Kapitel 33

Das Motto, womit wir diesen Abschnitt bezeichnen, ist eine

Geisterstimme, die warnend durch die Weltgeschichte tönt, die von

vielen vernommen, von den meisten überhört, von wenigen befolgt wurde.

Zu allen Zeiten ging ein finsterer Geist durch das Haus der Erde,

man vernahm oft sein Rauschen, man suchte es durch die Töne der

Freude zu übertäuben. Ulrich von Württemberg hatte jene Stimme in

mancher Nacht vernommen, die er sorgenvoll auf seinem Lager

durchwachte. Er glaubte das Geräusch vieler Gewappneter und die

dröhnenden Tritte eines Heeres zu vernehmen, er glaubte sie näher und

näher um ihn sich lagern zu hören, und wenn er sich auch überzeugte,

daß es nur die Nachtluft war, die um die Türme seines Schlosses

brauste, so blieb doch eine finstere Ahnung in ihm zurück, daß sein

Schicksal noch einmal sich wenden könnte. Jene Warnung des alten

Ritters von Lichtenstein tönte oft in seiner Seele wieder, und

vergeblich strengte er sich an, die künstlichen Folgerungen seines

Kanzlers sich zu wiederholen, um ein Verfahren bei sich zu

entschuldigen, das ihm jetzt zum wenigsten nicht genug überdacht

schien. Denn seine alten Feinde rüsteten sich mit Macht. Der Bund

hatte ein neues Heer geworben und drang herab ins Land, näher und

näher an das Herz von Württemberg. Die Reichsstadt Eßlingen bot für

diese Unternehmungen einen nur zu günstigen Stützpunkt. Sie liegt

nur wenige Stunden von der Hauptstadt, beinahe mitten im Land, und

war, sobald das Heer des Bundes die Kommunikation mit ihr hergestellt

hatte, eine furchtbare Schanze, um Ausfälle nach Württemberg zu

begünstigen und zu decken. Das Landvolk nahm an vielen Orten den

Bund günstig auf, denn der Herzog hatte es durch die neue Art, wie er

sich huldigen ließ, ängstlich gemacht.

Die Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk erfahren, als er

einige Jahre zuvor seinen Räten folgte und zur Verbesserung seiner

Finanzen ein neues Maß und Gewicht einführte. Der "arme Konrad", ein

förmlicher Aufstand armer Leute, hatte ihn nachdenklich gemacht und

den Tübinger Vertrag eingeleitet. Die Liebe zum Alten hatte sich auf

eine rührende Weise an ihm gezeigt, als der Bund ins Land fiel, und

das Haupt des alten Fürstenstammes verjagen wollte. Ihre Väter und

Großväter hatten unter den Herzogen und Grafen von Württemberg gelebt,

darum war ihnen jeder verhaßt, der diese verdrängen wollte. Wie

wenig sie das Neue lieben, hatten sie dem Bund und seinen

Statthaltern oft genug bewiesen.

Der alte, angestammte Herzog, ein Württemberger, kam wieder ins Land,

sie zogen ihm freudig zu. Sie glaubten, jetzt werde es wieder

hergehen wie "vor alters"; sie hätten recht gerne Steuern bezahlt,

Zehnten gegeben, Gülten aller Art entrichtet und Fronen geleistet.

Sie hätten über Schwereres nicht gemurrt, wenn es nur nach

hergebrachter Art geschehen wäre. So gut wurde es ihnen aber nicht.

Die alten Formeln waren aus dem Huldigungseid verschwunden, die

Steuern wurden nicht mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war

alles anders als früher, kein Wunder, wenn sie den Herzog als einen

neuen Herrn ansahen und murrend nach dem alten Recht verlangten. Sie

hatten zu Ulrich kein Zutrauen mehr, nicht weil seine Hand schwerer

auf ihnen ruhte als vorher, nicht weil er bedeutend mehr von ihnen

wollte als früher, sondern weil sie die neuen Formen mit

argwöhnischen Augen ansahen.

Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland sein Ohr leiht,

erfährt selten genau, wie man über ihn denkt und ob die Maßregeln

klug berechnet waren, die ihm seine Räte an die Hand gaben. Und

dennoch entging Ulrichs hellem Auge die Unzufriedenheit seines Volkes

nicht ganz. Er merkte, daß er im schlimmen Fall sich nicht auf es

werde verlassen können, so wenig als auf die Ritterschaft des Landes,

die, seit er wieder im Land war, sich sehr neutral verhalten hatte.

Seine Unruhe über diese Bemerkungen suchte er jedem Auge zu verbergen.

Es beschwor die wildesten Töne der Freude herauf, und oft gelang es

ihm sogar, zu vergessen, vor welchem Abgrund er stehe. Er verfluchte,

um seinem Volk und dem Heer, das er in und um Stuttgart versammelt

hatte, Vertrauen und Mut einzuflößen, einige Einfälle, welche die

Bündischen von Eßlingen aus in sein Land gemacht hatten, doppelt

heimzugeben. Er.schlug sie zwar und verwüstete ihr Gebiet, aber er

verhehlte sich nicht, wenn er nach einem solchen Sieg in seine

Stellungen zurückging, daß das Kriegsglück ihn vielleicht verlassen

könnte, wenn der Bund einmal mit dem großen Heer im Feld erscheinen

würde.

Und er erschien früh genug für Ulrichs zweifelhaftes Geschick. Noch

wußte man in Stuttgart wenig oder nichts von dem Aufgebot des Bundes,

noch lebte man am Hof und in der Stadt in Ruhe und Freude, als auf

einmal am zwölften Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein

Lager bei Cannstatt hatte beziehen lassen, flüchtig nach Stuttgart

kamen und von einem großen bündischen Heer erzählten, das sie

zurückgeworfen habe. Jetzt merkten die Bewohner Stuttgarts, daß eine

wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, daß der Herzog

längst um diesen drohenden Einfall gewußt haben müsse, denn er ließ

an diesem Tag die Ämter aufbieten, ließ die Truppen sich versammeln,

die auf das Land umher verlegt gewesen waren und hielt noch am Abend

dieses Tages eine Musterung über zehntausend Mann.

Noch in der Nacht zog er mit einem großen Teil der Mannschaft aus, um

die Stellungen, die ein Teil der Landsknechte zwischen Cannstatt und

Eßlingen genommen hatte, zu verstärken.

In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Träne von schönen Augen

geweint, denn Männer und Jünglinge, was die Waffen führen konnte, zog

mit dem Herzog in die Schlacht. Doch das Rauschen des abziehenden

Heeres übertönte die Klagen der Mädchen und Frauen, sie verhallten

wie das Wimmern eines Kindes im Kampf der Elemente. Mariens Schmerz

war stumm, aber groß, als sie den Gatten unter die Türe

herabgeleitete, wo die Knechte mit den Rossen für ihn und den Vater

hielten. Sie hatten still und einsam, nur mit ihrem Glück

beschäftigt, die ersten Tage ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wenig an

die Zukunft, sie glaubten im Hafen zu sein, und indem sie nur sich

selbst lebten, überhörten sie das Flüstern, die geheimnisvolle Unruhe,

die einem nahenden Sturm vorangeht. Sie waren gewöhnt, den Vater

ernst und düster zu sehen, es fiel ihnen nicht auf, wie sein Auge

immer trüber, seine Stirn finsterer, seine Mienen beinahe traurig

wurden. Er sah ihr süßes Glück, er fühlte mit ihnen, er verbarg, um

sie nicht zu früh aufzustören, was ihm eine bange Ahnung oft genug

sagte. Aber endlich nahte der entscheidende Schlag. Der Herzog von

Bayern war bis in die Mitte des Landes vorgedrungen und der Ruf zu

den Waffen schreckte Georg aus den Armen seines geliebten Weibes.

Die Natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene

Erhabenheit über jedes irdische Verhängnis gegeben, die nur in einer

reinen Seele und in der mutigen Zuversicht auf einen höheren Beistand

bestehen kann. Sie wußte, was Georg der Ehre seines Namens und

seinem Verhältnis zum Herzog schuldig sei, darum erstickte sie jeden

lauten Jammer und brachte ihrer schwächlichen Natur nur jenes Opfer

schmerzlicher Tränen, die dem Auge, das den Geliebten tausend

Gefahren preisgegeben sieht, unwillkürlich entströmen.

"Sieh, ich kann nicht glauben, daß Du auf immer von mir gehst", sagte

sie, indem sie ihre schönen Züge zu einem Lächeln zwang, "wir haben

jetzt erst zu leben begonnen, der Himmel kann nicht wollen, daß wir

schon aufhören sollen. Drum kann ich Dich ruhig ziehen lassen, ich

weiß ja zuversichtlich, daß Du mir wiederkehrst."

Georg küßte die schönen, weinenden Augen, die ihn so mild und voll

Trost anblickten. Er dachte in diesem Augenblick nicht an die Gefahr,

der er entgegengehe, er dachte nur daran, wie groß für das teure

Wesen, das er in den Armen hielt, der Schmerz sein müßte, wenn er

nicht mehr zurückkehrte; wie sie dann ein langes Leben einsam nur in

der Erinnerung an die wenigen Tage des Glücks fortleben könnte. Er

preßte sie heftiger in die Arme, als wolle er dadurch diese schwarzen

Gedanken verscheuchen; seine Blicke tauchten tiefer in ihre Augen

herab, um dort Vergessenheit zu suchen, und es gelang ihm, wenigstens

trug er ein schönes Bild der Hoffnung und der Zuversicht mit sich

hinweg.

Die Ritter stießen vor dem Tor gegen Cannstatt zum Herzog. Es war

dunkle Nacht, das erste Viertel des Mondes und das Heer der Sterne

warfen einen matten Schein herab; Georg glaubte zu bemerken, daß der

Herzog finster und in sich gekehrt sei; denn seine Augen waren

niedergeschlagen, seine Stirn kraus, und er ritt stumm seinen Weg

weiter, nachdem er sie flüchtig mit der Hand gegrüßt hatte.

Ein nächtlicher Marsch hat immer etwas Geheimnisvolles, Bedeutendes

an sich. Die Sonne, heitere Gegenden, der Anblick vieler Kameraden,

der Wechsel der Aussichten locken bei Tag den Soldaten zum Gespräch,

wohl auch zum Gesang. Weil die Eindrücke von außen stärker sind,

denkt man weniger nach über das Ziel des Marsches, über das Ungewisse

des Krieges, über die Zukunft, die niemand dunkler verhängt ist als

dem Kriegsmann im Feld. Ganz anders auf dem Marsch in der Nacht.

Man hört nur das Gedröhn des Zuges, den taktartigen Hufschlag der

Rosse, ihr Schnauben, das Klirren der Waffen, und die Seele, die

durch das Auge keine Bilder mehr empfängt, wird durch dieses

eintönige Gemurmel ernster; Scherz und Gelächter sind verstummt, das

laute Gespräch sinkt zum Geflüster herab, und auch dieses gilt nicht

mehr gleichgültigen Gegenständen, sondern der Entscheidung, welcher

man entgegenzieht.

So war auch der Zug in jener Nacht, ernst und von keinem Laut der

Freude unterbrochen. Georg ritt neben dem alten Herrn von

Lichtenstein und warf hie und da ängstliche Blicke auf diesen, denn

er hing wie von Kummer gebückt im Sattel und schien ernster als je zu

sein. Er hätte beinahe ohne Leben geschienen, wenn nicht hin und

wieder ein Seufzer aus seiner Brust heraufgestiegen wäre und seine

glänzenden Augen nach den Wölkchen geschaut hätten, die um die

bleiche Sichel des Mondes zogen.

"Glaubt Ihr, es wird morgen zum Gefecht kommen, Vater?" flüsterte

Georg nach einer Weile.

"Zum Gefecht? Zur Schlacht!"

"Wie? Ihr glaubt also, das Bundesheer sei so stark, daß es uns jetzt

schon werde die Spitze bieten können? Es ist nicht möglich. Herzog

Wilhelm müßte Flügel haben, wenn er seine Bayern herabgeführt hätte,

und Frondsberg ist in seinen Entschlüssen bedächtig. Ich glaube

nicht, daß sie viel über Sechstausend stark sind."

"Zwanzigtausend", antwortete der Alte mit dumpfer Stimme.

"Bei Gott, das hab ich nicht gedacht", entgegnete der junge Mann mit

Staunen "Freilich, da werden sie uns hart zusetzen. Doch wir haben

geübtes Volk, und des Herzogs Augen sind schärfer als irgendeines im

Bundesheer, selbst als Frondsbergs. Glaubt Ihr nicht auch, daß wir

sie schlagen werden?"

"Nein."

"Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ein großer Vorteil für uns

liegt schon darin, daß wir für das Land fechten, die Bündischen aber

dagegen; das macht unsern Truppen Mut; die Württemberger kämpfen für

ihr Vaterland."

"Gerade darauf traue ich nicht", sprach Lichtenstein, "ja, wenn der

Herzog sich anders hätte huldigen lassen, so aber--hat er das

Landvolk nicht für sich; sie streiten, weil sie müssen, und ich

fürchte, sie halten nicht lange aus."

"Das wäre freilich schlimm", erwiderte Georg, "doch die Schwaben sind

ein biederes, ehrliches Volk, sie werden den Herzog nicht in der Not

verlassen. Wo glaubt Ihr, daß wir dem Feind begegnen? Wo werden wir

uns stellen?"

"Zwischen Eßlingen und Cannstatt; bei Untertürkheim haben die

Landsknechte einige Schanzen aufgeworfen und stehen dort zu

dritthalbtausend Mann; wir werden uns noch in dieser Nacht an sie

anschließen."

Der Alte schwieg, und sie ritten wieder eine geraume Zeit still

nebeneinander hin "Höre, Georg!" hub er nach einer Weile an, "ich

habe schon oft dem Tod Auge in Auge gesehen und bin alt genug, mich

nicht vor ihm zu fürchten, es kann jedem etwas Menschliches begegnen

--tröste dann mein liebes Kind, Marie."

"Vater!" rief Georg, und reichte ihm die Hand hinüber, "denkt nicht

solches! Ihr werdet noch lange und glücklich mit uns leben."

"Vielleicht", entgegnete der alte Mann mit fester Stimme, "vielleicht

auch nicht. Es wäre töricht von mir, Dich aufzufordern Du sollst

Dich im Gefecht schonen. Du würdest es doch nicht tun. Doch bitte

ich, denk an Dein junges Weib, und begib Dich nicht blindlings und

unüberlegt in Gefahr. Versprich mir dies."

"Gut, hier habt Ihr meine Hand; was ich tun muß, werde ich nicht

ablehnen, leichtsinnig will ich mich nicht aussetzen; aber auch Ihr,

Vater, könntet dies geloben."

"Schon gut, laß das jetzt. Wenn ich etwa morgen totgeschossen werden

sollte, so gilt mein letzter Wille, den ich beim Herzog niedergelegt

habe; Lichtenstein geht auf Dich über, Du wirst damit belehnt werden.

Mein Name stirbt hierzulande mit mir, möge der Deinige desto länger

tönen."

Der junge Mann war von diese Reden schmerzlich bewegt; er wollte

antworten, als eine bekannte Stimme seinen Namen rief. Es war der

Herzog, der nach ihm verlangte. Er drückte Mariens Vater die Hand

und ritt dann schnell zu Ulrich von Württemberg.

"Guten Morgen, Sturmfeder!" sprach dieser, indem seine Stirn sich

etwas aufheiterte. "Ich sag' guten Morgen, denn die Hähne krähen

dort unten im Dorf. Was macht Dein Weib? Hat sie gejammert, als Du

wegrittst?"

"Sie hat geweint", antwortete Georg, "aber sie hat nicht mit einem

Wort geklagt."

"Das sieht ihr gleich, bei Sankt Hubertus, Wir haben selten eine

mutigere Frau gesehen. Wenn nur die Nacht nicht so finster wäre, daß

ich recht in Deine Augen sehen könnte, ob Du zum Kampf gestimmt bist

und Lust hast, mit den Bündlern anzubinden?"

"Sprecht, wohin ich reiten soll; mitten drauf soll es gehen im Galopp.

Glauben Euer Durchlaucht, ich habe in meinem kurzen Ehestand so

ganz vergessen, was ich von Euch erlernte, daß man im Glück und

Unglück den Mut nicht sinken lassen dürfe?"

"Hast recht: Impavidum ferient ruinae." Wir haben es auch gar nicht

anders von Unserem getreuen Bannerträger erwartet. Heute trägt meine

Fahne ein anderer, denn Dich habe ich zu etwas Wichtigerem bestimmt.

Du nimmst diese hundertundsechzig Reiter, die hier zunächst ziehen,

läßt Dir von einem den Weg zeigen und reitest Trab gerade auf

Untertürkheim zu. Es ist möglich, daß der Weg nicht ganz frei ist,

daß vielleicht die von Eßlingen schon herabgezogen sind, um den Paß

zu versperren; was willst Du tun, wenn es sich so verhält?"

"Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mit meinen hundertundsechzig

Pferden auf sie und hau mich durch, wenn es kein Heer ist. Sind sie

zu stark, so decke ich den Weg, bis Ihr mit dem Zug heran seid."

"Recht gut gesagt, gesprochen wie ein tapferer Degen, und haust Du so

gut auf sie, wie auf mich bei Lichtenstein, so schlägst Du Dich durch

sechshundert Bündler durch. Die Leute, die ich Dir gebe, sind gut.

Es sind die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart und

den andern Städten. Ich kenne sie aus manchem Kampf, sie sind wacker

und hauen einen Schädel bis aufs Brustbein durch. Das Schwert in der

Faust, reiten sie Dir in die Hölle, wenn sie Dir einmal zugetan sind;

und wen sie einmal ans Hirn getroffen haben, der braucht keinen Arzt

mehr auf dieser Welt. Das sind die echten Schwabenstreiche."

"Und bei Untertürkheim soll ich mich aufstellen?"

"Dort triffst Du auf einer Anhöhe die Landsknechte unter Georg von

Hewen und Schweinsberg. Die Losung ist, Ulricus für immer. Den

beiden Herren sagst Du, sie sollen sich halten bis fünf Uhr; ehe der

Tag aufgeht, sei ich mit sechstausend Mann bei ihnen, und dann wollen

wir den Bund erwarten. Gehab Dich wohl, Georg."

Der junge Mann erwiderte den Gruß, indem er sich ehrerbietig neigte;

er ritt an die Spitze der tapferen Reiter und trabte mit ihnen das

Tal hinauf. Es waren kräftige Gestalten, mit breiten Schultern und

starken Armen; unter den Sturmhauben hervor blickten ihn mutige Augen

und breite ehrliche Gesichter freundlich an; er fühlte sich ehrvoll

ausgezeichnet, eine solche Schar zu führen. Man näherte sich dem Fuß

des Rothenberges, auf dessen Gipfel das Stammschloß von Württemberg

weit über das schöne Neckartal hinsah. Es war vom Sternenschimmer

matt erhellt, und Georg konnte seine Formen nicht deutlich

unterscheiden, aber dennoch blickte er immer wieder nach diesen

Türmen und Mauern hinauf; er erinnerte sich jener Nacht, wo Ulrich in

der Höhle mit Wehmut von der Burg seiner Väter sprach, von welcher er

sonst auf ein schönes Land voll Obst, Wein und Frucht hinabgeschaut

und dies alles sein genannt hatte. Er versank in Gedanken über das

unglückliche Schicksal dieses Fürsten das ihm aufs neue den Besitz

des schönen Landes streitig zu machen schien; er dachte nach über die

sonderbare Mischung seines Charakters, wie hier wahrhafte Größe oft

durch Zorn, Trotz und unbeugsamen Stolz entweiht sei.

"Was Ihr dort unten unterscheiden könnt zwischen den beiden Bäumen",

unterbrach ihn der Reiter, welcher ihm den Weg zeigte, "ist die

Turmspitze von Untertürkheim. Es geht jetzt wieder etwas ebener, und

wenn wir Trab reiten, können wir bald dort sein."

Der junge Mann trieb sein Pferd an, der ganze Zug folgte seinem

Beispiel, und bald waren sie im Angesicht dieses Dorfes. Hier war

eine doppelte Linie von Landsknechten aufgestellt, welche ihnen

drohend die Hellebarden entgegenstreckten. An vielen Punkten sah man

den rötlichen Schimmer glühender Lunten, die wie Scheinwürmchen durch

die Nacht funkelten.

"Halt, wer da?" rief eine Stimme aus ihren Reihen. "Gebt die Losung!"

"Ulricus für immer", rief Georg. "Wer seid Ihr?"

"Gut Freund!" rief Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er aus den

Reihen der Landsknechte heraus und auf den jungen Mann zuritt.

"Guten Morgen, Georg, Ihr habt lange auf Euch warten lassen, schon

die ganze Nacht sind wir auf den Beinen und harren sehnlich auf

Verstärkung, denn dort drüben im Wald sieht es nicht geheuer aus, und

wenn Frondsberg den Vorteil verstanden hätte, wären wir schon längst

übermannt."

"Der Herzog zieht mit sechstausend Mann heran", erwiderte Sturmfeder,

"längstens in zwei Stunden muß er da sein."

"Sechstausend, sagst Du? Bei Sankt Nepomuk, das ist nicht genug, wir

sind zu dritthalbtausend, das macht zusammen gegen neuntausend.

Weißt Du, daß sie über zwanzigtausend stark sind, die Bündischen?

Wieviel Geschütz bringt er mit?"

"Ich weiß nicht; es wurde erst nachgeführt, als wir ausritten".

"Komm, laß die Reiter absitzen und ruhen", sagte Marx Stumpf. "Sie

werden heute Arbeit genug bekommen."

Die Reiter saßen ab und lagerten sich; auch die Landsknechte lösten

ihre Reihen auf und stellten nur starke Posten auf den Anhöhen und am

Neckar auf. Marx Stumpf besichtigte alle Anstalten, und Georg legte

sich, in seinen Mantel gehüllt, nieder, um noch einige Stunden zu

ruhen. Die Stille der Nacht, nur durch den eintönigen Ruf der Wachen

unterbrochen, senkte ihn bald in einen Schlummer, der seine Seele

weit hinweg über Krieg und Schlachten, in die Arme seines Weibes

entführte.

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