Kapitel 34

Georg erwachte durch das Wirbeln der Trommeln, die das kleine Heer

unter die Waffen riefen. Ein schmaler Saum war am Horizont hell, der

Morgen kam, die Truppen des Herzogs sah man in der Ferne daherziehen.

Der junge Mann setzte den Helm auf, ließ sich den Brustharnisch

wieder anlegen und stieg zu Pferd, den Herzog an der Spitze seiner

Mannschaft zu empfangen. Aus Ulrichs Zügen war zwar nicht der Ernst,

wohl aber alle Düsterkeit verschwunden. Sein Auge sprühte von einem

kriegerischen Feuer, und aus seinen Mienen sprach Mut und

Entschlossenheit. Er war ganz in Stahl gekleidet und trug über

seinem schweren Eisenkleid einen grünen Mantel mit Gold verbrämt.

Die Farben seines Hauses wehten in seinem großen wallenden Helmbusch.

Sonst unterschied er sich in nichts von den übrigen Rittern und

Edlen, die ebenfalls in blankes Eisen "bis an die Zähne" gekleidet,

den Herzog in einem großen Kreis umgaben. Er begrüßte freundlich

Hewen, Schweinsberg und Georg von Sturmfeder und ließ sich von ihnen

über die Stellung des Feindes berichten.

Noch war von diesem nichts zu sehen; nur am Saum des Waldes gegen

Eßlingen hin sah man hin und wieder seine Posten stehen. Der Herzog

beschloß, den Hügel, den die Landsknechte besetzt gehalten hatten, zu

verlassen und sich in die Ebene hinabzuziehen. Er hatte wenig

Reiterei, der Bund aber, so berichteten Kundschafter, zählte

dreitausend Pferde. Im Tal hatte er auf einer Seite den Neckar, auf

der andern einen Wald, und so war er wenigstens auf den Flanken vor

einem Reiterangriff sicher.

Lichtenstein und mehrere andere widerrieten zwar diese Stellung im

Tal, weil man vom Hügel zu nahe beschossen werden könne; doch Ulrich

folgte seinem Sinn und ließ das Heer hinabsteigen. Er stellte

zunächst vor Türkheim die Schlachtordnung auf und erwartete seinen

Feind. Georg von Sturmfeder wurde beordert, in seiner Nähe mit den

Reitern, die er ihm anvertraut hatte, zu halten; sie sollten

gleichsam seine Leibwache bilden; zu diesen berittenen Bürgern

gesellten sich noch Lichtenstein und vierundzwanzig andere Ritter, um

bei einem Reiterangriff den Stoß zu verstärken. In jenen Tagen war

ein Treffen oft in viele kleine Zweikämpfe zerstreut, die Ritter, die

einem Heer folgten, fochten selten in geschlossenen Waffen, sondern

suchten mit schnellem Blick einen Gegner unter den Reihen des Feindes,

den sie dann mit Schwert und Lanze bekämpften. Eine solche Schar

war es, die bei Georgs Reiterhaufen stand, und den Herzog selbst

gelüstete es, seine ungeheure Kraft, seine weit berühmte Fertigkeit

in einem solchen Zweikampf zu erproben, und nur die inständigen

Bitten der Ritter hielten ihn ab, diese romantische Idee auszuführen.

Neben dem Herzog hielt eine sonderbare Figur, beinahe wie eine

Schildkröte, die zu Pferd sitzt, anzusehen. Ein Helm mit großen

Federn saß auf einem kleinen Körper, der auf dem Rücken mit einem

gewölbten Panzer versehen war; der kleine Reiter hatte die Knie weit

heraufgezogen und hielt sich am Sattelknopf fest. Das

herabgeschlagene Visier hinderte Georg, zu erkennen, wer dieser

lächerliche Kämpfer sei; er ritt daher näher an den Herzog heran, und

sagte:

"Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben sich da einen überaus mächtigen

Kämpen zum Begleiter ausersehen. Seht nur die dürren Beine, die

zitternden Arme, den mächtigen Helm zwischen den kleinen Schultern--

wer ist denn dieser Riese?"

"Kennst Du den Höcker so schlecht?" fragte der Herzog lachend. "Sieh

nur, er hat einen ganz absonderlichen Panzer an, der wie eine große

Nußschale anzusehen, um seinen teuern Rücken zu verwahren, wenn es

etwa zur Flucht käme. Es ist mein getreuer Kanzler, Ambrosius

Volland."

"Bei der heiligen Jungfrau! Dem habe ich bitter Unrecht getan",

entgegnete Georg, "ich dachte, er werde nie ein Schwert ziehen und

ein Roß besteigen, und da sitzt er auf einem Tier, so hoch wie ein

Elefant, und trägt ein Schwert, so groß als er selbst ist; diesen

kriegerischen Geist hätte ich ihm nimmer zugetraut."

"Meinst Du, er reite aus eigenem Entschluß zu Feld? Nein, ich habe

ihn mit Gewalt dazu genötigt. Er hat mir zu manchem geraten, was mir

nicht frommte, und ich fürchte, er hat mich mit böslicher Absicht

aufs Eis geführt; drum mag er auch die Suppe mitverzehren, die er

eingebrockt hat. Er hat geweint, wie ich ihn dazu zwang; er sprach

viel vom Zipperlein und von seiner Natur, die nicht kriegerisch sei;

aber ich ließ ihn in seinen Harnisch schnüren und zu Pferd heben, er

reitet den feurigsten Renner aus meinem Stall."

Während dies der Herzog sprach, schlug der Ritter vom Höcker das

Visier auf und zeigte ein bleiches, kummervolles Gesicht. Das ewig

stehende Lächeln war verschwunden, seine stechenden Äuglein waren

groß und starr geworden und drehten sich langsam und schüchtern nach

der Seite; der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, und seine Stimme

war zum zitternden Flüstern geworden. "Um Gottes Barmherzigkeit

willen, wertgeschätzter Herr von Sturmfeder, vielgeliebter Freund und

Gönner, legt ein gutes Wort ein beim gestrengen Herrn, daß er mich

aus diesem Fastnachtsspiel entläßt. Es ist des allerhöchsten

Scherzes jetzt genug. Der Ritt in den schweren Waffen hat mich

grausam angegriffen, der Helm drückt mich aufs Hirn, daß meine

Gedanken im Kreis tanzen, und meine Knie sind vom Zipperlein gekrümmt,

bitte, bitte! Legt ein gutes Wort ein für Euren demütigen Knecht,

Ambrosius Volland; will's gewißlich vergelten."

Der junge Mann wandte sich mit Abscheu von dem grauen feigen Sünder.

"Herr Herzog", sagte er, indem ein edler Zorn seine Wangen rötete,

"vergönnt ihm, daß er sich entferne. Die Ritter haben ihre Schwerter

gelüftet und die Helme fester in die Stirn gedrückt, das Volk

schüttelt die Speere und erwartet mutig das Zeichen zum Angriff,

warum soll ein Feigling in den Reihen von Männern streiten?"

"Er bleibt, sage ich", entgegnete der Herzog mit fester Stimme, "beim

ersten Schritt rückwärts hau ich ihn selbst vom Gaul herunter. Der

Teufel saß auf Deinen blauen Lippen, Ambrosius Volland, als Du Uns

geraten, Unser Volk zu verachten und das Alte umzustoßen. Heute,

wenn die Kugeln sausen und die Schwerter rasseln, magst Du schauen,

ob Dein Rat Uns frommte."

Des Kanzlers Augen glühten vor Wut, seine Lippen zitterten und seine

Mienen verzerrten sich grauenerregend. "Ich habe Euch nur geraten;

warum habt Ihr es getan?" sagte er. "Ihr seid Herzog; Ihr habt

befohlen und Euch huldigen lassen; was kann denn ich dafür?"

Der Herzog riß sein Pferd so schnell um, daß der Kanzler bis auf die

Mähnen seines Elefanten niedertauchte, als erwarte er den

Todesstreich. "Bei Unserer fürstlichen Ehre", rief er mit

schrecklicher Stimme, indem seine Augen blitzten, "Wir bewundern

unsere eigene Langmut. Du hast Unsren ersten Zorn benützt, Du hast

Dich in Unser Vertrauen einzuschwatzen gewußt; wären Wir Dir nicht

gefolgt, Du Schlange, so stünden heute zwanzigtausend Württemberger

hier, und ihre Herzen wären eine feste Mauer für ihren Fürsten. Oh,

mein Württemberg! Mein Württemberg! Daß ich Deinem Rat gefolgt wäre,

alter Freund; ja, es heißt was, von seinem Volk geliebt zu sein!"

"Entfernt diese Gedanken vor einer Schlacht", sagte der alte Herr von

Lichtenstein, "noch ist es Zeit, das Versäumte einzuholen. Noch

stehen sechstausend Württemberger um Euch, und bei Gott, sie werden

mit Euch siegen, wenn Ihr sie mit Vertrauen gegen den Feind führt.

Oh Herr! Hier sind lauter Freunde, vergebt Euren Feinden, entlaßt

den Kanzler, der nicht fechten kann!"

"Nein! Her zu mir, Schildkröte! An meine Seite her, Hund von einem

Schreiber! Wie er zu Rosse sitzt, als hätte ihn unser Herr Gott

hinaufgeschneit, den Schneemann! Du hast mein Volk verachtet in

Deiner Kanzlei und ihnen Gesetze gegeben mit Deiner Schwanenfeder,

jetzt sollst Du sehen, wie sie streiten, jetzt sollst Du sehen, wie

Württemberg siegt oder untergeht. Ha! Seht Ihr sie dort auf dem

Hügel? Seht Ihr die Fahnen mit dem roten Kreuz? Seht Ihr das Banner

von Bayern? Wie ihre Waffen blitzen im Morgenrot, wie ihre Glieder

von tausend Lanzen starren, wie der Wind in ihren Helmbüschen spielt.

--Guten Tag; ihr Herren vom Schwabenbund! Jetzt geht mir das Herz

auf; das ist ein Anblick für einen Württemberg!"

"Schaut, sie richten schon die Geschütze", unterbrach ihn

Lichtenstein, "zurück von diesem Platz, Herr! Hier steht Euer Leben

in augenscheinlicher Gefahr; zurück, zurück, wir halten hier; schickt

uns Eure Befehle von dort zu, wo Ihr sicher seid!"

Der Herzog sah ihn groß an. "Wo hast Du gehört", sagte er, "daß ein

Württemberg gewichen sei, wenn der Feind zum Angriff blasen ließ?

Meine Ahnen kannten keine Furcht, und meine Enkel werden noch

aushalten wie sie, furchtlos und treu! Sieh, wie der Berg sich

dunkler und dunkler füllt von ihren Scharen. Siehst Du jene weißen

Wolken am Berg, Schildkröte? Hörst Du sie lachen? Das ist der

Donner der Geschütze, der in unsere Reihen schlägt. Jetzt, wenn Du

ein gutes Gewissen hast, wirst Du leichter Atem holen, denn um Dein

Leben gibt Dir keiner einen Pfennig."

"Lasset uns beten", sagte Marx von Schweinsberg, "und dann drauf in

Gottes Namen."

Der Herzog faltete andächtig die Hände, seine Begleiter folgten

seinem Beispiel und beteten zum Anfang der Schlacht, wie es Sitte war

in den alten Tagen. Der Donner der feindlichen Geschütze tönte

schauerlich in diese tiefe Stille, in welcher man jeden Atemzug;

jedes leise Flüstern der Betenden hörte. Auch der Kanzler faltete

die Hände, aber seine Augen richteten sich nicht gläubig auf zum

Himmel, sie irrten zagend an den Bergen umher, und das Beben seines

Körpers, sooft Blitz und Rauch aus den Feldstücken des Feindes fuhr,

zeigte, daß seine Seele nicht zu Dem sich aufzuschwingen vermöge, der

aus den Strahlen seiner Morgensonne über Freunde und Feinde

herabblickte.

Ulrich von Württemberg hatte gebetet und zog sein Schwert aus der

Scheide. Die Ritter und Reisigen folgten ihm, und in einem

Augenblick blitzten tausend Schwerter um ihn her. "Die Landsknechte

sind schon im Gefecht", sagte er, indem sein Adlerauge schnell das

Tal überschaute. "Georg von Hewen, Ihr rückt ihnen mit tausend zu

Fuß nach. Schweinsberg lehne sich mit achthundert an den Wald und

warte bis auf weiteres. Reinhardt von Gemmingen, wollt mit den

Eurigen geradeaus ziehen und den mittleren Raum zwischen dem Wald und

dem Neckar einnehmen. Sturmfeder, Du bleibst mit Deiner Abteilung

Reiter, doch bist Du jeden Augenblick bereit, vorzubrechen. Gott

befohlen, Ihr Herren. Sollten wir uns hier unten nicht mehr sehen,

so grüßen wir uns desto freudiger oben." Er grüßte sie, indem er sein

großes Schwert gegen sie neigte. Die Ritter erwiderten den Gruß und

zogen mit ihren Scharen dem Feind zu, und ein tausendstimmiges

"Ulrich für immer!" ertönte aus ihren Reihen.

Das bündische Heer, das auf dem Hügel, den die Herzoglichen früher

gehalten hatten, angekommen war, begrüßte seinen Feind aus vielen

Feldschlangen und Kartaunen; dann zogen sie sich allmählich herab ins

Tal. Sie schienen durch ihre ungeheure Anzahl das kleine Heer des

Herzogs erdrücken zu wollen. In dem Augenblick, als die letzten

Glieder den Hügel verlassen wollten, wandte sich der Herzog zu Georg

von Sturmfeder.

"Siehst Du ihre Feldstücke auf dem Hügel?" fragte er.

"Wohl. Sie sind nur durch wenige Mannschaft bedeckt."

"Frondsberg glaubt, weil wir nicht über ihn wegfliegen können, sei es

unmöglich, sein Geschütz zu nehmen. Aber dort am Wald biegt ein Weg

links ein und führt in ein Feld. Das Feld stößt an jenen Hügel.

Kannst Du mit Deinen Reitern ungehindert bis in jenes Feld vordringen

so bist Du beinahe schon im Rücken der Bündischen. Dort läßt Du die

Pferde verschnaufen, legst dann an, und im Galopp den Hügel hinauf.

Die Geschütze müssen unser sein!"

Georg verbeugte sich zum Abschied, aber der Herzog bot ihm die Hand.

"Lebe wohl, lieber Junge!" sagte er. "Es ist hart von Uns, einen

jungen Ehemann auf so gefährliche Reise zu schicken, aber wir wußten

keinen Rascheren und Besseren als Dich."

Die Wangen des jungen Mannes glühten, als er diese Worte hörte, und

seine Augen blinkten mutig. "Ich danke Euch, Herr, für diesen neuen

Beweis Eurer Gnade", rief er, "Ihr belohnt mich schöner, als wenn Ihr

mir die schönste Burg geschenkt hättet.--Lebt wohl, Vater, und grüßt

mein Weibchen."

"So ist's nicht gemeint!" entgegnete lächelnd der alte Lichtenstein.

"Ich reite mit Dir unter Deiner Führung."

"Nein, Ihr bleibt bei mir, alter Freund", bat der Herzog. "Soll mir

denn der Kanzler hier im Felde raten? Da könnte ich so übel fahren

wie mit seinen andern Ratschlüssen. Bleibt mir zur Seite; macht den

Abschied kurz, Alter! Euer Sohn muß weiter."

Der Alte drückte Georgs Hand. Lächelnd und mit freudigem Mut

erwiderte dieser den Abschiedsgruß, schwenkte mit seinen Reitern ab,

und "Ulrich für immer!" riefen die Stuttgarter Bürger zu Pferd,

welche er in dieser entscheidenen Stunde gegen den Feind führte.

Georg betrachtete, als er an dem Waldsaum hinritt, sinnend die

Schlacht. Die Württemberger hatten eine gute Stellung, denn der Wald

und der Neckar deckte sie, und ihre Flügel und das Zentrum waren

stark genug, um auch einen mächtigen Stoß von Reiterei auszuhalten.

Er konnte sich aber nicht verhehlen, daß, wenn sie sich aus dieser

Stellung herauslocken ließen, sie alle diese Vorteile verlieren

würden, weil sie dann entweder zwischen dem Wald und dem linken

Flügel einen bedeutenden Zwischenraum lassen oder, um diesen

auszufüllen, ihre Schlachtlinie so weit ausdehnen müßten, daß sie an

innerer Stärke verlieren würden und leichter durchbrochen werden

könnten. Ein großer Nachteil für die Württemberger war auch ihre

geringe Anzahl, denn der Feind zählte zwei Drittel mehr. Er konnte

zwar in dem engen Tal seine Streitkräfte nicht entwickeln und nur

wenig Mannschaft auf einmal ins Treffen führen. Und doch war dies

immer genug, um die Herzoglichen unausgesetzt zu beschäftigen; der

Feind behielt dadurch immer frische Leute, und es war zu befürchten,

daß die sechstausend Württemberger, wenn sie auch noch so tapfer

standhalten sollten, endlich aus Ermattung würden unterliegen müssen.

Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf; sie rückten still und

vorsichtig weiter, denn Georg wußte wohl, wie schwierig es für einen

Reiterzug sei, im Wald von Fußvolk angegriffen zu werden. Doch

ungefährdet kamen sie auf das Feld heraus, das ihnen der Herzog

bezeichnet hatte. Rechts über dem Wald hin wütete die Schlacht. Das

Geschrei der Angreifenden, das Schießen aus Donnerbüchsen und

Feldstücken, das Wirbeln der Trommeln hallte schrecklich herüber.

Vor ihnen lag der Hügel, von dessen Gipfel eine gute Anzahl Kartaunen

in die Reihen der Württemberger spielte; dieser Hügel erhob sich

allmählich von der Seite des Wäldchens, und Georg bewunderte den

schnellen Blick des Herzogs, der diese Seite sogleich erspäht hatte,

denn von jeder andern Seite wäre, wenigstens für Reiter, der Angriff

unmöglich gewesen. Das Geschütz wurde, soviel man von unten sehen

konnte, nur durch eine schwache Mannschaft bedeckt, und als daher die

Pferde ein wenig geruht hatten, ordnete Georg seine Schar und brach

im Galopp an der Spitze der Reiter vor. In einem Augenblick waren

sie auf dem Gipfel des Hügels angekommen und Georg rief den

bündischen Soldaten zu, sich zu ergeben.

Sie zauderten, und die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von

Stuttgart ersparten ihnen die Mühe, denn mit gewaltigen Streichen

hieben sie Helme und Köpfe durch, daß von der Bedeckung bald wenig

mehr übrig waren. Georg warf einen frohlockenden Blick auf die Ebene

hinab seinem Herzog zu; er hörte das Freudengeschrei der

Württemberger aus vielen tausend Kehlen aufsteigen, er sah, wie sie

frischer vordrangen, denn ihre Hauptfeinde, die Feldstücke auf dem

Hügel, waren jetzt zum Schweigen gebracht.

Aber in diesem Augenblick der Siegesfreude gewahrte er auch, daß

jetzt der zweite und schwerste Teil seiner schnellen Operation, der

Rückzug, gekommen sei; denn auch die Bündischen hatten gemerkt, wie

ihr Geschütz plötzlich verstummt sei, und ihre Obersten hatten

alsbald eine Reiterschar gegen den Hügel aufbrechen lassen. Es war

keine Zeit mehr, die schweren erbeuteten Feldstücke hinwegzuführen;

darum befahl Georg; mit Erde und Steinen ihre Mündungen zu verstopfen,

und sie auf diese Weise unbrauchbar zu machen. Dann warf er einen

Blick auf den Rückweg, zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald auf

der einen, das feindliche Heer auf der andern Seite. Wurde er nur

von Reiterei angegriffen, so war der Rückweg durch den Wald möglich,

weil dann der Feind dieselben Schwierigkeiten zu überwinden hatte wie

er. Aber seinem scharfen Auge entging nicht, daß ein großer Haufen

bündischen Fußvolkes in den Wald ziehe, um ihm den Rückzug

abzuschneiden, und so sah er sich vom Wald ausgeschlossen. Das große

Heer des Bundes zu durchbrechen, sich mit hundertundsechzig Pferden

durch Zwanzigtausend durchzuschlagen, wäre Tollkühnheit gewesen. Es

blieb nur ein Weg, und auch auf diesem war der Tod gewisser als die

Rettung. Zur Linken des feindlichen Heeres floß der Neckar. Am

andern Ufer kein Mann von bündischer Seite; konnte er nur dieses Ufer

gewinnen, so war es möglich, sich zum Herzog zu schlagen. Schon

waren die Reiter des Bundes, wohl fünfhundert stark, am Fuß des

Hügels angelangt; er glaubte an ihrer Spitze den Truchseß von

Waldburg zu erblicken; jedem andern, selbst dem Tod, wollte er sich

lieber ergeben als diesem.

Drum winkte er den tapfern Württembergern nach der steileren Seite

des Hügels hin, die zum Neckar führte. Sie stutzten; es war zu

erwarten, daß unter zehn immer acht stürzen würden, so jäh war diese

Seite, und unten stand zwischen dem Flügel und dem Fluß ein Haufen

Fußvolk, das sie zu erwarten schien. Aber ihr junger, ritterlicher

Führer schlug das Visier auf und zeigte ihnen sein schönes Antlitz,

aus welchem der Mut der Begeisterung sie anwehte; sie hatten ihn ja

noch vor wenigen Wochen eine holde Jungfrau zur Kirche führen sehen,

durften sie an Weib und Kinder denken, da er diese Gedanken weit

hinter sich geworfen hatte?

"Drauf, wir wollen sie schlachten!" riefen die Fleischer. "Drauf,

wir wollen sie hämmern!" riefen die Schmiede. "Immer drauf, wir

wollen sie lederweich klopfen!" riefen ihnen die Sattler nach.

"Drauf, mit Gott, Ulrich für immer!" rief der hochherzige Jüngling,

drückte seinem Roß die Sporen ein und flog ihnen voran den steilen

Hügel hinab. Die feindlichen Reiter trauten ihren Augen nicht, als

sie den Hügel heraufkamen, die verwegene Schar gefangenzunehmen, und

sie schon unten, mitten unter dem Fußvolk, erblickten. Wohl hatte

mancher den kühnen Ritt mit dem Leben bezahlt, mancher war mit dem

Roß gestürzt und in Feindes Hand gefallen, aber die meisten sah man

unten tapfer auf das Fußvolk einhauen, und der Helmbusch ihres

Anführers wehte hoch und mitten im Gedränge. Jetzt waren die Reihen

des Fußvolkes gebrochen, jetzt drängten sich die Reiter nach dem

Neckar--jetzt--setzte ihr Führer an und war der erste im Fluß.

Sein Pferd war stark, und doch vermochte es nicht mit der Last seines

gewappneten Reiters gegen die Gewalt des vom Regen angeschwellten

Stromes anzukämpfen, es sank, und Georg von Sturmfeder rief den

Männern zu, nicht auf ihn zu achten, sondern sich zum Herzog zu

schlagen und ihm seinen letzten Gruß zu bringen. Aber in demselben

Augenblick hatten zwei Waffenschmiede sich von ihren Rossen in den

Fluß geworfen; der eine faßte den jungen Ritter am Arm, der andere

ergriff die Zügel seines Pferdes, und so brachten sie ihn glücklich

ans Land heraus.

Die Bündischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt, aber keine

hatte Schaden getan, und im Angesicht beider Heere, durch den Fluß

von ihnen getrennt, setzte die kühne Schar ihren Weg zum Herzog fort.

Es war unweit seiner Stellung eine Furt, wo sie ohne Gefahr

übersetzen konnten, und mit Jubel und Freudengeschrei wurden sie

wieder von den Ihrigen empfangen.

Ein Teil des feindlichen Geschützes war zwar durch diesen ebenso

schnellen wie verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder zum Schweigen

gebracht worden, aber das Verhängnis Ulrichs von Württemberg wollte,

daß ihm diese kühne Waffentat zu nichts mehr nützen sollte; die

Kräfte seiner Leute waren durch die immer erneuerten Angriffe des an

Zahl weit überlegenen Feindes endlich völlig erschöpft worden; die

Landsknechte hielten zwar mit ihrem gewöhnlichen kriegerischen Feuer

aus, aber ihre Anführer hatten sich schon genötigt gesehen, sie in

Kreise zu stellen, um den Andrang der feindlichen Kavallerie

abzuwehren; dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und

das Landvolk, das man durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern hatte

machen können, füllte nur schlecht diese Lücken aus. In diesem

Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, daß der Herzog von Bayern

Stuttgart plötzlich überfallen und eingenommen habe, daß ein neues

feindliches Heer in seinem Rücken am Fluß heraufziehe und kaum noch

eine Viertelstunde entfernt sei. Da merkte er, daß er an diesem Tag

sein Reich zum zweiten Male verloren habe, daß ihm nichts mehr

übrigbleibe als Flucht oder Tod, um nicht in die Hände seiner Feinde

zu fallen. Seine Begleiter rieten ihm, sich in sein Stammschloß

Württemberg zu werfen und sich dort zu halten, bis er Gelegenheit

fände, heimlich zu entrinnen; er schaute hinauf nach dieser Burg, die,

von dem Glanz des Tages bestrahlt, ernst auf jenes Tal herabblickte,

wo der Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um sein

Herzogtum kämpfte. Aber er erbleichte und deutete sprachlos hinauf,

denn auf den Türmen und Mauern dieser Burg erschienen rote, glänzende

Fähnlein, die im Morgenwind spielten; die Ritter blickten schärfer

hin, sie sahen, wie die Fähnlein wuchsen und größer wurden, und ein

schwärzlicher Rauch, der jetzt an vielen Stellen aufstieg, zeigte

ihnen, daß es die Flamme sei, welche ihre glühenden Paniere siegend

auf den Zinnen aufgesteckt hatte. Württemberg brannte an allen Ecken;

und sein unglücklicher Herr sah mit dem gräulichen Lachen der

Verzweiflung diesem Schauspiel zu, Jetzt bemerkten auch die Heere die

brennende Burg. Die Bündischen begrüßten diese Flammen mit einem

Freudengeschrei, den Württembergern entsank der Mut, es war ihnen,

als sei dies ein Zeichen, daß das Glück ihres Herzogs ein Ende habe.

Schon tönten die Trommeln des im Rücken heranziehenden Heeres

vernehmlicher; schon wich an vielen Orten das Landvolk, da sprach

Ulrich: "Wer es noch redlich mit Uns meint, folge nach, Wir wollen

Uns durchschlagen durch ihre Tausende oder zugrunde gehen. Nimm mein

Banner in die Hand, tapferer Sturmfeder, und reite mutig mit Uns in

den Feind!" Georg ergriff das Panier von Württemberg, der Herzog

stellte sich neben ihn, die Ritter und die Bürger zu Pferd umgaben

sie und waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen. Der Herzog

deutete auf eine Stelle, wo die Feinde dünner standen, dort müsse man

durchkommen, oder alles sei verloren. Noch fehlte es an einem

Anführer, und Georg wollte sich an die Spitze stellen, da winkte ihm

der Ritter von Lichtenstein seinen Platz an der Seite des Herzogs

nicht zu verlassen, und stellte sich vor die Reiter, noch einmal

wandte er die ehrwürdigen Züge dem Herzog und seinem Sohn zu, dann

schloß er das Visier und rief: "Vorwärts, hie gut Württemberg alleweg!"

Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark und bewegte sich

in Form eines Keiles im Trab vorwarts. Der Kanzler Ambrosius Volland

sah sie mit leichtem Herzen abziehen, denn der Herzog schien ihn ganz

vergessen zu haben, und er hielt jetzt mit sich Rat, wie er ohne

Gefahr von seinem hochbeinigen Tier herabkommen sollte. Doch der

edle Renner des Herzogs hatte mit klugen Augen den Reitern

nachgeschaut, solange sie sich im Trab fortbewegten, stand er still

und regungslos, jetzt aber ertönten die Trompeten zum Angriff, man

sah das Panier von Württemberg hoch in den Lüften wehen und die

tapfere Reiterschar im Galopp auf den Feind ansprengen. Auf diesen

Moment schien der Renner gewartet zu haben; mit der Schnelligkeit

eines Vogels strich er jetzt über die Ebene hin, den Reitern nach;

dem Kanzler vergingen die Sinne, er hielt sich krampfhaft am

Sattelknopf, er wollte schreien, aber die Blitzesschnelle, womit sein

Roß die Luft teilte, unterdrückte seine Stimme; in einem Augenblick

hatte er den Zug eingeholt, so schnell sie ihre Rosse auslaufen

ließen, er überholte sie, und so hatte es der Kanzler in kurzer Zeit

zum Anführer der Reiter gebracht. Der Feind stutzte über die

sonderbare Gestalt, die mehr einem geharnischten Affen als einem

Krieger glich; noch ehe sie sich recht besinnen konnten, war der

fürchterliche Mann mitten in ihren Reihen, die Württemberger brachen,

trotz des entscheidenden Augenblickes, in ein lustiges Gelächter aus,

und auch dieses mochte beitragen, die tapferen Truppen von Ulm, Gmünd,

Aalen, Nürnberg und noch zehn andern Reichsstädten, welche dieser

unerwartete Angriff traf, zu verwirren; sie zerstoben vor der

ungeheuern Wucht der zweihundert Pferde, und die ganze Schar war im

Rücken des Feindes. Sie setzte eilig ihren Marsch fort, und ehe noch

die bündische Reiterei zum Nachsetzen herbeigerufen werden konnte,

hatte der Herzog mit wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen; er

gewann einen großen Vorsprung, denn die Reiterei des Bundes erreichte

die berittene Schar der Bürger erst vor den Toren von Stuttgart, und

es fand sich unter ihnen weder der Herzog noch einer seiner

wichtigeren Anhänger, außer dem Kanzler Ambrosius Volland, den man

halb tot vom Pferd hob. Die bündischen Kriegsleute behandelten ihn,

nachdem man ihm die gewölbte Rüstung vorn Leib geschält hatte, sehr

übel, denn nur seiner fürchterlichen, alle Begriffe übersteigenden

Tapferkeit schrieben sie es zu, daß ihnen der Herzog und mit ihm eine

Belohnung von tausend Goldgulden entgangen war. So geschah es, daß

dieser tapfere Kanzler, nicht wie sein Herzog in der Schlacht,

sondern nach der Schlacht geschlagen wurde.

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