Kapitel 36

Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden näherte sich der Trupp der

bündischen Knechte, den Gefangenen in ihrer Mitte, dem Lager. Sie

hatten nicht gewagt, sich laut zu unterreden, aber ihre Mienen

verkündeten großen Triumph, und Georgs scharfem Ohr entging es nicht,

wie sie flüsternd den Gewinn berechneten, den sie aus dem Herzog im

grünen Mantel ziehen würden. Ein freudiges Gefühl bewegte seine

Brust, er glaubte hoffen zu dürfen, daß der unglückliche Fürst durch

seine kühne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten. Nur der

Gedanke an Marie trübte auf Augenblicke seine Freude. Wie groß mußte

ihr Kummer schon gewesen sein, als sie die Nachricht vom Ausgang der

Schlacht bekam; er hatte ihr zwar durch treue Männer die Nachricht

gesandt, daß er unverletzt aus dem Streit gegangen sei; aber wußte er

nicht, daß die traurige Entscheidung von Württembergs Schicksal ihre

Seele tief betrüben, daß ihre Blicke ängstlich dem Geliebten auf den

Gefahren der Flucht folgen werden, daß ihre Sehnsucht zu jeder Stunde

seinen Namen nenne und ihn zurückrufe.

Und durfte er hoffen, vom Bund zum zweitenmal so leicht entlassen zu

werden wie damals in Ulm? Gefangen mit den Waffen in der Hand,

bekannt als eifriger Freund des Herzogs--mußte er nicht fürchten,

einer langen Gefangenschaft, einer grausamen Behandlung

entgegenzugehen? Die Ankunft an dem äußeren Posten des Lagers

unterbrach diese düsteren Gedanken. Die Knechte schickten einen aus

ihrer Mitte ab, um die Bundesobersten von ihrem Fang zu

benachrichtigen und Befehle einzuholen, wohin man ihn führen solle.

Es war dies eine peinliche Viertelstunde für Georg; er wünschte, mit

Frondsberg zusammenzutreffen; er glaubte hoffen zu dürfen, daß dieser

edle Freund seines Vaters ihm seine gütigen Gesinnungen erhalten

haben möchte, daß er ihn zum wenigsten billiger beurteilen werde als

Waldburg Truchseß und so mancher andere, der ihm früher nicht günstig

war.

Der Knecht kam zurück; der Gefangene sollte so still als möglich und

ohne Aufsehen in das große Zelt geführt werden, wo die Obersten

gewöhnlich Kriegsrat hielten. Man schlug zu diesem Gang einen

Seitenweg ein, und die Knechte baten Georg; seinen Helm zu schließen,

damit man ihn nicht erkenne, ehe er vor den Rat geführt würde. Gern

befolgte er diese Bitte, denn es war ihm in einem solchen Fall nichts

unerträglicher, als sich den Blicken neugieriger oder schadenfroher

Menschen aussetzen zu müssen. Sie gelangten endlich an das große

Zelt. Diener aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen

Farben und Binden, mit welchen sie geschmückt waren, ließen auf eine

zahlreiche Versammlung edler Herren und Ritter im Innern des Zeltes

schließen.

Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, daß einige

Knechte einen Mann von Bedeutung gefangen haben, denn sie drängten

sich nahe herbei, als Georg sich aus dem Sattel schwang; und ihre

neugierigen Blicke schienen durch die Öffnungen des Visiers dringen

zu wollen, um die Züge des Gefangenen zu schauen. Ein Edelknabe

suchte, Raum zu machen, und er mußte seine Zuflucht zu dem "Namen der

Bundesobersten" nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen und dem

gefangenen Ritter einen Weg in das Innere des Zeltes zu bahnen. Drei

jener Knechte, die ihn begleitet hatten, durften folgen; sie glühten

vor Freude und glaubten nicht anders, als jene Goldgulden sogleich in

Empfang nehmen zu können, die auf die Person des Herzogs von

Württemberg gesetzt waren.

Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und festen

Schrittes ein und überschaute die Männer, die über sein Schicksal

entscheiden sollten. Es waren wohlbekannte Gesichter, die ihn so

fragend und durchdringend anschauten. Noch waren die düsteren Blicke

und die feindliche Stirn des Truchseß von Waldburg seinem Gedächtnis

nicht entfallen, und der spöttische, beinahe höhnische Ausdruck in

den Mienen dieses Mannes weissagte ihm nichts Gutes. Sickingen,

Alban von Glosen Hutten--sie alle saßen wie damals vor ihm, als er

dem Bund auf ewig Lebewohl sagte; aber wie vieles hatte sich geändert.

Und eine Träne füllte sein Auge, als er auf jene teure Gestalt, auf

jene ehrürdigen Züge fiel, die sich tief in sein dankbares Herz

gegraben hatten. Es war nicht Hohn, nicht Schadenfreude, was man in

Georg von Frondsbergs Mienen las, nein, er sah den Nahenden mit jenem

Ausdruck von würdigem Ernst, von Wehmut an, womit ein edler Mann den

tapferen, aber besiegten Feind begrüßt.

Als Georg diesen Männern gegenüberstand, hub der Truchseß von

Waldburg an: "So hat doch endlich der schwäbische Bund einmal die

Ehre, den erlauchten Herzog von Württemberg vor sich zu sehen;

freilich war die Einladung zu uns nicht allzu höflich, doch um--."

"Ihr irrt Euch!" rief Georg von Sturmfeder und schlug das Visier

seines Helmes auf. Als sähen sie Minervas Schild und sein

Medusenhaupt, so bebten die Bundesräte vor dem Anblick der schönen

Züge des jungen Ritters. "Ha! Verräter! Ehrlose Buben! Ihr Hunde!"

rief Truchseß den drei Knechten zu. "Was bringt Ihr uns diesen

Laffen, dessen Anblick meine Galle aufregt, statt des Herzogs?

Geschwind, wo ist er? Sprecht!"

Die Knechte erbleichten. "Ist's nicht dieser?" fragten sie ängstlich.

"Er hat doch den grünen Mantel an."

Der Truchseß zitterte vor Wut und seine Augen sprühten Verderben; er

wollte auf die Knechte hinstürzen, er sprach davon, sie zu erwürgen;

aber die Ritter hielten ihn zurück, und Hutten, zornbleich, aber

gefaßter als jener, fragte; "Wo ist der Doktor Calmus, laßt ihn

hereinkommen, er soll Rechenschaft ablegen, er hat den Zug übernommen."

"Ach, Herr", sagte einer der Knechte, "der legt Euch keine

Rechenschaft mehr ab; er liegt erschlagen auf der Brücke bei Köngen!"

"Erschlagen?" rief Sickingen. "Und der Herzog ist entkommen?

Erzählt, Ihr Schurken!"

"Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der Brücke in

Hinterhalt. Es war beinahe noch dunkel, als wir den Hufschlag von

vier Rossen hörten, die sich der Brücke näherten, zugleich vernahmen

wir das Zeichen, das uns die Reiter über dem Fluß geben sollten, wenn

die Herzoglichen aus dem Wald kämen. 'Jetzt ist's Zeit', sagte der

Kahlmäuser. Wir standen schnell auf und besetzten den Ausgang der

Brücke. Es waren, soviel wir im Halbdunkel unterscheiden konnten,

vier Reiter und ein Bauersmann; die zwei hintersten wandten sich um

und fochten mit unsern Reitern, die zwei vorderen und der Bauer

machten sich an uns. Doch wir streckten ihnen die Lanzen entgegen,

und der Doktor rief ihnen zu, sich zu ergeben. Da drangen sie wütend

auf uns ein; der Doktor sagte uns, der im grünen Mantel sei der

Rechte, und wir hätten ihn bald gehabt; aber der Bauer, wenn es nicht

der Teufel selbst war, schlug den Doktor und noch zwei von uns nieder.

Jetzt stach ihm einer die Hellebarde in den Leib, daß er fiel, und

dann ging es auf die Reiter. Wir packten allesamt den im grünen

Mantel, wie uns der Kahlmäuser geheißen, der andere aber stürzte sich

mit seinem Roß über die Brücke hinab in den Neckar und schwamm davon.

Wir aber ließen ihn ziehen weil wir den Grünen hatten, und brachten

diesen hierher."

"Das war Ulrich und kein anderer!" rief Alban von Closen. "Ha!

Über die Brücke hinab in den Neckar! Das tut ihm keiner nach!"

"Man muß ihm nachjagen", fuhr der Truchseß auf, "die ganze Reiterei

muß aufsitzen und hinab am Neckar streifen, ich selbst will hinaus--."

"Oh, Herr", entgegnete einer der Knechte, "da kommt Ihr zu spät; es

sind drei Stunden jetzt, daß wir von der Brücke abzogen, der hat

einen guten Vorsprung und kennt das Land wohl besser als alle Reiter!"

"Kerl, willst Du mich noch höhnen? Ihr habt ihn entkommen lassen, an

Euch halte ich mich, man rufe die Wache; ich lasse Euch aufhängen."

"Mäßigt Euch", sagte Frondsberg, "die armen Burschen trifft der

Fehler nicht; sie hätten sich gern das Gold verdient, das auf den

Herzog gesetzt war. Der Doktor hat gefehlt, und Ihr hört, daß er es

mit dem Leben zahlte."

"Also Ihr habt heute den Herzog vorgestellt?" wandte sich Waldburg zu

Georg, der still dieser Szene zugesehen hatte. "Müßt Ihr mir überall

in den Weg laufen, mit Eurem Milchgesicht? Überall hat Euch der

Teufel, wo man Euch nicht braucht. Es ist nicht das erste Mal, daß

Ihr meine Pläne durchkreuzt."

"Wenn Ihr es gewesen seid, Herr Truchseß", antwortete Georg, "der bei

Neussen den Herzog meuchlings überfallen lassen wollte, so bin ich

Euch leider in den Weg gekommen, denn Eure Knechte haben mich

niedergeworfen."

Die Ritter erstaunten über diese Rede und sahen den Truchseß fragend

an. Er errötete, man wußte nicht aus Zorn oder Beschämung, und

entgegnete: "Was schwatzt Ihr da von Neussen? Ich weiß von nichts;

doch wenn man Euch dort niedergeworfen hat, so wünsche ich, Ihr wäret

nimmer aufgestanden, um mir heute vor Augen zu kommen. Doch es ist

auch so gut; Ihr habt Euch als ein erbitterter Feind des Bundes

bewiesen, habt heimlich und offen für den geächteten Herzog gehandelt,

teilt also seine Schuld gegen den Bund und das ganze Reich; seid

überdies heute mit den Waffen in der Hand gefangen worden--Euch

trifft die Strafe des Hochverrats an dem allerdurchlauchtigsten Bund

des Schwaben- und Frankenlandes."

"Dies dünkt mir eine lächerliche Beschuldigung", erwiderte Georg mit

mutigem Ton, "Ihr wißt wohl, wann und wo ich mich vom Bund losgesagt

habe; Ihr habt mich auf vierzehn Tage Urfehde schwören lassen; so

wahr Gott über mir ist, ich habe sie gehalten. Was ich nachher getan,

davon habt Ihr nicht Rechenschaft zu fordern, weil ich Euch nicht

mehr verpflichtet war, und was meine Gefangennehmung mit den Waffen

in der Hand betrifft, so frage ich Euch, edle Herren, welcher Ritter

wird, wenn er von sechs oder acht angegriffen wird, sich nicht seines

Lebens wehren? Ich verlange von Euch ritterliche Haft und erbiete

mich, Urfehde zu schwören auf sechs Wochen; mehr könnt Ihr nicht von

mir verlangen."

"Wollt Ihr uns Gesetze vorschreiben? Ihr habt gut gelernt bei dem

übermütigen Herzog; ich höre ihn aus Euch sprechen; doch keinen

Schritt sollt Ihr zu Eurer Sippschaft tun, bis Ihr gesteht, wo der

alte Fuchs, Euer Schwiegervater, sich aufhält und welchen Weg der

Herzog genommen hat."

"Der Ritter von Lichtenstein wurde von Euren Reitern gefangengenommen;

welchen Weg der Herzog nahm, weiß ich nicht und kann es mit meinem

Wort bekräftigen."

"Ritterliche Haft?" rief der Truchseß bitter lachend. "Da irrt Ihr

Euch gewaltig; zeigt vorher, wo Ihr die goldenen Sporen verdient habt!

Nein, solches Gelichter wird bei uns ins tiefste Verließ geworfen,

und mit Euch will ich den Anfang machen."

"Ich denke, dies ist unnötig", fiel ihm Frondsberg ins Wort, "ich

weiß, daß Georg von Sturmfeder zum Ritter geschlagen wurde; überdies

hat er einem bündischem Edlen das Leben gerettet; Ihr werdet Euch

wohl an die Aussage des Dietrich von Kraft erinnern. Auf Verwenden

dieses Ritters wurde er von einem schmählichen Tod befreit und sogar

in Freiheit gesetzt. Er kann dieselbe Behandlung von uns verlangen."

"Ich weiß, daß Ihr ihm immer das Wort geredet, daß er Euer Schoßkind

war; aber diesmal hilft es ihm nicht, er muß nach Eßlingen in den

Turm, und jetzt den Augenblick--."

"Ich leiste Bürgschaft für ihn", rief Frondsberg, "und habe hier so

gut mitzusprechen wie Ihr. Wir wollen abstimmen über den Gefangenen,

man führe ihn einstweilen in mein Zelt."

Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehrwürdigen Züge des Mannes,

der ihn auch jetzt wieder aus der drohenden Gefahr rettete. Der

Truchseß aber winkte mürrisch den Knechten, dem Befehl des

Oberfeldhauptmanns zu folgen, und Georg folgte ihnen durch die

Straßen des Lagers nach Frondsbergs Zelt.

Nicht lange nachher stand der Mann vor ihm, dem er so unendlich viel

zu danken hatte. Er wollte ihm danken, er wußte nicht, wie er ihm

seine Ehrfurcht bezeigen sollte; doch Frondsberg sah ihn lächelnd an

und zog ihn in seine Arme. "Keinen Dank, keine Entschuldigung!"

sprach er, "sah ich doch alles dies voraus, als ich in Ulm von Dir

Abschied nahm; doch Du wolltest es nicht glauben, wolltest Dich

vergraben in die Burg Deiner Väter. Ich kann Dich nicht schelten;

glaube mir, das Feldlager und die Stürme so vieler Kriege haben mein

Herz nicht so verhärtet, daß ich vergessen könnte, wie mächtig die

Liebe zieht!"

"Mein Freund, mein Vater!" rief Georg; indem er freudig errötete.

"Ja, das bin ich; der Freund Deines Vaters, Dein Vater, drum war ich

oft stolz auf Dich, wenn Du auch in den feindlichen Reihen standest.

Dein Name wurde, so jung Du bist, mit Ehrfurcht genannt, denn Treue

und Mut ehrt ein Mann auch am Feind. Und glaube mir, es kam den

meisten von uns erwünscht, daß der Herzog entkam; was konnten wir mit

ihm beginnen? Der Truchseß hätte vielleicht einen übereilten Streich

gemacht, den wir alle zu büßen gehabt hätten."

"Und was wird mein Schicksal sein?" fragte Georg. "Werde ich lange

in Haft gehalten werden? Wo ist der Ritter von Lichtenstein? Oh

mein Weib! Darf sie mich nicht besuchen?"

Frondsberg lächelte geheimnisvoll. "Das wird schwer halten", sagte

er, "Du wirst unter sicherer Bedeckung auf eine Feste geführt und

einem Wächter übergeben werden, der Dich streng bewachen und nicht so

bald entlassen wird. Doch sei nicht ängstlich, der Ritter von

Lichtenstein wird mit Dir dorthin abgeführt werden, und Ihr beide

müßt auf ein Jahr Urfehde schwören."

Frondsberg wurde hier durch drei Männer unterbrochen, die in das Zelt

stürmten, es war der Feldhauptmann von Breitenstein und Dietrich von

Kraft, die den Ritter von Lichtenstein in ihrer Mitte führten.

"Hab' ich Dich wieder, wackerer Junge!" rief Breitenstein, indem er

Georgs Hand drückte. "Du machst mir schöne Streiche. Dein alter

Oheim hat Dich mir auf die Seele gebunden, ich solle einen tüchtigen

Kämpen aus Dir ziehen, der dem Bund Ehre mache, und nun läufst Du zu

dem Feind und haust und stichst auf uns und hättest gestern beinahe

die Schlacht gewonnen durch Dein tollkühnes Stückchen auf unsere

Geschütze."

"Jeder nach seiner Art", entgegnete Frondsberg, "er hat uns aber auch

in Feindes Reihen Ehre gemacht."

Der Ritter von Lichtenstein umarmte seinen Sohn. "Er ist in

Sicherheit", flüsterte er ihm zu, und beider Augen glänzten vor

Freude, zu der Rettung des unglücklichen Fürsten beigetragen zu haben.

Da fielen die Blicke des alten Ritters auf den grünen Mantel, der

noch immer um Georgs Schultern hing; er sah ihn näher an. "Ha!

Jetzt erst verstehe ich ganz, wie alles so kommen konnte", sprach er

bewegt, und eine Träne der Freude hing an seinen grauen Wimpern, "sie

nahmen Dich für ihn; was wäre aus ihm geworden, wenn Dich der Mut nur

einen Augenblick verlassen hätte? Du hast mehr getan als wir alle,

Du hast gesiegt, wenn wir jetzt auch Besiegte heißen, komm an mein

Herz, Du würdiger Sohn."

"Und Marx Stumpf von Schweinsberg?" fragte Georg; "auch er gefangen?"

"Er hat sich durchgehauen, wer vermöchte auch seinen Hieben zu

widerstehen? Meine alten Knochen sind mürbe, an mir liegt nichts

mehr; aber er ist dem Herzog nachgezogen und wird ihm eine bessere

Hilfe sein als fünfzig Reiter. Doch den Pfeifer sah ich nicht, sag,

wie ist er entkommen aus dem Streit?"

"Als ein Held", erwiderte der junge Mann, von der Wehmut der

Erinnerung bewegt, "er liegt erstochen an der Brücke."

"Tot?" rief Lichtenstein und seine Stimme zitterte. "Die treue Seele!

Doch wohl ihm, er hat getan wie ein Edler und ist gestorben, treu,

wie es Männern ziemt!"

Frondsberg näherte sich ihnen und unterbrach ihre Reden. "Ihr

scheint mir so niedergeschlagen", sagte er, "seid mutig und getrost,

alter Herr! Das Kriegsglück ist wandelbar, und Euer Herzog wird wohl

auch wieder zu seinem Land kommen, wer weiß, ob es nicht besser ist,

daß wir ihn noch auf einige Zeit in die Fremde schickten. Legt Helm

und Panzer ab, das Gefecht zum Frühstück wird Euch die Lust zum

Mittagessen nicht verdorben haben. Setzt Euch zu uns. Ich erwarte

gegen Mittag den Wächter, unter dessen Obhut Ihr auf eine Burg

gebracht werden sollt. Bis dahin laßt uns noch zusammen fröhlich

sein!"

"Das ist ein Vorschlag, der sich hören läßt", rief der Feldhauptmann

von Breitenstein. "Zu Tisch, Ihr Herren; wahrlich, Georg, mit Dir

habe ich nicht mehr gespeist seit dem Imbiß im Ulmer Rathaussaal.

Komm, wir wollen redlich nachholen, was wir versäumten."

Hans von Breitenstein zog Georg zu sich nieder, die anderen folgten

seinem Beispiel, die Knechte trugen auf, und der edle Wein machte den

Ritter von Lichtenstein und seinen Sohn vergessen, daß sie in

mißlichen Verhältnissen, im feindlichen Lager seien, daß sie

vielleicht einem ungewissen Geschick, und wenn sie die Reden

Frondsbergs recht deuteten, einer langen Gefangenschaft

entgegengingen. Gegen das Ende der Tafel wurde Frondsberg

hinausgerufen; bald kam er zurück und sprach mit ernster Stimme: "So

gerne ich noch länger Eure Gesellschaft genossen hätte, liebe Freunde,

so tut es jetzt not, aufzubrechen. Der Wächter ist da, dem ich Euch

übergeben muß, und Ihr müßt Euch sputen, wollt Ihr heute noch die

Feste erreichen."

"Ist er ein Ritter, dieser Wächter?" fragte Lichtenstein, indem sich

seine Stirn in finstere Falten zog. "Ich hoffe, man wird auf unsren

Stand Rücksicht genommen haben und uns ein anständiges Geleit geben?"

"Ein Ritter ist er nicht", antwortete Frondsberg lächelnd, "doch ist

er ein anständiges Geleit, Ihr werdet Euch selbst davon überzeugen."

Er lüftete bei diesen Worten den Vorhang des Zeltes, und es

erschienen die holden Züge Mariens; mit dem Weinen der Freude stürzte

sie an die Brust ihres Gatten, und der alte Vater stand stumm vor

Überraschung und Rührung, küßte sein Kind auf die schöne Stirn und

drückte die Hand des biederen Frondsberg.

"Das ist Euer Wächter", sprach dieser, "und die Lichtenstein die

Feste, wo sie Euch gefangenhalten soll. Ich sehe es ihren Augen an,

sie wird den jungen Herrn nicht zu streng halten, und der Alte wird

sich nicht über sie beklagen können, doch rate ich Euch, Töchterchen,

habt ein wachsames Auge auf die Gefangenen, laßt sie nicht wieder von

der Burg, gestattet nicht, daß sie wieder Verbindungen mit gewissen

Leuten anknüpfen; Ihr haftet mit Eurem Kopf dafür!"

"Aber, lieber Herr", entgegnete Marie, indem sie den Geliebten

inniger an sich drückte und lächelnd zu dem strengen Herrn aufblickte,

"bedenkt, er ist ja mein Haupt, wie kann ich ihm etwas befehlen?"

"Eben deswegen hütet Euch, daß Ihr dieses Haupt nicht wieder verliert;

bindet ihn mit einem Liebesknoten recht fest, daß er Euch nicht

entlaufe, er ändert nur gar zu leicht die Farbe; wir haben Beispiele!"

"Ich trug nur eine Farbe, mein väterlicher Freund!" entgegnete der

junge Mann, indem er in die Augen seiner schönen Frau und auf die

Feldbinde niedersah, die seine Brust umzog, "nur eine, und dieser

blieb ich treu."

"Wohlan! So haltet ferner nur zu ihr", sagte Frondsberg und reichte

ihm die Hand zum Abschied. "Lebe wohl! Die Pferde harren vor dem

Zelt; bringt Eure Gefangenen sicher auf die Feste, schöne Frau, und

gedenket huldreich das alten Frondsberg."

Marie schied von diesem Edlen mit Tränen in den Augen, auch die

Männer nahmen bewegt seine Hand, denn sie wußten wohl, daß ohne seine

Hilfe ihr Geschick sich nicht so freundlich gewendet hätte. Noch

lange sah ihnen Georg von Frondsberg nach, bis sie an der äußersten

Zeltgasse um die Ecke bogen. "Er ist in guten Händen", sagte er dann,

indem er sich zu Breitenstein wandte, "wahrlich, der Segen seines

Vaters ruht auf ihm. Ein gutes, schönes Weib und ein Erbe, wie

wenige sind im Schwabenland."

"Ja, ja!" erwiderte Hans von Breitenstein, "seiner Klugheit und

Vorsicht hat er es nicht zu danken, doch wer das Glück hat, führt die

Braut heim; ich bin fünfzig alt geworden und gehe noch auf

Freiersfüßen; Ihr auch, Herr Dietrich von Kraft, nicht wahr?"

"Mitnichten und im Gegenteil", sagte dieser, wie aus einem Traum

erwachend, "wenn man ein solches Paar sieht, weiß man, was man zu tun

hat. In dieser Stunde noch setze ich mich in meine Sänfte, reise

nach Ulm und führe meine Base heim; lebt wohl Ihr Herren!"

Als der schwäbische Bund Württemberg wiedererobert hatte, richtete er

seine Regierung wieder ein und beherrschte das Land wieder wie im

Sommer 1519. Die Anhänger des vertriebenen Herzogs mußten Urfehde

schwören und wurden auf ihre Burgen verwiesen. Georg von Sturmfeder

und seine Lieben, die dieses Schicksal mit betraf, lebten

zurückgezogen auf Lichtenstein, und Marien und ihrem Gatten ging in

ihrem stillen häuslichen Glück ein neues Leben auf.

Noch oft, wenn sie am Fenster des Schlosses standen und hinabschauten

auf Württembergs schöne Fluren, gedachten sie des unglücklichen

Fürsten, der einst hier mit ihnen auf sein Land hinabgeblickt hatte,

und dann dachten sie nach über die Verkettung seiner Schicksale und

wie durch eine sonderbare Fügung auch ihr eigenes Geschick mit dem

seinigen verbunden war; und wenn sie sich auch gestanden, daß ihr

Glück vielleicht nicht so früh, nicht so schön aufgeblüht wäre ohne

diese Verknüpfung, so wurde doch ihre Freude durch den Gedanken

getrübt, daß der Stifter ihres Glückes noch immer fern von seinem

Land im Elend der Verbannung lebe. Erst viele Jahre nachher gelang

es dem Herzog, Württemberg wiederzuerobern. Doch als er, geläutert

durch Unglück, als ein weiser Fürst zurückkehrte, als er die alten

Rechte ehrte und die Herzen seiner Bürger für sich gewann, als er

jene heiligen Lehren, die er in fernem Land gehört, die so oft sein

Trost in einem langen Unglück geworden waren, seinem Volk predigen

ließ und einen geläuterten Glauben mit den Grundgesetzen seines

Reiches verband, da erkannten Georg und Marie den Finger einer

gütigen Gottheit in den Schicksalen Ulrichs von Württemberg, und sie

segneten Den, der dem Auge des Sterblichen die Zukunft verhüllt und

auch hier wie immer durch Nacht zum Licht führte.

Der Name der Lichtenstein im Württemberger Land ging mit dem alten

Ritter zu Grabe, doch erlebte er noch im hohen Alter die Freude,

seine blühenden Enkel waffenfähig zu sehen. So geht Geschlecht um

Geschlecht über die Erde hin, das neue verdrängt das alte, und nach

dem kurzen Zeitraum von fünfzig oder hundert Jahren sind biedere

Männer, treue Herzen vergessen; ihr Gedächtnis übertönt der

rauschende Strom der Zeiten, und nur wenige glänzende Namen tauchen

auf aus den Fluten des Lethe und spielen in ihrem ungewissen Schimmer

auf den Wellen.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Lichtenstein", von Wilhelm Hauff.

Lichtenstein · 第 40 / 40 题