das
einst so kühn und mutig blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund,
der auch in den trübsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn
verkündete. Seine Züge waren erstarrt, aber noch schwebte um seine
Lippen jenes Lächeln, das den letzten Gruß, den er seinem Herrn
entbot, begleitet hatte. Georgs Tränen fielen auf ihn herab. Er
drückte noch einmal die Hand des Pfeifers, schloß ihm die Augen zu
und schwang sich auf, um den Knechten in ihr Lager zu folgen.