Kapitel 32

Herzog Ulrich von Württemberg liebte eine gute Tafel, und wenn in

guter Gesellschaft die Becher kreisten, pflegte er nicht so bald das

Zeichen zum Aufbruch zu geben. Auch am Hochzeitsfest Mariens von

Lichtenstein blieb er seiner Gewohnheit treu. Man war, als die

heilige Handlung in der Kirche vorüber war, in den Lustgarten am

Schloß gezogen; dort hatten sich in den Laubgängen und künstlich

verschlungenen Wegen die Hochzeitsgäste ergangen oder an den zahmen

Hirschen und Rehen im Gehege, oder an den Bären, die in einem der

Gräben des Schlosses umherwandelten, sich ergötzt. Um zwölf Uhr

hatten die Trompeten zur Tafel gerufen Sie wurde in der Tyrnitz

gehalten, einer weiten hohen Halle, die viele hundert Gäste faßte.

Heute sah man hier einen gemischten Kreis schöner Frauen und

fröhlicher Männer um reichbesetzte Tafeln sitzen: Auf den Galerien

schwangen die Geiger lustig ihre Fiedelbogen. Die Zinkenisten

bliesen ihre Backen auf, die Trommler schlugen kräftig auf die Felle,

und mit Jauchzen und Hallo stimmte die Volksmenge, die man auf den

übrigen Teilen der Galerien zugelassen hatte, ein, wenn die Herren

unten einen Trinkspruch ausgebracht hatten Am oberen Ende der Halle

saß unter einem Thronhimmel der Herzog. Er hatte seinen Hut weit aus

der Stirn gerückt, schaute fröhlich um sich und sprach dem Becher

fleißig zu. Zu seiner Rechten, an der Seite des Tisches, saß Marie;

jetzt wollte die Sitte nicht mehr, daß sie die Augen niederschlug und

sechs Schritte von dem Geliebten entfernt blieb. Ein fröhliches

Leben war in ihre Augen um ihren Mund eingezogen; sie blickte oft

nach ihrem neuen Gemahl, der ihr gegenübersaß, es war ihr oft, als

müsse sie sich überzeugen, daß dies alles nicht ein Traum, daß sie

wirklich eine Hausfrau sei, und den Namen, den sie achtzehn Jahre

getragen, gegen den Namen Sturmfeder vertauscht habe; sie lächelte,

so oft sie ihn ansah, denn es kam ihr vor, als gebe er sich, seitdem

er aus der Kirche kam, eine gewisse Würde.

Und es war so, wie Marie zu bemerken glaubte; Georg fühlte sich

gehobener, mit einer neuen Würde umgeben; es schien ihm, als zeigten

ihm die Junker mehr Ehrfurcht, als zögen ihn die älteren Ritter

freundlicher zu sich heran, seit er nicht mehr allein in der Welt

stand, sondern wie sie ein Hausvater, vielleicht der Stammhalter

eines glänzenden Geschlechtes geworden war.

In die Nähe des Herzogs war der Ritter von Lichtenstein, Marx Stumpf

von Schweinsberg und der Kanzler gezogen worden, und auch der

Ratsschreiber von Ulm saß nicht fern, weil er heute als Geselle des

Bräutigams diesen Ehrenplatz sich erworben hatte. Der Wein begann

schon den Männern aus den Augen zu leuchten und den Frauen die Wangen

höher zu färben, als der Herzog seinem Küchenmeister ein Zeichen gab.

Die Speisen wurden weggenommen und im Schloßhof unter die Armen

verteilt; auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und schöne Früchte, und

die Weinkannen wurden für die Männer mit besseren Sorten gefüllt; den

Frauen brachte man kleine silberne Becher mit spanischem, süßem Wein.

Jetzt war der Augenblick gekommen, wo nach der Sitte der Zeit dem

neuen Ehepaar Geschenke überbracht wurden. Man stellte Körbe neben

Marien auf, und als die Geiger und Pfeifer von neuem gestimmt hatten

und aufzuspielen anfingen, bewegte sich ein langer, glänzender Zug in

die Halle. Voran gingen die Edelknaben des fürstlichen Hofes, sie

trugen goldene Deckelkrüge, Schaumünzen, Schmuck von edlen Steinen

als Geschenke des Herzogs.

"Mögen Euch diese Becher, wenn sie bei den Hochzeiten Eurer Kinder,

bei den Taufen Eurer Enkel kreisen, mögen sie Euch an einen Mann

erinnern, dem Ihr beide im Unglück Liebe und Treue bewiesen, an einen

Fürsten, der im Glück Euch immer gewogen und zugetan ist."

Georg war überrascht von dem Reichtum der Geschenke. "Euer

Durchlaucht beschämen uns", rief er. "Wollt Ihr Liebe und Treue

belohnen, so wird sie nur zu bald um Lohn feil sein."

"Ich habe sie selten rein gefunden", erwiderte Ulrich, indem er einen

unmutigen Blick über die lange Tafel hinschickte und dem jungen Mann

die Hand drückte, "noch seltener, Freund Sturmfeder, hat sie mir

Probe gehalten, drum ist es billig, daß Wir die reine Treue mit

reinem Gold und edle Liebe mit edlen Steinen zu belohnen suchen.

Doch wie, Eure schöne Frau vergießt Tränen? Ich weiß die Quelle

dieses klaren Taues, es ist die Erinnerung an Unser bitteres Geschick,

die Wir selbst heraufbeschworen haben. Hinweg mit diesen Tränen,

schöne Frau; am Hochzeitstag ist es kein gutes Zeichen. Doch mit

Verlaub Eures Eheherrn will ich jetzt eine alte Schuld einziehen, Ihr

wißt noch welche?"

Marie errötete und warf einen forschenden Blick nach Georg hinüber,

als fürchtete sie, jenes alte Übel, das sie oft kaum zu beschwören

vermochte, möchte wiederkehren. Georg wußte recht wohl, was der

Herzog meine, denn jene Szene, die er hinter der Tür belauscht, war

ihm noch immer im Gedächtnis, doch er fand Gefallen daran, den Herzog

und Marien zu necken, und antwortete, als diese noch immer schwieg:

"Herr Herzog, wir sind jetzt zusammen ein Leib und eine Seele, wenn

also meine Frau in früheren Zeiten Schulden gemacht hat, so steht es

mir zu, sie zu bezahlen."

"Ihr seid zwar ein hübscher Junge", entgegnete Ulrich mit Laune, "und

manche unserer Fräulein hier am Tisch möchte vielleicht gerne einen

solchen Schuldbrief an Euern schönen Mund einzufordern haben; mir

aber kann dies nicht frommen, denn meine Urkunde lautet auf die roten

Lippen Eurer Frau."

Der Herzog stand bei diesen Worten auf und näherte sich Marien, die

bald errötend, bald erbleichend, ängstlich auf Georg herübersah "Herr

Herzog", flüsterte sie, indem sie den schönen Nacken zurückbog, "es

war nur Scherz;--ich bitte Euch." Doch Ulrich ließ sich nicht

irremachen, sondern zog die Schuld samt den Zinsen von ihren schönen

Lippen ein.

Der alte Herr von Lichtenstein sah bei dieser Szene finster bald auf

den Herzog, bald auf seine Tochter; vielleicht mochte ihm Ulrich von

Hutten einfallen, denn seine Blicke streiften auch ängstlich auf

seinen Schwiegersohn. Der Kanzler Ambrosius Volland aber schaute mit

höhnischer Schadenfreude aus den grünen Äuglein auf den jungen Mann

"Hi, hi", rief er ihm zu, "ich leere meinen Becher auf gutes Wohlsein.

Eine schöne Frau ist eine gute Bittschrift in aller Not; wünsche

Glück, liebster wertgeschätzer Herr; hi! hi! 's ist ja auch was

Unschuldiges, so lange es vor den Augen des Ehemanns geschieht."

"Allerdings, Herr Kanzler!" erwiderte Georg mit großer Ruhe. "Umso

unschuldiger, als ich selbst dabei war, wie meine Frau Seiner

Durchlaucht diesen Dank zusagte. Der Herr Herzog versprach beim

Vater für uns zu bitten, daß er mich zu seinem Eidam annehme, und

bedung sich dafür diesen Lohn an unserem Hochzeitstage."

Der Herzog sah den jungen Mann mit Staunen an; Marie errötete von

neuem, denn sie mochte sich jene ganze Szene ins Gedächtnis

zurückrufen; aber keines von beiden widersprach ihm, sei es, weil sie

es für unschicklich hielten, ihn Lügen zu strafen, sei es, weil sie

ahnten, er könne sie belauscht haben. Aber Ulrich konnte doch nicht

unterlassen, ihn heimlich um die näheren Umstände zu befragen; er

teilte sie ihm in wenigen Worten mit.

"Du bist ein sonderbarer Kauz!" flüsterte der Herzog lachend. "Was

hättest Du denn gemacht, wenn Wir damals ein Küßchen erobert hätten?"

"Ich kannte Euch noch nicht", flüsterte Georg ebenso leise, "drum

hätte ich Euch auf der Stelle niedergestochen und an die nächste

Eiche aufgehängt."

Der Herzog biß sich in die Lippen und sah ihn verwundert an; dann

aber drückte er ihm freundlich die Hand und sagte: "Da hättest Du

alles Recht dazu gehabt, und Wir wären in Unseren Sünden abgefahren--

Doch siehe, da bringen sie wieder Spenden für die Braut."

Es erschienen jetzt die Diener der Ritter und Edlen, die zur Hochzeit

geladen waren, die trugen allerlei seltenes Hausgerät, Waffen, Stoff

zu Kleidern und dergleichen; man wußte zu Stuttgart, daß es der

Liebling des Herzogs sei, dem dieses Fest gelte, drum hatte sich auch

eine Gesandtschaft der Bürger eingestellt, ehrsame, angesehene Männer

in schwarzen Kleidern, kurze Schwerter an der Seite, mit kurzen

Haaren und langen Bärten. Der eine trug eine aus Silber getriebene

Weinkanne, der andere einen Humpen aus demselben Metall, mit

eingesetzten Schaumünzen geschmückt. Sie nahten sich ehrerbietig

zuerst dem Herzog, verbeugten sich vor ihm, und traten dann zu Georg

von Sturmfeder.

Georg von Sturmfeder reichte beiden die Hand und dankte ihnen für ihr

schönes Geschenk; Marie ließ ihre Weiber und Mädchen grüßen, und auch

der Herzog bezeigte sich ihnen gnädig und freundlich. Sie legten den

silbernen Becher und die Kanne in den Korb zu den übrigen Geschenken

und entfernten sich ehrbaren und festen Schrittes aus der Tyrnitz.

Doch die Bürger waren nicht die letzten gewesen, welche Geschenke

gebracht hatten; denn kaum hatten sie die Halle verlassen, so

entstand ein Geräusch an der Tür, wo die Landsknechte Wache hielten,

das selbst die Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich zog. Man hörte

tiefe Männerstimmen fluchen und befehlen, dazwischen ertönten hohe

Weiberstimmen, von denen besonders eine, die am heftigsten haderte,

der Gesellschaft am obersten Ende der Tafel sehr bekannt schien.

"Das ist wahrhaftig die Stimme der Frau Rosel," flüsterte

Lichtenstein seinem Schwiegersohn zu. "Gott weiß, was sie wieder für

Geschichten hat."

Der Herzog schickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren, was das

Lärmen zu bedeuten habe; er erhielt zur Antwort, einige Bauernweiber

wollten durchaus in die Halle, um den Neuvermählten Geschenke zu

bringen, da es aber nur gemeines Volk sei, so wollen sie die Knechte

nicht einlassen Ulrich gab Befehl, sie vorzubringen, denn die

Sprüchlein der Bürger hatten ihm gefallen, und auch von den

Bauersleuten versprach er sich Kurzweil. Die Knechte gaben Raum und

Georg erblickte zu seinem Erstaunen die runde Frau des Pfeifers von

Hardt mit ihrem schönen Töchterlein, geführt von der Frau Rosel,

ihrer Base.

Schon auf dem Weg in die Kirche hatte er die holden Züge des Mädchens

von Hardt, die er nicht aus seinem Gedächtnis verloren, zu bemerken

geglaubt; aber wichtigere Gedanken und die Heiligkeit des Sakraments,

die seine ganze Seele füllten, hatten diese flüchtige Erscheinung

verdrängt. Er belehrte die Gesellschaft, wer die Nahenden seien, und

mit großem Interesse blickten sie alle auf das Kind des Mannes,

dessen wunderbares Eingreifen in das Schicksal des Herzogs ihnen oft

so unbegreiflich gewesen war, dessen Treue so erhaben, dessen Hilfe

in der Not so willkommen erschienen war. Das Mädchen hatte die

blonden Haare, die offene Stirn, die Züge ihres Vaters; nur die List,

die aus seinen Augen, die Kühnheit und Kraft, die aus seinem Wesen

sprach, war bei ihr; wenn sie nicht schüchtern und blöde war, in eine

neckende Freundlichkeit und in rüstiges, behendes Wesen übergegangen.

So hatte sie Georg erkannt, als er im Haus des Pfeifers wohnte; doch

heute schien sie vor den vielen vornehmen Leuten etwas schüchtern, ja

es wollte ihm sogar scheinen, als sei ein neuer Zug in ihr Gesicht

gekommen, den er früher nicht an ihr bemerkt hatte, eine gewisse

Wehmut und Trauer, die sich um ihren Mund und in ihren Augen

aussprach.

Die Pfeifersfrau wußte, was Lebensart sei, sie verbeugte sich daher

von der Tür der Tyrnitz an in einem fort, bis sie zum Stuhl des

Herzogs kam. Frau Rosel hatte noch die Röte des Zornes auf ihren

magern Wangen, denn die Landsknechte, namentlich der Magdeburger und

Kasper Staberl, hatten sie höchlich beleidigt und sie eine dürre

Stange geheißen. Ehe sie noch sich sammeln und den Herrschaften

geziemend die Familie ihres Bruders vorstellen konnte, hatte die

runde Frau schon einen Zipfel von des Herzogs Mantel gefaßt und ihn

an die Lippen gedrückt. "Gueten Abed, Herr Herzich", sprach sie dazu

mit tiefen Knixen, "wie got Uichs, seit Er wieder in Stuagert send;

mei Ma loßt Uich schö grüaßa; mer komme aber et zum Herr Herzich, noi,

zu dem Herra dort drübe welle mer. Mer hent a Hochzeitschenke für

sei Frau. Da sitzt se jo, gang Bärbele, lang's aus em Krättle."

"Ach! Du lieber Gott", fiel Frau Rosel ihrer Schwägerin ins Wort,

"bitt' untertänigst um Verzeihung, Euer Durchlaucht, daß ich die

Leut' 'reingebracht habe; 's ist Frau und Kind vom Pfeifer von Hardt.

Ach! Du Herrgott, nehmt doch nichts übel, Herr Herzog, die Frau

meint's g'wiß gut."

Der Herzog lachte mehr über diese Entschuldigung der Frau Rosel als

über die Reden ihrer Schwägerin: "Was macht denn Dein Mann, der

Pfeifer? Wird er uns bald besuchen? Warum kam er nicht mit Euch?"

"Gell hot sein Grund, Herr!" erwiderte die runde Frau. "Wenn's Krieg

geit, bleibt er g'wiß et aus; do ka mer'n brauche; aber im Frieda?

Noi, do denkt er, mit grauße Herra ist's et guet Kirsche fressa."

Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln über die Naivität der runden

Frau, sie zog sie am Rock und am langen Zopfband, es half nichts, die

Frau des Pfeifers sprach zu großer Ergötzung des Herzogs und seiner

Gäste immer weiter, und das unauslöschliche Gelächter, das ihre

Antworten erregten, schien ihr Freude zu machen. Bärbele hatte

indessen mit dem Deckel des Körbchens gespielt, sie hatte einige Male

gewagt, ihre Blicke zu erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das

im Fieber der Krankheit sooft an ihrem Busen geruht und in ihren

treuen Armen Ruhe und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund

wiederzusehen, den sie so oft heimlicherweise mit ihren Lippen

berührt hatte, und jene Augen, deren klarer, freundlicher Strahl ewig

in ihrem Gedächtnis fortglühte. Sie erhob ihre Blicke immer wieder

von neuem, doch, wenn sie bis an seinen Mund gekommen war, schlug sie

sie wieder--aus Furcht, seinem Auge zu begegnen--herab.

"Sieh Marie", hörte sie ihn sagen, "das ist das gute Kind, das mich

pflegte, als ich krank in ihres Vaters Hütte lag, das mir den Weg

nach Lichtenstein zeigte."

Marie wandte sich um und ergriff gütig ihre Hand, das Mädchen

zitterte, und ihre Wangen färbte ein dunkles Rot; sie öffnete ihr

Körbchen und überreichte ein Stück schöner Leinwand und einige Bündel

Flachs, so fein und zart wie Seide. Sie versuchte zu sprechen, aber

umsonst, sie küßte die Hand der jungen Frau und eine Träne fiel herab

auf ihren Ehering.

"Ei, Bärbele", schalt Frau Rosel, "sei doch nicht so schüchtern und

ängstlich. Gnädiges Fräulein--wollte sagen, gnädige Frau, habt

Nachsicht, sie kommt selten zu vornehmen Leuten. Es ist niemand so

gut, er hat zweierlei Mut, heißt es im Sprichwort. Das Mädchen kann

so fröhlich sein, wie eine Schwalbe im Frühling--."

"Ich danke Dir, Bärbele!" sagte Marie. "Wie schön Deine Leinwand ist!

Die hast Du wohl selbst gesponnen?"

Das Mädchen lächelte durch Tränen; sie nickte ein Ja!--Zu sprechen

schien ihr in diesem Augenblick unmöglich zu sein. Der Herzog

befreite sie von dieser Verlegenheit, um sie in eine noch größere zu

ziehen.

"Sag einmal, Kind, hast Du auch schon einen Schatz? Einen Liebsten?"

"Ei was, Euer Durchlaucht!" unterbrach ihn da die runde Frau. "Wer

wird so ebbes von so ema Kind denka! Se ist a ehrliches Mädle, Herr

Herzich!"

Der Herzog schien nicht auf diese Bemerkung zu hören; er betrachtete

lächelnd die Verlegenheit, die sich auf den reinen Zügen des Mädchens

spiegelte; sie seufzte leise, sie spielte mit den bunten Bändern

ihrer Zöpfe; sie sandte unwillkürlich einen Blick, aber einen Blick

voll Liebe auf Georg von Sturmfeder, und schlug dann errötend wieder

die Augen nieder. Der Herzog, dem dies alles nicht entging, brach in

lautes Lachen aus, in das die übrigen Männer einstimmten "Junge Frau!"

sagte er zu Marien, "jetzt könnt Ihr billig die Eifersucht Eures

Herrn teilen; wenn Ihr gesehen hättet, was ich sah, könntet Ihr

allerlei deuteln und vermuten."

Marie lächelte und blickte teilnehmend auf das schöne Mädchen: sie

fühlte, wie weh ihr der Spott der Männer tun müsse. Sie flüsterte

der Frau Rosel zu, sie und die runde Frau zu entfernen. Auch dieses

bemerkte Ulrichs scharfer Blick, und seine heitere Laune schrieb es

der schnell wachsenden Eifersucht zu. Marie aber band ein schönes,

aus Gold und roten Steinen gearbeitetes Kreuzchen ab, das sie an

einer Schnur um den Hals getragen, und reichte es dem überraschten

Mädchen. "Ich danke Dir", sagte sie ihr dazu, "grüße Deinen Vater

und besuche uns recht oft hier und in Lichtenstein. Wie wäre es,

wenn Du mir dientest als Zofe? Du sollst es gut haben, und hast ja

auch Deine Muhme, Frau Rosel, bei uns."

Das Mädchen erschrak sichtbar; sie schien mit sich zu kämpfen; oft

schien ein freundliches Lächeln ja sagen zu wollen, aber ebenso oft

drängte ein schmerzlicher Zug um den Mund diesen Entschluß zurück.

"I dank' schö, gnädige Frau", antwortete sie, indem sie Mariens

schöne Hand küßte. "Aber i mueß daheim bleibe: d'Mueter wird alt und

braucht me, b'hüt Uich Gott der Herr, älle Heilige walten über Uich,

und die heilige Jungfrau sei Uich gnädig. Lebet g'sund und froh mit

Euerem Herra, 's ist a gueter' lieber Herr!" Noch einmal beugte sich

Bärbele herab auf Mariens Hand und entfernte sich dann mit ihrer

Mutter und der Base.

"Hör einmal", rief ihr der Herzog nach, "wenn Deine Mutter einmal

zugibt, daß Du einen Liebsten bekommst, so bring' ihn mir; ich will

Dich ausstatten, Du hübsches Pfeiferskind!"

Unter diesen Szenen war es vier Uhr geworden; und der Herzog hob die

Tafel auf. Dies war das Zeichen, daß sich jetzt das Volk von den

Galerien entfernen müsse, die sogleich mit Polstern und Teppichen

belegt und zum Empfang der Damen eingerichtet wurden. In dem

Parterre der Tyrnitz wurden schnell die Tafeln weggeräumt, Lanzen,

Schwerter, Schilde, Helme und der ganze Apparat zu Ritterspielen

herbeigeschleppt, und in einem Augenblick war diese große Halle, die

noch soeben der Sitz der Tafelfreuden gewesen war, zum Waffensaal

eingerichtet.

Es wurden an diesem Abend sogar Pferde in die Halle geführt, und

Marie hatte die Freude, ihrem Geliebten den zweiten Dank im Rennen

überreichen zu können, denn er machte den Herrn von Hewen zweimal im

Sattel wanken. Der tapferste Kämpfer war Herzog Ulrich von

Württemberg, eine Zierde der Ritterschaft seiner Zeit. Meldet ja

doch die Sage von ihm, daß er an seinem eigenen Hochzeitstag acht der

stärksten Ritter des Schwaben- und Frankenlandes in den Sand warf.

Nachdem die Ritterspiele einige Stunden gedauert hatten, zog man zum

Tanz in den Rittersaal, und den Siegern im Kampf wurden die Vortänze

zugestanden. Der fröhliche Reigen ertönte bis in die Nacht. Der

Herzog schien alle Sorgen vor der bangen Zukunft auf den Höcker

seines Kanzlers geschoben zu haben, der wie die böse Zeit in einem

Fenster saß und mit bitterem Lächeln einem Vergnügen zuschaute, von

welchem ihn seine eigene Mißgestalt ausschloß. Zum letzten Tanz vor

dem Abendtrunk wollte Ulrich die Krone des Festes, die junge, schöne

Frau Marie aufrufen; doch im ganzen Saal suchte er und Georg sie

vergebens auf, und die lächelnden Frauen gestanden, daß sechs der

schönsten Fräuleins sie entführt und in ihre neue Wohnung begleitet

hätten, um ihr dort, wie es die Sitte wollte, die mysteriösen Dienste

einer Zofe zu erzeigen.

_"Sic transit gloria mundi.!"_ sagte der Herzog lächelnd. "Und siehe,

Georg, da nahen sie schon mit den Fackeln, Seine Gesellen und zwölf

Junker, sie wollen Dir 'heimzünden'. Doch zuvor leere noch einen

Becher mit Uns. Geh, Mundschenk! Bring vom Besten."

Marx Stumpf von Schweinsberg und Dieterich von Kraft nahten sich mit

Fackeln und boten sich an, Georg nach Hause zu geleiten. An sie

schlossen sich zwölf Junker, ebenfalls mit Fackeln, an, um dem jungen

Mann diese Ehre zu erweisen; denn so wollte es die Sitte der guten

alten Zeit. Der Mundschenk goß die Becher voll und kredenzte sie

seinem Herzog und Georg von Sturmfeder, Ulrich sah ihn lange und

nicht ohne Rührung an; er drückte seine Hand und sagte: "Du hast

Probe gehalten. Als ich verlassen und elend unter der Erde lag, hast

Du Dich zu mir bekannt; als jene Vierzig meine Burg übergaben und

kein Stückchen Württemberg mehr mein war, bist Du mir aus dem Land

gefolgt, hast mich oft getröstet und auch auf diesen Tag verwiesen

Bleibe mein Freund, wer weiß, was die nächsten Tage bringen. Jetzt

kann ich wieder Hunderten gebieten und sie schreien 'Hoch!' auf das

Wohl meines Hauses, und doch war mir Dein Trinkspruch mehr wert, den

Du in der Höhle ausbrachtest und den das Echo beantwortete. Ich

erwidere ihn jetzt und gebe ihn Dir: Sei glücklich mit Deinem Weib,

möge Dein Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen; möge es

Württemberg nie an Männern fehlen, so mutig im Glück, so treu im

Unglück wie Du!"

Der Herzog trank, und eine Träne fiel in seinen Becher. Die Gäste

stimmten jubelnd in seinen Ruf, die Fackelträger ordneten sich, und

seine Gesellen führten Georg von Sturmfeder aus dem Schloß der

Herzoge von Württemberg.

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